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Monday
16 Sep
15:00 - 16:30
1E
Sozial- Epidemiologie (Altern)
Room: U1.34 (Location: U1.34)
Chair(s): Olaf von dem Knesebeck
Migräneprävalenz und Identifikation von Risikofaktoren für Migräne bei Menschen ab 65 Jahren - Ergebnisse der Heinz Nixdorf Recall Studie – (Sara Schramm, Dagny Holle-Lee, Steffen Nägel, Zaza Katsarava, Karl-Heinz Jöckel, Susanne Moebus)
Einleitung: Die Migräneprävalenz nimmt im Alter ab. Die Physiologie ist unklar. Ziele der Studie sind Prävalenzschätzungen und Identifikation von Risikofaktoren der Migräne bei Menschen ab 65 Jahren.
Methoden: Analysedaten lieferte die Dritterhebung (2011-2016) der bevölkerungsbasierten Heinz Nixdorf Recall Studie. Ermittelt wurden BMI, Sport (ja/nein), Bildung in Jahren, Rauchstatus (nie/früher/aktuell), Kinderzahl, jemals Migränesymptome, Alter bei Migränerückbildung (selbstberichtet) und Kopfschmerzfrequenz der letzten 3 Monate. Zur Identifikation von Migräne mit (MigA+) und ohne Aura (MigA-) wurde die Klassifikation der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft modifiziert, indem Symptome generell (nicht attackenweise) abgefragt wurden. Die Assoziation zwischen potentiellen Risikofaktoren (Alter, Geschlecht, BMI, Sport, Bildung, Rauchstatus, Kinderzahl) und Migräne im Alter wurde mittels multipler logistischer Regression ermittelt.
Ergebnisse: Von 2038 Probanden (51% Frauen, 72±SD5 Jahre) hatten Frauen eine höhere Lebenszeitprävalenz für Migräne als Männer (MigA+: 12% Frauen/4% Männer; MigA-: 28%/12%). Gelegentliche Migräne berichteten 33% der „jemals Migräniker“. Prävalenz und Frequenz gelegentlicher Migräne waren bei Frauen höher als bei Männern (MigA+: 6%, 3,3±SD4,1 Kopfschmerztage/Monat vs. 1%, 2,9±8,2 Tage/Monat; MigA-: 7%, 2,9±4,6 Tage/Monat vs. 4%, 1,7±2,2 Tage/Monat). Das mittlere Alter bei Rückbildung der Migräne betrug 51±SD13 Jahre. Migräniker zum Befragungszeitpunkt waren jünger (voll adjustiertes Odds Ratio [95%-Konfidenzintervall]: 0,92 [0,88-0,95]) und berichteten tendenziell weniger Sport (0,72 [0,50-1,04]) als Probanden mit Migränerückbildung. BMI, Bildung, Rauchen und Kinderzahl waren keine Risikofaktoren für Migräne im Alter.
Diskussion: Migräne im Alter ist keine seltene Erkrankung. Die geschätzte Prävalenz beträgt 13% bei Frauen und 5% bei Männern. Jeder dritte mit „jemals Migräne“ berichtete auch im Alter Migräne. Sport hilft sehr wahrscheinlich auch im Alter gegen Migräne.
Frau Dr. med. Sara Schramm
Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie, Universitätsklinikum Essen
Zeitliche Trends in der kognitiven Leistungsfähigkeit – Ergebnisse aus dem Verbundprojekt AgeDifferent.de (Susanne Röhr, Alexander Pabst, Wolfgang Maier, Martin Scherer, Michael Wagner, Steffi G. Riedel-Heller)
Einleitung: In einer Meta-Analyse konnten wir zeigen, dass die Demenzinzidenz in einkommensstarken westlichen Ländern tendenziell sinkt (Roehr et al. 2018 Clin Epi). Dafür werden verschiedene Gründe diskutiert, etwa bessere Bildung oder verbesserte Versorgung kardiovaskulärer Erkrankungen. Uns interessierte in diesem Zusammenhang, wie sich die kognitive Leistungsfähigkeit in jüngeren vs. älteren Geburtskohorten verändert haben könnte. Dafür analysierten wir gepoolte Daten von zwei großen deutschen Alterskohorten.

Methoden: Datengrundlage bildete die AgeDifferent.de Plattform, in der Individualdaten der Kohorten LEILA75+ und AgeCoDe/AgeQualiDe zusammengeführt wurden. Insgesamt beinhaltete der Datenpool 9 Follow-up-Assessments über einen Zeitraum von 20 Jahren (1997-2017). Wir haben adjustierte Prädiktionen des normalisierten Mini Mental Status-Test/MMST Scores, basierend auf dem Alter, für Individuen geboren vor dem Jahr 1920 vs. nach dem Jahr 1920 anhand von gemischten linearen Modellen berechnet und dabei Geschlecht, Bildung, Familienstand, Hypertonie, Diabetes mellitus und depressive Symptomatologie berücksichtigt.

Ergebnisse: Zur Baseline konnten 3418 Studienteilnehmer (Alter: M = 79,8; 66,6% weiblich) ohne Demenzdiagnose eingeschlossen werden. Die gemischten Modelle zeigten einen nichtlinearen Alterseffekt auf die kognitive Leistungsfähigkeit für beide Geburtskohorten (vor 1920: χ2 = 628.7, p < .001; nach 1920: χ2 = 261.5, p < .001). Es bestand eine signifikante Alters-Geburtskohorten-Interaktion, die nahelegte, dass sich die Assoziation zwischen Alter und kognitiver Leistungsfähigkeit zwischen den Geburtskohorten unterscheidet (χ2 = 11.01, p < .05).

Diskussion: Spätergeborene zeigten bessere kognitive Leistungsfähigkeit als Frühergeborene – zumindest bis zum 85. Lebensjahr. Nach dem 85. Lebensjahr zeigten sich vergleichbare Verläufe im kognitiven Abbau bei beiden Kohorten. Die Ergebnisse liefern weitere Evidenz für günstige Entwicklungen in der kognitiven Kapazität bei jüngeren Generationen - zumindest bis zu einem bestimmten Alter.
Frau Dr. Susanne Röhr
Universität Leipzig
Wechselwirkung und kumulative Effekte von Einkommens- und Gesundheitsverläufen in Deutschland (Diego Montano)

Einleitung

Einkommen und Gesundheit stehen in einer komplexen Wechselwirkung miteinander. Aus einer längsschnittlichen Perspektive ist davon auszugehen, dass die spezifischen Einkommens- und Gesundheitsverläufe kumulative Effekte auf die Stärke und Richtung dieser Wechselwirkung haben können. Obwohl mehrere Studien mit Längsschnitts- und Querschnittsdaten die Zusammenhänge zwischen Einkommen und Gesundheit untersucht haben, sind deren kumulative Effekte vergleichsweise seltener dokumentiert. Im vorliegenden Beitrag wird deshalb der Frage nachgegangen, inwiefern sich kumulative und Interaktionseffekte individueller Einkommens- sowie Gesundheitsverläufe auf den aktuellen Einkommens- und Gesundheitszustand auswirken können.

Methode

Es werden Daten des Sozioökonomischen Panels zwischen 1984-2016 verwendet. Mit Hilfe von Clusteranalysemethoden für Längsschnittsdaten werden typische Verläufe des Haushaltseinkommens (n = 44.895) sowie der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (SF12-SOEP, n = 30.537) im Zeitraum 1984-2015 bzw. 2002-2014 identifiziert. Anschließend werden Haushaltseinkommen sowie die Skalen psychischer und körperlicher Gesundheit des SF12-SOEP im Erhebungsjahr 2016 (n = 13.066) anhand adjustierter, linearer Regressionsmodelle mit Interaktionseffekten in Abhängigkeit von den Einkommens- und Gesundheitsverläufen analysiert.

Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass das Haushaltseinkommensniveau im Jahr 2016 vom früheren Verlauf des Haushaltseinkommens und der körperlichen Gesundheit abhängt. Weder die psychische noch die körperliche Gesundheit im Jahr 2016 standen mit dem Einkommensverlauf im Zusammenhang. Die Interaktionsanalysen haben weiterhin auf nicht-lineare Zusammenhänge zwischen Einkommens- und Gesundheitsverläufen hingedeutet.

Diskussion

Die Ergebnisse sprechen für ausgeprägte kumulative Effekte von Einkommens- und Gesundheitsverläufen. Obwohl die Haupteffekte der Regressionsmodelle Dosis-Wirkungsbeziehungen bestätigen, weisen die Interaktionseffekte auf eine komplexere Form der Wechselwirkung zwischen Einkommen und Gesundheit hin.
Trauer und Verlust im Alter - Nutzungsakzeptanz eines internetbasierten Selbsthilfeprogramms aus Betroffenen- und Expertenperspektive (Franziska Welzel, Margrit Löbner, Franziska Förster, Katja Schladitz, Janine Stein, Steffi G. Riedel-Heller)
Einleitung: Mit zunehmendem Alter werden auch Verlusterlebnisse durch den Tod häufiger. Ziel der Untersuchung ist die Untersuchung der Nutzungsakzeptanz eines internetbasierten Selbstmanagementprogramms für Trauernde ab dem 60. Lebensjahr, potentielle Zugangswege sowie Barrieren einer Nutzung aus Betroffenen- und Expertenperspektive.

Methoden: Vorgestellt werden die qualitativen Ergebnisse aus zwei Fokusgruppen: Fokusgruppe A (N=12 Betroffene) und Fokusgruppe B (N=8 Gesundheitsexperten). Die Durchführung der Fokusgruppen erfolgte leitfadengestützt und wurde mittels Audioaufzeichnung festgehalten. Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) erfolgte mittels MAXQDA.

Ergebnisse: Teilnehmer der Fokusgruppe A waren im Mittel 64,5 Jahre alt, 50,0 % waren weiblich. Teilnehmer der Fokusgruppe B waren im Mittel 40,1 Jahre alt, 87,5 % waren weiblich. Sowohl Betroffene als auch Gesundheitsexperten befürworteten ein internetabsiertes Programm für Betroffene mit anhaltender Trauersymptomatik speziell für die Zielgruppe älterer Menschen (60+). Wichtige Themeninhalte sollten aus Betroffenenperspektive Psychoedukation, Aktivitätenaufbau, Selbstwertstärkung, der Umgang mit negativen Gefühlen (z.B. Schuld), Tipps für Angehörige, sowie Glaube/Spiritualität im Rahmen der Trauerbewältigung sein. Die Bedienbarkeit wurde von der Mehrheit der Betroffenen bejaht. Eine flexible Nutzung wurde von beiden Fokusgruppen gewünscht. Als Zugangswege wurde die Empfehlung über Ärzte, Trauercafés, aber auch Bestatter mittels Informationsflyer von Betroffenen als günstig erachtet. Als potentielle Barrieren einer Nutzung wurde von Betroffenen z.B. die Präferenz einer persönlichen Beziehung thematisiert, von Gesundheitsexperten hingegen eine fehlende Anleitung.

Diskussion: Ein zentraler Aspekt und Voraussetzung für den Einsatz und die Wirksamkeit einer E-Health-Intervention für Trauernde ist die Nutzerakzeptanz. Betroffenen- und Expertenurteile zeigen eine hohe Nutzungsakzeptanz. Die Implementation solcher Programme sollte die genannten Vermittlungswege berücksichtigen, um Betroffene und Experten über die Intervention zu informieren.

Frau Franziska Welzel
Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP), Medizinische Fakultät, Universität Leipzig
Sind ältere Männer nach dem Verlust ihrer Ehepartner anfälliger für Depressionen als Frauen? Evidenz aus drei deutschen Alterskohorten (AgeDifferent.de Plattform) (Franziska Förster, Alexander Pabst, Birgitt Wiese, Michael Wagner, Hans-Helmut König, Steffi G. Riedel-Heller)

Einleitung

Im Zuge der demographischen Entwicklung wird der Anteil älterer Menschen in den kommenden Jahren deutlich steigen. Mit dem Alter steigt zudem das Risiko, den Ehepartner zu verlieren. In der vorliegenden Studie wird im Längsschnitt die Auswirkung von Verwitwung auf das Auftreten einer depressiven Symptomatik mit besonderem Schwerpunkt auf Geschlechterunterschieden untersucht.

Methode

Es wurden die Daten der AgeDifferent.de Plattform verwendet, welche drei populations- und allgemeinarztbasierten deutschen Alterskohorten über 75 Jahren zusammenfasst (AgeCoDe/AgeQualiDe, AgeMooDe, LEILA75+). Zum Zweck einer integrativen Datenanalyse wurden die Daten gepoolt und qualitativ und quantitativ harmonisiert. Um zu untersuchen, ob Verwitwung mit der depressiven Symptomatik im Zeitverlauf assoziiert ist, wurden lineare Hybrid-Regressionsmodelle angewandt. Die Analysen wurden für die Gesamt-Stichprobe sowie stratifiziert für Männer und Frauen durchgeführt.

Ergebnisse

Von den 2.470 eingeschlossenen Befragten waren 1.256 männlich. Intraindividuell war Verwitwung in beiden Geschlechtern mit einer höheren depressiven Symptomatik im Zeitverlauf assoziiert. Interindividuell ergaben sich jedoch signifikante Unterschiede im stratifizierten Vergleich von Frauen und Männern. Unsere Analyse zeigte, dass verwitwete Männer generell ein höheres Risiko hatten, Depressionen zu entwickeln als verwitwete Frauen. Hinsichtlich der Schwere der Depression unterscheiden sich verwitwete Männer signifikant von nicht verwitweten Männern. Bei Frauen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Schwere der Depression.

Diskussion

Unabhängig von Verlusterfahrungen sind ältere Frauen im Allgemeinen deutlich depressiver als Männer. Unsere Studie zeigte jedoch, dass beide Geschlechter unter dem Verlust des Ehepartners leiden. Männer sind anfälliger für die Entwicklung einer Depression nach Verwitwung. Dies erfordert geschlechtsspezifische Interventionen zur Stärkung sozialer Netzwerke insbesondere nach typischen Lebensereignissen im hohen Alter.
Frau Franziska Förster
Universität Leipzig Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health
Die Morbiditätskompression und ihre Anomalien (Johannes Beller, Siegfried Geyer)

Einleitung

Im Rahmen des Projektes „Die Morbiditätskompression und ihre Alternativen“ wird untersucht, wie sich die Gesundheit der Bevölkerung vor dem Hintergrund steigender Lebenserwartung verändert. Die These der Morbiditätskompression besagt dabei, dass Krankheiten und Behinderung zunehmend im hohen Alter auftreten sollten. Die gesundheitlich beeinträchtigte Lebenszeit würde immer stärker in ein schmales Altersintervall am Lebensende verschoben werden. In diesem Vortrag werden die Ergebnisse mehrerer Studien präsentiert, die der Morbiditätskompressionsthese widersprechen.

Methode

Es wurden Krankenkassen-, Register-, und Befragungsdaten im Hinblick auf unterschiedliche Morbiditätsaspekte (u. A. Behinderung, funktionale Einschränkungen, Herzinfarkt) analysiert.

Ergebnisse

Es zeigte sich, (a) dass die Morbiditätsentwicklung wesentlich von der Geburtskohorte abzuhängen scheint, wobei - im Gegensatz zur These der Morbiditätskompression - jüngere Geburtskohorten deutlich mehr Morbidität aufweisen als ältere; (b) dass es keinen allgemeinen sondern einen heterogenen Trend im Alter des Auftretens von Krankheiten gibt, sodass etwa ein später Herzinfarkt immer später, ein früher Herzinfarkt aber immer früher in der Lebensspanne auftritt; und (c) dass die Morbiditätsentwicklung für verschiedene Krankheiten und leichte sowie schwere Formen der Behinderung variiert.

Diskussion

Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse der durchgeführten Studien zwar, dass Ältere immer gesünder werden. Im Widerspruch zur These der Morbiditätskompression zeigt sich aber auch, dass Jüngere immer morbider zu sein scheinen. Zusätzlich deuten Geburtskohorteneffekte und variierende Trends innerhalb und zwischen verschiedenen Erkrankungen darauf hin, dass die These der Morbiditätskompression ein zu einfaches Bild von der langzeitlichen Entwicklung von Krankheiten entwirft. Die Morbiditätskompressionsthese muss theoretisch weiterentwickelt werden, um der Komplexität der Gesundheitsentwicklung in der Bevölkerung gerecht zu werden.
Herr Johannes Beller
Medizinische Hochschule Hannover Medizinische Soziologie
Tuesday
17 Sep
11:00 - 12:30
4E
Medizinsoziologische Theorien & Prävention und Gesundheitsförderung (DGMS)
Room: U1.34 (Location: U1.34)
Chair(s): Elke Driller, Kerstin Hofreuter-Gätgens, Frauke Koppelin and Stefanie Sperlich
Veränderungen im Gesundheitswesen durch die Digitalisierung aus Akteurssicht (Kerstin Hofreuter-Gätgens)
Technologische Entwicklungen erhalten auch im Gesundheitswesens durch sensorengestützte Diagnosen, Fitness-Apps oder elektronischen Patientenakten Einzug. Dadurch werden Veränderungen nicht nur auf unterschiedlichen Ebenen und bei verschiedenen Akteuren (z.B. für gesundheitsbezogene Organisationen oder die Arzt-Patienten-Beziehung) der gesundheitlichen Versorgung angestoßen. Auch in der Gesundheitsförderung und in der Prävention wird zurzeit eine Vielzahl an technologischen Anwendungen angeboten. Je nach Stakeholder werden mit den Anwendungen unterschiedliche Chancen und Risiken verbunden. Versicherte stehen bereits jetzt einem unüberschaubaren Markt gegenüber. Allerdings sind einige soziale Folgen noch gänzlich unklar und Bedarfen der Diskussion sowie der weiteren Forschung.

Im Vortrag werden zunächst die gesetzlichen Rahmenbedingungen skizziert, in denen sich gesetzliche Krankenkassen bewegen und aktuelle Entwicklungen auf dem Gesundheitsmarkt angerissen. Daraus lassen sich zentrale Herausforderungen für die Qualitätssicherung und Evidenzbasierung ableiten, die dringende Antworten an der Schnittstelle Wissenschaft-Praxis erfordern. Der Faktor Zeit und Erreichbarkeit spielt dabei eine immer größere Rolle. Der Vortrag schließt mit der Vorstellung beispielhafter digitaler TK-Produkte sowie wissenschaftlicher Forschungsbeteiligungen u.a. im Rahmen des Innovationsfonds.
Frau Dr. Kerstin Hofreuter-Gätgens
Techniker Krankenkasse, Unternehmenszentrale, Versorgungsmanagement Hamburg
Digitale Transformation für mehr Gesundheit? Aktuelle Technikvisionen und ihre gesellschaftlichen Implikationen (Nils Heyen)

Einleitung


Methoden


Ergebnisse


Diskussion

Nicht nur der gesundheitspolitische Diskurs, auch aktuelle Technikvisionen weisen in eine Entwicklungsrichtung weg von einer kurativen, auf Heilung ausgerichteten Medizin hin zu einer präventiven, die Gesundheit stärkenden bis optimierenden Perspektive. Dazu gehören etwa die sogenannte P4-Medizin, Digital Health oder auch Human Enhancement. Der Vortrag wird insbesondere auf die Visionen der P4-Medizin und der Digitalisierung im Gesundheitswesen eingehen. Dabei soll es einerseits um die Frage gehen, inwiefern diese an Konzepte von Prävention und Gesundheitsförderung anschlussfähig sind, und andererseits um die sich abzeichnenden gesellschaftlichen Implikationen. Um für die sich bereits vollziehenden ersten Realisierungsschritte der Technikvisionen auch praktisch gerüstet zu sein, wird abschließend ein Bewertungstool (namens ZEIG) vorgestellt, mit dem die Effekte einer konkreten digitalen Innovation auf verschiedene normative Zielgrößen im Gesundheitswesen analysiert und evaluiert werden können (siehe www.zeig-analyse.de).
Herr Dr. Nils Heyen
Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI
Moderierte Diskussion mit Statements von den AGs: Theoretische und praktische Implikationen (Stefanie Sperlich, Elke Driller, Kerstin Hofreuter-Gätgens, Frauke Koppelin)
Dem digitalen Wandel in der Medizin wird ein enormes Potenzial für eine verbesserte Prävention und Gesundheitsversorgung zugesprochen: Telematik und Videosprechstunden sollen den Ärztemangel überwinden, der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Big Data zu maßgeschneiderten Diagnosen und Therapien verhelfen, die elektronische Patientenakte zu mehr Patientensouveränität beitragen und Gesundheits-Apps und Wearables die Motivation zum gesundheitsförderlichen Verhalten erhöhen.
Wir wollen in der Veranstaltung die praktischen und theoretischen Implikationen dieser Transformation in den Blick nehmen und ihre Chancen und Risiken für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen diskutieren. In dem ersten Impulsreferat wird die digitale Transformation aus Akteurssicht vorgestellt. Der zweite Beitrag fokussiert die gesellschaftlichen Implikationen der neuen Technikvisionen wie die sog. P4-Medizin (präventiv, personalisiert, prädiktiv und partizipatorisch). Unter Rückgriff auf medizinsoziologische Theorien (‚Fundamental Cause Theory‘ und ‚Diffusion of Innovations‘) werden in der abschließenden Diskussion mögliche Konsequenzen des digitalen Wandels für die zukünftige Entwicklung gesundheitlicher Ungleichheit abgeleitet.

Begrüßung und Einführung durch die Sprecherinnen der AGs

Dr. Kerstin Hofreuter-Gätgens, Techniker Krankenkasse Hamburg
Veränderungen im Gesundheitswesen durch die Digitalisierung aus Akteurssicht

Dr. Nils B. Heyen, Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung Karlsruhe
Digitale Transformation für mehr Gesundheit? Aktuelle Technikvisionen und ihre gesellschaftlichen Implikationen

E. Driller, K. Hofreuter-Gätgens, F. Koppelin, S. Sperlich
Moderierte Diskussion mit Statements von den AGs: Theoretische und praktische Implikationen
Frau Dr. Stefanie Sperlich
Medizinische Soziologie
Frau Prof. Dr. Elke Driller
Hochschule des Bundes
Frau Dr. Kerstin Hofreuter-Gätgens
Techniker Krankenkasse, Unternehmenszentrale, Versorgungsmanagement Hamburg
Frau Prof. Dr. Frauke Koppelin
Jade Hochschule Wilhelmshaven Oldenburg Elsfleth, FB BGG, Abteilung TGM
Monday
16 Sep
16:45 - 18:15
2G
Versorgungsforschung gestalten im Kontext soziologischer Klassiker (DGMS)
Room: U1.37 (Location: U1.37)
Chair(s): Katja Götz, Mirjam Körner, Kerstin Hofreuter-Gätgens and Stefanie Sperlich
Potenziale von Bourdieus Praxistheorie für die Erklärung sozialer Ungleichheit in der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen (Stefanie Sperlich)
Aktuelle Studien belegen, dass soziale Unterschiede in der medizinischen Versorgung bestehen und vor allem Fachärzte und präventive Angebote verstärkt von Personen mit höherem sozioökonomischem Status in Anspruch genommen werden. Der folgende Beitrag beleuchtet Bourdieus Theorie der Praxis als einen möglichen Erklärungsansatz für die Beantwortung der Frage, warum sozial benachteiligte Menschen fachärztliche und präventive Angebote seltener und verzögert in Anspruch nehmen.
Im Mittelpunkt von Bourdieus Praxistheorie steht der Begriff des Habitus, der als psychische Disposition das Wahrnehmen, Denken und Empfinden und damit auch das Handeln strukturiert. Der Habitus wird im Zuge lebensgeschichtlicher Erfahrungen durch die Verinnerlichung objektiver Lebensbedingungen geformt, die vor allem durch das Ausmaß an ökonomischem, kulturellem, sozialem und symbolischem Kapital bestimmt werden. Der Habitus bringt Praxisformen hervor, die wiederum zur Reproduktion sozialer Strukturen beitragen. Der Habitus von Professionellen und Hilfesuchenden im Gesundheitswesen unterscheidet sich umso grundlegender, je größer die Unterschiede in den jeweiligen Lebensbedingungen und den erworbenen lebensgeschichtlichen Erfahrungen sind. Im Lichte der Praxistheorie kann diese Distanz in den Lebenswelten, Denkweisen und Praxisformen von Arzt und Patient als Barriere der Inanspruchnahme bei sozial benachteiligten Menschen gedeutet werden. Von besonderer Bedeutung ist, dass im Rahmen der Arzt-Patient-Interaktion nicht nur gesundheitsbezogene Aspekte, sondern implizit viel grundsätzlicher die Lebensweise der Patienten und damit deren Identität zur Diskussion stehen. Im Beitrag werden diese Annahmen kritisch reflektiert und diskutiert, wie die subtilen Barrieren der Inanspruchnahme abgebaut werden können, um soziale Unterschiede in der Inanspruchnahme zu reduzieren.
Frau Dr. Stefanie Sperlich
Medizinische Soziologie
Systemtheorie im Kontext der Versorgungsforschung (Kerstin Dittmer)
Theoretische Fundierung ist ein wesentliches Merkmal wissenschaftlichen Arbeitens. Die interdisziplinäre Fundierung der Versorgungsforschung schafft den Zugang zu einem breiten Spektrum von Theorien. Um diese anzuwenden, müssen die Theorien bekannt sein und ihre Anwendungsmöglichkeit je nach Kontext der Versorgungsforschung diskutiert werden. In der Versorgungsforschung sind die Forschungsfelder meist komplex. Daher werden Theorien benötigt, die dieser Komplexität gerecht werden. Vor diesem Hintergrund wird die soziologische Systemtheorie nach Niklas Luhmann im Kontext der organisationsbezogenen Versorgungsforschung erläutert und ihre Anwendbarkeit diskutiert.

Im Vortrag wird zunächst eine kurze Erläuterung ausgewählter systemtheoretischer Begrifflichkeiten und deren Bedeutung gegeben. Durch die Anwendung in einem Forschungsprojekt soll die Theorie verständlicher und ihre Verwendbarkeit betrachtet werden. Um die bisherige Anwendung im Kontext der Versorgungsforschung aufzuzeigen, werden zudem die Ergebnisse einer Literaturrecherche zum Thema „Anwendung der Systemtheorie nach Niklas Luhmann in Interventionsstudien im Krankenhaus“ präsentiert. Abschließend werden die Erkenntnisse zusammengefasst und Diskussionsimpulse gegeben.

Die Systemtheorie findet bislang in der organisationsbezogenen Versorgungsforschung nur wenig Anwendung. Sie eignet sich insbesondere um eine Ist-Situation zu analysieren, sie stellt jedoch keine Kausalitäten heraus. Daher sind prospektive Aussagen nur aus analytischen Überlegungen und durch Weiterentwicklungen der Systemtheorie für konkrete Versorgungssituationen heraus möglich.

Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann gilt als anspruchsvoll und bedarf einer intensiven Auseinandersetzung. Durch die Anwendung im Kontext der organisationsbezogenen Versorgungsforschung können allerdings mit Hilfe der Systemtheorie wertvolle Erkenntnisse, zum Beispiel im Bereich der Organisationsanalyse und –entwicklung, auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Forschungsfeldern gewonnen werden.
Frau Kerstin Dittmer
IMVR - Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft Universität zu Köln
Möglichkeiten und Grenzen rollentheoretischer Betrachtungen im Medizinsystem von heute (Katja Götz)
Soziologische Klassiker liefern relevante Inhalte zur Versorgungsforschung und erweitern den Blick auf das Versorgungssystem. Der folgende Beitrag beleuchtet die Rollenstrukturen im heutigen medizinischen Versorgungssystem unter Berücksichtigung des Strukturfunktionalismus nach Parsons. Die normativen Rollenerwartungen befinden sich aktuell im Wandel. Die Funktion der Arzt- und Patientenrolle, welche als Sicherung der Gesundheit beschrieben wird, scheint durch die derzeitigen Entwicklungen im Gesundheitswesen allerdings einer Anpassung zu bedürfen. Die klassische Rollendefinition, wie die Orientierung an emotionaler Neutralität, an funktionaler Spezifität und am Prinzip des Universalismus ist in dieser Form zu überdenken. Die zunehmenden Veränderungen von Kommunikationsmedien und -gewohnheiten von Arzt und Patienten beiderseits könnten eine Entzauberung der klassischen Arztrolle bedeuten und damit einer Aufhebung bzw. Erweiterung der klassischen Arzt-Patienten-Beziehung. Der Patient kann als „Selbtbestimmer“ seiner Gesundheit gesehen werden und hat durch die erweiterten Informationsmöglichkeiten im Bereich der Prävention, Diagnostik aber auch Therapie die Möglichkeit aktiv an der Genesung mitzuwirken. Entwicklungen wie Delegationskonzepte, Digitalisierung, Telemedizin, Gesundheits-Apps und die Verankerung neuer Konzepte, wie Empowerment, Patientenkompetenz oder Gesundheitskompetenz beeinflussen die Arzt-Patienten-Beziehung und verdeutlichen den stetigen Wandel, der auch vor dem Hintergrund der klassischen Betrachtung der Arzt- und der Patientenrolle nach Parsons keinen Halt macht. Daran anknüpfend müssten mögliche Lehrinhalte im humanmedizinischen Curriculum überdacht werden. Im Beitrag werden verschiedene Entwicklungen aufgezeigt sowie deren Möglichkeiten und Grenzen, die sich daraus ergeben könnten, kritisch zu Diskussion gestellt.


Frau PD Dr. Katja Götz
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, Institut für Allgemeinmedizin
Versorgungsforschung gestalten im Kontext soziologischer Klassiker (Katja Götz, Mirjam Körner, Kerstin Hofreuter-Gätgens, Stefanie Sperlich)
Soziologische und insbesondere medizinsoziologische Theorien können einen relevanten Beitrag zur Versorgungsforschung leisten. In unserem Workshop, der gemeinsam von der AG Versorgungsforschung und der AG Medizinsoziologische Theorien der DGMS gestaltetet wird, möchten wir Sie herzlich dazu einladen, theoretische Erklärungsansätze von Pierre Bourdieu, Niklas Luhmann und Talcott Parsons im Kontext der Versorgungsforschung zu diskutieren. Dabei werden sowohl der Mehrwert als auch die damit verbundenen Herausforderungen reflektiert. Gemäß der Forderung einer theoretischen Fundierung durch das Memorandum IV des Deutschen Netzwerks für Versorgungsforschung e.V. werden anhand dieser Klassiker die Relevanz von Versorgungsforschungsstudien präsentiert und die praktischen Implikationen diskutiert.

Dr. Stefanie Sperlich „Potenziale von Bourdieus Praxistheorie für die Erklärung sozialer Ungleichheit in der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen“

Kerstin Dittmer „Systemtheorie im Kontext der Versorgungsforschung“

PD Dr. Katja Götz „Möglichkeiten und Grenzen rollentheoretischer Betrachtungen im Medizinsystem von heute“

Frau Dr. Mirjam Körner
Albert-Ludwigs Universität Freiburg
Frau Dr. Kerstin Hofreuter-Gätgens
Techniker Krankenkasse, Unternehmenszentrale, Versorgungsmanagement Hamburg
Tuesday
17 Sep
11:00 - 12:30
4H
Vorstellung und Diskussion der überarbeiteten Systematik der personenbezogenen Faktoren der ICF (DGSMP)
Room: U1.41 (Location: U1.41)
Chair(s): Sabine Grotkamp and Silke Brüggemann
Operationalisierung der Erhebung und Dokumentation von Kontextfaktoren im Rahmen der Ermittlung und Feststellung von Teilhabebedarfen (Teresia Widera)

Einleitung

Seit Erlassung des Bundesteilhabegesetzes (2016) und seiner Implikationen für das Sozialrecht darf sich die individuelle Ermittlung des Rehabilitations- und Teilhabebedarfs, z.B. in Begutachtungen, nicht ausschließlich auf die Beschreibung des Krankheitsbildes beschränken, sondern muss den umfassenden Lebenshintergrund der Betroffenen und in der Person selbst liegende Faktoren bei der Hilfeplanung berücksichtigen (vgl. dazu § 2 SGB IX).

Vor diesem Hintergrund hat der Sachverständigenrat der Ärzteschaft der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) e. V. 2018 eine interdisziplinäre Projektgruppe zur Entwicklung einer Umsetzungshilfe zur Erfassung von Kontextfaktoren einberufen. Ziel ist, die Kontextfaktoren angemessen zu operationalisieren. Dabei werden die bisherigen Entwicklungsarbeiten zu personbezogenen Faktoren der AG ICF der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) einbezogen.

