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Thu
24 Mär
11:30 - 12:30
Poster
Berufliche Herausforderung - Humanmedizin
Submissions:
1
Gesund studieren im Modellstudiengang Humanmedizin? (Marie Latour)
Hintergrund
Die psychische Gesundheit von Medizinstudierenden verschlechtert sich im Laufe des Studiums. Depressive Symptomatiken sind hier deutlich häufiger als bei Gleichaltrigen. Im Entwurf für die neue Approbationsordnung (ÄAppO) sind grundlegende Veränderungen der Ausbildung vorgesehen, wie z.B. frühzeitiger Patientenkontakt, interdisziplinäre Lehre u.a.. Einige dieser konzeptuellen Änderungen wurden an der HHU Düsseldorf bereits 2013 im Modellstudiengang "Düsseldorfer Curriculum" eingeführt.

Fragestellung
Tragen diese curricularen Veränderungen dazu bei, die Beanspruchung der Studierenden zu verändern und die psychische Gesundheit zu fördern?

Methode
Belastungen und Beanspruchungen im Regelstudium und Modellstudium wurden in mehreren Befragungen der Studierenden erhoben. Es wird ein Vergleich von drei Kohorten aus der Studie “Healthy Learning in Düsseldorf” vorgestellt, wobei die erste Kohorte (K1) ihr Studium unter der Studien- und Prüfungsordnung des „Regelstudiengangs“ absolvierte. Der erste Jahrgang des "Düsseldorfer Curriculums" bildet die zweite Kohorte (K2, Umbruchphase) zum Start der dritten Kohorte (K3) war der Modellstudiengang bereits drei Jahre etabliert.

Ergebnisse
Als Belastungen wurden v.a. "Zeitdruck", "Überforderung", "mangelnder Handlungsspielraum" und "schlechte Organisation" berichtet. So beschreiben 71,6% der Studierenden im Regelstudiengang den Zeitdruck als negativ (ziemlich starke/sehr starke Belastung), im Modellstudiengang liegen die Anteile bei 74,1% (K2) bzw. 69,1% (K3). Die Depressivität (PHQ9, mittlere bis schwerste Störung) als wesentliche Beanspruchung liegt im Regelstudium bei 24,3% (K1), im Modellstudium bei 33,9% (K2) und bei 29,8% (K3). Insgesamt fanden sich in den erhobenen Parametern keine Belege für eine Überlegenheit des Modellcurriculums.

Fazit
In der vorliegenden Arbeit wurde das "Düsseldorfer Curriculum" untersucht, welches als Modellstudiengang bereits einige Elemente der neuen ÄAppO implementiert. Neben den curricularen Aspekten scheinen aber vor allem organisatorische Rahmenbedingungen wesentlich für die psychische Gesundheit von Studierenden. Verhältnispräventive Maßnahmen sollten Strukturen und Organisation verbessern. Ansatzpunkte sind v.a. Zeitdruck, Überforderung und organisatorische Aspekte.
Frau Marie Latour
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Centre for Health and Society, Medizinische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
2
Stadt vs. Land: Arbeitszufriedenheit und –belastung von jungen Ärzten (Franziska Jung, Steffi G. Riedel-Heller, Susanne Röhr, Tobias Deutsch)
Ziel der Studie: Ärztemangel und eine damit verbundene Unterversorgung der Patienten bedroht besonders ländliche, strukturschwache Regionen. Bisherige Studien konzentrieren sich auf Faktoren, die die Niederlassungsentscheidung auf dem Land begünstigen oder verhindern. Über Faktoren wie Arbeitszufriedenheit und Arbeitsbelastung und geographisch bedingte Unterschiede in Deutschland ist bisher wenig bekannt. Ziel der Studie war es diese Faktoren einem detaillierten Stadt-Land-Vergleich zu unterziehen.
Methodik: Im Rahmen der Studie konnten Daten von 1813 praktizierenden Ärzten in Sachsen, welche postalisch kontaktiert wurden, analysiert werden. Neben soziodemographischen Informationen wurden unter Verwendung verschiedener Instrumente auch Daten zu Arbeitszufriedenheit und Arbeitsbelastung erhoben.
Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen, dass sich hinsichtlich der Arbeitszufriedenheit lediglich akzentuierte Unterschiede feststellen lassen. In Bezug auf Arbeitsbelastung lassen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Ärzten, die auf dem Land oder in der Stadt tätig sind, finden.
Schlussfolgerung: Die hier vorliegende Untersuchung deutet also daraufhin, dass die Arbeitsbedingungen auf dem Land keineswegs schlechter wahrgenommen werden und die auf dem Land tätige Ärzteschaft mit ihrer Arbeit zufrieden ist.

References

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Frau Dr. Franziska Jung
Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin & Public Health, Med. Fakultät, Universität Leipzig
3
Bedürfnisse und Präferenzen angehender Ärzt:innen und Psycholog:innen in Bezug auf E-Mental-Health-Angebote: Eine qualitative Studie (Pia Braun, Ann-Kathrin Schwientek, Peter Angerer, Lisa Guthardt, Adrian Loerbroks, Andrea Icks, Jennifer Apolinário-Hagen)
Hintergrund: Das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) ermöglicht Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen seit Herbst 2020 die Verordnung digitaler Gesundheitsanwendungen. Auch zur Prävention psychischer Erkrankungen durch Belastungen am Arbeitsplatz gibt es E-Mental-Health-Angebote, was die Anwendung für Betriebsärzte:innen in den Fokus rückt. Obwohl die Wirksamkeit solcher Anwendungen in mehreren Studien belegt wurde [1], werden diese nach wie vor selten genutzt und verordnet [2,3]. Mögliche Gründe sind fehlende Kenntnis und Skepsis gegenüber E-Mental-Health-Angeboten [4-6]. Beidem kann durch zielgruppenspezifische Informationsstrategien für Studierende als zukünftige Akteure in der Gesundheitsversorgung entgegengewirkt werden [2,7,8]. Durch Selbsterfahrung könnten sie notwendige Gesundheitskompetenzen für ihren späteren Beruf entwickeln. Es ist jedoch unklar wie solche Informationsstrategien aufbereitet sein sollten.
Methoden: Es wurden 21 semi-strukturierte Online-Interviews mit Studierenden von deutschen Hochschulen durchgeführt (n=16 Medizin- und n=5 Psychologie-Studierende). Die Interviews wurden aufgezeichnet, transkribiert und mithilfe von MAXQDA inhaltsanalytisch ausgewertet.
Ergebnisse: Studierende schilderten sehr geringe E-Mental-Health-Vorkenntnisse. Im Allgemeinen wurde E-Health selten im Rahmen des Studiums behandelt, obwohl das Thema sowohl aufgrund Eigenbedarfs als auch zwecks Vorbereitung auf den Beruf als wichtig empfunden wurde. Informationen über Kosten, die Passung zwischen Bedürfnissen und Anwendungsinhalten sowie der erwartete Zeitaufwand wurden als entscheidend für die Nutzungsintention geäußert. Aus fachlicher Sicht beschrieben Studierende die wissenschaftliche Evidenzlage sowie Datenschutz und auch die beschriebene Passung als ausschlaggebende Faktoren für die Empfehlung von E-Mental-Health-Angeboten. Generell bevorzugten Studierende helle, neutrale Farben und kurze, allgemein verständliche Texte mit Bildern oder Videos. Es wurde der Wunsch nach zielgruppenspezifischen Informationen für Studierende im Vergleich zu anderen Populationen geäußert, jedoch nicht beschränkt auf Medizin- oder Psychologie-Studierende.
Schlussfolgerungen: Die Studie zeigt erste Erkenntnisse zu Informationspräferenzen in Bezug auf E-Mental-Health-Angebote unter angehenden Gesundheitsfachkräften. Als Nächstes wird ein Discrete-Choice Experiment durchgeführt, um Präferenzen hinsichtlich Gestaltung und Zusammensetzung relevanter Merkmale zu untersuchen [9-11].

References

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Frau Pia Braun
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
4
Informationsbedarf und Präferenzen von Betriebsärzt:innen in Bezug auf die Beratung zu Gesundheits-Apps am Arbeitsplatz (Pia Braun, Peter Angerer, Adrian Loerbroks, Ann-Kathrin Schwientek, Stefan Stehl, Jennifer Apolinário-Hagen)
Hintergrund: Zur Prävention psychischer Erkrankungen bei psychosozialen Belastungen am Arbeitsplatz oder ersten Beanspruchungszeichen stellen gesetzliche Krankenversicherungen effektive digitale Präventions- und Gesundheitsförderungsangebote wie Gesundheits-Apps zur Verfügung [1-5]. Deren relativ geringe Bekanntheit und Nutzung unter Versicherten [6,7] lässt sich womöglich durch eine gezielte persönliche Beratung steigern [8,9]. Betriebsärzt:innen könnten diese indizierte Beratung zu geeigneten zertifizierten Apps für berufstätige Versicherte unter Berücksichtigung von verhaltens- und verhältnispräventiven Ansatzpunkten übernehmen - eine entsprechende Beratungs-, Implementations- und digitale Gesundheitskompetenz vorausgesetzt [5,10-11]. Wenig bekannt ist jedoch zur Bereitschaft und zu Informationspräferenzen von Betriebsärzt:innen in Bezug auf die Beratung zu Gesundheits-Apps.
Methoden: Mithilfe von Unipark wurde im Januar 2021 eine anonyme Online-Befragung erstellt und über den E-Mail-Verteiler ArbeitMedNet an ca. 4.000 Betriebsärzt:innen verschickt. Insgesamt haben 157 Teilnehmer den Fragebogen ausgefüllt. 59,2% der Befragten waren weiblich und 82,8% älter als 40 Jahre.
Ergebnisse: Im Durchschnitt sahen sich die befragten Betriebsärzt:innen nur zum Teil oder schlecht auf die Beratung zu Gesundheits-Apps vorbereitet. Insgesamt waren sie eher offen für die Empfehlung von digitalen Angeboten und sehen auch grundsätzlich Gelegenheiten für die Beratung in ihrem Berufsalltag. Hinsichtlich Informationspräferenzen wünschen sich 84,1% einen Überblick über das App-Angebot, 73,9% möchten über den Nutzen der Apps für Patient:innen und Beschäftigte aufgeklärt werden und zwei Drittel interessieren wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit. Lediglich 3.2% der Beschäftigten äußern keinen Informationsbedarf. Auf die Frage, wie dieser Bedarf gedeckt werden kann, werden am häufigsten eine Webseite oder App mit Fachinformationen (69,4%), (Kompakt-)Fortbildungen und Workshops (60,5%) sowie ein Handlungsleitfaden (47,1%) als bestes Informationsmedium genannt.
Schlussfolgerung: Die Studie gibt einen ersten Einblick in den Informationsbedarf und die Präferenzen von Betriebsärzt:innen in Bezug auf die Beratung zu Gesundheits-Apps am Arbeitsplatz. Da sich Betriebsärzt:innen nur selten gut für die Beratung zu Gesundheits-Apps vorbereitet fühlen, sollten Fortbildungsmöglichkeiten in Form von Workshops oder Online- Seminaren sowie ein Handlungsleitfaden angeboten werden.

