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Mi
15 Mär
11:30 - 13:00
DGAUM Eröffnung
Eröffnungsveranstaltung der 63. Jahrestagung der DGAUM
  1. Begrüßung (Prof. Thomas Kraus, Präsident DGAUM)
  2. Grußworte
    Dr. Thomas Nitzsche (Oberbürgermeister Jena)
    Prof. Walter Rosenthal (Präsident Universität Jena)
    Prof. Astrid Heutelbeck (Tagungspräsidentin)
  3. Preisverleihungen Franz-Koelsch-Medaille, Joseph-Rutenfranz-Medaille, DGAUM-Innovationspreis
  4. Festvortrag der Schirmherrin (Heike Werner, Thüringer Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie)
  5. Vortrag "Aufgaben der STIKO in der COVID-19-Pandemie" (Prof. Sabine Wicker, Mitglied der STIKO)
  6. Schlusswort (Prof. Simone Schmitz-Spanke, Tagungsleiterin)
Raum: Hörsaal 2 / Zoom-Raum 2 (Standort: EG / online)
Mi
15 Mär
18:00 - 20:00
DGAUM Mitglieder
Mitgliederversammlung der DGAUM
Geschlossene Präsenz-Veranstaltung für DGAUM-Mitglieder
Raum: Hörsaal 2 (Standort: EG, Anzahl der Sitzplätze: 450)
Vorsitz: Thomas Kraus und Volker Harth
Mi
15 Mär
20:00 - 22:00
DGAUM Get-Together
Get-Together der DGAUM
Mit freundlicher Unterstützung von Deutsche Post DHL Group. Die Teilnahme ist kostenfrei.
Raum: Cafeteria (Standort: EG)
Mi
15 Mär
14:30 - 17:15
DGUV-Kolloquium
Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz in Zeiten der Pandemie – eine Herausforderung
Arbeitsmedizinisches Kolloquium der DGUV (PDF-Flyer)
14:30 Uhr   Begrüßung (Prof. Dr. med. Thomas Brüning)
14:35 Uhr   3 Jahre Pandemie – wo stehen wir? (Prof. Dr. rer. nat. Carsten Watzl)
COVID-19 – Herausforderungen für...
14:55 Uhr   …den regulatorischen Arbeitsschutz (Isabel Rothe)
15:15 Uhr   …die Unfallversicherungsträger (Dr. phil. nat. Torsten Kunz)
15:35 Uhr   …den Arbeitsplatz (Dr. rer. nat. Klaus Schäfer, Roland Kraemer)
15:55 Uhr   …die Forschung (Prof. Dr. med. Hans Drexler)
16:15 Uhr   Pause
16:30 Uhr   COVID-19 als Berufskrankheit (Jörg Schudmann)
16:50 Uhr   Post-COVID – gutachterliche Aspekte (PD Dr. med. Kai Wohlfarth)
17:10 Uhr   Schlusswort (Prof. Dr. med. Thomas Brüning)
Raum: Hörsaal 2 / Zoom-Raum 2 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Thomas Brüning
Beiträge:
1
Die SARS-CoV-2-Pandemie verursachte nicht nur eine globale wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise, sie hatte auch gravierende Auswirkungen für die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung (UVT). Diese lagen auf zwei Ebenen:
Zum einen waren zahlreiche interne Prozesse betroffen – Stichworte dazu sind Digitalisierung, Homeoffice, Qualifizierungen und Haushalt.
Die noch größere Aufgabe war aber - im Rahmen ihres Präventionsauftrages nach SGB VII - eine zeitnahe und kompetente Information, Beratung, Qualifizierung und Überwachung ihrer Mitglieder und Versicherten zu den Gefährdungen durch SARS-CoV-2-Viren und den erforderlichen Schutzmaßnahmen.

Bei COVID-19 handelte es sich um eine völlig neuartige Erkrankung mit einer hohen zeitlichen Dynamik. Somit konnte Fachwissen, etwa über Übertragungswege, die Wirkungsweise oder zu den erforderlichen Schutzmaßnahmen erst parallel zum Fortschreiten der Pandemie erworben werden. Dadurch mussten die Empfehlungen der Träger der gesetzlichen Unfallversicherung für die Betriebe permanent angepasst werden – ein Kraftakt.

Hinzu kam, dass generell eine Expertise zu Infektionskrankheiten als Arbeitsunfälle oder Berufskrankheiten nur für wenige Branchen vorhanden war, die Struktur und Arbeitsweise der Fachgremien der UVT nicht auf eine Pandemie ausgerichtet waren und es auf der Ebene Bund und Länder keine klaren oder gar widersprüchliche Strukturen gab. Hier galt es, zeitnah trägerübergreifende Gremien zu etablieren, um erforderliche und abgestimmte Empfehlungen für Betriebe und Aufsicht sehr schnell erstellen zu können.

Selbstverständlich waren auch die Beschäftigte der UVT und deren Dienstleistungen von der Pandemie betroffen: Präventions-Qualifizierungen fielen aus oder wurden online durchgeführt, Betriebskontakte waren nur unter starken Schutzmaßnahmen möglich und Verwaltungen arbeiteten primär im Homeoffice. Zudem führte die Pandemie durch Beitragsausfälle aus Branchen im Lock-down und durch COVID-19-Erkrankungen als Ursache von Arbeitsunfällen oder Berufskrankheiten zu erheblichen finanziellen Belastungen einzelner Träger.

Die sicher langfristigste Herausforderung ist aber der Wandel der Arbeitswelt, der durch die Pandemie ausgelöst wurde. Quasi in einem großen Feldversuch wurden neue Arbeitsformen wie die mobile Arbeit, Homeoffice und auch Videokonferenzen erprobt und nun dauerhaft etabliert. Zukunftsaufgabe ist nun, die Risiken der neuen Arbeitsformen zu ermitteln und entsprechende Präventionsmaßnahmen in den Betrieben umzusetzen.

Herr Dr. Torsten Kunz
Unfallkasse Hessen
2
Nur durch die systematische Forschungsarbeit konnten die großen Erfolge der letzten Jahrzehnte in der kurativen Medizin erreicht werden. Dabei kommt den randomisierten, Plazebo-kontrollierten Studien die höchste Beweiskrafkt zu. Für die Wirksamkeit von Impfungen und Medikamenten zur Verhütung und Behandlung von COVID-Erkrankungen liegen zahlreiche derartige Studien vor oder sind in Durchführung.
Im Gegensatz dazu fehlen für die Primärprävention, nicht nur der COVID-Erkrankung, meistens entsprechende Studien im Sinne einer „evidence based prevention“. Die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Wirksamkeit der Primärprävention (Hygiene, Lüftung, Masken, Desinfektion), der Sekundärprävention (Schnelltest) und der Tertiärpävention (Strategien zur Behandlung von Patienten mit Post-Covid-Syndrom) von COVID 19 werden dargestellt und Forschungsdefizite aufgezeigt.

Herr prof. dr. Hans Drexler
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
3
Eine Infektion mit COVID-19, die sich Versicherte bei ihrer beruflichen Tätigkeit zuziehen, kann einen Versicherungsfall der gesetzlichen Unfallversicherung darstellen.
Bei Betroffenen, die im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder in Laboratorien tätig sind, kommt die Anerkennung einer Berufskrankheit (BK) nach Nummer 3101 der Anlage 1 zur Berufskrankheitenverordnung in Betracht. Gleiches gilt bei der Ausübung von anderen Tätigkeiten, wenn die Betroffenen dabei der Infektionsgefahr in ähnlichem Maße besonders ausgesetzt sind.
Außerhalb des Anwendungsbereichs der BK-Nr. 3101 können beruflich erworbene COVID-19 Erkrankungen Arbeitsunfälle sein.
Die COVID-19-Pandemie stellt die gesetzliche Unfallversicherung seit 3 Jahren vor Herausforderungen. Allein der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtpflege (BGW) sind während der Pandemie bis Ende Oktober 2022 rund 370.000 Verdachtsmeldungen zugegangen, von denen rund 213.000 (Stand: 31.10.2022) Erkrankungen als Berufskrankheit anerkannt wurden.
Da es sich bei SARS-CoV-2 um einen Erreger mit einer weiten Verbreitung in der Bevölkerung handelt, ist der Nachweis einer berufsbedingten Infektion im Einzelfall anspruchsvoll. Deshalb haben die Unfallversicherungsträger zur Unterstützung einer einheitlichen Bewertung gemeinsame Entscheidungskriterien entwickelt.
Auch bei der Leistungserbringung in anerkannten Erkrankungsfällen stellt COVID-19 die Unfallversicherung vor Herausforderungen. So sind die genauen Ursachen für Long/Post-COVID bislang nicht bekannt.[1] Daher kann die Feststellung eines Zusammenhangs zwischen einer bestehenden körperlichen Beeinträchtigung und der initialen COVID-19-Erkrankung (haftungsausfüllende Kausalität) und damit die Bestätigung eines Leistungsanspruchs gegenüber dem Unfallversicherungsträger schwierig sein.
Neben den Problemen bei der rechtlichen Bewertung stellt die Pandemie die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung vor organisatorische Probleme. So bindet die massenhafte Meldung auch leichter Krankheitsverläufe dort erhebliche personelle Ressourcen. Dies kann dazu führen, dass sie sich nicht oder nur verzögert im gebotenen Umfang um die Belange der Betroffenen mit einem schwereren Krankheitsverlauf kümmern können. Um dieser unbefriedigenden Situation zu begegnen, sollte darüber nachgedacht werden, die BK-Nr. 3101 künftig in Hinblick auf bagatellhafte Erkrankungen, die in der gesetzlichen Krankenversicherung ohne Defizite behandelt werden könnten, neu auszurichten.

Referenzen

[1] AWMF S1-Leitlinie Long/ Post-COVID (Stand17.8.2022), S. 10;  https://register.awmf.org/assets/guidelines/020-027l_S1_Post_COVID_Long_COVID_2022-08.pdf (Abruf 24.11.2022).
Herr Jörg Schudmann
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege, Hamburg
Do
16 Mär
08:30 - 10:00
Themenschwerpunkt
Symposium: Gefährdungsbeurteilung bei psychischer Belastung
Veranstaltung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Leitung: Prof. Dr. Martin Schütte und Prof. Dr. Ute Latza, MPH
  1. Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung – Aktuelle Entwicklungen (Dr. David Beck)​​​​
  2. Herausforderungen für die Arbeitsgestaltung bei hoher Arbeitsintensität im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung (Dr. Katja Schuller)
  3. Gefährdungsbeurteilung von interaktionsspezifischen Belastungen (Jonas Wehrmann, M.Sc.)
  4. Führungskräfte als besondere Beschäftigtengruppe im Hinblick auf Belastungen und Ressourcen und Ableitungen für die Berücksichtigung in der Gefährdungsbeurteilung (Anja Wittmers)
Raum: Hörsaal 2 / Zoom-Raum 2 (Standort: EG / online)
Beiträge:
1
Arbeitgeber sind arbeitsschutzgesetzlich verpflichtet, Arbeit so zu gestalten, dass Gefährdungen für die Gesundheit der Beschäftigten vermieden werden. Dabei ist auch die Gefährdung durch die psychische Belastung bei der Arbeit zu berücksichtigen. Doch unter welchen Arbeitsbedingungen ist von einer Gefährdung durch psychische Belastung auszugehen und welche Anforderungen an die Gestaltung von Arbeit leiten sich daraus ab?

Als Beurteilungsmaßstäbe sind (1) bestehende Vorschriften und Regeln des Arbeitsschutzes (2) einschlägige Normen und Leitlinien zur ergonomischen Gestaltung von Arbeit sowie (3) wissenschaftliche Erkenntnisse über gesundheitliche Wirkungen psychischer Belastung und Optionen präventiver Arbeitsgestaltung, die u.a. von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin [1] aufbereitet wurden, heranzuziehen.

Bezugnehmend darauf wurden im Rahmen des Arbeitsprogramms „Psyche“ der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) Gestaltungsanforderungen konkretisiert, differenziert für die Gestaltungsbereiche Arbeitsaufgabe, Arbeitsorganisation, Arbeitszeit, soziale Beziehungen, Verwendung von Arbeitsmitteln und Arbeitsumgebung [2].

Für Betriebe und betriebliche Arbeitsschutzakteure steht damit eine verbesserte Handlungshilfe zur Verfügung, die konkretere Orientierung gibt, wie Arbeit zu gestalten ist, um eine Gefährdung durch die psychische Belastung bei der Arbeit zu vermeiden.

Referenzen

[1] Rothe et al. (2017). Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt
- Wissenschaftliche Standortbestimmung. 
Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/Psychische-Gesundheit.html.
[2] GDA Arbeitsprogramm Psyche (2022). Berücksichtigung
psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung. Empfehlungen zur Umsetzung
in der betrieblichen Praxis. 4., vollständig überarbeitete Auflage, Stand
15.6.2022, Berlin, https://www.gda-portal.de/SharedDocs/Meldungen/DE/22-08-29-Psych-Belastung-Gefaehrdungsbeurteilung.html.
Herr Dr. David Beck
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
2
Einleitung: Jede/r Arbeitgeber/in ist gesetzlich zur Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung verpflichtet. Das Herzstück der Gefährdungsbeurteilung ist eine Arbeitsgestaltung, die Gefährdungen durch psychische Belastung vermeidet. Dieser Beitrag stellt vor, welche Herausforderungen aus Sicht betrieblicher Arbeitsschutz-Akteure mit der Arbeitsgestaltung im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung verbunden sind. Einige dieser Herausforderungen werden anhand des Schlüsselfaktors Arbeitsintensität mit Hilfe von Interviewdaten illustriert und weiter ausdifferenziert. Darüber hinaus werden Gestaltungsansätze zur Vermeidung hoher Arbeitsintensität exploriert.

Methode: Die empirische Grundlage dieser Auseinandersetzung bilden transkribierte Interviews mit betrieblichen Arbeitsschutz-Akteuren aus 34 Unternehmen verschiedener Größen und Branchen, die qualitativ thematisch ausgewertet wurden.

Ergebnisse: Aus Sicht betrieblicher Akteure sind die hohe Komplexität betrieblicher Entstehungs- und Wirkungszusammenhänge psychischer Belastung (im Kontrast zur relativen Klarheit wissenschaftlicher Konzepte), der „wicked character“ psychosozialer Risiken, ein fehlendes Bewusstsein dafür, wo tagtäglich Entscheidungen im Unternehmen getroffen werden, die psychische Belastung „gestalten“ und fehlende wahrgenommene Gestaltungsspielräume zentrale Herausforderungen für die Arbeitsgestaltung zur Vermeidung von Gefährdungen durch psychische Belastung. Trotz dieser Herausforderungen berichten sie eine Reihe von Gestaltungsansätzen, die hoher Arbeitsintensität auf unterschiedlichen Ebenen entgegenwirken (können) ([1], [2]).

Theoretische/ Praktische Implikationen: Auf Basis der Ergebnisse werden Empfehlungen für die Arbeitsgestaltung im Kontext der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung erarbeitet ([3], [4]).

Relevanz: Die Studie leistet einen Beitrag zum Ausbau des Wissens um Herausforderungen für die Arbeitsgestaltung zur Vermeidung von Gefährdungen durch psychische Belastung in der betrieblichen Praxis und leitet Empfehlungen ab.

Referenzen

[1] Schuller K. (2019). Interventions as the centrepiece of psychosocial risk assessment – why so difficult? International Journal of Workplace Health Management, 13(1), 61-80. doi:10.1108/ijwhm-07-2018-0098.
[2] Schuller K. & Schulz-Dadaczynski A. (2022). Arbeitsgestaltung bei hoher Arbeitsintensität und Zeit- und Leistungsdruck - Herausforderungen und Herangehensweisen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 62(3), 98-212, DOI: 10.1026/0932-4089/a000396.
[3] Beck D. & Schuller K. (2020). Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung in der betrieblichen Praxis. Erkenntnisse und Schlussfolgerungen aus einem Feldforschungsprojekt. in: baua: Bericht kompakt, Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, DOI: 10.21934/baua:berichtkompakt20200115.
[4] GDA Arbeitsprogramm Psyche (2022). Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung – Empfehlungen zur Umsetzung in der betrieblichen Praxis (4., vollständig überarbeitete Auflage). Verfügbar unter: https://www.gda-psyche.de/SharedDocs/Publikationen/DE/broschuere-empfehlung-gefaehrdungsbeurteilung.html.
Frau Dr. Katja Schuller
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
3

Einleitung

Aufgrund der steigenden Anzahl psychischer Erkrankungen kommt der Beurteilung psychischer Belastung eine besondere Bedeutung zu (Metz & Rothe, 2017). So ist es vor dem Hintergrund der Reduktion gesundheitlicher Beeinträchtigungen erforderlich, dass psychische Belastungen am Arbeitsplatz frühzeitig erkannt werden (Beck & Lenhardt, 2019). Gleichermaßen zeigt sich, dass bestehende Instrumente zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung die besonderen Anforderungen von Interaktionsarbeit bislang nur unzureichend erfassen (Richter 2010). Aus der bislang geringen Berücksichtigung der besonderen Anforderungen von Interaktionsarbeit resultiert die Zielstellung der vorliegenden Arbeit ein GBU-Instrument zu entwickeln, welches die besonderen Gefährdungen von Interaktionsarbeit in einem ganzheitlichen Verfahren erfasst.

Methoden

Im Zuge der Konstruktion des Gefährdungsbeurteilungsinstruments wird ein Mixed-Methods-Ansatz gewählt und neben quantitativen werden ebenfalls qualitative Forschungsmethoden berücksichtigt (Creswell, 1999; Hanson et al., 2005; Pentzek et al., 2012). So wird das Forschungsfeld zunächst qualitativ mittels halbstandardiserten Interviews (n=106 über 6 Berufsgruppen) erschlossen, um auf Basis der erhobenen Daten geeignete Skalen und Items für ein speziell auf den Kontext der Interaktionsarbeit anwendbares Gefährdungsbeurteilungsinstrument zu entwickeln, welches anschließend psychometirisch getestet wird.

Ergebnisse

Die Ergebnisse der qualitativen Studie zeigen, dass die Konfrontation mit persönlichem Schicksal und Sterben, unhöflichem Kundenverhalten sowie verbalen, sexuellen und physischen Aggressionen, interaktionsspezifische Gefährdungspotentiale darstellten. Darüber hinaus erwiesen sich der Umgang mit überzogenen Kundenerwartungen, illegitime Kundenbeschwerden und die mangelnde Partizipation von Kunden als Gefährdungsfaktoren.

Schlussfolgerung / Diskussion

Die Entwicklung des Instruments leistet einen unmittelbaren Beitrag zur menschengerechten Gestaltung von Interaktionsarbeit, da zum einen für die besonderen Anforderungen der Interaktionsarbeit sensibilisiert und zum anderen eine Grundlage für die Ableitung konkreter Maßnahmen zur gesundheitsförderlichen Gestaltung von Interaktionsarbeit geschaffen wird.

Referenzen

Beck, D. & Lenhardt, U. (2019). Consideration of psychosocial factors in
workplace risk assessments: findings from a company survey in Germany. International
archives of occupational and environmental health, 92(3),
435–451.
Creswell, J. W. (1999). Mixed-method research:
Introduction and application. In Handbook of educational policy (S. 455–472). Elsevier


Hanson, W. E.,
Creswell, J. W., Clark, V. L. P., Petska, K. S. & Creswell, J. D. (2005).
Mixed methods research designs in counseling psychology. Journal of Counseling Psychology, 52(2), 224–235.
https://doi.org/10.1037/0022-0167.52.2.224


Metz, A.-M. &
Rothe, H.-J. (2017). Screening
psychischer Arbeitsbelastung. Ein Verfahren zur Gefährdungsbeurteilung. Wiesbaden: Springer.
https://doi.org/10.1007/978-3-658-12572-1


Pentzek, M., Wollny, A., Herber, O. R., Porst, R., Icks, A., Abholz, H.-H.
et al. (2012). Itemkonstruktion in sequenziellen Mixed-methods-Studien:
Methodenbeschreibung anhand eines Beispielprojekts. Zeitschrift fur Allgemeinmedizin, 88(12), 520–527.




Richter, G. (2010). Toolbox Version 1.2. Instrumente zur Erfassung
psychischer Belastungen.
Dortmund/ Berlin/ Dresden: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.
Herr Jonas Wehrmann
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
4
Führung ist ein entscheidender Einflussfaktor in Bezug auf Leistung, Motivation und Gesundheit von Mitarbeitenden (z. B. Montano et al., 2017). Es besteht Konsens, Führung daher auch als eine wichtige Einflussgröße im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung psychosozialer Belastungen mitzudenken. Den Fokus auf führungsspezifische arbeitsbezogene Risikofaktoren sowie die damit zusammenhängende Gesundheit der Führungskräfte selbst zu legen, ist in Wissenschaft und Praxis allerdings immer noch eine Seltenheit (z. B. Barling & Cloutier, 2017). Führungskräfte sehen sich insbesondere in Veränderungs- und Krisenzeiten mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert (Jungbauer & Wegge, 2015; Thomson et al., 2018). Dies unterstreicht die Notwendigkeit von Monitoring, Prävention und Gesundheitsfürsorge für diese Zielgruppe. Gesundheitsfürsorge für Führungskräfte erfüllt aber nicht nur einen Selbstzweck, sondern wirkt sich durch die Multiplikatoren-Rolle der Führungskräfte positiv auf die gesamte Organisation aus (z. B. Wittmers & Klasmeier, 2021). Die Reduzierung von psychosozialen Risikofaktoren für diese Gruppe kann präventiv gegen negatives oder gar destruktives Führungsverhalten wirken und schädigende Crossover-Effekte auf die Mitarbeitenden verhindern.

In diesem Beitrag soll die Relevanz der Gesunderhaltung und der Berücksichtigung von Führungskräften als besondere Beschäftigtengruppe untermauert werden. Auf dieser Basis wird aufgezeigt, warum eine bessere Integration von Führungskräften in die Gefährdungsbeurteilung psychosozialer Belastungen sinnvoll ist und es wird diskutiert, in welcher Form dies am besten geschehen kann. Anhand von Daten aus der repräsentativen BiBB-BAuA Erwerbstätigen-Befragung sowie einer Drei-Ebenen-Befragung in 26 Organisationen wird analysiert, was wir bereits über die Gesundheit von Führungskräften und arbeitsbezogene Belastungen und Ressourcen wissen. Hier zeigt sich, dass diese Beschäftigtengruppe durchaus eine spezifische Konstellation von Belastungen und Ressourcen aufweist und insbesondere die Themen Umgang mit Arbeitsintensität/ -intensivierung, Passung von Ressourcen sowie adäquate Methoden zur Erfassung der Belastung und Beanspruchung von Führungskräften Aufmerksamkeit bedürfen. Darüber hinaus wird weiterer Forschungsbedarf abgeleitet – hierbei bietet das Symposium, in das dieser Beitrag integriert ist, eine gute Plattform für eine übergreifende Diskussion zur Weiterentwicklung von Gefährdungsbeurteilungs-Instrumenten sowie u. a. für die Verknüpfung der Themen Führung und Interaktionsarbeit.
Frau Anja Wittmers
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Mi
15 Mär
08:30 - 09:30
Aktionsbündnis ArbM
Aktionsbündnis Arbeitsmedizin: Vorstandssitzung
Geschlossene Veranstaltung
Raum: Hörsaal 8 (Standort: 1. OG, Anzahl der Sitzplätze: 100)
Vorsitz: Thomas Kraus
Mi
15 Mär
09:45 - 11:00
Aktionsbündnis ArbM
Aktionsbündnis Arbeitsmedizin: Mitgliederversammlung
Geschlossene Veranstaltung
Raum: Hörsaal 8 (Standort: 1. OG, Anzahl der Sitzplätze: 100)
Vorsitz: Thomas Kraus
Do
16 Mär
11:00 - 13:00
Aktionsbündnis ArbM
Aktionsbündnis Arbeitsmedizin: Nachwuchssymposium für Studierende
Geschlossene Veranstaltung für eingeladene Studentinnen und Studenten
Raum: Hörsaal 8 (Standort: 1. OG, Anzahl der Sitzplätze: 100)
Vorsitz: Andrea Kaifie-Pechmann
Fr
17 Mär
09:00 - 11:00
Aktionsbündnis ArbM
Aktionsbündnis Arbeitsmedizin: Nachbesprechung
Geschlossene Veranstaltung für eingeladene Studentinnen und Studenten
Raum: Seminarraum 124 (Standort: 1. OG, Anzahl der Sitzplätze: 24)
Vorsitz: Andrea Kaifie-Pechmann
Do
16 Mär
10:00 - 11:30
Themenschwerpunkt
Symposium: Psychosoziale Arbeitsbedingungen und mentale Gesundheit – Befunde aus aktueller Forschung
Leitung: Prof. Dr. med. Andreas Seidler, Co-Moderation: Dr. David Beck
10:00 Uhr   Psychosoziale berufliche Belastungen und psychische Erkrankungen: Ein systematischer Review mit Metaanalysen (Prof. Dr. med. Andreas Seidler)
10:30 Uhr   Ergebnisse aus Projekt "Studie Mentale Gesundheit bei der Arbeit" (Dr. Hermann Burr)
11:00 Uhr   Mentale Gesundheit bei der Arbeit im Kontext der Corona-Pandemie (Prof. Dr. phil. Nico Dragano)
Raum: Hörsaal 3 / Zoom-Raum 3 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Andreas Seidler
Beiträge:
1
Symposium Psychosoziale Arbeitsbedingungen und mentale Gesundheit - Befunde aus aktueller Forschung

Einleitung
Ungünstige psychosoziale Arbeitsbedingungen können ein Risiko für das Auftreten psychischer Erkrankungen darstellen. Im vorliegenden Symposium wird die aktuelle Erkenntnislage zusammengefasst, und es werden neue epidemiologische Studienergebnisse präsentiert und zur Diskussion gestellt. Dabei finden Entwicklungen im Zuge der Corona-Pandemie Berücksichtigung.

Methode und Ergebnisse
Zunächst stellt Andreas Seidler die Ergebnisse eines systematischen Reviews zum Zusammenhang zwischen psychosozialen Arbeitsbedingungen und spezifischen psychischen Erkrankungen dar. In den einbezogenen epidemiologischen Studien wird am häufigsten das „Demand-Control“-Modell von Karasek eingesetzt. Die gepoolte Auswertung ergibt ein etwa auf das Doppelte erhöhtes Depressionsrisiko bei „High Strain“-Tätigkeiten, also bei Tätigkeiten mit hohen Anforderungen kombiniert mit geringem Tätigkeitsspielraum.
Im zweiten Beitrag berichtet Hermann Burr Ergebnisse der Längsschnittstudie zur mentalen Gesundheit in der Arbeit (S-MGA). Es finden sich stärkere Zusammenhänge ungünstiger Arbeitsbedingungen mit der emotionalen Erschöpfung als mit einer depressiven Symptomatik. Umstrukturierungen, quantitative Anforderungen, Kontrolle und Führungsqualität haben in der S-MGA-Studie einen Einfluss auf das Auftreten von Mobbing.
Schließlich beschäftigt sich Nico Dragano mit den Konsequenzen von drei Jahren Corona-Pandemie auf die mentale Gesundheit in der Arbeitswelt. In seinem Vortrag werden die wichtigsten positiven und negativen Effekte beschrieben und mit exemplarischen Studien untermauert. Neben dem inhaltlichen Aspekt werden methodische Fragen angesprochen. Es ist auffällig, dass qualitativ hochwertige Trenddaten mit Messzeitpunkten vor und während der Pandemie einen gewissen Seltenheitswert haben. Insofern sind bei weitem nicht alle möglichen Folgen der Pandemie für die psychische Gesundheit geklärt.

Diskussion
Nach den Impulsreferaten sollen gemeinsam (unter anderem) folgende Fragen diskutiert werden:
  • Welche Instrumente können eingesetzt werden, um die psychosozialen Einflussfaktoren auf die mentale Gesundheit abzubilden?
  • Welche psychischen Erkrankungen sind als arbeitsbedingte Erkrankungen anzusehen?
  • Welche präventiven Ansatzpunkte lassen sich identifizieren?
  • Welche zukünftige Forschung ist erforderlich?
Herr Prof. Dr. Andreas Seidler
Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin (IPAS), Med. Fakultät der TU Dresden
2

Einleitung

Ungünstige psychosoziale Arbeitsbedingungen können ein Risiko für das Auftreten psychischer Erkrankungen darstellen.

Methoden

Ein systematischer Review wurde als Update einer 2013 veröffentlichten Übersichtsarbeit durchgeführt. Vorab wurde das Studienprotokoll bei PROSPERO registriert (Registrierungsnummer: CRD42020170032). Literatursuchen fanden in den elektronischen Datenbanken MEDLINE, PsycINFO sowie Embase statt. Alle Prozessschritte wurden von zwei Reviewer:innen unabhängig voneinander vorgenommen; Diskordanzen wurden im Konsens gelöst. Es fand eine „Risk-of-Bias“-Bewertung aller eingeschlossenen Volltexte (n=59 aus 41 Studien) statt. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz wurde mit dem GRADE-Verfahren bewertet.

Ergebnisse

Das gepoolte Risiko für eine Depression ist bei Tätigkeiten mit einem hohen Job Strain – also der Kombination von hohen Anforderungen und einem geringen Tätigkeitsspielraum – auf etwa das Doppelte erhöht (ES=1,99, 95% KI 1,68-2,35). Insbesondere hohe berufliche Anforderungen sind mit dem Auftreten einer Depression (ES=1,38, 95% KI 1,19-1,61), daneben auch mit dem Auftreten einer Angststörung verbunden ES=1,79, 95% KI 1,44-2,23). Für einen geringen Tätigkeitsspielraum finden sich Effektschätzer von 1,14 (95%-KI 1,04-1,24) für das Auftreten einer Depression bzw. von 1,17 (95%-KI 1,00-1,36) für das Auftreten einer Angststörung. Die Risikoschätzer für Männer und Frauen sind in etwa vergleichbar hoch. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz zum Zusammenhang zwischen Job Strain und dem Auftreten einer Depression wird auf Grundlage der GRADE-Beurteilung als hoch eingestuft.

Schlussfolgerung / Diskussion

Diesem systematischen Review zufolge ist die Kombination von hohen beruflichen Anforderungen mit einem geringen Tätigkeitsspielraum (also ein hoher Job Strain) mit einem deutlich erhöhten Depressionsrisiko verbunden.

Acknowledgment: Diese Studie wurde im Auftrag der SUVA (Schweizerische
Unfallversicherungsanstalt) durchgeführt.

Referenzen

[1] Seidler A*, Schubert M*, Freiberg A, Drössler S, Hussenoeder FS, Conrad I, Riedel-Heller S, Romero Starke K (*contributed equally). Psychosocial Occupational Exposures and Mental Illness – a Systematic Review with Meta-Analyses. Dtsch Ärzteblatt Int 2022.
Herr Prof. Dr. Andreas Seidler
Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin (IPAS), Med. Fakultät der TU Dresden
3

Einleitung

Es gibt wenige Längsschnittstudien in Deutschland zu arbeitsbezogenen Prädiktoren für mentale Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und Teilnahme in der Arbeit. Daher wurde die Längschnittsstudie zur mentalen Gesundheit in der Arbeit (S-MGA) initiiert.

Methoden

Die erste Welle der S-MGA in 2012 enthält Daten von >4.000 Beschäftigten, die zweite Welle von 2017 enthält Daten von >2.000 Beschäftigten; die Beteiligung in der Kohorte lag bei 20 % (kleine Verzerrungen bzgl. Alter und sozialer Schicht) [1, 2]. S-MGA enthält Angaben zu a) körperlichen und psychosozialen (COPSOQ) Arbeitsbedingungen sowie zu depressiver Symptomatik (PHQ-9), emotionaler Erschöpfung (OLBI), Arbeitsfähigkeit (WAI), Arbeitszufriedenheit und b) zu Arbeitsunfähigkeit (AU), Arbeitslosigkeit und Rente über die zwei Wellen. Regressionen wurden durchgeführt adjustiert für z.B. Geschlecht, Alter und beruflichen Status.