Methoden

Der aktuelle Entwurf des „Leitfadens für die Erhebung und Einordnung von Kontextfaktoren in der Ermittlung und Feststellung von Teilhabebedarfen“ wird vorgestellt und einer Diskussion zugänglich gemacht.

Ergebnisse

Neben den einzelnen Kapiteln des Leitfadens werden Listen von Kontextfaktoren dargestellt, die von der Projektgruppe als Beispiele für Förderfaktoren oder Barrieren für die insgesamt neun Teilhabe-Domänen der Klassifikation der Aktivitäten/Partizipation der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF, 2005) generiert wurden.

Diskussion

Der Leitfaden unterstützt die umfassende personenzentrierte Planung von Rehabilitationsprozessen sowie die passgenaue Gestaltung und Entwicklung von Hilfen und Angeboten für Betroffene.
Frau Dr. Teresia Widera
Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) Systembeobachtung und Forschung Solmsstraße 18 60486 Frankfurt am Main
Weiterentwicklung des Vorschlages der DGSMP zu den Personbezogenen Faktoren (Klaus Keller)

Einleitung

Die Personbezogenen Faktoren sind in der ICF nicht klassifiziert. Zur Beschreibung der Funktionsfähigkeit im bio-psycho-sozialen Modells der WHO (2001) eines Menschen sind sie jedoch notwendig. Nach Vorarbeiten einer MDK-Gemeinschaft (Viol, Grotkamp et al., 2007) wurde durch eine AG der DGSMP ein breit angelegter, deutschsprachiger Entwurf für diese Komponente der ICF 2010 vorgelegt und 2012 mit Beispielen konkretisiert und veröffentlicht.

Neben einer seit 2010 (auch kontrovers) geführten Diskussion über die Konzeptualisierung und Items sowie der ethischen Zulässigkeit einer Erfassung von Personbezogenen Faktoren, werden die von der AG der DGSMP vorgeschlagenen Items und deren Ordnung in Publikationen rezipiert und im Rehabilitationswesen genutzt. Ein geplanter Überarbeitungsprozess wurde 2017 gestartet und erhielt weitere Impulse durch die Veröffentlichung eines weiteren umfassenden Ansatzes zu den Personbezogenen Faktoren (Geyh et al., 2018).

Methoden

Es erfolgt ein kurzer Überblick über die Rezitationen der Veröffentlichung von 2010 und 2012 sowie exemplarisch zu Anwendungen und Publikationen auf BAR-Ebene. Änderungen der Weiterentwicklung werden dargestellt und begründet.

Ergebnisse

Die Methodik der Überarbeitung und wesentlichen Änderungen in der Systematik und zu den Items der Personbezogenen Faktoren werden vorgestellt. Unterschiede in den Ansätzen von Geyh et al. und der DGSMP werden insoweit aufgegriffen, so sie Einfluss auf die neue Fassung der DGSMP haben.

Diskussion

Die Weiterentwicklung des Ansatzes zu den Personbezogenen Faktoren der DGSMP nimmt die Anregungen und Ergänzungen aus den letzten Jahren auf und bildet eine Möglichkeit zur strukturierten (und transparenten) Berücksichtigung dieser Komponente der ICF.

Herr Klaus Keller
Herzogsägmühle
Personenbezogene Faktoren: Konzeptualisierung und Relevanz (Urban Schwegler)
Einleitung
Personbezogene Faktoren (PF) bilden eine zentrale Komponente im ICF-Modell und stehen in Wechselwirkung mit der Funktionsfähigkeit eines Menschen. Die ICF liefert jedoch weder standardisierte Kategorien noch eine klare Konzeptualisierung für PF, weshalb die in jüngster Vergangenheit erarbeiteten Ansätze zur Strukturierung von PF auf uneinheitlichen Konzeptualisierungen gründen.
Der Beitrag präsentiert die PF-Konzeptualisierungen, welche dem literatur-basierten Ansatz von Geyh et al. (2018) und dem experten-basierten Ansatz der DGSMP (Grotkamp et al. 2012) zugrunde liegen. Weiter wird die Relevanz von PF für die Rehabilitation und die Bedarfsermittlung erläutert sowie die mit ihrer Dokumentation verbundenen ethischen Problemstellungen diskutiert.
Methoden
Diskussion der Konzeptualisierung von PF basierend auf den oben erwähnten Ansätzen sowie Erörterung ihrer praktischen Relevanz mittels Beispielen aus beruflicher Rehabilitation und sozialmedizinischer Begutachtung.
Ergebnisse
Die Geyh-Arbeitsgruppe betrachtet PF als Konglomerat aus sozio-demographischen und biographischen Eigenschaften, situations- und kontextabhängigen Erfahrungen und übergreifenden Denk- und Verhaltensmustern. Der Systematik der DGSMP liegt dagegen eine finale Betrachtungsweise zugrunde, die PF als überdauernde Eigenschaften versteht.
PF sind zentrale Determinanten von Gesundheit und Funktionsfähigkeit und für eine ganzheitliche Darstellung der Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen unerlässlich. In der Rehabilitation bilden sie wichtige Ansatzpunkte für klientenzentrierte Interventionen zur Steigerung der Teilhabefähigkeit und sind Prädiktoren für eine erfolgreiche berufliche Integration. In der Bedarfsermittlung verbessert ihre systematische Darstellung die die Verständlichkeit sozialmedizinischer Gutachten und damit die Transparenz von Entscheidungen.
Diskussion
Die systematische Berücksichtigung von PF fördert eine transparente Bedarfsermittlung und einen klientenzentrierte Rehabilitationsprozess. Für eine erfolgreiche Implementierung vorliegender Ansätze braucht es aber zunächst eine allgemein akzeptierte Konzeptualisierung von PF.
Herr Dr. Urban Schwegler
Schweizer Paraplegiker-Forschung Universität Luzern
Vorstellung und Diskussion der überarbeiteten Systematik der Personbezogenen Faktoren der ICF (Sabine Grotkamp, Silke Brüggemann)
Hintergrund:

Mit der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im deutschen Sprachraum gewinnen das bio-psycho-soziale Modell der WHO und die darauf basierende Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit in Deutschland (ICF) zunehmend an Bedeutung.
Bereits seit 2009 setzt sich die DGSMP mit der Komponente „Personbezogene Faktoren“ des bio-psycho-sozialen Modells auseinander und hat 2010 erstmals eine Systematik für den deutschen Sprachraum publiziert. Seither wird dieser Ansatz national wie international intensiv diskutiert. Neuere Entwicklungen wie die Änderungen des Behinderungsbegriffs durch das deutsche Bundesteilhabegesetz (BTHG) sowie die in den §§ 13 und 19 SGB IX für das gesamte Rehabilitationsrecht verankerte „funktionsbezogene“ Ausrichtung der Ermittlung von Rehabilitationsbedarf und Teilhabeplanung haben dazu geführt, dass sich eine Arbeitsgruppe mit der Überarbeitung der Systematik beschäftigt.

Methodik:
Die Mitglieder der berufsgruppenübergreifend ausgerichteten AG kommen aus Deutschland und der Schweiz. Die Diskussion notwendiger Ergänzungen und Schärfungen, die sich auch aus der Analyse der Literatur zu diesem Thema ergeben haben, erfolgt mit dem Ziel einer Konsentierung. Voraussetzung für die Beteiligung an diesem Prozess waren lediglich die fachliche Expertise im Zusammenhang mit der Thematik und die Bereitschaft, kontinuierlich mitarbeiten zu wollen. Die Systematik orientiert sich in ihrer Form an anderen Komponenten der ICF, ist aber inhaltlich unabhängig.

Ziel:
Mit der überarbeiteten Systematik wird eine verbesserte Grundlage für die strukturierte Berücksichtigung individuell relevanter personbezogener Faktoren bei der Erkennung und Ermittlung von Teilhabebedarfen vor dem Hintergrund der zunehmenden (u. a.) rechtlichen Bedeutung der Kontextfaktoren des bio-psycho-sozialen Modells geschaffen.
Der aktualisierte Entwurf umfasst fünf Kapitel:
1. Allgemeine Merkmale einer Person
2. Physische Faktoren
3. Mentale Faktoren
4. Einstellungen, Handlungskompetenzen, Gewohnheiten
5. Lebenslage

Ziel des Workshops ist es, die aktuellen Arbeitsergebnisse einem breiteren Fachpublikum vorzustellen und mit diesem zu diskutieren.

Dr. Sabine Grotkamp für die Arbeitsgruppe
Frau Dr. Silke Brüggemann MSc
Deutsche Rentenversicherung Bund
Monday
16 Sep
15:00 - 16:30
1C
Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter: Stand der Forschung, theoretische und methodische Zugänge und Interventionen (DGMS)
Room: HS 2C (Location: HS 2C)
Chair(s): Katharina Rathmann and Benjamin Kuntz
Health Literacy im Kindes- & Jugendalter – konzeptionelle Reflexionen (Janine Bröder, Orkan Okan, Torsten Bollweg, Ullrich Bauer)
Einleitung: Gesundheitskompetenz, oder im Englischen Health Literacy (HL) ist auch in Deutschland in unterschiedlichen Forschungs-, Politik- und Praxisfeldern eine zunehmende Bedeutung zuteil geworden. Dieser Beitrag hat zum Ziel einen Überblick über die Breite der konzeptionellen Begriffsverständnisse zu geben und diese hinsichtlich ihrer Zielsetzung und Bedeutung zu diskutieren.
Methoden: Die Analyse stützt sich auf die Ergebnisse (a) einer systematischen Literaturrecherche zu verfügbaren Konzepten und Modellen, (b) Perspektiven und Befunde der Literacy-, Entwicklungs- und Kindheitssoziologieforschung, und (c) Expertenkonsultationen, u.a. im Rahmen des Forschungsverbundes Health Literacy im Kindes- und Jugendalter (HLCA).
Ergebnisse: Allgemein wird HL als ein Containerkonzept verstanden, welcher beinhaltet wie Kinder und Jugendliche gesundheitsbezogene, multimodale Informationen aus verschiedenen Quellen in unterschiedlichen Situationen des Alltags und der Gesundheitsversorgung suchen, bewerten und mit diesen umgehen. Im Rahmen des Projekts wurde HL als sozial eingebettet und relationales Konstrukt betrachtet und die Charakteristiken der Zielgruppe sowie deren Rechte auf Teilnahme und Schutz stärker herausgearbeitet. Zudem wird die Interdependenz zwischen (a) den eigenen HL-Fähigkeiten und (b) den kontextuellen Möglichkeiten und Bedingungen, die bestimmen, ob sie ihre Fähigkeiten nutzen können, betont.
Diskussion: Obwohl weitere Forschung und Überprüfung erforderlich sind, kann der vorgeschlagene, partizipative Ansatz für HL eine wichtige Grundlage für die zukünftig Messung und Förderung von HL in der Zielgruppe legen.
Frau Janine Bröder
Entwicklung einer altersadaptierten Version des European Health Literacy Survey Questionnaire für Viertklässler*innen (Torsten Michael Bollweg, Orkan Okan, Janine Bröder, Ullrich Bauer, Paulo Pinheiro)

Einleitung

Unter Forscher*innen und politischen Entscheidungsträger*innen wächst der Konsens darüber, dass die Förderung der Gesundheitskompetenz in einem frühen Alter grundlegend für die gesundheitliche Entwicklung im Lebensverlauf sein könnte. Bisher liegen jedoch kaum standardisierte, vergleichbare Instrumente zur Messung allgemeiner Gesundheitskompetenz vor, die diesen Sachverhalt angemessen empirisch ergründen könnten. Vor diesem Hintergrund wurde der inzwischen vielfach verwendete European Health Literacy Survey Questionnaire (HLS-EU-Q) für die Altersgruppe 9- bis 10-jähriger Kinder adaptiert und erprobt.

Methoden

Aufbauend auf dem HLS-EU-Q wurde ein Pool von n=102 altersadaptierten Items entwickelt. Von diesen wurden n=39 in kognitven Pretests mit n=30 Kindern im Alter von 9-10 getestet. Hiervon wurden wiederum n=26 überarbeitete Items in einer quantitativen Pilotstudie mit n=907 Viertklässler*innen erprobt. Die psychometrischen Eigenschaften dieser Items wurden statistisch überprüft.

Ergebnisse

Die kognitiven Pretests konnten Verständnisprobleme aufdecken, die sich mitunter auf die verschiedenen Fragebogenbereiche des HLS-EU-Q beziehen (Finden, Verstehen, Bewerten und Anwenden von Gesundheitsinformationen). Itemanalysen im Zuge der Pilotstudie resultierten in einer eindimensionalen 15-Item Skala, die weniger als 8% fehlende Antworten hervorruft und eine gute interne Konsistenz aufweist (Cronbachs α = 0,791).

Diskussion

Dies ist die weltweit erste Studie, die den HLS-EU-Q für das Kindesalter adaptiert und statistisch überprüft. Es konnte eine 15-Item Skala entwickelt werden, die gut von Kindern im Alter von 9-10 Jahren verstanden wird und die in dieser Altersstufe erstmalig eine vergleichende Messung selbstberichteter Gesundheitskompetenz basierend auf dem HLS-EU-Q erlaubt. In Verbindung mit dem HLS-EU-Q für Erwachsene und Jugendliche wird so die Messung von Gesundheitskompetenz über den Lebenslauf möglich. Allerdings sollte dieser Fragebogen zunächst in weiteren Stichproben überprüft werden.
Herr Torsten Michael Bollweg
Universität Bielefeld
Messen der Gesundheitskompetenz im Jugendalter – Erkenntnisse aus dem Projekt „Messung der Gesundheitskompetenz von Jugendlichen“ (MOHLAA) (Susanne Jordan, Olga Domanska, Anne-Kathrin Loer)

Einleitung


Das Jugendalter stellt spezifische Herausforderungen an Gesundheitskompetenz. Jugendliche müssen verschiedene Entwicklungsaufgaben bewältigen und zunehmend mehr Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen. Derzeit ist die Verteilung der Gesundheitskompetenz von Jugendlichen in Deutschland nicht bekannt, auch weil bislang ein altersspezifisches Befragungsinstrument zur Gesundheitskompetenz fehlt. Das Projekt „Messung der Gesundheitskompetenz von Jugendlichen“ (MOHLAA) hat deshalb zum Ziel, ein Befragungsinstrument für 14- bis 17-Jährige zu entwickeln.

Methoden


Zur Entwicklung des MOHLAA-Befragungsinstruments wurden verschiedene Teilstudien mit unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen eingesetzt, die auch allgemeine Erkenntnisse zur Gesundheitskompetenz von Jugendlichen liefern: Kognitive Interviews (n=20) des Europäischen „Health Literacy Survey Questionnaire“ [KI1], der als Vorlage für das Befragungsinstrument diente; Fokusgruppen (n=5, n=7) [FG]; Kognitive Interviews des ersten Instrumentenentwurfes (n=18) [KI2]; ein quantitativer Standard Pretest (n=625) [SP].

Ergebnisse


Die KI1 wiesen auf unbekannte Begriffe im Gesundheitskontext und Grenzen der Abstraktionsfähigkeiten von Jugendlichen hin. KI1 und FG zeigten, dass Jugendliche nur begrenzte Erfahrungen mit bestimmten gesundheitsbezogenen Aufgaben haben. Die FG zeigten, dass sich Jugendliche an ihre Eltern und andere wenden, bevor sie eine gesundheitliche Entscheidung treffen. Durch die KI2 wurden Items identifiziert, die inhaltlich und sprachlich nicht im beabsichtigen Sinne verstanden wurden. Mit dem SP konnte die Konstruktvalidität bestätigt sowie Verbesserungspotenzial für Items und Skalen im Hinblick auf psychometrische Eigenschaften identifiziert werden.

Diskussion


Instrumente zur Messung der Gesundheitskompetenz von Jugendlichen sollten altersbedingte Fähigkeiten, den sozialen Kontext und gesundheitsbezogenes Wissen berücksichtigen. Da Jugendliche eine Tendenz zur Überschätzung der eigenen Gesundheitskompetenz zeigen, ist eine Kombination von verschiedenen Erhebungsmethoden erstrebenswert. In dem MOHLAA-Befragungsinstrument wird dies mit mehreren Skalen umgesetzt.
Frau Susanne Jordan
Robert Koch-Institut
Soziale Unterschiede in der allgemeinen und digitalen Gesundheitskompetenz von Studierenden: Ergebnisse einer Online-Studie an der Technischen Universität Dortmund (Julia Schricker, Katharina Rathmann, Kevin Dadaczynski)

Einleitung

Erste empirische Befunde zur Gesundheitskompetenz (GK) von Studierenden in Deutschland deuten darauf hin, dass mehr als jeder zweite Studierende Schwierigkeiten im Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen hat. Das Ausmaß und die sozialen Unterschiede in der GK von Studierenden wurden in bisherigen nationalen Studien kaum berücksichtigt. Ziel der Studie ist daher die Erfassung der allgemeinen und der digitalen GK von Studierenden unter Berücksichtigung sozialer Hintergrundmerkmale.

Methoden

Die quantitative Online-Erhebung fand im Sommersemester 2018 an der Technischen Universität Dortmund statt. Von N=32.781 eingeschriebenen Studierenden nahmen nach Abzug der fehlenden Werte und Extremwerte n=996 Studierende an der Studie teil. Zur Erfassung der GK wurde die Kurzversion HLS-EU-Q16 verwendet. Die digitale GK wurde mittels der eHEALS-Skala erfasst. Zusätzlich wurden soziale Hintergrundmerkmale der Studierenden erhoben (u. a. finanzielle Situation, subjektiver Sozialstatus, soziale Unterstützung). Zur Auswertung der allgemeinen und der digitalen GK wurden uni-, bi- und multivariate (binär-logistische Regressions-) Analysen herangezogen.

Ergebnisse

Von den befragten Studierenden wiesen 58,5% eine limitierte allgemeine GK und 51,8% eine niedrige digitale GK auf. Differenziert nach sozialen Hintergrundmerkmalen waren ein geringeres Alter, eine schlechtere finanzielle Situation, ein niedriger subjektiver Sozialstatus und eine geringere soziale Unterstützung signifikant mit einer limitierten allgemeinen und digitalen GK assoziiert.

Diskussion

Die Studie verdeutlicht, dass im Hochschulsetting ein Bedarf nach geeigneten Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention, einschließlich sozialer Unterstützungsangebote, besteht. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass Studierende aufgrund des hohen Anteils mit limitierter allgemeiner und digitaler GK eine relevante Zielgruppe darstellen, die in zukünftigen, repräsentativen Forschungen zur GK stärker berücksichtigt werden sollte.
Frau Julia Schricker
Hochschule Fulda Fachbereich Pflege und Gesundheit
Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter: Stand der Forschung, theoretische und methodische Zugänge und Interventionen (Katharina Rathmann, Benjamin Kuntz)
Erst in 2018 wurde der Nationale Aktionsplan zur Gesundheitskompetenz (NAP GK, www.nap-gesundheitskompetenz.de) veröffentlicht, der die Bedeutung individueller Fähigkeiten zum Suchen, zum Finden, zur kritischen Bewertung und zur Anwendung von Informationen für eigene gesundheitsbezogene Belange betont. Gesundheitskompetenz stellt eine unverzichtbare Voraussetzung dar, die eigene Gesundheit zu erhalten und zu fördern sowie Krankheiten zu überwinden bzw. mit diesen umzugehen und sich im Gesundheitssystem angemessen zurechtzufinden. Studienbefunde belegen jedoch, dass mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz verfügt, wobei insbesondere vulnerable Heranwachsende (d. h. Haupt- und Förderschüler*innen, Heranwachsende mit niedrigem sozioökonomischen Status oder mit Migrationshintergrund) besonders häufig betroffen sind und einen schlechteren Gesundheitszustand aufweisen.

Die inhaltlichen Schwerpunkte der Session liegen neben theoretischen Zugängen und Modellen zur Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter, auch auf den Herausforderungen, die mit der Messung der Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter einhergehen. Daneben werden im Rahmen der Session auch empirische Ergebnisse zur allgemeinen Gesundheitskompetenz der Heranwachsenden vorgestellt. Der Fokus der Session richtet sich schließlich auch auf das junge Erwachsenenalter, um die bislang vernachlässigte Zielgruppe der Studierenden in der Erforschung der Gesundheitskompetenz sowie soziale und personale Unterschiede in der Gesundheitskompetenz herauszustellen. Abschließend ist in einer gemeinsamen Diskussion vorgesehen, mögliche Interventionen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter zu reflektieren.

Folgende vier Beiträge (á 15 Min., zzgl. jew. 5 min. Diskussion) sind Bestandteil der 90-minütigen Session:

Janine Bröder, Orkan Okan, Torsten Bollweg, Ullrich Bauer (Universität Bielefeld)
Health Literacy im Kindes- und Jugendalter – konzeptionelle Reflexionen

Torsten Michael Bollweg, Orkan Okan, Janine Bröder, Ullrich Bauer (Universität Bielefeld)
Entwicklung einer altersadaptierten Version des European Health Literacy Survey Questionnaire für Viertklässler*innen

Susanne Jordan, Olga Domanska, Anne-Kathrin Loer (Robert Koch-Institut Berlin)
Messen der Gesundheitskompetenz im Jugendalter – Erkenntnisse aus dem Projekt „Messung der Gesundheitskompetenz von Jugendlichen“ (MOHLAA)

Julia Schricker, Katharina Rathmann und Kevin Dadaczynski (Hochschule Fulda)
Soziale Unterschiede in der allgemeinen und digitalen Gesundheitskompetenz von Studierenden: Ergebnisse einer Online-Studie an der Technischen Universität Dortmund
Frau Prof. Dr. Katharina Rathmann
Hochschule Fulda, Fachbereich Pflege und Gesundheit, Public Health Zentrum Fulda (PHZF), Leipziger Str. 123, 36037 Fulda
Herr Dr. Benjamin Kuntz
Robert Koch-Institut
Tuesday
17 Sep
09:00 - 10:30
3G
Psychosoziale Arbeitsbelastungen in der modernen Arbeitswelt (DGMS)
Room: U1.37 (Location: U1.37)
Chair(s): Thorsten Lunau
Psychosoziale Arbeitsbelastungen in der digitalisierten Arbeitswelt – ein Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse (Thorsten Lunau, Kathrin Müller-Thur, Nico Dragano)
Einleitung: Die zunehmende Digitalisierung verändert die Arbeitswelt auf grundlegende Weise. Aus Sicht des Arbeitsschutzes stellt sich die Frage, inwiefern sich diese Veränderungen der Arbeitsbedingungen auch auf die Gesundheit auswirken. Es wird meist erwartet, dass sich insbesondere psychosoziale Arbeitsbelastungen durch Digitalisierungsprozesse verändern. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über Chancen und Risiken in Zusammenhang mit der Digitalisierung und psychosozialen Arbeitsbelastungen.
Methoden: Im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen von Unternehmen der Industrie 4.0 (DYNAMIK 4.0 – Projekt) wurde eine Literaturübersicht durchgeführt, um Evidenz zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf gesundheitsrelevante psychosoziale Arbeitsbelastungen zusammenzutragen.
Ergebnisse: Negative Auswirkungen lassen sich für Arbeitsanforderungen wie z.B. eine höhere Arbeitslast finden. Hier wird häufig auch von „Technostress“ gesprochen. Auch die Anzahl der Unterbrechungen am Arbeitsplatz scheint durch die Digitalisierung zuzunehmen. Im Bereich Autonomie und Kontrolle werden Chancen und Risiken der Digitalisierung berichtet. Einige Studien zeigen, dass die Digitalisierung im positiven Fall zu einer Ausweitung von Ressourcen führt. Die Verwendung von mobilen Geräten und das vernetzte Arbeiten kann z.B. zu einer Flexibilisierung und zu einer Zunahme von Kontrolle und Autonomie führen. Auf der anderen Seite werden allerdings auch Risiken wie ein Verlust des Handlungsspielraums durch Flexibilisierungs- und Rationalisierungsprozesse berichtet.
Diskussion: Die bisherigen Studien weisen darauf hin, dass die Digitalisierung sowohl positive als auch negative Effekte auf psychosoziale Arbeitsbelastungen ausübt und daher sowohl Chancen als auch Risiken für die Gesundheit der Beschäftigten bestehen. Die bisherige Studienlage ist allerdings noch überschaubar und weitere Forschung ist notwendig, um die Vor- und Nachteile genauer zu beschreiben und für die betriebliche Gesundheitsförderung zu nutzen.

Herr Thorsten Lunau
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Psychosoziale Risiken der Arbeit als Gegenstand betrieblichen Handelns: Stand der Forschung und Praxis (David Beck, Uwe Lenhardt)
Der durch die Digitalisierung weiter vorangetriebene Wandel der Arbeit schlägt sich nicht zuletzt in einem Bedeutungszuwachs psychischer Belastungen und damit verbundener Gesundheitsrisiken nieder. Was in den Betrieben konkret getan wird, um psychosoziale Risiken aktiv und zielgerichtet zu minimieren, ist bislang allerdings nur wenig untersucht. Im Vortrag werden der Forschungsstand und zentrale offene Fragen herausgearbeitet.

Der Vortrag rekurriert auf quantitativ- und qualitativ-empirische Untersuchungen des betrieblichen Umgangs mit psychosozialen Risiken in Deutschland. Diese werden auf dem Hintergrund des Konzepts der „wicked problems“ (Rittel/Webber) interpretiert.

Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen werden nur in einer Minderheit der Betriebe durchgeführt. Qualitative Studien zeigen, dass die Berücksichtigung psychischer Belastung zum Teil grundlegende Veränderungen der Regeln und Ressourcen betrieblichen Arbeitsschutzhandelns voraussetzt.
Maßnahmen zur Reduzierung psychosozialer Risiken der Arbeit werden aber nicht nur im Kontext von Gefährdungsbeurteilungen realisiert, sondern auch jenseits davon, etwa als Aufgabe und Bestandteil fürsorglicher Mitarbeiterführung. Der Blick auf die Gefährdungsbeurteilung allein unterschätzt mithin Möglichkeiten und Ausmaß aktiver Gefährdungsvermeidung im Betrieb.
Psychosoziale Risiken zeigen insofern Eigenschaften von „wicked problems“, als bei ihnen weder die Problemdefinition noch die Möglichkeiten der Problemlösung eindeutig sind und sie im Betrieb von vielen verschiedenen Akteuren in unterschiedlichen Kontexten mit teils konfligierenden Zielen bewertet und bearbeitet werden.

Die Auseinandersetzung mit psychosozialen Risiken der Arbeit muss der Komplexität, Kontextualität und Veränderungsdynamik der Entstehungs- und Wirkungszusammenhänge sowie der Vielfalt an Interessen und Problemsichten der betrieblichen Stakeholder Rechnung tragen: (1) durch diskursiv-reflexive Prozesse der Problemanalyse und -gestaltung, (2) durch Partizipation aller betrieblichen Stakeholder, (3) durch Kontextualität und Kontinuität der Analyse und Gestaltung (statt „generalisierter“ und „ein-für-allemal“-Lösungen).
Herr Dr. David Beck
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Herr Dr. Uwe Lenhardt
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Validierung eines Fragebogens zur Messung psychosozialer Belastungen in der digitalen Arbeitswelt (Ines Catharina Wulf, Peter Angerer, Mathias Diebig, Nico Dragano, Thorsten Lunau)

Einleitung

Die Digitalisierung der Arbeitswelt verändert die Arbeitsbedingungen vieler Beschäftigter. Es besteht die Notwendigkeit, geeignete Messinstrumente zu entwickeln, um arbeitsbedingte psychische Belastungen in digitalen Arbeitsumfeldern zu erfassen, damit Maßnahmen zur Optimierung entwickelt werden können. Gängige Instrumente sind allerdings nicht an das veränderte Arbeitsumfeld angepasst. Ziel dieser Studie ist es, ein auf modernen Arbeitsbedingungen zugeschnittenes Fragebogeninstrument zu entwickeln und zu validieren. Die 16 Items des Fragebogens wurden mittels einer qualitativen Vorstudie abgeleitet und lassen sich fünf Skalen zuordnen: Arbeitsintensität, Entgrenzung, Mitbestimmung, Unterstützung des Vorgesetzten und Benutzerfreundlichkeit digitaler Anwendungen.

Methoden

Die Validierung erfolgte auf Basis von vier Stichproben: NA = 229, NB = 100, NC = 901 und ND = 262, die zu zwei Messzeitpunkten im Sinne eines Retests erhoben wurden. Stichproben A und B beruhen auf einem Snowballsample, Stichprobe C und D entstammen aus Kooperationen mit sieben Unternehmen. Die Teilnehmer wurden zu ihren Arbeitsbedingungen wie auch zu gesundheitsbezogenen Themen mittels Onlinefragebogen befragt.

Ergebnisse

Es wurde eine 5-Faktorenstruktur extrahiert (EFA; Stichprobe A) und repliziert (CFA; Stichprobe B und C). Die Werte der Retest-Reliabilität (mittlere rit = .70 (SD = .04)) sowie der internen Konsistenz (mittleres α über alle Skalen = .73 (SD = .09)) sind zufriedenstellend. Ebenso bestehen Zusammenhänge mit Befindensindikatoren (Depression und Stress). Diese Zusammenhänge klären inkrementelle Varianz gegenüber bereits etablierten Verfahren (ERI und JCQ) auf.

Diskussion

Die Ergebnisse zeigen, dass die Merkmale Arbeitsintensität, Entgrenzung, Mitbestimmung, Unterstützung des Vorgesetzten und Benutzerfreundlichkeit digitaler Anwendungen als Kerndimensionen des Fragebogens bestimmt werden konnten und zusätzliche Varianz in den Ergebniskriterien über etablierte Instrumente hinaus aufklären.
Frau Ines Catharina Wulf
Institut für Medizinische Soziologie Universitätsklinikum - Centre for Health and Society (CHS) Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Individuelles Belastungs- und Beanspruchungsmonitoring im betrieblichen Kontext - Ergebnisse einer digitalen Tagebuchstudie im Projekt BalanceGuard (Marianthi Neblik, Lena Kaun)
Eine differenzierte Betrachtung psychischer Belastungen wird vor dem Hintergrund steigender (Koordinations-)Anforderungen an Beschäftigte durch hohe Arbeitsintensität und zunehmende Flexibilisierung der Arbeit immer wichtiger. Obwohl einschlägige Studien zum Zusammenwirken von beruflichen und privaten Belastungen vorliegen (z. B. Byron, 2005; Sonnentag, Arbeus, Mahn & Fritz, 2014), ist insgesamt wenig über das Zusammenwirken und die zeitliche Dynamik von Belastungs- und Beanspruchungserleben bekannt. Es stellt sich u.a. die Frage, wie man in einer ‚modernen‘ Arbeitswelt arbeitsbedingte gesundheitliche Risiken der Beschäftigten erkennen kann, um wirksame Präventionsmaßnahmen ableiten zu können.

Vor diesem Hintergrund wurden innerhalb des BMBF-Verbundprojektes BalanceGuard (LIA.nrw (2019)) eine Web-Anwendung und unterstützende Begleitangebote entwickelt und erprobt. Mit der Web-Anwendung können Beschäftigte ihre psychischen Belastungsfaktoren aus Arbeit und Privatleben sowie ihre Beanspruchung im Zeitverlauf messen (Tagebuchverfahren). Zusätzlich können anonymisierte Daten auf Gruppenebene zur Organisationsentwicklung eingesetzt werden. Die implementierten Fragebögen basieren auf einem Wirkungsmodell, welches Ideen verschiedener arbeitspsychologischer Modelle und Theorien vereinigt (u.a. dem Job Demands-Resources Modell (Bakker & Demerouti, 2007)).

Es wird untersucht, inwiefern Stressoren und Ressourcen aus dem Arbeits- und Privatleben auf das Beanspruchungserleben der Beschäftigten wirken. Die Datengrundlage bilden Beschäftigte aus Unternehmensfallstudien des Projektes BalanceGuard. Als Methode wird, aufgrund der hierarchischen Datenstruktur, die Mehrebenen­analyse gewählt. Das resultierende Modell bestätigt einige der im Wirkungsmodell postulierten Zusammenhänge. Die Ergebnisse zeigen u.a., dass das subjektive Beanspruchungserleben innerhalb der Beschäftigten über die Zeit hinweg stark variieren kann.

Zur Untersuchung von Wirkmechanismen und kurzfristigen Beanspruchungsfolgen können Tagebuchverfahren einen wichtigen Beitrag leisten. Zur Generalisierbarkeit und für vertiefende Analysen sind größere branchenübergreifende Stichproben mit heterogenen Belegschaften erkenntnisförderlich.