References

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Frau Pia Braun
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
5
Online-Befragung der Ärzteschaft zu Kenntnissen über krebsbedingte Berufskrankheiten (Beatrice Thielmann, Irina Böckelmann)
Zielsetzung: Das ausreichende Wissen der Ärzte über mögliche Zusammenhänge von beruflicher Tätigkeit und Erkrankung ihres Patienten ist eine der wichtigsten Grundlagen für die Entscheidung der Erstellung einer Anzeige einer Berufskrankheit (BK) bei begründetem Verdacht. Gerade auch onkologische Krankheiten können häufig zu einer bedeutsamen Erwerbsminderung oder zum Tode des Versicherten führen, daher ist den arbeitsbezogenen Krebserkrankungen eine besondere Bedeutung zuzusprechen. Ziel dieser Befragung war es, Ärzte aus verschiedenen Fachgebieten in Bezug auf das Thema krebsbedingte BK zu sensibilisieren und das Wissen zu diesem Thema im Allgemeinen und das Handeln bei begründetem Verdacht auf eine BK einzuschätzen. Zudem diente die Befragung der Qualitätssicherung der arbeitsmedizinischen Lehre sowie die Vermittlung der Kenntnisse über BK bei der Fort- und Weiterbildung in jeweiligen Facharztrichtungen.
Methode: Im Zeitraum von 11/2014 bis 5/2015 erfolgte eine Online-Befragung eines selbst konstruierten Fragebogens (28 Fragen) von 254 Ärzten (58 % Frauen, 41,1 % Männer) mit Hilfe der Evaluations- und Umfragesoftware EvaSys Qualitätsmanagementsystem. 69,7 % der Ärzte waren zwischen 40 – 59 Jahre alt. Es erfolgte eine rein deskriptive Darstellung der Ergebnisse.
Ergebnisse: Die Hauptbefragungsgruppe vertraten mit 29,9 % Fachärzte für Allgemeinmedizin. Weitere Facharztrichtungen waren u. a. 8,7 % für Innere Medizin und 7,9 % für Gynäkologie, die zu 97,2 % in Sachsen-Anhalt und zu 87,4 % in einer Praxis berufstätig waren. 74,4 % waren mehr als 15 Jahre berufstätig. Knapp 1/4 aller Befragten schätzten den eigenen Kenntnisstand zu krebsbedingten BK mangelhaft/ungenügend ein; nur 20 % gut bis sehr gut. Die Hälfte der Befragten gaben eine mangelhafte/ungenügende Vorbereitung zu diesem Thema während des Studiums an verschiedenen Standorten in Deutschland an oder während der Facharztausbildung. 92 % der Befragten unterschätzten die Wichtigkeit der arbeitsmedizinischen Kenntnisse zum Thema krebsbedingte BK während des Studiums teilweise oder komplett. 78 % der Befragten haben während ihrer beruflichen Tätigkeit noch keine Fortbildungsangebote zum Thema krebsbedingte BK wahrgenommen.
Schlussfolgerungen: Für Betroffene ist es von großer Bedeutung, eine berufsbedingte Krebserkrankung schnellstmöglich zu erkennen und bei begründetem Verdacht auf eine BK zur Anzeige zu bringen. Durch die Meldung der BK kann es zur Identifizierung des schädigenden Einflusses und so zum Schutz weiterer gefährdeter Personen im Betrieb kommen. Dies zeigt, dass hohe fachliche und ethische Anforderungen hinsichtlich der Thematik BK an jeden Arzt gerichtet sind. Arbeitsmedizinische Fortbildungen zu Berufskrankheiten, insbesondere zur Krebserkrankungen sollten vermehrt insbesondere nach der Aufnahme der neuen Erkrankungen auf die BK-Liste interdisziplinär angeboten werden.
Frau Dr. med. Beatrice Thielmann
Bereich Arbeitsmedizin, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Medizinische Fakultät
6
Digitales Training zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung als Ansatz zur Förderung der Primärprävention: eine Evaluierungsstudie (Lisa Auweiler, Jessica Lang)
HINTERGRUND. Sich rasch verändernde Arbeitsbedingungen stellen ständig neue Herausforderungen an die psychische Gesundheit der Beschäftigten, die einen Handlungsbedarf auf struktureller Ebene notwendig machen. Um eine gesunde Belegschaft zu fördern und langfristig die Arbeitsfähigkeit zu erhalten, ist primär die Prävention psychosozialer Risiken erforderlich. Nur 21% Unternehmen in Deutschland integrieren psychische Belastung in der gesetzlich vorgeschriebenen Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung in ihrem betrieblichen Gesundheitsmanagement [1]. ZIEL. Ziel der Studie war die Beurteilung, ob das digitale Training PsyHealth worXs! ein geeigneter Ansatz zur Vermittlung der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung ist. METHODEN: Es wurde eine Längsschnittstudie mit zwei Messzeitpunkten (in der ersten und letzten Woche des 6-wöchigen digitalen Trainings) auf Basis von N=312 Fragebögen durchgeführt. ERGEBNISSE. Nach dem Training war das Wissen der Teilnehmenden über die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung signifikant höher, und sie beschrieben eine deutliche Steigerung des eigenen Kompetenzerlebens bei der Maßnahmenableitung. Insgesamt wurden alle 7 Prozessschritte der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung als deutlich einfacher empfunden. SCHLUSSFOLGERUNGEN. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das digitale Training PsyHealth worXs! eine leicht zugängliche Möglichkeit für Unternehmen darstellt, um Verantwortliche des Arbeit- und Gesundheitsschutzes erfolgreich in der Umsetzung von Strategien zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung fortzubilden. Künftige Forschung sollte die Fragestellung prüfen, ob die Zahlen der Implementierung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung in deutschen Unternehmen insgesamt und langfristig steigen.

References

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Int Arch Occup Environ Health 2019;92:435–51.
Frau Lisa Auweiler
Uniklinik RWTH Aachen
Thu
24 Mär
11:30 - 12:30
Poster
Maritime Medizin
Submissions:
1
ARMIHN – Adaptives Resilienz Management im Hafen: erste Ergebnisse aus drei virtuellen Stabsübungen (Lukas Fischer, Sandra Himbert, Thomas von Münster, Kristina Militzer, Jan Heidrich, Lena Ehlers, Marcus Oldenburg, Martin Dirksen-Fischer, Nadine Sprössel, Julian Heuser, Sinan Bakir, Volker Harth)

Hintergrund
Das Projekt ARMIHN (Adaptives Resilienz Management im Hafen) befasst sich mit der Verbesserung der Reaktionsfähigkeit und Handlungskompetenz bei einem Massenanfall von Erkrankten (MANE) oder bei Verdacht auf das Vorliegen einer Infektion an Bord eines Schiffes. Im Zeitraum von 06-08/2021 wurden drei Stabsübungen durchgeführt.

Methoden
Im Rahmen der Stabsübungen wurden die Aspekte Kommunikationsstrukturen, Raumordnung und MANE-Algorithmus thematisiert – mit einem Schwerpunkt im Bereich Kommunikation. Die Übungen wurden auf einer hierfür entwickelten Online-Plattform durchgeführt. Die Interaktionen wurden in einem Kommunikationsleitfaden zusammengefasst und den Teilnehmern nach Durchführung der ersten beiden Übungen auf einer Online-Schulungsplattform bereitgestellt. Die subjektive Belastung und Leistung während der durchgeführten Stabsübungen wurde durch mehrere Fragebögen erfasst.

Ergebnisse
In Stabsübung 1 zeigte sich, dass die Übungsteilnehmer (n=26) eine hohe Belastung während der Übung empfanden, unabhängig ihrer beruflichen Vorerfahrung. Es wurde die fehlende Vertrautheit mit der virtuellen Umgebung als Ursache genannt. Zum anderen wurde deutlich, dass die Kommunikationsstrukturen nicht allen Akteuren geläufig waren, woraus Verzögerungen in der Übermittlung von Informationen resultierten.
In Stabsübung 2 wurde eine Raumordnung am Kreuzfahrtterminal überprüft. Die 14 Übungsteilnehmer hatten überwiegend einen beruflichen Hintergrund in der Gefahrenabwehr, so dass Vorerfahrungen vorhanden waren. Dennoch zeigte sich die Notwendigkeit klarer Zuständigkeiten für eine sichere Lagebewältigung.
In Stabsübung 3 (n=26) wurde deutlich, welchen Einfluss klar definierte Kommunikationsstrukturen haben. Als möglicher Trainingseffekt oder als Folge der o.g. Interventionsmaßnahme bestand kein nennenswertes Informationsdefizit mehr; insbesondere waren allen Akteuren die notwendigen Informationswege bekannt.

Schlussfolgerungen
Es wird deutlich, dass klare Kommunikationsstrukturen die Arbeit für alle Beteiligten positiv beeinflussen. Der sich ergebende Schulungsbedarf soll auch über das Projektende hinaus verfolgt werden, um nachhaltige Verbesserungen zu schaffen.
.