Ergebnisse

Einige psychosoziale Arbeitsbedingungen wirkten sich stärker auf emotionale Erschöpfung aus als auf depressive Symptomatik. Es gab keine Hinweise auf einen überadditiven Effekt von hohen psychischen Anforderungen und geringer Kontrolle (Arbeitsbelastung) auf die depressive Symptomatik [3]. Prekäre Beschäftigung wirkte sich bei Männern stärker auf depressive Symptomatik aus als bei Frauen [4]. Umstrukturierungen, quantitative Anforderungen, Kontrolle und Führungsqualität sagten Fälle von Mobbing vorher [5]. Bei Beschäftigten mit einer AU-Vorgeschichte trugen Kontrolle über die Arbeitszeit und gute Führungsqualität zu einer Verbesserung der Arbeitsfähigkeit bei [6]. Einkommensinstabilität im Lebensverlauf wirkte sich nachteiliger auf die Arbeitszufriedenheit aus als ein konstant niedriges Einkommen [7]. Körperliche Anforderungen und Arbeitstempo prognostizierten den Erwerbsausstieg; Kontrolle über die Arbeitszeit verminderte das Risiko für frühzeitiger Ruhestand [1]. Depressive Symptomatik prognostizierte die Nichtteilnahme an der Arbeit (d.h. durch Ereignisse von AU, Arbeitslosigkeit und Rente).

Schlussfolgerung / Diskussion

S-MGA-Ergebnisse sind im Einklang mit Studienergebnissen aus anderen Ländern bzgl. Auswirkungen von Anforderungen und Ressourcen auf die mentale Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und -teilnahme. Neu ist z.B., dass (a) auch subklinische Levels depressiver Symptome relevante Effekte haben können, (b) Risikofaktoren für arbeitsbezogene emotionale Erschöpfung teilweise anders sind als für depressive Symptomatik, (c) das Anforderungs-Kontroll-Modell zu eng fokussiert ist und unbestätigten Annahmen hat.

Referenzen

[1.] d'Errico A, Burr H, Pattloch D, Kersten N, Rose U.
Working conditions as risk factors for early exit from work-in a cohort of 2351
employees in Germany. International archives of occupational and environmental
health. 2021;94(1):117-38.



[2.] Rose U, Schiel S, Schroder H, Kleudgen M, Tophoven S,
Rauch A, et al. The Study on Mental Health at Work: Design and sampling.
Scandinavian journal of public health. 2017;45(6):584-94.



[3.] Burr H, Müller G, Rose U, Formazin M, Clausen T, Schulz A, et
al. The Demand-Control Model as a Predictor of Depressive Symptoms-Interaction
and Differential Subscale Effects: Prospective Analyses of 2212 German
Employees. International journal of environmental research and public health.
2021;18(16).



[4.] Demiral Y, Ihle T, Rose U, Conway PM, Burr H. Precarious Work
as Risk Factor for 5-Year Increase in Depressive Symptoms. International
journal of environmental research and public health. 2022;19(6):3175.



[5.] Conway PM, Burr H, Rose U, Clausen T, Balducci C. Antecedents
of Workplace Bullying among Employees in Germany: Five-Year Lagged Effects of
Job Demands and Job Resources. International journal of environmental research
and public health. 2021;18(20).



[6.] Burr H, Lange S, Freyer M, Formazin M, Rose U, Nielsen ML, et
al. Physical and psychosocial working conditions as predictors of 5-year
changes in work ability among 2078 employees in Germany. International archives
of occupational and environmental health. 2022;95:153–68.



[7.] Schöllgen I, Kersten N, Rose
U. Income Trajectories and Subjective Well-Being: Linking Administrative
Records and Survey Data. International journal of environmental research and
public health. 2019;16(23).
Herr Dr. Hermann Burr
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) seit 2011. Seniorforscher, Süddänische Universität 2011. Seniorforscher, Nationales Forschungszentrum für Arbeit und Gesundheit (NFA/AMI) 2003-2010. Forscher, AMI 1991-2003. Promotion, Gesellschaftswissenschaften, 1996, Roskilde Universität. Forschungsmitarbeiter, Roskilde Universität, 1989- 1991. Habilitation, 1989, Institut für Kultursoziologie, Universität Kopenhagen 1989.
Mi
15 Mär
15:00 - 17:00
Themenschwerpunkt
Symposium: Allergien und Beruf
Veranstaltung in Kooperation mit der AG Umweltmedizin
Leitung: Prof. Dr. med. Astrid Heutelbeck
  1. Erfahrungen aus der allergologischen Praxis (Peter Elsner, MD)
  2. Aktuelles zur beruflichen Kontaktallergie (Prof. Dr. med. Johannes Geier)
  3. Individualprävention bei allergischen Atemwegserkrankungen zwischen Reform des Berufskrankheitenrechts, Wissenschaft und guter Praxis (Dr. med. Roger Kühn)
  4. Neues aus der Forschung (Dr. phil. nat. Ingrid Sander)
  5. Begutachtung der BK 4301 nach Wegfall des Unterlassungszwangs (Prof. Dr. med. Dennis Nowak)
  6. Auswirkungen von Allergien auf die Arbeitsfähigkeit (Dr. med. Susanne Kutzora)
Raum: Hörsaal 3 / Zoom-Raum 3 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Astrid Rita Regina Heutelbeck
Beiträge:
1
THEMENSCHWERPUNKT: Allergie und Arbeit

Individualprävention bei allergischen Atemwegserkrankungen zwischen Reform des Berufskrankheitenrechts, Wissenschaft und guter Praxis

Dr. med. Roger Kühn,
Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN)


Die Individualprävention steht vor der Herausforderung, das aktuelle, ärztliche Krankheitsverständnis allergischer Atemwegserkrankungen (aAWE) und Vorgaben aus der Reform des Berufskrankheitenrechts (SGB VII, BKV) in einer guten, interdisziplinären und betrieblichen Gesundheits- und Arbeitsschutzpraxis realitätsnah umzusetzen.
Die Grundprinzipien der Individualprävention bei aAWE werden jeweils am Beispiel des „Bäckerasthmas“ konkretisiert.

Mit dem Wegfall des Präventionsaspektes des Unterlassungszwangs (neue Legaldefinition der BK 4301) fordert der Gesetzgeber die Stärkung der Individualprävention. Gleichzeitig „haben die Unfallversicherungsträger darauf hinzuwirken, dass die Versicherten die gefährdende Tätigkeit unterlassen“ und „über die mit der Tätigkeit verbundenen Gefahren und mögliche Schutzmaßnahmen umfassend aufzuklären“ falls „sich diese Gefahr nicht durch andere geeignete Mittel beseitigen lässt“. Damit bleibt der individuelle Entscheidungs- und Abwägungsprozess der Versicherten mit anerkannter BK 4301 zwischen Allergenkarenz (z.B. berufliche Umorientierung bei Mehlstaubexposition in der Backstube) einerseits und psychosozialen bzw. sozioökonomischen Faktoren andererseits (z.B. Alter, Familienbetrieb, drohende Arbeitslosigkeit, Bildungschancen, Motivation) die wichtige Voraussetzung für eine langfristig erfolgreiche Individualprävention.

Die betriebliche Allergenminimierung gemäß dem STOP-Prinzip im Arbeitsschutz erfordert eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit. Die Bedeutung von branchen- und betriebsspezifischen Lösungen werden am Beispiel von Bäckerasthma herausgearbeitet.
Die konsequente „Schwarz-Weiß-Trennung“ zwischen Berufs- und Privatbereich ist ein wichtiger, manchmal unterschätzter Präventionsbaustein.
Daneben ist die Allergenminimierung im Privatbereich (Hausstaubmilben, Pollen, Tierhaare) bei entsprechender Allergie unverzichtbar, da in der Überzahl der Fälle eine „Polyallergie“ vorliegt.
Voraussetzung hierfür ist eine umfassende ärztliche Allergiediagnostik (z.B. genaue Allergieanamnese, IgE-Diagnostik), die über die Berufsallergene hinaus geht.

Die Asthmakontrolle inkl. Lungenfunktionsuntersuchungen und adäquater, leitliniengerechter Therapie der aAWE sind langfristig regelmäßig in Zusammenarbeit mit den behandelnden (Lungen)Fachärzten zu überprüfen.

Herr Dr. Roger Kühn
Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN) Mannheim
2
DGAUM Symposium "Allergien und Beruf"
Auswirkungen von Allergien auf die Arbeitsfähigkeit

Susanne Kutzora, Valeria Landesberger, Katharina Heigl, Fabian Schreiber, Bianca Schaub, Moritz Gröger, Eva Maria Oppel, Dennis Nowak, Caroline Quartucci, Stefanie Heinze, Caroline Herr

In Bayern sind ca. 30% der Bevölkerung von einer allergischen Erkrankung und ca. 12% von Heuschnupfen betroffen. Viele von ihnen werden nicht adäquat behandelt, jeder vierte von Heuschnupfen Betroffene entwickelt im Laufe der Zeit ein allergisches Asthma bronchiale.

Insbesondere während des Pollenflugsaison kann es auch zu einer Zunahme der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund allergischer Erkrankungen kommen. So kann beispielsweise die pollenassoziierte allergische Rhinokonjunktivitis Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit haben und damit wirtschaftliche und sozioökonomische Auswirkungen mit sich ziehen.

Inwieweit ein gelungenes Allergiemanagement Betroffenen helfen kann Arbeitsunfähigkeitstage zu reduzieren, soll mit Hilfe der APOLLO-Studie (Gesundheitsmonitoring von Pollenallergiker/innen) untersucht werden. Die APOLLO-Studie wird seit dem 1. Januar 2021 vom LGL in Kooperation mit dem Klinikum der Universität München (Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Institut und Poliklinik für Arbeits- Sozial- und Umweltmedizin) durchgeführt. Ziel der Studie ist es, mögliche Zusammenhänge zwischen der Pollenkonzentration in der Luft und den physischen Beschwerden, der Arbeitsfähigkeit, den Beeinträchtigungen im Alltag sowie der Lebensqualität von Pollenallergikerinnen und -allergikern genauer zu untersuchen. Zudem werden Pollendaten des elektronischen Polleninformationsnetzwerks ePIN in Bayern miteinbezogen. Für die Studie haben sich im zweiten Studienjahr 180 Teilnehmer/innen angemeldet, erste Ergebnisse sollen auf dem Kongress präsentiert werden.
Frau Susanne Kutzora
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
Mi
15 Mär
14:45 - 17:30
DGAUM Nachwuchs
Nachwuchssymposium der DGAUM I
Geschlossene Veranstaltung für eingeladene Nachwuchswissenschaftler/innen
Raum: Hörsaal 7 (Standort: 1. OG, Anzahl der Sitzplätze: 100)
Vorsitz: Simone Schmitz-Spanke
Mi
15 Mär
14:45 - 17:30
DGAUM Nachwuchs
Nachwuchssymposium der DGAUM II
Geschlossene Veranstaltung für eingeladene Nachwuchswissenschaftler/innen
Raum: Hörsaal 8 (Standort: 1. OG, Anzahl der Sitzplätze: 100)
Vorsitz: Jessica Lang
Fr
17 Mär
16:00 - 16:15
DGAUM
Posterprämierung und Kongressverabschiedung
Raum: Hörsaal 4 / Zoom-Raum 4 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Jessica Lang
Mi
15 Mär
14:00 - 14:30
Themenschwerpunkt
Keynote Lecture: Allergien und Arbeit
Rednerin: Prof. Dr. med. Astrid Heutelbeck (Universität Jena)
Raum: Hörsaal 3 / Zoom-Raum 3 (Standort: EG / online)
Fr
17 Mär
13:30 - 14:00
Themenschwerpunkt
Keynote Lecture: Sektoren vernetzen – Werte schaffen
Redner: Prof. Dr. med. Christoph Oberlinner (BASF SE Ludwigshafen)
Raum: Hörsaal 3 / Zoom-Raum 3 (Standort: EG / online)
Do
16 Mär
13:30 - 14:00
Themenschwerpunkt
Keynote Lecture: Informationsüberflutung in digitalen Arbeitswelten
Redner: Prof. Dr. med. Andreas Seidler, MPH (TU Dresden)
Raum: Hörsaal 3 / Zoom-Raum 3 (Standort: EG / online)
Mi
15 Mär
13:00 - 14:00
Mittagspause
Getränke und Speisen erhalten Sie in der Cafeteria (EG) und der Mensa (Ernst-Abbe-Platz)
Do
16 Mär
12:30 - 13:30
Mittagspause
Getränke und Speisen erhalten Sie in der Cafeteria (EG) und der Mensa (Ernst-Abbe-Platz)
Fr
17 Mär
12:30 - 13:30
Mittagspause
Getränke und Speisen erhalten Sie in der Cafeteria (EG) und der Mensa (Ernst-Abbe-Platz)
Fr
17 Mär
08:30 - 10:00
DGAUM Forum
Forum: AG Next Generation
Kurzvorträge:
  • Arbeit der AG Next Generation
  • Kooperation Wissenschaft - Praxis
  • Strukturierte Weiterbildung in der Arbeitsmedizin
  • Digitalisierung in der Arbeitsmedizin
  • Diskussion
Raum: Hörsaal 6 / Zoom-Raum 6 (Standort: 1. OG / online)
Vorsitz: Anna Wolfschmidt und Rüdiger Stephan Görtz
Fr
17 Mär
10:00 - 11:30
DGAUM Forum
AG Next Generation: Treffen der Mentoren und Mentees (geschlossene Veranstaltung)
Raum: Hörsaal 6 / Zoom-Raum 6 (Standort: 1. OG / online)
Vorsitz: Anna Wolfschmidt und Rüdiger Stephan Görtz
Mi
15 Mär
10:00 - 11:00
DGAUM Presse
Pressekonferenz der DGAUM
Raum: Hörsaal 6 / Zoom-Raum 6 (Standort: 1. OG / online)
Sa
18 Mär
09:00 - 12:00
Online-Seminar
Impfen und Reisemedizin
Anmelde- und kostenpflichtige Fortbildungsveranstaltung
Leitung: Prof. Dr. med. Dirk-Matthias Rose
Raum: Zoom-Raum 1 (Standort: Online)
Vorsitz: Dirk-Matthias Rose
Sa
18 Mär
09:00 - 12:00
Online-Seminar
Gefahrstoffe und Biomonitoring
Anmelde- und kostenpflichtige Fortbildungsveranstaltung
Leitung: Dr. rer. nat. Dr. med. Bernd Herber
► Seminarbeschreibung (PDF)
Raum: Zoom-Raum 2 (Standort: Online)
Vorsitz: Bernd Herber
Sa
18 Mär
09:00 - 12:00
Online-Seminar
UV-Schäden bei Outdoorwork
Anmelde- und kostenpflichtige Fortbildungsveranstaltung
Leitung: Prof. Dr. med. Hans Drexler
09:00 Uhr   UV-Belastung bei Arbeiten im Freien (Claudine Strehl, M.Sc.)
09:30 Uhr   Textiler UV-Schutz (Dipl.-Physiker Peter Knuschke)
10:00 Uhr   Chemischer UV-Schutz (Dr. med. Julia Hiller)
10:30 Uhr   Pause
11:00 Uhr   Arbeitsmedizinische Vorsorge bei Tätigkeiten im Freien mit intensiver Belastung durch natürliche UV-Strahlung (Prof. Dr. med. Hans Drexler)
11:30 Uhr   Hauttumore und Differentialdiagnosen (Dr. med. Maria Vogelgsang)
Raum: Zoom-Raum 3 (Standort: Online)
Vorsitz: Hans Drexler
Sa
18 Mär
13:00 - 16:00
Online-Seminar
Grenzsituationen in der arbeitsmedizinischen Praxis
Anmelde- und kostenpflichtige Fortbildungsveranstaltung
Leitung: Dr. rer. nat. Dr. med. Bernd Herber
► Seminarbeschreibung (PDF)
Raum: Zoom-Raum 2 (Standort: Online)
Vorsitz: Bernd Herber
Mi
15 Mär
09:00 - 11:00
Bundeswehr
Symposium der Bundeswehr
Leitung: Oberstarzt Dr. Rubina Roy und Oberstarzt Prof. Dr. Dr. David Groneberg
Raum: Hörsaal 3 / Zoom-Raum 3 (Standort: EG / online)
Do
16 Mär
19:30 - 23:55
Gesellschaftsabend
Gesellschaftsabend der DGAUM
Anmelde- und kostenpflichtige Präsenz-Veranstaltung
Einlass ab 18:30 Uhr mit Sektempfang
www.scala-jena.de/restaurant
Raum: Restaurant SCALA (Standort: 27–29 JenTower, Leutgraben 1, 07743 Jena, Anzahl der Sitzplätze: 150)
Fr
17 Mär
10:00 - 11:30
Themenschwerpunkt
Symposium: Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit
  1. Neue arbeitsmedizinische Regel „Ganzheitliche arbeitsmedizinische Vorsorge“ (Dr. med. Joachim Stork)
  2. Maßnahmen im Rahmen der Primär-, Sekundär-, Tertiärprävention (Dr. med. Stefan Webendörfer)
  3. Schnittstelle Arbeitsmedizin in der sektorenübergreifenden Medizin (Prof. Dr. med. Christoph Oberlinner)
  4. Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen bei Basisarbeitenden (Dr. med. Andreas Tautz)
Raum: Hörsaal 3 / Zoom-Raum 3 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Christoph Oberlinner und Stefan Webendörfer
Beiträge:
1
Die Ende 2022 verabschiedete und veröffentlichte arbeitsmedizinische Regel „Ganzheitliche arbeitsmedizinische Vorsorge“ konkretisiert verschiedene Festlegungen der Verordnung Arbeitsmedizinische Vorsorge (ArbMedVV), die einem ganzheitlichen, nicht auf den jeweiligen Anlass begrenzten Vorsorgeansatz entsprechen. Damit soll in der Praxis anzutreffenden Missverständnissen, aber auch Umsetzungsdefiziten vorgebeugt und eine verbesserte Nutzung der präventiven Potenziale arbeitsmedizinischer Betreuung gefördert werden. Im Beitrag wird die Regel kurz vorgestellt und erläutert; Schwerpunkt soll aber der kollegiale Austausch zu den Inhalten und zu ihrer Umsetzung sein.
Herr Dr. Joachim Stork
2
Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit ist ein etwas sperriger und abstrakter Begriff. Man denkt hier immer gleich an einen aktiven Eingriff in die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitenden oder gar an Gutachten, Eignungsfeststellungen und Abgleich von Anforderungs- und Fähigkeitsprofilen für Arbeitsplätze. Diese Maßnahmen sind aber viel zu kurz gegriffen und erfassen bei Weitem nicht die Wertigkeit arbeitsmedizinischer Tätigkeit in Unternehmen zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter.
Von der Umsetzung gesetzlicher Regelungen wie dem Arbeitssicherheitsgesetz, der Etablierung der arbeitsmedizinischen Vorsorge und der Feststellung arbeitsbedingter Gesundheitsstörungen und Erkrankungen hat sich das Tätigkeitsfeld von Arbeitsmedizinern in den letzten 50 Jahren immer mehr in Richtung Prävention, Gesunderhaltung hin zur Förderung der Gesundheit entwickelt. Anfang dieses Jahrtausends war die Gruppe der über 60-jährigen Arbeitnehmer in vielen Unternehmen noch überschaubar. Mit Verlängerung der Lebensarbeitszeit und immer späterem Renteneintritt ist die Erhaltung der Gesundheit und Beschäftigungsfähigkeit über ein langes Arbeitsleben hinweg in den Vordergrund getreten. Muskel-/Skelett- und psychische Erkrankungen sind neben den Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie und Adipositas die Regel in der arbeitsmedizinischen Sprechstunde. Langzeiterkrankungen mit Arbeitsausfällen von mehr als sechs Wochen machen den größten Anteil der Arbeitsausfalltage in Unternehmen aus.
Dabei liegen die psychischen Gesundheitsstörungen, gemessen an der Dauer der Arbeitsunfähigkeit, an erster Stelle. Gerade in Zeiten einer zunehmenden Leistungsanforderung bei der Arbeit und erwünschter Effizienz sind subjektiv empfundene Stressbelastung und Arbeitsverdichtung Risikofaktoren für zunächst akute Beeinträchtigungen der Gesundheit, die sich im Verlauf oft chronifizieren und schließlich zu einer dauerhaften Reduktion der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit führen können.
Arbeitsmediziner können durch entsprechende Vermittlung von Information oder Unterstützung gesundheitsfördernder Maßnahmen im Unternehmen primarpräventiv tätig sein. Bei der Beratung und der arbeitsmedizinischen Vorsorge besteht die Möglichkeit der Früherkennung von Risikofaktoren für chronische Erkrankungen oder deren frühzeitige Diagnose.
Nach längeren krankheitsbedingten Ausfallzeiten werden Arbeitsmediziner tertiär präventiv tätig. Das betriebliche Eingliederungsmanagement, BEM, ist ein wirksamer Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements geworden, bei dem Betriebsärzte eine Schlüsselrolle als Berater der Mitarbeitenden ausfüllen. Dabei sind ihre detaillierten Kenntnisse der Arbeitsplätze und der organisatorischen Strukturen im Betrieb von Vorteil.
Herr Dr. med. Stefan Webendörfer
BASF SE 67056 Ludwigshafen
3
Sektoren vernetzen – Werte schaffen
Das neue BASF Medical Center

Prof. Dr. med. Christoph Oberlinner
Chief Medical Officer & Senior Vice President
Corporate Health Management
BASE SE, Ludwigshafen

Die Abteilung Corporate Health Management der BASF geht mit einem innovativen Ärztehauskonzept neue Wege in der (Arbeits-)Medizin. Das neue Medical Center am Standort in Ludwigshafen vereint das betriebliche Gesundheitsmanagement der BASF mit der externen fachärztlichen Versorgung unter einem gemeinsamen Gebäudedach.

Der neue und innovative Ansatz dient zum einen der effizienteren Nutzung BASF-eigenen Ressourcen und zum zweiten einer weiteren Optimierung der medizinischen Versorgung in einem modernen Ambulanz-Gebäude durch Einbindung dritter Dienstleister - eine Verzahnung des bestehenden Portfolios mit externer Spitzenmedizin. Durch die Beteiligung „Dritter“ wird das Leistungsspektrum für die Belegschaft sinnvoll erweitert.

Mit dem neuen Gebäudekonzept hat die BASF die Möglichkeit, Medizin ganz neu zu denken. Durch sinnvolle Vernetzung der Sektoren entstehen optimale Behandlungspfade. Ein wichtiges Ziel dieses Konzepts einer im Betrieb angesiedelten Prävention und Vernetzung mit externen Partnern ist der Erhalt der individuellen Beschäftigungsfähigkeit. Die regelmäßige arbeitsmedizinische Vorsorge ermöglicht die frühzeitige Erkennung von Risikofaktoren und chronischen Erkrankungen. Dabei werden der (individuelle) Präventionsbedarf der Mitarbeitenden aus der erhobenen Anamnese und den medizinischen Daten der technischen und körperlichen Untersuchung ermittelt und entsprechende Empfehlungen zur Gesundheitsförderung gegeben. Bei bereits medizinisch relevanten Befunden oder Diagnosen erfolgt dann direkt die Empfehlung zur Vorstellung beim Haus- oder Facharzt zur weiteren Diagnostik und ggf. Therapie.
Herr Prof. Dr. med. Christoph Oberlinner
Corporate Health Management, BASF SE
4
Die Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen unterliegt weltweit einem ‚Blind Spot‘. Dies obwohl arbeitsbedingter Erkrankungen einen erheblichen Einfluss auf die gesamtgesellschaftliche Krankheitslast der jeweiligen Länder haben. In Deutschland sind Betriebsärzte über das Arbeitssicherheitsgesetz beauftragt Ursachen von arbeitsbedingten Erkrankungen zu untersuchen und dem Arbeitgeber Maßnahmen zur Prävention dieser Erkrankungen vorzuschlagen.

In Deutschland sind mehr als 20 % der erwerbstätigen Menschen im Bereich der Basisarbeit aktiv. Arbeit, für die es keiner grundlegenden beruflichen Qualifikation bedarf. Arbeit, bei der nicht selten hohen Anforderungen geringe Gestaltungsmöglichkeiten gegenüberstehen. Begleitende Umstände können durch ökonomisch-soziale Unsicherheit und einen Mangel an Wertschätzung und Anerkennung gekennzeichnet sein. Ein Risiko für die Entstehung arbeitsbedingter Erkrankungen kann so bei Basisarbeit kulminieren.

Die Erforschung der Wechselwirkung zwischen arbeitsbedingter Belastung und der Entstehung wesentlicher Zivilisationserkrankungen ist eine der größten Aufgaben der Arbeitsmedizin. Dennoch ist die ihr zugemessene Bedeutung bei der Prävention arbeitsbedingter Zivilisationserkrankungen ein grundsätzlich eher noch gering erschlossenes Potential. Die unmittelbare Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen durch die individuelle, betriebsärztliche Beratung von Basisarbeitenden und die systemische betriebsärztliche Beratung der Unternehmen zur Gestaltung gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen besitzt eine herausragende gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Im Beitrag soll dies durch Beispiele betriebsärztlicher Interventionen zur Sicherstellung der Beschäftigungsfähigkeit von Basisarbeitenden verdeutlicht werden.
Herr Dr. med. Andreas Tautz
Mi
15 Mär
09:00 - 11:15
DGAUM Forum
Forum: AG Atemwege und Lunge
09:00 - 10:30 Uhr  Forum der AG Atemwege und Lunge
  1. Die aktualisierte Reichenhaller Empfehlung für die Begutachtung der Berufskrankheiten Nr. 4301, 4302 und 1315 (Alexandra Marita Preisser)
  2. Die neue AWMF S2k Facharzt-Leitlinie "Asthma bronchiale" (Dennis Nowak)
  3. Serielle Messungen des exhalierten Stickstoffmonoxids können bei der Identifizierung von immunologischem berufsbedingtem Asthma in Fällen mit komplexer Exposition helfen (Vera van Kampen, Christian Eisenhawer, Thomas Brüning, Rolf Merget)
  4. Klimawandel und Allergien im Beruf (Monika Raulf)
10:30 - 11:15 Uhr  Mitgliederversammlung der AG (geschlossene Veranstaltung)
Raum: Hörsaal 4 / Zoom-Raum 4 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Alexandra Marita Preisser und Joachim Schneider
Beitrag:
1

Einleitung

Für die von der DGUV in 2012 herausgegebene Begutachtungsempfehlung für die Beurteilung der obstruktiven Atemwegserkrankung – die sog. Reichenhaller Empfehlung (RE) – war die vollständige Überarbeitung erforderlich. Ein wesentlicher Grund war die zum 01.01.2021 wirksam gewordene Gesetzesänderung mit dem Wegfall des Parts in der Berufskrankheitendefinition, der den „Unterlassungszwang“ beschreibt; dieser Wegfall betrifft auch die BKen Nr. 4301 („Durch allergisierende Stoffe verursachte obstruktive Atemwegserkrankungen (einschließlich Rhinopathie)“), 4302 („Durch chemisch-irritativ oder toxisch wirkende Stoffe verursachte obstruktive Atemwegserkrankungen“) und 1315 („Erkrankungen durch Isocyanate“).

Methoden

Diese Möglichkeit der Anerkennung der Berufskrankheit auch bei Fortführung der potentiell krankmachenden Tätigkeit muss eine weitere Stärkung der Individualprävention am Arbeitsplatz zu Folge haben, die Umsetzungsvorschläge hierzu nehmen in der aktualisierten RE nun ausführlichen Raum ein. Zudem muss die Minderung der Erwerbsfähigkeit nun auch für die Personen bestimmt werden, die mit ihrer Erkrankung ihre Berufstätigkeit weiter ausführen, also in den meisten Fällen gegenüber den, die BK auslösenden und die Folgen verstärkenden Stoffen weiter ausgesetzt sind. Zudem zeigte sich die Notwendigkeit, die bisherige RE von 2012 in mehreren Punkten zu ergänzen. So beispielsweise mit Konkretisierungen der Aussagen zu den Voraussetzungen in Exposition und Krankheitsbild, die die Anerkennung der BK 4301 und insbesondere der BK 4302 erfordern. Außerdem war die gesamte RE dem aktuellen wissenschaftlichen-medizinischen Kenntnisstand anzupassen.

Ergebnisse

Über einen zweijährigen moderierten Prozess erfolgte diese Überarbeitung mit mandatierten Vertreter:innen mehrerer medizinischer Fachgesellschaften, Vertreter:innen der Unfallversicherungsträger, der staatlichen Gewerbeärzte, der BG-Kliniken und -Institute sowie der DGUV.

Schlussfolgerung / Diskussion

Die aktualisierte Reichenhaller Empfehlung wird der Fach-Öffentlichkeit im Februar 2023 vorgestellt. Auf der DGAUM-Tagung werden wesentliche Aktualisierungen der RE präsentiert.
Frau Prof. Dr. med. Alexandra Marita Preisser
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Fr
17 Mär
10:00 - 11:30
DGAUM Forum
Forum: AG Lehre
Raum: Hörsaal 7 / Zoom-Raum 7 (Standort: 1. OG / online)
Vorsitz: Sibylle Hildenbrand, Sabine Darius und Thomas Muth
Beiträge:
1
Den werktätigen Menschen an seinem Arbeitsplatz arbeitsmedizinisch zu beurteilen, ist eine zentrale Aufgabe der Arbeitsmediziner*innen und wichtiges Element in der arbeitsmedizinischen Lehre und Weiterbildung. Neben der klassischen Betriebsbegehung eröffnen digitale Methoden neue Möglichkeiten in der Lehre.
Virtuelle Umgebungen machen Lebenswelten lebendig, erlauben selbstbestimmtes Lernen, unterstützen das Entwickeln von Fertigkeiten. Es ist deshalb zukunftsweisend, solche Instrumente in der arbeitsmedizinischen Lehre einzusetzen.
Die Betriebsbegehung ist ein wichtiges Element mit hoher Bedeutung in der Ausbildung von Studierenden und in der Weiterbildung von Arbeitsmedizinern. Häufig sind Begehungen mit hohem organisatorischem und ökonomischem Aufwand verbunden.
Wir haben ein Konzept entwickelt, das es erlaubt, einen Betrieb gemeinsam virtuell zu begehen und ausgewählte Arbeitsplätze unter arbeitsmedizinischen Gesichtspunkten zu studieren.
In einem mittelständischen Betrieb für Anlagenbau wurden mittels 360°Scanners zwei Werkhallen digital abgebildet. Auswählte Arbeitsplätze wurden filmisch und fotografisch dokumentiert. Hierbei wurden die Aspekte arbeitsplatzspezifischer Belastungen aus verschiedenen Perspektiven sowohl aus der Beobachter als auch aus der Perspektive der Arbeitenden dokumentiert. Für jeden Arbeitsplatz wurde ein Lärmprofil erstellt, um die akustischen Belastungen einer Tätigkeit zu visualisieren. Es wurden auch bad and best practice- Beispiele in der Durchführung einer Arbeitsaufgabe erstellt. Zusätzlich wurde die persönliche Schutzausrüstung thematisiert. Dieses Material wurde in den 3D-Scan der Werkhallen an den jeweiligen Arbeitsplätzen eingebettet. In einem 3D-Rundgang können die einzelnen Aspekte eines Arbeitsplatzes differenziert studiert werden.
Studierende haben im Rahmen der virtuellen Betriebsbegehung die Möglichkeit, einen Arbeitsplatz und die ausgeübte Tätigkeit in ihrer Gesamtheit sehr realitätsnah zu betrachten. Sie können Gefährdungsbeurteilungen von Arbeitsplätzen durchführen und Maßnahmen zum Gesundheitsschutz entwickeln.
Die vorgestellte Methode eröffnet neue Möglichkeiten in der arbeitsmedizinischen Aus- und Weiterbildung. Gleichzeitig wird die digitale Kompetenz bei allen Beteiligten gefördert und die Möglichkeit zum Austausch verschiedener Standorte wird eröffnet.