(248 Wörter)

Quellen:
Bakker, A. B. & Demerouti, E. (2007). The Job Demands‐Resources Model: State of the art.
Journal of Managerial Psychology, 22 (3), 309-328.
Byron, K. (2005). A meta-analytic review of work-family conflict and its antecedents.
Journal of Vocational Behavior, 67, 169-198.
LIA.nrw - Landesinstitut für Arbeitsgestaltung des Landes Nordrhein-Westfalen (2019):
Homepage des Projekts BalanceGuard - Entwicklung und Erprobung eines Assistenzsystems für
ganzheitliches Beanspruchungsmonitoring und gesunde Arbeit.
Abgerufen von www.balanceguard.de.
Sonnentag, S., Arbeus., H., Mahn, C., Fritz, C. (2014). Exhaustion and lack of
psychological detachment from work during off-job time: Moderator effects of time pressure and leisure
experiences. Journal of Occupational Health Psychology 19 (2): 206-216.
Frau Marianthi Neblik
Landesinstitut für Arbeitsgestaltung des Landes Nordrhein-Westfalen (LIA.nrw)
Diplom in Statistik mit Schwerpunkt Epidemiologie und Nebenfach Organisationspsychologie. Z.Zt. wissenschaftliche Mitarbeiterin im BMBF-Projekt BalanceGuard am Landesinstitut für Arbeitsgestaltung des Landes NRW (LIA.nrw).)
Psychosoziale Arbeitsbelastungen in der modernen Arbeitswelt (Thorsten Lunau, Reinhold Kilian)
Die Arbeitswelt ist einem stetigen Wandel unterworfen und gegenwärtig wird insbesondere die Digitalisierung der Arbeitswelt häufig thematisiert. Vor allem die Auswirkungen auf psychosoziale Arbeitsbelastungen und die Gesundheit der Beschäftigten sind ein aktuelles Thema in Wissenschaft und Praxis. Dieser Workshop soll einen Einblick in die aktuelle Forschung zu den Einflüssen der Digitalisierung auf psychosoziale Arbeitsbelastungen und die Möglichkeiten der betrieblichen Prävention in der modernen Arbeitswelt liefern.

T. Lunau, K. Müller-Thur, N. Dragano - Psychosoziale Arbeitsbelastungen in der digitalisierten Arbeitswelt: ein Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse

D. Beck, U. Lenardt - Psychosoziale Risiken der Arbeit als Gegenstand betrieblichen Handelns: Stand der Forschung und Praxis

I. Wulf, P. Angerer, M. Diebig, N.Dragano, T.Lunau - Validierung eines Fragebogens zur Messung psychosozialer Belastungen in der digitalen Arbeitswelt

Herr Thorsten Lunau
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Herr Reinhold Kilian
Universität Ulm
Tuesday
17 Sep
15:00 - 16:30
5C
Geschlechtersensible Studien in der Präventions- und Versorgungsforschung: Work in progress von in der Förderinitiative „Gesund — ein Leben lang“ des BMBF geförderten Projekten (DGSMP)
Room: HS 2C (Location: HS 2C)
Chair(s): Gabriele Bolte
Genderspezifische Gesundheitskompetenz im Kontext von Migration: Ein Mixed‐Methods‐Ansatz (Digo Chakraverty, Annika Baumeister, Angela Aldin, Nicole Skoetz, Christiane Woopen, Elke Kalbe)

Einleitung

In einer repräsentativen Bevölkerungsstudie in Deutschland gaben über 70% der befragten Menschen mit Migrationshintergrund eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz an; dies deckt sich mit internationalen Untersuchungen. Die Rolle des Geschlechts ist dabei noch unklar. Ziele des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts GLIM (Gender-spezifische Gesundheitskompetenz von Individuen mit Migrationshintergrund) sind ein systematischer Überblick über den internationalen Forschungsstand zu Geschlechteraspekten in der Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund und die Exploration der Behandler*innenperspektive auf die Interaktion mit der Zielgruppe in Deutschland.

Methoden

Drei systematische Reviews untersuchen den internationalen Forschungsstand: Ein quantitatives Review mit metaanalytischer Auswertung der Geschlechterunterschiede in der Gesundheitskompetenz von Personen mit Migrationshintergrund, ein Cochrane-Review zur Effektivität von Interventionen zur Förderung der Gesundheitskompetenz der Zielgruppe und ein qualitatives Cochrane-Review zu Evaluationen dieser Interventionen und ihren Geschlechteraspekten. Zur Exploration der Behandler*innen-Perspektive erfolgten fünf Fokusgruppendiskussionen mit Fachexpert*innen (n = 32); die Transkripte werden derzeit inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnisse

In den systematischen Reviews untersuchten ca. 30% der bislang n = 291 eingeschlossenen Studien ausschließlich Frauen, keine jedoch ausschließlich Männer. Die Teilnehmer*innen der Fokusgruppendiskussionen beschrieben, dass sich bestimmte Herausforderungen wie systemisch bedingter Zeitmangel und manche Geschlechterspezifika (z.B. die männliche Ablehnungstendenz gegenüber Psychotherapie) bei Patient*innen mit Migrationshintergrund besonders stark auswirkten; spezielle Zugangshindernisse wurden sowohl für Patientinnen (Kontrollbedürfnis des Ehemanns, Scham beim Entkleiden) festgestellt als auch für Behandlerinnen (Nichtakzeptanz bei Männern mit Migrationshintergrund).

Diskussion

Der derzeitige Auswertungsstand zeigt einen Mangel an internationalen Studien zur Gesundheitskompetenz von Männern mit Migrationshintergrund. Generelle Probleme des Gesundheitssystems wirken sich bei der Zielgruppe besonders deutlich aus; geschlechterspezifische Gesundheitskompetenz erweist sich zuvorderst beim Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen als wichtiger Faktor.
Herr Digo Chakraverty
Uniklinik Köln, Medizinische Psychologie | Neuropsychologie und Gender Studies
Framework zur Erfassung und Planung von geschlechtersensiblen multivariablen Analysen aus Intersektionalitätsperspektive (Emily Mena, Gabriele Bolte)

Einleitung

Das Ziel des Verbundprojekts AdvanceGender ist die Entwicklung einer geschlechtersensiblen Gesundheitsberichterstattung. Im Rahmen des Teilprojektes AdvanceDataAnalysis werden Datenerhebung, Operationalisierung und statistische Modellierung aus Intersektionalitätsperspektive und unter Berücksichtigung gendertheoretischer Ansätze systematisch untersucht.

Methoden

Zur Erfassung und Planung von Geschlechtersensibilität in multivariablen Analysen wurde ein intersektionalitätsbasiertes Framework entwickelt. Die Anwendung des Frameworks ist mittels eines systematischen Reviews umgesetzt worden. Die Grundlage bildeten drei Themenfelder mit inhaltlicher Relevanz für die Gesundheitsberichterstattung: Diabetes mellitus als chronische Erkrankung, Rauchen als verhaltensbezogener Risikofaktor und körperliche Aktivität als verhaltensbezogene Gesundheitsressource. Die Phasen des Frameworks umfassen die Operationalisierung von Geschlecht, die Definition von lösungsbezogenen Variablen aus einer Gender Mainstreaming Perspektive, die Definition und Betrachtung der Funktion von Intersektionalitätsvariablen in den multivariablen Modellen sowie die Bezugnahme auf zentrale gendertheoretische Konzepte.

Ergebnisse

Bezogen auf die 16 identifizierten Studien mit Intersektionalitätsanalysen zeigt sich, dass Geschlecht ausschließlich dichotom operationalisiert wird und geschlechtersensible lösungsbezogene Variablen sehr begrenzt Berücksichtigung finden. Geschlecht und Ethnizität kommen als einzige Intersektionalitätsvariablen in fast allen Untersuchungen vor. Sie werden in erster Linie zur Stratifizierung bzw. Subgruppenbildung herangezogen oder als Bestandteile von Interaktionstermen modelliert. Einkommen, Bildung und beruflicher Status als Proxys für den Sozialstatus sowie das Alter werden hingegen überwiegend zur Adjustierung herangezogen. Weitere Verfahren zur Berechnung von Interaktionen (u.a. Synergy-Index, CART-Analyse) bilden die Ausnahme.

Diskussion

Das Framework ermöglicht einen vergleichenden Überblick über Geschlechtersensibilität in intersektionalitätsbasierten multivariablen Analysen. In den eingeschlossenen Untersuchungen findet eine sehr reduzierte Auswahl an multivariablen Analysestrategien Anwendung. Das Teilprojekt AdvanceDataAnalysis leistet einen Beitrag zur methodischen Erfassung und Analyse komplexerer Interaktionen aus Intersektionalitätsperspektive und unter Berücksichtigung gendertheoretischer Ansätze.
Frau Emily Mena
Verbundprojekt AgeDifferent.de: Analyse geschlechtsspezifischer Entwicklungspfade für Gesundheit im hohen Erwachsenenalter: Ein Update (Franziska Förster, Alexander Pabst, Michael Wagner, Birgitt Wiese, Hans-Helmut König, Steffi G. Riedel-Heller)

Einleitung

Im Zuge der demographischen Entwicklung wird der Anteil älterer Menschen in den kommenden Jahren deutlich zunehmen. Die Gruppe der „Hochaltrigen“ ist dabei nicht homogen. Tatsächlich zeigen sich erhebliche Ungleichheiten in der Gesundheit und in der Lebenserwartung zwischen Frauen und Männern. Ziel der Studie AgeDifferent.de ist die theoriebasierte Untersuchung geschlechtsspezifischer Entwicklungspfade (Trajektorien) für gesundes Altern bis ins hohe Erwachsenenalter.

Methoden

Grundlage der Analysen bilden drei deutsche, BMBF-geförderte populations- und allgemeinarztbasierte Alterskohorten, die seit 1997 begleitet werden (AgeCoDe/AgeQualiDe, AgeMooDe, LEILA75+). Im vorliegenden Projekt wurden diese drei Datensätze konstruktgeleitet zum Zwecke einer integrativen Datenanalyse zusammengeführt. Dabei werden querschnittliche Beschreibungen geschlechtsspezifischer Ungleichheiten hinsichtlich gesundheitlicher Zielgrößen und potentieller Determinanten, sowie längsschnittliche Analysen der geschlechtsspezifischen Entwicklung gesunden Alterns vorgenommen.

Ergebnisse

Im Rahmen des Workshops wird über den aktuellen Stand des Verbundprojektes berichtet. Besonderer Fokus liegt dabei auf den vorgenommenen Harmonisierungen der drei Kohortendatensätze sowie auf einem Überblick vorliegender sowie geplanter quer- und längsschnittlicher Analyseprojekte zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in gesundheitlichen Zielgrößen.

Diskussion

Die Ergebnisse sollen qualitative Ansatzpunkte für Interventionen in den Bereichen Prävention und Versorgungsforschung liefern. Ziel ist es, geschlechtsspezifische Ungleichheiten offenzulegen, zu reduzieren und gesundes Altern zu fördern.
Frau Franziska Förster
Universität Leipzig Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health
Umweltressourcen im Wohnumfeld und subjektive Gesundheit: Spielt Geschlecht eine Rolle? Ein systematisches Review. (Gabriele Bolte, Lisa Dandolo, Sarah Nanninga)

Einleitung

Obwohl Geschlecht eine wichtige soziale Determinante für Gesundheit ist, wurden Bedeutung und Verwobenheit verschiedener Geschlechterdimensionen (sex/gender) in der Forschung zu umweltbezogener Gesundheit bisher kaum berücksichtigt. Das Verbundprojekt INGER hat zum Ziel, innovative Methoden für eine geschlechtersensible quantitative Forschung zu umweltbezogener Gesundheit mit Bezug auf gendertheoretische Ansätze interdisziplinär zu entwickeln und zu erproben. Das Ziel dieses systematischen Reviews war zu klären, ob Geschlecht in Studien zum Einfluss von Umweltressourcen im Wohnumfeld (Grün-/Blauflächen) auf subjektive Gesundheit berücksichtigt und welche gendertheoretischen Konzepte verwendet werden.

Methoden

In drei Datenbanken wurden Studien aus 2000-2018 betrachtet. Ein Einschlusskriterium war die Analyse von potenziellen Geschlechterunterschieden in der Assoziation Umweltressourcen - selbstberichtete Gesundheit bei Erwachsenen. Grün-/Blauflächen konnten subjektiv (z.B. Zugang) oder objektiv (Satellitendaten/Vegetationsindex, Landnutzungskarte) erhoben sein.

Ergebnisse

Von 4130 in der Datenbanksuche identifizierten Studien erfüllten sieben Querschnittstudien die Einschlusskriterien und hatten eine angemessene Qualität. Insgesamt zeigten die Studien eine positive Assoziation zwischen Grünflächen im Wohnumfeld und selbstberichteter Gesundheit. Es gab keine oder nur geringe Evidenz für Geschlechterunterschiede. Alle Studien nutzten lediglich eine binäre Operationalisierung (weiblich/männlich) für Geschlecht ohne weitergehende theoretische Fundierung. Die unterschiedliche und in zwei Studien auch synonyme Verwendung der Begriffe „gender“ und „sex“ zeigte konzeptuelle Verwirrung. Weder in der Fragestellung noch in der Diskussion wurde ausreichend und in Bezug auf gendertheoretische Konzepte begründet, warum nach Geschlecht stratifizierte Analysen durchgeführt wurden. Die Ergebnisse in Bezug auf Geschlecht wurden in den Studien gar nicht oder nur oberflächlich diskutiert.

Diskussion

Die Qualität der Forschung kann erhöht werden, wenn systematisch gendertheoretische Konzepte und deren Operationalisierung für Forschungsfragestellungen zu umweltbezogener Gesundheit weiterentwickelt werden.
Frau Prof. Dr. Gabriele Bolte
Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung
Bewegungsförderung und Sitzzeitreduktion von Kindern und Jugendlichen: Ergebnisse einer systematischen Übersichtsarbeit unter Sex/Gender-Perspektive (Catherina Vondung, Annegret Schlund, Yolanda Demetriou, Carolin Schulze, Sandra Emmerling, Jens Bucksch)

Einleitung

Ziel der systematischen Übersichtsarbeit ist es, Interventionen zur Förderung des Bewegungsverhaltens und/oder der Reduzierung des Sitzverhaltens bei Kindern und Jugendlichen unter einer Sex-/Gender-Perspektive zu bewerten.

Methoden

Elf elektronische Datenbanken wurden nach (randomisiert) kontrollierten Studien durchsucht, die in englischer Sprache als Peer-Review Artikel nach dem Jahr 2000 veröffentlicht wurden. Die Studien mussten das Maß des Bewegungs- und/oder Sitzverhaltens quantifizieren und Sex-/Gender-spezifische Ergebnisse für mindestens einen Messzeitpunkt angeben und/oder erklären, wie die Variable Sex/Gender analysiert wurde. Die Datenextraktion umfasste Studiendesign, Interventionsinhalt und -durchführung, theoretischen Hintergrund, Methodik sowie die Ergebnisse und die methodische Qualität der Primärstudien. Der Grad der Berücksichtigung von Sex/Gender innerhalb der Primärstudien wurde durch eine neu entwickelte Checkliste bewertet. (PROSPERO Nr. CRD42018109528)

Ergebnisse

Zwei unabhängige Forscher*innen screenten 24.834 Treffer. 263 Studien wurden eingeschlossen. Davon adjustierten 85 Studien die Ergebnisse für Sex/Gender. 178 Studien stratifizierten die Ergebnisse nach Jungen und Mädchen, berechneten eine Interaktionsanalyse oder fokussierten in der Intervention nur Mädchen oder nur Jungen. Die vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass bei Stichprobenziehung, Interventionsinhalt und -durchführung Sex/Gender häufig unberücksichtigt bleibt. Studien mit Sex-/Gender-spezifischen Interventionseffekten heben potenzielle Unterschiede bei Jungen und Mädchen hervor und diskutieren darüber hinaus häufiger deren mögliche Ursachen.

Diskussion

Sex/Gender werden in der Interventionsforschung bislang unzureichend berücksichtigt. Um die Effektivität von Interventionen auf Jungen und Mädchen zukünftig bewerten zu können, sind methodische Analysen über die Adjustierung der Variable hinaus sowie eine verbesserte Berichterstattung über Interventionsinhalt und -durchführung erforderlich.
Frau Catherina Vondung
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Geschlechtersensible Studien in der Präventions- und Versorgungsforschung: Work in progress von in der Förderinitiative "Gesund – ein Leben lang" des BMBF geförderten Projekten (Gabriele Bolte)

Zusammenfassung

Im Rahmen der Förderinitiative "Gesund – ein Leben lang" fördert das BMBF seit Sommer 2017 geschlechtersensible Studien in der Präventions- und Versorgungsforschung. Das Ziel dieser Fördermaßnahme ist eine Grundlage für eine bessere Berücksichtigung genderspezifischer Aspekte bei Gesundheitsförderung, Prävention und Versorgung zu schaffen. Auf der gemeinsamen Jahrestagung von DGEpi, DGSMP und DGMS 2017 in Lübeck hatten in einem ersten Workshop bereits zehn Projekte / Verbundvorhaben ihre Forschungsansätze und -ziele vorgestellt. Ein zweiter Workshop bei der DGEpi-Jahrestagung 2018 in Bremen fokussierte auf die Operationalisierung von Geschlecht und die Integration von Genderkonzepten in quantitativen Studien. In diesem Jahr sollen weitere methodische Entwicklungen und erste Ergebnisse der Projekte und Verbundvorhaben vorgestellt werden.

Erstautor Beitrag 1, Titel Beitrag 1

Chakraverty et al.
Genderspezifische Gesundheitskompetenz im Kontext von Migration: Ein Mixed-Methods-Ansatz

Erstautor Beitrag 2, Titel Beitrag 2

Emily Mena et al.
Intersektionalitäts-informierte Datenanalysen und Geschlechtersensibilität: Beispiele aus für die Gesundheitsberichterstattung relevanten Themenfeldern
(Arbeitstitel)

Erstautor Beitrag 3, Titel Beitrag 3

Franziska Förster et al.
Verbundprojekt AgeDifferent.de: Analyse geschlechtsspezifischer Entwicklungspfade für Gesundheit im hohen Erwachsenenalter: Ein Update

Erstautor Beitrag 4, Titel Beitrag 4

Gabriele Bolte et al.
Umweltressourcen im Wohnumfeld und subjektive Gesundheit: Spielt Geschlecht eine Rolle? Ein systematisches Review.

Erstautor Beitrag 5, Titel Beitrag 5

Catherina Vondung et al.
Interventionen zur Förderung des Bewegungs- und Reduzierung des Sitzverhaltens von Kindern und Jugendlichen: Ergebnisse einer systematischen Übersichtsarbeit unter der Perspektive von „Sex/Gender“
Frau Prof. Dr. Gabriele Bolte
Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung
Wednesday
18 Sep
14:45 - 16:15
9C
Spielräume für Partizipation in der quantitativen Diversitäts- und Gesundheitsforschung (DGSMP)
Room: HS 2C (Location: HS 2C)
Chair(s): Susanne Hartung, Katharina Jacke, Malin Houben and Mario Bach
Quo vadis Daten? Eine kritische Evaluation von quantitativen Erhebungsinstrumenten zu geschlechtlicher und sexueller Diversität (Katharina Jacke, Malin Houben)

Einleitung

Geschlechtliche und sexuelle Diversität werden in quantitativen Studien der (Gesundheits-)Forschung bislang selten ausreichend berücksichtigt. Noch immer operationalisieren viele Fragebögen Geschlecht im binären Schema von männlich/weiblich. Für die gesundheitlichen Lagen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, inter* und trans* Personen besteht ein grundlegendes Datendefizit und die Gefahr der Stereotypisierung. Die Einführung der Dritten Option im Personenstandsrecht weist hier aber für die Zukunft in eine neue Richtung. Der Impulsvortrag evaluiert eine Auswahl bestehender quantitativer Messinstrumente, die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zu integrieren versuchen. Zudem sollen die Potentiale neuer Ansätze für die Gesundheits- und Diskriminierungsforschung diskutiert werden.

Methoden

Präsentiert werden die Zwischenergebnisse aus der Arbeit der AG „Methoden und Methodologien“ im „Netzwerk* geschlechtliche und sexuelle Diversität in Gesundheitsforschung und -versorgung“. Dafür wurden exemplarisch Messinstrumente der Gesundheits- und Diskriminierungsforschung vor dem Hintergrund theoretischer Erkenntnisse aus der intersektionalen Geschlechterforschung evaluiert.

Ergebnisse

Die Erhebung von geschlechtlicher und sexueller Diversität als Fremdeinschätzung ist problematisch und ungenau, da sie dem Erleben der Befragten widersprechen kann. Die in der Geschlechterforschung erarbeiteten Theorien und Erkenntnisse zu geschlechtlicher und sexueller Diversität werden in der quantitativen (Gesundheits-)Forschung bislang unzureichend berücksichtigt. Die untersuchten Messinstrumente reproduzieren Geschlechterbinarität, Stereotype und Pathologien.

Diskussion

Messinstrumente, die die Lebensrealitäten der Befragten in Bezug auf geschlechtliche und sexuelle Diversität erfassen, bedürfen einer angemessenen theoretischen Fundierung und der Berücksichtigung von Community-Wissensbeständen. Die Repräsentation der eigenen Lebensweise im Fragebogen scheint bedeutend für die Akzeptanz in den Zielgruppen zu sein. Offen bleibt, wie Studien so gestaltet werden können, dass sie auch die zur Auswertung benötigten Fallzahlen für kleine und oft marginalisierte Gruppen einschließen.
Frau Dr. Katharina Jacke
Humboldt Universität zu Berlin
Mixed Methods in der Partizipativen Gesundheitsforschung (Mario Bach, Claudia Santos-Hövener, Susanne Jordan)
Einleitung
Die partizipative Gesundheitsforschung meint die partnerschaftliche Zusammenarbeit von Forschung, Versorgungs- und/oder Public-Health-Praxis sowie Vertretungen aus sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen (Ko-Forschung). Im Rahmen des qualitativen Forschungsparadigmas umfasst die partizipative Gesundheitsforschung ein großes Methodenspektrum. In den letzten Jahren nimmt die kombinierte Verwendung qualitativer und quantitativer Methoden innerhalb einer Studie (Mixed Methods) zu. Am Beispiel der partizipativen Epidemiologie verweist dieser Beitrag auf die Herausforderungen und Chancen von Mixed Methods in der partizipativen Gesundheitsforschung.

Methode
Auf Basis der im Forschungsprojekt „Partizipation und Epidemiologie“ (P&E) erstellten Literaturberichte und gesammelten Praxisbeispiele werden methodologische und forschungsethische Herausforderungen dargestellt, die sich bei der Verwendung von Mixed Methods im Rahmen der partizipativen Epidemiologie ergeben. Zudem wird darauf verwiesen, welches Entwicklungspotenzial sich durch Mixed Methods für die partizipative Gesundheitsforschung ergibt.

Ergebnisse
Mixed Methods werden in der partizipativen Gesundheitsforschung noch eher selten eingesetzt. Am Beispiel der partizipativen Epidemiologie kann gezeigt werden, dass durch eine Kombination qualitativer und quantitativer Methoden den Zielen und Anliegen der Ko-Forschenden besser gerecht werden kann. Beispielsweise können partizipativ gewonnene qualitative Daten (bspw. zu den Folgen von Luftverschmutzung) durch quantitative Daten ergänzt werden, um Maßnahmen besser planen und umsetzten zu können. Umgekehrt können aus quantitativen Daten mithilfe der partizipativen Interpretation, besonders praxisrelevante Erkenntnisse gewonnen werden.

Diskussion
Die partizipative Epidemiologie zeigt, dass die Anwendung von Mixed Methods neue Forschungskontexte erschließen (bspw. große Bevölkerungsgruppen) und die Aussagekraft der gewonnen Daten verbessern kann. Mixed Methods sollten einen größeren Stellenwert im Methodenspektrum der partizipativen Gesundheitsforschung erhalten.
Herr Mario Bach
Robert Koch-Institut
Ergotherapeut und Sozialwissenchaftler Netzwerkforschung und Gesundheitssystemforschung
Spielräume für Partizipation in der quantitativen Diversitäts- und Gesundheitsforschung (Susanne Hartung, Katharina Jacke, Malin Houben, Mario Bach)

Zusammenfassung

Die Anwendung von quantitativen Forschungsinstrumenten ist sowohl in der partizipativen Gesundheitsforschung als auch in der geschlechtlichen und sexuellen Diversitätsforschung mit Herausforderungen verbunden, insofern sie angemessen partizipativ und gendersensibel sein soll. Die Berücksichtigung von genderspezifischen Operationalisierungen, jenseits des binären Schemas, und die Vermeidung von Stereotypisierungen, ist bedeutsam für die Qualität der Gesundheitsforschung. Hierzu kann die partizipative Gesundheitsforschung beitragen, wenn die quantitative Forschung oder die Kombination von qualitativen und quantitativen Ansätzen in partnerschaftlicher Zusammenarbeit von Wissenschaft, Praxisakteur*innen und Bürger*innen durchgeführt wird.
Der Workshop der DGSMP-AGs „Sexuelle und geschlechtliche Diversität“ und „Partizipative Gesundheitsforschung“ knüpft an die im vergangenen Jahr begonnene Diskussion der AGs an und stellt weitere aktuelle Forschungsergebnisse vor. In einem Worldcafé sind alle Teilnehmenden eingeladen, sich an der Diskussion zu folgenden Fragen zu beteiligen:
  • Wie kann vorhandenes Community-Wissen in den Kanon gesundheitswissenschaftlicher Forschung einbezogen werden?
  • Wie können neue Instrumente für geschlechtliche und sexuelle Diversität partizipativ entwickelt werden und welche inhaltlichen Leerstellen sind zu füllen?
  • Wie können Mixed Methods Designs partizipativ entwickelt und durchgeführt werden (inkl. praktischer Übung zur Entwicklung eines partizipativen Forschungsdesigns)?Wie können nonbinäre Messinstrumente für gender und Gesundheit aussehen? Eine praxisorientierte Diskussion über Selbst- und Fremdwahrnehmung von Femininität und Maskulinität als gesundheitsrelevante Variablen.

Erstautor Beitrag 1, Titel Beitrag 1


Dr. Katharina Jacke, Malin Houben M.A.: „Quo vadis Daten? Eine kritische Evaluation von quantitativen Erhebungsinstrumenten zu geschlechtlicher und sexueller Diversität“
Es wird eine Evaluation von quantitativen Messinstrumenten präsentiert, die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zu integrieren versuchen. Im Ergebnis wird der Bedarf einer angemessenen theoretischen Fundierung konstatiert, wenn die Lebensrealitäten der Befragten in Bezug auf geschlechtliche und sexuelle Diversität angemessen erfasst werden sollen.

Erstautor Beitrag 2, Titel Beitrag 2


Mario Bach: „Mixed Methods in der Partizipativen Gesundheitsforschung“
Am Beispiel der partizipativen Epidemiologie werden methodologische und forschungsethische Prinzipen zur Verwendung von Mixed Methods dargestellt. In einer praktischen Übung werden die Teilnehmenden gegenüber den besonderen Herausforderungen und Chancen von Mixed Methods in der partizipativen Gesundheitsforschung sensibilisiert.

Frau Prof. Dr. Susanne Hartung
Tuesday
17 Sep
16:45 - 17:45
6A
Das Soziale in der Medizin - Zukunftsperspektiven
Room: HS 2A (Location: HS 2A)
Chair(s): Johannes Siegrist and Heiner Raspe
Das Soziale in der Medizin und die Zukunft unserer Fächer (Johannes Siegrist, Heiner Raspe)

Zusammenfassung

Mit der gegenwärtig in Vorbereitung befindlichen neuen Approbationsordnung für das Medizinstudium wird es im Rahmen der inhaltlich-didaktischen (Fokussierung auf problemorientiertes Lernen) und organisatorischen Neustrukturierung für sog. kleine Fächer schwierig, ihr eigenständiges, für ärztliches Wissen und Handeln relevantes Wissen angemessen zu vermitteln. Dies trifft auch für die Fachgebiete Medizinische Soziologie und Sozialmedizin zu. Es steht zu befürchten, dass dadurch deren weitere institutionelle Verankerung im Lehrkörper medizinischer Fakultäten in Zukunft gefährdet sein könnte.
Diese Entwicklung steht in deutlichem Widerspruch zu einer wachsenden wissenschaftlichen Evidenz zur Bedeutung sozialer Faktoren bei der Entwicklung und dem Verlauf von Erkrankungen sowie bei deren Verhütung, ebenso wie bei der Entwicklung einer bedarfsgerechten medizinischen Versorgung.
Mit der Diskussionsveranstaltung soll dieser offensichtliche Widerspruch thematisiert werden, und es sollen Vorschläge zu einer problemlösenden Entwicklung erörtert werden. Beide Referenten vertreten ihr jeweiliges Fachgebiet in Lehre und Forschung seit vielen Jahren in prominenten Kontexten.

Erstautor Beitrag 1, Titel Beitrag 1

Johannes Siegrist

Erstautor Beitrag 2, Titel Beitrag 2

Heiner Raspe

Erstautor Beitrag 3, Titel Beitrag 3


Erstautor Beitrag 4, Titel Beitrag 4


Erstautor Beitrag 5, Titel Beitrag 5

Herr Johannes Siegrist
Medizinische Fakultät, Life-Science Center, Universität Düsseldorf
Wednesday
18 Sep
09:00 - 10:30
7B
Verantwortungsvolle Kommunikation von Forschungsergebnissen im Kontext von Migration und Gesundheit (DGSMP)
Room: HS 2B (Location: HS 2B)
Chair(s): Lisa Peppler and Liane Schenk
Verantwortlich forschen: Herausforderungen bei der Erhebung und Kommunikation von Daten im Bereich Migration und Gesundheit (Katja Kajikhina, Navina Sarma, Claudia Santos-Hövener)

Einleitung

Aus unserer Position als Forschende im Bereich Migration und Gesundheit ergibt sich eine ethische und gesellschaftliche Verantwortung, denn Forschungsergebnisse und verwendete Kategorien können zur Konstruktion von vermeintlicher „Fremdheit“ und „Andersartigkeit“ (othering) von Menschen mit Migrationsgeschichte beitragen. Im gesamten Forschungsprozess von der Konzeption und Datenerhebung bis hin zur Kommunikation der Forschungsergebnisse kann Diskriminierung und Stigmatisierung stattfinden. Eine Reflexion der angewandten Methoden, Forschungsziele und Kommunikationsgrundsätze ist daher für die Erfüllung des Nicht-Schädigungsprinzips in der Forschung notwendig.

Methoden

Im Rahmen des IMIRA-Projekts (Improving Health Monitoring in Migrant Populations) führten wir eine Bestandsaufnahme bekannter Literatur und Empfehlungen zu ethischen Grundsätzen und Verwendung von migrationsbezogenen Konzepten durch. Mit dem Ziel einer kritischen Reflexion fand des Weiteren ein interdisziplinärer Austausch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und Forschungseinrichtungen statt.

Ergebnisse

Eine antidiskriminierende Forschung beinhaltet die kritische Hinterfragung verwendeter Kategorien und Konzepte, Reflexion der eigenen Position sowie Partizipation entsprechender Personengruppen. Eine differenzierte Erfassung von relevanten Dimensionen ermöglicht eine Analyse der Wechselwirkungen zwischen sozialen Kategorien über den „Migrationshintergrund“ hinaus wie Herkunft, Geschlecht, Einkommen, Aufenthaltsstatus, Diskriminierung. Die öffentliche Kommunikation von Forschungsergebnissen sollte stets im Hinblick auf die verwendete Terminologie und den inhaltlichen und gesellschaftlichen Kontext überprüft werden.

Diskussion

Um Chancengleichheit und Teilhabe sicherzustellen, muss Ungleichheit in der Gesundheit und Gesundheitsversorgung sichtbar gemacht werden. Dazu gehört auch die Generierung von Daten zu und statistische Sichtbarmachung von Menschen mit Migrationsgeschichte. Insbesondere im Hinblick auf rechtspopulistische Kampagnen ist es wichtig, verstärkt die Folgen unserer Forschung für beforschte Populationen und den gesamtgesellschaftlichen Diskurs in den Blick zu nehmen und Marginalisierung, Stigmatisierung und Fehlinterpretationen zu vermeiden.
Frau Katja Kajikhina
Robert Koch-Institut
Anwendung partizipativer Ansätze für diskriminierungsfreiere Forschung: ein Praxisbeispiel (Claudia Santos-Hövener, Carmen Koschollek, Viviane Bremer)

Einleitung

Migrant/innen aus Subsahara-Afrika (MiSSA) sind disproportional zu ihrer Bevölkerungsgröße von HIV betroffen und ihre Präventionsbedarfe diesbezüglich waren bisher unbekannt. Forschung zu HIV bei MiSSA birgt jedoch die Gefahr, durch diese zu stigmatisieren und zu diskriminieren, da es sich um ein sensibles Thema handelt. Wir möchten der Frage nachgehen, inwieweit der Einsatz partizipativer Gesundheitsforschung im Kontext der HIV-Forschung bei MiSSA Stigmatisierung entgegenwirken kann.