Herr Lukas Fischer
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
2
Seefahrendes Personal in Krisenzeiten: Ein Survey zu beruflichen Belastungen, Schutzmaßnahmen und Perzeptionen von Seeleuten in der COVID-19 Pandemie (Kristina Militzer, Martin Dirksen-Fischer, Matthias Boldt, Birgit Grassl, Christina Stabenow, Volker Harth, Jan Heidrich)
Hintergrund
Seefahrendes Personal war und ist in der aktuellen COVID-19-Pandemie besonderen beruflichen Belastungen und gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Besonderheiten stellen dabei unter anderen Einschränkungen im Schiffs- und Reiseverkehr mit massiver Beeinträchtigung von Crewwechseln, verlängerte Bordaufenthalte, soziale Isolation, die enge bauliche Schiffsumgebung, ein erhöhtes Arbeitspensum und die eingeschränkte gesundheitliche Versorgung dar. Derzeit sind weltweit nur etwa 20% des seefahrenden Personals gegen SARS-CoV-2 geimpft. Ziel des vorliegenden Surveys ist, die mit der Pandemie verbundenen Belastungen, Erfahrungen und Perzeptionen in der Berufsgruppe des seefahrenden Personals exemplarisch zu untersuchen.
Methoden
Im Rahmen des Surveys wurden Seeleute von Schiffen befragt, welche im Zeitraum September-November 2021 den Hamburger Hafen anliefen (convenience sample). Die schriftliche Befragung erfolgte im Rahmen von Impfungen gegen SARS-CoV-2, welche von Seeleuten wahrgenommen wurden. Das Fragebogeninstrument beinhaltete 48 Items zu den Bereichen COVID-19 Infektionen an Bord; Schutzmaßnahmen, Quarantänisierungen und Tests; Informationsmanagement zu COVID-19; Pandemieperzeption und Risikowahrnehmung; Selbsteinschätzung der allgemeinen und psychischen Gesundheit; Impfmotivation; sowie soziodemografische Informationen und Basischarakteristika des Herkunftsschiffes. Es wurden, wo möglich, etablierte Items (self rated health, PHQ-D2, COSMO-Studie, CDC Vaccine Survey) verwendet sowie Survey-spezifische Items entwickelt. Es erfolgte zunächst eine Pilotierung des Fragebogeninstruments.
Ergebnisse
Bisher haben n=249 Seeleute von 54 Schiffen an der Untersuchung teilgenommen (Stand 27.10.21). Nahezu alle Impflinge willigten in die schriftliche Befragung ein. 13 Teilnehmende (5,2%) rekrutierten sich von Kreuzfahrtschiffen, während alle übrigen Seeleute auf Handelsschiffen tätig waren. Erfahrungen mit COVID-19 Fällen an Bord wurden von 6 Personen (2,4%) berichtet. 208 der Befragten (83,5%) gaben eine mittlere bis hohe Arbeitsbelastung an und 33,7% (84 Befragte) nahmen diese höher als im Vergleich zu vor der Pandemie wahr. Dezidiertere Analysen erfolgen nach Abschluss der Feldphase.
Schlussfolgerungen
Erste Auswertungen reflektieren die hohen Belastungen seefahrenden Personals in der COVID-19-Pandemie. Bezüglich durchgeführter Schutzmaßnahmen, Pandemieperzeptionen sowie der selbst eingeschätzten Gesundheit zeichnet sich ein heterogenes Bild ab.
Frau Kristina Militzer
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
3
Entwicklung einer virtuellen Übungsplattform zur Durchführung von Katastrophenschutzübungen im betrieblichen Kontext (Thomas von Münster, Kristina Militzer, Jan Heidrich, Lena Ehlers, Lukas Fischer, Sandra Himbert, Marcus Oldenburg, Martin Dirksen-Fischer, Angelina Klein, Julian Heuser, Sinan Bakir, Volker Harth)
Einleitung
Aufgrund der pandemischen Lage und infektionsschutzbedingter Betriebsschließungen hat sich das Bewusstsein für die Relevanz aktueller Pandemiepläne und begleitender Übungskonzepte in den Unternehmen geschärft.
Das Zusammenwirken der beteiligten Akteure stellt eine Grundlage für eine koordinierte Reaktion bei Ausbruchsgeschehen dar. Die Überprüfung technischer und organisatorischer Maßnahmen auf ihre Praxistauglichkeit sowie das Training kommunikativer Fähigkeiten kann durch Stabs- und Vollübungen erfolgen [1]. Die Durchführung von Übungen war pandemiebedingt jedoch zuletzt nur eingeschränkt möglich.
Virtuelle Katastrophenschutzübungen haben sich im Zuge der Digitalisierung als effektives Instrument zum Training von Stäben und Einsatzkräften etabliert [2]. Grundsätzlich wird zwischen Simulatoren mit interaktiver virtueller Realität und Übungsplattformen zur Durchführung von Table-Top-Übungen unterschieden.
Material and Methoden
Im Rahmen des Projektes ARMIHN (Adaptives Resilienz Management im Hafen) wurde eine virtuelle Übungsplattform entwickelt. Die Plattform ermöglicht a) Video-Konferenzen zwischen den Beteiligten, b) eine interne E-Mail-Funktionalität, c) einen Kurznachrichten-Kanal sowie d) eine File-Sharing-Funktion. Für Beobachter und Evaluatoren steht ein interner Videostreaming-Kanal zur Verfügung. Auf der Plattform können Stabs- und Vollübungen in einem Hybridformat in einer virtuellen Umgebung durchgeführt werden. Für die Auswertung der Übung wurde ein Evaluationskonzept entwickelt, das eine digitale Erhebung von Fragebögen zu jedem Zeitpunkt der Übung ermöglicht..
Ergebnisse
Die entwickelte Plattform wurde im Rahmen von drei Stabsübungen sowie einer Vollübung im Hybridformat im Zeitraum von Juni bis Oktober 2021 getestet. An den Übungen nahmen jeweils 25, 13, 20 Teilnehmer:innen teil. Vor, während und nach den Übungen wurden Online-Evaluationen anhand von Fragebögen. durchgeführt. Die Response-Rate lag bei 98%. Im Rahmen der Vollübung wurde der System Usability Fragebogen (SUS) zur Gebrauchstauglichkeit verwendet. Die Auswertung zeigte, dass, dass Stabs- und Vollübungen im Hybridformat in einer virtuellen Umgebung erfolgreich durchgeführt werden können.
Diskussion
Virtuelle Stabs- und Vollübungen im Hybridformat stellen eine Alternative zu klassischen Übungsformaten zum Training von Katastrophen- und Krisenszenarien dar. Die digitale Bearbeitung der Evaluationsinstrumente führt zu einer sehr guten Response-Rate.

References

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Louka M, Balducelli C. Virtual Reality Tools for Emergency Operation Support and
Training. Proceedings of TIEMS (The International Emergency Management
Society). 2001
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simulation for real-world disaster response: Design and validation of a virtual
reality simulator for mass casualty incident management. J Trauma Acute Care
Surg. 2014;77(2):315-21.
Herr Dr. med. Thomas von Münster
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin
4
Schlafarchitektur und schlafbezogene Atmungsstörungen von Seeleuten an Bord von Handelsschiffen: eine polysomnographische Feldstudie auf hoher See (Fiona Kerkamm, Dorothee Dengler, Matthias Eichler, Danuta Materzok-Köppen, Lukas Belz, Felix Neumann, Birgit-Christiane Zyriax, Volker Harth, Marcus Oldenburg)
Hintergrund: Schläfrigkeit und Schlafprobleme sind häufige Beschwerden von Seeleuten. Diese Berufsgruppe ist oft psychophysischem Stress ausgesetzt.
Methoden: Um ein tieferes Verständnis für die Schlafarchitektur der Seeleute und mögliche Schlafstörungen zu erlangen, kam die Polysomnographie (PSG) erstmalig an Bord von Handelsschiffen bei 19 Seeleuten zum Einsatz. Zudem wurde die objektive Schläfrigkeit mittels Pupillometrie gemessen sowie Fragebögen zur Tagesschläfrigkeit (Epworth Sleepiness Scale (ESS)) und Schlafqualität (Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI)) durchgeführt.
Ergebnisse: Die an Bord initiierten PSGs zeigten Signalqualitäten und Impedanzen, die mit solchen im Schlaflabor vergleichbar sind. Ungewöhnliche Artefakte konnten nicht detektiert werden.
Im Vergleich des Schlafes zwischen Seeleuten und der Normalbevölkerung stellte sich heraus, dass nicht nur die Gesamtschlafzeit an Bord geringer ist, sondern auch Veränderungen im Schlaf hinsichtlich der Makroarchitektur (Verschiebung von Tiefschlafphasen zugunsten von Leichtschlafphasen) sowie der Mikroarchitektur (erhöhter Arousal-Index) auftreten. Zudem zeigten Seeleute ein erhöhtes Risikoprofil für obstruktive Schlafapnoe (OSA).
Die ESS-Auswertungen ergaben, dass 61,1% der Seeleute eine erhöhte subjektive Tagesschläfrigkeit (ESS >5) und 16,7% eine exzessive Tagesmüdigkeit (ESS >10) aufwiesen. Auch die Ergebnisse der Pupillometrie zur objektiven Schläfrigkeit waren mit einem mittleren rPUI von 1,2 (SD 0,7) in beiden Berufsgruppen auffällig (≥1,02 - <1,53), zwei Wachdienstleistende (33,3%) und ein Tagarbeiter (33,3%) waren sogar “unfit for duty“ (≥1,53).
Darüber hinaus wurde bei den Wachdienstleistenden eine signifikant schlechtere objektive Schlafqualität (kürzere TIB (Zeit im Bett) und TST (Gesamtschlafzeit), erniedrigte Schlafeffizienz, erhöhter Schlafstadienwechsel Index sowie Wach Anzahl Index) festgestellt. Im Allgemeinen schliefen Seeleute auffallend oft in Rückenlage.
Schlussfolgerung und Ausblick: Zusammenfassend kann von einer guten Durchführbarkeit und Qualität der Polysomnographie an Bord ausgegangen werden. Eine leicht erhöhte OSA-Prävalenz unter Seeleuten ist wahrscheinlich. Die vermehrte Rückenlage in Kombination mit häufigen Atemaussetzern legt nahe, dass die Vermeidung der Rückenlage (z. B. durch Verwendung eines Schlafrucksacks) als therapeutischer Ansatz für OSA auch bei Seeleuten als kosteneffiziente Option in Betracht gezogen werden sollte.
Herr PD Dr. Marcus Oldenburg PD Dr.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
5
Messmethoden von Fatigue, Schläfrigkeit und Schlafverhalten an Bord von Schiffen: ein systematischer Review (Fiona Kerkamm, Dorothee Dengler, Matthias Eichler, Danuta Materzok-Köppen, Lukas Belz, Felix Neumann, Birgit-Christiane Zyriax, Volker Harth, Marcus Oldenburg)
Hintergrund: Seefahrer sind an Bord extremen Arbeits- und Lebensbedingungen ausgesetzt, woraus unter anderem erhöhte Fatigue, Schläfrigkeit sowie gestörtes Schlafverhalten resultieren kann. Es kamebereits eine Vielzahl von subjektiven sowie objektiven Messverfahren für Fatigue, Schläfrigkeit und Schlafverhalten an Bord von Schiffen zum Einsatz. Eine Zusammenstellung dieser zahlreichen Messverfahren ist im maritimen Kontext bisher nicht erfolgt.
Ziel dieser Übersichtsarbeit war es daher, eine Hilfestellung bei der Auswahl von Messmethoden für zukünftige maritime Studien zu bieten.