Frau Gesine Müting
2
Einleitung: Jeder Arzt und Zahnarzt ist verpflichtet, den begründeten Verdacht auf eine Berufskrankheit (BK) anzuzeigen. Daher ist ausreichendes Wissen der Ärzteschaft über mögliche Zusammenhänge von beruflicher Tätigkeit und einer Erkrankung des Patienten obligat und eine der wichtigsten Grundlagen für die Entscheidung, ob eine BK-Anzeige erfolgen soll. Ziel dieser Befragung war es, Ärzte in Bezug auf das Thema arbeitsbedingte Erkrankungen und BK zu sensibilisieren und das Wissen zu diesem Thema im Allgemeinen und das Handeln beim begründeten Verdacht auf eine BK einzuschätzen.
Methode: Die Online-Befragung anhand eines selbst konstruierten Fragebogens (28 Fragen) fand im Zeitraum von 11/2014 bis 5/2015 statt. Es nahmen 254 Ärzte (58 % Frauen, 41,1 % Männer) teil. Die Befragung erfolgte mit Hilfe der Evaluations- und Umfragesoftware EvaSys Qualitätsmanagementsystem. Die ersten Ergebnisse zu den berufsbedingten Krebserkrankungen waren bei der DGAUM Jahrestagung 2021 dargestellt.
Ergebnisse: Es nahmen 254 Ärzt:innen teil. Sie waren in der Ärztekammer Sachsen-Anhalts registriert, hatten jedoch ihr Studium in verschiedenen Bundesländern absolviert. Knapp ein Viertel der Ärzteschaft gaben jeweils ein sehr gutes bzw. gutes Wissen oder mangelhaftes bzw. ungenügendes Wissen über arbeitsbedingte Erkrankungen und BK an. Die Vorbereitung im Studium und während der Facharzt(FA-)ausbildung schnitt deutlich schlechter ab: ca. 50 % der Ärzt:innen gaben mangelhafte bis ungenügtende Vorbereitung im Studium oder während der FA-Ausbildung an. Die deutliche Mehrheit der befragten Ärzteschaft (72 %) nahm Fortbildungsangebote zum Thema Berufskrankheiten nicht wahr.
Schlussfolgerung/Diskussion: Es zeigt sich ein unzufriedener Kenntnisstand zum Thema arbeitsbedingte Erkrankungen und BK. Es ist eine Unterschätzung der Relevanz der Arbeitsmedizin im Studium zubeobachten. Die Implementierung der Fachempfehlung Arbeitsmedizin im Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkataloges Medizin (NKLM) 2.0 ist ein guter Schritt, die Relevanz der Arbeitsmedizin als ärztliches Fachgebiet zu stärken. Daneben sollten auch arbeitsmedizinische Fortbildungen während der Facharztausbildung unterstützt werden.
Frau Dr. med. Beatrice Thielmann
Bereich Arbeitsmedizin, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Medizinische Fakultät
3

Einleitung

Im Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) 2.0 [1] werden Lernziele und Kompetenzen für das Humanmedizinstudium aufgelistet. Der NKLM 2.0 soll unter der Leitung des Medizinischen Fakultätentags (MFT) weiterentwickelt und reduziert werden.

Methoden

Der NKLM 2.0 wurde 2021 mit den Fachempfehlungen der Fachgesellschaften komplettiert; er steht der Öffentlichkeit online zur Verfügung. Im Frühjahr 2022 wurden die 39 medizinischen Fakultäten in Deutschland vom MFT gebeten, sich bei der Bewertung und Evaluation des NKLM 2.0 zu beteiligen. Hierbei sollte der NKLM um ca. 20% im Gesamtumfang reduziert werden. Diese freiwillige, online-basierte Bewertung des NKLM erfolgte bis September 2022 bzw. Januar 2023 in zwei Phasen; weitere Phasen sollen in 2023 folgen.

Ergebnisse

Die Inhalte wurden von 37 Fakultäten geprüft. Von den 2800 Lernzielen im NKLM 2.0 wurden in den Phasen 1 und 2 1133 Lernziele evaluiert. Die medizinischen Fakultäten gingen dabei unterschiedlich vor. Z.B. wurden kleinere Gruppen gebildet mit dem Auftrag für die Einzelnen, ihre Bewertungen an folgenden Fragen zu orientieren: Ist das Lernziel relevant? Sind Granularität und Kompetenztiefe passend? Können Lernziele zusammengefasst werden? Oder handelt es sich um Facharztwissen und soll gestrichen werden? Ist es prüfbar? etc. Von dem MFT wurden die Bewertungen der Fakultäten von der Online-Bewertungsplattform abgerufen.
Für die abschließende Entwicklung wurden nach einem bundesweiten Bewerbungsverfahren von dem MFT sog. elf Schwerpunktgruppen mit ca. neun Personen interdisziplinär besetzt, diese arbeiten themen- und kapitelübergreifend [2]. Nach Sichtung der Rückmeldungen der Fakultäten werden die Lernziele des NKLM 2.0 auf Redundanzen überprüft und ggf. zusammengefasst. Die Querverbindungen werden revidiert. Eine ausreichende Praktikabilität der Lernziele in der angestrebten Kompetenztiefe und in der Umsetzung in der Lehre ist außerdem zu erzielen.

Schlussfolgerung / Diskussion

Die Lernziele des NKLM sollen in allen Fakultäten gelehrt werden, daher ist eine präzise Evaluation wichtig. Eine Verschlankung in Ausmaß und Kompetenztiefe wird in der Entwicklung zur Version 3.0 angestrebt. Eine stete Weiterentwicklung des NKLM auch mit Implikationen für die Staatsexamina und die Approbationsordnung wird erfolgen.

Referenzen

[1] Medizinischer Fakultätentag der Bundesrepublik
Deutschland e. V.. Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog Medizin (NKLM),
Version NKLM 2.0. Berlin 2021. Available from: https://nklm.de



 



[2] Medizinischer Fakultätentag der Bundesrepublik
Deutschland e. V.. Kompetenzbasierte
Lernzielkataloge (NKLM, NKLZ) – aus den Fakultäten und für die Fakultäten. Berlin
2022. Available from:
https://medizinische-fakultaeten.de/themen/studium/nklm-nklz/
Frau Dr. Sibylle Hildenbrand
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung, Universitätsklinikum Tübingen
Mi
15 Mär
09:00 - 10:30
DGAUM Forum
Forum: AG Arbeitsphysiologie
  1. Mini-Symposium zur S2k Leitlinie "Arbeiten unter klimatischen Belastungen"
  2. Arbeiten unter klimatischen Belastungen: Hitzeprävention im betrieblichen Alltag (Karl Jochen Glitz et al.)
  3. Arbeiten unter klimatischen Belastungen: Arbeiten in der Kälte (Karsten Kluth)
  4. Sitzung der Arbeitsgruppe "Forum Arbeitsphysiologie"
Raum: Hörsaal 5 / Zoom-Raum 5 (Standort: EG / online)
Vorsitz: André Klußmann, Benjamin Steinhilber und Irina Böckelmann
Beitrag:
1
Im Rahmen des Klimawandels sind Erwerbstätige zunehmend Hitzebelastungen ausgesetzt und können durch anstrengungsbedingte Hitzeerkrankungen gefährdet sein. Zum Erhalt von Gesundheit und Leistungsfähigkeit sind Präventionsmaßnahmen erforderlich. Welche Empfehlungen enthält die neue Leitlinie zum „Arbeiten unter klimatischen Belastungen“ [1]?

Nach dem Stufenkonzept der AWMF entspricht das Dokument „Arbeiten unter klimatischen Belastungen“ einer S2k-Leitlinie [1]. Es ist zwischen vier Organisationen abgestimmt (Federführung: DGAUM) und umfasst das gesamte klimatische Spektrum. Zur Beantwortung der o. g. Frage wurden die Hitzepräventionsmaßnahmen der Leitlinie unter dem Kriterium der Umsetzbarkeit im betrieblichen Alltag zusammengefasst.

Basierend auf dem bekannten Vorgehen (Gefährdungsbeurteilung/ Beurteilung der Arbeitsbedingungen, ArbMedVV [2], AMR 13.1 [3]) berücksichtigt die Leitlinie die Faktoren, die die Wärmebilanz des Menschen beeinflussen: Grundlage bildet die Klimabeurteilung mit einem Klimasummenmaß. Eine gute körperliche Fitness und die Vermeidung von Übergewicht erhöhen die Fähigkeit der Hitzekompensation. Die Umsetzung von Empfehlungen zur erforderlichen Akklimatisationsdauer (ca. 10 Tage mit der Warnung einer begrenzten Nachhaltigkeit einer Akklimatisation), zum Flüssigkeitsbedarf (bis zu ca. 1 l/h) und zur Elektrolytsupplementierung tragen ebenfalls zur Verringerung einer Hitzebeanspruchung bei. Das bewirken auch die Anpassung von Arbeitsschwere und Bekleidungsisolation sowie Arbeitsplatzgestaltungs- und arbeitsorganisatorische Maßnahmen (Expositionsreduzierung, Arbeitszeit-Pausen-Regime) u.v.a.m.. Zur Vermeidung von anstrengungsbedingten Hitzeerkrankungen wird eine Körperkerntemperatur von 38,5 °C als Abbruchkriterien bei Arbeiten in wärmebelasteten Bereichen genannt. Zu den Empfehlungen gehört auch die Erstversorgung durch sofortige drastische Kühlung des gesamten Körpers bei einem anstrengungsbedingten Hitzschlag (Zeitfenster: ca. 30 min).

Die komplexen Auswirkungen einer Hitzebelastung können nicht durch einzelne Maßnahmen beherrscht werden, sondern erfordern ein vernetztes Handeln aller Beteiligten im Sinne eines Hitzestressmanagements. Dazu sollte auch eine konzeptionelle Verankerung von Hitzepräventionsmaßnahmen im Rahmen des BGM beitragen. In jedem Falle ist eine vorausschauende Sensibilisierung aller Handlungsebenen notwendig; sie muss von der Unternehmensleitung bis zu den Beschäftigten reichen.

Referenzen

[1] Glitz KJ, Bux K, Catrein B,
Dietl P, Engelmann B, Gebhardt Hj, Groos S., Kampmann B, Kluth K, Leyk D, Zander
P, Klußmann A; Deutsche Gesellschaft
für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V.; AWMF-S2k-Leitlinie Arbeiten unter
klimatischen Belastungen; 1. Auflage, Version 1 vom 10.06.2022; verfügbar
unter: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/002-045.html
[2] ArbMedVV - Verordnung zur
arbeitsmedizinischen Vorsorge vom 18. Dezember 2008 (BGBl. I S. 2768), die
zuletzt durch Artikel 1 der Verordnung vom 12. Juli 2019 (BGBl. I S. 1082)
geändert worden ist.
[3] AMR 13.1 (2020): Tätigkeiten mit extremer
Hitzebelastung, die zu einer besonderen Gefährdung führen können. Bek. d. BMAS
v. 26.11.2020 – IIIb1-36628-15/16 in: GMBl Nr. 7-8, 12. Februar 2021, S.
167-169, BAuA.
Herr Dr. Karl Jochen Glitz
Do
16 Mär
10:00 - 11:30
DGAUM Forum
Forum: AG Gefahrstoffe
Raum: Hörsaal 5 / Zoom-Raum 5 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Dirk Walter
Do
16 Mär
14:15 - 16:00
DGAUM Forum
Forum: AG Epidemiologie
Überblick über die Forschungslandschaft in ca. 5-minütigen Kurzpräsentationen
  1. Einführung ins Thema (Pavel Dietz)
  2. Feldstudie und systematische Reviews (Eva Maria Backé)
  3. Betriebliches Programm "leicht bewegt" (Jens Bucksch)
  4. Physische Belastungen und zugehörige Präventionsansätze bei bewegungsarmen Tätigkeiten (Britta Weber)
  5. Sitzreduktion mit Fokus Arbeitsplatz (Andrea Weber, Carmen Jochem)
  6. Determinanten im Homeoffice (Birgit Sperlich)
  7. Healthy Campus Mainz (Sebastian Heller)
  8. Work-LiFE Programm beinhaltet die Integration von körperlicher Aktivität und gezieltem Kraft- und Gleichgewichtstraining in den Alltag (Michael Schwenk)
  9. Netzwerkdiskussion und weitere Projekte (Janice Hegewald)
Raum: Hörsaal 6 / Zoom-Raum 6 (Standort: 1. OG / online)
Vorsitz: Janice Hegewald
Beiträge:
1
Der allgemeine Bewegungsmangel in unserer heutigen Zeit kann ebenso wie eine übermäßige körperliche Belastung zu Gesundheitsproblemen beitragen. Aktivitäten in sitzender, angelehnter oder liegender Körperhaltung, bei denen das metabolische Äquivalent (MET) weniger als das 1,5-fache der für das Sitzen in Ruhe benötigten Energie beträgt, werden als sedentäres Verhalten bezeichnet. Dieses führt nachweislich zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, frühere Sterblichkeit, Diabetes mellitus und Krebs. In den Medien wird langes Sitzen (im Privatleben und am Arbeitsplatz) mit dem Etikett "das neue Rauchen" versehen. Speziell die dem Sitzen am Arbeitsplatz zuzuschreibenden Gesundheitsrisiken müssen noch weiter erforscht werden.

Der digitale Wandel der Arbeit führt dazu, dass immer mehr Arbeit im Sitzen erledigt wird. Bei Büroangestellten macht die im Sitzen verbrachte Arbeitszeit etwa die Hälfte der gesamten wöchentlichen Sitzzeit aus [1]. Die zunehmende Arbeit von zu Hause kann dieses Problem noch verschärfen, da Wege zum und am Arbeitsplatz entfallen. Anderseits kann dies zu mehr Bewegung beitragen, da zusätzliche Zeit für Sport zur Verfügung steht. Weitere epidemiologische Forschungen über langes Sitzen am Arbeitsplatz und seine gesundheitlichen Auswirkungen sind erforderlich. Zum einen, um zu verstehen wie sich das Sitzen am Arbeitsplatz auf die Gesundheit auswirkt. Zum anderen, um zu erfassen inwiefern die sich verändernde Arbeitswelt dazu beiträgt, wie wir uns am Arbeitsplatz bewegen.

Um die epidemiologische Forschung zu langem Sitzen am Arbeitsplatz zu fördern, gründen wir ein Forschungsnetzwerk. Zum Auftakt werden verschiedene aktuelle Forschungsaktivitäten vorgestellt. Ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch soll initiiert werden, um Ideen auszutauschen, Kooperationen zu planen und die Forschungsergebnisse zusammenzutragen. Ein weiteres Ziel des Netzwerks könnte die Erstellung einer Leitlinie mit Handlungsempfehlungen zur Reduzierung von langandauerndem und wenig unterbrochenem Sitzen am Arbeitsplatz sein.

Referenzen

[1] Parry S, Straker L. The
contribution of office work to sedentary behaviour associated risk. BMC Public Health 13, 296 (2013).
https://doi.org/10.1186/1471-2458-13-296.
Frau Dr. Janice Hegewald
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
2

Über 50% der Beschäftigten in Deutschland arbeiten vorwiegend im Sitzen [1]. Lange Sitzzeiten (> 8h/Tag) sind mit gesundheitlichen Einschränkungen (Gesamtmortalität, inzidente kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes, Muskel Skelett Beschwerden) verbunden [2]. Der Zusammenhang zwischen „nur“ beruflichem Sitzen und gesundheitlichen Veränderungen ist (noch) in Diskussion [3]. Etwa 70% der Tagesssitzzeit an einem Arbeitstag wird am Arbeitsplatz verbracht und trägt daher vor allem bei Personen in Vollzeit wesentlich zur sedentär verbrachten Zeit bei. Betriebliche Interventionen z.B. bewegungsfördernde Arbeitsumgebungen können zu Sitzunterbrechungen und kurzen Bewegungseinheiten anregen, die den gesundheitlichen Risiken entgegenwirken.

Die Auswirkungen verschiedener Bürokonzepte und Arbeitsumgebungen auf das berufliche Sitzverhalten von Bürobeschäftigten werden derzeit mit einem „mixed methods“-Ansatz erforscht. In einer Feldstudie wird der Einfluss verschiedener Bürokonzepte und Arbeitsumgebungen (d.h. mobile Arbeit im häuslichen Umfeld, klassisches Großraumbüro, „activity-based flex office“) auf das Sitz -und Bewegungsverhalten sowohl mit subjektiven Verfahren als auch objektiv durch Messen mit einem Akzelerometer betrachtet. In qualitativen Interviews wird der Frage nach förderlichen und hemmenden Faktoren für ein günstiges Sitz- und Bewegungsverhalten nachgegangen. Ein systematischer Review fasst Ergebnisse aus anderen Studien zum Einfluss ortsflexibler Arbeit auf das Sitz- und Bewegungsverhalten zusammen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen dazu beitragen, Empfehlungen für eine bewegungsfördernde Gestaltung der Arbeit an den unterschiedlichen Arbeitsorten zu benennen.

Referenzen

[1] https://ec.europa.eu/eurostat/
 
[2] Dunstan DW, Dogra S, Carter SE, Owen N.  .Sit less and move more for cardiovascular
health: emerging insights and opportunities . Nat Rev Cardiol 2021 Sep;18(9):637-648.
 
[3] Reichel K, Prigge M, Latza U et al. Association of occupational
sitting with cardiovascular outcomes andcardiometabolic risk factors:a
systematic review with a sex-
sensitive/gender- sensitive perspective. BMJ
Open 2022;12: e04801
Frau Dr Eva Backé
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
3

Einleitung

Büroarbeitsplätze sind primär auf eine sitzende Körperposition ausgerichtet. Ein regelmäßiger Wechsel der Körperposition wird dabei selten in den Arbeitsalltag integriert. Die Folgen dieser langen und unterbrochenen Sitzzeiten führen neben orthopädischen auch zu einem erhöhten Risiko u.a. für stoffwechselbezogene Symptomatiken. Mit diesem Beitrag wird die Entwicklung und Erprobung eines webbasierten Tools beschrieben, um Laien in Unternehmen dazu befähigen, eigenständig eine Bewegungsförderungsintervention für das eigene Arbeitsteam zu implementieren.

Methoden

Das „Leicht Bewegt“-Programm wurde iterativ entwickelt. Orientiert am australischen Modellprogramms „BeUpstanding“ fand eine inhaltliche und kulturelle Adaptation und Weiterentwicklung unter Beteiligung verschiedener kooperierender Unternehmen (n=7) statt. Im weiteren Projektverlauf wurde ein webbasiertes Toolkit erstellt. Zur Überprüfung der Nutzer*innenfreundlichkeit der Website wurden zwei Usability-Workshops mit Unternehmen durchgeführt.

Ergebnisse

Das „Leicht Bewegt“-Programm wurde anhand der aktuellen wissenschaftlichen Evidenz (u.a. zu Interventionsstrategien) und Hinweisen der Kooperationspartner:innen kontinuierlich entwickelt. Es wurden u.a. die Handlungsanleitungen für die projektverantwortlichen Laien optimiert, die Verständlichkeit von Materialien und Fragebögen erhöht und der Bedarf nach zusätzlichen Inhalten wie z.B. Ergonomie am Steharbeitsplatz ausgebaut und in ein webbasiertes Toolkit überführt. Fünf Projektschritte sind zentral: Führung überzeugen, Ist-Analyse, Planen und Vorbereiten, Mehr Bewegen und Erfolge Messen. Jeder Schritt enthält genaue Handlungsanleitungen bis hin zu betriebsratskonformen Befragungen zur Bedarfs- und Bedürfnisanalyse sowie Evaluation mit automatisierter Basisauswertung. Die einfache Anwendbarkeit und die klare, intuitive Struktur von „Leicht Bewegt“ wurden von den Unternehmen in den Workshops hervorgehoben.

Schlussfolgerung / Diskussion

Mit „Leicht Bewegt“ wird ein frei zugängliches Tool zur Bewegungsförderung im Alltag von Büroarbeitenden vorgelegt, mit dem Ziel arbeitsbezogene Sitzzeit zu reduzieren. Da der Projekthintergrund auf den Transfer fokussierte, war die bidirektionale, partizipative Zusammenarbeit mit kooperierenden Unternehmen leitend, um die Anwendbarkeit zu gewährleitsten. Derzeit wird das Programm über Mitarbeit in regionalen Netzwerken sowie über Social Media disseminiert. Eine Einbindung in Forschungsprojekte und Interventionsstudien zur weiteren Evaluierung stehen noch aus.
Herr Prof. Dr. Jens Bucksch
Pädagogische Hochschule Heidelberg Fakultät für Natur- und Gesellschaftswissenschaften Abteilung Prävention und Gesundheitsförderung
4
Bereits vor der Pandemie stieg innerhalb der Weltbevölkerung das Ausmaß physischer Inaktivität stetig an, welche wiederum als eigenständiger Risikofaktor in Zusammenhang mit der Entstehung chronischer Erkrankungen des kardiovaskulären sowie Muskel-Skelett-Systems steht (WHO 2022). Diese Entwicklung wurde durch den Umzug unzähliger Erwerbstätigen in den häuslichen Bereich noch verstärkt. Ermöglicht wurde das ortsflexible Arbeiten – als mobile Arbeit definiert – bereits davor durch die Digitalisierung der Arbeitswelt und die schnelle Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT).
Büroarbeit wird allgemein als physisch nicht gefährdend eingestuft, jedoch begünstigt sie das Vorkommen bewegungsarmer Verhaltensweisen. Zusätzlich können bei der Arbeit an Bildschirmgeräten – insbesondere bei nicht optimaler Gestaltung – Muskel-Skelett-Beschwerden und Fehlbelastungen der Augen auftreten. Eine Gefährdungsbeurteilung für die Büroarbeit sollte neben Gestaltungsaspekten auch das Bewegungsverhalten am Büroarbeitsplatz berücksichtigen. Für die Analyse relevanter Parameter wie Aktivitäten (Sitzen/Stehen/Gehen) im Zeitverlauf, Körperhaltungen, Haltungswechsel sowie kardiovaskuläre und muskulärer Aktivität bietet sich der Einsatz messtechnischer Verfahren an.

Bewegungsförderliche Maßnahmen zur Gestaltung von stationären Bildschirmarbeitsplätzen wie dynamische Büromöbel, Sitz/Stehtischen und aktiven Büroarbeitsstationen wurden bereits in Labor sowie Felduntersuchungen am IFA untersucht. Hinsichtlich der zunehmenden Beschäftigung an alternativen Arbeitsstätten wurde in einer systematischen Literaturrecherche der aktuelle Forschungsstand zum Einfluss mobiler Bildschirm-Arbeit auf die körperliche Gesundheit untersucht. Zudem wird der Einsatz von messtechnischen Instrumenten zur objektiven Erfassung dieser Risikofaktoren bei der Arbeit in verschiedenen Settings sowie darauf basierende Analysen im CUELA-Verfahren weiterentwickelt, welche wiederum eine umfassende Gefährdungsbeurteilung der Beschäftigung an Büroarbeitsplätzen ermöglicht.
Frau Dr. Britta Weber
Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA)
5
Einleitung
Studien zeigten, dass Interventionen, welche die physische Umgebung beeinflussen, das sedentäre Verhalten in den meisten Settings, vor allem aber am Arbeitsplatz reduzieren können [1, 2]. Diese Interventionen beinhalten beispielsweise bewegungsförderliche Arbeitsplätze oder Gebäude [1]. Für eine möglichst erfolgreiche Sitzzeitreduktion sollten allerdings Verhältnis- und Verhaltensinterventionen kombiniert werden [3]

Methoden
Verwaltungsangestellte (n=159) des Universitätsklinikums Regensburg wurden mithilfe eines online-Fragebogens zu ihrem sedentären Verhalten am Arbeitsplatz sowie zu ihrem Kenntnisstand zu den Auswirkungen eines sitzenden Lebensstils und Interventionswünschen befragt [4].

Ergebnisse
Die Teilnehmenden verbrachten am Arbeitsplatz pro Tag im Durchschnitt 7h sitzend (v.a. Computerarbeit) und 0,8h stehend (v.a. sonstige Tätigkeiten). Fast alle Teilnehmenden (99%) gaben an, dass langes, unterbrochenes Sitzen negative oder eher negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit hat. Die am häufigsten genannten Interventionswünsche waren Stehpulte, Stehmeetings und Pop-up Erinnerungen zum Aufstehen. Nur 6% der Teilnehmenden bevorzugten es keine Interventionsangebote zu erhalten [4].

Schlussfolgerung / Diskussion
Büroangestellte verbringen den Großteil des Arbeitstages im Sitzen. Der hohe Kenntnisstand zu den negativen Auswirkungen des sedentären Verhaltens sowie der starke Wunsch nach Interventionen verspricht eine hohe Compliance bei Angeboten zur Sitzzeitreduktion.

Referenzen

[1] Lam K, Baurecht H, Pahmeier K, Niemann A, Romberg C, Biermann-Stallwitz J et al. How effective and how expensive are interventions to reduce sedentary behavior? An umbrella review and meta-analysis. Obesity reviews : an official journal of the International Association for the Study of Obesity. 2022;23(5):e13422.
[2] Mugler N, Baurecht H, Lam K, Leitzmann M, Jochem C. The Effectiveness of Interventions to Reduce Sedentary
Time in Different Target Groups and Settings in Germany: Systematic Review, Meta-Analysis and Recommendations on Interventions. Int J Environ Res Public Health. 2022;19(16).
[3] Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Sitzlust statt Sitzfrust – Sitzen bei der Arbeit und anderswo. 4th revised edition. ISBN 3-88261-476-5. Berlin 2011.
[4] Nöscher P, Weber A, Leitzmann M, Grifka J, Jochem C. Arbeitsbezogenes sedentäres Verhalten:  Eine explorative Studie an Verwaltungsangestellten einer Universitätsklinik. eingereicht bei Zentralblatt für Arbeitsmedizin,  Arbeitsschutz und Ergonomie. 2022.
Frau Dr. Andrea Weber
Universität Regensburg
6
Einleitung
COVID-19-Arbeitseinschränkungen führten zu einer Standortverlagerung von Angestellten ins Home Office (HO) und in der Folge zu einer unvorhersehbaren Zunahme ortsflexibler Arbeit. Es ist jedoch wenig darüber bekannt, wie sich der Anteil von HO auf das Sitz- und Bewegungsverhalten während der Arbeitszeit auswirkt. Zusätzlich sind mögliche Korrelate des arbeitsbedingten Sitzens im HO noch nicht gut verstanden. Daher ist es das übergeordnete Ziel dieser Studie, das Sitz- und Bewegungsverhalten während der HO-Arbeit zu beschreiben und mögliche Korrelate des arbeitsbezogenen Sitzens im HO zu identifizieren.
Methode
Im Rahmen einer deutschlandweiten repräsentativen computergestützten telefonischen Befragung wurden im Frühjahr 2021 aktuell berufstätige Personen im HO (n = 575; 55 % Männer; 45,1 ± 13,9 Jahre) zu arbeitsbedingtem Sitz- und Bewegungsverhalten befragt sowie zu ihrem HO-Anteil vor und während der Pandemie. Darüber hinaus wurden sozioökologische Faktoren bezüglich der HO-Sitzzeit abgefragt. Um Korrelate der arbeitsbezogenen Sitzzeit im HO zu identifizieren wurden lineare Regressionen durchgeführt.
Ergebnisse
Zum Befragungszeitpunkt während der COVID-19-Arbeitseinschränkungen stieg der HO-Anteil um 46,7 ± 40,6 % (p < 0,001) auf einen durchschnittlichen HO-Anteil von 75,5 ± 29,3 % bei den befragten Teilnehmern. Der Sitzanteil am Arbeitstag korrelierte positiv (r = 0,234, p < 0,001) mit dem HO-Anteil. Mit dem durchgeführten Regressionsmodell wurden insgesamt 19 % der Varianz der arbeitsbezogenen Sitzzeiten im HO von Berufstätigen aufgeklärt, die während der COVID-19-Pandemie zu ≥ 90 % vom HO aus arbeiteten. Männer berichteten im Vergleich zu Frauen über einen höheren Sitzanteil im HO. Zu den weiteren signifikanten Korrelaten gehörten Bildungsniveau, Arbeitszeit pro Woche, wahrgenommene Arbeitsumgebung zum Stehen sowie das weitere Bewegungsverhalten während Transport und Freizeit.
Diskussion
Die Studie liefert Querschnittsbefunde, dass hohe HO-Anteile mit höheren berufsbedingten Sitzzeiten zusammenhängen und deutet auf vorläufige Erkenntnisse zu möglichen Korrelaten der Sitzzeit im HO hin. Weitere Studien in diesem Bereich sind erforderlich, um effektive Programme und Interventionen zu entwickeln, um das Sitz- und Bewegungsverhalten von Berufstätigen, die im HO bzw. in flexiblen Arbeitsortmodellen arbeiten positiv zu unerstützen.

Frau Dr. Birgit Sperlich
Institut für Sportwissenschaft, Julius-Maximilians Universität
7

Einleitung

In Zeiten von vermehrt mobilem Arbeiten und Online-Veranstaltungen scheint videobasierte Gesundheitskommunikation ein vielversprechender Ansatz zur Reduzierung von sedentärem Verhalten (SV) zu sein. Für Universitäts-Studierende trifft dies in besonderem Maße zu, da sie von alltäglich hohen Sitzzeiten stark betroffen sind. Jedoch ist weitere Forschung erforderlich, um effektive videobasierte Interventionsstrategien im Kontext von Online-Lehrveranstaltungen und mobiler Arbeit für diese medienaffine Zielgruppe zu identifizieren. Daher war es das Ziel der vorliegenden Pilotstudie, (1) Unterschiede in der Häufigkeit von Unterbrechungen des SV zwischen verschiedenen Videotypen und soziodemografischen Gruppen zu untersuchen und (2) zu eruieren, ob die Unterbrechungen des SV durch Intentionen zu SV, Einstellungen zu SV, Alter oder Geschlecht vorhergesagt werden kann.

Methoden

Die teilnehmenden Online-Lehrveranstaltungen (n=12 Veranstaltungen mit insgesamt n=118 teilnehmenden Studierenden) wurden zufällig einer von drei verschiedenen Gruppen zugeteilt. Während der jeweiligen Online-Lehrveranstaltung sahen sich die Teilnehmenden jeder Gruppe ein Kurzvideo an, in welchem die Unterbrechung und Reduzierung von SV unter Verwendung eines von drei Videotypen thematisiert wurde: animiert-statistisch (n=29), animiert-narrativ (n=32), statisch-statistisch (n= 35). Nach dem Ansehen des Videos, füllten die Teilnehmenden einen Online-Fragebogen aus, der demografische Variablen (Alter, Geschlecht, Fachgruppe, Semester) und Variablen zum Gesundheitsverhalten (Unterbrechung des SV, Intention SV zu reduzieren, Einstellung zu SV) beinhaltete.

Ergebnisse

Während des Videos unterbrachen 48.0% aller Teilnehmenden das SV. Die Chi²-Teststatistik zeigte, dass sich die Unterbrechungen des SV zwar zwischen den Altersgruppen, nicht aber zwischen den Videotypen unterschied. Ältere Studierende (≥22 Jahre) unterbrachen das SV während des Videos häufiger (61,4 %) als jüngere Studierende (40,4 %). Die binäre logistische Regressionsanalyse zeigte, dass diese Unterbrechungen in Zusammenhang standen mit der Absicht, SV zukünftig zu reduzieren: OR = 1,82, 95 % KI [1,06, 3,13]; χ² (4) = 14,071, p=0,008; R²=0,191.

Schlussfolgerung / Diskussion

Kurzvideos erscheinen als ein effektives Mittel zur Unterbrechung des SV von Studierenden während Online-Lehrveranstaltungen. Weitere Forschung zu Langzeiteffekten sowie zur Anwendung der Interventionsstrategie in anderen Settings – bspw. am Arbeitsplatz – wäre interessant.
Herr Sebastian Heller
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
8
Einleitung: Der Anstieg älterer Arbeitnehmer*innen (Jahr 2025: 2.9 Mio., Jahr 2031: 3.6 Mio.) erfordert zielgruppenspezifische Ansätze der Gesundheitsförderung [1]. Körperliches Training hat positive Gesundheitsauswirkungen, allerdings werden klassische Angebote mangels Zeit oder Motivation wenig wahrgenommen. Als vielversprechender Ansatz integriert das LiFE-Programm mit minimalem Zeitaufwand gezielt Kraft- und Gleichgewichtsübungen in den Alltag. Ziel dieser Studie war es (1) das Work-LiFE-Programm iterativ an die Zielgruppe ältere Arbeitnehmer*innen anzupassen, (2) die Durchführbarkeit zu pilotieren und (3) die Auswirkungen auf Gleichgewicht und Kraft zu messen.
Methoden: Anhand eines standardisierten 5-Punkte-Rahmenwerks erfolgte die iterative Entwicklung (Setting: Bereich Verwaltung der Universität, Zielgruppe: Arbeitnehmer*innen (TN) ≥ 55 Jahre). Die Programmentwicklung und Anpassung des bisherigen LiFE-Programms [2] erfolgte in Kooperation mit Akteur*innen der Universität Konstanz (Hochschulsport, Personalabteilung) und mit Expert*innen der Arbeitsmedizin, Unfallversicherung, digitalen Anwendung und Sportwissenschaft. Das Prä-Post-Studiendesign (n=15) umfasste eine 4-wöchige Intervention durch einen Personal Trainer. Mit Fragebögen: Adhärenz (ADH), Übungshäufigkeit (ÜH), Nebenwirkungen (NW), Akzeptanz und Sicherheit (SH) wurde die Durchführbarkeit gemessen. Gleichgewicht wurde mit der 8-Level Balance Scale (8-LBS) und der Community Balance Mobility Scale (CBM) und Kraft mit dem 60s Chair-Test gemessen.
Ergebnisse: Auf Basis der iterativen Entwicklung wurde ein TN-Handbuch verfasst. Die TN implementierten 9 (7 - 12) von maximal 12 Übungen mit einer durchschnittlichen ADH von 88% und die ÜH lag bei 5 (4 - 7) Tagen/Woche und 1-4.2 Mal/ Tag. Es gab keine Nebenwirkungen und eine hohe Akzeptanz (Schulnoten: 1,6; 92% empfehlen es weiter, Integrierbarkeit in den Alltag und angemessen bzgl. der Anforderung). Für das Gleichgewicht (8-LBS: d = -.556, CBM: d = -.558), und für die Kraft (60-sec Chair-Test: d = -.451) wurden mittlere Effektgrößen berechnet.
Diskussion: Die Entwicklung des Work-LiFE Programms war erfolgreich und die Pilotierung zeigt eine gute Durchführbarkeit. Die gemessenen Veränderungen im Gleichgewicht sind vielversprechend; müssen jedoch in einer randomisierten kontrollierten Studie überprüft werden. Aktuell werden weitere Programmanpassungen vorgenommen und im Anschluss ist eine umfangreiche Evaluation von Work-LiFE geplant.