Methoden

Im Rahmen der „MiSSA-Studie“ hat das Robert Koch-Institut in Zusammenarbeit mit afrikanischen Community-Mitgliedern, Praktiker/innen und Wissenschaftler/innen einen partizipativen Forschungsprozess angeregt, um gemeinsam die Präventionsbedarfe von MiSSA zu identifizieren. Eine Arbeitsgruppe erarbeitete gemeinsam ein Studiendesign und einen Fragebogen, wobei die Entscheidungsmacht gleichberechtigt geteilt wurde. Die Datenerhebung vor Ort erfolgte in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen, die diese mit Peer Researchern durchführten.

Ergebnisse

Die Akzeptanz der Studie spiegelt sich in der hohen Teilnehmendenanzahl von über 3.000 Personen, unter denen auch eher schwer erreichbare Subgruppen wie Personen ohne Krankenversicherung gut vertreten waren. Durch die Zusammenarbeit mit MiSSA konnte auch an Orten, die nicht traditionell für das Thema HIV zugänglich sind, wie Moscheen und Kirchen, rekrutiert werden. Eventueller Skepsis gegenüber der Befragung von Teilnehmenden begegneten Peer Researcher damit, dass sie den Nutzen der Studie für die Community herausstellten.

Diskussion

Durch die geteilte Entscheidungsmacht zwischen Forschenden, Community-Mitgliedern und anderen Stakeholdern wurden nicht nur relevante und nutzbare Ergebnisse generiert, sondern auch ein gemeinsamer Lernprozess initiiert, in dem Forschende ein besseres Verständnis der Lebenswelt von MiSSA erhielten und diese neue Fähigkeiten als Forschende entwickelten. Dies führte in der Konsequenz zu einem diskriminierungsfreieren Umgang miteinander.
Frau Dr. Claudia Santos-Hövener
Robert Koch Institut, Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring
Den Ethnisierungskreislauf durchbrechen: Zur Verantwortung qualitativer Migrationsstudien vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Diskurses (Lisa Peppler)

Einleitung

Qualitative Erhebungsmethoden erhalten zunehmend Einzug in gesundheitswissenschaftliche und medizinische Studien. Dabei stehen die Befragten mit ihren subjektiven Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsschemata im Mittelpunkt der Analyse. Die alltägliche Lebenswelt von (Post-) Migrant*innen ist sehr stark von Ethnisierungsprozessen geprägt. Insofern stellt sich die Frage, inwiefern sich ethnisierende Selbst- und Fremdzuschreibungen von (post-)migrantischen Interviewpartner*innen auf den Forschungsprozess und die Ergebnisse auswirkt.

Methoden

Der Beitrag basiert auf zwei Studien: In der ersten Studie wurden leitfadengestützte Interviews mit 29 Ärzt*innen türkischer Herkunft geführt und mittels MAXQDA gestützter Codierung ausgewertet. In der zweiten Studie wurde u.a. eine fünftägige teilnehmende Beobachtung in einem interkulturellen Pflegedienst durchgeführt, an die sich drei Experteninterviews anschlossen. Die Analyse erfolgte mittels der dokumentarischen Methode.

Ergebnisse

Die Ergebnisse der ersten Studie zeigen, dass wechselseitige Ethnisierungsprozesse die Erzählungen der Befragten überaus stark strukturieren. Sie sind auffällig überdeterminiert vom öffentlichen Diskurs sowie von alltäglichen Ethnisierungs- und Diskriminierungserfahrungen. Dies resultiert in einer migrationsspezifischen Ausprägung sozialer Erwünschtheit: dem Bestreben, sich selbst in Abgrenzung zu anderen als besonders gut integriert darzustellen. Ethnisierungserwartungen seitens der Interviewpartner*innen führen außerdem dazu, dass Fragen >missverstanden< oder Antworten verweigert werden. Daran anschließend zeigen erste Ergebnisse der zweiten Studie, wie Differenzen im Arbeitsalltag von Interviewpartner*innen unter Rückgriff auf unterschiedliche Herkunftskulturen erklärt werden, die bei genauerer Betrachtung (auch) in anderen Aspekten begründet liegen.

Diskussion

Diskutiert wird, inwiefern diese Erkenntnisse für künftige qualitativer Studien mit (post-) migrantischen Interviewpartner*innen fruchtbar gemacht werden können. Denn es liegt in der Verantwortung der Forschenden, die automatisierten Ethnisierungsprozesse zu dekonstruieren und den Kreislauf von Fremd- und Selbstethnisierung zu durchbrechen.
Frau Dr. Lisa Peppler
Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft Charité Universitätsmedizin Berlin
Verantwortungsvolle Kommunikation von Forschungsergebnissen im Kontext von Migration und Gesundheit (Lisa Peppler, Liane Schenk)
Seit einigen Jahren häufen sich rassistisch motivierte Übergriffe in Deutschland und rechte Gruppierungen sind zunehmend präsenter im öffentlichen Diskurs. Überdies mehren sich auch in der Politik entsprechende Initiativen, wie beispielsweise die „Kleinen Anfragen“ der AFD zu Behinderung und Krankheit bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund zu Beginn des Jahres 2018. Zugleich werden biologistische Erklärungsmuster in der Medizin wieder populärer, zum Beispiel im Bereich der Genetik oder hinsichtlich der Medikation für spezifische Bevölkerungsgruppen. Da (gesundheits-) wissenschaftliche Forschung niemals losgelöst von gesellschaftlichen Gegebenheiten ist, möchten wir in unserem Workshop diskutieren, wie Daten verantwortungsvoll erhoben, Wissen generiert und Forschungsergebnisse kommuniziert werden können, um deren politische Instrumentalisierung zu vermeiden.

Knipper M: Wissenschaft im polarisierten politischen Raum: Die UCL-Lancet Commission on Migration and Health

Kajikhina K: Verantwortlich forschen: Herausforderungen bei der Erhebung und Kommunikation von Daten im Bereich Migration und Gesundheit

Santos-Hövener C: Anwendung partizipativer Ansätze für diskriminierungsfreiere Forschung: ein Praxisbeispiel

Peppler L: Den Ethnisierungskreislauf durchbrechen: Zur Verantwortung qualitativer Migrationsstudien vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Diskurses

Frau Dr. Lisa Peppler
Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft Charité Universitätsmedizin Berlin
Tuesday
17 Sep
09:00 - 10:30
3E
Kommunale Gesundheitsförderung und Prävention — Paradigma, Theorien & Handlungsansätze, Evidenzen
Room: U1.34 (Location: U1.34)
Chair(s): Eike Quilling and Ulla Walter
Theoretische Modelle intersektoraler Kooperation im Kontext kommunaler Gesundheitsförderung und Prävention (Stefanie Kruse, Ulla Walter, Eike Quilling)
Intersektoralen Kooperationen (ISK) kommt im Kontext der kommunalen Gesundheitsförderung und Prävention (GFP) eine zentrale Bedeutung zu. Den Kommunen als Dachsetting obliegt dabei die Verantwortung für die Moderation und Entwicklung integrierter Handlungsansätze, um Kommunen gesundheitsförderlich zu entwickeln. Dazu bedarf es der Zusammenarbeit unterschiedlichster Sektoren vom Öffentlichen Gesundheitsdienst über Bildung und Soziales bis Umwelt- und Stadtplanung. Ihr Ziel ist es, unterschiedliche Sektoren zusammenzuführen, um Ressourcen zielgerichtet einzusetzen. Interventionen sind wirksamer, wenn diese empirisch und theoretisch fundiert sind. Ziel ist es, einen Überblick über Theorien und Modelle zu geben sowie zentrale Ansätze aufzuzeigen.

Im Rahmen eines Scoping Reviews wurden für den Zeitraum 2010-2018 in den Datenbanken PubMed, Web of Science und LIVIVO Theorien und Modelle für intersektorale Kooperationen zur kommunalen GFP detektiert. Ergänzend erfolgte eine systematische Sichtung von Lehrbüchern der Bereiche Public Health, Soziale Arbeit und Gesundheitsförderung. 48 Publikationen wurden einer Inhaltsanalyse unterzogen und kategorisiert.

Nur ein ca. Drittel der Publikationen im Review basiert auf theoretischer Basis und wird meist netzwerk- und organisationstheoretisch gerahmt. Modelle zur ISK werden in 15 Beiträgen ausführlicher dargestellt, keines davon mehrmals. Die Modelle sind selten auf konkrete Zielgruppen oder Handlungsfelder bezogen, z. T. aus Praxisevaluationen entwickelt und spiegeln Projekterfahrungen mit ISK. Die Schwerpunktanalyse zeigt erhebliche Streuung mit einem Fokus auf Innovationsansätze und Erschließung von Synergieeffekten. Darüber hinaus wird intendiert, die sektorale wie kommunale Eigenlogik aufzugreifen und im operativen Zugang zu berücksichtigen.

Die Ergebnisse unterstreichen deutliches Potenzial für Effektivität und Nachhaltigkeit von ISK, aber auch erhebliche Uneinheitlichkeit theoretischer Fundamente und umfassender Modelle sowie die Notwendigkeit weiterer Forschung und Dissemination.
Frau Prof.in Dr.in Eike Quilling
Hochschule für Gesundheit, Bochum
Frau Stefanie Kruse
Hochschule RheinMain
Frau Prof. Dr. Ulla Walter
Medizinische Hochschule Hannover
Municipality Health Promotion - a consensus-process (Christina Plantz, Eike Quilling)
Health Equity is influenced by the local social and physical environment we are living in. Municipalities all over Europe have a key role in shaping and addressing these living conditions. Current action in this field is fragmented, varies highly within countries and strongly depends on political leadership. This European policy-level intervention in the frame of the Joint Action Health Equity Europe aims at supporting a systematic and structured basis in order to support municipalities to take action for healthy living environments.

In a consensus-process,17 national and regional Public Health authorities and institutes developed a ‘Common Policy Framework of Action’ that summarizes the current evidence making the case for healthy living environments and the role of municipalities. Furthermore, it provides a conceptual model for interventions including an ideal process, quality criteria and guiding principles that municipal approaches should be based on. The PFA is a part of the overall policy intervention, but also serves as a basis for the project partners to conduct Country Assessmentsand implement actions.

On the basis of the PFA, conclusions could be made on the framework conditions of the various countries for municipal health promotion. In addition, 31 examples of promising practice were identified on the basis of the criteria.

The results show a very heterogeneous situation of municipal health promotion among the partners involved. The various examples also reflect different approaches to action. Some examples will be presented and discussed in the workshop.
Frau Prof.in Dr.in Eike Quilling
Hochschule für Gesundheit, Bochum
Frau Christina Plantz
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Kommunale Gesundheitsförderung zwischen Evidenz und Good-Practice. (Eike Quilling, Stefanie Kruse)
In Deutschland markieren Gesundheitsförderung und Prävention (GFP) vor dem Hintergrund der aktuellen Gesundheitsberichterstattung des Bundes (RKI 2015) eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Präventive Ansätze zielen darauf, Lebenswelten gesundheitsförderlich so zu gestalten, dass die in den jeweiligen Settings lebenden Menschen bei der Ausübung eines gesunden Lebensstils bestmöglich unterstützt werden. Gesundheit und Teilhabe sollen im Zuge dessen systematisch in die Prozesse und Strukturen der Lebenswelten integriert werden. So nehmen bei der Umsetzung lokaler und sektorübergreifender Strategien zur Gesundheitsförderung die Kommunen als Dachsetting eine Schlüsselposition ein und dem „Health in all Policies“-Ansatz kommt eine wachsende Bedeutung zu.

Die systematische Literatur- und Datenbankanalyse (Rapid Review) untersucht Strategien und Maßnahmen kommunaler GFP, Good-Practice-Modelle sowie die verfügbare Evidenz zu Wirksamkeit kommunaler GFP. Dazu wurden neben nationalen und internationalen Literaturdatenbanken auch eine unsystematische Internetrecherche einbezogen, um besonders aktuelle Einzelstudien herauszufiltern. Die methodische Grundlage dieser Recherchestrategie bildet der Ansatz eines Scoping Reviews.

Die Analyseergebnisse zeigen, dass sich im Kontext der gesundheitsförderlichen Quartiers- bzw. Stadtteilentwicklung eine große Heterogenität der Umsetzung widerspiegelt. Im Fokus stehen häufig umfassende Vernetzungs- wie intersektorale Planungsaktivitäten. Die Ergebnisse zeigen eine heterogene Verwendung des Evidenzbergiffs und dass für keine der hier eingeschlossenen Studien eindeutige Wirkeffekte auf Zielgruppen im Sinne einer medizinisch definierten Evidenzbasierung zu verzeichnen sind.

Die Ergebnisse zeigen eine Reihe von Erfolgsfaktoren kommunaler GFP, die sich häufig mit bekannten Qualitätskriterien wie etwa Partizipation ermöglichen, niedrigschwellige Zugänge schaffen und Netzwerkstrukturen nutzen etc. decken. Die Ergebnisse in Bezug auf die Evidenzbasierung machen deutlich, dass es im Feld der GFP eine eigene fachliche Diskussion zur Verwendung des Begriffs geben muss.
Frau Prof.in Dr.in Eike Quilling
Hochschule für Gesundheit, Bochum
Frau Stefanie Kruse
Hochschule RheinMain
Kommunale Gesundheitsförderung und Prävention – Paradigma, Theorien & Handlungsansätze, Evidenzen (Eike Quilling, Ulla Walter)
Vor dem Hintergrund aktueller Gesundheitsberichterstattung – national wie international – stellen Prävention und Gesundheitsförderung (PGF) zur Herstellung gesundheitlicher Chancengerechtigkeit eine große Herausforderung für die Gesellschaft dar. Insbesondere die Erreichung benachteiligter Zielgruppen steht dabei im Fokus innovativer Ansätze. In diesem Kontext kommt den Kommunen als Dachsetting eine besondere Verantwortung zu, kommunale PGF im Sinne einer Entwicklungsstrategie für die Gebiets-körperschaft zu koordinieren und zu moderieren. Dies kann nur unter Einbezug vielfältiger Akteure bewältigt werden. Um Kommunen zu „gesunden Städten “ bzw. „Orten“ zu entwickeln, bedarf es der Zusammenarbeit unterschiedlichster Sektoren vom Öffentlichen Gesundheitsdienst über Bildung und Soziales bis Umwelt- und Stadtplanung. Der im Setting-Ansatz verankerte Policy-Mix der Verhaltens- und Verhältnisprävention ist entsprechend des Health in All Policies (HiaP)-Paradigmas von sämtlichen kommunalen Politik- und Handlungsfeldern aufzugreifen, um u. a. schwer erreichbare Zielgruppen zu erreichen.

Plantz, C. & Quilling, E.: “Municipality Health Promotion - a consensus-process” – In dem Vortrag wird ein Konsensus-Prozess 17 europäischer Partner zu kommunaler Gesundheitsförderung und Prävention (GFP) vorgestellt und die unterschiedlichen Voraussetzungen zu Zugänge diskutiert.

Quilling, E. & Kruse, S.: „Kommunale Gesundheitsförderung zwischen Evidenz und Good-Practice“. Der Beitrag stellt Handlungsansätze und Evidenzen kommunaler GFP vor und diskutiert auf der Grundlage eines Rapid Reviews die Verwendung des Evidenzbegriffs in der kommunalen GFP.

Kruse, S., Walter, U. & Quilling, E,: “Theoretische Modelle in der intersektoralen Kooperation im Kontext kommunaler Gesundheitsförderung und Prävention” – Der Beitrag zeigt - auf der Grundlage eines Scoping Reviews - die Bedeutung von Theorien und Modellen für intersektorale Kooperationen im Kontext der kommunalen GFP zur Umsetzung des Health-in-all-Policies-Ansatzes und stellt ausgewählte Beispiel vor.

Diskutiert werden sollen die Sensibilisierung und die Erfordernisse für eine Professionalisierung systematischer kommunaler PGF. Die Notwendigkeit eines neuen Paradigmas sowie eine systematische Theoriebasierung und die Diskussion um eine Evidenzbasierung in der kommunalen PGF.
Frau Prof.in Dr.in Eike Quilling
Hochschule für Gesundheit, Bochum
Frau Prof. Dr. Ulla Walter
Medizinische Hochschule Hannover
Tuesday
17 Sep
11:00 - 12:30
4B
Moderne (Gesundheits-) Berichterstattung als Basis für Planungs- und Steuerungsprozesse in der Kommune (DGSMP)
Room: HS 2B (Location: HS 2B)
Chair(s): Nicole Rosenkoetter and Brigitte Borrmann
Gesundheitsberichtserstattung in einer wachsenden Millionenstadt (Elisa Ostermann)

Einleitung

Die Stadt Köln ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen, und dies wird auch für die Zukunft prognostiziert. Im Zuge dieser Entwicklungen haben sich die Bedarfslagen der Bevölkerung fortlaufend verändert. In einer Stadt dieser Dynamik und Größenordnung ist die kommunale Gesundheitspolitik ständig in Bewegung, um Planungs- und Steuerungsprozesse bedarfsgerecht auszurichten. Eine datengestützte Gesundheitsberichtserstattung (GBE) bildet dafür eine wichtige Basis, da sie fortlaufend eine Bestandsaufnahme des Bedarfs und des Angebots vornimmt, Handlungsbedarf aufzeigt und umgesetzte Maßnahmen bewertet.

Methoden

Die Datengrundlage der GBE bilden unter anderem Daten des Gesundheitsamtes sowie Daten des Amtes für Stadtentwicklung und Statistik. Diese werden in Zeitreihen sowie im regionalen Vergleich bewertet. Dabei werden auch weitere externe Datenquellen genutzt.

Ergebnisse

Fachberichte zu den Themenschwerpunkten Kinder- und Jugendgesundheit, Gesundheit im Alter und Psychiatrie- und Suchthilfeplanung bilden die umfassendste Datenbasis der GBE. Ergebnisse dieser Fachberichte werden für die Planung und die Umsetzung von Maßnahmen genutzt (z.B. ein Handlungskonzept zur Prioritätensetzung bei Prophylaxe-Maßnahmen, ein Suchthilfeplanungsprozess und ein Runder Tisch Kindergesundheit). Darüber hinaus werden laufend Analysen auf Basis aktueller Daten erstellt und der Politik vorgelegt, um Entscheidungen vorzubereiten (z.B.: die Verstetigung eines befristeten Hilfeprojekts für junge Menschen mit psychischen Problemen).

Diskussion

Ergebnisse der GBE werden in Köln für die Gesundheitsplanung eingesetzt. Zunehmend werden auch ressortübergreifende Berichterstattungen und Planungen benötigt. Dies erfordert die Beteiligung vieler Akteure mit unterschiedlichen Interessenlagen sowie die Berücksichtigung diverser Schnittstellen und Budgets. Aktuell sind in Köln übergreifende Planungsprozesse wie „Perspektiven 2030“ und ein „Masterplan Soziales“ im Aufbau begriffen. Die GBE bringt sich in diese Prozesse aktiv ein.
Frau Elisa Ostermann
Stadt Köln
Duisburg: Integrierte Berichterstattung in sozial stark benachteiligten Stadtteilen (Stefanie Ufermann, Klaus Peter Müller)
Duisburg gehört zu den Ruhrgebietskommunen, die sich, bedingt durch eine hohe Anzahl von Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien und die Zuwanderung von Familien aus Krisenregionen, mittlerweile zu einer sich verjüngenden und einwohnerstärkeren Stadt gewandelt hat. Daraus ergeben sich jedoch auch besondere Herausforderungen.

Die Stadtteile Hochfeld und Marxloh haben sich in den letzten Jahren für zugewanderte Menschen als „Ankunfts- bzw. Durchgangsortsteile“ entwickelt. Ein großer Teil der Familien lebt in extrem prekären Lebenslagen, ohne Anspruch auf Transferleistungen des SGB II und daran geknüpften Leistungen wie Kosten der Unterkunft oder Krankenversicherungsschutz.

Die im Rahmen des Landesmodellprojektes "Kommunale Präventionsketten NRW" erstellten Berichte zur Lage von Familien in Hochfeld (2015) und Marxloh (2018) basieren auf Daten verschiedener Ressorts der Stadtverwaltung und wurden durch qualitative Ergebnisse aus Expertengesprächen mit Akteuren aus den Stadtteilen ergänzt.

Auf Basis dieser Berichte wurden Fachtage veranstaltet, mit dem Ziel, die Rahmenbedingungen für ein gelingendes Aufwachsen von Kindern in diesen Stadtteilen zu verbessern.
Bei diesen Veranstaltungen sollte gemeinsam mit den örtlichen Akteuren und der Stadtverwaltung, die bestehenden Herausforderungen und Defizite benannt und die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung vorhandener Ansätze und erweiterter Maßnahmen verbindlich verabredet werden.
Der „Hochfeld-Bericht“ ermöglichte die Einrichtung einer der fünf bundesweit tätigen Clearingstellen zur Klärung des Zugangs zur gesundheitlichen Regelversorgung für Menschen ohne Krankenversicherungsschutz in Duisburg.
Darüber hinaus konnten zwei Gesundheitslotsen in Hochfeld und Marxloh für drei Jahre im Rahmen eines Präventionsprojektes finanziert werden.

Auf Grundlage einer integrierten Berichterstattung und Einbeziehung relevanter Akteure konnten erste Maßnahmen in zwei stark benachteiligten Duisburger Stadtteilen angestoßen werden.
Frau Stefanie Ufermann
Stadt Duisburg - Gesundheitsamt -
Herr Klaus Peter Müller
Integrierte Berichterstattung für eine gesamtstädtische Steuerung (Silvia Bader)

Einleitung

Integrierte Berichterstattung findet in der Stadt Gelsenkirchen in Zusammenarbeit mir den Planenden der verschiedenen Ressorts im AK Sozialraum statt. Die Planenden kommen aus nahezu allen Bereichen der Stadtverwaltung: Gesundheitsförderung, Umweltplanung, Sozialplanung, Jugendhilfeplanung, Bildungsplanung, Stadtplanung/Stadterneuerung, Statistik, Sportplanung sowie Integration und Zuwanderung. Im Rahmen des Konzepts der integrierten Berichterstattung entstand der Index, der die gesellschaftlichen Teilhabechancen von Kindern sozialräumlich abbildet. Dieser Index dient als Grundlage für eine sozialräumliche Strategieentwicklung.

Methoden

Der Partizipationsindex stellt die Teilhabechancen Gelsenkirchener Kinder nach fünf Dimensionen dar: Wirtschaftliche Lage, Integrationsvoraussetzungen, Bildungsbeteiligung, Gesundheitsbedingungen sowie Umweltbedingungen und Wohnen. Diesen Dimensionen sind Indikatoren aus dem Indikatorenkatalog zugeordnet, die standardisiert und anschließend zusammengefasst werden.

Ergebnisse

Das Ergebnis sind differenzierte Beschreibungen der 40 Sozialräume, von denen sich Handlungsschwerpunkte ableiten lassen. Es werden durch diese Vorgehensweise sowohl räumliche als auch themenfeldbezogene Ungleichheiten sichtbar und in Form eines Berichts beschrieben. Auf dieser Grundlage werden Informationen und Handlungsbedarfe in Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit transportiert.
Mit Hilfe der Daten kann der Einsatz von Ressourcen effektiv gestaltet werden, auch werden auf der Grundlage des Index Fördermittel beantragt. Beispielsweise wurden durch die Koordinierungsstelle Kommunale Prävention ressort- und akteursübergreifende Strategieworkshops initiiert, wodurch sozialräumliche und handlungsfeldbezogene Konzepte und Maßnahmen entwickelt werden.

Diskussion

Die Zusammenführung der Daten aus den verschiedenen Ressorts wird insbesondere durch die Diskussion und Zusammenarbeit mit den Planenden sowie die anschließende Reflexion mit den Akteuren vor Ort angereichert. Dadurch zeigt sich die integrierte Berichterstattung als wertvolle Grundlage für Steuerungs- und Planungsvorhaben.
Frau Silvia Bader
Stadt Gelsenkirchen
Moderne (Gesundheits)-Berichterstattung als Basis für Planungs- und Steuerungsprozesse in der Kommune (Nicole Rosenkötter, Brigitte Borrmann)
Die „Gute Praxis Gesundheitsberichterstattung (GBE)“ beschreibt die GBE als Instrument, das eine rationale Grundlage für partizipative Prozesse und gesundheitspolitische Entscheidungen liefert. Das gelingt durch eine fundierte Darstellung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung und relevanter Kontextfaktoren, der Analyse von Problemlagen und dem Aufzeigen von Handlungsbedarfen.

Während Berichte zumeist öffentlich verfügbar und sichtbar sind, bleiben die darauf folgenden Planungs- und Steuerungsprozesse oft im Hintergrund und werden auch wissenschaftlich selten beleuchtet. Im Rahmen dieser Session wollen wir verdeutlichen, warum eine gute Gesundheits- oder integrierte Berichterstattung wichtig ist und wie es gelingen kann, dass durch die Berichterstattung Planungs- und Steuerungsprozesse in der Kommune angestoßen werden.

Dazu laden wir kommunale Akteurinnen und Akteure ein, die innovative Formen der Berichterstattung entwickelt haben und deren Berichte die Grundlage für amtsinterne oder ressort-übergreifende Planungs- und Steuerungsprozesse bilden. Nach den Präsentationen sollen im Rahmen einer Podiumsdiskussion Erfahrungen zur kommunalen Berichterstattung, Planung und Steuerung diskutiert werden.

Elisabeth Ostermann (Köln): Gesundheitsberichterstattung in einer wachsenden Millionenstadt

Stefanie Ufermann (Duisburg): Integrierte Berichterstattung in sozial stark benachteiligten Stadtteilen

Silvia Bader (Gelsenkirchen): Integrierte Berichterstattung für eine gesamtstädtische Steuerung

Hanneke Schreurs (Utrecht): Raising awareness of health challenges through interpretative monitoring in the city of Utrecht
Frau Nicole Rosenkötter
Landeszentrum Gesundheit NRW
Monday
16 Sep
16:45 - 18:15
2B
Bedeutung der ungleichen Verteilung von personalen und sozialen Ressourcen für das Verständnis gesundheitlicher Ungleichheit (DGMS)
Room: HS 2B (Location: HS 2B)
Chair(s): Thomas Lampert and Raimund Geene
Psychosoziale Ressourcen, sozialer Status und Verhaltensauffälligkeiten im Jugendalter (Claudia Schmidtke, Thomas Lampert)

Einleitung

Verhaltensauffälligkeiten gehören zu den am weitesten verbreiteten Gesundheitsproblemen im Jugendalter. Untersucht wird, welche Unterschiede sich in dieser Hinsicht nach dem sozialen Status der Herkunftsfamilie zeigen und welche Rolle psychosoziale Ressourcen dabei spielen.

Methode


Die Analysen basieren auf Daten der KiGGS-Studie aus den Jahren 2014-17 (KiGGS Welle 2, n=13.205). Verhaltensauffälligkeiten werden über Elternangaben des Stärken-und-Schwächen-Fragebogens (Strengths-and-Difficulties-Questionnnaire, SDQ) für 3- bis 17-jährige Kinder und Jugendliche ermittelt. Psychosoziale Ressourcen, zu denen in KiGGS Selbstangaben der 11- bis 17-jährigen Jugendlichen vorliegen, werden mit verschiedenen Instrumenten in den Bereichen personale, familiäre und soziale Ressourcen erfasst. Der soziale Status der Familie wird anhand von Informationen zu Bildung und beruflicher Stellung der Eltern sowie dem bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen bestimmt.

Ergebnisse

Insgesamt sind 16,9% der 3- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen verhaltensauffällig. Kinder und Jugendliche aus Familien mit einem niedrigen sozialen Status sind ca. 3-bis 4-mal häufiger betroffen als die Gleichaltrigen aus der hohen Statusgruppe. Außerdem zeigt sich für alle Statusgruppen, dass Kinder und Jugendliche, die über umfassende psychosoziale Ressourcen verfügen, ein geringeres Risiko haben, verhaltensauffällig zu sein.

Diskussion

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Maßnahmen, die auf die Stärkung der psychosozialen Ressourcen von Kindern und Jugendlichen zielen, das Risiko für Verhaltensauffälligkeiten verringern. Sie zeigen damit Anknüpfungspunkte auf, um die gesundheitliche Chancengleichheit in der heranwachsenden Generation zu verbessern.
Frau Claudia Schmidtke
Robert Koch-Institut
Macht Musizieren resilient? Untersuchung sozialer, familiärer und personaler Ressourcen für die psychische Gesundheit von Jugendlichen (Nele Groß)
Die in dem BMBF geförderten Projekt „Wirkungen und langfristige Effekte musikalischer Angebote“ (WilmA) erhobenen Daten wurden unter Annahme der sozial-ethischen Transfererklärungen auf die Frage hin untersucht, ob Schüler/innen, die ein Instrument erlernen, resilienter gegenüber Alltagsbelastungen (daily hassles) sind, als Gleichaltrige ohne entsprechende musikalische Förderung. Analysiert wurde der Einfluss vom Instrumentalspiel auf interne (personelle) und externe (soziale und familiäre) Ressourcen.

Insgesamt konnten mittels Fragebögen quantitative Daten von 745 Schüler/innen aus 21 Klassen der Sekundarstufe I in Hamburg und Nordrhein-Westfalen erhoben werden. Unter Verwendung eines Strukturgleichungsmodells wurden die genannten Ressourcen hinsichtlich ihrer Auswirkung auf die subjektiv wahrgenommenen physiologischen und vegetativen Aspekte der psychischen Gesundheit hin untersucht. Zur Beantwortung der abgeleiteten Fragestellungen wurden zunächst die sich aus den genannten Ressourcen ergebenden Pfade isoliert untersucht und anschließend sukzessiv bei paralleler Betrachtung der latenten Konstrukte in einem Strukturgleichungsmodell modelliert. Das Strukturgleichungsmodell zeigt einen guten Modell-Fit (χ² = 415.057/ p = < 0.000/ df = 244/ RMSEA = 0.031/ CFI = 0.960/ TLI = 0.955/ SRMR = 0.045) und auf den 24 Items der 5 Messmodelle ausreichend hohe Faktorladungen (> .50).

Auch wenn sich die Ergebnisse der Schüler/innen mit und ohne Instrumentalunterricht bei paralleler Betrachtung aller Ressourcen im Strukturgleichungsmodell durch einen Gruppenvergleich nicht signifikant unterscheiden, ergab sich ein signifikanter Gruppenunterschied der Substichproben hinsichtlich der sozialen Ressourcen, gemessen als soziale Integration innerhalb der Klassengemeinschaft, zu Gunsten derjenigen Jugendlichen mit Instrumentalspiel.

Geförderte schulische Programme ermöglichen es Kinder und Jugendliche aus Familien mit einem geringen sozioökonomischen Status Ressourcen durch Transfereffekte zu fördern und damit zu einem Erhalt der psychischen Gesundheit beizutragen.
Frau Dr. Nele Groß
Georg-August-Universität Göttingen
Ressourcenstärkung durch Familiäre Gesundheitsförderung (Raimund Geene)

Einleitung

„Familiäre Gesundheitsförderung“ ist ein Rahmenkonzept, dass sich aus Ergebnissen verschiedener Forschungsprojekte speist. Dargestellt werden Anforderungen und Chancen für Gesundheitsförderung und Prävention, einerseits entlang der Lebensphasen – Schwangerschaft, Geburt, Familiengründung, frühe Kindheit, Schule, Jugendzeit und berufliche Einfädelung, andererseits auf Lebenslagen ausgerichtet, wobei der Augenmerk auf Kinder- und Familienarmut, psychische und Suchterkrankungen sowie weitere besondere Belastungen liegen.

Methoden

Das Konzept der Familiären Gesundheitsförderung greift u.a. Studien auf zu Netzwerken in Frühen Hilfen (für das Nationale Zentrum Frühe Hilfen), zur familienbezogenen Prävention von Kinderübergewicht (für das Bundesministerium für Gesundheit), zur Gesundheitsförderung bei Alleinerziehenden sowie Umsetzungsmöglichkeiten des Präventionsgesetzes (für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die gesetzlichen Krankenkassen). Zudem knüpft es an die Gesundheitsziele (gesundheitsziele.de) zu Kita-Gesundheit und zu Gesundheit rund um die Geburt an.