Methoden: Im Rahmen des interdisziplinären Projektes „e-healthy ship“ konnten mittels einer systematischen Literaturrecherche von maritimen Feldstudien im Beobachtungszeitraum vom Januar 2010 bis Dezember 2020 mittels der Datenbank PubMed 166 Studien zur Messung von Fatigue, Schläfrigkeit und Schlafverhalten an Bord von Schiffen identifiziert werden.

Ergebnisse: Von den 21 ausgewählten Studien verwendeten 13 sowohl subjektive als auch objektive Messmethoden. Sechs Studien verwendeten lediglich subjektive und zwei Studien ausschließlich objektive Methoden. Für die subjektiven Messungen konnten 12 verschiedene Fragebögen sowie Aktivitäts- und Schlafprotokolle identifiziert werden. Aktigraphie und Reaktionszeittests (RTT) waren die am häufigsten verwendeten objektiven Methoden. In Einzelfällen kam die Elektrookulographie (EOG), Pupillometrie sowie ambulante Polysomnographie (PSG) zum Einsatz. Messbezogene Einschränkungen durch schiffsbedingte Einflüsse (z. B. Lärm, Vibrationen, Schiffsbewegungen) wurden seltener als erwartet angegeben. Einschränkungen des Tagesablaufs an Bord wurden nicht erwähnt und lediglich einzelne Messstörungen durch Schiffsbewegungen beschrieben.

Schlussfolgerung und Ausblick: Zusammenfassend zeigte die systematische Literaturauswertung, dass eine Vielzahl an Messmethoden von Fatigue, Schläfrigkeit und Schlafverhalten an Bord existiert. Eine Kombination aus subjektiven und objektiven Methoden erscheint oft sinnvoll. Bei der Auswahl der Fragebögen sollte insbesondere auf die Unterscheidung zwischen Fatigue und Schläfrigkeit geachtet werden. Der häufige Einsatz von Aktigraphie und RTT an Bord lässt auf eine gute Durchführbarkeit und zuverlässige Messungen mit diesen Methoden schließen. Darüber hinaus legt der bisherige Gebrauch der ambulanten PSG in maritimen Kontexten nahe, dass auch diese Methode an Bord valide durchführbar ist. Es sind jedoch weitere Studien an Bord erforderlich, um die Auswirkungen der maritimen Umgebung auf die Zuverlässigkeit dieser Messmethoden eindeutig bewerten zu können.
Herr PD Dr. Marcus Oldenburg PD Dr.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Fri
25 Mär
10:00 - 11:30
Vorträge
HYBRID: COVID (Gesundheitsberufe)
Room: Hörsaal 6
Submissions:
1
Belastungen von Pflegekräften in Alten-/Pflegeheimen während der SARS-CoV-2-Pandemie – Ergebnisse einer qualitativen Studie (Aline Wege, David Hiss, Anna Hirschmüller, Albert Nienhaus, Stephan Letzel, Elisabeth Diehl)
Einleitung: In Rheinland-Pfalz waren zu Beginn des Jahres 2021 ca. 30% der Covid-19-Todesfälle Bewohner eines Pflegeheims, in anderen Bundesländern waren es bis zu 90%. Die Studie thematisiert die Arbeitssituation, den Umgang mit Bewohnern und Angehörigen, den Gesundheitszustand, die Arbeitszufriedenheit sowie die Vereinbarkeit von Familie- und Berufsleben während der Pandemie aus Sicht von Pflegekräften. Darüber hinaus wird erhoben, welche Maßnahmen getroffen wurden, um mit den Herausforderungen der Pandemie umzugehen.

Methoden: Im Rahmen einer qualitativen Studie wurden zwischen März und Juni 2021 11 Interviews mit Alten-/Pflegekräften aus 9 Einrichtungen in Rheinland-Pfalz durchgeführt. Die Interviews wurden telefonisch/online durchgeführt, aufgezeichnet und transkribiert. Die Auswertung des Textmaterials erfolgte mittels des Verfahrens der qualitativen Inhaltsanalyse.

Ergebnisse: Die durchschnittliche Dauer der Interviews betrug etwa 47 Minuten (Range: 30 – 73 Minuten). Folgende Belastungen von Pflegekräften wurden identifiziert: häufig wechselnde Vorgaben und Regeln, Mehrarbeit durch 1) einen zunehmenden Versorgungsaufwand (u.a. durch Hygieneanforderungen), 2) Personalausfälle (z.B. durch erkrankte Kollegen) sowie 3) neue bzw. veränderte Arbeitsabläufe (z.B. Testungen), Herausforderungen in der Pflege und Betreuung von (insbesondere dementen) Bewohnern, die Isolation/Vereinsamung der Bewohner, welche u.a. durch den Wegfall von Angehörigenbesuchen bzw. anderen sozialen Gruppenaktivitäten durch die Pflegekräfte aufgefangen werden musste, Auseinandersetzungen mit Angehörigen, psychische Belastung (z.B. aufgrund vieler Todesfälle und qualvoller Umstände der Tode) sowie die Angst sich selbst, seine Familie oder die Bewohner zu infizieren.

Schlussfolgerungen: Die Daten geben einen Einblick in die Arbeitssituation von Pflegekräften in Alten-/Pflegeheimen während der SARS-CoV-2-Pandemie in Deutschland. Die Ergebnisse stützen die Befunde kürzlich publizierter Studien [1, 2], sie zeigen darüber hinaus weitere Belastungen auf, die bisher nicht thematisiert wurden. Die Daten der Studie wurden dazu verwendet, einen Fragebogen zu konstruieren, welcher im Rahmen einer quantitativen Studie in Alten-/Pflegeheimen eingesetzt wird. Die Ergebnisse des Projekts tragen dazu bei, Erfahrungen und Maßnahmen abzubilden, die sich im bisherigen Verlauf der SARS-CoV-2-Pandemie bewährt haben, um sie für zukünftig auftretende Krisensituationen zu nutzen.

References

[1] White E. M., Wetle T. F.,Reddy A., Baier R. R. Front-line Nursing Home Staff Experiences During the COVID-19 Pandemic. Journal of the American Medical Directors Association 2021 [cited 2021 Oct 5]; 22(1):199–203. Available from: URL: https://doi.org/10.1016/j.jamda.2020.11.022.
[2] Zhao S., Yin P., Xiao L. D., Wu S., Li M., Yang X., Zhang, D., Liao, L., & Feng, H. Nursing home staff perceptions of challenges and coping strategies during COVID-19 pandemic in China. Geriatric Nursing 2021 [cited 2021 Oct 5]; 42(4):887–93. Available from: URL: https://doi.org/10.1016/j.gerinurse.2021.04.024.
Frau Aline Wege
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
2
COVID-19 bei Beschäftigten in Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege – Daten der BGW (Madeleine Dulon, Johanna Stranzinger)
Hintergrund: Medizinisches und pflegerisches Personal hat ein arbeitsbedingtes Risiko für eine Infektion mit dem „severe acute respiratory syndrome coronavirus 2“ (SARS-CoV-2). Die Daten zum Berufskrankheitengeschehen bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) in 2020 zeigen, dass sich die Zahl der anerkannten Berufskrankheiten (BKen) im Sinne der BK-Nr. 3101 gegenüber dem Vorjahr von 465 auf 12.576 erhöht hat und dies auf Fälle mit COVID-19-Erkrankungen zurückzuführen ist.
Fragestellung: Welche Branchen und Berufsgruppen in Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege sind besonders häufig von berufsbedingten SARS-CoV-2-Infektionen betroffen? Lassen sich für die Versicherten Personen (VP) mit stationärer Behandlung besondere Risikofaktoren identifizieren?
Methode: Datengrundlage waren die Routinedaten der BGW. Einschlusskriterien waren Meldungen eines BK-Verdachts im Sinne der BK-Nr. 3101 mit der geschlüsselten ICD-10-Diagnose „U07.1 COVID-19, Virus nachgewiesen“, die bis zum 31.8.2021 erfasst wurden. VP, deren COVID-19-Erkrankung als Arbeitsunfall anerkannt worden war (32 von 115 meldepflichtigen Fällen), wurden nicht berücksichtigt.
Ergebnisse: Insgesamt 93.137 BK-Meldungen erfüllten die Einschlusskriterien. Bei 76.015 VP wurde die COVID-19-Erkrankung als BK anerkannt (81,6%). Der Frauenanteil lag bei 80%. Zum Zeitpunkt der Infektion waren 53% zwischen 25 und 50 Jahre und 36% über 50 Jahre. Eine pflegerische Tätigkeit übten 70% aus, 6,5% waren in der Kinderbetreuung und 5% als Arzt/Ärztin tätig. Im Branchenvergleich waren Kliniken und Einrichtungen der Altenpflege besonders betroffen (mit 42 bzw. 34 positiven Fällen pro 1.000 Vollbeschäftigte). Eine stationäre Behandlung war bei 1,1% der anerkannten Fälle erforderlich. Getrennt nach Geschlecht zeigte sich hier kein Unterschied. Unter den Fällen mit stationärer Behandlung waren 54% über 50 Jahre alt, 39% zwischen 25 und 50 Jahre und 2% unter 25 Jahre. Bei Berücksichtigung des Geschlechts zeigten sich für die relativen Anteile mit stationärer Behandlung in den beiden älteren Altersgruppen keine Veränderungen; die VP unter 25 Jahre waren alle weiblich. Reha-Maßnahmen wurden bei 1,1% der VP gewährt. Bei den über 50Jährigen lag dieser Anteil bei 1,9%.
Ausblick: Bei VP mit long/post-COVID-19 sind BK-Folgen und langfristige Auswirkungen auf die Erwerbsfähigkeit sowie die Wirksamkeit der Rehabilitationsmaßnahmen zu untersuchen.
Frau Dr. Madeleine Dulon
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)
3
Längsschnittuntersuchung zu Langzeitfolgen von COVID-19 bei Beschäftigten im Gesundheitsdienst (Claudia Peters, Madeleine Dulon, Claudia Westermann, Agnessa Kozak, Albert Nienhaus)
Einleitung
Die SARS-CoV-2-Pandemie hat zahlreiche Infektionen bei Beschäftigten im Gesundheitsdienst und der Wohlfahrtspflege verursacht. Inzwischen mehren sich die Berichte über milde bis schwerwiegende Langzeitfolgen, die nach einer COVID-19-Erkrankung andauern können. Ziel der Studie ist die Erfassung von Erkrankungsverläufen und möglichen Langzeitfolgen von COVID-19.