Referenzen

[1] Sippli, K., et al., Challenges arising for older workers from participating in a workplace intervention addressing work ability: a qualitative study from Germany. Int Arch Occup Environ Health, 2021. 
 [2] Schwenk, M., et al., The Adapted Lifestyle-Integrated Functional Exercise Program for Preventing Functional Decline in Young Seniors: Development and Initial Evaluation. Gerontology, 2019. 65(4): p. 362-374.
Frau Yvonne Marie Ritter
Universität Konstanz
Do
16 Mär
14:15 - 16:00
DGAUM Forum
Forum: AG Psychische Gesundheit
Raum: Hörsaal 7 / Zoom-Raum 7 (Standort: 1. OG / online)
Vorsitz: Kristin Hupfer und Jessica Lang
Beiträge:
1
Studienergebnisse zeigen, dass sich die psychische Gesundheit von Medizinstudierenden schon kurz nach Beginn ihres Studiums verschlechtert. Vor allem jungen Medizinstudierenden mangelt es oft an der Fähigkeit, mit einer Vielzahl von Stressoren im Zusammenhang mit ihrem Studium umzugehen. Programme zur Resilienzförderung und zur Stressprävention (RFSP) finden im universitären Kontext zunehmend Beachtung. Trotz zahlreicher Veröffentlichungen zu RESP-Programmen für Studierende fehlt jedoch noch immer ein allgemeiner Überblick über evidenzbasierte Programme, einschließlich möglicher akzeptanzfördernder Faktoren für eine höhere Nutzung. Ziel dieser Studie ist es daher, zu evaluieren, welche RESP-Programme für Medizinstudierende in der Literatur vorgeschlagen werden, unter welchen Bedingungen solche Programme Medizinstudierende hinsichtlich ihrer psychischen Gesundheitserhaltung unterstützen und welche Faktoren eine flächendeckende Implementierung ermöglichen könnten. Die Datenerhebung umfasst zwei Schritte: 1) Analyse einer anonymen Online-Befragung des Projekts "Gesundes Lernen in Düsseldorf" (HeLD-II) mit N = 1.254 Medizinstudierenden im Wintersemester 2020/21 (z.B. Interventionspräferenzen in Bezug auf Face-to-Face- vs. E-Mental-Health-Programme; Zusammenfassung der Freitextkommentare), die zusätzliche Anregungen für 2) einen Rapid Scoping Review liefern soll. Die systematische Suche wird basierend auf der PRISMA-SR-Checkliste in elektronischen Datenbanken (PubMed/Medline, PMC, PsycInfo, Psyndex) durchgeführt, um sowohl quantitative als auch qualitative Studien der letzten 10 Jahre mit Fokus auf RESP-Programme für Medizinstudierende zu identifizieren (in Arbeit). Die Ergebnisse werden einen Überblick über evidenzbasierte RESP-Programme für Medizinstudierende und potenziell förderliche und hinderliche Faktoren für deren Umsetzung geben, um daraus Implikationen für verhaltenspräventive Maßnahmen abzuleiten.
Frau Pia Braun
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Herr Luca Schuster
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, CHS, Medizinische Fakultät, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
2
In der heutigen Arbeitswelt haben sich die Einflüsse auf den Menschen von eher physischen hin zu psychischen Belastungen gewandelt, was zu einer Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit und somit zu einer Verminderung der Arbeitsfähigkeit führen kann. Zu den Belastungen zählen die Arbeitsverdichtung, viele Überstunden, Zeitdruck, die ständige Erreichbarkeit und die zeitliche Flexibilisierung. Aber auch häufige Arbeitsunterbrechung, unklare Verantwortlichkeiten und soziale Konflikte am Arbeitsplatz spielen als Belastungsfaktoren eine nicht zu unterschätzende Rolle. Und nicht zuletzt kann die Pandemie mit der vermehrten Verlagerung der Arbeit in die häusliche Umgebung Probleme bei den Arbeitnehmenden verursachen.
Die Belastungen können die Gesundheit der Arbeitnehmenden beeinträchtigen. So ist z. B. bekannt, dass überlange Arbeitszeiten zu emotionaler Erschöpfung und eingeschränkter Erholung führen, die wiederum mit erhöhter kardiovaskulärer Mortalität verbunden ist.
Organisationale und auch persönliche Ressourcen hingegen können der Belastung entgegenwirken und die psychische Gesundheit der Beschäftigten positiv beeinflussen und stärken.
Zu einer ressourcenreichen Arbeitsumgebung tragen konstruktives Feedback von Kollegen, Kolleginnen und Vorgesetzten, die soziale Unterstützung und auch transformative Führung bei. Für die Arbeit im Homeoffice gilt es, ergonomische Arbeitsbedingungen und Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme zu schaffen. Das Aufstellen klarer Regeln zur Erreichbarkeit der Beschäftigten kann dabei helfen, den Arbeitstag klar zu strukturieren.
Die Verbesserung der regenerativen Stresskompetenz als eine weitere Ressource kann zum einen auf der Verhältnisebene durch eine optimale Pausengestaltung gelingen. Zum anderen können aber auch auf der Verhaltensebene die Beschäftigten lernen, sich zu entspannen und durch Abschalten von der Arbeit die (emotionale) Erschöpfung zu reduzieren und das Wohlbefinden zu stärken.
Frau Dr. med. Sabine Darius
Bereich Arbeitsmedizin, Medizinische Fakultät, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
3
Einleitung
Pandemiebedingt haben viele Beschäftigte in den letzten zwei Jahren ihr Arbeitsverhalten stark verändert [2]. Mobilarbeit, Videokonferenzen, Aufteilung bestehender Teams in infektionsschutzgerechte Gruppen und online Kollaboration sind verbreitete Beispiele. Auch wenn die Veränderungen nicht immer freiwillig waren wie z.B. eine Pflicht zum Arbeiten im Home Office, werden die Erfahrungen in die zukünftige Gestaltung von Arbeit einfließen.

Methode
Begleitend zu einer Einführung einer Betriebsvereinbarung zum hybriden Arbeiten sollen eingeführte Neuerungen wie z.B. Desksharing, EDV-Tools und veränderte Raumnutzungskonzepte in Testfeldern erprobt werden. Um hierzu Rahmendaten und Wünsche der Betroffenen berücksichtigen zu können, wurden die Beschäftigten dieser Testfelder bei Einführungsveranstaltungen zu ihren Wünschen und Plänen befragt, wie sie zukünftig arbeiten möchten, wo sie Handlungs- und Beratungsbedarf sehen. Die Befragungen erfolgten bei Informationsveranstaltungen in den Testfeldern anonymisiert mittels eines im interdiszipliären Team erstellten Online-Tools (Antworten von n=179 Teilnehmenden). Die Auswertung ist im Dezember 2022 noch nicht abgeschlossen.

Ergebnisse
Die von uns erhobenen Daten bilden aufgabenabhängig ein sehr heterogenes Bild. Die teilnehmenden Abteilungen haben sich auf die zukünftigen Arbeitsformen durch abteilungsspezifische Regelungen vorbereitet. Persönliche Entwicklungsmöglichkeiten werden nicht vom Arbeitsort abhängig gesehen. In einzelnen Abteilungen planen fast sämtliche Beschäftigten überwiegendes Arbeiten im häuslichen Umfeld, andere wünschen sich ca. 50% Präsenzarbeit. Häufiger wird Beratungsbedarf für gesundheitliche Fragen geäußert, deutlich seltener Bedarf bei Arbeitssicherheitsfragen. Es besteht ein hohes Interesse an weiterer, detailliert benannter Ausstattung.

Schlussfolgerungen
Obwohl andere interne Datenquellen zeigen, dass viele Beschäftigte ihren Arbeitsplatz zu Hause schon während der Pandemie verbessert haben, sehen wir einen hohen Bedarf an arbeitsmedizinischer Beratung für hybrid Arbeitende und Hinweise zu ergonomischen Arbeitsmitteln als sinnvoll. Die Präferenzen der Befragten sind in den Testfeldern unterschiedlich gelagert und entsprechen daher nur teilweise bekannten Daten aus Beschäftigtenbefragungen (z.B. [1]). Der Wunsch nach telearbeitsähnlichen Arbeitsbedingungen ist groß, zugleich gibt es mehr Gründe "in die Firma zu kommen" als Kreativität und Sozialisation.

Referenzen

[1] Kunze F, Zimmermann S: Die Transformation zu einer hybriden Arbeitswelt: Ergebnisbericht zur Konstanzer Homeoffice Studie 2020-2022 (2022). http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:352-2-ai5pzcioansj3
[2] Schmoll R, Süß S: Flexibles Arbeiten. Homeoffice in Zeiten der COVID-19-Pandemie.  (2021) Wirtschaftswissenschaftliches Studium; Zeitschrift für Studium und Forschung. - München : Beck, ISSN 0340-1650, ZDB-ID 120285-6. - Vol. 50.2021, 9, p. 16-20 https://doi.org/10.15358/0340-1650-2021-9-16
Herr PD Dr. med. Stephan Weiler
AUDI AG Ingolstadt
4
Im diesem konzeptuellen Beitrag werden bekannte Konzepte und Theorien der Informationsverarbeitung und des komplexen Problemlösens mit Merkmalen der Arbeit im digitalen Zeitalter zusammengebracht, um sich der Fragestellung nach einer mentalen Dauerleistungsgrenze anzunähern. In Analogie zur physischen Belastungsgrenze der Arbeitsmedizin wird nach einem limitierenden System gesucht, dass die kognitive Leistungsfähigkeit bei dauerhafter Beanspruchung begrenzen kann. Mit dem Arbeitsgedächtnis wird ein grundlegendes psychologisches System identifiziert, das durch digital vernetzte Arbeit in seiner „natürlichen“ Arbeitsweise fundamental herausgefordert wird und potenziell zur Ermittlung einer mentalen Dauerbelastungsgrenze genutzt werden könnte. Dabei zu berücksichtigende Herausforderungen und Chancen werden im Abschluss des Beitrags diskutiert.
Frau Prof. Dr. Britta Herbig
LMU Klinikum, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
5

Nach wie vor ist im betrieblichen Kontext Alkohol die Droge, die am häufigsten bei Mitarbeitern zu Auffälligkeiten führt, in unserem Unternehmen macht das etwa 80% aller Fälle aus. Inzwischen haben die meisten Betriebe bewährte Routinen entwickelt, um mit diesem Thema ziel- und lösungsorientiert umzugehen.
Weit größere Unsicherheiten bestehen hingegen bei einer Einschätzung der Bedeutung eines sporadischen oder regelmäßigen Cannabiskonsums, evtl. auch im Rahmen einer ärztlichen Verordnung.

Im Rahmen des Vortrags sollen
a) das Gefährdungspotential bei den unterschiedlichen Konsummustern erörtert werden
b) Möglichkeiten des Cannabisnachweises mit den jeweiligen Stärken und Begrenzungen vorgestellt werden
c) mögliche Regularien im Umgang mit THC- positiven Mitarbeitern diskutiert werden
d) ein Ausblick gewagt werden, was uns erwartet, wenn der Cannabisbesitz und -konsum nicht mehr kriminalisiert werden soll und wie aktuell geplant für Erwachsenen frei verkäuflich sein wird

Referenzen

Eva Hoch: Cannabis: Potenzial und Risiko Springer Vlg, 2019
Frau Dr. Kristin Hupfer
BASF SE, GUA/AP - H308
Studium Universität Erlangen -Nürnberg Facharztausbildung >Psychiatrie und Psychotherapie in Nürnberg und Engelthal seit 1999 Weksärztin in der BASF SE Ludwigshafen
Do
16 Mär
16:15 - 18:00
DGAUM Forum
„Rezeptpapier“ – Arbeitsepidemiologische systematische Reviews
Eine offene Veranstaltung der AG Epidemiologie
Raum: Hörsaal 6 / Zoom-Raum 6 (Standort: 1. OG / online)
Vorsitz: Janice Hegewald und Andreas Seidler
Fr
17 Mär
14:15 - 15:45
Themenschwerpunkt
Symposium: Betriebliches Eingliederungsmanagement in Deutschland – Chancen und Risiken
Veranstaltung der Wissenschaftlich-Medizinischen Allianz für Rehabilitation e.V. (WMAR)
Leitung: Prof. Dr. Markus Bassler und Prof. Dr. Christoph Gutenbrunner
Seit 2004 hat der Gesetzgeber zwecks Sicherung des Arbeitsverhältnisses das betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) eingeführt, zu dem Arbeitgeber bei allen Beschäftigten verpflichtet sind, die innerhalb der letzten zwölf Monate länger als sechs Wochen (ununterbrochen oder wiederholt) arbeitsunfähig waren. Wie hat sich dieses Konzept bisher in der Praxis bewährt? Welche Chancen, aber auch welche Risiken zeigten sich dabei für Arbeitnehmer und Arbeitgeber? 
  • Betriebliches Eingliederungsmanagement in Deutschland - kurze Übersicht zum aktuellen Forschungsstand (Prof. Dr. Markus Bassler, Hochschule Nordhausen)
  • Wie hat sich BEM bisher in der praktischen Umsetzung bewährt? (Dr. Bernhard Koch, Ärztlicher Direktor Rehazentrum Oberharz)
  • Welche betrieblichen Rahmenbedingungen sind für eine erfolgreiche Wiedereingliederung förderlich? (Dr. Guido Engelhardt, Leitender Werksarzt BMW Group Leipzig, Berlin, Eisenach)
  • BEM bei besonderen psychischen Belastungen von Betroffenen. Erfahrungsbericht aus einer psychosomatischen Rehabilitationseinrichtung. (Patrick Wolloscheck, Verwaltungsdirektor Rehazentrum Oberharz)
  • Podiumsdiskussion mit den Referenten unter Einbeziehung des Auditoriums. (Moderation Prof. Christoph Gutenbrunner)
Raum: Hörsaal 3 / Zoom-Raum 3 (Standort: EG / online)
Fr
17 Mär
15:45 - 17:45
DGAUM/BARMER
Netzwerk trifft Netzwerk: Lernen von- und miteinander
Veranstaltung des Projekts "Gesund arbeiten in Thüringen (GAIT)" von DGAUM und BARMER
Teil I: Konzepte für die Praxis
  • Begrüßung (Prof. Dr. med. Hans Drexler, Dr. phil. Thomas Nesseler, DGAUM)
  • Von der Pflicht zur Kür: Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) ist auch für Kleinst-, kleine und mittlere Unternehmen (KKMU) machbar! (Prof. Dr. med. Stephan Letzel, DGAUM)
  • Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit am Beispiel BASF SE. Was können KKMU von großen Unternehmen lernen? (Prof. Dr. med. Christoph Oberlinner, DGAUM)
  • Gekommen, um zu bleiben. BGF als Instrument der Fachkräftegewinnung und -sicherung für KKMU. (Prof. Dr. med. Mustapha Sayed, BARMER -- digital zugeschaltet)
  • Fragen/Antworten, Überleitung zu Teil II
Teil II: Netzwerk-Unternehmen berichten aus der Praxis
  • Netzwerkunternehmen berichten aus der Praxis
  • FAQ und Diskussion
Raum: Hörsaal 2 / Zoom-Raum 2 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Hans Drexler und Stephan Letzel
Fr
17 Mär
14:15 - 15:45
Praxisworkshop
Manuelle Therapie in der Arbeitsmedizin
Anmelde- und kostenpflichtige Fortbildungsveranstaltung (keine Online-Teilnahme möglich)
Leitung: PD Dr. med. habil. Norman Best
In diesem Workshop werden Untersuchungstechniken vorgestellt, wie Sie im täglichen Alltag der Arbeitsmedizin anwendbar sind. Es soll dargestellt werden, was Manuelle Medizin ist, wie man sie gegenüber anderen Gebieten in der Medizin abgrenzt und eine Einbindung in die Diagnostik der Arbeits- und BetriebsmedizinerInnen gelingen kann. Eine aktive Mitarbeit der Teilnehmenden bei den Demonstrationen ist gewünscht, Vorkenntnisse sind für die Teilnahme nicht erforderlich.
Raum: Hörsaal 8 (Standort: 1. OG, Anzahl der Sitzplätze: 100)
Fr
17 Mär
08:30 - 10:00
Akademien
Sitzung der Akademieleitungen
Geschlossene Präsenz-Veranstaltung
Raum: Hörsaal 7 (Standort: 1. OG, Anzahl der Sitzplätze: 100)
Vorsitz: Gerd Enderle
Sa
18 Mär
13:00 - 16:00
Online-Seminar
Herausforderungen in der Arbeit als Arbeitsmediziner – Durchführung einer gemeinsamen Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung
Anmelde- und kostenpflichtige Fortbildungsveranstaltung
Leitung: Dr. med. Rumen Alexandrov
► Seminarbeschreibung (PDF)
Raum: Zoom-Raum 1 (Standort: Online)
Sa
18 Mär
13:00 - 16:00
Online-Seminar
New Work – New Health
Anmelde- und kostenpflichtige Fortbildungsveranstaltung
Leitung: Prof. Dr. med. Susanne Völter-Mahlknecht
► Seminarbeschreibung (PDF)
Raum: Zoom-Raum 3 (Standort: Online)
Vorsitz: Susanne Völter-Mahlknecht
Sa
18 Mär
13:00 - 16:00
Online-Seminar
Mediationsverfahren als Alternative zum pharmakologischen Neuroenhancement
Anmelde- und kostenpflichtige Fortbildungsveranstaltung
Leitung: PD Dr. phil. Pavel Dietz und Prof. Dr. med. Dennis Nowak
► Seminarbeschreibung (PDF)
Raum: Zoom-Raum 4 (Standort: Online)
Mi
15 Mär
14:45 - 16:00
Vorträge
Individuelle Auslöser psychischer Belastung
Raum: Hörsaal 4 / Zoom-Raum 4 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Amanda Voss und Thomas Muth
Beiträge:
1

Einleitung

Belastungen im Arbeitsalltag von Erzieherinnen können zu Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit und somit zu einer Verminderung der Arbeitsfähigkeit führen. Persönliche Ressourcen wiederum können positiv die Psyche beeinflussen und stärken. Die Fragestellung lautete, ob und inwieweit individuelle Stressverarbeitungsstrategien als eine mögliche Ressource einen Einfluss auf die psychische Gesundheit von Erzieherinnen in Kindertagesstätten haben und ob Unterschiede zwischen deutschen und ukrainischen Erzieherinnen bestehen.​​​​​​

Methoden

An der Fragebogenerhebung nahmen 107 ukrainische Erzieherinnen aus Charkiw und 185 deutsche Erzieherinnen aus Magdeburg freiwillig teil. Die Stressverarbeitungsstrategien wurden mit dem Stressverarbeitungsfragebogen von Janke et al. [1] erfasst. Die Ausprägung der psychischen Gesundheit wurde mit der Kurzversion des General Health Questionnaire (GHQ-12) nach Goldberg in der deutschen Übersetzung nach Linden et al. [2] ermittelt.​​​​​

Ergebnisse

Ukrainische Erzieherinnen nutzten signifikant häufiger positive Strategien der Stressverarbeitung als deutsche Studienteilnehmerinnen (82,2 % vs. 50,8 %; p < 0,001), deutsche Erzieherinnen reagierten auf Stress häufiger mit negativen Bewältigungsstrategien (47,6% vs. 15,9 %; p < 0,05). Einige wenige Erzieherinnen aus beiden Ländern reagierten mit ausgeglichener Bewältigung. Die subjektiv eingeschätzte psychische Gesundheit war bei Erzieherinnen mit negativen Bewältigungsstrategien (D: 14,2 ± 4,2 Punkte; U: 15,1 ± 5,4 Punkte) signifikant eingeschränkter (p < 0,001) als bei Erzieherinnen, die positiv mit Stress umgingen (D: 10,3 ± 4,2 Punkte; U: 7,8 ± 3,2 Punkte). Mittels linearem Modell erklärte die Nationalität 2,1 % der Varianz (p < 0,05). Der Einfluss der Stressverarbeitungsstrategie auf die psychische Gesundheit war deutlicher, 17,6 % der Varianz werden erklärt (p < 0,001). Die Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit korreliert unter Kontrolle der Nationalität positiv mit negativen Bewältigungsstrategien (r = ,505; p < 0,001).​​​​​​

Schlussfolgerung / Diskussion

Zur Stärkung positiver Stressverarbeitungsstrategien müssen Angebote zur Verhaltensprävention seitens des Arbeitsgebers etabliert und von den Erzieherinnen auch genutzt werden. Länderspezifische, ressourcenorientierte Ansätze können das Angebot ergänzen, um die psychische Gesundheit der Erzieherinnen zu stärken und zu erhalten.

Referenzen

[1] Janke W, Erdmann G, Kallus W. Stressverarbeitungsfragebogen. Handanweisung. Göttingen:
Hogrefe; 2000.
[2] Linden M, Maier W, Achberger M et al. Psychische Erkrankungen und ihre Behandlung in Allgemeinarztpraxen in Deutschland. Nervenarzt 1996; 67: 205–215
Frau Dr. med. Sabine Darius
Bereich Arbeitsmedizin, Medizinische Fakultät, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
2
Einleitung: Für die Tierärzteschaft stellt die psychische Gesundheit, aufgrund erhöhter Stressbelastung, ein ernstzunehmendes Problem dar. Irritation als Zustand psychischer Befindensbeeinträchtigung infolge erlebter Zieldiskrepanz (Ruminationen (kognitive Irritation) im Sinne verstärkter Zielerreichungsbemühungen und Gereiztheitsreaktionen (emotionale Irritation) im Sinne einer Zielabwehrtendenz) ist ein Indikator psychischer (Fehl-)Beanspruchung. Die Rolle von intrinsischer Verausgabung (Overcommitment, OC) und der arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmustern (AVEM) ist hinsichtlich der Beanspruchungsfolgen im Setting Tiermedizin noch unzureichend untersucht. Ziel der Studie war es, , arbeitsbezogenes Verhalten sowie kognitive und emotionale Irritation in verschiedenen tiermedizinischen Tätigkeitsbereichen zu analysieren, weil diese als Vorläufer weiterer Gesundheitsbeeinträchtigungen betrachtet werden.
Methoden: Es nahmen 1.028 Tierärzt:innen (65,8% weiblich) an dieser Studie teil (mittleres Alter 41,6±10,1 Jahre). Es wurden anhand standardisierter Fragebögen das Overcommitment, die arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmuster und die Irritationen differenziert nach dem Haupttätigkeitsbereich (Kleintiere, Pferde, Nutztiere, Labor und Behörden) erfasst.
Ergebnisse: Die Tierärzt:innen arbeiteten überwiegend zu 68,6% (n=705) mit Kleintieren. OC unterschied sich signifikant zwischen den untersuchten Gruppen (p=0,029). Mindestens 40,5% der Tierärtz:innen wurden gesundheitsgefährdenden AVEM-Mustern A oder B zugeteilt (am häufigsten die Gruppe „Pferde“). Die Verteilung der Muster innerhalb der Tätigkeitsbereiche war nicht signifikant. Einige Merkmale des subjektiven arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens unterschieden sich zwischen den Gruppen: Verausgabungsbereitschaft (p=0,010), Perfektionsstreben (p=0,014), Distanzierungsfähigkeit (p=0,033) und Resignationstendenz (p<0,001). Hinsichtlich der kognitiven Irritation (p=0,007) fanden sich ebenfalls Unterschiede innerhalb der Tätigkeitsbereiche, wobei diese bei der Gruppe Nutztiere am geringsten war.
Schlussfolgerungen: Es zeigte sich eine Tendenz zu psychischer (Fehl-)Beanspruchung infolge arbeitsbedingter Belastungen bei Tierärzt:innen, was bei langanhaltender unzureichender Kompensation bspw. Auslöser von Burnout oder von Depressionen sein kann. Dies sollte im Rahmen der arbeitsmedizinischen Betreuung beachtet werden.

* gefördert durch die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (Förderung Nr. 1544)
Frau Dr. med. Beatrice Thielmann
Bereich Arbeitsmedizin, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Medizinische Fakultät
3
Einleitung: Diverse Studienbefunde weisen auf teils kritische Prävalenzen zu verschiedenen Erkrankungen bei TierärztInnen (TÄ) hin. Das Ziel dieses Beitrages soll sein, zahlreiche Belastungsfaktoren im veterinärmedizinischen Bereich zu identifizieren, um weiteren Beanspruchungsfolgen präventiv entgegenwirken zu können.

Methode: Zum Zeitpunkt der Auswertung lagen von 774 TÄ (66,7% weiblich, Alter 40,72 ± 10,02 Jahre) vollständige Angaben zur subjektiven Einschätzung der Belastung am Arbeitsplatz vor. Im angewandten Fragebogen nach Slesina wurden auf Grundlage von 47 Belastungsfaktoren 4 verschiedene Bereiche (Arbeitsinhalt, Arbeitsorganisation, Körperhaltung und Arbeitsumweltfaktoren) unterteilt und jeweils durch eine Häufigkeitsabfrage erfasst („oft“, „mittel“, „selten“ und „nie) sowie durch eine (Ja/Nein)-Frage zum individuellen Beanspruchungserleben ergänzt. Nach Einteilung der TÄ in Gruppen (411 Kleintier-, 146 Großtier-ärztInnen (Pferde und Nutztiere), 115 Klein- und GroßtierärztInnen und 102 nicht praxistätige TÄ (Tätigkeit im Labor oder Behörde)) erfolgten Analyse der Belastungsfaktoren in diesen Gruppen (Kreuztabellen mit χ2-Test).

Ergebnisse: Häufiges Heben schwerer Lasten überwog signifikant (p<0,001) bei GroßtierärztInnen (mittel: 39,7%; oft: 24,0%) gegenüber KleintierärztInnen (mittel: 26,0%; oft: 8,3%) und nicht praxistätige TÄ (mittel: 6,9%; oft: 2,9%) ebenso wie das Beanspruchungserleben (GroßtierärztInnen: 62,3%; KleintierärztInnen: 46,2%; nicht praxistätige TÄ: 14,7%) (p<0,001). Der erfasste Leistungsdruck differiert in den untersuchten Tierarztbereichen: KleintierärztInnen (mittel: 34,1%; oft: 52,3%), Großtierärztinnen (mittel: 28,1%; oft: 45,2%) und nicht praxistätige TÄ (mittel: 42,2%; oft: 38,2%) (p=0,002). Das Beanspruchungserleben zum Leistungsdruck ist ebenfalls unterschiedlich unter den Bereichen verteilt: KleintierärztInnen (79,3%), GroßtierärztInnen (73,3%) und nicht praxistätige TierärztInnen (65,7%) (p=0,023).

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse geben einen ersten Eindruck über bestehende Belastungsfaktoren bei Tierärzteschaft und bilden eine Gegenüberstellung der Anforderungsintensität und des Beanspruchungsempfinden bei TÄ unterschiedlicher Haupttätigkeitsbereiche ab. Durch die Unterteilung der Gruppen sollen bei möglichen Interventionen spezifische Präventionsmaßnahmen zu Minderung von Gesundheitsrisiken empfohlen werden.

* gefördert durch die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (Förderung Nr. 1544)
Herr Robert Pohl
Bereich Arbeitsmedizin Medizinische Fakultät Magdeburg Otto-von-Guericke Universität Magdeburg Leipziger Straße 44 39120 Magdeburg
4
Background: Working in a hospital setting is both rewarding but also represents a demanding and often stressful work environment. A considerable body of literature addresses the adverse effects of working conditions that often result in poor well-being of medical professionals [1,2]. This paper moves from a problem-focused attitude towards innovative pathways by focusing on (self-reported) individual and organizational resources and facilitators of workplace well-being through medical professionals’ ability to perceive and engage with capacities within a demanding work environment.
Method: The present paper is based on a qualitative study in which data was collected in two different German hospitals through interviews with medical doctors and nurses and participant observations in their working environment. Statements and observational notes were clustered and summarized into key results.
Results: Our findings show a variety of resources that can be subdivided into aspects on a systemic / organizational level, on a team (micro-systemic) level and on an individual level. Overarching themes such as appreciation among medical professionals, team dynamics / - behavior as well as communication played a crucial role in workplace well-being.
Conclusions: Beneficial framework conditions and derivations could be identified that reveal opportunities to enhance well-being as well as underlying processes to prevent negative health-related outcomes at its roots. Therefore results provide information to better understand hidden interdependencies and interrelations and describe resources that can lead to a successful management of a health professionals’ work life.

Referenzen

[1] Weigl M. Physician burnout undermines safe healthcare. 
BMJ, 
2022, 
378, o2157. 
[2] Beschoner P, Limbrecht-Ecklundt K, Jerg-Bretzke L. Psychische Gesundheit von Ärzten: Burnout, Depression, Angst und Substanzgebrauch im Kontext des Arztberufes. Der Nervenarzt, 2019, 90(9), 961–974.
Frau M.A. Julia Berschick
5

Einleitung

Weltweit geht ein erheblicher Teil der Lehrkräfte aus gesundheitlichen Gründen oder auf eigenen Wunsch vorzeitig in Rente. Frühere Studien beschäftigten sich bereits mit relevanten Einflussfaktoren und berufspolitischen Maßnahmen, um dem bestehenden und zukünftigen Lehrermangel zu begegnen. Kaum bekannt ist bisher, ob sich weibliche und männliche Lehrkräfte in Arbeitsbelastung und Erholungsverhalten unterscheiden und ob Zusammenhänge zu einem vorzeitigen Renteneintritt bestehen.

Methoden

Im Rahmen einer Querschnittsstudie dokumentierten 6.109 gymnasiale Vollzeit-Lehrkräfte (56% Frauen, Ø Alter: 42 J.) ihre Arbeitsbelastung: Neben der Wochenarbeitszeit (Protokoll über 4 Wochen) wurde der psychosoziale Arbeitsstress (Effort-Reward, ER ratio) erfasst. Zusätzlich wurden emotionale Erschöpfung (Maslach Burnout Inventory) und gesundheitsgefährdendes Coping anhand von übersteigerter Verausgabung (E-R Q) und Erholungsunfähigkeit (Fragebogen zur Analyse belastungsrelevanter Anforderungsbewältigung) analysiert. Die Lehrkräfte prognostizierten außerdem, ob sie bis zum Erreichen des regulären Rentenalters im Beruf verbleiben, nannten Gründe für einen vorzeitigen Renteneintritt und unterbreiteten Vorschläge, wie dies verhindert werden könnte.

Ergebnisse

Zwischen den Geschlechtern sind sowohl Arbeitszeit (p<0.001; η²partial=0.005), psychosozialer Arbeitsstress (p=0.665) als auch emotionale Erschöpfung (p<0.001; η²partial=0.010) vergleichbar. Frauen tendieren jedoch häufiger als Männer zu übersteigerter Verausgabung (47 vs. 33%) und können sich schlechter erholen (47 vs. 38%). Sie schätzen öfter als ihre männlichen Kollegen ein, nicht bis zur regulären Rente im Beruf verbleiben zu können (42 vs. 30%). Mit zunehmendem ER ratio und zunehmender emotionaler Erschöpfung verringert sich für beide Geschlechter die Chance, das reguläre Rentenalter zu erreichen (etwa um Faktor 0.4 bzw. 0.6). Für gesundheitsgefährdendes Coping sind die Zusammenhänge etwas schwächer. Als Hauptrund für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf gibt die überwiegende Mehrheit der Lehrkräfte (79%) die zu hohen Arbeitsbelastungen an.