Ergebnisse

Familiäre Gesundheitsförderung sollte als kommunale ebenso wie als überregionale Strategie nutzerorientiert ausgerichtet sein. Dabei ist die Autonomie der Familien zu respektieren – nicht sie in ihrer Privatheit, sondern die Rahmenbedingungen familiärer Lebenswelten sind auf Gesundheitsförderung zu orientieren. Dass ein solches wertschätzendes Konzept, das auf Partizipation und Ressourcenstärkung orientiert, die gesundheitliche und soziale Lage von Familien verbessern kann, zeigen ermutigende Beispiele mit Präventionsketten.

Diskussion

In der kommunalen Praxis bereits gut erprobt, mangelt es jedoch an (überregionalen) Vernetzungsstrategien, die den hier dargestellten Ansatz stärken. Um diese Lücke zu schließen, wird die Gründung eines Praxis- und Forschungsverbundes vorgeschlagen. Davon ist zu erwarten, dass dieser den Erfahrungsaustausch stärkt und Anknüpfungspunkte bietet in neue fachliche politische Initiativen wie etwa das „Nurturing Care Framework“ der WHO vom Mai 2018 oder hinsichtlich der Planungen zum Aufbau eines DZKJ.
Herr Prof. Dr. Raimund Geene
Hochschule Magdeburg-Stendal
Bedeutung der ungleichen Verteilung von personalen und sozialen Ressourcen für das Verständnis gesundheitlicher Ungleichheit (Thomas Lampert, Raimund Geene)

Zusammenfassung

Die Organisation, Moderation und Ergebnissicherung wird von den Sprechern der AGs Thomas Lampert (AG Sozialepidemiologie) und Raimund Geene (AG Kinder- und Jugendgesundheit) übernommen

Erstautor Beitrag 1, Titel Beitrag 1

Claudia Schmidtke, Thomas Lampert (Robert Koch-Institut, Berlin)
Psychosoziale Ressourcen, sozialer Status und Verhaltensauffälligkeiten im Jugendalter. Ergebnisse der KiGGS-Studie 2014-17

Erstautor Beitrag 2, Titel Beitrag 2

Nele Groß (Georg August-Universität, Göttingen)
Macht musizieren resilient? Untersuchung sozialer, familiärer und personaler Ressourcen für die psychische Gesundheit von Jugendlichen

Erstautor Beitrag 3, Titel Beitrag 3

Raimund Geene (Alice Salomon Hochschule, Berlin)
Ressourcenstärkung durch Familiäre Gesundheitsförderung

Herr PD Dr. Thomas Lampert
Robert Koch-Institut
Herr Raimund Geene
Alice Salomon Hochschule
Wednesday
18 Sep
14:45 - 16:15
9A
„Wie wirkt Sozialmedizin?“ — Praktische Sozialmedizin und Rehabilitation (DGSMP)
Room: HS 2A (Location: HS 2A)
Chair(s): Wolfgang Wagener and Britta Manegold
"Wie wirkt Sozialmedizin?" (Wolfgang Wagener, Elisabeth Breithaupt, Britta Manegold)
Wie wirkt Sozialmedizin?

Die enorme Bandbreite der Sozialmedizin und das praktische Handeln auf Grundlage sozialmedizinischer Kenntnis im ärztlichen Alltag sind bei ärztlichen KollegInnen und in der deutschen Gesellschaft nur wenigen bewußt. Die Arbeitsgruppe Strukturen der Fort- und Weiterbildung im Fachbereich Praktische Sozialmedizin und Rehabilitation der DGSMP führt es vor. An einer sich auffaltenden Kasuistik wird deutlich, welche Schritte für einzelne Individuen nach Akutbehandlung oder bei chronischer Erkrankung in Deutschland einzuleiten sind und welche Chancen daraus resultieren. Alle im Gesundheitswesen Tätigen sind gesetzlich verpflichtet, Teilhabe ihrer Mitmenschen weitest möglich anzustreben: medizinisch, beruflich und sozial. Diese Aufgabe wird zunehmend verdrängt, auch durch Politik und Strukturvorgaben. Jeden ist klar: Ökonomisierung, „Industrialisierung“ und Monopolisierung in der Medizin löst keine menschlichen Probleme der Betroffenen. Sie suchen Hilfe, Rat und Unterstützung, denn der Mensch ist ein Beziehungswesen! Verstärkt, wenn er beeinträchtigt ist! Für ärztliches Handeln ist Sozialmedizin unverzichtbar! Hier wird dargelegt, warum und wie es geht.

Thomas Gaertner - Thema: Gesetzliche Krankenversicherung

Wolfgang Wagener - Thema: Deutsche Rentenversicherung

Birgit Asmuth - Thema: Arbeitslosenförderung
Herr Dr. med. Wolfgang Wagener M. A.
Deutsche Rentenversicherung Rheinland
Frau Elisabeth Breithaupt
Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Nordrhein
Tuesday
17 Sep
15:00 - 16:30
5B
Global Health aus sozialwissenschaftlicher Perspektive (Gesundheitssoziologie & Medizinische Soziologie (DGMS))
Room: HS 2B (Location: HS 2B)
Chair(s): Nico Vonneilich, Kirstin Grosse Frie and Nadine Reibling
Global Health aus sozialwissenschaftlicher Perspektive (Gesundheitssoziologie & Medizinische Soziologie (DGMS)) (Nico Vonneilich, Kirstin Grosse Frie)
Session „The Role of Social Sciences in Global Health“

Michael Knipper – Introduction to Global Health from a social science perspective
Jimoh Amzat – Social Science in Global Health – A discourse of realities
Jamie Lee Harder - Empirical mixed-methods research in the context of global health - opportunities and challenges for social scientists in developing and emerging countries
Kirstin Grosse Frie – Global Health Governance in Germany and opportunities for Medical Sociologists

Chairs: Kirstin Grosse Frie, Nadine Reibling, Nico Vonneilich

Michael Knipper is a medical doctor and historian, who works and teaches at the Department of History of Medicine at the Justus-Liebig Universität Giessen. He has been rewarded for his engagement and his excellent teaching on Global Health with univserity awards.

Jimoh Amzat holds a PhD from University of Ibadan, Nigeria and a joint Master of Bioethics from Katholieke Universiteit Leuven, Belgium; Radboud University, The Netherlands; and University of Padua, Italy. He is currently an Associate Professor at the Department of Sociology, Usmanu Danfodiyo University, Sokoto (UDUS), Nigeria. His research work focuses on the African context of various health issues.

Jamie Lee Harder is a PhD student at the chair for sociology of health and healthcare systems at University Siegen. She counts with empirical research experiences in Cambodia and Mexico, as well as practical experiences as intern in the Federal Ministry for Economic Cooperation and Development, Bonn; UNICEF Norway, Oslo; and GIZ Cambodia, Phnom Penh.
Herr Dr. Nico Vonneilich
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Wednesday
18 Sep
09:00 - 10:30
7C
Next Level BGM: wie sieht die nächste Evolutionsstufe im betrieblichen Gesundheitsmanagement aus? (DGSMP)
Room: HS 2C (Location: HS 2C)
Chair(s): Arnd Schaff
Next Level BGM: wie sieht die nächste Evolutionsstufe im betrieblichen Gesundheitsmanagement aus? (Arnd Schaff)
Workshop der AG 7 (FB4) – Betriebliche Gesundheitsförderung

Die Arbeitswelt befindet sich im Umbruch: Arbeit 4.0 ist in aller Munde, angetrieben durch Digitalisierung, Virtualisierung und Globalisierung. Nachdem die letzte Welle der Automation insbesondere einfachere Industrietätigkeiten erfasst hat, und auch die Globalisierung vor allem durch Verlagerungen Einfluss auf die Industriearbeit genommen hat, sind nun auch höher- und höchstwertige Tätigkeitsfelder immer stärker von den drei großen Trends betroffen.

Der Einkäufer von Morgen ist nun vom Home Office als Freelancer für 4 Unternehmen auf 3 Kontinenten tätig. Der Arzt interagiert von seiner Praxis aus mit einem Medizinroboter, um auch weit entfernte Patienten zu betreuen. Die Entwicklerin arbeitet abends, nachdem die Kinder schlafen gegangen sind, in einer virtuellen 3-D Laborsimulation an neuen Produkten. Eine Arbeitsgruppe wird von einer künstlichen Intelligenz geführt. Auch wenn diese Beispiele zum Teil noch weit entfernt zu sein scheinen, geht es schon heute um die Entwicklung passender präventiver Gesundheitskonzepte.

Betriebliches Gesundheitsmanagement befindet sich zurzeit auch in einer Digitalisierungswelle: Apps versprechen durch Mobilität und Interaktivität neue Zugänge zu Gesundheit, neue Formen der Datenanalyse erlauben zielgerichteteres Handeln und der Gamification-Faktor soll die Motivation steigern.

Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage: reichen die aktuellen Antworten des BGM auf die drei großen Trends aus? Oder steht BGM, trotz all der neuen technischen Möglichkeiten, den neuen Herausforderungen eigentlich ohne Lösung und eher hilflos gegenüber? Worin besteht die nächste Stufe der Evolution des BGM wirklich?

1. Impulsbeitrag
Herr Prof. Dr. Arnd Schaff, Institut für Gesundheit & Soziales, FOM Hochschule:
„Next Level BGM: Trends, Herausforderungen und Lösungsansätze“

2. Überleitung

3. Gemeinsamer Workshop (Bearbeitung in Gruppen oder im Plenum, je nach Teilnehmerzahl)
Welche Herausforderungen sind in der betrieblichen Gesundheit aus den drei Trends zu erwarten?
Welche BGM Ansätze sind zur Adressierung der Herausforderungen vorhanden – oder fehlen?
Welches Bild von BGM muss sich also daraus entwickeln?

4. Diskussion

5. Fazit
Herr Prof. Dr. Arnd Schaff
FOM Hochschule Institut für Gesundheit & Soziales
Wednesday
18 Sep
14:45 - 16:15
9G
Nachwuchs (DGMS / DGSMP)
Room: U1.37 (Location: U1.37)
Chair(s): Laura Arnold and Jens Hoebel
Nachwuchs trifft Praxis (Laura Arnold, Jens Hoebel)
Mit den Karrierewegen innerhalb der Wissenschaft kennen sich die meisten Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler oftmals sehr gut aus. Aber wie steht es um die Kenntnisse weiterer Perspektiven außerhalb von Hochschule und klassischen Forschungseinrichtungen? Welche Wege führen in die außerhochschulische Praxis? Und ganz besonders wichtig: Welche Kompetenzen erwartet die Praxis von Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen?
Im Rahmen des gemeinsamen von den beiden Nachwuchsgruppen der DGMS und DGSMP organisierten Workshops versuchen wir diese und weitere Fragen im direkten Dialog mit erfahrenen Praktikern in Leitungsfunktionen zu klären.
Zwei Vertreterinnen außerhalb des Hochschulbetriebs werden uns hierzu zum einen einen Einblick in den eigenen Karriereweg geben und verschiedene Praxisfelder vorstellen, zum anderen im Gespräch Fragen bezüglich möglicher Zugangswege, Hürden und Herausforderungen sowie Chancen und Perspektiven rund um ihr Praxisfeld darstellen.

Referentinnen:

Christiane Grote
Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen e.V.
Leiterin Gruppe Gesundheits- und Pflegemarkt

Dr. Dagmar Starke
Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf
Bereichsleitung: Veranstaltungsmanagement
Referentin für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitsförderung und Prävention
Frau Laura Arnold
Ludwig-Maximilians-Universität München
Herr Jens Hoebel
Robert Koch-Institut, Berlin
Tuesday
17 Sep
11:00 - 12:30
4F
Methoden (DGMS)
Room: U1.36 (Location: U1.36)
Chair(s): Matthias Nübling and Daniel Lüdecke
Einführung in die qualitative Gesundheitsforschung – Methoden der Datenerhebung und -auswertung (Laura Hoffmann)
Qualitative Forschungsmethoden gewinnen in der gesundheits- und medizinsoziologischen Forschung in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung.
Sie ermöglichen u.a. durch ihre Subjektorientierung die Erhebung subjektiver Sichtweisen, die Untersuchung individueller Handlungs- und Deutungsmuster sowie die Erforschung komplexer und zum Teil unsichtbarer Prozesse und tragen so zum Auffinden bisher unbekannter Sachverhalte bei. Außerdem liefern sie durch tiefergehende Analysen Ansätze zur Erläuterung bisher nicht erklärbarer Zusammenhänge.
Die Zunahme qualitativer Forschungsvorhaben in der medizinsoziologischen Forschung zeigt, dass die Möglichkeiten und Chancen qualitativer Methoden nach und nach erkannt wurden und sie zunehmend in Forschungsprojekten alleinstehend oder auch in Mixed-Methods Studien Anwendung finden. Trotzdem qualitative Methoden an Bedeutung gewinnen, haben sie längst nicht den Stellenwert erreicht, der ihnen in anderen Forschungsdisziplinen zukommt. Auch ihr breites Repertoire unterschiedlicher Arten der Datenerhebung und ‑auswertung, wird im Bereich der medizin- bzw. gesundheitssoziologischen Forschung bislang kaum ausgeschöpft. Zudem herrscht oft Unsicherheit bei der adäquaten Auswahl und Anwendung qualitativer Verfahren.
Ziel des Vortrages ist es eine theoretische Einführung in die Erhebungs- und Auswertungsmethoden qualitativer Forschung zu geben. Dabei soll insbesondere die Vielfältigkeit qualitativer Forschungsverfahren aufgezeigt werden, um zukünftig die Anwendungsgebiete qualitativer Forschung in der Medizin- und Gesundheitssoziologie auszubauen und zu erweitern.

Frau Laura Hoffmann MA
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Die Bedeutung und Nutzung von PROs von PatientInnen mit Darmkrebs im klinischen Alltag onkologischer Beschäftigter (Clara Breidenbach, Nora Tabea Sibert)
Fragestellung: Inwiefern können PROs von an Darmkrebs erkrankten Menschen im klinischen Alltag genutzt und implementiert werden?
Hintergrund: Patient-reported outcomes (PROs) werden immer häufiger nicht nur in der Versorgungsforschung, sondern direkt für die klinische Nutzung erfasst. Die Frage, inwiefern sich die so vom Patienten bzw. von der Patientin erfassten krankheitsbezogenen Symptome und Funktionen auch direkt im klinischen Alltag (zum Beispiel zur Therapieplanung oder - evaluation) nutzen lassen können, ist noch nicht beantwortet. Im Rahmen der EDIUM-Studie (Ergebnisqualität bei Darmkrebs: Identifikation von Maßnahmen und Unterschieden zur flächendeckenden Qualitätsentwicklung) werden zunächst prätherapeutisch und anschließend 12 Monate später posttherapeutisch PROs von an Darmkrebs erkrankten Menschen, die in DKG-zertifizierten Darmkrebszentren behandelt werden, erhoben. Diese stehen den teilnehmenden Zentren auch direkt für die patientenindividuelleTherapieplanung zur Verfügung. Eine Forschungsfrage von EDIUM ist es nun, herauszufinden, inwiefern onkologisch Beschäftigte (z. B. ÄrtzInnen, PflegerInnen, PsychoonkologInnen) diese PROs sinnvoll im klinischen Alltag nutzen können.
Methode: Geplant ist eine qualitative Untersuchung, bei dem in den Zentren onkologisch Beschäftigte in Einzelinterviews befragt werden sollen zu ihrer generellen Einstellung und ihren Erwartungen PROs gegenüber, sowie zu Möglichkeiten der Implementierung von PROs in den klinischen Alltag. Anschließend an das Hauptinterview sollen verschiedene Darstellungsmöglichkeiten von PROs von den Interviewten diskutiert und gegebenenfalls bewertet werden. Die Ergebnisse sollen inhaltsanalytisch nach Mayring ausgewertet werden.
Im Workshop zu diskutierende Ergebnisse: Zum Kongress liegt der Leitfaden für die Interviews vor, der innerhalb des Workshops diskutiert werden kann. Falls erste InterviewpartnerInnen gefunden wurden, ist auch mit erstem Interviewmaterial zu rechnen, das im Rahmen der Veranstaltung vorgestellt werden kann.
Frau Clara Breidenbach
Deutsche Krebsgesellschaft e. V.
Workshop AG Methoden zusammen mit AG Nachwuchs (Matthias Nübling, Daniel Lüdecke)

Zusammenfassung


Erstautor Beitrag 1, Titel Beitrag 1

Laura Hoffmann:
Einführung in die qualitative Gesundheitsforschung – Methoden der Datenerhebung und -auswertung

Erstautor Beitrag 2, Titel Beitrag 2

Clara Breidenbach und Nora Tabea Sibert:
Die Bedeutung und Nutzung von PROs von PatientInnen mit Darmkrebs im klinischen Alltag onkologischer Beschäftigter

Erstautor Beitrag 3, Titel Beitrag 3


Erstautor Beitrag 4, Titel Beitrag 4


Erstautor Beitrag 5, Titel Beitrag 5

Herr Dr. Matthias Nübling
FFAW: Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften GmbH
Studium Soziologie, Promotion Sicherheitstechnik, Studienleiter Befragungen COPSOQ
Monday
16 Sep
16:45 - 18:15
2C
Geschichte von Sozialmedizin (DGSMP)
Room: HS 2C (Location: HS 2C)
Chair(s): Benjamin Kuntz, Joseph Kuhn and Gabriele Moser
200. Geburtstag von Salomon Neumann (1819-1908) (Benjamin Kuntz, Joseph Kuhn, Gabriele Moser)

Zusammenfassung

Am 22. Oktober 2019 jährt sich der Geburtstag des Sozialmediziners Salomon Neumann (1819-1908) zum 200. Mal. Die AG Geschichte von Sozialmedizin, Sozialhygiene und Public Health innerhalb der DGSMP möchte das bevorstehende Jubiläum zum Anlass nehmen, um an das Leben und Wirken des Namensgebers der seit 1986 von der DGSMP verliehenen Salomon-Neumann-Medaille zu erinnern. Hierfür werden zwei Referenten eingeladen, deren Vorträge sich aus unterschiedlichen Perspektiven dem Wissenschaftler, Politiker und Privatmensch Salomon Neumann widmen.

Erstautor Beitrag 1, Titel Beitrag 1

Günter Regneri, Berlin, Autor der 2011 bei Hentrich & Hentrich veröffentlichten Biographie über Salomon Neumann

Erstautor Beitrag 2, Titel Beitrag 2

Prof. Dr. Heinz-Peter Schmiedebach (ehemals UKE Hamburg und Charité Berlin)

Herr Dr. Benjamin Kuntz
Robert Koch-Institut
Tuesday
17 Sep
09:00 - 10:30
3B
Präventionsberichterstattung — kritische Würdigung des 1. Nationalen Präventionsberichtes (DGSMP)
Room: HS 2B (Location: HS 2B)
Chair(s): Dagmar Starke, Bertram Szagun, Laura Arnold and Eva Maria Bitzer
Präventionsberichterstattung - kritische Würdigung des 1. Nationalen Präventionsberichtes (Dagmar Starke, Bertram Szagun, Laura Arnold, Eva Maria Bitzer)

Zusammenfassung

Die Fachbereiche I (Epidemiologie), IV (ÖGD / Public Health), III (Prävention und Gesundheitsförderung) sowie die AG Nachwuchs der DGSMP organisieren gemeinsam diesen Workshop. Im vergangenen Jahr haben die Organisator*innen sich mit verschiedenen Formen der Präventionsberichterstattung und damit einhergehenden methodischen Herausforderungen sowie der wechselseitigen Beeinflussung des Systems durch das Präventionsgesetz sowie des Einflusses sich infolge dessen verändernder Strukturen auf das System auseinander gesetzt. Im Juli 2019 wird der 1. Nationale Präventionsbericht veröffentlicht. Dieser soll vor dem Hintergrund der beschriebenen Herausforderungen näher beleuchtet und kritisch betrachtet werden.
Frau Dr. phil. Dagmar Starke
Akademie für öffentliches Gesundheitswesen
Herr Prof. Dr. Bertram Szagun MPH
Hochschule Ravensburg-Weingarten
Frau Laura Arnold
Ludwig-Maximilians-Universität München
Frau Eva Maria Bitzer
Pädagogische Hochschule Freiburg
Wednesday
18 Sep
13:00 - 14:30
8B
Wirksamkeit von Verhältnisprävention und Gesundheitsförderung — Einblick in andere Politikbereiche (DGSMP)
Room: HS 2B (Location: HS 2B)
Chair(s): Eva Maria Bitzer, Frank Lehmann and Susanne Jordan
Wirksamkeit von Verhältnisprävention und Gesundheitsförderung - Einblick in andere Politikbereiche (Eva Maria Bitzer, Frank Lehmann, Susanne Jordan)
Die Überprüfung der Wirksamkeit von verhältnisorientierten Maßnahmen hat in verschiedene Politikbereichen Eingang gefunden. Vor dem Hintergrund des Gesundheit-in-allen-Politikfeldern-Ansatzes (Health in All Policies) ist es für Public Health interessant, von den Erfahrungen aus anderen Politikfeldern zu lernen, in denen Politikmaßnahmen bereits überprüft wurden, die an den Rahmenbedingungen (Verhältnissen) ansetzen. In dem Workshop werden hierzu aus mehreren Politikbereichen Ansätze, Methoden (mixed methods, Studiendesign, etc.) und Ergebnisse vorgestellt, die für eine Übertragbarkeit auf Verhältnisprävention und Gesundheitsförderung interessant erscheinen. Dabei wurden Politikfelder ausgewählt, die für Health in All Policies relevant sind, da sie die sozialen Determinanten von Gesundheit beeinflussen wie Wohnen/Stadtentwicklung, Arbeit, Umwelt oder Ernährung. Nach einer kurzen Einführung sind drei Beiträge geplant, auf deren Grundlage dann das Potenzial der vorgestellten Ansätze für Verhältnisprävention und Gesundheitsförderung gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Workshops diskutiert werden.

Prof. Dr. Holger Bonin, Forschungsdirektor am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn wird über seine Erfahrung zur Wirksamkeitsforschung aus den Bereichen Mindestlohn und der Situation von Geflüchteten berichten.

Dr. Reinhard Aehnelt vom IfS Institut für Stadtforschung und Strukturpolitik in Berlin wird Methoden und Erkenntnisse aus der Evaluation des Städtebauförderungsprogramms Soziale Stadt vorstellen, die für die Evaluation von verhältnispräventiven Maßnahmen Anknüpfungspunkte bieten.

Dr. Jürgen Bender, Leiter der AG Monitoring und Bewertung von Luftschadstoffe des Heinrich von Thünen-Institut - Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei. Standort Brauschweig berichtet über die Wirkungsforschung zur Luftreinhaltung (angefragt).

Frau Eva Maria Bitzer
Pädagogische Hochschule Freiburg
Monday
16 Sep
15:00 - 16:30
1D
Partizipative Gesundheitsforschung: Wie kann die Lehre, Forschung und Gesundheitssystementwicklung von der Partizipation der Zielgruppe profitieren?
Room: HS 2D (Location: HS 2D)
Chair(s): Ina Rashid and Theresia Krieger
Was ist Partizipative Gesundheitsforschung (PGF)? Eine Einführung in die Ziele, Kriterien, Instrumente der PGF. (Theresia Krieger, Ina Rashid)

Einleitung

Das Wort Partizipation wird derzeit in Deutschland inflationär benutzt. Zudem ist die Beteiligung der Zielgruppe oder der Serviceanbieter am Forschungs-, Implementierungs- oder Evaluierungsprozess unzureichend in Publikationen beschrieben. Partizipation ist ein Prozess. Um partizipativ zu arbeiten, ist es sinnvoll sich mit den unterschiedlichen Partizipationsgraden oder Typologien auseinander zu setzen, diese während des Projektes kritisch zu reflektieren und detailgenau in der Publikation zu beschreiben. Hohe Partizipationsgrade sind für manche Projektphasen besonders vorteilhaft, z.B. Initiierungsphase.
Partizipative Gesundheitsforschung (PGF) ist ein innovativer Ansatz, bei dem die am Prozess beteiligten Personen als Co-Forscher diachron agieren. PGF kann vielfältig im Gesundheits-system angewendet werden. Um ein PGF-Projekt erfolgreich durchzuführen, bedarf es jedoch eines Perspektivenwechsels und einiger Kompetenzen sowie Fähigkeiten.

Methoden

In einem Impulsvortrag lernen die Teilnehmer die Ziele, Merkmale, Prinzipien und Instrumente der PGF kennen. Mit einer Partizipationstypologie werden die unterschiedlichen Partizipationsgrade im Zusammenhang mit dem Forschungsziel erläutert. Anhand eines exemplarischen Projektzyklus werden die Unterschiede des `bottom-up´ Ansatzes zum klassischen `top-down´ Ansatz heraus gearbeitet sowie die unterschiedlichen Rollen in einen partizipativen Forschungsteam (externer Impulsgeber, Co-Forscher, kritischer Freund) näher beleuchtet.

Ergebnisse

Das Interesse an dem innovativen PFG Ansatz soll geweckt werden. Teilnehmer können PGF von anderen Ansätzen unterscheiden, haben einige partizipative Instrumente kennengelernt und können unterschiedliche Partizipationsgrade und deren Wirkung in einem Projekt erkennen. Zudem soll eine kritische Reflektion des Partizipationsbegriffes bei den Teilnehmern im Bereich Gesundheit anstoßen werden.

Diskussion

Der PGF-Ansatz bedarf anderer Voraussetzungen, Ressourcen und Fähigkeiten, als klassische `top-down´ Forschung. Mögliche Herausforderungen und Erfahrungen mit der PGF sollen mit den Teilnehmern diskutiert werden.
Frau Ina Rashid
Frau Theresia Krieger
Partizipative Ist- und Bedarfsanalyse des geriatrischen multidisziplinären Teams zur passgenauen Unterstützung pflegender Angehörigen. (Theresia Krieger)

Einleitung

Pflegende Angehörige sind das Rückgrat der Gesellschaft. Sie übernehmen einen wichtigen Teil der Versorgung im häuslichen Setting. Durch den medizinischen Fortschritt und den demographischen Wandel steigt der Bedarf an unentgeltlicher, informeller Pflege kontinuierlich. Das multiprofessionelle geriatrische Team der Rhein-Maas Klinik (Würselen, NRW) ist sich der multiplen Herausforderungen der prospektiven pflegenden Angehörigen bewusst, jedoch fehlt ein Konzept, um Angehörige bedarfsorientiert auf ihre neue Rolle vorzubereiten.
Mit dem PGF-Ansatz wurde in dem geriatrischen Setting initial eine Ist- und Bedarfsanalyse zur Unterstützung pflegender Angehöriger durchgeführt.

Methoden

Einleitend wird die geriatrische Abteilung und das Thema pflegende Angehörige skizziert. Anhand des Projektzyklus wird die Durchführung der Ist- und Bedarfsanalyse mit dem PFG Ansatz veranschaulicht. Die Phasen der Projektinitiierung und Datenauswertung werden detailliert dargestellt und Ergebnisse beschrieben. Abschließend werden die Teilnehmer aufgefordert die Herausforderungen und den Benefit dieses PGF-Projektes aus ihrer Sicht kritisch zu reflektieren.

Ergebnisse

Anhand des praxiserprobten Projektes werden die möglichen Herausforderungen bei der Umsetzung eines PFG-Projekts herausgearbeitet. Teilnehmer werden für die kritische Reflektion der Partizipationsgrade im Projektzyklus sensibilisiert. Zugleich sollen sie ermutigt werden sich im Gesundheitsbereich einer Fragestellung mit dem partizipativen Ansatz zu nähern.

Diskussion

PGF kann auch im `top-down´ geführten Akutkrankenhaus erfolgreich durchgeführt werden. Der innovative Ansatz befähigt Praktiker und Forscher insbesondere komplexe Fragestellungen im „co-kreativen“ Prozess gemeinsam `bottom-up´ zu bearbeiten. Vielfältige partizipative Instrumente bestärken Co-Forscher (Praktiker) und professionelle Forscher in ihrer professionellen in individuellen Entwicklung (empowerment). Um PGF im hierarchischen Krankenhaussetting zu realisieren, bedarf es der Unterstützung des mittleren Managements, z.B. bei der Ressourcenbereitstellung.
Frau Theresia Krieger
Bestandsaufnahme der Erwartungen und Motivationsfaktoren bei der digitalen Wissens-vermittlung im Gesundheitssektor: die Perspektive der Anwender. (Ina Rashid)

Einleitung

Digitalisierung tangiert alle wesentlichen Bereiche des modernen Lebens und hat auch den akademischen Bildungssektor längst erreicht. Aktuell nutzen die meisten deutschen Hochschulen nur einen kleinen Teil der Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung in der Lehre eröffnen. Zudem findet die Konzeptentwicklung und –implementierung oft ohne die Einbindung der Empfänger (Studierende) statt, was zu „Kinderkrankheiten“ während der Implementierung sowie gefühlten Qualitätsverlusten und Akzeptanzproblemen führt. Im vorliegenden Projekt wurden Nachwuchsforscher ermutigt, sich mit dem partizipativen Forschungsansatz zu befassen sowie neue methodologische Erhebungsinstrumente auszuprobieren.

Methoden

Zur Orientierung wird das Projekt aus dem Hochschulkontext kurz skizziert. Die im Projekt beteiligten Co-Forscher (Studierende des Gesundheitsbereiches) haben demokratisch entschieden die Erwartungen und Bedürfnisse ihrer Peergruppe mittels Structured Interview Matrix (SIM) zu erheben. SIM, als innovative und partizipative qualitative Methode, wird den Teilnehmern des Workshops vorgestellt. Zudem werden die verschiedenen Aspekte in der Planung, Durchführung und Auswertung von SIM erarbeitet. Abschließend sollen die Chancen und Herausforderungen von SIM mit den Teilnehmern reflektiert und diskutiert werden.

Ergebnisse

Die Teilnehmer lernen die SIM Methode kennen und wissen mit welchen Vor- und Nachteilen diese Forschungsmethode verbunden ist. Der kritische Diskurs zur Anwendung von SIM soll einen Impuls setzen, um neue Methoden zu denken und ggf. in Projekten im Hochschulkontext zu erproben.

Diskussion

Der partizipative Forschungsansatz eröffnet zahlreiche Möglichkeiten aus dem klassischen Methodenrahmen herauszutreten und neue Wege zu beschreiten. Die frühzeitige und ganzheitliche Einbindung die Studierenden kann sich positiv auf die Lehrqualität auswirken. Zusätzlich wird bei Nachwuchswissenschaftlern ein Verständnis für den partizipativen Forschungsansatz entwickelt, welche praxistaugliche und qualitative hochwertige Lösung hervorbringt.
Frau Ina Rashid
Partizipative Gesundheitsforschung: Wie kann die Lehre, Forschung und Gesundheitssystementwicklung von der Partizipation der Zielgruppe in profitieren? (Ina Rashid, Theresia Krieger)

Zusammenfassung

Aktuelle Fragestellung im Bereich Gesundheit und Gesundheitssystementwicklung sind häufig komplex. Sie unterliegen fortwährend dynamischen Entwicklungen und stellen Forscher und Lehrende immer wieder vor neue Herausforderungen. Differenzierte Kenntnisse bezüglich der Strukturen und Arbeitsweisen im Gesundheitssystem sowie der verschiedenen Akteure und deren Bedürfnisse sind unabdinglich, um Forschungsprojekte und systemische Verbesserungen anwenderorientiert zu konzipieren und implementieren. Jedoch werden oft Forschungsprojekte oder Neuerungen `top-down´, ohne Einbeziehung der wichtigsten Stakeholder (z.B. Zielgruppe, Serviceanbieter), entwickelt, was zwangsläufig zu Implementierungs- und Akzeptanzproblemen führt.
Partizipative Gesundheitsforschung (PGF) ist ein innovativer `bottom-up´ Ansatz, welcher die Stakeholder als Co-Forscher von Beginn an und diachron in den Prozess einbezieht. Mit PGF kann neues, multiperspektivisches und praxisrelevantes Wissen generiert werden. Darüber hinaus können praxistaugliche, komplexe und qualitative hochwertige Lösungen im Gesundheitssystem entwickelt, implementiert und evaluiert werden. Zugleich erfahren die am Forschungsprozess beteiligten Co-Forscher eine professionelle Weiterentwicklung und Stärkung in ihrer Profession (empowerment). Für Gesundheits- und Sozialwissenschaftler kann PGF sehr gewinnbringend sein.

Erstautor Beitrag 1, Titel Beitrag 1

Theresia Krieger, Universität Maastricht, theresia.krieger@maastrichtuniversity.nl
Ina Rashid, Hochschule für Gesundheit, Bochum, ina.rashid@hs-gesundheit.de
Was ist Partizipative Gesundheitsforschung (PGF)? Eine Einführung in die Ziele, Kriterien, Instrumente der PGF.