Methoden
Anfang 2021 wurden ca. 4300 Versicherte der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) mit einer Verdachtsanzeige auf eine beruflich bedingte COVID-19-Infektion angeschrieben. Anhand eines Fragebogens wurden Angaben zu Tätigkeit, Risikofaktoren, Symptomen, zum Gesundheitszustand und persistierenden Beschwerden sowie zur Leistungsfähigkeit und psychischen Gesundheit erhoben. Das Follow-up erfolgte im September.
Die Auswertung der ersten Befragung wird im Folgenden dargestellt, die Ergebnisse für den Follow-up werden bei der Jahrestagung präsentiert.

Ergebnisse
Insgesamt 2052 Versicherte nahmen an der Befragung teil. Die Mehrzahl der Studienteilnehmer war weiblich und übte eine pflegerische Tätigkeit im Krankenhaus oder in der stationären Altenpflege aus. Die meisten COVID-19-Infektionen fanden während der ersten Welle im März/April und der zweiten Welle im Oktober/November 2020 statt. Von Symptomen während der akuten Infektion berichteten 96% und 73% gaben persistierende Symptome zum Zeitpunkt der Befragung an. Schwer ausgeprägte Symptome bestehen auch ein Jahr und länger nach der Infektion. Das betrifft vor allem den Verlust des Geruchs-/Geschmackssinns, Müdigkeit und Erschöpfung, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Kurzatmigkeit sowie Kopfschmerzen. Die aktuelle Arbeitsfähigkeit wurde überwiegend als deutlich schlechter im Vergleich zur Zeit vor der COVID-19-Infektion eingeschätzt. Eine Reha-Maßnahme haben bereits 3% der Befragten durchgeführt und 35% sehen für sich einen Reha-Bedarf.

Schlussfolgerung/Ausblick
Mit dieser Studie soll ein besseres Verständnis über die Erkrankung, deren Schwere und Dauer sowie ihrer Auswirkung auf die Lebensqualität nach einer überstandenen COVID-19-Infektion gewonnen werden. Die Ergebnisse zeigen, dass viele Beschäftigte auch noch längerfristig unter den Folgen leiden und ein hoher Reha-Bedarf besteht.
Frau Dr. Claudia Peters MPH
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
4
Prävalenz von SARS-CoV-2-Infektionen bei Beschäftigten im Krankenhaus - Abschätzung der Risikoverhältnisse von Fachabteilungen mit unterschiedlichen Tätigkeitsprofilen (Jan Felix Kersten, Agnessa Kozak, Claudia Peters, Rita Cranen, Martin Platten, Guido Michels, Albert Nienhaus)
Hintergrund
Für Beschäftigte im Gesundheitswesen besteht ein erhöhtes Risiko sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren. In der Belegschaft eines Krankenhauses der Regel- und Schwerpunktversorgung in Nordrhein-Westfalen wurde zu vier Untersuchungszeitpunkten die Prävalenz von SARS-CoV-2 Infektionen erhoben. Ziel der Untersuchung war es zu prüfen, ob Beschäftigte in Klinikabteilungen mit einem höheren SARS-CoV-2 Expositionsrisiko sich häufiger infizieren als Beschäftigte aus anderen Abteilungen.

Methode
Allen Beschäftigten des Klinikums wurde zu vier Zeitpunkten (April/Mai, September, November/Dezember 2020 und April 2021) ein nasopharyngealer Abstrich und eine Serologie auf SARS-CoV-2 angeboten. Der IgG-Antikörpertest erfolgte mittels Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA) qualitativ auf SARS-CoV-2-Antikörper. Ein IgG-Titer ab 25,6 BAU/ml wurde als positiv bewertet. Mithilfe logistischer Regression wurde untersucht, ob Beschäftigte aufgrund ihres Tätigkeitsfeldes ein unterschiedlich hohes Infektionsrisiko aufweisen. Im Fokus stand insbesondere das Personal der intensivmedizinischen Versorgung (Intensivstation, ZNA, Isolierstation) mit Kontakt zu Patient:innen, die teilweise beatmet wurden, Beschäftigte auf anderen Stationen (d. h. zumeist ohne beatmete Patient:innen) im Vergleich zum nichtmedizinischen Bereich. In den Analysen wurde für den Alters- und Geschlechtseffekt adjustiert.

Ergebnisse
Für die Analyse lagen uns 882 vollständige Datensätze zu Einsatzbereich, Alter, Geschlecht mit zugehörigem Testergebnis vor. Davon waren 117 (13,3 %) Beschäftigte IgG- oder PCR-positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Bei der Untersuchung von Risiko-Verhältnissen zwischen den Stationen, zeigten sich in Bezug auf den nichtmedizinischen Bereich statistisch signifikante Effekte sowohl für Normalstationen mit einer Odds Ratio (OR) von 2,92 (95%-Konfidenzintervall: [1,27; 8,49]; p=0,024) als auch für Stationen mit beatmungspflichtigen Patient:innen (OR=4,42 [1,73; 13,6]; p=0,004]). Es zeigte sich zudem ein statistisch signifikanter protektiver Effekt für männliche Beschäftigte (OR=0,49 [0,25; 0,86], p=0,020).

Schlussfolgerung
Nach Kontrolle für Alter und Geschlecht war das Infektionsrisiko in der Intensivpflege auf mehr als das Vierfache, auf anderen Stationen nahezu auf das Dreifache, erhöht. Dieser Umstand sollte bei der Frage der Anerkennung von COVID-19 als Berufskrankheit berücksichtigt werden.
Herr Dr. Jan Felix Kersten
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
5
COVID-19-assoziierte Hygienemaßnahmen und deren Einfluss auf die Hautgesundheit von Beschäftigten in Pflegeberufen: Ergebnisse einer kontrollierten, prospektiven Interventionsstudie in einem deutschen Krankhaus der Maximalversorgung (Cara Symanzik, Lukasz Stasielowicz, Richard Brans, Christoph Skudlik, Swen Malte John)
Hintergrund: In Deutschland wurden zwischen 12/2020 und 6/2021 über 100.000 Meldungen beruflicher COVID-19 Infektionen bei Beschäftigten im Gesundheitswesen an die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) erstattet, weshalb COVID-19-assoziierte Hygienemaßnahmen (u.a. Steigerung der Handwaschdauer und -frequenz) nochmals verschärft wurden. Pflegende unterliegen generell einem erhöhten Risiko der Entwicklung beruflich bedingter Handekzeme, welches aufgrund der genannten Hygienemaßnahmen nochmals um ein Vielfaches gestiegen ist [1-3].
Zielsetzung: Untersuchung der Auswirkungen COVID-19-assoziierter Hygienemaßnahmen im Gesundheitswesen auf die Häufigkeit von Handekzemen sowie den Effekt von Präventionsmaßnahmen im o.g. Zeitraum.
Methodik: 302 Pflegende aus zwei deutschen Krankhäusern der Maximalversorgung wurden für eine kontrollierte, prospektive Interventionsstudie rekrutiert. Die Interventionsgruppe (IG, n=135) erhielt eine zweiteilige Intervention, die aus einer gesundheitspädagogischen online-Schulung (e-Learning) und der unlimitierten Zurverfügungstellung eines Hautreinigungs- und Hautpflegemittels bestand. Die Kontrollgruppe (KG, n=167) erhielt keine Intervention. Zu Beginn der Studie (T0) und nach 6 Monaten (T2) wurde der Hautzustand der Hände in einer dermatologischen Untersuchung mittels des Osnabrueck Hand Eczema Severity Index (OHSI) beurteilt.
Ergebnisse: Die Drop-out Rate belief sich zu T2 auf 16,9%. Im Beobachtungszeitraum traten innerhalb der IG bei keinem der 115 zu T2 Teilnehmenden und innerhalb der KG bei 12 (8,8%) der 136 zu T2 Teilnehmenden neue Handekzeme auf. Bei gleichem Ausgangsbefund (1,5 Punkte in IG und KG zu T0) zeigte der OHSI zu T2 statistisch signifikant bessere Werte in der IG als in der KG (0,6 Punkte vs. 2,1 Punkte, p<0,001).
Schlussfolgerungen: Durch das Interventionskonzept konnte nicht nur eine Erhaltung, sondern sogar eine Verbesserung des Hautzustandes erreicht werden. Ein zukünftiger Einsatz des Interventionskonzeptes erscheint im Rahmen der Prävention von berufsbedingten Handekzemen bei Pflegenden sinnvoll – besonders vor dem Hintergrund, dass zeitnah nicht mit einer Reduzierung der COVID-19-assoziierten Hygienemaßnahmen zu rechnen ist. Arbeitsmediziner können das in dieser Arbeit erprobte Interventionskonzept im derzeitigen Ist-Zustand in der Praxis etablieren oder entsprechend individueller Bedürfnisse modifizieren und damit einen nachhaltigen Beitrag zur Prävention beruflich bedingter Handekzeme leisten.