Schlussfolgerung / Diskussion

Um Lehrkräfte vor Überlastung zu schützen, sind Maßnahmen erforderlich, die sowohl auf die Reduzierung der Arbeitsbelastung und die Entwicklung sozial unterstützender Arbeitsumgebungen als auch auf die individuelle Verbesserung von Bewältigungsstrategien im Umgang mit diesen hohen Arbeitsbelastungen und emotionalen Interaktionen gerichtet sind.
Frau Dr. med. Steffi Kreuzfeld
Institut für Präventivmedizin Universitätsmedizin Rostock
6

Einleitung

Die Digitalisierung ist eine der größten Herausforderungen der modernen Arbeitswelt. Auch das Verwaltungswesen inklusive der Justiz steht vor umfassenden Transformationsprozessen. Das Projekt eJustice des Instituts für Arbeitsmedizin der Charité Berlin begleitet die Einführung der elektronischen Akte (eAkte) an ausgewählten Berliner Gerichten und in der Senatsverwaltung Berlin. Ziel ist es, die Veränderungen im Arbeitsalltag der Mitarbeitenden und die damit verbundenen psychischen Belastungen und Unterstützungsbedarfe zu untersuchen. Die digitalen Veränderungsprozesse gehen mit zahlreichen Herausforderungen einher und können negative gesundheitliche Auswirkungen haben. In ersten Analysen wurde untersucht, welchen Einfluss individuelle Kompetenzen und spezifische Ressourcen auf das Erschöpfungserleben (als Aspekt von Burnout) und die mentale Gesundheit der Mitarbeitenden haben.

Methoden

Im Juni und Juli 2022 nahmen insgesamt 80 Mitarbeitende einer Senatsverwaltung in Berlin an der Online-Umfrage teil (69 % w, Alter: M= 46, SD= 14.02). Der Großteil der Befragten (86 %) gab an, in der Verwaltung tätig zu sein, gefolgt von 4 % im Bereich der Rechtsprechung (z. B. Rechtspfleger*innen) und 3 % in der IT.

Ergebnisse

Erste Analysen zeigen, dass ein höheres Ausmaß des Sinnerlebens bei der Arbeit das Erschöpfungserleben verringert (F(1,76)=15.83, p<.001, R^2=.16). Auch die individuellen Arbeitsgestaltungskompetenzen (Planungs-, Selbstmotivierungs- u. Stressvermeidungskompetenz), F(1,76)=32.02, p<.001, R^2=.29, und die digitalen Kompetenzen (F(1,76)=5.96, p<.05, R^2=.06) haben einen schützenden Einfluss auf das Erschöpfungserleben der Mitarbeitenden. Zudem zeigt sich, dass ausgeprägte Arbeitsgestaltungskompetenzen (F(1,74)=17.63, p<.001, R^2=.18) und ein hohes Sinnerleben (F(1,74)=24.06, p<.001, R^2=.24) einen positiven Einfluss auf die mentale Gesundheit der Mitarbeitenden haben.

Schlussfolgerung / Diskussion

Zu den Auswirkungen der digitalen Transformation auf den Arbeitsalltag und die psychische Gesundheit von Mitarbeitenden in den vom demographischen Wandel geprägten öffentlichen Institutionen Verwaltung und Justiz gibt es bisher wenig wissenschaftliche Erkenntnisse. Eine bedarfsorientierte Förderung des Kompetenzerlebens und des Sinnerlebens bei der Arbeit könnte die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden während der Veränderungsphase stärken. In späteren Befragungen im Rahmen des eJustice-Projekts werden weitere Themen tiefergehend exploriert.
Herr Jasper Strauss
Charité Universitätsmedizin Berlin
Frau Fiona Niebuhr
Institut für Arbeitsmedizin - Charité Universitätsmedizin Berlin
Mi
15 Mär
14:45 - 16:00
Vorträge
(Stress-)Prävention
Raum: Hörsaal 5 / Zoom-Raum 5 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Mathias Diebig
Beiträge:
1
Background: Health care professionals (HCP) are heavily affected by stress and burnout [1, 4]. Prevention programs that are effective in daily practice are needed [3]. This review evaluates prevention programs at German (university) hospitals with a focus on program content and implementation. It complements a scoping review that systematically reviews the international research literature[2, 5, 6, 7].
Methods: Grey literature research, Google, Google scholar were searched between 11.3.-14.4.2022 limited to most recent years (≥2017). Projects were included if they (1)focused on workplace health promotion in HCPs, (2)were presence or hybrid/blended , (3)were group based, (4)were modular/consecutive, and (5)aimed to reduce stress/prevent burnout. Included projects were questioned via semi-structured interviews. In addition, a freehand search was conducted to identifyprojects at non-university hospitals.
Results: The structured search resulted in 65 projects. All but 3 were excluded. Projects included a peer-based training, a resilience seminar, and an empathy-based concept. The freehand search revealed 3 projects: A care-focused project with webinars and personal on-site support, a project that contained tailored workshops for HCPs, and a project that combined weekly online-courses, app support with presence courses. Among all projects, 4 are scientifically evaluated, one of them has data available on outcomes, 2 are qualitatively evaluated.
Conclusions: Prevention programs are offered at German clinics but vary in terms of content and evaluation. This review fills the gap, draws learnings for future interventions on strengthening resilience for HCPs. There are fruitful approaches that could be a compass for coming programs to tackle the problems on burnout.

Referenzen

[1] Al Maqbali M, Al
Sinani M, Al-Lenjawi B. Prevalence of stress, depression, anxiety and
sleep disturbance among nurses during the COVID-19 pandemic: A
systematic review and meta-analysis. J Psychosom Res.
2021;141:110343.
[2] Ghawadra SF, Abdullah KL, Choo
WY, Phang CK. Mindfulness-based stress reduction for psychological
distress among nurses: A systematic review. J Clin Nurs.
2019;28(21-22):3747-58.
[3] Hodkinson A, Zhou A, Johnson J,
Geraghty K, Riley R, Zhou A, et al. Associations of physician burnout
with career engagement and quality of patient care: systematic review
and meta-analysis. BMJ. 2022;378:e070442.
[4] Shanafelt TD, West CP, Sinsky C,
Trockel M, Tutty M, Satele DV, et al., editors. Changes in burnout
and satisfaction with work-life integration in physicians and the
general US working population between 2011 and 2017. Mayo Clinic
Proceedings; 2019: Elsevier.
[5] Velana M, Rinkenauer G.
Individual-Level Interventions for Decreasing Job-Related Stress and
Enhancing Coping Strategies Among Nurses: A Systematic Review. Front
Psychol. 2021;12:708696.
[6] West
CP, Dyrbye LN, Erwin PJ, Shanafelt TD. Interventions to prevent and
reduce physician burnout: a systematic review and meta-analysis.
Lancet. 2016;388(10057):2272-81.
[7] Zhang
XJ, Song Y, Jiang T, Ding N, Shi TY. Interventions to reduce burnout
of physicians and nurses: An overview of systematic reviews and
meta-analyses. Medicine (Baltimore). 2020;99(26):e20992.). 2020;99(26):e20992.
Frau Julia Schneider
Charité Universitätsmedizin
2
Hintergrund:
Obwohl die Wirksamkeit verschiedener arbeitsplatzbezogener Interventionen belegt ist, werden Maßnahmen zur Stressprävention vor allem in Kleinst- und Kleinunternehmen (KKU) selten umgesetzt. Im Forschungsprojekt "PragmatiKK" wurde eine webbasierte Stresspräventionsplattform "System P" für KKU entwickelt, die die Umsetzung eines kompletten Präventionszyklus ermöglicht. Das System P umfasst ein verhältnispräventives Modul zur Durchführung einer digitalen Gefährdungsbeurteilung und Maßnahmendurchführung sowie ein evidenzbasiertes Stressbewältigungstraining für die individuelle Verhaltensprävention. Dabei berücksichtigt das System P gewonnene Erkenntnisse aus empirischen Studien zu typischen Hemm- und Förderfaktoren der betrieblichen Stressprävention und bietet digitale, vereinfachte Lösungen für die Umsetzung in KKU. Ziel der Studie ist es, den Implementierungsprozess und die Nutzung von System P in der Zielgruppe KKU zu evaluieren.

Methoden:
Daten zum Implementierungsprozess und seinen Determinanten werden mittels integrierter quantitativer webbasierter Fragebögen im System P sowie halbstrukturierter qualitativer Interviews erhoben. Die Analyse erfolgt anhand von Indikatoren für einen erfolgreichen Implementierungsprozess nach Proctor et al. (2011) und des Consolidated Framework for Implementation Research nach Damschroder et al. (2009).

Ergebnisse:
Vorläufige Befragungsergebnisse zur Nutzung des System P deuten darauf hin, dass sich vermehrt KKU registrieren, die bereits für das Thema Stressprävention sensibilisiert sind. Darüber hinaus legen vorläufige Analysen der Interviewstudie zur Machbarkeit der Intervention nahe, dass die Unternehmen bestimmte Voraussetzungen für die Umsetzung der digitalen Prävention benötigen, wie z. B. persönliches Interesse oder die Bereitschaft, sich mit Arbeitsstress auseinanderzusetzen. Bis zur Konferenz erwarten wir weitere Ergebnisse zu Indikatoren wie bspw. Akzeptanz, Reichweite, Dosis, Umsetzungstreue und Durchdringung innerhalb der registrierten KKU. Zusätzlich erwarten wir auch Informationen zum inner- und außerbetrieblichen Setting der KKU sowie Charakteristika der Intervention und des Implementierungsprozesses.

Schlussfolgerung:
In der Gesamtschau der Ergebnisse zeichnet sich ab, dass es schwierig ist, KKU für die Nutzung des System P zu erreichen, die sich bisher kaum mit Stressprävention auseinandergesetzt haben. Multiplikator:innen könnten hier eine wichtige Rolle bei der Implementierung des System P in KKU spielen und somit eine eigene Zielgruppe für das System P bilden.
Frau Louisa Scheepers
3
Einleitung: Beschäftigte in Notaufnahmen sind von körperlicher und verbaler Gewalt am Arbeitsplatz betroffen. Die Verantwortung für die Arbeitssicherheit der Beschäftigten liegt u.a. bei den Führungskräften, deren Aufgaben in Bezug auf Gewaltprävention bislang allerdings unzureichend untersucht wurden. Ziele der Studie sind demnach, die Umsetzung von Maßnahmen zur Gewaltprävention zu erforschen und dabei die Perspektive von Führungskräften zu beleuchten. Außerdem wird die Perspektive der Beschäftigten bezüglich der Verfügbarkeit von Partizipationsmöglichkeiten im Rahmen der Gewaltprävention berücksichtigt.

Methoden: Im Rahmen des qualitativen Forschungsansatzes wurden Telefoninterviews anhand eines halbstrukturierten Leitfadens geführt, der u.a. Fragen zu Führungsaufgaben und Partizipationsmöglichkeiten in Bezug auf Gewaltprävention beinhaltete. Teilnehmende wurden mit Unterstützung von Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) kontaktiert. Weitere Teilnehmende wurden über das Schneeballprinzip rekrutiert. Einbezogen wurden ärztliche sowie pflegerische Beschäftigte und Führungskräfte, die in direktem Kontakt zu Patient:innen in einer Notaufnahme arbeiteten. Die Auswertung erfolgte entsprechend der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring.

Ergebnisse: Es wurden insgesamt 27 Interviews mit Personen geführt, die eine ärztliche (n=13) oder pflegerische (n=14) Tätigkeit ausübten, wobei 16 Teilnehmende eine Leitungsposition innerhalb der Notaufnahme hatten. Führungskräfte berichteten, dass Gewaltprävention aufgrund anderer Prioritäten in der Notaufnahme in den Hintergrund rückte. Es wurde zudem erläutert, dass Gefährdungsbeurteilungen zwar stattfanden, die Gewaltprävention dabei i.d.R. aber keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielte. Die geschilderten Möglichkeiten für Beschäftigte, sich an der Gestaltung von Präventionsmaßnahmen zu beteiligen, beschränkten sich weitgehend auf die Mitteilung eines Bedarfs an Vorgesetzte.

Schlussfolgerung: Die Umsetzung von Maßnahmen zur Gewaltprävention wird derzeit im Arbeitsalltag von Beschäftigten und Führungskräften in der Notaufnahme noch zu wenig berücksichtigt. Um eine nachhaltige Umsetzung von Präventionsmaßnahmen zu erreichen, sollten Aufgaben delegiert werden, da somit Partizipationsmöglichkeiten für Beschäftigte entstehen und Führungskräfte entlastet werden. Geeignete Aufgaben sind z.B. die Peer-Beratung oder das Entgegennehmen und Dokumentieren von Meldungen.
Frau Sonja Reißmann
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) Seewartenstraße 10 | Haus 1 | 20459 Hamburg
4
In the workplaces of healthcare workers, stress factors such as a high workload, dealing with suffering and dying patients, and conflicts and problems at the organizational level increase the risk of stress and burnout. This problem has become even more explosive in the context of the COVID-19 pandemic. Current systematic reviews of interventions to reduce stress and prevent burnout in health care workers show that many different interventions are available with varying degrees of effectiveness. These reviews summarize the evidence but are less specific about the individual contents and implementations of the programs. This scoping review fills this gap, with particular attention to the use of digital components.

PubMed, Embase, and PsycInfo were searched between 24.01.-28.01.2022, limited to the most recent years (≥ 2017). Articles were included if they (1)focused on workplace health promotion in nurses or medical doctors, (2)included a digital component (web-based or digital platforms, apps), (3)were conducted in high-income country context, and (3)were clinical studies of any type published in English or German. Data was extracted using an a priori designed spreadsheet. A search for grey literature in the German clinical context was also conducted; these results will be presented in a supplementary publication.

The search strategy identified 153 articles, all except 7 were excluded. Two studies were conducted in the USA, two in Spain, one in the Netherlands, Poland and Korea each. Four studies used a randomized study design, all but one had a control group. A wide range of outcome measures was used. The types of interventions were diverse and varied from study to study. They included an adapted mindfulness-based stress reduction program combined with aspects of behavioral therapies, cognitive behavioral therapy, or acceptance and commitment therapy. The digital components used were apps (4 studies), a digital platform, blended learning, and an internet-based intervention (1 study each).

This scoping review provides detailed information on the content of current international stress and burnout prevention programs with digital components for healthcare professionals. It identifies potential stumbling blocks as well as potentially beneficial factors regarding the content and implementation of the programs. The results of this scoping review can be used for the (further) development of prevention programs in this area.
Frau Anna Koch
Mi
15 Mär
16:15 - 17:15
Vorträge
Intervention mentale Gesundheit
Raum: Hörsaal 5 / Zoom-Raum 5 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Pavel Dietz und Tobias Engeroff
Beiträge:
1

Einleitung

In den vergangenen Jahren zeigen sich zunehmend hohe Prävalenzraten psychischer Erkrankungen und eine verstärkte psychische Beanspruchung Studierender [1]. Einen positiven Einfluss auf den Umgang mit psychischen Erkrankungen hat die psychische Gesundheitskompetenz: sie umfasst Wissen und Fertigkeiten zum angemessenen Umgang mit der psychischen Gesundheit [2]. Diese ist bei vielen Studierenden gering ausgeprägt [3]. Deswegen wurde ein Training zur Förderung psychischer Gesundheitskompetenz bei Studierenden entwickelt und erprobt. Zu überprüfen galt, ob das Training die psychische Gesundheitskompetenz einer Interventions- im Vergleich zur Kontrollgruppe verbessert.

Methoden

Das Training umfasste zwei Einheiten à drei Stunden. Der erste Trainingstag beinhaltete Wissen über psychische Störungen, Risikofaktoren, Gründe und Informationsquellen. Am zweiten Tag ging es um Selbsthilfestrategien, professionelle Hilfsangebote, Stigmata und Tabuisierung. Zur Vermittlung der Inhalte wurden verschiedene didaktische Methoden genutzt. Um die Effektivität zu bemessen, füllten die Teilnehmenden vor, direkt nach und zwei Wochen nach dem Training Fragebögen aus. Die Kontrollgruppe erhielt lediglich die Fragebögen in denselben zeitlichen Abständen. Für die psychische Gesundheitskompetenz wurde eine Skala basierend auf der Definition von Jorm et al. [2] konzipiert. Die Interventionsgruppe bestand aus 30, die Kontrollgruppe aus 51 Studierenden.

Ergebnisse

Die Interventionsgruppe verbesserte ihre psychische Gesundheitskompetenz über das Training hinweg bedeutsam im Vergleich zur Kontrollgruppe. Vor dem Training stuften beide Gruppen ihre Gesundheitskompetenz im Schnitt noch als eher gut ein, nach dem Training wies die Interventionsgruppe eine gute psychische Gesundheitskompetenz auf, während die Kontrollgruppe unverändert blieb. Der Effekt lag im hohen Bereich (part. η2 = .41).

Schlussfolgerung / Diskussion

Mit dem Training konnte die psychische Gesundheitskompetenz von Studierenden verbessert werden. Langfristig ist zu erwarten, dass das Training positiv auf die psychische Gesundheit der Teilnehmenden wirkt. So könnte mithilfe des Trainings sowohl bei Studierenden, aber auch anderen vulnerablen Gruppen, hohen Prävalenzen psychischer Erkrankungen entgegengewirkt werden: durch gesünderes Verhalten, eine höhere Bereitschaft professionelle Hilfe aufzusuchen und eine generelle Sensibilisierung für die Thematik.

Referenzen

[1] Kühn L, Bachert P, Hildebrand C, Kunkel J, Reitermayer J, Wäsche H, et al. Health literacy among university students: a systematic review of cross-sectional studies. Front Public Health. 2022 Jan 21;9:680999.
 
[2] Jorm AF, Korten AE, Jacomb PA, Christensen H, Rodgers B, Pollitt P. “Mental health literacy”: A survey of the public’s ability to recognise mental disorders and their beliefs about the effectiveness of treatment. Med J Aust. 1997 Feb 17;166(4):182-6.
 
[3] Hurrelmann K, Klinger J, Schaeffer D. (Universität Bielefeld, Interdisziplinäres Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung). Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland: Vergleich der Erhebungen 2014 und 2020. 2020. German.
Frau Ann-Kathrin Grotenburg
RWTH Aachen University
2
Die Gesundheit der Belegschaft in Unternehmen ist in vielerlei Hinsicht bedeutend und steigt stetig in ihrer Relevanz. Neben den gesetzlichen Bestimmungen zum Gesundheitsschutz von Beschäftigten (z.B. Arbeitsschutzgesetz, Arbeitssicherheitsgesetz, Arbeitsstättenverordnung), bestimmen auch pandemische Lagen wie die Coronapandemie, sich verändernde Wertewelten der Arbeitnehmerschaft, der Fachkräftemangel sowie der positive Zusammenhang von Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden das gesundheitsbezogene Handeln von Unternehmen. In den letzten 15 Jahren hat sich die Anzahl der AU-Tage im Schnitt um 50% erhöht. Während ein Teil dieses Anstiegs anhand externer Faktoren erklärt werden kann (z.B. höhere Bereitschaft zur Krankmeldung bei geringer Arbeitslosenquote), hat gerade die Bedeutung von psychischen Erkrankungen deutlich zugenommen.

In der zweiten Jahreshälfte 2021 wurde bei der AUDI AG am Standort Ingolstadt vom Bereich Gesundheitswesen der Mental Health Checkup (MHCH) als Pilotprojekt gestartet und wissenschaftlich durch die Technische Universität Chemnitz evaluiert. Der MHCH stellt grundlegend ein Gesprächsangebot dar, welches der Erkennung von förderlichen und problematischen Faktoren bezüglich psychischer Auffälligkeiten dient und daraufhin lösungsorientierte Handlungsempfehlungen ableitet, was dem kognitiv-verhaltensbasierten Interventionensansatz im Handlungsfeld Stressmanagement entspricht.

Die psychische Gesundheit der Teilnehmenden hat sich im Rahmen des MHCH und darüberhinaus im Follow-up verbessert. Dieser generelle Trend verläuft in den verschiedenen Präventionsstufen unterschiedlich stark. Besonders stark ist der Effekt in der hoch beanspruchten Gruppe Sekundärprävention mit Verdacht auf eine psychische Erkrankung [1].

Die psychische Gesundheit von Beschäftigten zu stärken bzw. zu erhalten, ist eine wichtige Aufgabe für Unternehmen um die Leistungsfähigkeit ihrer Belegschaft langfristig gewährleisten zu können. Der Mental Health Checkup der AUDI AG stellt ein verhaltenspräventives Angebot dar, welches Beschäftigten unabhängig von ihrer Führungskraft oder lokalen Unterstützungsangeboten außerhalb der Organisation (z.B. Beratungsstellen, ambulante Psychotherapie) die Möglichkeit bietet, niederschwellig etwas für ihre psychische Gesundheit zu tun. Die Ergebnisse der Evaluation zeigen einen deutlich positiven Einfluss des MHCH auf die psychische Gesundheit, vor allem stark beanspruchte Personen profitieren besonders von diesem Angebot.

Referenzen

[1] Technische Universität Chemnitz.
Frau Stefanie Lobers
Audi AG, Gesundheitsschutz
3

Einleitung

Die Bedeutsamkeit von Führungskräften für die allgemeine Gesundheit und das Wohlbefinden von deren Mitarbeitenden ist empirisch gut bestätigt. Allerdings gibt es bisher wenig empirische Evidenz, die eine förderliche Wirksamkeit von Führungskräfteinterventionen auf Arbeit und Wohlbefinden auf das Team aufzeigt. Auf Basis des integrativen Health-oriented Leadership-Ansatzes wurde eine etablierte Stress-Management-Intervention für Führungskräfte (MAN-GO) auf die Zielgruppe Akteure aus kleinen und mittelständischen Unternehmen angepasst (KMU-GO) und evaluiert. Ziel dieser Studie ist es zu prüfen, ob indirekte Interventionseffekte auf die Mitarbeitenden der teilnehmenden Führungskräfte zu beobachten sind und wodurch diese entstehen.

Methoden

Um die Auswirkungen der Intervention auf der Ebene der Mitarbeitenden zu bewerten, wurden Fragebogendaten zur Baseline, 6 Monate und 12 Monate nach der Intervention erhoben. Insgesamt beantworteten 322 Mitarbeitende von 75 teilnehmenden Führungskräften Fragebögen zum Wohlbefinden (WHO-5), zur Irritation (Irritationsskala) und zum Leader-Member-Exchange (LMX-7) zur Baseline, von denen 213 bzw. 215 Mitarbeitende an dem 6-Monats- bzw. 12-Monats-Follow-up teilnahmen. Die Daten wurden mittels linearer Mixed-Effects Modellen ausgewertet, um die Mehrebenen-Struktur zu berücksichtigen und die Veränderung der Outcomes über die Zeit zu erfassen. Zusätzlich wurde für die Mittelwerte der Outcomevariablen (grand mean zentriert) zur Baseline kontrolliert.

Ergebnisse

Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass Unterschiede zwischen Kontroll- und Interventionsgruppe bereits nach 6 Monaten auftreten: für Irritation (b = 0.19, SE = 0.12, p < .10, R2 = .81) sowie LMX (b = -0.29, SE = 0.10, p < .01, R2 = .36), nicht aber für das Wohlbefinden (b = -2.52, SE = 3.94, ns, R2 = .03). Weitere Analysen nach Abschluss der Datenerhebung im Herbst 2022 sollen die Wirksamkeit der Intervention genauer beschreiben.

Schlussfolgerung / Diskussion

Die Ergebnisse dieser Führungskräfteintervention erweitern unser Verständnis bezüglich des Wirksprektrums auf Outcomeebene und geben Hinweise für welche Gruppen von Mitarbeitenden die Intervention wirksam ist und welche Mechanismen diese Wirksamkeit erklären.
Herr Dr. Mathias Diebig
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Centre for Health and Society, Medizinische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
4

Einleitung

Weltweit gehören psychische Erkrankungen zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsausfälle [1, 2]. Zudem zeigte eine Studie, dass psychische Belastungen bei Erwerbstätigen zu stark erhöhten Kosten für den Arbeitgeber führen [3]. Demzufolge sind Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung wichtig für Unternehmen. Die Deutsche Post / DHL Group gehört zu den größten deutschen Arbeitgebern. Hier finden in der betrieblichen Gesundheitsförderung halbjährlich Gesundheits-Challenges statt. Nun wurde erstmals mit dem Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz eine Challenge wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Hierbei lag ein Fokus auf der psychischen Gesundheitsentwicklung über drei Messzeitpunkte.
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Methoden

Studie im Pre-Post Design, Onlinebefragung für Mitarbeitende der Deutschen Post / DHL Group. Vor Challengebeginn (T1), direkt im Anschluss (T2) und nach drei Monaten (T3) wurden mittels Fragebogen Konstrukte der psychischen Gesundheit erhoben: Stress (PSS-10), Angst & Depression (PHQ-4), Burnout (COPSOQ-B13).
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Ergebnisse

Sowohl in der Betrachtung der gepaarten T-Test-Analyse der Messzeitpunkte T1 zu T2 (N=125) und T2 zu T3 (N=65) als auch im „sauberen“ Längsschnitt zeigte sich für Stress eine signifikante Verbesserung (p=0,002) nach der Intervention.

Für Angst und Depression gab es keine signifikanten Unterschiede in den einzelnen Messzeitpunkten.

Das Burnoutrisiko zeigte für die Messzeitpunkte T1 zu T2 (N=130) und T2 zu T3 (N=70) höchst signifikante Unterschiede. Dies lässt darauf schließen, dass das Burnoutrisiko durch die Intervention gesunken ist (p=0,000), dieser Einfluss allerdings nur eingeschränkte Langzeiteffekte vorweisen konnte. So stieg das Burnoutrisiko im Vergleich von T2 zu T3 höchst signifikant an (p=0,000). Diese Ergebnisse wurden im „sauberen“ Längsschnitts bestätigt. Hier zeigte sich zudem ein signifikanter Rückgang von Burnout (p=0,011) für den Messzeitpunkt T1 zu T3, was vermuten lässt, dass der Effekt der Intervention abgeschwächt, aber auch über einen Zeitraum von drei Monaten sichtbar ist.
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Schlussfolgerung / Diskussion

Die Challenge konnte im Bereich der psychischen Gesundheit größtenteils positive Effekte erzielen. Für Stress und Burnout zeigten sich signifikante Verbesserungen, welche auch über den Interventionszeitraum hinaus beobachtet werden konnten. Für Angst und Depression konnte mit unserer Studie keine Veränderung über den Betrachtungszeitraum dargestellt werden.

Referenzen

[1] Duchaine CS et al. 2020:
Psychosocial Stressors at Work and the Risk of Sickness Absence Due to a
Diagnosed Mental Disorder: A Systematic Review and Meta-analysis, in: JAMA
Psychiatry 2020, doi: 10.1001 /jamapsychiatry.2020.0322.

[2] Meyer M / Wing L / Schenkel A
/ Meschede M 2020: Krankheitsbedingte Fehlzeiten in der deutschen Wirtschaft
im Jahr 2020, in: Fehlzeiten-Report 2020. Betriebliche Prävention stärken –
Lehren aus der Pandemie, (Hrsg.): B. Badura / A Ducki / H Schröder / M Meyer,
S.441-538, https://doi.org/10.1007/978-3-662-63722-7.

[3] Müller G / Bombana M /
Heinzel-Gutenbrenner M et al. 2021: Socio-Economic Consequences of Mental
Distress: Quantifying the Impact of Self-Reported Mental Distress on the Days
of Incapacity to Work and Medical Costs in the Following 2 years: A
Longitudinal Study in Germany, in: BMC Public Health 2021; 21, S.1–14,
https://doi.org/10.1186/s12889-021-10637-8.
Frau Naby May
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Do
16 Mär
10:15 - 11:30
Vorträge
Psychische Erhebungsinstrumente
Raum: Hörsaal 2 / Zoom-Raum 2 (Standort: EG / online)
Vorsitz: David A Groneberg und Roman Pauli
Beiträge:
1

Einleitung

Es besteht eine Vielzahl an deutschsprachigen Instrumenten, die zur Erhebung psychischer Belastungsfaktoren im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung genutzt werden können. Für Unternehmen liegt eine Schwierigkeit darin, diese zu finden, einen Überblick über die Instrumente zu gewinnen und somit eine geeignete Auswahl zu treffen [1, 2]. Im vorliegenden Projekt wurden Instrumente zur Erhebung der arbeitsbezogenen psychischen Belastung umfassend recherchiert und geprüft. Ziel des hier vorgestellten Projektschritts ist es, praxisrelevante Informationen zu den eingeschlossenen Instrumenten in einem Online-Tool bereitzustellen und dieses zu evaluieren.

Methoden

Für die Darstellung der Instrumente wurden Informationen in Form von Steckbriefen zusammengestellt. Zudem wurde eine Kategorisierung nach der Branche sowie Mindest- und Maximalzahl der einzubeziehenden Teilnehmenden für ihre Anwendung und den Kosten für ihre Nutzung vorgenommen. Die Überführung der Inhalte in ein Online-Tool erfolgte in Zusammenarbeit mit einem IT-Dienstleistungsunternehmen. Das Online-Tool wurde formativ mittels qualitativer Videointerviews mit 10 Akteur:innen aus dem Arbeits- und Gesundheitsschutz von August bis September 2022 evaluiert. Themen der Evaluation umfassten die Angemessenheit der Inhalte, Bedienungsfreundlichkeit und den subjektiv wahrgenommenen Nutzen des Online-Tools.

Ergebnisse

Das entwickelte Online-Tool GB-Psych Kompass stellt Informationen zu 55 Instrumenten bereit. Instrumente können nach der Branche des Unternehmens, der Teilnehmendenzahl für die Gefährdungsbeurteilung und den Kosten gefiltert werden. Zu allen Instrumenten werden Informationen zu Voraussetzungen für die Nutzung, Methodik, Zeit- und Ressourcenaufwand, berücksichtigten Inhalten und Kosten des jeweiligen Instruments sowie Durchführungshinweise gegeben. In der Evaluation wurden die dargestellten Informationen zu den Instrumenten von Teilnehmenden als klar strukturiert, relevant und umfassend beurteilt. Es zeigten sich Verbesserungspotenziale in der Usability, z.B. hinsichtlich der Sichtbarkeit und Anwendung der Filterfunktion. Insgesamt wurde der Nutzen des Online-Tools als sehr hoch bewertet.

Schlussfolgerung / Diskussion

Der GB-Psych Kompass steht kostenfrei zur Verfügung und kann für die Suche und Auswahl von Erhebungsinstrumenten zur Berücksichtigung der psychischen Belastung in der Gefährdungsbeurteilung genutzt werden. Er soll fortlaufend gepflegt, aktualisiert und zukünftig weiterentwickelt werden.

Referenzen

[1] Beck D. Psychische
Belastung als Gegenstand des Arbeitsschutzes. Arbeit, 2019. 28(2): p. 125-147.
[2] Schuller K. Interventions as the centrepiece of psychosocial risk
assessment – why so difficult? Int J Workplace Health Manag, 2019. 13(1): p. 61-80.
Frau Dr. Tanja Wirth
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
2

Einleitung

Der korrelative Zusammenhang zwischen psychosozialen Faktoren am Arbeitsplatz und Gesundheit und Arbeitszufriedenheit konnte in vielen Studien gezeigt werden – Längsschnittstudien mit einer Prüfung von Ursache und Wirkung sind allerdings selten.
Im Rahmen der Gutenberg Health Study wurde mit den Instrumenten COPSOQ (Copenhagen Psychosocial Questionnaire) und ERI (Effort-Reward-Imbalance) analysiert welche Zusammenhänge zwischen Arbeitsbelastungen zu T0 (baseline) mit Folgefaktoren zu T1 fünf Jahre später (follow-up) bestehen.