Erstautor Beitrag 2, Titel Beitrag 2

Ina Rashid, Hochschule für Gesundheit, Bochum, ina.rashid@hs-gesundheit.de
Bestandsaufnahme der Erwartungen und Motivationsfaktoren bei der digitalen Wissensvermittlung im Gesundheitssektor: die Perspektive der Anwender.

Erstautor Beitrag 3, Titel Beitrag 3

Theresia Krieger, Universität Maastricht, theresia.krieger@maastrichtuniversity.nl
Partizipative Ist- und Bedarfsanalyse des geriatrischen multidisziplinären Teams zur passgenauen Unterstützung pflegender Angehörigen.

Erstautor Beitrag 4, Titel Beitrag 4


Erstautor Beitrag 5, Titel Beitrag 5

Frau Ina Rashid
Frau Theresia Krieger
Wednesday
18 Sep
13:00 - 14:30
8D
Neue Ideen für die Gendermedizin in Lehre und Forschung
Room: HS 2D (Location: HS 2D)
Chair(s): Miriam Engels and Simone Weyers
Die Geschlechterbrille und ihre Anwendung in der medizinischen Ausbildung (Miriam Engels, Anja Vervoorts, Simone Weyers)
Einleitung
Die Geschlechterbrille ist ein didaktisches Instrument, mit der Studierende in Bezug auf eine Erkrankung Geschlechterunterschiede in Häufigkeit, Diagnose, Verlauf, Therapie, Prävention und Rehabilitation analysieren können. Sie ermöglicht neben der Analyse von biologischen Unterschieden auch eine differenzierte Betrachtung potentieller sozialer Ursachen: Einstellungen/Verhaltensweisen, Familie/Soziale Netzwerke, Arbeitsbedingungen, materielle Bedingungen und Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem.

Methoden
Am Universitätsklinikum Düsseldorf wird die Geschlechterbrille seit 2016 im Curriculum der medizinischen Soziologie eingesetzt. Das Seminar „Männer, Frauen und Medizin“ wurde in zwei aufeinanderfolgenden Jahren durch die Studierenden des vierten Semesters (n = 552, 174 männlich und 333 weiblich, 45 ohne Geschlechtsangabe) schriftlich evaluiert. Die Gesamtzufriedenheit wurde auf einer Skala von 1 „sehr zufrieden“ bis 6 „gar nicht zufrieden“ bewertet. Zusätzlich wurde die Zustimmung zur Aussage „Die Geschlechterbrille ist sinnvoll zur Einführung in die Gendermedizin“ auf einer Skala von 1 „trifft völlig zu“ bis 6 „trifft gar nicht zu“ angegeben.

Ergebnisse
Die Gesamtzufriedenheit lag bei einer durchschnittlichen Bewertung von 2,05 (2,15 in 2016; 1,95 in 2017). Die Eignung der Geschlechterbrille zur Einführung wurde ebenfalls mit 2,19 bewertet. Das entspricht im Evaluationssystem sinngemäß einer Beurteilung mit der Schulnote „gut“. Es zeigten sich keine Geschlechterunterschiede in der Beurteilung des Instrumentes (m = 2.20, w = 2.18, p = 0.854).

Diskussion
Die Geschlechterbrille eignet sich aus Perspektive der Studierenden gut für die Einführung der Gendermedizin in der medizinischen Ausbildung. In Zukunft soll auch untersucht werden, wie die Geschlechterbrille in der Gesundheitsforschung eingesetzt werden kann, um Unterschiede zwischen Männern und Frauen und deren zugrundeliegenden biologischen und sozialen Ursachen zu untersuchen.

Frau Miriam Engels
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Inanspruchnahme kommunaler Prävention und Gesundheitsförderung von Jungen und Mädchen (Stefanie Wahl, Katharina Kreffter, Thuy Ha Nguyen, Nico Dragano, Simone Weyers)
Einleitung
Kommunale Bewegungs- und Sprachförderungsangebote können dazu beitragen, Jungen und Mädchen in ihrer motorischen und sprachlichen Entwicklung zu unterstützen. Bisher ist unklar, inwiefern die Inanspruchnahme mit dem Geschlecht des Kindes und sozialen Merkmalen assoziiert ist.
Methode
Im Rahmen einer Zusatzerhebung bei einer Schuleingangsuntersuchung berichteten 3.648 Eltern mittels standardisiertem Fragebogen über die Inanspruchnahme kommunaler Angebote für Kinder von 0 bis 7 Jahre. Die sozialen Merkmale wurden über elterliche Bildung und Migrationshintergrund des Kindes abgebildet. Unterschiede in der Angebotsnutzung nach Geschlecht und sozialen Merkmalen wurden mit bivariaten Verfahren analysiert.
Ergebnisse
Unterschiede in der Inanspruchnahme zwischen Mädchen und Jungen finden sich bei „Bewegungs- und Spielgruppen ohne Eltern“ (42,7% vs. 36,7%) und bei Kitas mit Schwerpunkt Bewegungsförderung (7,0% vs. 5,1%), nicht jedoch für Sprachförderungsangebote.
Bei beiden Geschlechtern hängen die sozialen Merkmale mit der Inanspruchnahme zusammen. Mädchen (37,8% vs. 78,5%) und Jungen (25,9% bzw. 77,1%) mit niedriger elterlicher Bildung nutzen Bewegungsangebote seltener als diejenigen mit höherer Bildung. Ähnliche Zusammenhänge zeigen sich für Migrationshintergrund.
Jungen mit niedriger elterlicher Bildung nutzen Sprachförderungsangebote (28,0%) und Kitas mit Schwerpunkt Sprachförderung (8,1%) hingegen häufiger als diejenigen mit höherer Bildung (20,3% bzw. 3,9%). Dies zeigt sich bei Mädchen nicht. Mädchen (27,4% bzw. 14,0%) und Jungen (26,0% bzw. 15,7%) mit Migrationshintergrund nehmen häufiger an Sprachförderungsangeboten teil als Kinder ohne Migrationshintergrund.
Diskussion
Vor allem im Hinblick auf Bewegungsförderung zeigt sich, dass sowohl Mädchen als auch Jungen mit niedriger elterlicher Bildung oder Migrationshintergrundschlechter erreicht werden. Abhängig von der Angebotsart kann die Inanspruchnahme durch Berücksichtigung von Geschlecht und sozialen Merkmalen gesteigert werden.
Frau Stefanie Wahl
Gender Differences in the Effect of Subjective Supervisory Feedback (Anna Lovasz, Ewa Cukrowska-Torzewska, Mariann Rigo, Agnes Szabo-Morvai)
Introduction: We estimate the effect of positive subjective feedback, in the form of encouragement and praise, on the perseverance and performance of individuals, and specifically, gender differences in these effects.

Methods: We carry out our analysis using data gathered from an online game, in which players are randomly chosen to be given either no subjective feedback (control), or positive subjective feedback (treatment). We analyze the performance (score) of players, their perseverance and effort (number of games and clicks within a game) and their accuracy by feedback type, gender, and by self-reported task-related confidence.

Results: The results point to the existence of the gender differences in the effect of the subjective content of feedback. Encouragement has a positive impact on women, who lay more games and reach higher scores, while men are impacted negatively. On the other hand, praise has a negative effect on the performance of women, and no effect on men. Subsample analysis by task-related confidence level reveals that the effects of encouragement are driven by those with low pre-game confidence.

Discussion: The results draw attention to the importance of the subjective content of supervisory feedback, which is an important element of the psychosocial work environment and also conducive to positive self-experience. The results suggest that more individualized subjective content can improve the persistence, effort, and performance of individuals, and play a role in decreasing gender gaps in participation and performance.
Frau Dr. Mariann Rigo
Institut für Medizinische Soziologie, Universitätsklinikum Düsseldorf
Geschlechterunterschiede bei depressiven Symptomen – Die Bedeutung sozialer Einflüsse in der zweiten Lebenshälfte (Alina Schmitz, Martina Brandt)

Einleitung

Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Alter, und eine weitaus häufigere Betroffenheit von Frauen ist vielfach belegt. Zugleich fällt das Ausmaß des Gender Gaps wie auch die Prävalenz von Depressionen bei Frauen und Männern im Vergleich der europäischen Länder sehr unterschiedlich aus.

Methoden

Basierend auf Daten des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) werden Zusammenhänge zwischen verschiedenen sozialen Einflussfaktoren und Depressionen (gemessen anhand der EURO-D Skala, einem Screening-Instrument für Depressionen in der älteren Bevölkerung) aus einer geschlechter- und ländervergleichenden Perspektive analysiert. Hierbei finden neben sozio-ökonomischen Einflüssen auch Charakteristika des sozialen Netzwerks und gesundheitsbezogene Merkmale Berücksichtigung.

Ergebnisse

Sowohl die Prävalenz von Depressionen bei Frauen und Männern als auch der Gender Gap fallen in den skandinavischen Ländern eher gering aus. In den südeuropäischen Ländern, aber auch in Teilen Ost- und Mitteleuropas sind Depressionen dagegen weitaus häufiger und auch der Gender Gap ist deutlich stärker ausgeprägt. Geschlechterunterschiede werden substantiell verringert, wenn gesundheitsbezogene, psycho-soziale sowie sozio-ökonomische Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern berücksichtigt werden, bleiben jedoch auch in multivariaten Analysen weiterhin bestehen. Darüber hinaus zeigen sich innerhalb der Geschlechtergruppen deutliche Ungleichheiten in der Prävalenz depressiver Symptome. In sämtlichen Ländern leisten gesundheitliche Einschränkungen den größten Erklärungsbeitrag, wogegen sozio-ökonomischen Ungleichheiten und Charakteristika des sozialen Netzwerks eine geringere Bedeutung zukommt.

Diskussion

Die große Ländervariation im Gender Gap, ebenso wie die Variabilität innerhalb der Geschlechtergruppen zeigen, dass neben der Geschlechterzugehörigkeit weitere Merkmale sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit zu berücksichtigen sind. Wir schlussfolgern außerdem, dass in vielen europäischen Ländern erhebliches Potential zur Verbesserung der psychischen Gesundheit im Alter besteht.
Frau Alina Schmitz
Neue Ideen für die Gendermedizin in Lehre und Forschung (Miriam Engels, Simone Weyers)
Zusammenfassung:
Die Gendermedizin betrachtet Unterschiede von Frauen und Männern bei verschiedenen Krankheiten und berücksichtigt dabei sowohl die biologischen („sex“) als auch die sozialen („gender“) Ursachen. In dieser Session soll gemeinsam diskutiert werden, welche geschlechtsspezifischen Einflüsse das soziale Umfeld hat und wie diese unterschiedlich auf die Gesundheit wirken. Dazu werden wir zunächst die „Geschlechterbrille“ (Weyers et al. 2017) vorstellen: ein Instrument zur Einführung in die Gendermedizin. Dann werden drei Referentinnen aktuelle Forschungsergebnisse zu Geschlechterunterschieden bei sozialen Einflussfaktoren in verschiedenen Altersgruppen präsentieren.
Dabei geht Stefanie Wahl der Frage nach, ob Mädchen und Jungen kommunale Präventionsangebote unterschiedlich nutzen. Dann berichtet Mariann Rigo, wie Feedback bei Frauen und Männern unterschiedlich auf Motivation und Leistung wirkt. Zuletzt betrachtet Alina Schmitz die geschlechtsspezifischen Zusammenhänge zwischen verschiedenen sozialen Einflussfaktoren und Depression bei älteren Frauen und Männern.

Beitrag 1:
Miriam Engels - Die Geschlechterbrille und ihre Anwendung in der medizinischen Ausbildung

Beitrag 2:
Stefanie Wahl – Inanspruchnahme kommunaler Prävention und Gesundheitsförderung von Jungen und Mädchen

Beitrag 3:
Mariann Rigo – Geschlechterunterschiede in der Wirkung von subjektivem Feedback
(Gender Differences in the Effect of Subjective Supervisory Feedback)

Beitrag 4:
Alina Schmitz – Geschlechterunterschiede bei depressiven Symptomen - Die Bedeutung sozialer Einflüsse in der zweiten Lebenshälfte

Literatur:
Weyers, S., Vervoorts, A., Dragano, N., & Engels, M. (2017). The Gender Lens: Development of a learning aid to introduce gender medicine. GMS journal for medical education, 34(2).
Frau Miriam Engels
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Monday
16 Sep
15:00 - 16:30
1B
Zukunftsforum Public Health Strategie für Deutschland: Die Sicherung der Kinder- und Jugendgesundheit in der Kommune (DGSMP)
Room: HS 2B (Location: HS 2B)
Chair(s): Ute Thyen
Health in all Policies bei Kindern und Jugendlichen - entwickelt es sich als Grass Roots auf kommunaler Ebene oder braucht es einen Whole of Government und einen Whole of Society Approach? (Raimund Geene)

Einleitung

Die WHO hat 1986 mit der Ottawa-Charta Gesundheitsförderung als Schlüsselstrategie einer modernen Gesundheitspolitik und Gesundheitsversorgung („New Public Health“) herausgestellt und diese mit der Helsinki-Deklaration 2013 mit dem Konzept „Health in All Policies“ konkretisiert. HiAP wird idealer Weise getragen von fach- und professionsübergreifenden Bündnissen auf zwei Ebenen:
als „Whole-of-Government-Ansatz“ durch politisch Verantwortliche
als „Whole-of-Society-Ansatz” im Sinne öffentlicher Verankerung und gesellschaftlichen Engagements.
Auch im „Nurturing Care Framework“ der WHO vom Mai 2018 wird dies umfassend aufgegriffen (https://www.who.int/maternal_child_adolescent/documents/nurturing-care-early-childhood-development/en/).

Methoden

Analyse bestehender Konzepte und Programme aus Deutschland, aber auch aus anderen Staaten und entsprechenden WHO-Modellprogrammen (insb. South Australia, aber auch den engl. Marmot-Cities, Norwegen, Finnland u.a.)

Ergebnisse

Für Kinder und Familien ist dieser intersektorale Ansatz des HiAP in der kommunalen Praxis unter dem Schlagwort der Präventionsketten bereits weit verbreitet. Er findet allerdings kaum systematische Unterstützung auf überregionaler Ebene (Landes- und Bundespolitik).

Diskussion

Es bedarf fachliche und politische Impulse dahingehend, die kommunale Praxis durch überregionale Konzepte für Health in All Policies in Bundes- und Landespolitik zu verstärken.
Herr Prof. Dr. Raimund Geene
Hochschule Magdeburg-Stendal
Zukunftsforum Public Health Strategie für Deutschland: Die Sicherung der Kinder- und Jugendgesundheit in der Kommune (Ute Thyen, Axel Iseke, Freia De Bock)

Zusammenfassung

Gesundheitsindikatoren darauf hin, dass einige Kinder und Jugendliche nicht am gesellschaftlichen Fortschritt und Verbesserung der Gesundheit teilhaben. Das Zukunftsforum Public Health arbeitet daher im Rahmen seiner Zukunftsstrategie heraus, inwiefern spezifische Politiken für besonders vulnerable Gruppen zu entwickeln sind. Die Begriffe von Gesundheitsförderung und Prävention etablieren sich zunehmend in Lebenswelten wie Schule und Jugendhilfe und zeigen damit Erfolge der Gesundheitswissenschaften in Deutschland. Auch in der überwiegend pathogenetisch ausgerichteten versorgenden Medizin entwickeln sich Ansätze zur Prävention, zum Teil entstehen aber teure Parallelwelten. Nur eine Durchdringung der Wissenschaft und des Verwaltungshandelns mit den Konzepten von New Public Health, einem salutogenetischen Gesundheitsbegriff sowie der Strategie Health In All Policies wird die Möglichkeit eröffnen, die Herausforderung der Kinder- und Jugendgesundheit mit ihren neuen Morbiditäten anzugehen. Der Workshop soll prüfen, welche Essentiellen Public Health Operations aber auch das Nurturing Care Framework (WHO / UNICEF) genutzt werden müssen, um effektiv und nachhaltig für bessere Chancengerechtigkeit zu sorgen.

Erstautor Beitrag 1, Titel Beitrag 1

Axel Iseke, Orientierung an den Essential Public Health Operations der WHO- bringt uns das weiter?

Erstautor Beitrag 2, Titel Beitrag 2

Raimund Geene, Health in all Policies- entwickelt sich als Grass Roots auf kommunaler Ebene oder braucht es einen Whole of Government und einen Whole of Society Approach?

Erstautor Beitrag 3, Titel Beitrag 3

Freia De Bock, Welche Monitoring-Systeme können evidenz-basiertes PH-Handeln unterstützen?

Erstautor Beitrag 4, Titel Beitrag 4

Ute Thyen, Vorrang des Kindeswohls in allen Politikbereichen- ein realistisches und richtiges Ziel?

Erstautor Beitrag 5, Titel Beitrag 5

Teilnehmende, Lernen aus best-practice Beispielen!
Frau Ute Thyen
UKSH
Wednesday
18 Sep
13:00 - 14:30
8A
Soziale Ungleichheiten in der med. Rehabilitation
Room: HS 2A (Location: HS 2A)
Chair(s): Morten Wahrendorf and Nico Dragano
Abschlussveranstaltung des Projektes „Beeinflussen sozioökonomische Merkmale der Rehabilitanden den Versicherungsverlauf nach medizinischer Rehabilitation? Eine Analyse von DRV-Routinedaten“ (Simon Götz, Nico Dragano, Morten Wahrendorf)

Zusammenfassung

In dem Projekt „Beeinflussen sozioökonomische Merkmale der Rehabilitanden den Versicherungsverlauf nach medizinischer Rehabilitation? Eine Analyse von DRV-Routinedaten“ untersuchen wir anhand von Routinedaten der Deutschen Rentenversicherung Zusammenhänge zwischen sozioökonomischen Merkmalen (Beruf, Bildung, Einkommen) und dem Versicherungsverlauf nach einer medizinischen Rehabilitationsmaßnahme.
Um einen Dialog mit der Praxis anzustoßen und belastbare Empfehlungen für weitere Schritte geben zu können, führen wir nun einen Workshop mit Vertreterinnen und Vertretern der Reha-Praxis, der beteiligten Träger und interessierten Rehabilitationswissenschaftlerinnen und –wissenschaftlern durch.
Um eine gute Anbindung an die Wissenschaft zu gewährleisten, veranstalten wir diesen Workshop im Rahmen der Gemeinsamen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) und der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) 2019. Nach einer kompakten Vorstellung der Forschungsergebnisse des Projektes werden wir im Rahmen einer professionell moderierten Diskussion einen Ausblick auf kommende Herausforderungen und Projekte erarbeiten. Die genaue Methodik wird in Absprache mit der Moderation festgelegt. Denkbar ist, die Diskussion als „Fishbowl“ durchzuführen. Diese Methode ermöglicht in heterogenen Gruppen intensive Gespräche und Diskussionen. Dadurch ist es möglich in begrenzter Zeit wesentliche Punkte herauszuarbeiten und dabei die Blickwinkel aller Teilnehmer zu berücksichtigen.

Erstautor Beitrag 1, Titel Beitrag 1

Simon Götz, tba

Erstautor Beitrag 2, Titel Beitrag 2

Nico Dragano, tba

Erstautor Beitrag 3, Titel Beitrag 3

Morten Wahrendorf, tba

Erstautor Beitrag 4, Titel Beitrag 4



Herr Simon Götz
Institut für Medizinische Soziologie Medizinische Fakultät Heinrich-Heine Universität Düsseldorf
Herr Prof. Dr. Nico Dragano
Universitätsklinikum Düsseldorf; Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Herr Dr. Morten Wahrendorf
Institut für Medizinische Soziologie Universitätsklinikum - Centre for Health and Society (CHS) Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Monday
16 Sep
15:00 - 16:30
1A
Arbeitsmarktteilhabe im höheren Erwerbsalter / Cluster NRW 1: Arbeitsmarktteilhabe
Room: HS 2A (Location: HS 2A)
Chair(s): Christian Deindl
Betriebliche Maßnahmen der Personalbindung älterer Beschäftigter (Sina Schadow, Ruth Thiede, Daniela Borchart)
Aufgrund des demografischen Wandels wächst hierzulande der Anteil älterer Beschäftigter. Betriebe müssen sich zunehmend darauf einstellen, die Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit ihrer älteren Angestellten dauerhaft aufrecht zu erhalten.

Vor diesem Hintergrund wird es für Unternehmen immer bedeutsamer, ältere Arbeitnehmer so lange wie möglich im Erwerbleben zu halten und an den Betrieb zu binden. Dabei müssen mögliche personalpolitische Instrumente gezielt an den Bedürfnissen älterer Mitarbeiter ansetzen. Doch mit welchen Mitteln und Strategien schaffen es Betriebe in Deutschland, ihre Mitarbeiter zu motivieren, so lange wie möglich im Betrieb und Erwerbsleben zu verbleiben? Dieser Beitrag analysiert betriebliche Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung im höheren Erwerbsalter – aus Sicht der Personalverantwortlichen, Personalvertretungen und Beschäftigten.

Hierfür wurden im Rahmen des NRW Kompetenzcluster zum Thema „Arbeitsmarktteilhabe im höheren Erwerbsalter“ qualitative leitfadengestützte Interviews mit Personalverantwortlichen, Betriebsräten und älteren Arbeitnehmern durchgeführt. Die Befragung dieser verschiedenen Akteure ermöglicht einen umfassenden Einblick in die Praxis, Wirkungsweise und ggf. Erfolg der Mitarbeiterbindung älterer Beschäftigter, aber auch in Hindernisse und Herausforderungen. Das Forschungsprojekt knüpft an die lidA-Studie und das zugrundeliegende lidA-Denkmodell an und erweitert diese qualitativ um die Erfahrungen Beteiligter aus der Praxis.

Das Forschungsprojekt wird durch das Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalens (NRW) finanziert.
Frau Sina Schadow
Universität Duisburg-Essen Fakultät für Bildungswissenschaften Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik
When does a social norm of “early exit” have impact on desired and planned retirement age? Results from the lidA cohort study (Melanie Ebener, Anna Rings, Hans Martin Hasselhorn)
Background: A social norm of “early exit” (’ee‘) from the labour market is widespread in Germany and affects the individual retirement process.

Research question: We hypothesise 1) that an ee-norm in the personal environment influences the outcomes desired and planned retirement age, 2) that persons close to retirement are more susceptible to that effect.

Methodology: We used cross-sectional and longitudinal survey data (wave 2 [W2] in 2014, wave 3 [W3] in 2018) of employed people born in either 1959 or 1965, n = 2.999.

We carried out linear regression with the outcomes desired and planned retirement age, respectively. Step 1: control variables: gender, education, 2: ee-norm W2, 3: ee-norm W3, 3: distance from planned retirement, 4: interaction ee-norm W3Xdistance.

Results:

Both, ee-norm W2 and W3, significantly predicted the desired and planned retirement age. Desired retirement age increased by 2.1 years if participants did not perceive an ee-norm at W2 and W3.

A significant interaction was found for ee-normW3xdistance to desired retirement age, not to planned retirement age. Subsequent analyses stratified by distance from planned retirement showed that ee-norm influenced desired retirement age only in groups with a distance of at least 5 years.

Discussion:

A perceived ee-norm reduces desired and planned retirement age (cross-sectionally and longitudinally). The effects cannot be explained by gender or education.

Susceptibility to ee-norms was not higher among people close to retirement but lower 4 years before planned retirement. This has implications if policy or companies try to prevent early exit among older workers.

Methodological considerations will be discussed.
Frau Dr. Melanie Ebener
Universität Wuppertal
Arbeitsmarktteilhabe im höheren Erwerbsalter / Session A: Arbeitsmarktteilhabe (Christian Deindl, Melanie Ebener, Sina Schadow)

Zusammenfassung

Das Kompetenzcluster „Arbeitsmarktteilhabe im höheren Erwerbsalter“ hat sich in den letzten Jahren erfolgreich mit unterschiedlichen Aspekten der Erwerbsbeteiligung im höheren Erwerbsalter beschäftigt. Im Zentrum seiner Tätigkeiten steht die Tatsache, dass in Zukunft immer mehr ältere Menschen arbeiten werden und die damit verbundenen Fragen: Können und wollen ältere Menschen erwerbstätig sein? Welche Rahmenbedingungen sollte die Politik schaffen? Welche Rahmenbedingungen können Betriebe schaffen, um das „Können“ und „Wollen“ zu fördern? Wie sieht die Realität in den Betrieben aus: Möchten sie ihre älteren Beschäftigten überhaupt halten – möglicherweise über das Rentenalter hinaus? Mögliche Antworten auf diese Fragen möchten wir Ihnen in Sessions zur „Arbeitsmarktteilhabe“ und zur „Rente und soziale Ungleichheit“ vorstellen.

Erstautor Beitrag 1, Titel Beitrag 1

Melanie Ebener: Wer will wie lange arbeiten?

Erstautor Beitrag 2, Titel Beitrag 2

Sina Shadow: Betriebliche Maßnahmen der Personalbindung älterer Beschäftigter (angefragt)

Erstautor Beitrag 3, Titel Beitrag 3

N.N.: Personalbindung älterer Arbeitnehmer – aus der betrieblichen Praxis
Herr Dr. habil Christian Deindl
Monday
16 Sep
16:45 - 18:15
2D
Potenziale partizipativer Ansätze für die epidemiologische Forschung aus Sicht von Community-Parter/innen und Wissenschaft
Room: HS 2D (Location: HS 2D)
Chair(s): Claudia Santos-Hövener and Pierre Mayamba
Partizipation in der epidemiologischen Forschung----theoretische Grundlagen und Erfahrungen aus der Praxis (Claudia Santos-Hövener, Carmen Koschollek, Viviane Bremer)

Einleitung

Die partizipative Epidemiologie ist ein Konzept, das die aktive Einbeziehung und möglichst gleichberechtige Zusammenarbeit von Forschenden und Beforschten in einzelnen oder allen allen Schritten des Forschungsprozesses vorsieht. Sie umfasst folgende Aspekte: die kooperative Definition von Forschungszielen und Forschungsfragen, die partnerschaftliche Bestimmung zu erforschender Bevölkerungsgruppen und deren gesundheitsrelevanter Lebenswelten, die Auswahl oder Anpassung angemessener Erhebungsinstrumente sowie dialogische Formen der Ergebnisinterpretation. Die partizipative Epidemiologie zielt auf die Schaffung von Erkenntnissen mit praktischer Relevanz für alle Beteiligten.

Methoden

Anhand der Studie zu sexueller Gesundheit mit Migrant/innen aus Subsahara-Afrika, die von 2014-2016 als eine multizentrische Querschnittsstudie stattfand, reflektieren wir, inwieweit und in welchen Schritten des Forschungsprozesses partizipativ gearbeitet wurde.

Ergebnisse

Die Entwicklung der Fragestellung, des Studiendesigns und des verwandten Fragebogens erfolgte im Rahmen einer Arbeitsgruppe aus Community-Mitgliedern, Stakeholdern aus der HIV- und STI-Testung und -Prävention. Im Rahmen der Datenerhebung arbeiteten wir mit Partnerorganisationen in den beteiligten Städten und Peer Researcher erhoben Daten vor Ort. Während die Datenanalyse am Robert Koch-Institut stattfand, wurde die Interpretation der Ergebnisse sowie die Entwicklung daraus resultierender Empfehlungen mit Mitgliedern afrikanischer Communities durchgeführt.

Diskussion

Der zentrale Unterschied zwischen bisher gängigen epidemiologischen Methoden und einer „partizipativen Epidemiologie“ ist die Forschungspraxis, die die Beforschten als Partner/innen
wahrnimmt und aktiv in den Forschungsprozess einbindet. Dies führt zum einem zu innovativen Feldzugängen, zu einem besseren Verständnis der Lebenswelt der Beforschten, der Entwicklung von Forschungsfragen, die für alle Beteiligten bedeutsam sind, als auch zu relevanten Präventionsbotschaften sowie zielgerichteten Maßnahmen.
Frau Dr. Claudia Santos-Hövener
Robert Koch Institut, Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring
Die MiSSA-Studie - Ergebnisse und Potentiale (Carmen Koschollek, Viviane Bremer, Claudia Santos-Hövener)

Einleitung

Auf Migrant/innen aus Subsahara-Afrika (MiSSA) entfielen in den letzten Jahren 10-15% der HIV-Erstdiagnosen; die Diagnosen erfolgen häufig später als in anderen Gruppen. Vor diesem Hintergrund wurde 2011 ein partizipativer Prozess initiiert, der in einem Studiendesign zur Erhebung von Infektionsrisiken und Informationsbedarfen unter MiSSA mündete.

Methoden

In Kooperation mit lokalen Partnerorganisationen wurden anhand eines standardisierten Fragebogens Daten zu Wissen, Verhalten und Einstellungen zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) an sechs Standorten in Deutschland erhoben. Die Rekrutierung von Teilnehmenden erfolgte durch geschulte Peer Researcher, also Mitglieder der lokalen afrikanischen Communities. Fragebögen auf Deutsch, Englisch oder Französisch konnten selbst oder in Interviews ausgefüllt werden.

Ergebnisse

Von 3.040 Teilnehmenden waren 46% weiblich, der Altersmedian lag bei 31, die mediane Aufenthaltszeit in Deutschland bei fünf Jahren. Die Mehrheit war über die Krankenversicherungskarte regulär ins Gesundheitssystem eingebunden (82%), jede/r Zehnte benötigte einen Behandlungsschein vom Sozialamt und 7% waren nicht krankenversichert. Allgemeines Wissen zu HIV war gut, Informationsbedarfe zeigten sich bezüglich spezifischer Aussagen zu HIV sowie zu STI, insbesondere in Subgruppen wie z.B. jüngere MiSSA. Knapp zwei Drittel (61%) hatten jemals einen HIV-Test machen lassen, STI-Testungen waren selten (35%); auch hier zeigten sich Subgruppenunterschiede. Zusammenhänge zwischen Stigmatisierung und der Inanspruchnahme von Testungen wurden ebenfalls deutlich. Infektionsrisiken zeigten sich insbesondere hinsichtlich angegebenen Kondomverzichts, aber auch bezüglich sexualisierter Gewalt.

Diskussion

Der partizipative Studienansatz ermöglichte das Erreichen einer heterogenen Gruppe sowie vulnerabler Subgruppen. Die Ergebnisse deuten auf die Wichtigkeit der Themen Hepatitis, STI und spezifische Informationen zu HIV sowie auf eine nötige Erhöhung der Testbereitschaft hin.
Frau Carmen Koschollek
Robert Koch-Institut, Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring
Sexuelle Gesundheit von Migrant*innen aus Sub-Sahara-Afrika (Pierre Mayamba, Claudia Santos-Hövener)

Einleitung

Die Aidshilfe Essen e.V. (AE) engagiert sich bereits seit 2010 im Bereich HIV/STIs und Migration, insbesondere für betroffene Migrant*innen aus Subsahara-Afrika (MiSSA). Sie hat sich für Ziel gesetzt die MiSSA-Community flächendeckend mit spezifischen Angeboten wie z.B. HIV-Prävention und Beratung zu erreichen und dadurch für die Verbesserung ihrer Gesundheit zu sorgen.

Methoden

In 2016 haben wir in enger Kooperation mit dem Robert Koch-Institut sowie Einrichtungen und Gesundheitsämtern vor Ort im Rhein-Ruhr-Gebiet die Studie zu sexueller Gesundheit mit Migrant*innen aus Subsahara-Afrika (MiSSA-Studie) durchgeführt, in der 25 Peer Researcher Teilnehmende rekrutierten. Ziel dieses Beitrags ist es, die Herausforderungen und Erfolge dieser Studie zu reflektieren.

Ergebnisse

Innerhalb der MiSSA-Community kam es zu aktiver Partizipation; auch andere Kooperationen vor Ort wurden verstärkt. Die Ressourcen aus den Communities wurden adäquat genutzt und gefördert; Akteure aus den Communities wurden im Peer-to-Peer-Ansatz geschult, was zu einer guten Erreichbarkeit verschiedener afrikanischer Communities im Rahmen der Studie führte (697 Teilnehmende im Rhein-Ruhr-Gebiet). In der AE wurde der Prozess der interkulturellen Öffnung ausgebaut, und einige Peer Researcher sind nun in Präventions- und Beratungsarbeit vor Ort und landesweit eingebunden. Allerdings fehlte die Finanzierung, um mehr Städte im Rhein-Ruhr-Gebiet zu erreichen und langfristig Präventionsmaßnahmen umsetzen zu können.