References

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Frau Dr. Cara Symanzik
Institut für interdisziplinäre Dermatologische Prävention und Rehabilitation (iDerm) an der Universität Osnabrück
Als Gesundheitswissenschafterin am Institut für interdisziplinäre Dermatologische Prävention und Rehabilitation (iDerm) an der Universität Osnabrück forsche ich zu Themen aus den Bereichen Berufsdermatologie, Präventions-/Präventivmedizin, Gesundheitspädagogik und skin bioengineering.
6
Beschäftigte im Gesundheitsdienst während der Covid-19-Pandemie: Prävalenz von Hautirritationen durch das Verwenden von Schutzausrüstung (Claudia Westermann, Nika Zielinski, Christiane Altenburg, Madeleine Dulon, Olaf Kleinmüller, Albert Nienhaus)
Hintergrund: Zur Prävention von nosokomialen Übertragungen ist im Rahmen der Covid-19-Pandemie eine vermehrte Verwendung von Schutzausrüstung (SA) zum Fremd- und Eigenschutz für Beschäftigte im Gesundheitsdienst (BiG) notwendig geworden. Internationale Studien berichten über Hautirritationen (HI) im Zusammenhang mit dem Tragen von SA bei Gesundheitspersonal [1-3]. Ziel dieser Studie ist, die Prävalenz von HI bei Pflegekräften im Zusammenhang mit dem Tragen von SA während der Covid-19-Pandemie zu untersuchen und Einflussfaktoren sowie Maßnahmen zur Prävention zu identifizieren.
Methode: Es ist eine Studie mit gemischter Methodenanwendung durchgeführt worden. Im ersten Abschnitt ist eine Fokusgruppendiskussion mit Expert:innen des Gesundheitswesens und im zweiten Abschnitt eine Online-Befragung bei Pflegekräften durchgeführt worden. Einflussfaktoren, wie Art der SA, Tragezeit, dermatologische Vorerkrankungen u. a. m. wurden in weiterführenden Analysen untersucht.
Ergebnisse: In diese Auswertung wurden Angaben von 1.559 Pflegekräfte eingeschlossen. Die Prävalenz von dermatologischen Vorerkrankungen lag im Studienkollektiv insgesamt bei 17% und von erstmalig beobachteten HI bei 60%. In 94% der Fälle war mindestens eine Region im Gesicht betroffen. Eine ärztliche Konsultation haben 17% der Betroffenen aufgesucht. Als signifikante Prädiktoren für HI während der Pandemie zeigten sich FFP-Tragezeiten von vier Stunden und länger, das Alter, Geschlecht und vorhandene Kontaktallergien. Als Präventionsmaßnahmen wurden die Einhaltung von Trage- und Pausenzeiten, eine frühzeitige ärztliche Konsultation, mehrtägige Tätigkeitspausen und die Bereitstellung von Hautpflegemittel auch für das Gesicht erfasst.
Diskussion und Fazit: In der untersuchten Stichprobe von Pflegekräften ist die Prävalenz neuer HI durch das Verwenden von SA hoch. Hauptsächlich ist das Gesicht betroffen. Als Prädiktoren erwiesen sich das Alter, Geschlecht, FFP-Tragezeit sowie das Vorhandensein einer Kontaktallergie. Trotz der hohen Betroffenheit ist nur in wenigen Fällen eine ärztliche Sprechstunde aufgesucht worden. Die Ergebnisse stehen im Einklang mit den bisher veröffentlichten Studien. Bei der Interpretation der Ergebnisse muss beachtet werden, dass es sich um Selbstangaben der Befragten handelt und ein Selektionsbias nicht ausgeschlossen werden kann.

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[3] Kiely LF, Moloney E,
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study. Clin Exp Dermatol. 2021;46(1):142-4.
Frau Dr. Claudia Westermann
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)
Thu
24 Mär
15:15 - 16:15
Vorträge
Muskel-Skelett-Erkrankungen
Room: Hörsaal 5
Submissions:
1
Messtechnische Analyse der Körperhaltung und -bewegung beim Aufrüsten von Hämodialysegeräten (Julian Kleyer, Niels Hinricher, Elisabeth Ibenthal, Lorenz Müller, Claus Backhaus)
Jede zweite Dialysefachkraft leidet im Laufe ihres Berufslebens an muskuloskelettalen Beschwerden im Bereich der oberen Extremitäten. Die Inzidenz ist damit doppelt so hoch wie bei Pflegekräften aus anderen Bereichen [1]. Insbesondere das Aufrüsten der Dialysegeräte stellt eine Belastung für das Muskel-Skelett-System dar. Hierbei müssen Dialysefachkräfte ein Schlauchsystem in mehrere Halterungen drücken und verschiedene Schraubverbindungen herstellen. Der Aufrüstprozess variiert jedoch deutlich zwischen den Dialysegeräten verschiedener Hersteller. Ziel dieser Arbeit ist es, die Handgelenkswinkel sowie die Beugung des Rumpfes beim Aufrüsten von sieben verschiedenen Dialysegeräten zu messen und die Gefährdung für muskuloskelettale Beschwerden abzuschätzen.
Die Handgelenksflexion und -extension sowie die Rumpfbeugung wurden für zwei Probanden (P95: 95. Perzentil Körperhöhe Mann und P5: 5. Perzentil Körperhöhe Frau) mit dem Bewegungsanalysesystem MVN Link der Fa. Xsens (Niederlande) erfasst. Zur Beurteilung der aufgenommenen Winkelverläufe wurden diese in neutrale, mittelgrade und endgradige Winkelbereiche entsprechend der „Bewertung physischer Belastungen gemäß DGUV-Informationen 208-033“ eingeteilt [2]. Anschließend wurde die prozentuale Zeit bestimmt, in der sich die Probanden in jedem Winkelbereich aufhielten. Für das Handgelenk wurde zusätzlich der Repetitionsscore bestimmt [3].
Der Proband P95 nahm 32 %, die Probandin P5 nahm 23 % der Aufrüstzeit Körperhaltungen in mittelgradigen und endgradigen Winkelbereichen ein. Zwischen den Dialysegeräten unterschied sich der prozentuale Zeitanteil für mittel- und endgradige Winkelbereiche des Handgelenks zwischen 7 % und 45 %, für die Rumpfneigung zwischen 26 % und 46 %. Der Repetitionsscore lag für beide Probanden im hohen Bereich zwischen 7 und 10.
Die hohe Repetition kann in Kombination mit hohen Hand- und Fingerkräften zu muskuloskelettalen Überlastungen führen. Die Hand- und Fingerkräfte wurden in dieser Studie jedoch nicht berücksichtigt. Weitere Limitationen ergeben sich durch den ausschließlichen Test von neuen Dialysegeräten. Die Probanden waren in die Geräte eingewiesen, rüsten diese jedoch nicht täglich auf. Die Körperbewegungen von geübten Dialysefachkräften könnten somit abweichen.

References

[1]: Westergren E, Ludvigsen MS, Lindberg M. Associations between materials used and work-related musculoskeletal hand complaints among haemodialysis nurses. J RenCare 2020; 46(3):185–92. doi: 10.1111/jorc.12317. 
[2]: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. Belastungen für Rücken und Gelenke - was geht mich das an? Berlin: DGUV Information; 09.2013. (DGUV Information 208-033)
[3]: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. MEGAPHYS: Mehrstufige Gefährdungsanalyse physischer Belastungen am Arbeitsplatz. Berlin: DGUV Report; 11.2020. (DGUV-Report; Bd. 2020,3)
Herr Julian Kleyer
Fachhochschule Münster
2
Ergebnisse der Expertenbefragung zu einer neuen Version eines Fragebogens zur Erfassung von Muskel-Skelett-Beschwerden (NFB*MSB) (Falk Liebers, Marion Freyer, Martina Michaelis, André Klußmann, Andreas Seidler, Maria Girbig, Ute Latza)
Hintergrund: Die valide Erfassung von Muskel-Skelett- Beschwerden ist für eine aussagekräftige Beschreibung der Auswirkungen körperlicher Belastungen im Beruf wichtig. Basierend auf dem Nordic Questionnaire [1] wurde hierfür ein neuer Fragebogen mit der Bezeichnung NFB*MSB entwickelt und vorgestellt [2]. Anliegen des Fragebogens ist, in betrieblichen Befragungen für Körperregionen die 12-Monats- und 4-Wochenprävalenz von Muskel-Skelett-Beschwerden sowie funktionelle Beeinträchtigung standardisiert und einfach zu erfassen. In der hier vorgestellten Expertenbefragung wurde als Ziel die Inhaltsvalidität des Fragebogens NFB*MSB bewertet.
Methoden: Expertinnen und Experten (AK, AS & MG, MM, nn) bewerteten den NFB*MSB schriftlich hinsichtlich inhaltlicher und genereller Aspekte, der Praktikabilität und der formellen Gestaltung. Die schriftlichen Antworten der Expertinnen wurden inhaltlich kategorisiert und die Einschätzung pro bewertetem Aspekt zugeordnet. Hinweise auf Probleme und Vorschläge wurden qualitativ zusammengefasst.
Ergebnisse: Zugestimmt wurde der Auswahl der im NFB*MSB angesprochenen Körperregionen und deren Bezeichnungen, den anatomischen Markierungen sowie der verwendeten 12-Monats- und 4-Wochenprävalenz. Für kurzfristige Beschwerden wurde die Erfassung der 7-Tageprävalenz empfohlen. Der Verwendung der Bezeichnung „Beschwerden“ wurde zugestimmt und differenziertere Schmerzdarstellungen angeregt. Die gewählte Erfassung funktioneller Einschränkungen wurde positiv bewertet, sei aber dichotom nicht ausreichend abgestuft. Der bedingten Erfassung der 4-Wochenprävalenz und funktioneller Einschränkungen wurde zugestimmt, die Gestaltung der Sprungfrage sollte besser gestaltet werden. Angeregt wurde, die Lateralität der Beschwerden in den oberen Extremitäten mit zu erfassen. Modifiziert werden sollte die Erfassung allgemeiner und beruflicher Aspekte. Verständlichkeit, Aufbau, Formulierungen, Länge, Zeitaufwand, formelle und grafische Gestaltung, Darstellung der Körperschemata und Einsetzbarkeit im beruflichen Setting wurden positiv eingeschätzt. In der Gesamteinschätzung des Fragebogens fand das Instrument die Zustimmung der Expertinnen und Experten.
Zusammenfassung: Der neue Fragebogen zur Erfassung von Muskel-Skelett-Beschwerden (NFB*MSB) erfüllt im Rahmen der Bewertung der Inhaltsvalidität durch Experten weitgehend die Erwartungen. Hinweise und Vorschläge der Experten werden in der vorzustellenden überarbeiteten Version des Fragebogens berücksichtigt.