Methoden

Allen berufstätigen Probanden/innen der GHS wurde zur Ersterhebung COPSOQ (n = 4322) oder ERI (n = 4358) vorgelegt; dasselbe erfolgte zum 5-Jahre Follow-up (n = 3091 bzw. n = 3142). Der Zusammenhang zwischen Arbeitsplatzfaktoren und Arbeitszufriedenheit, Lebenszufriedenheit, selbst berichtetem Gesundheitszustand und Burnout-Symptomen wurde für jeden Zeitpunkt separat sowie prospektiv mit linearen Regressionsmodellen analysiert.

Ergebnisse

Die erklärte Varianz der Modelle ist für baseline und follow-up vergleichbar (R2 Spanne: ERI 0.10–0.43; COPSOQ 0.10–0.56). In der prospektiven Analyse und bei Adjustierung für die Arbeitsbedingungen bei T0 sind die Assoziationen zwischen Arbeitsplatzfaktoren der Erstbefragung mit Outcomefaktoren der Zweitbefragung zwar schwächer ausgeprägt (R2 Spanne: ERI 0.07–0.19; COPSOQ 0.07–0.24) aber immer noch signifikant. Der Verlust an Prädiktion im Längsschnitt betrifft besonders die Skala Arbeitszufriedenheit, vermutlich weil diese stärker von kurzfristigen Veränderungen in den Arbeitsbedingungen tangiert wird.

Schlussfolgerung / Diskussion

Sowohl COPSOQ als auch ERI wiesen ein gute Kriteriumsvalidität und Modellkonformität aus. Auch in der längsschnittlichen Analyse waren Arbeitsbelastungen mit Outcomefaktoren deutlich assoziiert. Allerdings kann eine Messung zu zwei Zeitpunkten keine Aussage zu Dosis-Wirkungs-Beziehung machen, da keine Angaben darüber vorliegen, wie lange die zu T0 gemessenen Belastungen andauerten.
Herr Dr. Matthias Nübling
FFAW: Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften FFAW GmbH
3

Hintergrund


Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung ist ein zentraler Bestandteil des Arbeits- und Gesundheitsschutzes. Wissenschaftlich fundierte Fragebogen stellen eine Methode dar, um valide, reliabel und zugleich ökonomisch die Belastungssituation zu überblicken, Belastungsschwerpunkte sowie besonders gefährdete Arbeitsplätze zu identifizieren. Anders als bei der Messung anderen Belastungsfaktoren gibt es bei psychischen Belastungen kaum Schwellenwerte (z.B. MAK), die einen verbindlichen Handlungsbedarf kennzeichnen. Ob konkrete Werte eines Fragebogens (z.B. 3.1 auf der Skala Zeitdruck) eine Gesundheitsgefährdung darstellen, wird kaum empirisch fundiert spezifiziert. Im vorliegenden Beitrag wird eine Studie zur Prüfung eines Ansatz zur Beurteilung von Fragebogenwerten vorgestellt und geprüft.

Methoden


Der Studie zugrunde lag ein Datensatzes aus unterschiedlichen Studien (ngesamt=4210) in dem die 20 psychischen Belastungsfaktoren des FGBU (Dettmers & Krause, 2020) gemeinsam mit einem Burnout Indikator erfasst wurden. Auf dieser Datengrundlage wurden logistische Regressionen mit Burnout (mindestens wöchentliche Symptome) als abhängige Variable und den einzelnen Belastungsfaktoren als Prädiktor durchgeführt.

Ergebnisse


Die Ergebnisse der logistischen Regression zeigen, dass sich das Risiko für Burnout in Abhängigkeit von den Fragebogenwerten zu den psychischen Belastungen verändert. Die Veränderung des Risikos ist spezifisch für jeden Belastungsfaktor, so dass das gleiche Burnoutrisiko durch unterschiedliche Ausprägungen der verschiedenen Belastungsfaktoren vorhergesagt wird.

Schlussfolgerung / Diskussion


Mit Hilfe des vorgestellten Ansatzes lassen sich die konkrete Werte auf Belastungsskalen von Fragebogen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung in Bezug setzen zu einem quantifizierbaren Gesundheitsrisiko. Dies erlaubt auch Laien eine kompetente Beurteilung von Fragebogenergebnissen, informierte Entscheidungen zu weitergehenden Maßnahmen sowie die Setzung von empirisch fundierten Schwellenwerten, die die Dringlichkeit von Maßnahmen kennzeichnen.

Referenzen

Dettmers, J., & Krause, A. (2020). Der Fragebogen zur
Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen (FGBU). Zeitschrift für
Arbeits-und Organisationspsychologie A&O.
Herr Prof. Dr. Jan Dettmers
FernUniversität in Hagen
4
Hintergrund
Für Beanspruchungsfragebögen, die personenbezogene Merkmale erfragen, sind kriteriumsbezogene Cut-Off-Werte häufig vorhanden und in der klinischen Diagnostik unerlässlich. Für die Bewertung von Arbeitsmerkmalen sind Cut-Off-Werte ebenfalls wünschenswert. Daher die Fragestellung: Lassen sich kriteriumsbezogene Cut-Off-Werte für die Arbeitsmerkmale Arbeitsintensität und Tätigkeitsspielraum finden, welche Beanspruchungsfolgen vorhersagen können?

Methode
Es wurden 801 objektive Arbeitsplatzanalysen durchgeführt, welche eine Unterteilung in gut und schlecht gestalteten Tätigkeitsspielraum sowie gut und schlecht gestaltete Arbeitsintensität nach DIN EN ISO 6385 (2016) ermöglichen. Anhand dieser Unterteilung wurden mit der Receiver-Operating-Characteristics-Analyse Cut-Off-Werte für den subjektiv-bedingungsbezogen Fragebogen zum Erleben von Arbeitsintensität und Tätigkeitsspielraum (FIT; Richter et al., 2000) ermittelt. Zur externen Validierung der Cut-Off-Werte wurde eine weitere Stichprobe von 1076 Arbeitenden mithilfe von Mann-Whitney-U-Tests auf Gruppenunterschiede hinsichtlich Beanspruchungsfolgen untersucht.

Ergebnisse
Für Tätigkeitsspielraum weisen Summenscores ≤ 22 und für Arbeitsintensität Summenscores ≥ 15 auf eine schlechte Gestaltung des jeweiligen Arbeitsmerkmals hin. Die externe Validierung zeigte, dass Arbeitende mit schlecht gestaltetem Tätigkeitsspielraum vital erschöpfter sowie weniger engagiert sind und Arbeitende mit schlecht gestalteter Arbeitsintensität eine höhere Erholungsunfähigkeit sowie vitale Erschöpfung aufweisen.

Schlussfolgerung
Limitationen. Die subjektive Arbeitsintensität weist eine stark personengebundene Komponente auf, die von interindividuellen Vergleichen und den jeweiligen Leistungsvoraussetzungen abhängt.
Implikationen. Durch diese Studie sind erstmalig für einen subjektiv-bedingungsbezogenen Fragebogen kriteriumsorientierte Cut-Off-Werte entwickelt wurden.
Relevanz. Für Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen existiert nun ein Fragebogen zur Abschätzung von psychischen Beanspruchungen anhand eines diagnostischen Urteils.

Referenzen

Mustapha, V. & Rau, R. (2019). Kriteriumsbezogene Cut-Off-Werte für Tätigkeitsspielraum und Arbeitsintensität - Eine Bestimmung und Evaluation. 
Diagnostica, 65 (3)
, 179–190
.
 
https://doi.org/10.1026/0012-1924/a000226
Herr Dr. Vincent Mustapha
Institut für Arbeitsgestaltung und Organisationsentwicklung INAGO – Dr. Schweden & Dr. Mustapha Partnerschaft Arbeits- & Organisationspsychologen Ludwig-Erhard-Straße 18 20459 Hamburg info@in-ago
5
Einleitung
Psychosoziale Arbeitsbedingungen zählen zu relevanten Einflussfaktoren für das Auftreten Depressiver Symptomatik [1]. Wissenschaftliche Befunde zu diesen Zusammenhängen sind damit für die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen relevant. Dabei ist nicht nur die Feststellung des quantitativen Zusammenhangs zwischen Arbeitsbedingungen und Depressiver Symptomatik von Interesse, sondern auch die Ermittlung von Cut-off-Werten aus Skalen, die der Klassifikation später auftretender Depressiver Symptomatik dienen können. Der vorliegende Beitrag zielt auf die Identifikation von Cut-off-Werten für Arbeitsbedingungen als Risikofaktoren Depressiver Symptomatik.

Methoden
Die Datenbasis ist die Studie zur mentalen Gesundheit bei der Arbeit (S-MGA). Es liegen Längsschnittdaten einer repräsentativen Ausgangsstichprobe von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zu zwei Messzeitpunkten (2011/12, n=4.511; 2017, n=2.637) vor [2, 3]. Diese umfassen unter anderem Daten zur Depressiven Symptomatik (PHQ-9) und zu diversen Arbeitsbedingungen (COPSOQ).
In die statistische Analyse fließen die aggregierten Daten der Skalen des COPSOQ und der Gesamtscore des PHQ-9 ein, der eine kategoriale Einteilung in drei Gruppen ermöglicht (keine Störung <5, leichte Störung 5 ≤10, mittlere bis schwere Störung ≤10) [4]. Einbezogene Arbeitsbedingungen sind die Anforderungen Arbeitstempo und Arbeitsmenge und die Ressourcen Einfluss bei der Arbeit, Entwicklungsmöglichkeiten, Kontrolle über die Arbeitszeit, Rollenklarheit und Führungsqualität [5]. Die Cut-off Werte für die Arbeitsbedingungen werden unter Verwendung von Receiver-Operating-Characteristics Analysen (ROC-Analyse) ermittelt [6]. Die Fläche unter der Kurve (AUC) gibt hierbei die Genauigkeit des Instruments bei der Klassifikation der PHQ-Gruppen in keine und leichte bzw. leichte und mittlere bis schwere Depressive Symptomatik an.

Ergebnisse
Zu prädiktiven Arbeitsanforderungen zählt die Arbeitsmenge [7]. Erste Regressionsanalysen führten zu einem Regressionskoeffizienten von ß=0.115 (p<0.001). In diesem Beitrag werden die Zusammenhänge weiterer Skalen und die Cut-off Werte für die Klassifikation Depressiver Symptomatik dargestellt.

Schlussfolgerung/Diskussion
Die ermittelten Cut-off Werte sind hilfreich, frühzeitig Gefährdungen durch psychosoziale Arbeitsbedingungen für ein späteres Auftreten einer Depressiven Symptomatik zu identifizieren. Dabei sollte eine Erstellung von Cut-off-Werten nicht auf Basis klinischer Stichproben, sondern anhand der Zielpopulation erfolgen.

Referenzen

[1] Theorell T. et al. (2015). "A systematic review
including meta-analysis of work environment and depressive symptoms." BMC
public health 15(1): 1-14.
[2] Lange S., Burr H., Rose U., Conway P.M. (2020). Workplace
bullying and depressive symptoms among employees in Germany: prospective
associations regarding severity and the role of the perpetrator. International
archives of occupational and environmental health(4):433-443
doi:10.1007/s00420-019-01492-7.
[3] Rose U. et al. (2017). The Study on Mental Health at
Work: Design and sampling. Scandinavian journal of public health 45(6):584-594
doi:10.1177/1403494817707123.
[4] Gräfe K.,
Zipfel S., Herzog W., Löwe B. (2004). Screening psychischer Störungen mit dem
"Gesundheitsfragebogen für Patienten (PHQ-D)". Ergebnisse der
deutschen Validierungsstudie. Diagnostica 50(4):10.
[5] Nübling M., Stößel U., Hasselhorn H.-M., Michaelis M.,
Hofmann F. (2006). Measuring psychological stress and strain at work - Evaluation
of the COPSOQ Questionnaire in Germany. Psycho-social medicine 3:Doc05.
[6] Guggenmoos-Holzmann I., Wernecke K. (1995). Spezielle Anwendungen II: Bewertung diagnostischer
Verfahren Medizinische Statistik. Berlin, Blackwell
Wissenschaftsverlag: 147-154.


[7] Burr H, Müller G, Rose U, et al. (2021). The
Demand-Control Model as a Predictor of Depressive Symptoms-Interaction and
Differential Subscale Effects: Prospective Analyses of 2212 German Employees. Int J Environ Res Public Health. 18(16):8328.
doi:10.3390/ijerph18168328.
Frau Ruth Schäfers
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Do
16 Mär
08:30 - 09:45
Vorträge
Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)
Raum: Hörsaal 4 / Zoom-Raum 4 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Andrea Kaifie-Pechmann und Susanne Völter-Mahlknecht
Beiträge:
1
Hintergrund
Die Modellaktion „Impfen im Betrieb“ zur Pandemiebekämpfung ist im Mai 2021 in Baden-Württemberg gestartet und wurde in 15 Modellbetrieben der kritischen Infrastruktur mit dem Einsatz von betriebsärztlichem Personal umgesetzt. In fünf dieser Betriebe konnte die Modellaktion im Zuge eines größeren Projekts [1] mittels standardisierter Befragung von Beschäftigten sowie Einzel- und Fokusgruppeninterviews mit verschiedenen Stakeholdern (betriebsärztliches Personal, Führungskräfte und Personen in Krisenstäben) evaluiert werden. Dieser Beitrag fokussiert auf die Darstellung zentraler Ergebnisse aus den qualitativen Einzelinterviews mit betriebsärztlichem Personal.
Methode
Die qualitativen Einzelinterviews mit dem betriebsärztlichen Personal fanden im Zeitraum von Oktober 2021 bis Januar 2022 statt. Der Fokus des Interviewleitfadens lag auf der Durchführung der Modellaktion und deren Erleben durch das betriebsärztliche Personal sowie auf den Auswirkungen auf den Arbeitsalltag. Das aufgenommene Interviewmaterial wurde transkribiert und anhand der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring [2] ausgewertet.
Ergebnisse
Insgesamt standen zehn Personen des betriebsärztlichen Personals für Einzelinterviews zur Verfügung. In den Interviews wurde über das Impfen im Modellprojekt, die Unterstützung von verschiedenen Akteuren und die wahrgenommene Resonanz der Zielgruppe gesprochen. Weitere zentrale Themen drehten sich um die generellen Vor- und Nachteile vom betriebsärztlichen Impfen, die Veränderung des Arbeitsalltags durch das betriebsärztliche Impfen im Zuge der COVID-19-Pandemie und der Diskussion und Ableitung möglicher Implikationen für das betriebsärztliche Personal.
Diskussion
Das betriebsärztliche Personal hat im Zuge der Modellaktion weitreichende Anstrengungen unternommen, die COVID-19-Schutzimpfungen durchzuführen. Insgesamt wurde von Seiten des betriebsärztlichen Personals ein positives Resümee zur Modellaktion gezogen, allerdings lassen sich hinsichtlich Unterstützungsbedarfe und Durchführung dieser Impfaktion Implikationen ableiten, die auch für zukünftige Impfkampagnen im betriebsärztlichen Setting relevant sein können.
Finanzierung
Die Studie wird im Rahmen des Forums Gesundheitsstandort Baden-Württemberg vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gefördert.

Referenzen

[1] Rind E, Kimpel K, Preiser C, Papenfuss F, Wagner A, Alsyte K et al. Adjusting working conditions and evaluating the risk of infection during the COVID-19 pandemic in different workplace settings in Germany: a study protocol for an explorative modular mixed methods approach. BMJ Open 2020. 10:e043908. doi: 10.1136/bmjopen-2020-043908.
[2] Mayring P. Qualitative Inhaltsanalyse Grundlagen und Techniken. 12 Auflage.Weinheim: Beltz, J; 2015.
Frau Dr. Anke Wagner
2

Einleitung

Der Einstieg in die Berufsausbildung stellt für viele Berufsanfänger:innen eine Herausforderung dar. Die Arbeitsanforderungen sind mit neuen physischen und psychischen Belastungen verbunden, die sich auf Gesundheitszustand und -verhalten auswirken können. Eine gute Gesundheitskompetenz soll dabei die eigenverantwortliche Gestaltung des Arbeitsalltags in Bezug auf Gesundheitsverhalten und- zustand unterstützen. In der vorliegenden Untersuchung sind Auszubildende von Beginn ihrer Ausbildung bis ins erste Berufsjahr monitoriert worden.

Methoden

Zu Ausbildungsbeginn (T0), Ausbildungsende (T2) sowie im ersten Berufsjahr (T3) sind Auszubildende aus verschiedenen Branchen (N=129) anhand eines Fragebogens befragt worden. Es wurden Informationen zur Gesundheitskompetenz (HLS-EU-Q16), zum Gesundheitsverhalten (Ernährung, Bewegung, Alkohol, Rauchen), zum Gesundheitszustand (subjektiver Gesundheitszustand, psychisches Wohlbefinden, BMI) sowie zur Arbeitszufriedenheit und Gedanken an Berufsaufgabe erhoben worden. Der Zusammenhang von Gesundheitskompetenz und den Indikatoren von Gesundheitsverhalten und –zustand ist im Querschnitt (T3) anhand multivariater Regressionsmodellen überprüft worden

Ergebnisse

Von 1569 Auszubildenden, die zu der Baseline Untersuchung teilgenommen haben, konnten 129 Teilnehmer:Innen über 4 Jahre verfolgt werden. Hinsichtlich des Gesundheitsverhaltens zeigten sich nur für riskanten Alkoholkonsum eine Veränderung, es konnte hier ein statistisch signifikanter Rückgang über die Zeit beobachtet werden (T0: 41%, T3: 30%, p=0,011). Der Mittelwert des BMI nahm statistisch signifikant zu (T0: 24,3, T3: 25,3, p<0,001), zum Zeitpunkt T3 gaben 17% einen schlechten subjektiven Gesundheitszustand und 42% ein geringes psychisches Wohlbefinden an. Es konnten statistisch signifikante Assoziationen zwischen Gesundheitskompetenz und subjektiven Gesundheitszustand bzw. psychischem Wohlbefinden beobachtet werden (OR: 3,0, 95-KI: 1,03-8,59 bzw. OR: 3,0, 95%-KI: 1,08-8,52). Für die Arbeitszufriedenheit konnte eine statistisch signifikante Reduktion beobachtet werden (T0: 73, T3:67, p<0,001) und Gedanken an eine Berufsaufgabe nahmen über die Zeit zu (T0: 12,4, T3: 19,5, p=0,037).

Schlussfolgerung / Diskussion

Die beobachteten Zusammenhänge von Gesundheitskompetenz und Gesundheit bei jungen Menschen sprechen für eine thematische Auseinandersetzung während des Ausbildungscurriculums. Unter den Berufsanfänger:Innen im ersten Berufsjahr konnte ein hoher Anteil mit geringem psychischem Wohlbefinden, geringer Arbeitszufriedenheit und einer hohen Ausprägung von Gedanken an Berufsaufgabe beobachtet werden. Anhand von qualitativen Untersuchungen sollten Gründe für diese Unzufriedenheiten herausgearbeitet werden.

Herr Peter Koch
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
3
Die ArbMedVV hat zum Ziel, durch Vorsorge arbeitsbedingte Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu verhüten, individuelle Beratung zu geben und die Beschäftigten zu allen Aspekten des betrieblichen Gesundheitsschutzes zu informieren. Mit der Novellierung 2019 wurde der ganzheitliche Aspekt der arbeitsmedizinischen Vorsorge gestärkt. So soll arbeitsmedizinische zu einem Termin zusammengefasst werden, wenn die Gefährdungsbeurteilung für die Tätigkeiten der Beschäftigten mehrere Vorsorgeanlässe ergibt. Außerdem sollen in die Arbeitsanamnese alle Arbeitsbedingungen und arbeitsbedingten Gefährdungen einfließen [1]. Anliegen der hier vorgestellten Befragung ist es, über Experteninterviews mit Stakeholdern Einschätzungen zur Umsetzung des in der ArbMedVV geforderten ganzheitlichen Ansatzes der arbeitsmedizinischen Vorsorge zu erhalten.

Es wurden 11 Experteninterviews [2] mit 14 Vertretern der Bänke des AfAMed geführt. Die Interviews dauerten 60 – 90 Minuten. Die leitfadengestützten Experteninterviews wurden transkribiert, mit MAXQDA codiert und inhaltlich analysiert [3]. Das Codesystem folgte den Fragen des Leitfadens mit seinen Teilaspekten (rechtliche Grundlagen, Erwartungen, Rahmenbedingungen, Umsetzung, Ergebnisse, Einflussfaktoren, Grenzen, Bedarfe, Praxistransfer, Priorisierung) sowie weiterführenden Antworten. Die Auswertung erfolgte qualitativ beschreibend.

Es wird deutlich, dass es erhebliche Mängel in der Umsetzung der ganzheitlichen arbeitsmedizinischen Vorsorge gibt. Gründe hierfür sind zum einen fehlende Kenntnis der Änderungen, sowohl auf AG-Seite, als auch als unter den Betriebsärztinnen und -ärzten. Zusätzlich spielte die Pandemie durch die Verdrängung anderer Themen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes, eine erhebliche Rolle. Die Expertinnen und Experten nehmen zudem große Unterschiede je nach Betriebsgröße und betriebsärztlicher Betreuung wahr. Großunternehmen mit eigenem Werksarzt handeln vielfach bereits ganzheitlich und bieten ihren Beschäftigten Angebote, welche über die gesetzlich vorgeschriebene arbeitsmedizinische Vorsorge hinausgehen. In Klein- und Kleinstunternehmen gibt es hingegen oftmals gar keine arbeitsmedizinische Betreuung und wenn, dann weiterhin klassisch anlassbezogene.

Die Experteninterviews legen nahe, dass der in der ArbMedVV formulierte ganzheitliche Ansatz der arbeitsmedizinischen Vorsorge in der Umsetzung stärker, beispielsweise durch Information, unterstützt werden muss. Hilfreich wird nach Ansicht der Experten der im AfAMed formulierte Entwurf einer AMR zur ganzheitlichen AMV sein.

Referenzen

[1]         ArbMedVV. Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge vom
18. Dezember 2008 (BGBl. I S. 2768), die zuletzt durch Artikel 1 der Verordnung
vom 12. Juli 2019 (BGBl. I S. 1082) geändert worden ist. BGBl 2019; I:1082.
https://www.gesetze-im-internet.de/arbmedvv/ArbMedVV.pdf (03.02.2022).



[2]         Bogner A, Littig B, Menz W. Das Experteninterview - Theorie,
Methode, Anwendung. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH; 2002.



[3]         Kuckartz U, Rädiker S. Fokussierte Interviewanalyse mit
MAXQDA - Schritt für Schritt. Wiesbaden: Springer VS; 2022.
Frau Dr. Solveig Aupers
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
4

Einleitung

Das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) umfasst verschiedene Angebote und Maßnahmen, die u. a. der Sicherung der Leistungsfähigkeit und der Verbesserung des Gesundheitszustands der Beschäftigten dienen. Ein wichtiges Kriterium bei der Planung von BGM-Maßnahmen stellt die Teilnahmebereitschaft der Mitarbeitenden dar. Daher soll untersucht werden, wie soziodemografische und erwerbsbezogene Merkmale das Interesse an Angeboten des BGM im Geschäftsbereich des BMVg beeinflussen.

Methoden

Für die Analyse liegen die Daten von rund 30.000 Beschäftigten vor, die in den Jahren 2017 bis 2021 an den Dienststellen des BMVg befragt wurden. Das Interesse an BGM-Angeboten wird über das Item „Ich plane fest, mich dauerhaft an möglichen Angeboten des BGM in der Bundeswehr zu beteiligen.“ gemessen. Der Zusammenhang zwischen der Teilnahmebereitschaft und den soziodemografischen und berufsbezogenen Merkmalen wird mittels binär-logistischer Regression untersucht.

Ergebnisse

Die Mehrheit der befragten Beschäftigten haben Interesse an Angeboten des BGM. Fast 70% planen fest, an Angeboten des BGM dauerhaft teilzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit eine Teilnahme an BGM-Maßnahmen zu planen, ist bei Frauen höher als bei Männern, bei über 30-Jährigen höher als bei unter 30-Jährigen und bei Beschäftigten, die in einer Partnerschaft leben, höher als bei Beschäftigten ohne festen Partner oder Partnerin. Eine Führungsposition und der Beschäftigungsumfang haben keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, die Teilnahme an BGM-Angeboten zu planen.

Schlussfolgerung / Diskussion

Die Ergebnisse zeigen, dass bestimmte soziodemografische und berufsbezogene Merkmale das Interesse an Angeboten des BGM beeinflussen. Vor diesem Hintergrund ist ein zielgruppenspezifisches BGM sinnvoll und notwendig. Zum einen sollten die Personengruppen angesprochen und verstärkt berücksichtigt werden, die eine geringere Wahrscheinlichkeit besitzen, eine Teilnahme an BGM-Maßnahmen zu planen. Zum anderen sollten auch für die Personengruppen, die eine Teilnahmebereitschaft aufweisen, passende Angebote bereitgestellt werden.
Frau Mareike Schlote
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
5

Einleitung

Vor allem Kleinst- und kleinere Unternehmen stehen beim Aufbau eines BGM vor großen Herausforderungen. Mögliche Unterstützungen hierzu sind Netzwerke. Im Zuge des Projekts „GAIT“ wurde 2017 ein Netzwerk mit insgesamt 32 KKMU und der Ausrichtung Arbeits-/Gesundheitsschutz sowie Aufbau eines BGMs gebildet. Bis Ende 2021 fanden 1x pro Quartal 2-stündige Netzwerktreffen inkl. Fachvorträge statt. Die Termine wurden jeweils kurzfristig gesucht. Ab 2022 wurde das Format verändert: die Treffen waren rein digital, 45 Min., mit dem Fokus auf Austausch. Spezifische Themen wurden auf separate AGn verlagert. Alle Termine wurden für das Jahr im Voraus festgelegt.
Ziel war es, herauszufinden, welches Format für die Unternehmen zielführender ist.​​​​​​

Methoden

Das urspr. Netzwerkformat wurden zu Beginn 2022 via Onlinebefragung (n=21) mit geschlossenen und offenen Items evaluiert. Die Evaluation des neuen Formats erfolgte im Spätsommer 2022 über leitfadengestützte Telefoninterviews (n=31). Beide Evaluationen beinhalteten u.a. Fragen bzgl. Teilnahme, Format, Stellenwert (inkl. Hindernisse) und Relevanz bzw. Attraktivität der Inhalte. Die Telefoninterviews beinhalteten zudem Fragen zum neuen Format.

Ergebnisse

In der Onlinebefragung wurden v.a. zeitliche und personelle Ressourcen als Hauptgründe der Nicht-Teilnahme angegeben (24%). 24% gaben an, sich den Termin einzurichten, weitere 24%, dass dies trotz Wichtigkeit nur ginge, wenn kein anderer wichtiger Termin dazwischenkommt. Rein digitale Treffen bevorzugen 38,5%. Über 52% bewerteten die Inhalte als attraktiv.
In den Telefoninterviews äußerten sich 52% über das neue Format positiv. Die Teilnahmequote pro Treffen blieb jedoch bei ca. 50%. Es zeigte sich deutlich, dass die Teilnahme meist nur an eine Person gekoppelt und aus personellen Gründen keine Vertretung machbar ist (50%). Zeitliche Ressourcen spielen eine große Rolle. Bezüglich der Inhalte gaben 13% an, dass sie keinen Mehrwert sahen und es zu branchenabhängig sei. Zudem wurden viele Themen zusammengetragen die inhaltlich von Interesse sind.

Schlussfolgerung / Diskussion

Bei beiden Formaten gab es überwiegend positive Resonanzen. Das neue Format verzeichnete allerdings auch keine sichtlich größere Teilnahmezahl, so dass ggf. andere Faktoren noch eine entscheidende Rolle bzgl. Teilnahme spielen, wie z.B. doch persönliche Treffen, inhaltlich exakte Ausrichtung oder Priorisierungen. Weitere Forschung bzgl. Formate, Beteiligung und Hindernisse geschieht bereits.
Herr Wolfgang Fischmann
Do
16 Mär
10:00 - 11:30
Vorträge
Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE)
Raum: Hörsaal 4 / Zoom-Raum 4 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Benjamin Steinhilber und Daniela Ohlendorf
Beiträge:
1
Die Digitalisierung der Arbeitswelt und die schnelle Entwicklung in der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) ermöglicht das ortsflexible Arbeiten an Bildschirmgeräten außerhalb der betrieblichen Arbeitsstätte, z. B. im häuslichen Bereich, im Zug oder am Flughafen. Fehlbelastungen der Augen oder des Muskel-Skelett-Systems gelten bei dieser Arbeit als mögliche gesundheitliche Gefährdungsfaktoren. Es ist unklar, inwieweit sich gesicherte Erkenntnisse zu Gefährdungen bei stationärer Bildschirmarbeit (BS-Arbeit) auf mobile BS-Arbeit übertragen lassen.
Daher wurde in einer systematischen Literaturrecherche der aktuelle Forschungsstand zum Einfluss mobiler BS-Arbeit auf die körperliche Gesundheit untersucht. Betrachtet wurden ergonomische Einflussfaktoren wie die Nutzung unterschiedlicher Geräte, die typischerweise in mobilen Arbeitssituationen verwendet werden (Laptop, Tablet, Smartphone), die Dauer der jeweiligen Nutzung, die Nutzerschnittstellen (Eingabe-/Ausgabemittel) oder Arbeitsumgebungsfaktoren wie Körperhaltung, Möbel oder Lichtverhältnisse. Der Fokus der gesundheitlichen Outcomes lag auf Risikofaktoren und Prävalenzen von muskuloskelettalen Beschwerden wie Schmerzen oder Erkrankungen sowie Beschwerden der Augen und des Sehvermögens.
Die systematische Literaturrecherche wurde mit Suchbegriffen zu IKT in Kombination mit der Arbeitsform und ergonomischen Fachbegriffen durchgeführt. Nur wissenschaftlich begutachtete Zeitschriftenaufsätze in deutscher und englischer Sprache wurden in einem mehrstufigen geblindeten Screeningverfahren eingeschlossen und auf mögliche Verzerrung hin überprüft. Es wurden 5 Übersichtsarbeiten und 16 Querschnittsstudien in die Übersichtsarbeit aufgenommen.
In diesem Beitrag wird exemplarisch das Tablet als eines der drei eingeschlossenen Arbeitsgeräte beleuchtet. Es wurden größere Abweichungen von der Neutralposition für verschiedene Körperregionen (u. a. HWS, Schulter, Ellenbogen, Hände) gefunden, wenn mit Tablet anstatt Desktop-PC oder Laptop gearbeitet wurde. Die Positionierung des Tablets in der Hand oder dem Schoß führte außerdem zu den größten HWS-Flexionswinkeln. Nach einer 60-minütigen Arbeitssession mit Tablet berichteten Arbeitende von erhöhtem Unwohlsein bzgl. der Handgelenke, Arme, Schultern, Nacken, des unteren und oberen Rückens sowie des Gesäßes.
Der Beitrag gibt Einblick in den Umfang und auch Lücken des Forschungsstandes, stellt Ergebnisse vor und gewährt Ausblick auf mögliche Handlungsempfehlungen.
Herr Dr. Konstantin Wechsler
Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e.V. (DGUV)
2

Einleitung

Die Gefährdungsbeurteilung körperlicher Belastung ist wichtig in der Prävention. Screening-Tools, wie die Leitmerkmalmethoden, sind etabliert, erfordern aber bereits erhöhten Aufwand. Basis-Tools sollen unterstützen zu erkennen, ob und welche Art der Belastung vorliegt und ob eine erhöhte Belastung wahrscheinlich ist. BAuA-Einstiegsscreening (ES) [1] und DGUV-Checkliste (CL) [2] gelten als Basis-Tools und sind untereinander harmonisiert.
Beide Verfahren werden in der AMR 13.2 zur orientierenden Beurteilung bereits genannt und im Arbeitspaket Muskel-Skelett-Belastung der 3. GDA-Periode [3] empfohlen. Daher sollten die Instrumente vor dem Einsatz in GDA hinsichtlich Anwendbarkeit (Logik- und Anwendungsfehler, Deckeneffekte) und Praktikabilität (Zeitbedarf, Erwartungskonformität) durch Experten geprüft werden.

Methoden

Die Pilotstudie beinhaltete die einmalige Anwendung der beiden Basis-Tools an einem konkreten Arbeitsplatz (AP) mit körperlicher Anforderung und die Bewertung der Tools durch Aufsichtspersonen der in GDA beteiligten Unfallversicherungsträger und Länder sowie Experten zweier arbeitsmedizinischer Facharbeitskreise. Die Formbögen der Tools sowie Feedback-Bögen wurden als PDF mit Formularfunktionen über das GDA-Büro an 9 GDA-Träger und 2 weiterer Arbeitskreise und von diesen weiter an 4 bis 5 Aufsichtspersonen bzw. Experten verschickt. Die Rückantworten erfolgten direkt und anonym an die NAK-Geschäftsstelle. Die Auswertung erfolgte deskriptiv. Qualitative Angaben wurden inhaltsanalytisch aufbereitet, codiert und deskriptiv beschrieben.