Diskussion

Die MiSSA-Studie im Rhein-Ruhr-Gebiet war eine Revolution, hat viele Einrichtungen und Verbänden sensibilisiert und war somit ein (weiterer) Türöffner für Präventionsarbeit in den Communities. Partizipation war der Schlüssel zum Erfolg des Projekts; durch die Einbindung von Peer Researchern aus den Communities und die flächendeckende Verbreitung des Themas HIV/STIs wurde die Erreichbarkeit diverser Zielgruppen ermöglicht.
Herr Pierre Mayamba
Aids-Hilfe Essen e.V.
Maisha-Gesundheitsprojekt „Be clever be safe!“ – Verbesserung des Bewusstseins für sexuell übertragbare Infektionen unter Migrant/innen aus Subsahara-Afrika. (Virginia Wangare Greiner, Garnet Parris, Carmen Koschollek)

Einleitung

Maisha e.V., eine Selbsthilfegruppe afrikanischer Frauen in Deutschland, kooperiert seit 2001 im Rahmen der „Internationalen humanitären Sprechstunde“ mit dem Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt. Hier werden u.a. Menschen ohne Krankenversicherung medizinisch betreut. Durch die Einbettung in die afrikanische Community vor Ort wurde Maisha e.V. Partnerorganisation des Robert Koch-Instituts zur Durchführung der Studie zu sexueller Gesundheit mit Migrant/innen aus Subsahara-Afrika (MiSSA-Studie).

Methoden

Die MiSSA-Studie in Frankfurt wurde 2016 mit Unterstützung des Gesundheitsamtes durchgeführt. Die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt war hierbei wichtig, um auch perspektivisch Netzwerke auf kommunaler Ebene stärken zu können. Zur Datenerhebung wurden Peer Researcher ausgebildet, die auch nach der Studiendurchführung als Gesundheitsmediator/innen in einem Anschlussprojekt tätig sind.

Ergebnisse

Die Studienergebnisse wiesen auf mangelndes Wissen in Bezug auf sexuell übertragbare Infektionen (STI) sowie geringe Testraten hin. In Kooperation mit dem Gesundheitsamt Frankfurt wurde basierend auf den Ergebnissen der MiSSA-Studie das Gesundheitskampagnenprojekt „Be clever, be safe“ gestartet, das sich mit STI und deren Auswirkungen auf die Gesundheit auseinandersetzt sowie zur Testung ermutigen möchte. Eingesetzt werden hier Gesundheitsmediator/innen, die verschiedene Zielgruppen ansprechen und auch kulturelle Tabus adressieren können. 2018 wurden mit dem Projekt 896 Personen erreicht, die u.a. aus Kongo, Kenia, Äthiopien und Eritrea kamen.

Diskussion

Der Abschluss der MiSSA-Studie 2017 öffnete die Tür für die Verbreitung der Studienergebnisse in den afrikanischen Communities vor Ort, da die Peer Researcher Zugang zu verschiedenen Communities hatten. Es wurde eine Sensibilisierungskampagne ins Leben gerufen, um STI in den Communities zu adressieren und kulturelle Missverständnisse abzubauen. Peer Researcher gelten in den Communities als glaubwürdige Gesundheitsmediator/innen.
Frau Carmen Koschollek
Robert Koch-Institut, Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring
Potenziale partizipativer Ansätze für die epidemiologische Forschung aus Sicht von Community-Parter/innen und Wissenschaft (Claudia Santos-Hövener, Pierre Mayamba)

Zusammenfassung

Der Einsatz von Ansätzen der partizipativen Gesundheitsforschung (PGF) in der epidemiologischen Forschung ist bisher unüblich, trotz der möglichen Potentiale, wie praxisrelevante Forschungsfragen, verbesserter Feldzugang, sowie ein Lebensweltbezug, der durch die aktive Einbeziehung Beforschter in den Forschungsprozess, entsteht. Mit dieser Session möchten wir 1) theoretische Grundlagen für die Anwendung von PGF in der epidemiologischen Forschung vermitteln (Was ist PGF und warum und unter welchen Bedingungen können wir diesen Ansatz einsetzen?) 2) anhand des Beispiels einer partizipativen Studie zu sexueller Gesundheit in Deutschland lebender Migrant/innen aus Subsahara-Afrika (MiSSA-Studie) aufzeigen, dass im Rahmen eines partizipativ entwickelten Studiendesigns relevante Daten von guter Qualität und mit einem ausreichend großen Sample erhoben wurden und 3) die Arbeit und den Nutzen dieser Studie vor Ort aus Sicht von im Forschungsprozess involvierten lokalen Community-Partner/innen reflektieren. Hier diskutieren die Beteiligten vor allem die Relevanz der Daten für die lokale Präventionsarbeit, die Herausforderungen von PGF, die Grenzen und Lessons learned.

Erstautor Beitrag 1, Titel Beitrag 1

Claudia Santos-Hövener: Partizipation in der epidemiologischen Forschung----theoretische Grundlagen und Erfahrungen aus der Praxis

Erstautor Beitrag 2, Titel Beitrag 2

Carmen Koschollek: Die MiSSA-Studie Ergebnisse und Potenziale

Erstautor Beitrag 3, Titel Beitrag 3

Pierre Mayamba: Sexuelle Gesundheit von Migrant*innen aus Sub-Sahara-Afrika

Erstautor Beitrag 4, Titel Beitrag 4

Virginia Wangare Greiner: Maisha-Gesundheitsprojekt „Be clever be safe!“ – Verbesserung des Bewusstseins für sexuell übertragbare Infektionen unter Migrant/innen aus Subsahara Afrika

Frau Dr. Claudia Santos-Hövener
Robert Koch Institut, Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring
Monday
16 Sep
16:45 - 18:15
2A
Arbeitsmarktteilhabe im höheren Erwerbsalter / Cluster NRW 2: Rente und Soziale Ungleichheit
Room: HS 2A (Location: HS 2A)
Chair(s): Christian Deindl
Soziale Ungleichheiten der Erwerbsminderung bei älteren Arbeitnehmern (Simon Götz, Nico Dragano, Morten Wahrendorf)

Einleitung

Das Bemühen um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit wirft die Frage auf, ob es allen Beschäftigten gesundheitlich möglich ist, länger im Arbeitsleben zu verbleiben. Bisherige Untersuchungen zeigen , dass Beschäftige aus einer niedrigen sozioökonomischen Position vergleichsweise häufiger krankheitsbedingt vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Für diese Beschäftigten könnte es demnach erschwert sein, eine steigende Altersgrenze für die reguläre Altersrente zu erreichen. Allerdings fehlen bisher Studien, die die sozialen Ungleichheiten beim Eintritt in eine frühzeitige Erwerbsminderungsrente speziell für ältere Beschäftigte untersuchen.Die Arbeit prüft deshalb , ob soziale Ungleichheiten bei Erwerbsminderung auch im höheren Erwerbsalter existieren.

Methoden

Die Untersuchung basiert auf administrativen Daten der Deutschen Rentenversicherung (DRV). Für eine Zufallsstichprobe aller Versicherten der Geburtsjahrgänge 1947 und 1961 (59 Jahre bzw. 45 Jahre zu Beginn der Beobachtung; n = 160.688) liegen Informationen zum Versicherungsverlauf zwischen 2006 und 2013 vor. Anhand von multivariaten Cox-Regressionen (adjustiert für Beschäftigungsumfang, Staatsangehörigkeit und Ort der Beschäftigung) wurden Zusammenhänge zwischen drei sozioökonomischen Merkmalen (Bildung, Beruf und Einkommen) und dem Risiko einer Erwerbsminderungsrente (EMR) im Beobachtungszeitraum untersucht. Die Analysen erfolgen seperat nach Jahrgang und Geschlecht.

Ergebnisse

Die Ergebnisse weisen auf ein erhöhtes Risiko einer Erwerbsminderung auch bei älteren Beschäftigten in einer niedrigen sozioökonomischen Position gegenüber solchen in einer höheren Position hin. Bei Männern gilt dies für alle drei untersuchten sozioökonomischen Merkmale und für beide Jahrgänge. Bei Frauen ist der Zusammenhang auch zu beobachten, mit Ausnahme für Bildung und Beruf in der älteren Kohorte.

Diskussion

Im Bemühen um eine verlängerte Lebensarbeitszeit sollte Personen aus einer niedrigen sozioökonomischen Position besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, um sie vor neuen Nachteilen zu bewahren
Herr Simon Götz
Institut für Medizinische Soziologie Medizinische Fakultät Heinrich-Heine Universität Düsseldorf
Soziale Unterschiede der Übereinstimmung zwischen geplantem und realisiertem Alter des Übergangs in den Ruhestand. (Heribert Engstler)
Es ist unklar, wie gut die zeitlichen Ausstiegspläne von älteren Erwerbstätigen ihr tatsäch­liches Übergangsverhalten vorhersagen und wem es gelingt, die eigenen Pläne in die Tat umzusetzen. Daher widmet sich der Beitrag den Übereinstimmungen und Diskrepanzen zwischen dem geplanten und dem tatsächlichen Ausstiegsalter. Untersucht werden soziale und regionale Unterschiede der Realisierungschancen.

Grundlage sind längsschnittliche Daten des Deutschen Alterssurveys. Ausgehend vom geplanten Ausstiegsalter der 55- bis 61-jährigen Erwerbstätigen des Jahres 2008 wird anhand ihres Erwerbsstatus im Jahr 2014 und ihres tatsächlichen Ausstiegsalters aus der hauptberuflichen Beschäftigung eine empirische Typologie der zeitlichen Übereinstimmung oder Abweichung von Plan und Wirklichkeit des Ausstiegs oder Weiterarbeitens gebildet. Mittels logistischer Regression werden Thesen zu sozialen und regionalen Unterschieden in der Umsetzung der Übergangspläne empirisch überprüft.

Die ursprünglichen Ausstiegs- oder Weiterarbeitspläne werden in hohem Maße in die Tat umgesetzt. Im Beobachtungszeitfenster verwirklicht die Hälfte der älteren Arbeitskräfte ihre Pläne mit hoher zeitlicher Übereinstimmung. Früher auszuscheiden als geplant ist etwas häufiger verbreitet als länger zu arbeiten. Eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für ein ungeplantes vorzeitiges Ausscheiden haben Geringqualifizierte und gesundheitlich Beeinträchtigte. Länger als geplant im Arbeitsprozess bleiben vor allem Frauen.

Die Ausstiegspläne älterer Arbeitskräfte sind keine unrealistischen Wunschvorstellungen. Allerdings liegt die Umsetzung der Pläne nicht allein im Ermessen der Beschäftigten und es können Entwick­lungen auftreten, die eine Abkehr vom ursprünglichen Plan notwendig machen. Gesundheits­verschlech­terun­gen und Arbeitsplatzgefährdungen erhöhen das Risiko eines vorzeitigen Ausscheidens entgegen ursprünglicher Pläne. Umgekehrt kann die Schließung von frühzeitigen Rentenzugangsoptionen – wie der Wegfall der vorgezogenen Altersrente für Frauen – auch zu einem längeren Verbleib im Beruf führen als dies geplant war.
Herr Heribert Engstler
Deutsches Zentrum für Altersfragen
Spielt soziale Gruppenzugehörigkeit eine Rolle beim vorzeitigen Erwerbsausstiegswunsch? (Jean-Baptist du Prel, Christine Schrettenbrunner, Hans Martin Hasselhorn)

Einleitung

Die Belegschaften in Deutschland altern und schrumpfen. Die Dauer des Erwerbsverbleibs wird somit bedeutsamer. Soziale Gruppen können sich in arbeitsbezogenen und individuellen Merkmalen unterscheiden, von denen gezeigt wurde, dass sie selbst mit vorzeitigem Erwerbsausstiegsbestreben assoziiert sind. Daher war die Untersuchung der Frage interessant, ob ältere Arbeitnehmer aus verschiedenen sozialen Gruppen unterschiedlich lange Im Erwerbsleben bleiben wollen und welche Faktoren diese Unterschiede erklären können?

Methoden

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte der Geburtsjahrgänge 1959 und 1965 wurden in der lidA-Kohortenstudie (www.lida-studie.de) zu Arbeit, Gesundheit und Erwerbsteilhabe befragt. 3961 Beschäftigte waren zu den ersten beiden Studienwellen (2011, 2014) in Arbeit. Basierend auf diesen Beschäftigungsdaten wurden Assoziationen zwischen Merkmalen der horizontalen (Geschlecht, Migrationshintergrund) und vertikalen (Bildung) sozialen Ungleichheit und dem Erwerbsausstiegswunsch mittels hierarchischer logistischer Regression und Interaktionsanalyse untersucht.

Ergebnisse

Ein erwartungstreuer Bildungsgradient bezüglich des vorzeitigen Erwerbsausstiegswunsches war bei den älteren Beschäftigten beobachtbar. Männliche ältere Beschäftigte wollen seltener als weibliche vor dem 65. Lebensjahr aus dem Erwerbsleben ausscheiden, in niedrigen Bildungsschichten wollen dies zugewanderte Arbeitnehmer (1. Generation) seltener als solche ohne eigene Migrationserfahrung. Neben der signifikanten Interaktion von Migrationsstatus und Bildung bestanden keine weiteren moderierenden Effekte arbeitsbezogener und nicht-arbeitsbezogener Variablen auf die Beziehung von Sozialvariablen auf den vorzeitigen Erwerbsausstiegswunsch.

Diskussion

Der Erwerbsperspektive im höheren Erwerbsalter für soziale Gruppen stellt sich demnach ganz unterschiedlich dar. Deren Beweggründe und die letztendliche Umsetzung muss noch weiter untersucht werden. Für Betriebe und die Politik können diese Erkenntnisse in Bezug auf den Erhalt von Arbeitskraft wertvoll sein.
Herr Dr. MPH Jean-Baptist du Prel
Bergische Universität Wuppertal
Konsequenzen unterbrochener Erwerbsbiografien auf Frühverrentung und Rentenhöhe (Tatjana Mika)
Erwerbsminderungsrenten sind ein wichtiger Baustein der sozialstaatlichen Absicherung für chronisch Kranke, die nicht mehr erwerbstätig sein können. Allerdings sind die Renten im Durchschnitt niedrig und daher Gegenstand kritischer sozialpolitischer Beobachtung.
Erwerbsminderungsrenten sind erheblich niedriger als Altersrenten. Ursache sind einerseits die Abschläge von der Rente für den früheren Renteneintritt, aber hauptsächlich die ungünstigeren Biographien, die häufiger Unterbrechungen und längere Zeiten der Arbeitslosigkeit aufweisen. Die Analyse zeigt an dem Rentenzugang 2014 im Detail, wie unterschiedlich die Erwerbskarrieren von Alters- und Erwerbsminderungsrentner/innen sind und welche Unterschiede sich aber auch innerhalb der ähnlichen Erwerbsverläufe zeigen. Material und Methoden: Die Untersuchung vergleicht auf der Grundlage des Rentenzugangs 2014 (SUF VVL 2014) die Erwerbskarrieren der beiden Personengruppen mit vorzeitigem, gesundheitsbedingtem Rentenbeginn und regulärem Beginn der Altersrente.
Unter Erwerbsminderungsrentner/innen finden sich weniger Personen mit ununterbrochenen Erwerbskarrieren und häufiger solche mit langen Arbeitslosigkeitszeiten. Im Ergebnis gibt es statistisch einen starken Zusammenhang zwischen den Erwerbsunterbrechungen insbesondere wegen Arbeitslosigkeit und den niedrigeren durchschnittlichen Zahlbeträgen der Erwerbsminderungsrenten. Diskussion: Niedrigere durchschnittlichere Rentenansprüche der Erwerbsminderungsrentner/innen sind ein Ergebnis der Ungleichheit der Löhne auf dem Arbeitsmarkt und der Langzeitarbeitslosigkeit der letzten Jahrzehnte.
Frau Tatjana Mika
Arbeitsmarktteilhabe im höheren Erwerbsalter / Session B: Rente und soziale Ungleichheit (Christian Deindl, Simon Götz, Jean-Baptist du Prel, Heribert Engstler, Tatjana Mika)

Zusammenfassung

Das Kompetenzcluster „Arbeitsmarktteilhabe im höheren Erwerbsalter“ hat sich in den letzten Jahren erfolgreich mit unterschiedlichen Aspekten der Erwerbsbeteiligung im höheren Erwerbsalter beschäftigt. Im Zentrum seiner Tätigkeiten steht die Tatsache, dass in Zukunft immer mehr ältere Menschen arbeiten werden und die damit verbundenen Fragen: Können und wollen ältere Menschen erwerbstätig sein? Welche Rahmenbedingungen sollte die Politik schaffen? Welche Rahmenbedingungen können Betriebe schaffen, um das „Können“ und „Wollen“ zu fördern? Wie sieht die Realität in den Betrieben aus: Möchten sie ihre älteren Beschäftigten überhaupt halten – möglicherweise über das Rentenalter hinaus? Mögliche Antworten auf diese Fragen möchten wir Ihnen in Sessions zur „Arbeitsmarktteilhabe“ und zur „Rente und soziale Ungleichheit“ vorstellen.

Erstautor Beitrag 1, Titel Beitrag 1

Simon Götz: Soziale Ungleichheiten der Erwerbsminderung bei älteren Arbeitnehmern. Eine Analyse von Routinedaten der Deutschen Rentenversicherung

Erstautor Beitrag 2, Titel Beitrag 2

J.-B. du Prel: Vertikale und horizontale soziale Ungleichheit und Motivation zum vorzeitigen Erwerbsausstieg

Erstautor Beitrag 3, Titel Beitrag 3

H. Engstler: Wie erfolgreich sind ältere Arbeitskräfte in der zeitlichen Umsetzung ihrer Ausstiegspläne? Soziale Unterschiede der Übereinstimmung zwischen geplantem und realisiertem Alter der Erwerbsbeendigung

Erstautor Beitrag 4, Titel Beitrag 4

Tatjana Mika: Konsequenzen unterbrochener Erwerbsbiografien auf Frühverrentung und Rentenhöhe
Herr Dr. habil Christian Deindl
Wednesday
18 Sep
13:00 - 14:30
8C
Modern Working: Chancen und Risiken von Digitalisierung und Automatisierung
Room: HS 2C (Location: HS 2C)
Chair(s): Jean-Baptist du Prel, Janice Hegewald and Katarzyna Burek
How do older workers experience digitalisation at work? Representative findings from the lidA cohort study (Prem Borle, Melanie Ebener)
Introduction:
A negative impact of digitalised work (dw) especially on older workers has largely been assumed. But how much are they actually exposed to dw, and how is this associated with their appraisal of dw, work ability and health? We examine these questions in a representative sample of older workers in Germany.

Methods
Survey data from wave 3 of the lidA cohort study were used (2018, n=3149, employees born in 1959 or 1965). Participants rated the intensity of using nine digital technologies at work (index) and the increase of workload due to dw (scale).
Outcomes were satisfaction with dw, confidence regarding dw, work ability, physical and mental health. Stratified correlation analysis (by cohort, occupational groups etc.) was performed.

Results
Intensity: Only 7% were not exposed to dw, the median was 1.3 (range 0–4). Workload increase due to dw was not experienced by 20%, the median was 2.7 (range 1–5). 78% were relatively satisfied with dw, and 84% felt relatively confident regarding dw.
Intensity of use was weakly associated with confidence (r = .21**) and physical health (r = .20**), while dw-related workload increase was weakly associated with work ability and mental health (r = -.21** each).

Discussion
The sample of older workers revealed substantial exposure to dw. Satisfaction and confidence were found to be unexpectedly high. Associations of exposure with work ability and health were weak and partly influenced by socio-economic status. The two exposure measures showed different patterns of associations with outcomes. Groups with increased risks should be identified.
Herr Prem Borle
Charité - Universitätsmedizin Berlin
Arbeit im technologischen Wandel – empirische Befunde und Implikationen für die Prävention (Maximilian Bretschneider, Stephanie Drössler, Selina Magister, Maria Zeiser, Daniel Kämpf, Andreas Seidler)
Einleitung: Der mit Schlagworten wie Digitalisierung, Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 beschriebene technologische Wandel der Arbeitswelt hält in der Erwerbsarbeit zunehmend Einzug. Das vom BMBF geförderte Verbundprojekt „Gesunde Arbeit in Pionierbranchen (GAP)“ untersuchte den Einfluss dieses Wandels auf die psychische und physische Gesundheit. Ziel war die Ableitung empirisch fundierter Empfehlungen für eine wirksame Prävention und einen „Arbeitsschutz 4.0“.

Methoden: Zur explorativen Annäherung an den Gegenstand wurde ein Mixed-Methods-Ansatz gewählt: Quantitative Befragungen von Beschäftigten wurden mit halbstandardisierten Interviews mit betrieblichen Akteuren aus insgesamt 12 Unternehmen verschiedener Branchen ergänzt. Die qualitativen Interviewdaten wurden einer thematischen Analyse unterzogen und Betriebsfallstudien erstellt. Teil des Projektes war außerdem die Entwicklung und Validierung eines die Gefährdungsbeurteilung Psyche ergänzenden Moduls, welches explizit auf Belastungen durch die technologischen Veränderungen abstellt.

Ergebnisse: Resümierend zeigt sich, dass bekannte Gefährdungen, z.B. körperlich schwere Arbeit, reduziert werden können. Gleichwohl lassen sich neue Gefährdungen und die Intensivierung bekannter Gefährdungen beobachten. Auch zeichnet sich im empirischen Material neben einer Belastungsverschiebung eine Zunahme psychischer Belastungen im Arbeitskontext ab. In den Fallstudien zeigt sich beispielsweise die Angst vor datenbasierter Überwachung als, in dieser Form neue, mentale Belastung.

Diskussion: In Anbetracht der generellen Entwicklung des Arbeitsunfähigkeitsgeschehens gerät einmal mehr die Bedeutung einer menschengerechten Gestaltung von Arbeit in den Fokus. Dazu gehören neben der Arbeitssicherheit im klassischen Sinne in zunehmendem Maße Fragen der mentalen Gesundheit. Den Schlüssel zur Ableitung wirksamer Interventionskonzepte stellt in diesem Zusammenhang die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen dar, die in KMUs noch selten implementiert wird. Dabei ist auch eine Anpassung dieser an die veränderten Rahmenbedingungen nötig.
Herr Maximilian Bretschneider
Technische Universität Dresden Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin
Zeitalter Gesundheitsförderung 4.0: Nutzungsbereitschaft digital-gestützter Maßnahmen durch ältere Beschäftigte (Daniela Borchart, Jean-Baptist du Prel)
Hintergrund: Digitale Gesundheits- & Präventionsangebote (diGPA) können bisherige Angebote sinnvoll ergänzen und helfen, Personengruppen für BGF-Maßnahmen zu gewinnen, die mit konventionellen Angeboten schwer erreichbar sind (z.B. Männer). Für Unternehmen scheinen diGPA als ökonomische BGF-Tools durchaus attraktiv. So ist es nicht verwunderlich, dass ihre Zahl beständig zunimmt [Hoffmann et al. 2019]. Es wird angenommen, dass diGPA besonders junge Erwachsene ansprechen. Doch wie ist die Nutzungsbereitschaft von diGPA bei älteren Beschäftigten als wichtige Zielgruppe für BGF - insbesondere von Personengruppen, die als schwer erreichbar für konventionelle Angebote gelten?

Methode: Daten von 3347 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (geboren 1959 und 1965), die im Jahr 2018 an der dritten Befragung der repräsentativen lidA-Kohortenstudie teilnahmen, wurden analysiert. Untersucht wurden die Häufigkeitsverteilungen zur Nutzungsbereitschaft von online-gestützten Interventionen, Gesundheits-Apps, Onlineplattformen zur Wissensvermittlung allgemein und nach Geschlecht, Alter und Bildungsgrad.

Ergebnisse: Fast jeder fünfte ältere Beschäftigte (17%) nutzt Gesundheits-Apps und weitere 18% sind dazu bereit. Am häufigsten ist die Bereitschaft, Onlineplattformen zur Wissensvermittlung zu nutzen (28%). Online-gestützte Interventionen werden am wenigsten genutzt (5%), allerdings ist ein Viertel aller Befragten bereit dazu (26%). Für alle diGPA zeigt sich, dass Männer, ältere Befragte (1959) und geringer Gebildete die Maßnahmen seltener als andere nutzen bzw. wünschen.

Schlussfolgerungen: DiGPA werden von nicht wenigen älteren Beschäftigten genutzt bzw. gewünscht. Allerdings besteht ein deutliches Potenzial, solche Maßnahmen für Ältere attraktiv zu machen, da die absolute Mehrheit keine Bereitschaft äußert. Schon bekannte Risikogruppen für geringe Inanspruchnahme konventioneller BGF-Maßnahmen (hier: Männer, niedrig Gebildete) nutzen bzw. wünschen auch diGPA seltener. Die Gründe sind in weiteren Analysen genauer zu erforschen.
Frau Daniela Borchart
Fachgebiet für Arbeitswissenschaft, Bergische Universität Wuppertal
Arbeit 4.0 präventiv gestalten – Die MEgA-Toolbox "Gesunde Arbeit 4.0" (Philipp Lechleiter)
Einleitung: Digitale Transformation und demografischer Wandel verändern die Arbeitswelt spürbar. Arbeitsabläufe und -prozesse verändern sich, werden vielschichtiger und komplexer. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, die Belegschaft leistungsfähig zu halten und gleichzeitig deren Gesundheit zu fördern. Neue Strategien im HR- und Gesundheitsmanagement sind notwendig, um Ressourcen zu stärken und arbeitsbezogene Risiken zu minimieren.

Methode: Im Projekt "Maßnahmen und Empfehlungen für die gesunde Arbeit von morgen" (MEgA) werden ganzheitliche Konzepte und Methoden für ein modernes Gesundheitsmanagement in einer digitalisierten und dynamischen Arbeitswelt entwickelt. Dabei werden die Auswirkungen psychischer Belastungen ebenso wie eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Freizeit und gesundheitsförderliche Führung berücksichtigt. Zu den in MEgA erarbeiteten Instrumenten und Werkzeugen zählen Handlungsempfehlungen, praxiserprobte Tools und Leitfäden sowie ein onlinebasiertes Training zur Work-Life-Balance für Beschäftigte. Als wissenschaftliches Begleitvorhaben des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) initiierten Förderschwerpunktes „Präventive Maßnahmen für die sichere und gesunde Arbeit von morgen" koordiniert MEgA bundesweit 30 geförderte Verbundprojekte rund um eine präventive Arbeitsgestaltung.

Ergebnisse: Die Ergebnisse des Projekts MEgA sowie des gesamten Förderschwerpunktes werden in der online-basierten Datenbank "MEgA-Toolbox: Gesunde Arbeit 4.0“ gebündelt und der Praxis, insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), zur Verfügung gestellt.

Diskussion: Eine Evaluation der "MEgA-Toolbox Gesunde Arbeit 4.0" steht aus. Es ist noch abschließend zu klären, in welchem Maße die Toolbox tatsächlich von Unternehmen bzw. der betrieblichen Praxis genutzt wird. Eine umfassende Web-Analyse des Nutzerverhaltens ist unerlässlich, um Aussagen über den Erfolg der MEgA-Toolbox "Gesunde Arbeit 4.0" zu treffen.
Herr Dr. Philipp Lechleiter
Universität Heidelberg
Modern Working: Chancen und Risiken von Digitalisierung und Automatisierung (Jean-Baptist du Prel, Janice Hegewald, Katarzyna Burek)
Die Digitalisierung und Automatisierung der Arbeit beinhaltet beides, Chancen für die Gesundheitsförderung, aber auch potentielle neue Risiken für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Arbeitnehmern. Merkmale der Digitalisierung, wie die zunehmende Flexibilisierung von Arbeit, können sich durch die zunehmende berufliche Entscheidungsfreiheit vorteilhaft auswirken. Ebenso vermag die Automatisierung von Produktionsprozessen die körperliche Belastung zu verringern. Allerdings kann die Modernisierung von Arbeitsplätzen auch mit unerwünschten Gesundheitsrisiken verbunden sein. Beispielsweise können Arbeitnehmer zunehmend mit Stressoren, welche mit der zunehmenden Technisierung einhergehen, wie zunehmende Arbeitsbelastung, unsichere Arbeitsverhältnisse und einem Verlust der Balance von Beruf und Privatleben auf Grund der Invasivität digitaler Arbeitsplätze konfrontiert sein. In dieser Special Session wollen wir anhand aktueller, erkenntnisbringender Forschung aufzeigen, wie die Modernisierung von Arbeitsplätzen unsere Gesundheit beeinflusst. Ein Schwerpunkt liegt darauf, wie ‚New Work‘ und ‚Smart Factory‘ Einfluss auf den Menschen nehmen.

Prem Borle, How do older workers experience digitalisation at work? Representative findings from the lidA cohort study

Daniela Borchart, Zeitalter Gesundheitsförderung 4.0: Nutzungsbereitschaft digital-gestützter Maßnahmen durch ältere Beschäftigte

Dr. Philipp Lechleiter, Arbeit 4.0 präventiv gestalten – Die MEgA-Toolbox "Gesunde Arbeit 4.0" (P Lechleiter)

Max Bretschneider, Arbeit im technologischen Wandel – empirische Befunde und Implikationen für die Prävention
Frau Dr. Janice Hegewald
TU Dresden
Herr Jean-Baptist du Prel
Bergische Universität Wuppertal
Frau Katarzyna Burek
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum
Tuesday
17 Sep
11:00 - 12:30
4D
Soziale Netzwerke und Gesundheit 2: Neue Ergebnisse zur Relevanz von Beziehungsnetzen im Gesundheitskontext
Room: U1.30 (Location: U1.30)
Chair(s): Holger von der Lippe and Andreas Klärner
Die Rolle von Kognitionen beim sozialen Einfluss von Freunden auf den Alkoholkonsum in einem Erstsemesternetzwerk (Helge Giese, Hansjörg Neth, Wolfgang Gaissmaier)
Einleitung: In psychologischen Theorien zur Gesundheitsverhaltensförderung nehmen soziale Konstrukte, wie z.B. Normwahrnehmung, einen zentralen Platz ein. Das tatsächliche Verhalten in sozialen Kontexten wird dabei oft außer Acht gelassen. In diesem Vortrag wird daher darauf eingegangen, inwiefern Normwahrnehmungen innerhalb eines sozialen Netzwerks soziale Einflüsse beim Alkoholkonsum erklären können.
Methoden: 109 Psychologiestudierende wurden zu drei Messzeitpunkten innerhalb des ersten Semesters zu ihren alkoholbezogenen Kognitionen, Alkoholkonsum und Freunden innerhalb des Semesters befragt. Zur Vorhersage sozialer Einflüsse auf Alkoholkonsum und Freundschaftsentwicklungen wurden RSiena Modelle angewandt.
Ergebnisse: Der durchschnittliche Alkoholkonsum von Freunden im Semester sagte den Konsum zum nächsten Messzeitpunkt auch nach der Kontrolle von Kognitionen, wie der Wahrnehmung vom Verhalten der Freunde, vorher (b = 1.89, OR = 6.64, 95%CI [1.28; 34.50], p = .022).
Diskussion: Soziale Einflüsse beim Alkoholkonsum von Erstsemestern können nicht vollständig durch kognitive Konstrukte wie Normwahrnehmungen aufgeklärt werden. Dies suggeriert, dass es zusätzliche soziale Kontexteinflüsse gibt.
Herr Dr. Helge Giese
Universität Konstanz
Netzwerke sozialer Unterstützung von Menschen mit Depression (Heiko Löwenstein, Fabian Frank)

Einleitung

Bei Depression sind soziale Kontakte und Beziehungen der Betroffenen in der Regel beeinträchtigt. Zudem stellen soziale Desintegration und geringe soziale Unterstützung Risiken dar, die einen chronischen Verlauf der Erkrankung befördern. Bisherige Untersuchungen zu sozialer Unterstützung und sozialer Integration fokussieren allerdings mehr auf subjektive Einschätzungsskalen, als dass sie die sozialen Netzwerkbeziehungen der Betroffenen selbst, über die soziale Unterstützung realisiert wird, einbeziehen würden.

Methode


Hier besteht der methodische Zugang in einer egozentrierten Netzwerkanalyse, um soziale Unterstützung als multiplexe Beziehungen der Betroffenen (Ego) zu ihren sozialen Kontakten (Alteri) sowie deren Beziehungsgeflechte untereinander zu beschreiben und zu vergleichen. Dazu wurden 97 ehemalige Patient*innen des Universitätsklinikums Freiburg postalisch befragt. Die Netzwerke sozialer Unterstützung werden clusteranalytisch differenziert. Relationale Kennzahlen und Clusterstruktur werden zu sozialer Unterstützung (F-SozU-K-14-Skala) und subjektiver Zufriedenheit in Bezug gesetzt.