References

[1] Kuorinka I, Jonsson B, Kilbom A,
Vinterberg H, Biering-Sorensen F, Andersson G. et al. (1987). Standardised Nordic questionnaires for the analysis of musculoskeletal symptoms. Appl Ergon, 18(3), 233-237.
[2] Liebers F, Freitag
S, Dulon M & Latza U (2020). Nordischer Fragebogen zu Muskel-Skelett-Beschwerden (NFB*MSB). Dortmund, BAuA.
Herr Dr. med. Falk Liebers MSc.
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Studium Humanmedizin an der Humboldt-Universität zu Berlin (Charité) 1985-1991 Facharztausbildung und Promotion am Institut für Arbeitsmedizin der Charité (1991-1996) Facharzt für Arbeitsmedizin in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Berlin seit 1996 Master of Science in Epidemiology an der Berlin School of Public Health (Charité) 2015
3
Ergebnisse des Pretestes eines Fragebogens zur Erfassung von Muskel-Skelett-Beschwerden (NFB*MSB) im betrieblichen Setting (Marion Freyer, Falk Liebers, Madeleine Dulon, Sonja Freitag, Ute Latza)
Hintergrund: Die standardisierte Erfassung von Muskel-Skelett- Beschwerden ist wichtig für die valide Beschreibung der Auswirkungen physischer Belastungen am Arbeitsplatz. Durch BGW und BAuA wurde dazu eine neue Version des Nordic Questionnaire [1] mit der Bezeichnung NFB*MSB vorgestellt [2]. Dieser neu entwickelte Fragebogen erfasst einheitlich, sprachlich einfach und durch Körperschemata grafisch unterstützt die 12-Monats- und 4-Wochenprävalenz von Muskel-Skelett-Beschwerden und funktionelle Beeinträchtigungen aller Körperregionen. Zielsetzung des Pretests war die Bewertung der Praktikabilität des NFB*MSB (Decken-Boden-Effekte, Prävalenzerfassung, Fragebogenlogik, Verständlichkeit, Bearbeitungsdauer) und die Sammlung von Problemen und Anregungen.
Methoden: Interessierten Personen wurde der NFB*MSB sowie ein Pretest-Fragebogen per Post zugeschickt. Bei Bereitschaft wurde der Fragebogen zur Bewertung der Retest-Reliabilität nach 7-14 Tagen erneut versandt. Die Auswertung erfolgte deskriptiv. Die Übereinstimmung im Test-Retest wurde über ICC bewertet.
Ergebnisse: 82 Probanden (Alter 45.3±11.3 Jahre, 44% Frauen) beteiligten sich an der Erstbefragung, 80 an der Wiederholungsbefragung. 86% der Probanden arbeiteten in Vollzeit, 11% in Teilzeit. Ca. 20% der Probanden waren Sicherheitsfachkräfte. Die 12-Monatsprävalenz, die Angaben zu Limitationen in Beruf oder Freizeit sowie die Monatsprävalenz wurden für alle Körperregionen ohne Decken- oder Bodeneffekte erwartungsgemäß ausgefüllt. Die Fragen nach Limitationen sowie die 4-Wochenprävalenz wurden häufig beantwortet, obwohl bei Nichtvorliegen von Beschwerden in den letzten 12 Monaten keine Antwort erwartet wurde. Für das Ausfüllen wurden zwischen 5 bis 30 Minuten benötigt. Der Fragebogen wurde überwiegend als verständlich, übersichtlich und im Umfang akzeptabel bewertet. Hinweise wurden vorrangig zur fehlenden Möglichkeit der Angabe von Schmerzcharakter, -intensität und -lokalisation, spezieller Körperregionen sowie beruflicher Einflussfaktoren gegeben.
Zwischen Erst- und Zweitbefragung lag die absolute Übereinstimmung (ICC) in Bezug auf die 12-Monatsprävalenz zwischen 67.1% (Fußgelenkbeschwerden) und 88.7% (Kniegelenkbeschwerden).
Zusammenfassung: Der neue Fragebogen zur Erfassung von Muskel-Skelett-Beschwerden (NFB*MSB) erfüllt weitgehend die Erwartungen an Praktikabilität und Retest-Reliabilität. Zu prüfen sind Modifikationen bei Gestaltung der Sprungfrage sowie der Angaben von Schmerzcharakter und -ursache.

References

[1] Kuorinka I, Jonsson B, Kilbom A, Vinterberg H,
Biering-Sorensen F, Andersson G, et al. Standardised Nordic questionnaires for the analysis of musculoskeletal symptoms. Appl Ergon.
1987;18(3):233-237.
[2] Liebers F, Freitag S, Dulon M, Latza U. Nordischer Fragebogen zu
Muskel-Skelett-Beschwerden (NFB*MSB). Dortmund: BAuA; 2020.
Frau Marion Freyer
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
4
Einfluss von gelegentlichem und häufigem Home-Office auf muskuloskeletettale Beschwerden (Jan Patrick Kettschau, Dominique Rodil dos Anjos, Sammy Wrede, Kevin Claaßen, Horst Christoph Broding)
Einleitung:
Die Digitalisierung führt zu Veränderungen der Arbeitswelt mit Folgen für Arbeitsstrukturen, Unternehmenskulturen, Führungskräfte und die Beschäftigten. Die Arbeit unter diesen Umständen so gesundheitsfördernd wie möglich zu gestalten, gehört zu den aktuellen Herausforderungen der Arbeitsmedizin. Die Covid-19-Pandemie erwies sich dabei besonders für die Verlagerung in das Home-Office als starker Treiber.

Gegenstand und Methoden:
Die vorliegende Studie basiert auf einer Online-Befragung, im Rahmen des Projekts "Gesundheit und digitaler Wandel" in Kooperation mit drei Kommunalverwaltungen in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde. 710 Beschäftigte wurden zu arbeitsmedizinischen Aspekten vor Ort und im Home-Office befragt. Die Ergebnisse wurden theoriegeleitet mittels Regressionsmodellen ausgewertet.

Ergebnisse:
Während die bivariate Analyse auf keinen (0,96) Unterschied zwischen Mitarbeitern im Home-Office und vor Ort bezüglich muskuloskelettale Beschwerden hinweist, zeigen multivariate Modelle mit differenziert berücksichtigter gelegentlicher (OR = 0,79) und häufiger (OR = 1,59) Home-Office-Nutzung einen komplexeren Einfluss. Beide Quoten erreichten nicht das Signifikanzniveau. Das Regressionsmodell verbesserte sich im Vergleich zum Nullmodell um 0,07 (McFadden R²).

Fazit:
Die gesundheitlichen Auswirkungen von Home-Office und mobiler Arbeit werden kontrovers diskutiert. Unsere Ergebnisse bekräftigen die Darstellung komplexer Zusammenhänge, die nicht auf Pauschallösungen reduziert werden sollten. Während gelegentliches Arbeiten im Home-Office gesundheitsprotektive Wirkung aufweist, könnte häufige oder dauerhafte Arbeit im Home-Office die Wahrscheinlichkeit muskuloskelettaler Beschwerden erhöhen.
Herr Jan Patrick Kettschau
Thu
24 Mär
11:30 - 12:30
Poster
Ergonomie
Submissions:
1
Daumensattelgelenksarthrose bei einem Gitarrenspieler (Klaus Golka, Martin Weiser, Gabor Szalay, Hans-Martin Prager)
Hintergrund und Zielsetzung: Arthrosen des Daumensattelgelenkes sind, im Gegensatz zu Hüft- und Kniegelenkarthrosen, bislang noch nicht in einem Zusammenhang mit einer langjährigen beruflich bedingten Überlastung gesehen worden. Wir berichten über einen 62 Jahre alten Patienten mit Daumensattelgelenkarthrose, der von Jugend an nebenberuflich als Gitarren- und Orgelspieler tätig war.
Anamnese: Seit dem 25. Lebensjahr nebenberuflich in einer Musikband mit ca. 35 Auftritten pro Jahr als Gitarrist tätig. Ca. 6 Stunden Übungszeit pro Woche. Seit dem 17. Lebensjahr nebenberuflich als Orgelspieler in einer Kirche tätig. Ca. 4 Stunden Übungszeit pro Woche.
Der Patient ist Rechtshänder. Eine berufliche Belastung der linken Hand durch den Hauptberuf liegt nicht vor.
Erste Beschwerden im Bereich der linken Hand im Alter von 62 Jahren. Die rechte Hand ist völlig beschwerdefrei.
Diagnostik, Therapie und Verlauf: Im Alter von 62 Jahren wurde röntgenologisch eine schwere Arthrose des linken Daumensattelgelenkes diagnostiziert, die zunächst konservativ behandelt wurde. Aufgrund therapieresistenter Beschwerden wurde die Indikation zur Operation gestellt.
Um die bestmögliche Beweglichkeit der linken Hand für das Gitarre- und Orgelspiel zu ermöglichen, wurde ein künstliches Daumensattelgelenk implantiert und anschließend eine Physiotherapie durchgeführt. 11 Wochen nach der Operation begann der Patient wieder mit dem Üben mit der Gitarre. Aktuell, d. h. 15 Wochen nach der Operation, kann der Patient eine halbe Stunde Gitarre spielen. Ab der 10. postoperativen Woche spielte der Patient zunächst, wegen der geringen mechanischen Belastung der operierten Hand, Keyboard, und seit der 14. Woche spielt er wieder auf der mechanischen Orgel. Aktuell kann der Patient eine Stunde Orgel spielen.
Schlussfolgerung: In Anbetracht der langjährigen Tätigkeit als nebenberuflicher Gitarrenspieler, bei der durch das ständige Umgreifen des Gitarrenhalses mit der linken Hand das Daumensattelgelenk erheblich beansprucht wird, ist von einer beruflich bedingten Arthrose des Daumensattelgelenkes auszugehen. Eine Berufskrankheitenanzeige erfolgte nicht, da der Patient seine nebenberufliche Tätigkeit als Musiker nicht freiwillig bei der Berufsgenossenschaft versichert hatte.
Herr Prof. Klaus Golka
Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund
2
Studie zu Auswirkungen von Datenbrillen auf Arbeitssicherheit und Gesundheit (ADAG) in der Warenlogistik (Lukas Damerau, Claudia Terschüren, Robert Herold, Daniel Friemiert, Ulrich Hartmann, Volker Harth)
Datenbrillen werden in Unternehmen eingesetzt, um Effizienzsteigerungen und Fehlerreduktionen zu erzielen, indem Informationen monokular im Sichtfeld eines Auges angezeigt oder binokular vor beide Augen projiziert werden und so beide Hände frei sind. Ergebnisse bisheriger Forschung sind noch uneinheitlich und basieren überwiegend auf Laborstudien. Ziel der ADAG-Studie war es, die Auswirkungen auf Augengesundheit, Anwenderfreundlichkeit und die Akzeptanz von Beschäftigten im Arbeitsalltag zu erfassen und zu analysieren.
In diese Längsschnittstudie konnten Beschäftigte aus zwei Unternehmen der Warenlogistik einbezogen werden, die in ihren Arbeitsschichten für 6 Monate eine monokulare Datenbrille genutzt haben. Zu Beginn sowie am Ende dieser Feldphase wurde vor und nach einer Arbeitsschicht u.a. die Sehschärfe im Nah- und Fernbereich (Visus: links, rechts, binokular), sowie die Blendung der teilnehmenden Beschäftigten ärztlich untersucht. Zudem wurden Angaben zur Soziodemografie, Gesundheit, Technikaffinität und Datenbrillenbewertung in einheitlichen Fragebögen erhoben.
Zu T0 konnten in den beiden Firmen n=43 rekrutiert werden, nach 6 Monaten (T1) nahmen nur n=17 Personen erneut teil, u.a. da einige aus den Unternehmen ausgeschieden waren. Es waren relativ junge (MW 39 Jahre), männliche (80 %) und technikaffine Beschäftigte. Diese berichteten nach der Arbeitsschicht einige Einschränkungen: 41% merkten eine zu kleine Abbildungsgröße an, ein Druckgefühl beim Tragen gaben 84% an, schlechte persönliche Einstellungsmöglichkeiten 62%, schlechte Passform 58% und ein eingeschränktes Blickfeld 35%. Zum Zeitpunkt T0 wurde die Datenbrille insgesamt jedoch von 32% positiv bewertet und zu T1 von 56% (p=0,049). Nach den Arbeitsschichten ergaben die Augenuntersuchungen nahezu keine Veränderung der Sehschärfe. Jüngeres Alter (≤40) und das Tragen einer Korrekturbrille hatten einen statistisch signifikanten Effekt für höhere Werte in der Sehschärfe nach der Arbeit.
Die monokulare Datenbrille wurde von diesen überwiegend technikaffinen Beschäftigten insgesamt gut bewertet. Zu prüfen ist, wie die Trageeigenschaften verbessert werden können. Die Aussagekraft der Ergebnisse ist aufgrund der geringen zweiten Teilnahme zu T1 eingeschränkt. Vor der Einführung von Datenbrillen sollten alle Beschäftigten eine augenärztliche Untersuchung erhalten, da jüngere Teilnehmer und solche, die eine Korrekturbrille trugen, nach einer Arbeitsschicht mit Datenbrille besser im Test abschnitten.
Herr Lukas Damerau
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Martime Medizin
3
Ungeeignete, defekte und unpassende Sicherheitsschuhe gefährden die Arbeitsfähigkeit (Jan Spaar, Manfred Betz, Volker Groß, Matthias Hartmann)
Zielsetzung