Ergebnisse

Insgesamt lagen 28 AP-Bewertungen mit dem ES und 24 mit der CL vor. Beteiligt waren Aufsichtspersonal (19), Fachexperten (3), GDA-Experten (2), Personalvertretungen (2) und Arbeitgeber (2). Erhöhte Belastungen durch körperliche Belastungsarten wurden mit dem ES und der CL mit relativ guter Übereinstimmung dokumentiert. Hinsichtlich Aufbau und Struktur, Inhalt, Erwartungskonformität und Praktikabilität wurden beide ähnlich und eher positiv bewertet. Hinweise und Anregungen (z.B. bzgl. fehlender Kriterien oder Anwendungseinschränkung z.B. in der Pflege) wurden gegeben

Schlussfolgerung / Diskussion

Das BAuA-Einstiegsscreening sowie die DGUV-Checkliste zur Bewertung körperlicher Belastung wurden hinsichtlich ihrer Praktikabilität durch Experten in ähnlicher Weise bestätigt. Die weitere Pilotierung mit Betriebspraktikern und Validierung der Instrumente ist im nächsten Schritt erforderlich.

Referenzen

[1] www.baua.de/lmm
[2]
publikationen.dguv.de/DguvWebcode?query=p208033



[3] Arbeitsprogramm
“Muskel-Skelett-Belastung” (AP MSB) der 3. Periode der Gemeinsamen Deutschen
Arbeitsschutzstrategie (Leitung: Jutta Lamers, BGW Hamburg), Teilarbeitspaket
Instrumente (Leitung: Ralf Schick, BGHW Mannheim), www.gda-bewegt.de
Herr Dr. med. Falk Liebers MSc.
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Studium Humanmedizin an der Humboldt-Universität zu Berlin (Charité) 1985-1991 Facharztausbildung und Promotion am Institut für Arbeitsmedizin der Charité (1991-1996) Facharzt für Arbeitsmedizin in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Berlin seit 1996 Master of Science in Epidemiology an der Berlin School of Public Health (Charité) 2015
3

Einleitung

Physische Belastungen in der Arbeitswelt stellen eine wesentliche Ursache für Arbeitsunfähigkeit dar. In der Studie wurde die Wirksamkeit eines Arbeitstechniktrainings hinsichtlich der Veränderung der Haltungs- und Bewegungsqualität bei Pflegekräften überprüft.

Methoden

Es wurde eine randomisierte kontrollierte Studie durchgeführt. Die Interventionsgruppen erhielten ein Arbeitstechniktraining, die Kontrollgruppe erhielt keine Intervention. Bei allen Proband*innen wurden Messungen der Körperhaltung/-bewegung und standardisierte Befragungen einmal zu Beginn und einmal zum Ende der Studie durchgeführt. Betrachtet wurde primär die Hilfe zum Transfer einer Person aus dem Pflegebett in den Rollstuhl und zurück, sowie das Umlagern im Bett. Die Beobachtungen wurden jeweils als Summenmaß der Rücken-, Knie- und Schulterbelastung aggregiert.

Ergebnisse

Die Studie startete Anfang März 2020 und wurde insbes. durch die COVID-19-Pandemie stark beeinträchtigt. In den Interventionsgruppen haben 15 von 48 Personen die zweite Beobachtung vollständig durchlaufen, in der Kontrollgruppe keine Person. Die relative Rückenbelastung betrug vor dem Arbeitstechniktraining im Median 5.339 gewichtete Grad-Sekunden pro Minute (°s/min) und danach 2.684 °s/min. Da die Durchführung dann 4-6-mal so lang dauerte, stieg die kumulative Belastung im Median von 12.632 °s auf 30.735 °s an. Entsprechendes zeigte sich für die Schulterbelastung. Die Belastung der Knie war sowohl relativ als auch kumulativ nach dem Training größer als zuvor.

Schlussfolgerung / Diskussion

Die untersuchten Interventionsmaßnahmen konnten nur bei einem Teil der Teilnehmer*innen durchgeführt werden. Trotz der Möglichkeit, die Trainings während der Arbeitszeit auszuführen und der Arbeitsplatznähe des Trainingsraums war die Teilnahmequote verhalten. Mit dem Arbeitstechniktraining war ein Rückgang der relativen Rücken- und Schulterbelastung verbunden, allerdings war eine deutliche Zunahme der Durchführungsdauer zu beobachten, so dass die kumulativen Belastungen pro Pflegehandlung zunahmen. Die Implementierung von Arbeitstechniktrainings in der Pflege scheint u.a. aufgrund des Zeitmangels wie auch unter den aktuellen Bedingungen im Pflegeberuf von überschaubarem Erfolg. Wirksame technische und organisatorische Maßnahmen sind zu treffen; personenbezogene Maßnahmen können diese ggf. ergänzen.

Hinweise: Die Studie wurde von der Techniker Krankenkasse finanziert und erhielt ein positives Votum der Ethikkommission der HAW Hamburg.
Herr Prof. Dr.-Ing. André Klußmann
Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg Fakultät Life Sciences / Department Gesundheitswissenschaften / Professur Arbeitswissenschaft
4

Einleitung

Die Pflege und der manuelle Transfer von Patienten oder pflegebedürftigen Bewohnern können zur Druckbelastung der Bandscheiben der Lendenwirbelsäule bei den Pflegenden führen. Diese hohen Druckbelastungen können das Risiko für Bandscheibenbedingte Erkrankungen erhöhen. Wir haben daher untersucht, ob bei weiblichen Pflegenden die im MRT festzustellenden Degenerationszeichen der Bandscheiben der LWS öfter auftreten als bei unbelasteten Frauen.​

Methoden

In den Unfallkrankenhäusern Berlin und Halle wurden Pflegekräfte und unbelastete Frauen mit MRT untersucht. Die Befunde wurden mittels eines standardisierten Befundbogens erfasst. Pro Bandscheibenfach der Lendenwirbelsäule wurden sieben Degenerationszeichen sowie die Bandscheibenhöhe erfasst. Die Pflegekräfte wurden aus Krankenhäusern und Altenpflegeinrichtungen und die Kontrollpersonen über die Einwohnermeldeämter in Berlin und Halle rekrutiert. Eingeschlossen wurden Frauen zwischen 40 und 65 Jahren. Die kumulative Druckbelastung der Bandscheiben während des Berufslebens wurde nach dem Mainz-Dortmunder-Dosismodell (MDD) erfasst. Die Datenauswertung erfolgt deskriptiv sowie mit Regressionsmodellen.

Ergebnisse

Es wurden 53 alters- und ortsgleiche Frauen in beiden Gruppen eingeschlossen. Die Responserate bei den Kontrollen betrug 24 %. Im Mittel bestanden bei ihnen 10 von 35 möglichen Degenerationszeichen. Bei den Pflegenden waren es 11,4. Die Anzahl der positiven Degenerationszeichen nahmen von unten nach oben ab und mit dem Alter zu. Ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen bestand nicht. Im Segment L4/L5 fanden sich bei Pflegekräften statistisch signifikant häufiger Osteochondrosen (37,7 % versus 15,1 %, p=0,015). Die kumulative Druckbelastung betrug bei der Mehrheit der Kontrollen (83 %) unter 5 MNh und bei etwa einem Drittel der Pflegenden über 35 MNh (Minimum bei den Pflegenden 10 MNh). In der linearen Regression stieg die Anzahl der Degenerationszeichen mit der Höhe der Exposition nach MDD (beta = 0,05). Bei kategorialer Betrachtung der Exposition zeigte sich dieser Zusammenhang nicht. Bei Pflegekräften waren häufiger Nachbar-Segmente von Höhenminderungen (<66 %) betroffen (26,4 % versus 9,6%, p=0,03).

Schlussfolgerung / Diskussion

Degenerationszeichen der Bandscheiben der LWS im MRT sind häufig. Unterschiede zwischen Pflegenden und Kontrollen zeigen sich in unsere Studie nur im geringen Maße. Möglicherweise gab es Verzerrungen bei der Rekrutierung der Kontrollen, da die Responserate gering war.
Herr Prof. Dr. med. Albert Nienhaus
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Facharzt für Arbeitsmedizin, MPH, Leiter des Fachbereichs Gesundheitsschutz und Forschungsbeauftragter der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) seit 2000. Venia legendi in Gesundheitswissenschaften, Schwerpunkt betriebliche Gesundheitsförderung an der Universität Bremen in 2007, Universitätsprofessur für Epidemiologie und Versorgungsforschung in Pflegeberufen seit 2010
5
In Deutschland leidet 5 - 10 % der Bevölkerung unter einem Karpaltunnelsyndrom (CTS). In Berufen mit repetitiven Tätigkeiten der Handgelenke, Tätigkeiten mit hohem Kraftaufwand sowie Hand-Arm-Schwingungen liegt die CTS-Prävalenz um ein wesentliches höher. Exemplarisch beträgt die CTS-Prävalenz bei Friseurinnen 74 % [1]. In der Dialyse bilden die täglichen Auf- und Abrüstvorgänge der Dialysegeräte eine besondere Belastung für die Hand- und Fingergelenke der Pflegekräfte. Dabei wird ein Schlauchsystem durch verschiedene Druck- und Schraubverbindungen mit dem Dialysegerät und dem Patienten verbunden. Ein Zusammenhang zwischen den Arbeitstätigkeiten von Dialysepflegekräften und dem Auftreten eines CTS ist jedoch noch nicht ausreichend belegt. Ziel der Studie ist die Untersuchung der Prävalenz des CTS sowie typischer CTS-Beschwerden bei Dialysepflegekräften in Deutschland.

Es wird eine Online-Umfrage zur Erhebung der CTS-Prävalenz und der CTS-Beschwerden bei Dialysepflegekräften in Deutschland erstellt. Die demographischen Daten der Teilnehmer*innen werden erfasst. Die Prävalenz muskuloskelettaler Beschwerden in den Händen und Handgelenken wird mit dem Nordischen Fragebogen zu Muskel-Skelett-Beschwerden (NFB*MSB, [2]) erfasst. Bei vorliegenden Muskel-Skelett-Beschwerden in den Händen und Handgelenken füllen die Teilnehmer*innen den Fragebogen Boston Carpal Tunnel Questionnaire (BCTQ, [3]) aus.

An der Umfrage haben 60 Dialysepflegekräfte teilgenommen (8 Männer, 52 Frauen, Alter: 46 ± 12 Jahre). 68 % der Dialysepflegekräfte wiesen in den letzten 12 Monaten Beschwerden in den Händen oder Handgelenken auf (n = 41), 18 % fast täglich (n = 11). Bei 68 % der Dialysepflegekräfte führten die Beschwerden zu einer eingeschränkten Ausführung ihrer Arbeitstätigkeit (n = 28). Die Schwere der Beschwerden belief sich im BCTQ auf 2.1 ± 0.9. Die Diagnose CTS erhielten bereits 23 % der Dialysepflegekräfte (n = 14).

Die Ergebnisse der Online-Umfrage zeigen eine erhöhte Prävalenz des CTS bei Dialysepflegekräften im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Die Schwere der Symptome ist nach Keilani et al. [3] als mild einzustufen. Dennoch erfahren 2 von 3 Dialysepflegekräften Einschränkungen in ihrer Arbeitstätigkeit, sodass es geeigneter Präventionsmaßnahmen zur Reduktion von Hand- und Handgelenkbelastungen in der Dialyse bedarf.

Referenzen

[1]

Demiryurek BE, Aksoy Gündoğdu A. Prevalence of carpal tunnel syndrome and
its correlation with pain amongst female hairdressers. International journal of occupational
medicine and environmental health, 31(3),
333–339. 2018. https://doi.org/10.13075/ijomeh.1896.01068.
[2] Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Nordischer
Fragebogen zu Muskel-Skelett-Beschwerden (NFB*MSB) Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. 2021. Dortmund. https://doi.org/10.21934/baua:praxis20200701 .
[3] Keilani M, Pernicka E, Paternostro-Sluga T,
Sycha T, Schett G, Pieber K et al. Übersetzung und Validierung des „Boston Carpal Tunnel
Syndrome Questionnaire” zum Einsatz bei deutschsprachigen Patienten. Physikalische
Medizin, Rehabilitationsmedizin, Kurortmedizin, 18(3), 136–144. 2008. https://doi.org/10.1055/s-2007-1004550.
Frau Elisabeth Ibenthal
FH Münster
6

Einleitung

Berufskrankheit Koxarthrose (BK 201 2016) ist seit 2019 durch ÄSB beim BMAS empfohlen, eine Begutachtungsempfehlung gibt es bislang nicht.

Methoden

Bildung einer interdisziplinären Arbeitsgruppe (Unfallchirurgie/Orthopädie, Radiologie und Arbeitsmedizin) auf Initiative der FGIMB mit nachfolgender Konsensbildung innerhalb der Mitglieder der Gesellschaft (n = 224). Abstimmungsergebnis:[%]

Ergebnisse

Kriterien der Leitlinien aufgrund der besonderen Wertigkeit subjektiver Beschwerdeangaben (Schmerzen) sind nur bedingt brauchbar (98,9 %). Klinische Kriterien sind Einschränkungen der Beweglichkeit (vor allem Innenrotation), Gangstörung, reduzierte Gehstrecke und positives Drehmann-Zeichen bzw. Thomas-Test, jedoch nicht Kapselschwellung/Gelenkerguss (93,1 %). Erforderliche HTA ist Vollbeweis der Erkrankung (74,2 %). Die Arthroseklassifikation nach Kellgren-Lawrence mit einem Schweregrad II oder höher gilt als Vollbeweis der Erkrankung (85,1 %). Dabei sind zu fordern: femorale Osteophyten >2 mm (89,4 %) und eine Gelenkspaltverschmälerung <2 mm an 3 verschiedenen Messpunkten (87,4 %). Osteophyten des Acetabulums sind unsicher (94,1 %).
Für die BK Koxarthrose gibt es keine Kenntnisse über ein belastungskonformes Schadensbild (96,5 %).
Nur eine beidseitige Erkrankung (abgesehen von besondren Expositionsermittlungen) entspricht dem Krankheitsbild der BK 2116 (75,6 %).
Mit zunehmenden Alter wird eine berufliche Verursachung immer unwahrscheinlicher, je älter der Versicherte ist. Allerdings schließt auch ein höheres Lebensalter keineswegs die Möglichkeit einer beruflich bedingten Coxarthrose grundsätzlich aus (100%). Eine BK wird 5 Jahre nach Ende der Exposition zunehmend unwahrscheinlich (94,3 %).
Fehlstellungen im Gelenk stören den sphärischen Lauf der Gelenkflächen (präarthrotische Deformierungen) sind immer als wesentliche konkurrierende Ursachenfaktoren zu betrachten: Cam-Deformierung mit Alpha-Winkel >60° (89,2 %); Hüftdysplasie BCE-Winkel <20° (96,6 %). Daraus ergeben sich verschiedene Befundkonstellationen, die jeweils im Einzelfall abzuwägen sind. Isoliertes Pincer- Impingement bzw. Coxa profunda sind dagegen schwache konkurrierende Faktoren (50,5 %).
MdE-Empfehlung erfolgt entsprechend der Erfahrungswerte (97,6 %).

Schlussfolgerung / Diskussion

Inwieweit sich diese Empfehlung allgemein durchsetzen wird, wird die Praxis zeigen.
Herr Prof. Dr. med. habil. Gunter Spahn
Praxisklinik für Unfallchirurgie und Orthopädie Eisenach. Universitätsklinikum Jena
Do
16 Mär
08:30 - 10:00
Vorträge
Psychische Belastung und Beanspruchung I
Raum: Hörsaal 7 / Zoom-Raum 7 (Standort: 1. OG / online)
Vorsitz: Steffi Kreuzfeld
Beiträge:
1

Einleitung

In der Phase des Studiums gibt es verschiedene Anforderungen, mit denen die Studierenden konfrontiert werden. Besonders das Medizinstudium stellt Studierende vor Herausforderungen, die zu psychischer Belastung und Beanspruchung führen können. Einen möglichen Einflussfaktor stellt dabei der Aufbau des Studiums dar. Das Projekt Studimeter dient dazu, die psychische Belastung und Beanspruchung Studierender in unterschiedlichen Regionen und unterschiedlichen Studiengangsstrukturen abzubilden und zu vergleichen. Hierfür wurden Medizinstudierende der Universitäten Erlangen-Nürnberg (FAU) und der Charité Universitätsmedizin (Charité) befragt, die sich im Regelstudiengang (FAU) resp. dem Modellstudiengang der Humanmedizin (Charité) befinden.​​

Methoden

Per Online-Fragebogen wurden zum Ende des Wintersemesters 2021/22 an der FAU (n=145) und der Charité (n=412) die Studierenden der Humanmedizin befragt. Die Befragung beinhaltete u.a. die Anforderungen im Studium und mögliche Beanspruchungsfolgen mit dem Fokus auf Schlafstörungen und deren Folgen. Die Ergebnisse wurden zunächst deskriptiv ausgewertet.​​​​

Ergebnisse

Hinsichtlich der Anforderungen im Studium fiel den Studierenden beider Gruppen die Lernaktivität am schwersten. Lediglich bei der Verknüpfung von Studium und Praxis gab es deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen, diese fiel den Studierenden im Modellstudiengang der Charité leichter. Hinsichtlich auftretender Schlafstörungen haben 24% der Medizinstudierenden der FAU und 32% der Charité an, oft oder sehr oft Schwierigkeiten beim Einzuschlafen zu haben. Ein etwas geringerer Anteil gab dies auch für Schwierigkeiten, durchzuschlafen an (FAU: 21%; Charité: 25%). Als Folgen der Schlafschwierigkeiten wurden in beiden Gruppen überwiegend eine gestörte Konzentration sowie Erschöpfung und Schläfrigkeit genannt, seltener eine Verminderung der sozialen Kontakte.​​​​​​

Schlussfolgerung / Diskussion

Da der Modellstudiengang an der Charité einen stärkeren Praxisbezug beinhaltet, ist die bessere Verknüpfung von Studium und Praxis in dieser Gruppe plausibel. Der hohe Anteil an Nennungen zu Schlafschwierigkeiten und damit verbundene Einschränkungen der Leistungsfähigkeit stellen potentielle Hürden für gute Konzentrationsfähigkeit und optimale Studienleistungen der Studierenden beider Gruppen dar. Perspektivisch bedeutet dies, dass sich z.B. Maßnahmen der Ressourcenstärkung hinsichtlich einer gesunden Schlafhygiene unabhängig vom Aufbau des Studiums entwickeln und anbieten ließen.
Frau Amanda Voss
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
2

Einleitung

Studierende weltweit weisen hohe Prävalenzraten psychischer Erkrankungen auf (1,2). Verschiedene Stressmodelle (z.B. Anforderungs-Ressourcen Modell) vermuten einen Stressoreffekt – Stressoren sind demnach verbunden mit Beanspruchung. In jüngsten Studien wurden diese Modelle herausgefordert, indem aufgezeigt wurde, dass Beanspruchungseffekte teilweise größer als Stressoreffekte sein können (3). Das Ziel der vorliegenden Studie unter Studierenden war es, reziproke Stressor- und Beanspruchungseffeke unter der Berücksichtigung von Moderatoren zu untersuchen.

Methoden

Eine Panel-Studie mit zwei Erhebungszeitpunkten unter 264 Studierenden wurde im Jahr 2020 und ein Jahr später 2021 durchgeführt. Mittels separater Cross-Lagged-Panel Pfadanalysen wurden jeweils vier Gesundheitsoutcomes (Emotionale Erschöpfung, Depression, Angst, Wohlbefinden) in Kombination mit jeweils einem Stressor (Arbeitsumfang und – komplexität) untersucht. Zudem wurden weitere Cross-Lagged Pfadanalysen unter Berücksichtigung von sozialer Unterstützung und Achtsamkeit als potentielle Moderatoren durchgeführt.

Ergebnisse

Die Cross-Lagged Pfadanalysen zeigten teilweise signifikante Stressoreffekte (Arbeitsumfang & -komplexität > emotionale Erschöpfung; Arbeitskomplexität > Wohlbefinden) und Beanspruchungseffekte (Depression/Angst > Arbeitsumfang; Angst > Arbeitskomplexität). Soziale Unterstützung moderierte den Beanspruchungseffekt von emotionaler Erschöpfung auf Arbeitsumfang.

Schlussfolgerung / Diskussion

Die vorliegende Studie liefert einen wichtigen theoretischen Beitrag, um die Annahmen geläufiger Stressmodelle zu hinterfragen, indem sie Stress- und Beanspruchungseffekte bei Studierenden simultan untersuchte. Im Hinblick auf praktische Implikationen weisen die Ergebnisse auf die Notwendigkeit hin, weitreichende Effekte bereits psychisch belasteter Studierender zu minimieren sowie den gesundheitsförderlichen Umgang mit Stressoren im Studium zu adressieren.

Referenzen

Aristovnik
A, Keržič D, Ravšelj D, Tomaževič N, Umek L. Impacts of the COVID-19 Pandemic
on Life of Higher Education Students: A Global Perspective. Sustainability
2020; 12(20):8438. doi: 10.3390/su12208438.Lai AY-K,
Lee L, Wang M-P, Feng Y, Lai TT-K, Ho L-M et al. Mental Health Impacts of the
COVID-19 Pandemic on International University Students, Related Stressors, and
Coping Strategies. Front
Psychiatry 2020; 11:584240. doi: 10.3389/fpsyt.2020.584240.Guthier C, Dormann C, Voelkle MC. Reciprocal effects between job stressors and burnout:
A continuous time meta-analysis of longitudinal studies. Psychol
Bull 2020; 146(12):1146–73. doi: 10.1037/bul0000304.
Frau Jennifer L. Reichel
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
3
Medizinstudierende weisen eine hohe Stressbelastung auf, die unter anderem auf Stressoren im Studium zurückzuführen ist. Die Konzentration von Kortisol im Haar (HKK) wird als physiologischer Marker für chronischen Stress untersucht und könnte dazu beitragen, Studienbedingungen zu identifizieren, die für langfristige physiologische Stressreaktionen verantwortlich sind. In dieser Studie wurde daher der Zusammenhang zwischen Studienbedingungen und HKK bei Medizinstudierenden in Deutschland untersucht.

Die Medizinstudierenden (n=55), die sich innerhalb des zweiten und neunten Semesters an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf befanden, füllten einen papierbasierten Fragebogen aus und ließen sich zwischen Mai 2020 und Juli 2021 Haarproben mit einer Mindestlänge von zwei Zentimetern entnehmen. Die Bestimmung der HKK erfolgte anhand eines Cortisol-Lumineszenz-Immunoassay. Studienbedingungen wurden zum einen mit einem Fragebogen zu strukturellen Belastungen und Ressourcen im Medizinstudium im Rahmen des Anforderungs-Kontroll-Modells (StrukStud, 25 Items) und zum anderen mit einer studentischen Version des Modells der beruflichen Gratifikationskrisen (Student ERI, neun Items) erfasst. Um die Assoziation zwischen Studienbedingungen und HKK zu untersuchen, wurden lineare multiple Regressionsanalysen mit einer Adjustierung für Alter und Geschlecht durchgeführt.

Separate Regressionsanalysen zeigten eine signifikante positive Assoziation zwischen berichteten erhöhten Anforderungen im Medizinstudium (B=0,23, p=0,002), erhöhten Bemühungen (B=0,12, p=0,029), einem Ungleichgewicht zwischen Bemühungen und Belohnungen nach dem Modell der beruflichen Gratifikationskrisen (B=0,28, p=0,007) und HKK. Eine Betrachtung des Gesamtkonstruktes des Anforderungs-Kontroll-Modells zeigte eine signifikante positive Assoziation zwischen Anforderungen und HKK (B=0,22, p=0,003).

Längsschnittstudien könnten Auswirkungen von länger anhaltendem Stress aufgrund von ungünstigen Studienbedingungen näher untersuchen. Diese Studie zeigt, dass ungünstige Studienbedingungen im Medizinstudium mit erhöhter Haarkortisolkonzentration einhergehen können.
Frau Meike Heming
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin. Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
4

Einleitung

Digitalisierung und Vernetzung, d.h. die Einbindung menschlicher Arbeit in komplexe digital vernetzte Systeme, die multiple Akteure, Arbeitsbereiche und Geschäfts-Prozesse miteinander verbinden, stellen hohe mentale Anforderungen. Sie induzieren durch ihre Dynamik oftmals gleichbleibend hohe Leistungsintensität über den Arbeitstag, bei gleichzeitiger Notwendigkeit wenig unterscheidbare, gleichförmig präsentierte Information zu nutzen. Im Rahmen des LedivA-Projekts wurde explorativ untersucht, inwieweit sich derartige Bedingungen auf verschiedene kognitive Leistungsbereiche auswirken.

Methoden

Beschäftigte wurden zu Beginn und zu Ende eines normalen Arbeitstages hinsichtlich verschiedener basaler kognitiver Leistungsbereiche getestet (Konzentrationsfähigkeit (d2), Kurzzeitgedächtnis (Corsi block-tapping), Exekutivkontrolle (Stroop), Psychomotorik (Labyrinthtest), Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit (ZVT)). Über den Tag wurden für digital vernetzte Arbeit spezifische Belastungen erfragt (u.a. Erhalt digitaler Information, Parallelität). Moderations- und Simple Slopes Analysen erfolgten mit einem regressionsanalytischen Design kontrolliert für Alter und Testvorerfahrung.

Ergebnisse

43 Beschäftigte aus 3 KMU nahmen an der Studie teil (22 Männer, Alter: 43.1±11.7 Jahre). Für Konzentrationsleistung (KL) und Exekutivkontrolle (EK) wurde die Veränderung über den Arbeitstag von Variablen mit engem Zusammenhang zu digital vernetzter Arbeit moderiert: Erhalt digitaler Informationen (KL: R2=.909***, β=.641***; EK: R2=.240+, β=.638+), zeitliche Anforderungen (KL: R2=.918***, β=-.766***), parallele Bearbeitung verschiedener Aufgaben (KL: R2=.911***, β=-.811***) und Bearbeitung verschiedenster Themenbereiche (EK: R2=.221+, β=.990+). Simple Slope Analysen zeigten durchgängig, dass höhere Ausprägungen des Moderators über den Tag zu einer Verringerung des Lern-/Übungseffekt z.T. bis zu seinem völligem Fehlen führten (z.B. EK: Steigung wenig digitale Information .564, T=3.06**, viel digitale Information -.136, T=0.50 n.s.).

Schlussfolgerung / Diskussion

Die Ergebnisse dieser explorativen Studie geben erste Hinweise darauf, dass Merkmale digital vernetzter Arbeit störend auf zwei Schlüsselfunktionen kognitiver Leistungsfähigkeit (Konzentration und Exekutivkontrolle) einwirken könnten. Ob dies längerfristig regenerier- oder kompensierbar ist oder in Folge sogar weitere Funktionen (z.B. Arbeitsgedächtnis) betroffen sein könnten, wird vor dem Hintergrund einer potenziellen mentalen Dauerleistungsgrenze diskutiert.
Frau Prof. Dr. Britta Herbig
LMU Klinikum, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
5
Background
Working conditions in the age of digitalization bear risks for chronic stress exposure and eventually development of burnout. Analysis of hair cortisol concentration (HCC) is increasingly used to capture cumulative cortisol secretion. However, prospective studies including repeated measurements of work stress and HCC are scarce. Therefore, we aimed at assessing associations of changes in (digital) work stressors, burnout, and HCC.

Methods
N=94 (75 females, Mage=29.68 years) eligible hospital employees reported on job strain (work overload, job control), digital work stressors (work interruptions, multitasking), burnout symptoms (exhaustion, mental distance), relevant confounders (sociodemographic, health- and employment-related characteristics), and provided hair samples at baseline and 6 months later. We calculated change scores and multivariate linear regressions.

Results
Burnout increased significantly (MT1=1.96, MT2=2.16), while HCC decreased (MT1=9.45; MT2=5.28; pg/mg) over time. We found effects of work overload on burnout (β=0.42, p<.001), but none of job control. Moreover, work interruptions and multitasking were associated with burnout (β=0.40, β=0.44, p<.001), also after additionally adjusting for work overload. Work interruptions were further associated with HCC (β=0.20, p=.036), while no associations of the other predictors with HCC were observed. There were no linear relationships between burnout and HCC.

Conclusion
This study extends the limited evidence base on prospective associations between workplace stress and HCC. To our knowledge, for the first time, a link of a digital work stressor with HCC was revealed. Future research however, ought to replicate observed effects in other occupational samples and scrutinize potential non-linear associations of burnout and HCC.
Frau Helena Kaltenegger
6
Background. Rumination about work can prolong work-related mental effort beyond working hours, thereby impair recovery from stress and thus lead to long-term health impairments. Growing evidence suggests a link between rumination and stress-related physiological activation of the hypothalamic-pituitary-adrenal axis and the sympathetic nervous system (Brosschot et al. 2010; Ottaviani et al. 2016). An open question remains, how different types of perseverative cognition affect these regulatory processes. The present study therefore examines the extent to which affective rumination and problem-solving pondering may alter psychological and cardiovascular recovery from acute psychosocial stress relative to a control group.

Methods. In an ongoing randomized double-blinded laboratory experiment, n = 52 subjects completed the Trier Social Stress Test (TSST) for inducing psycho-biological stress responses (Labuschagne et al. 2019). Subjects were then instructed to engage in affective rumination or problem-solving pondering about the TSST, or to engage in cognition about neutral issues. Cardiovascular (heart rate variability) and psychological (mood) stress responses were measured.

Results. Relative to the control group, valence (B = -0.51, p = 0.07) and calmness (B = -0.74, p = 0.01) significantly decreased in the affective rumination group, but not in the problem-solving pondering group. Affective rumination significantly decreased heart rate variability, as indicated by changes in high frequency range (B = -507.76, p = 0.01) and RMSSD (B = -6.84, p = 0.07), whereas significant changes in the problem-solving pondering group were significant in the high frequency range (B = -438.53, p = 0.03) but not in RMSSD (B = -4.17, p = 0.28).

Discussion. Preliminary results of this ongoing study add to the understanding of the differential mechanisms by which different types of perseverative cognition affect individual recovery processes and highlight the complex interaction of psychological and physiological processes in coping with stress. Knowledge of these processes is an important prerequisite for understanding the mechanism by which work-related stress impairs individuals` recovery.