Ergebnisse

Die erhaltene soziale Unterstützung hängt signifikant von der Größe, der Dichte, der Multiplexität und (negativ) von dem Anteil der Ego-Alter-Konflikte als strukturellen Eigenschaften der sozialen Netzwerke ab. Ausgehend von diesen relationalen Merkmalen lassen sich 5 Typen sozialer Unterstützungsnetzwerke statistisch trennscharf unterscheiden und inhaltlich sinnvoll interpretieren. Mehr noch als mit jedem relationalen Merkmal für sich allein, besteht ein starker Zusammenhang der wahrgenommenen Unterstützung mit den gebildeten Netzwerktypen.

Diskussion

Die Struktur sozialer Netzwerkbeziehungen hat entscheidenden Einfluss auf den Erhalt von sozialer Unterstützung. Dies unterstreicht die Bedeutung von Arbeitsansätzen, welche das soziale Umfeld von Menschen mit Depression adressieren und stabilisieren: person in environment- und systemische Ansätze, Angehörigen-Psychoedukation oder Soziale Arbeit im Allgemeinen. In spezifischen Netzwerkfigurationen interagieren relationale Merkmale auf solche Weise miteinander, dass sie sich in Typiken verdichten.
Herr Prof. Dr. Heiko Löwenstein
Katholische Hochschule NRW. Abt. Köln
Personale soziale Netzwerke und psychische Gesundheit von Kindern (Karl Titze, Charlotte Jaite)

Einleitung

Die Entwicklung von Kindern ist in komplexe soziale Netzwerke eingebettet, die einerseits soziale Ressourcen bereitstellen können, andererseits selbst zur Belastung werden können. Der Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und den Merkmalen von sozialen Netzwerken kann durch verschiedene psychologische Modelle (z.B. Diathese-Stress-Modell) theoretisch beschrieben werden. Einige dieser Annahmen sollen hier mit Hilfe eines neuen Befragungsinstrumentes zu personalen sozialen Netzwerken (PSN) von Kindern, den revidierten Sozialen Beziehungstest für Kinder (SoBeKi-R; Titze 2016), empirisch untersucht werden. Hierzu werden Patienten mit psychiatrischen Diagnosen (PG) mit einer nicht-klinischen Kontrollgruppe (KG) verglichen. Erwartet werden a) geringere soziale Ressourcen und höhere Belastungen in der PG. Zudem werden differenzielle Zusammenhänge der Ressourcen- und Belastungsindikatoren mit b) der Symptomausprägung in verschiedenen Mikrosystemen (Familie, Schule u.a.) und c) mit internalisierenden/ externalisierend Symptomen postuliert.

Methode

Patientengruppe (Berliner kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik): n=56 Kinder, Alter=9,4 J. [AM], 62% männlich; nicht-klinische Kontrollgruppe: n=66, Alter=8,5 J. [AM], 48% männlich). PSN: individuelle Interviews mit dem SoBeKi-R. Psychiatrischen Diagnosen (ICD-10): Durch klinische Untersucher (nur PG). Symptombelastung: Fragebögen CBCL/4-18 und SDQ (durch primäre Bezugsperson).

Ergebnisse

Die Netzwerkstruktur unterschied sich signifikant zwischen PG und KG (Gesamtgröße: 13,7 vs. 16,3 Personen, p<.010). Die PG berichtete von geringeren Netzwerkressourcen als die KG (p=.029), aber nicht von höheren Belastungen (p>.05). Internalisierenden Symptome waren positiv mit kleineren Netzwerken korreliert (r=.28), externalisierend Störungen hingegen nicht.

Diskussion

Die Erfragung personaler sozialer Netzwerke aus der Sicht von Kindern scheint relevante Informationen für Therapie, Beratung und Forschung zu bieten; Einschränkungen müssen jedoch berücksichtigt werden.
Herr Prof. Dr. Karl Titze Dr.
Karl Titze
Netzwerkstrukturen und Effekte subjektiver sowie deskriptiver Normen auf das Gesundheitsverhalten junger Erwachsener (Holger von der Lippe)
Einleitung
Die Studie untersucht junge Erwachsene hinsichtlich ihrer gesundheitsrelevanten egozentrierten Netzwerke sowie der in diesen wahrgenommenen sozialen Einflüsse auf individuelle Gesundheitsverhaltensweisen. Als Gesundheitsverhalten werden Ernährung, Sport, Alkohol- und Tabakreduktion gefasst.

Methode
Daten stammen aus einer Studierendenstichprobe mit 267 Teilnehmern, die mit einem innovativen Netzwerk- und Gesundheitsfragebogen untersucht wurden. Neben Items zu eigenen Einstellungen, Verhaltensweisen und Zielen in Bezug auf die genannten Gesundheitsbereiche wurde auch nach der Wahrnehmung des Verhaltens relevanter Netzwerkpersonen gefragt. Der aktuelle Gesundheitszustand, Persönlichkeitsvariablen sowie soziale Ungleichheitsindikatoren wurden als mögliche Kontrollvariable erfasst, und ein network grid ermöglicht die Beschreibung der Gesundheitsnetzwerkstruktur.

Ergebnisse
Regressionsanalytisch kann gezeigt werden, dass signifikante Varianzanteile der Intention, mehr Sport zu treiben, durch die wahrgenommene injunktive Normen des Netzwerks (was die Person tun sollte) aufgeklärt werden können, während die deskriptive Norm (der wahrgenommene Anteil an Sporttreibenden im Netzwerk) ersten Analysen zufolge diese Intention nicht prädizierte. Für die Intention, weniger zu rauchen, ergaben sich hohe signfikante Varianzanteile, die durch die deskriptive Norm sowohl die subjektive Einwilligungsbereitschaft (die Bereitschaft, dem Verhalten der Mehrheit im Netzwerk zu folgen) aufgeklärt wurden. Bei differenzierter Betrachtung der verschiedenen Netzwerksektoren konnten im Bereich Ernährung und Sport signifikante Effekte lediglich für diese Normen bzgl. des gesundheitsförderlichen Verhaltens durch den Familiensektor gefunden werden.

Diskussion
Es wird diskutiert, welche Folgerungen aus den Ergebnissen für die weitere Netzwerkforschung im Kontext gesundheitlicher Ungleichheiten gezogen werden können. Insbesondere muss thematisiert werden, in wie weit es plausibel ist, unterschiedliche Normeffekte für verschiedene Gesundheitsverhaltensweisen in spezifischen Netzwerksektoren zu hypothetisieren.
Herr Prof. Dr. Holger von der Lippe
MSB Medical School Berlin
Großelternschaft und Sterblichkeitsrisiko: Ergebnisse aus der Health and Retirement Study (Lea Ellwardt, Karsten Hank, Carlos Mendes de Leon)

Einleitung

Großelternschaft ist eine wichtige soziale Rolle für ältere Menschen und kann bedeutsame gesundheitliche Auswirkungen haben. Elternschaft selbst wurde mit einigen schützenden Auswirkungen auf die Gesundheit in Verbindung gebracht, wobei die Befunde allerdings gemischt sind. Ob Großelternschaft mit wichtigen langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen wie der Sterblichkeit verbunden ist, ist weitgehend unbekannt. Diese Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Großelternschaft und Mortalität, und ob dieser durch Geschlecht und Bildung verändert wird.

Methode

Es wurden Longitudinaldaten aus der Health and Retirement Study (HRS) herangezogen, die zwölf Wellen von 1992 bis 2014 umfassten. Daran geknüpft wurden Registerdaten zum Vitalstatus aus dem National Death Index. Submodule erhoben die Familienstruktur der Teilnehmer für alle Wellen. Die Stichprobe umfasste 24.325 Teilnehmer > 50 Jahre mit mindestens einem Kind. Cox-Proportional-Hazard-Modelle testeten den Zusammenhang zwischen Großelternschaft und Sterblichkeitsrisiko. Dabei wurden soziodemografische Variablen, soziale Variablen einschließlich der Merkmale und des Kontakts mit Kindern, und Gesundheitsvariablen einschließlich der allgemeinen, funktionalen und psychischen Gesundheit berücksichtigt. Stratifizierte Modelle testeten diese Assoziationen getrennt nach Geschlecht und Bildung.

Ergebnisse

Die Großelternschaft war mit einem erheblich erhöhten Sterblichkeitsrisiko für Frauen verbunden und stieg mit einer größeren Anzahl von Enkelkindern. Es wurde kein signifikanter Zusammenhang für Männer gefunden. Das mit der Großelternschaft verbundene Sterblichkeitsrisiko war bei Personen mit niedrigem Bildungsniveau am höchsten.

Diskussion

Die Ergebnisse sind eine der ersten, die auf einen potenziellen Nachteil für das Überleben insbesondere für Großmütter schließen lässt. Ein höheres Bildungsniveau scheint diesen negativen Überlebenseffekt zu mildern.
Frau Jun.-Prof. Dr. Lea Ellwardt
Universität zu Köln
Soziale Netzwerke und Gesundheit: Neue Ergebnisse zur Relevanz von Beziehungsnetzen im Gesundheitskontext (Holger von der Lippe, Andreas Klärner)
Zusammenfassung
Seit den einschlägigen Arbeiten von Lisa Berkman und Thomas Valente finden sich vor allem in der angloamerikanischen Gesundheitsforschung Bemühungen, die Entstehung und Reproduktion gesundheitlicher Ungleichheiten durch den systematischen Einbezug sozialer Beziehungsnetze genauer zu erklären. Die Leitfrage also, ob der bekannte Effekt sozialer Ungleichheitsdimensionen auf Gesundheit möglicherweise durch Wirkungen sozialer Netzwerke (mit)erklärt werden kann, wurde im deutschsprachigen Raum bislang noch nicht ausreichend beforscht.
Im lockeren Anschluss an die in der Session „Soziale Netzwerke und gesundheitliche Ungleichheiten 1“ diskutierten grundlegenden Modelle, Befunde und Desiderata für die Gesundheitsforschung werden in dieser Session neuere empirische Beiträge vorgestellt. Dabei wird es neben den spezifischen Inhalten der jeweiligen Forschungsreferate immer auch um die Frage gehen, inwieweit die Umsetzung der gleichzeitigen Betrachtung von Netzwerken und gesundheitlichen Ungleichheiten in welchem Umfang geleistet werden kann bzw. wie künftige empirische Weiterentwicklungen dies realisieren können.

Beitrag 1
Lea Ellwardt et al.: Family networks, grandparenthood, and risk of mortality: Findings from the Health and Retirement Study

Beitrag 2
Holger von der Lippe et al.: Netzwerkstrukturen und Effekte subjektiver sowie deskriptiver Normen auf das Gesundheitsverhalten junger Erwachsener

Beitrag 3
Heiko Löwenstein et al.: Netzwerke sozialer Unterstützung von Menschen mit Depression

Beitrag 4
Karl Titze et al.: Personale soziale Netzwerke und psychische Gesundheit von Kindern

Beitrag 5
Helge Giese et al.: Die Rolle von Kognitionen beim sozialen Einfluss von Freunden auf den Alkoholkonsum in einem Erstsemesternetzwerk

Herr Prof. Dr. Holger von der Lippe
MSB Medical School Berlin
Tuesday
17 Sep
09:00 - 10:30
3C
Gesundheitskompetenz im Setting der Behindertenhilfe: Herausforderungen und Perspektiven
Room: HS 2C (Location: HS 2C)
Chair(s): Katharina Rathmann and Kevin Dadaczynski
Die zielgruppenadäquate Erfassung der Gesundheitskompetenz in Leichter Sprache bei Menschen mit Behinderung im Setting der Behindertenhilfe: Ergebnisse einer Mixed-Methods-Studie (Theres Vockert, Katharina Rathmann, Kevin Dadaczynski)
Einleitung
Im Nationalen Aktionsplan für Gesundheitskompetenz wird die Verbesserung der individuellen Gesundheitskompetenz (GK) betont, denn über die Hälfte der deutschen Bevölkerung hat Schwierigkeiten im Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen. Ergebnisse einer explorativen Studie mit der Zielgruppe Menschen mit (geistiger) Behinderung (MmB) zeigen, dass etwa 61% eine inadäquate bzw. problematische GK aufweisen und somit eine besonders vulnerable Bevölkerungsgruppe darstellen. Für MmB mangelt es bislang jedoch an geeigneten Erhebungsformen und validen Befunden zur individuellen Gesundheitskompetenz.

Der Beitrag präsentiert die im Projekt „GeKoMB (Gesundheitskompetenz bei Menschen mit Behinderung)“ erhobenen Daten zur individuellen GK im Setting der Behindertenhilfe und erweitert bisherige Forschung durch a) die individuellen GK und b) unterschiedliche Erhebungsformen bei MmB.

Methoden
Die Erhebung findet in Einrichtungen der Behindertenhilfe (d. h. Bereich Wohnen und Arbeit) statt. Das methodische Vorgehen orientiert sich am Mixed-Methods-Ansatz. Zielgruppe sind MmB. Quantitative Datengrundlage bildet die teilstandardisierte Befragung von N~200 MmB mittels eines für die Zielgruppe der MmB adaptierten Instruments zur Erfassung der allgemeinen und mentalen Gesundheitskompetenz sowie des Gesundheitsbewusstseins. Der qualitative Teil basiert auf leitfadengestützten Gruppendiskussionen und qualitativen Interviews (N=20) mit MmB. Die Befragungen fanden in Leichter Sprache statt.

Ergebnisse
Die aus den Erhebungen gewonnen Ergebnisse zur individuellen und mentalen GK und dem Gesundheitsbewusstsein von MmB werden präsentiert. In einer abschließenden Methodendiskussion werden die unterschiedlichen Erhebungsformen bei der Zielgruppe der MmB dargestellt.

Diskussion
Der Beitrag liefert Erkenntnisse zur individuellen GK von MmB. Insbesondere Herausforderungen bei der partizipativen Forschung mit MmB zur Gesundheitskompetenz und Teilhabe an Gesundheit, unter Berücksichtigung methodischer Aspekte, werden diskutiert.

Frau Theres Vockert
Hochschule Fulda
Förderung der (bewegungsbezogenen) Gesundheitskompetenz mit und für Menschen mit geistiger Behinderung. Grundlagen und Umsetzung eines Forschungsprojekts zur Steigerung der Gesundheitskompetenz. (Dirk Bruland, Cornelia Geukes, Änne-Dörte Latteck)
Menschen mit geistiger Behinderung (MmgB) haben aufgrund verschiedener Besonderheiten einen begrenzten Zugang zu Gesundheitsprogrammen. Gesundheitsförderung und Prävention nehmen dadurch eine besondere Bedeutung ein. Benötigt werden Ansätze, die diesen Besonderheiten und auch der Heterogenität von MmgB Rechnung tragen und auf eine nachhaltige Gesundheitsförderung ausgerichtet sind. Auf ein mangelndes Bewusstsein für einen ungesunden Lebensstil ist bei MmgB in verschiedenen Studien hingewiesen worden. Eine Stärkung der Gesundheitskompetenz könnte daher eine hohe Wirksamkeit zur Verbesserung der Gesundheit bei MmgB aufweisen.
Vorgestellt werden: Ansätze für Gesundheitsprogramme zur Steigerung der Gesundheitskompetenz von MmgB anhand einer für das BzgA durchgeführte Literaturrecherche; Vorstellungen zu Gesundheit von MmgB und die methodische Erfassung anhand einer Forschungsarbeit. Außerdem die Umsetzung der Erkenntnisse durch ein partizipatives Forschungsprojekt zur Förderung der (bewegungsbezogenen) Gesundheitskompetenz.
Konzepte haben eine höhere Akzeptanz in der Zielgruppe, wenn lebensweltliches Wissen und Bedürfnisse einbezogen werden, sie im Alltag gut umsetzbar sind (Alltagsbewegungen) und die Heterogenität der Zielgruppe berücksichtigen. In dem Beitrag wird dargestellt, wie durch Befragungen und Alltagsbeobachtungen vorhandene Gesundheitskompetenzen evaluiert werden. Ergebnisse sind Sinnstrukturen vor allem wie die eigene Lebenswelt wahrgenommen wird, welche Fähigkeiten vorhanden sind, wie eigene Ideen bezüglich Gesundheit und Krankheit entwickelt und artikuliert werden. Am Forschungsprozess beteiligte Pesonen sind Experten ihrer Perspektive zur Gesundheitsförderung, die partizipative Forschungsarbeit schafft ein hohes Interesse und Akzeptanz von Angeboten in der Zielgruppe. Der Beitrag zeigt, wie bedeutsam die Berücksichtigung der Erfahrungen, Wahrnehmungen und Ressourcen sind, um das Konzept der Gesundheitskompetenzen auf MmgB zu übertragen.

Herr Dr. Dirk Bruland
Frau Cornelia Geukes
FH Bielefeld InBVG
Qualitätssicherungsinstrumente Gesundheitskompetenter Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen – ein Ziel des Projektes QualiPEP (Anke Tempelmann, Christian Hans)
Abstract für die Session „Gesundheit und Gesundheitskompetenz im Setting der Behindertenhilfe“ (Prof. Dr. Katharina Rathmann, Prof. Dr. Kevin Dadaczynski, Hochschule Fulda)

QualiPEP steht für qualitätsorientierte Prävention und Gesundheitsförderung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe und Pflege. Das vierjährige Projekt wird seit 2017 vom AOK-Bundesverband im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit durchgeführt. Neben der Prävention und Gesundheitsförderung für Bewohner*innen und Beschäftige der Einrichtungen gehört die Förderung der Gesundheitskompetenz zu den drei Kernzielen des Projekts.

Für Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen soll mit einem partizipativen Ansatz u.a. ein Selbstbewertungsinstrument entwickelt werden. Es basiert auf dem validierten sogenannten „Wiener Konzept Gesundheitskompetenter Krankenbehandlungsorganisationen“ (Dietscher et al. 2015). Dieses soll für das Setting der Wohneinrichtungen adaptiert werden. Denn neben zielgruppenspezifischen Anforderungen unterscheiden sich die Wohneinrichtungen von Krankenhäusern u.a. wesentlich dadurch, dass sie i.d.R. den dauerhaften Lebensort der Bewohner*innen darstellen.
Dementsprechend wurden bis zur Projekthalbzeit (Frühjahr 2019) mit einer Bedarfsanalyse durch Literaturrecherchen, quantitative und qualitative Studien in enger Zusammenarbeit u.a. mit dem wissenschaftlichen Projektbeirat und Fachexpert*innen der Leistungserbringerverbände Qualitätskriterien entwickelt, die die Spezifika der Zielgruppe beachten, bspw. die Anwendung leichter Sprache und eine partizipative Bedarfsermittlung sowie Angebotsentwicklung.

​Die Kriterien werden in Qualitätssicherungsinstrumente überführt und durch Fokusgruppeninterviews in den Wohneinrichtungen überprüft und angepasst, bevor sie pilotiert werden. ​

Der Vortrag soll genutzt werden, die Methode sowie aktuelle Ergebnisse des Projekts QualiPEP mit dem Fokus Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen vorzustellen und zu diskutieren.

Literatur
Dietscher C, Lorenc J und Pelikan J (2015). Das Selbstbewertungs-Instrument zum Wiener Konzept Gesundheitskompetenter Krankenbehandlungsorganisationen (WKGKKO-I). Wien: Ludwig Boltzmann Institut
Frau Anke Tempelmann
AOK Bundesverband
Erfassung der organisationalen Gesundheitskompetenz in Einrichtungen der Behindertenhilfe: Erste Ergebnisse einer Mixed-Methods-Studie (Katharina Rathmann, Theres Vockert, Kevin Dadaczynski)
Einleitung: Im Strategiekonzept des Nationalen Aktionsplans zur Gesundheitskompetenz (GK) geht neben der Stärkung individueller Gesundheitskompetenz auch die Verbesserung struktureller Bedingungen in Lebenswelten und damit die Etablierung gesundheitskompetenter Organisationen deutlich hervor. Während die empirische Forschung zur individuellen Gesundheitskompetenz kontinuierlich zugenommen hat, wird den Lebenswelten, in denen Gesundheits-, Pflege- und Betreuungsleistungen erbracht werden, bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit in der empirischen Forschung gewidmet. Der Fokus liegt in der deutschsprachigen Forschung verstärkt auf dem Setting der gesundheitskompetenten Krankenhausorganisation und dem dortigen Niveau organisationaler GK, nicht jedoch auf Einrichtungen der Behindertenhilfe. Ziel des Beitrags ist daher, 1) bisherige Instrumente zur Erfassung der organisationalen GK für diese Settings anzupassen sowie 2) erste Ergebnisse zur organisationalen GK in Einrichtungen der Behindertenhilfe zu präsentieren.

Methoden: Die Erhebung findet in Einrichtungen der Behindertenhilfe (d. h. im Bereich Wohnen und Arbeit) statt. Das methodische Vorgehen orientiert sich am Mixed-Methods-Ansatz. Die Befragungen finden zwischen Mai-Juli 2019 statt. Der qualitative Studienarm basiert auf leitfadengestützten Experteninterviews mit Leitungs- und Fachkräfte in den Einrichtungen, die anhand der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet werden. Quantitative Datengrundlage bildet eine bundesweite Online-Befragung in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Neben strukturellen Angaben wird die organisationale Gesundheitskompetenz mit für das Setting adaptierten Instrumenten (u. a. HLHO-10) erfasst. Die Auswertungen erfolgen mittels uni- und bivariater Analysen mit SPSS.

Ergebnisse: Die aus den Befragungen gewonnen Ergebnisse zur organisationalen GK in Einrichtungen der Behindertenhilfe werden präsentiert. Auch die adaptierten Instrumente zur Erfassung der organisationalen GK im Setting der Behindertenhilfe werden dargestellt und diskutiert.

Diskussion: Der Beitrag diskutiert u. a. methodische Herausforderungen zur Erfassung der organisationalen Gesundheitskompetenz im Setting der Behindertenhilfe, um diese künftig nicht nur zu erfassen, sondern auch zu verbessern.
Frau Prof. Dr. Katharina Rathmann
Hochschule Fulda, Fachbereich Pflege und Gesundheit, Public Health Zentrum Fulda (PHZF), Leipziger Str. 123, 36037 Fulda
Herr Prof. Dr. Kevin Dadaczynski
Hochschule Fulda
Gesundheitskompetenz im Setting der Behindertenhilfe: Herausforderungen und Perspektiven (Katharina Rathmann, Kevin Dadaczynski)
Die in Deutschland bereits etablierte Erforschung der Gesundheitskompetenz (GK) bezieht sich darauf Informationen zur Krankheitsbewältigung, Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention zu finden, zu verstehen, zu bewerten und zu nutzen. In Deutschland hat sich jüngst ein Forschungsbereich entwickelt, der sich der Erhebung der GK von bestimmten (vulnerablen) Bevölkerungsgruppen widmet (u. a. ältere Menschen). Obwohl die Gruppe der Menschen mit (geistiger) Behinderung zweifelsohne auch eine vulnerable Gruppe darstellt, wurde diese in der Forschung zur GK bisher kaum berücksichtigt. Daher liegen kaum Ergebnisse zur GK von Menschen mit (geistiger) Behinderung vor, was sich u. a. auf einen Mangel an geeigneten Erhebungsinstrumenten und adäquaten Erhebungsmodalitäten zurückführen lässt. Folglich werden gegenwärtig Bedarfe für die Gesundheitsbildung und -versorgung von Menschen mit (geistiger) Behinderung, insbesondere in hospitalisierten Lebenswelten, unzureichend erfasst sowie Potenziale für die Stärkung der (Patienten-) Souveränität verkannt. Auch sind im deutschsprachigen Raum nur vereinzelt Initiativen und Interventionen zur Stärkung der GK von Menschen mit (geistiger) Behinderungen in Einrichtungen der Behindertenhilfe vorzufinden.

Darüber hinaus haben, in den letzten Jahren, neuere Forschungsarbeiten auch die organisationalen Bedingungen und die organisationale GK von Einrichtungen des Gesundheitswesens und der Pflege fokussiert. Dennoch fehlen bislang Studien und empirisches Material zum Ist-Stand der sog. organisationalen GK in Einrichtungen der Eingliederungs- und Behindertenhilfe.

An diesen Desiderata setzt die Special Session zum Thema „Gesundheitskompetenz im Setting der Behindertenhilfe: Herausforderungen und Perspektiven“ an. Ziele der Special Session sind neben der Präsentation von empirischen Ergebnissen zur GK von Menschen mit (geistiger) Behinderung, auch erste Ergebnisse bezüglich der organisationalen GK der Einrichtungen der Behindertenhilfe. Es werden zunächst 1) die Herausforderungen bei der (partizipativen) Erhebung und der Messung der individuellen GK (bspw. In Leichter Sprache) dieser besonders vulnerablen Bevölkerungsgruppe im Setting der Behindertenhilfe vorgestellt und diskutiert. Zudem werden 2) zielgruppenadäquate Interventionen zur Stärkung der individuellen Gesundheitskompetenz im Setting der Behindertenhilfe vorgestellt.

Die Special Session widmet sich darüber hinaus 3) der Darstellung des Projekts „Qualitätsorientierte Prävention und Gesundheitsförderung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe und Pflege (QualiPEP)" sowie 4) ersten Ergebnissen zur organisationale Gesundheitskompetenz in Einrichtungen der Behindertenhilfe, die aus Perspektive von Fach- und Leitungskräften erfasst wurde. Die Special Session schließt mit einer gemeinsamen Diskussion der u. a. methodischen Herausforderungen und Perspektiven, um die individuelle sowie organisationale Gesundheitskompetenz im Setting der Behinderten- und Eingliederungshilfe nicht nur zu messen, sondern künftig auch zu stärken.

Folgende vier Beiträge (á 15 Min., zzgl. jew. 5 min. Diskussion) sind Bestandteil der Special Session:

Theres Vockert, Katharina Rathmann und Kevin Dadaczynski (Hochschule Fulda)
Die zielgruppenadäquate Erfassung der Gesundheitskompetenz in Leichter Sprache bei Menschen mit Behinderung im Setting der Behindertenhilfe: Ergebnisse einer Mixed-Methods-Studie

Dirk Bruland, Cornelia Geukes und Änne-Dörte Latteck (Fachhochschule Bielefeld)
Förderung der (bewegungsbezogenen) Gesundheitskompetenz mit und für Menschen mit geistiger Behinderung. Grundlagen und Umsetzung eines Forschungsprojekts zur Steigerung der Gesundheitskompetenz

Anke Tempelmann und Miriam Ströing (AOK Bundesverband)
Qualitätsorientierte Prävention und Gesundheitsförderung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe und Pflege (QualiPEP)

Katharina Rathmann, Theres Vockert und Kevin Dadaczynski (Hochschule Fulda)
Die organisationale Gesundheitskompetenz in Einrichtungen der Behindertenhilfe: Erste Ergebnisse einer Mixed-Methods-Studie


Frau Prof. Dr. Katharina Rathmann
Hochschule Fulda, Fachbereich Pflege und Gesundheit, Public Health Zentrum Fulda (PHZF), Leipziger Str. 123, 36037 Fulda
Herr Prof. Dr. Kevin Dadaczynski
Hochschule Fulda
Tuesday
17 Sep
15:00 - 16:30
5E
Interventionen für psychische StörungenInternet-, Smartphone- und Telefon-basierte Interventionen für psychische Störungen
Room: U1.34 (Location: U1.34)
Chair(s): Claudia Buntrock
Wirksamkeit und Kosteneffektivität von internet-basierten Interventionen für verschiedene psychische Störungen (Claudia Buntrock, David Ebert, Filip Smit, Pim Cuijpers)
Psychische Störungen sind weit verbreitet und mit einer erheblichen Krankheitslast sowie gesellschaftlichen Kosten verbunden. Die Folgen können jedoch durch Präventionsmaßnahmen wirksam reduziert werden. Das Internet bietet die Möglichkeit, präventive Interventionen flächendeckend auf Bevölkerungsebene anzubieten. Ziel des Beitrages ist es, einen Überblick über die Einsatzmöglichkeiten von internet- und mobile-basierten Interventionen (IMIs) in der Prävention von psychischen Störungen zu geben und den aktuellen Stand der Forschung exemplarisch zusammenzufassen.

Anhand einer Datenbankrecherche wurden randomisiert-kontrollierte Studien identifiziert, die die Wirksamkeit und/oder Kosteneffektivität einer IMI zur Prävention einer psychischen Störung evaluiert haben. Primärer Endpunkt war das Auftreten einer psychischen Störung. Symptomschwere diente als sekundäres Outcome. Soweit möglich, erfolgte eine meta-analytische Zusammenführung der Ergebnisse.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Belege für die Wirksamkeit von Interventionen bei Depression, emotionaler Erschöpfung/Stress, Angstzuständen und Essstörungen gefunden wurden. Eine meta-analytische Auswertung über alle Präventionstypen und Störungen hinweg ergab eine signifikante Überlegenheit von IMIs gegenüber Kontrollgruppen mit einer relativen Risikoreduktion von 28%. Zudem zeigten IMIs bzgl. der Reduzierung der Symptomschwere kleine bis moderate Effektstärken. Begleitete Selbsthilfe-Programme für Depression, emotionale Erschöpfung/Stress und Angstzustände wiesen zudem eine hohe Wahrscheinlichkeit auf, kosteneffektiv zu sein.

IMIs sind ein vielversprechender Ansatz zur Prävention psychischer Störungen und ergänzen bestehende Präventionsmaßnahmen. Weitere randomisiert-kontrollierte Studien sind jedoch notwendig, um diese Evidenz zu festigen und auf weitere Störungsbilder auszuweiten. Belege für die Kosteneffektivität von IMIs zur Prävention psychischer Störungen sind bisher rar und begrenzen sich auf Depression und Angstzustände. Auch hier ist weitere Forschung notwendig, um Implikationen für die Praxis abzuleiten.
Frau Dr. Claudia Buntrock
Implementierung internet- und telefongestützter Präventionsmaßnahmen (ImpleMentIT) in ländlichen Betrieben der Land-/Forstwirtschaft und Gartenbau: Studienprotokoll für die Evaluation einer gestuften Implementierung in Deutschland (Johanna Freund, Ingrid Titzler, David Ebert)

Einleitung

In den grünen Berufen besteht aufgrund einer Vielzahl an belastenden Faktoren (z.B. hohe Arbeitsbelastung, finanzielle Schwierigkeiten, familiäre Konflikte) ein hohes Risiko, an Depressionen oder anderen psychischen Störungen zu erkranken. Gleichzeitig ist die psychotherapeutische Versorgung in ländlichen Gebieten unzureichend. Daher ist Prävention entscheidend, um das Risiko für psychische Störungen zu reduzieren. Eine deutsche Sozialversicherungsgesellschaft (SVLFG) führt internet- und telefongestützte Präventionsleistungen im Rahmen eines ersten landesweiten Präventionsprojekts im Agrarsektor ein. Die Studie soll den Erfolg der Implementierung bewerten.

Methoden

Das RE-AIM-Framework und das CFIR werden verwendet, um den Implementierungsprozess auf den Ebenen der Reichweite, Effektivität, Annahme, Implementierung und Nachhaltigkeit zu bewerten. Ein Mixed-Methods-Ansatz ermöglicht Einblicke in verschiedene Parameter wie Inanspruchnahme, Wirksamkeit und Zufriedenheit mit der Intervention (Versichertenebene). Außerdem werden Erfahrungen in der Beratung sowie der Bereitstellung der neuen internet- und telefongestützten Angebote erfasst, z.B. Akzeptanz, Normalisierungsgrad im Arbeitsalltag, organisationale Faktoren und Aspekte der Verhaltensänderung im Implementierungsprozess (Mitarbeiterebene). Die Erhebungen erfolgen von April 2019 bis März 2021 in 6-monatigen Abständen und variieren in Abhängigkeit der Zielgruppe und Dimension.
Intervention: Der Versicherte kann zwischen mehreren internetgestützten KVT-Interventionen, die auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnitten sind, und maßgeschneiderten telefongestützten Interventionen wählen, wie z.B. intensives Einzelfallcoaching, diagnostische Bedarfsklärung sowie Weiterleitung zu externen Beratungsstellen.

Ergebnisse

Die Rekrutierung erfolgt seit März 2019. Erste Ergebnisse aus der Pilotphase der Implementierung werden präsentiert. Ergebnisse der nationalen Implementierungsphase stehen frühestens Ende 2020 zur Verfügung.

Diskussion

Wenn die Implementierung gelingt, werden die Präventionsleistungen beibehalten und die psychische Gesundheit von Landwirten, Förstern und Gartenbauern in ländlichen Gebieten kann nachhaltig verbessert werden.