Referenzen

Brosschot, Jos F.; Verkuil, Bart;
Thayer, Julian F. (2010): Conscious and unconscious perseverative cognition:
is a large part of prolonged physiological activity due to unconscious stress?
In: Journal of psychosomatic research 69
(4), S. 407–416. DOI: 10.1016/j.jpsychores.2010.02.002 .
Labuschagne, Izelle; Grace, Caitlin;
Rendell, Peter; Terrett, Gill; Heinrichs, Markus (2019): An introductory guide
to conducting the Trier Social Stress Test. In: Neuroscience
and biobehavioral reviews 107, S. 686–695. DOI:
10.1016/j.neubiorev.2019.09.032 .
Ottaviani, Cristina; Thayer, Julian F.;
Verkuil, Bart; Lonigro, Antonia; Medea, Barbara; Couyoumdjian, Alessandro;
Brosschot, Jos F. (2016): Physiological concomitants of perseverative
cognition: A systematic review and meta-analysis. In: Psychological bulletin 142 (3), S. 231–259. DOI:
10.1037/bul0000036 .
Herr Roman Pauli
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Uniklinik RWTH Aachen
Do
16 Mär
08:30 - 09:45
Vorträge
Biomonitoring
Raum: Hörsaal 5 / Zoom-Raum 5 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Stefan Rakete und Wobbeke Weistenhöfer
Beiträge:
1
Durch den Einsatz von 2,4-Dichlorbenzoylperoxid als Radikalstarter bei der Herstellung von Silikongummi kann es bei Arbeitern in der Produktion zu Expositionen gegenüber dem Lösungsmittel 1,3-Dichlorbenzol kommen. In Vorarbeiten konnten wir durch den spezifischen Nachweis von 1,3-Dichlorbenzol-Metaboliten eine substantielle Belastung im Nach-Schicht-Urin von Arbeitern zeigen. Die Beurteilung dieser Belastung wurde durch die Tatsache erschwert, dass für 1,3-Dichlorbenzol trotz des MAK-Werts von 2 ppm kein entsprechender BAT-Wert existiert. Deshalb war es das Ziel dieser Untersuchung, eine Humanstudie zur inhalativen Aufnahme und Kinetik von 1,3-Dichlorbenzol und seinen Metaboliten durchzuführen, um so eine Basis zur Ableitung eines entsprechenden BAT-Werts zu bilden.
In der Aachener Arbeitsplatz-Simulationsanlage wurden insgesamt n=10 männliche Probanden (23-36 Jahre) im Abstand von jeweils 1 Woche einmalig für 2 x 3 Stunden pro Tag gegenüber 0,7 ppm und 1,5 ppm 1,3-Dichlorbenzol exponiert. In einer dritten Untersuchung wurden die Probanden unter Tragen einer geeigneten Filtermaske ebenso gegenüber 1,5 ppm 1,3-Dichlorbenzol exponiert, um eine mögliche Aufnahme von 1,3-Dichlorbenzol über die Haut abzuklären. Nach jeweils 3 bzw. 6 h Exposition wurde eine Vollblutprobe zur Analyse von 1,3-Dichlorbenzol im Blut entnommen. Ferner wurde jeweils eine Urinprobe vor Exposition sowie alle Urinproben innerhalb von 24 h nach Beginn der Exposition gesammelt. In den Urinproben wurde mittels eines LC/MS/MS-Verfahrens 3,5-Dichlorkatechol, 3,5-Dichlorphenol und 2,4-Dichlorphenol als Metabolite des 1,3-Dichlorbenzols quantifiziert.
Es zeigten sich für alle untersuchten Parameter klare Beziehungen zwischen äußerer und innerer Exposition. Die mittlere Konzentration von 1,3-Dichlorbenzol im Vollblut nach Exposition gegenüber 0,7 und 1,5 ppm lag bei 5,1 ± 1,2 µg/L bzw. 9,3 ± 1,4 µg/L. Die Ausscheidungsmaxima nach Ende der Exposition für 3,5-Dichlorkatechol, 2,4-Dichlorphenol und 3,5-Dichlorkatechol lagen im Mittel jeweils bei 5,2 ±0,7 mg/g Krea, 1,5 ± 0,35 mg/g Krea und 70±10 µg/g Krea für 0,7 ppm und 12,0±3 mg/g Krea, 3,5±1,1mg/g Krea und 173±53 µg/g Krea für 1.5 ppm. Die Verwendung der Filtermasken reduzierte die innere Exposition der Probanden um ca. 85 – 90 %.
Die hier vorgestellte Humanstudie bildet eine hervorragende Basis zur Ableitung eines BAT-Werts für 1,3-Dichlorbenzol. Nach Extrapolation der Daten schlagen wir einen BAT-Wert von 16 µg/L Vollblut bzw. 21,6 mg/g Kreatinin 3,5-DCK bzw. 6,3 oder 0,32 mg/g Kreatinin für 2,4- und 3,5-DCP vor.
Herr Dr. rer. nat. Thomas Schettgen
RWTH Aachen
2
Einleitung: Beschäftigte an Arbeitsplätzen in Kokereien, insbesondere am Koksofen, sind gegenüber krebserzeugenden (u.a. Lungenkrebs) polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) exponiert. PAK können am Koksofen sowohl inhalativ wie auch dermal aufgenommen werden, so dass das Humanbiomonitoring das Mittel der Wahl zur Bestimmung der Exposition darstellt.
Methode: Bei insgesamt 20 Beschäftigten an allen fünf deutschen Kokereien wurde die aufgenommene Menge an PAK in Form des 1-Hydroxypyren (1-OHP) im Urin mittels Humanbiomonitoring bestimmt. Dabei wurden jeweils vier Arbeitsplätze (je 2 Ofendecke und Ofenseite) an sechs aufeinanderfolgenden Tagen sowohl vor als auch nach der Schicht untersucht. Tätigkeiten auf der Ofendecke fanden unter Frischluftbedingungen (Air-Stream-Helme) statt.
Ergebnisse: Der Vergleich der 1-OHP-Medianwerte zwischen Schichtbeginn und -ende zeigte eine Verdoppelung der inneren Dosis (1,36 vs. 2,84 µg/g Kreatinin) mit einem breiten Streubereich. Der Interquartilabstand betrug vor der Schicht 3,26 µg/g Kreatinin bzw. nach der Schicht 6,33 µg/g Kreatinin. Die 1-OHP-Konzentration lag dabei vor der Schicht zwischen 0,07 und 92,5 µg/g Kreatinin und nach der Schicht zwischen 0,23 und 80,7 µg/g Kreatinin. Unterschiede zeigten sich noch deutlicher zwischen den Arbeitsplätzen. So lagen die Konzentrationen nach der Schicht bei Beschäftigten der Ofendecke ca. 4-fach oberhalb derjenigen von Beschäftigten auf der Ofenseite (7,13 vs. 1,68 µg/g Kreatinin). Einzelne Beschäftigte zeigten in Abhängigkeit von der Höhe der Exposition auch einen Anstieg bzw. eine Plateaubildung der 1-OHP-Konzentration im Verlauf der Arbeitswoche.
Schlussfolgerungen: Die Untersuchungen verdeutlichen insbesondere die Bedeutung der Hautaufnahme von PAK (u.a. auch bei Tätigkeiten unter Frischluftbedingungen auf der Ofendecke) und damit die Wichtigkeit eines Humanbiomonitorings sowohl zur Expositionsüberwachung wie auch zur Erfolgskontrolle arbeitshygienischer Maßnahmen.
Herr Stephan Koslitz
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gestzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
3
Einleitung
Der Benzotriazol-UV-Stabilisator 2-(2-Hydroxy-5-methylphenyl)-benzotriazol (UV-P, CAS-Nr. 2440-22-4) wird verwendet, um Kunst- und Beschichtungsstoffe vor dem Einfluss der UV-Strahlung zu schützen. Auf Grund der bekannten ubiquitären Verbreitung von UV-P in der Umwelt und seines Einsatzes in Verbraucherprodukten gilt eine Exposition des Menschen mit der Substanz als wahrscheinlich. Bislang fehlen hierzu allerdings Daten. Deshalb wurden analytische Methoden für ein Human-Biomonitoring entwickelt und eine Humanstudie durchgeführt, um erstmals die Toxikokinetik der Substanz zu untersuchen.

Methoden
Nach einmaliger oraler Einnahme von 0,3 mg UV-P/kg Körpergewicht wurden sämtliche vollständige Urinabgaben der teilnehmenden Proband*innen über einen Zeitraum von 48 Stunden gesammelt. Bei einem Probanden wurde die Sammlung bis auf 72 Stunden nach Exposition ausgedehnt. Darüber hinaus wurden zu definierten Zeitpunkten Blutproben entnommen. UV‑P wurde aus den Proben extrahiert und nach Derivatisierung mittels Gaschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (GC-MS/MS) quantifiziert.

Ergebnisse
UV‑P wurde vor der Exposition nicht oder nur in sehr geringen Mengen in Blut und Urin nachgewiesen. Nach der Exposition wurde der Stoff in beiden Matrices zunächst in sehr hohen Konzentrationen und nach Erreichen des Maximums (etwa 4 bzw. 5 Stunden nach Exposition) mit schnell absinkenden Werten detektiert. Insgesamt wurden innerhalb von 48 Stunden etwa 40 % der applizierten Dosis als unverändertes UV-P im Urin wiedergefunden. Davon wurde der Hauptanteil (> 95 %) innerhalb von 24 Stunden nach der Exposition ausgeschieden.

Schlussfolgerung
Die durchgeführte Studie liefert erste Erkenntnisse zur Toxikokinetik von UV‑P. Der UV‑Absorber wird zu einem großen Teil unverändert über den Urin ausgeschieden. Dadurch unterscheidet sich UV-P deutlich von anderen bereits untersuchten Benzotriazol-UV-Stabilisatoren (UV-327 und UV-328), bei denen - im Gegensatz zu UV-P - eine Konjugation der phenolischen OH-Gruppe sterisch gehindert ist. Für das Human-Biomonitoring von UV-P kann auf Basis der Studienergebnisse die Bestimmung im Urin empfohlen werden.

Die Studie erfolgte im Rahmen der BMU-VCI-Humanbiomonitoring-Initiative und wurde von der Chemie-Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH finanziell gefördert. Für die Durchführung der Humanstudie lag ein positives Votum der Ethikkommission der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg vor.
Frau Corinna Fischer
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, FAU Erlangen-Nürnberg
4
Einleitung
Neonikotinoide und neonikotinoidähnliche Verbindungen (NNIs), z.B. Imidacloprid (IMI) und sein Ersatzprodukt Flupyradifuron sind weltweit häufig eingesetzte Insektizide. Ziel dieser Studie war die Entwicklung eines analytischen Verfahrens für die simultane Quantifizierung von sieben global verwendeten NNIs sowie ausgewählter spezifischer Metabolite dieser NNIs im Urin (u.a. hydroxylierter und N-dealkylierter NNI-Stoffwechselprodukte), um damit umweltverursachte Expositionen mittels Humanbiomonitoring nachweisen zu können.
Methode
Die Urinproben wurden enzymatisch mittels β-Glucuronidase hydrolysiert und anschließend durch Flüssigchromatographie gekoppelt mit Tandem-Massenspektrometrie und online-geschalteter Festphasenextraktion (Online-SPE-LC-MS/MS) zur Probenaufreinigung und Anreicherung der Analyten analysiert.
Ergebnisse
Die Methode erwies sich als robust und präzise mit Bestimmungsgrenzen zwischen 0,06 µg/L für Acetamiprid (ACE) und 2,1 µg/L für Imidacloprid-Olefin (IMI-Olefin). Die Impräzision innerhalb und zwischen analytischen Serien bei drei Dotierungsstufen betrug für alle Analyten ≤6%. Die mittlere relative Wiederfindung lag für die einzelnen Analyten im Bereich zwischen 89% und 112%.
Mit der entwickelten Methode wurden 39 Urinproben von Personen ohne berufliche Belastung gegenüber NNIs analysiert, in denen in unterschiedlichem Ausmaß ACE (10% der Proben >LOQ, Maximalwert 0,24 µg/L), IMI (36%, 6,70 µg/L) und ihre spezifischen Metabolite N-desmethyl-ACE (54%, 5,60 µg/L), 4-/5-Hydroxy-IMI (21%, 31,80 µg/L) und IMI-Olefin (18%, 23,9 µg/L) quantifiziert wurden. In einer Probe konnte zusätzlich Thiamethoxam (1,7 µg/L) nachgewiesen werden.
Schlussfolgerung
Zusammenfassend erlaubt das entwickelte Verfahren die Bestimmung der Exposition mittels Humanbiomonitoring gegenüber sieben NNIs in einem einzigen Analysenlauf mittels des Nachweises sowohl der unveränderten NNI wie auch deren spezifischer Metabolite. Die Methode eignet sich zum Einsatz in sowohl arbeits- wie auch umweltmedizinischen Studien.
Frau Sonja A. Wrobel
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
5
Einleitung
Einmal-Medizinprodukte aus Kunststoff enthalten häufig erhebliche Anteile an Weichmachern, die zu einer Exposition von behandelten Patienten und des Krankenhauspersonals führen können. Der als toxikologisch kritisch eingestufte Weichmacher DEHP (Di-2-ethylhexylphthalat) stellt nach wie vor einen der am häufigsten eingesetzten Weichmacher für Medizinprodukte dar. Daneben werden zunehmend Alternativprodukte, wie TOTM bzw. TEHTM (Tri-2-ethylhexyltrimellitat), DEHTP (Di-2-ethylhexylterephthalat) sowie DINCH (1,2-Cyclohexandicarbonsäurediisononylester) eingesetzt. Während die Belastungssituation von Patienten durch Weichmacher in Medizinprodukten mittlerweile recht gut dokumentiert ist, fehlen Erkenntnisse zur Exposition des Krankenhauspersonals.
Methoden
Ziel der Pilotstudie war die Erfassung der inneren Weichmacherexposition von Beschäftigten im Krankenhaus, die regelmäßigen beruflichen Kontakt zu Medizinprodukten aus Kunststoff haben. Hierzu wurden im Laufe einer Arbeitswoche Urinproben von 12 Beschäftigten in der Medizintechnik und der Transfusionsmedizin des Universitätsklinikums Erlangen untersucht, wobei pro Tag jeweils eine Vorschicht- sowie eine Nachschichtprobe gewonnen wurde. Als Kontrollkollektiv wurden Urinproben von 10 Beschäftigten des Universitätsklinikums untersucht, die keinen beruflichen Kontakt zu Medizinprodukten hatten. Die gewonnenen Urinproben wurden mittels eines speziellen Biomonitoringverfahrens [1] auf ihren Gehalt an spezifischen Metaboliten der oben genannten Weichmacher untersucht.
Ergebnisse
Mit Ausnahme von TEHTM konnten in allen Urinproben Metabolite der untersuchten Weichmacher nachgewiesen werden. Die höchsten Gehalte bei den beruflich exponierten Personen zeigten die Metabolite von DEHP (14,4 ± 12,6 µg/L), gefolgt von DEHTP (4,5 ± 5,8 µg/L) und DINCH (1,3 ± 2,0 µg/L). Beim Vergleich der Vor- und Nachschichtproben des beruflich belasteten Kollektivs zeigte sich eine Tendenz einer zusätzlichen beruflich bedingten Belastung mit Weichmachern.
Schlussfolgerungen
Vermutlich bedingt durch den vielfältigen und hohen Einsatz von Weichmachern im Alltag, zeigt sich eine ubiquitäre Hintergrundbelastung mit den untersuchten Weichmachern (mit Ausnahme von TEHTM) im Urin. Die Ergebnisse der Studie weisen auf eine Zusatzbelastung bei häufigem Umgang mit weichmacherhaltigen Medizinprodukten hin, die aber in Relation zur allgemeinen Grundbelastung nur sehr moderat ist.

Referenzen

[1] Kuhlmann L, Münch F, Göen T, Eckert E. Simultaneous and sensitive determination of the main metabolites of the plasticizer DEHP and its substitutes DEHTP, DINCH and TEHTM in human urine by coupling of on-line SPE, UHPLC and tandem mass spectrometry. Analytical Methods 2022, https://doi.org/10.1039/D2AY01293F.
Frau PD Dr. Elisabeth Eckert
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Do
16 Mär
14:15 - 15:30
Vorträge
Digitalisierung
Raum: Hörsaal 3 / Zoom-Raum 3 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Peter Kegel und Anna Wolfschmidt
Beiträge:
1
Einleitung: Ziel des vorliegenden Beitrages ist die Untersuchung der Zufriedenheit von angehenden Arbeits- und Betriebsmediziner*innen mit dem verpflichtenden Weiterbildungsangebot der arbeitsmedizinischen Akademien in Deutschland, welches während der COVID-19-Pandemie innerhalb kürzester Zeit von Präsenzlehre auf weitestgehend digitale Lehre umgestellt werden musste.
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Methoden: Deutschlandweit wurden Arbeits- und Betriebsmediziner*innen in Weiterbildung zu ihren Erfahrungen, Bedarfen und ihrer Zufriedenheit mit dem digitalen Ad-hoc-Weiterbildungsangebot während der COVID-19-Pandemie befragt. Die Online-Umfrage fand von Januar bis Dezember 2021 statt und die erhobenen Daten wurden deskriptiv ausgewertet.

Ergebnisse: Von n = 176 Befragten waren 48,0% mit dem digitalen Weiterbildungsprogramm ihrer arbeitsmedizinischen Akademie während der COVID-19-Pandemie zufrieden. Zudem wurde mehrheitlich der Wunsch nach weiteren digitalen Weiterbildungsinhalten in der Zukunft als Ergänzung zum Präsenzunterricht geäußert (91,9%). Es wurden unterschiedliche Präferenzen für den Einsatz beider Formate identifiziert.
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Schlussfolgerungen: Die vorliegende Studie liefert erste empirische Erkenntnisse zur Zufriedenheit und den Bedarfen angehender Arbeits- und Betriebsmediziner*innen hinsichtlich des digitalen Ad-hoc-Weiterbildungsangebots der arbeitsmedizinischen Akademien in Deutschland im Zuge der COVID-19-Pandemie. Die Studienergebnisse bieten eine Grundlage für die weitere Entwicklung und Implementierung von Blended-Learning-Programmen in der ärztlichen Aus-, Fort- und Weiterbildung. Zukünftige Studien sollten die Implementierung von Blended-Learning-Programmen an arbeitsmedizinischen Akademien sowohl qualitativ als auch quantitativ im Längsschnitt evaluieren.
Frau Ilona Efimov
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
2

Einleitung

Im Rahmen der Digitalisierung stellen Gesundheitsanwendungen einen vielversprechenden Ansatz zum Erhalt von Gesundheit und der Vermeidung von Krankheit dar [1]. Entsprechende Anwendungen dienen dazu, Menschen in Bezug auf gesundheitsförderliche Verhaltensweisen zu sensibilisieren (z.B. Bewegung, Ernährung, Herzfrequenz-Daten, Gewicht). Im Sinne der Interoperabilität bieten immer mehr Health Apps eine Schnittstelle zum Teilen von Gesundheitsdaten und -reports mit medizinischem Fachpersonal (beispielsweise Hausarzt). Eine solche Schnittstelle ist für sog. Digitale Gesundheitsanwendungen („Apps auf Rezept“) bereits verpflichtender Standard [2]. Mit der vorliegenden Studie wird die Frage adressiert, wie groß die Akzeptanz von Nutzer*innen bezüglich des Transfers von Gesundheitsreports aus Health Apps an medizinisches Personal ausfällt.

Methoden

Es nahmen 358 Befragte an einer Online-Studie teil (57.5% weiblich, 41.3% männlich, 0.6% divers; Altersdurchschnitt: AM = 32.51 Jahre, SD = 15.23 Jahre). Im Fragebogen wurden verschiedene Optionen des Datentransfers beschrieben, die anschließend bzgl. der Akzeptanz bewertet wurden.
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Ergebnisse

Lediglich 19.3% der Befragten waren bereit, ihre Daten ohne Anlass in Echtzeit an medizinisches Fachpersonal weiterzuleiten (Primärprävention). Nach einer Diagnosestellung (Sekundär-/ Tertiärprävention) wären ca. die Hälfte der Befragten bereit, erfolgskritische Werte kontinuierlich übermitteln zu lassen (49.2%). Die höchste Akzeptanz (67.3%) herrschte bezüglich der Option, anlässlich eines konkret bevorstehenden Arzttermins vorab Gesundheitsdaten zu übermitteln.
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Schlussfolgerung / Diskussion

Die Ergebnisse weisen nachvollziehbar auf eine hohe Sensibilität bzgl. des Umgangs mit den individuellen Gesundheitsdaten hin. Dies gilt für alle drei Ebenen der Prävention. Ein Erklärungsansatz hierfür ist, dass es den Befragten wichtig ist, Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten zu haben. Ein kontinuierlicher Datentransfer lässt offen, wie das medizinische Fachpersonal mit diesen Informationen umgeht. Das betrifft sowohl das Gefühl als „gläserner Patient“ dauerhaft unter Beobachtung zu stehen, als auch die Frage, wie das medizinische Fachpersonal mit den Daten umgeht (z.B. ob überhaupt ein aktives Monitoring stattfindet, ob die Daten ggf. an Versicherungen weitergegeben werden). Hier ist Aufklärung zu leisten und im Zweifelsfall die Entscheidung von Versicherten zu respektieren.

Referenzen

[1] Rutz M, Kühn D, Dierks ML. Gesundheits-Apps und Prävention. In: Albrecht UV, editor. Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps (CHARISMHA). Hannover: Medizinische Hochschule Hannover; 2016. p. 116-135.
[2] Weber S, Heitmann KU. Interoperabilität im Gesundheitswesen: auch für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) verordnet. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz. 2021;64(10):1262-1268. German.
Herr Dr. phil. Jens Knispel
RWTH Aachen, Institut für Psychologie, Lehr- und Forschungsgebiet Gesundheitspsychologie
3

Einleitung

Landesbedienstete an staatlichen Schulen in Rheinland-Pfalz nutzen im Rahmen ihrer Tätigkeit unter anderem auch Bildschirmgeräte. Spezielle Sehhilfen für die Tätigkeit an Bildschirmgeräten können unter gewissen Umständen beantragt und zur Verfügung gestellt werden. Für die Betriebsärztinnen und Betriebsärzte des Instituts für Lehrergesundheit stellte sich die Frage, ob sich eine Online-Videosprechstunde inklusive eines orientierenden Online-Sehtests eignen, die Beratung im Sinne einer Vorsorge für Tätigkeiten an Bildschirmgeräten gemäß Verordnung zur Arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) durchzuführen.

Methoden

Bediensteten, die eine spezielle Sehhilfe für ihre Tätigkeit am Bildschirmgerät beantragt hatten, wurde eine Online-Videosprechstunde inklusive eines orientierenden Online-Sehtests (Erfassung des Sehvermögens mittels Landolt-Ringen am Bildschirm) angeboten. Für die standardisierte ärztliche Anamneseerhebung und Dokumentation wurde ein selbst entwickelter Fragebogen eingesetzt. In dem Beitrag werden erste Ergebnisse des Fragebogens sowie des orientierenden Online-Sehtests deskriptiv dargestellt und über Erfahrungen berichtet.

Ergebnisse

Im Auswertungszeitraum (22.12.2021 bis 26.07.2022) wurden 30 Sprechstunden durchgeführt (26 Online-Videosprechstunde, 4 Telefonsprechstunden). Am häufigsten (27%) nahmen Bedienstete von berufsbildenden Schulen teil. Beschwerden bei der Bildschirmarbeit wurden von allen Bediensteten angegeben. Die Kombination aus Seh- und Schulter-/Nackenbeschwerden war die häufigste Beschwerdekonstellation (53%). In der Mehrzahl der Fälle (70%) erzielten die Bediensteten ein gutes bis sehr gutes Ergebnis im orientierenden Online-Sehtest. Als wichtige Beratungs- und Entscheidungsgrundlage (in Bezug auf eine Empfehlung für eine spezielle Sehhilfe) zeigte sich neben der Anamneseerhebung die während der Videosprechstunde und des orientierenden Sehtests gemachten Beobachtungen des Verhaltens der Bediensteten (z.B. in Bezug auf die Körperhaltung).

Schlussfolgerung / Diskussion

Eine arbeitsmedizinische Beratung bei Tätigkeiten an Bildschirmgeräten via Online-Videosprechstunde, standardisiertem Fragebogen und orientierendem Online-Sehtest hat sich in dem hier vorgestellten Kollektiv als praktikabel erwiesen. Der orientierende Online-Sehtest lieferte insbesondere durch die Beobachtung der Bediensteten während der Durchführung wichtige Informationen. Die Wertigkeit des orientierenden Online-Sehtests muss im Vergleich mit Sehtests nach Arbeitsmedizinischer Regel (AMR) 14.1 validiert werden. Weitere Erhebungen in einem größeren Kollektiv sind in Zukunft geplant.
Herr Dr. med. Peter Kegel
4
Zielsetzung: Es handelt sich um eine Machbarkeitsstudie zur Erprobung videobasierter arbeitsmediinsicher Beratung im Rahmen der Wunsch- und Angebotsvorsorge. Ein hybrides Vorgehen ist erforderlich (Untersuchung vor Ort durch arbeitsmedizinische Assistenz, Befundauswertung durch Betriebsarzt/-ärztin mittels Videokommunikationssystem). Von Interesse waren die Durchführbarkeit, Zufriedenheit und Akzeptanz bei den Teilnehmenden.

Methoden: Im Zeitraum März bis Juli 2022 wurden an 11 Schulen (128 Lehrkräfte) aller Schularten (Grund-, Ober-, Förder-, Berufsschulen, Gymnasien) arbeitsmedizinische Vorsorgen mit videobasierter ärztlicher Beratung durchgeführt. Als Vergleich dienten Vorsorgen an 10 Schulen (109 Lehrkräfte) ohne Onlineberatungsanteile. Für die Evaluation wurden Likert-Skalen u.a. zu Akzeptanz und Verständlichkeit des Arztgesprächs, Zufriedenheit mit den Durchführungsbedingungen, Störungen, Wertschätzung durch den Arzt/die Ärztin eingesetzt. Kontrolliert wurden Alter, Geschlecht, Vertrautheit mit digitaler Videokommunikationstechnik. Für die Online-Variante wurde zusätzlich die Bewertung des Gesprächs durch den Arzt/die Ärztin vorgenommen, Störungen vor Ort wurden durch die medizinische Assistenz erhoben.

Ergebnisse: Die beiden Untersuchungsgruppen waren in Bezug auf die o.g. Kontrollvariablen vergleichbar. Ergebnisse sind, dass beide Formate durch die Lehrkräfte positiv bewertet wurden. Als wesentlicher Unterschied tritt hervor, dass die an der Vorsorge in Präsenz Teilnehmenden signifikant seltener bereit wären, an einer zukünftigen Vorsorge mit videogestütztem Arztgespräch teilzunehmen als diejenigen, welche diese Erfahrung bereits hatten. Die ärztliche Bewertung des Onlinegesprächs war in Einzelaspekten durch den Arzt/die Ärztin kritischer als die der Teilnehmenden (Zeit für Befundauswertung, Verlauf), aber ebenfalls im positiven Bereich.

Schlussfolgerung: Das geschilderte hybride Vorgehen wurde positiv bewertet und erschließt betriebsärztliche Ressourcen, wie z.B. die Weiterbeschäftigung von schwangeren Ärztinnen bis zum Mutterschutz. In der arbeitsmedizinische Lehrkräftebetreuung sollen nach diesen ermutigenden Ergebnissen auch Möglichkeiten des Einsatzes digitaler Videokommunikation bei der Erstellung und Aktualisierung von Gefährdungsbeurteilungen an Schulen geprüft werden. Ansätze aus der Lehrkräftebetreuung in Rheinland-Pfalz zeigen handlungsrelevante Empfehlungen auf [1].

Referenzen

[1]
Becker J, Dassow J, Gössler F, Digitale Gefährdungsbeurteilungen an Schulen. In
Gesundheitsschutz und Gesundheitsförderung im Lehrberuf – multiprofessionelle
Perspektiven, Mühlpfordt S, Prodehl G: 146-154; 2022.
Frau Susann Mühlpfordt
ZAGS-Zentrum für Arbeit und Gesundheit Sachsen GmbH
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Einleitung

An allen Schulen in Rheinland-Pfalz erfolgte ab dem 07.04.2021 das Angebot sowie später die Verpflichtung der anlasslosen Selbsttestung auf SARS-CoV-2 für Schüler:innen und Beschäftigte. Durch das Institut für Lehrergesundheit (IfL) wurde für primär medizinische Fragen der Schulleitungen und der Hygienebeauftragten eine arbeitsmedizinisch besetzte Hotline eingerichtet. Im vorliegendem Beitrag wird eine deskriptive Auswertung der Anfragen vorgestellt.

Methoden

Die Anrufe wurden durch die Ärztinnen und Ärzte des IfL als halbstrukturierte Interviews beantwortet und in einer 14 Fragen umfassenden Onlineumfrage dokumentiert. Neben den persönlichen Daten der anrufenden Person, wurden Schulform und Berufsgruppe innerhalb der Schule erfasst. Der Beratungsanlass wurde einer oder mehrerer der 4 Kategorien „Organisatorische Fragen“, „Testdurchführung“, „Arbeitsschutz/Hygiene“ und „Sonstiges“ zugeordnet.

Ergebnisse

Im Zeitraum (29.03.2021-16.02.2022) wurden 504 Anrufe mit 556 Anfragen dokumentiert. Mit 209 Anrufen (41%) entfielen die meisten Anrufe auf den April 2021. Die Mehrzahl der Anrufe fand außerhalb der Ferienzeiten statt (94%). Mit 274 Anrufen (54%) waren Grundschulen, gefolgt von Gymnasien (15%) und Realschulen (9%) am häufigsten vertreten. Mit 329 Anrufen (65%) meldeten sich am häufigsten Schulleitungen. Lehrkräfte und Hygienebeauftragte waren mit 44 bzw. 49 Anrufen (9 bzw. 10%) etwa gleich häufig vertreten. 82 Anrufe (16%) von unter anderem Eltern oder Sekretariaten getätigt. Von den 556 kategorisierten Beratungsanlässen beschäftigten sich 387 (70%) mit allgemeinen organisatorischen Fragen und Fragen zur Testdurchführung. Zu Arbeitsschutz und Hygiene bestand in 37 Fällen (7%) Beratungsbedarf. In der Verteilung der Beratungsanlässe nach Schulform ergaben sich kaum Unterschiede.

Schlussfolgerung / Diskussion

Etwa jeder vierte Anruf erfolgte durch Personen, die nicht primär zum Adressatenkreis der Hotline gehörten. Der überwiegende Anteil der Fragen (insbesondere der primären Zielgruppe) betraf keine medizinischen Aspekte zum Thema Selbsttestung, sondern organisatorische Aspekte. Insbesondere Änderungen der Rahmenbedingungen (Änderungen der Regularien in den Hygieneplänen) führten zu einem vermehrten Aufkommen an organisatorischem Informationsbedarf. Wir empfehlen, dies bei der Planung und Umsetzung zukünftiger ähnlich gelagerter Beratungsangebote zu berücksichtigen.
Herr Malte Waanders
Institut für Lehrergesundheit am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Do
16 Mär
14:15 - 16:00
Vorträge
Arbeit und Allergie
Raum: Hörsaal 4 / Zoom-Raum 4 (Standort: EG / online)
Vorsitz: Astrid Rita Regina Heutelbeck und Uta Ochmann
Beiträge:
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Einleitung

In der Technischen Regel für Gefahrstoffe 401 wird auch für Arbeitsbereiche mit starker Verschmutzung der Haut die Nutzung möglichst milder Reinigungsmittel (MR) empfohlen, um schädliche Auswirkungen der Reiniger auf die Haut, bis hin zur irritativen Kontaktdermatitis (IKD), zu verringern. Da MR jedoch gegenüber groben, reibekörperhaltigen Reinigern (GR) eine verlängerte Waschzeit benötigen, wird bei MR häufig eine zusätzliche mechanische Reinigung mit einer Bürste durchgeführt. In dieser Studie wurden verschiedene Waschprozeduren hinsichtlich der Hautschädigung verglichen.

Methoden

In der Pilotstudie wurden mithilfe von Modellschmutz des Typs „Altöl“ die Waschwirkung sowie die benötigte Waschzeit von MR und GR auf dem Handrücken analysiert.
In der Hauptstudie wurden drei Reinigungsprozeduren miteinander verglichen (2 Minuten MR, 2 Minuten MR und anschließend Nutzung einer Bürste für 10 Sekunden, 1 Minute GR). Dazu wurden sie randomisiert und rechts-links-permutiert Arealen auf den Unterarmen von N=35 Probanden zugewiesen und diese über einen Zeitraum von drei Tagen fünfmal täglich gewaschen.
Die Hautirritation wurde mithilfe des transepidermalen Wasserverlustes (TEWL), über den Feuchtigkeitsgehalt (Corneometrie), kolorimetrisch, mittels eines klinischen Scores sowie mithilfe von Bildanalysen der Hauttopografie gemessen. Mittels deskriptiver Verfahren sowie Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Tests wurden die Veränderungen zwischen der letzten Messung (T4) und der Baseline-Messung vor Beginn der Waschungen (T1) analysiert.

Ergebnisse

In der Pilotstudie wurde gezeigt, dass MR eine doppelt so lange Waschzeit wie GR benötigen und die drei Reinigungsprozeduren für die Hauptstudie dementsprechend definiert.
In der Hauptstudie führte die kürzere Anwendung von GR im Vergleich zur längeren Anwendung von MR zu einem stärkeren Anstieg des TEWL (Medianer TEWLT4-T1: 4,91 vs. 0,96 g/m²/h, p<0.0001). Das größte irritative Potential zeigte sich bei MR mit zusätzlicher Bürste (Medianer TEWLT4-T1: 18,86 g/m²/h). Zudem zeigten über 50% der Teilnehmer bei der Reinigung mit MR und Bürste im klinischen Score Hinweise von IKD.

Schlussfolgerung / Diskussion

Die Anwendung von MR zeigte in dieser Studie trotz der längeren Waschdauer im Vergleich zu GR das geringste irritative Potential. Eine zusätzliche mechanische Reinigung durch eine Bürste sollte vermieden werden.