Viele Beschäftigte tragen zum Schutz ihrer Füße Sicherheitsschuhe. Durch die Innovationen verschiedener Schuhhersteller sind viele Sicherheitsschuhe in den letzten Jahren leichter, modischer und ergonomischer geworden. Inwieweit solche Verbesserungen auch den Sicherheitsschuhträgern zugutekommen, hängt im Wesentlichen davon ab, ob diese, den für die individuellen Bedürfnisse und die Anforderungen des Arbeitsplatzes geeigneten Schuh bekommen.

Methode

305 Sicherheitsschuhträger (35 ± 10,3 Jahre, 84% Männer, 16% Frauen) wurden hinsichtlich Fußfehlstellungen und Beschwerden untersucht. Zudem wurden schuhbedingte Beschwerden erfasst, die Passgenauigkeit überprüft und Funktion und Zustand der Schuhe bewertet.

Ergebnisse
  • 40% der begutachteten Sicherheitsschuhe entsprachen nicht den Vorgaben der DGUV. Häufigste Mängel waren: doppelte Einlegesohlen, defekte Schuhe, nicht baumustergeprüfte orthopädische Einlagen und Zurichtungen.
  • 70% der Sicherheitsschuhträger kannten die benötigte Sicherheitsstufe ihrer Schuhe nicht, entsprechend fiel der Schutz oft zu niedrig oder zu hoch aus.
  • Bei 83% der Sicherheitsschuhträger wurden Fußfehlstellungen diagnostiziert (Senk-/Plattfuß 60%, Knickfuß 40%, Spreizfuß 35%, Hohlfuß 6%, Hallux valgus 5%).
  • Mit Hilfe des Innensohlentest wurde die Passgenauigkeit überprüft. Bei knapp 2/3 der Sicherheitsschuhe (64%) waren die Schuhe zu schmal (33%), zu kurz (19%), zu lang oder zu breit.
  • 38% berichten über Beschwerden in den letzten 12 Monaten: Häufigste Fußbeschwerden waren Schmerzen, Druckstellen und Rötungen. 7% fehlten deshalb am Arbeitsplatz. Auch ein Teil der Knie-, Hüft- und Rückenbeschwerden wurde mit den Sicherheitsschuhen in Verbindung gebracht. Beschwerden traten gehäuft bei Personen mit nicht DGUV-konformen oder nicht passenden Sicherheitsschuhen auf.
  • Die Akzeptanz von Sicherheitsschuhen beim Träger hängt von ihrem Tragekomfort ab. Häufige genannte Defizite waren mangelnde Passgenauigkeit und Bequemlichkeit, Schwitzen und unangenehmer Geruch und ein hohes Gewicht.
Schlussbetrachtung

Obwohl mittlerweile hochwertige Sicherheitsschuhe verfügbar sind, gibt es noch große Defizite bei der Sicherheitsschuhversorgung. Entsprechend finden sich bei vielen Sicherheitsschuhträgern nicht passende und nicht DGUV-konforme Schuhe, die die Wahrscheinlichkeit von Beschwerden und/oder Unfallschäden erhöhen.
Herr Jan Spaar
4
Screening zur Rückengesundheit bei Auszubildenden der grünen Berufe (Manfred Betz, Andrea Engemann, Lucie Preißler, Phuong Thao Vu)
Einleitung
In den sogenannten grünen Berufen sind Muskel- und Skeletterkrankungen, insbesondere Rückenbeschwerden, die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Für eine wirksame Prävention ist es notwendig, die Risikofaktoren zu identifizieren, die die Entstehung von Rückenbeschwerden bzw. deren Chronifizierung begünstigen.

Methodik
Im Rahmen einer Studie zum Gesundheitszustand, zum Gesundheitsverhalten und den Belastungen von Auszubildenden der grünen Berufe wurden 2662 junge Erwachsene (20,13 ± 3,99 Jahre, 76% männlich, 24% weiblich) hinsichtlich ihrer Rückenbeschwerden, ihres Lebensstils sowie ihrer arbeitsspezifischen Belastungen befragt. Die Datenerhebung erfolgte über standardisierte Fragebögen.

Ergebnisse
  • 43% hatten in den letzten 12 Monaten Rückenbeschwerden (davon war mehr als jeder Zweite in Behandlung). Über akute Beschwerden klagen 15%. Mit zunehmender Ausbildungsdauer nimmt die Häufigkeit von Rückenbeschwerden zu.
  • 60% haben Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule, 7% im Bereich der Brustwirbelsäule und 33% im Bereich der Halswirbelsäule.
  • 49% berichten über starke Schmerzen, 40% geben Schmerzen mittlerer und 11% leichter Intensität an.
  • Als belastend am Arbeitsplatz werden Heben und Tragen schwerer Lasten, Zwangshaltungen, Vibrationen, hohe Arbeitsbelastungen, Konflikte mit Vorgesetzten und ein schlechtes Betriebsklima erlebt.
  • Rückenschmerzen korrelieren u.a. mit verschiedenen körperlichen Belastungen, einem reduzierten Wohlbefinden und schlechtem Schlaf.
  • Hohe Belastungen durch schweres Heben und Tragen erleben besonders Garten- und Landschaftsbauer, Pferdewirte und Tierwirte.
Schlussfolgerungen
Wichtigstes Ziel ist es, die Chronifizierung von Rückenschmerzen zu verhindern. Dazu gilt es, Auszubildende mit erhöhtem Risiko frühzeitig zu identifizieren und individuell zu fördern. Allgemein ist es hilfreich, Belastungsspitzen durch ergonomische Verbesserungen und organisatorische Maßnahmen zu reduzieren. Zudem sollte die Erholungskompetenz gefördert werden (z.B. ausgleichende Bewegungs- und Entspannungsübungen, Schlafhygiene).
Herr Prof. Dr. Manfred Betz
Technische Hochschule Mittelhessen
5
Muskuloskelettale Beschwerden und Lebensqualität von Mitarbeitern der Sperrmüllentsorgung – eine Querschnittstudie (Marcial Velasco Garrido, Alexander Kraft, Volker Harth, Alexandra Marita Preisser)
Einführung
Die Stadtreinigung Hamburg (SRH) bietet die Abholung von Sperrmüll direkt aus den Räumlichkeiten von privaten und gewerblichen Kunden an. Die Tätigkeit ist immer mit der manuellen Handhabung von Lasten verbunden, wobei sich nach der Leitmerkmalmethode hohe Belastungen mit hohem Risiko für Überbeanspruchung des muskuloskelettalen Systems ermitteln lassen. Ziel der Studie ist, die Prävalenz von muskuloskelettalen Beschwerden sowie ihr möglichen Zusammenhang mit der Lebensqualität in diesem Kollektiv zu untersuchen.
Methoden
Es wurde eine Fragebogenerhebung unter den Mitarbeitern der Abteilung Sperrmüllabfuhr der SRH im Jahr 2018 durchgeführt. Die 12-Monats-Prävalenz von Rückenschmerzen und von weiteren muskuloskelettalen Beschwerden wurden mit Instrumenten des RKI (Gesundheitssurvey 2003, DEGS) erhoben. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität wurde mit dem EQ-5D-5L -Instrument der EuroQol Gruppe, bestehend aus 5 Domänen und einer visuell-analogen Skala (VAS 0-100), erhoben. Die Gesamt-Lebensqualität wurde mit dem WHOQOL-Bref erfasst (Werte 0-100).
Ergebnisse
Es nahmen 56 Männer an der Befragung teil (Rücklaufquote: 55 %); (Alter: 46,2 SD 10,9 Jahre). Die 12-Monatsprävalenz von Rückenschmerzen von jeder Dauer und Stärke lag bei 70,4%, für Schulterbeschwerden bei 67,3% und für Kniebeschwerden bei 63,6%. Die 12-Monatsprävalenz von chronischen Rückenschmerzen (Dauer ≥ 3 Monate) lag bei 25%, die Lebenszeitprävalenz von chronischen Rückenschmerzen lag bei 29,6%. Jeweils 20,3% wiesen eine gesundheitsbezogene Lebensqualität ohne Einschränkungen oder mit leichten Einschränkungen in der Dimension „Schmerzen“ auf. In der VAS bewerteten 44% ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität mit über 80 Punkten. Die globale Lebensqualität erreichte den Wert 60,5 (SD 21,9). Sowohl die gesundheitsbezogene als auch die globale Lebensqualität waren niedriger bei den Sperrmüllentsorgen mit chronischen Rückenschmerzen im Vergleich zum Gesamtkollektiv.
Diskussion und Schlussfolgerungen
Verglichen mit den Ergebnissen von Bevölkerungssurveys weisen die Sperrmüllentsorger höhere Prävalenzen von muskuloskelettalen Beschwerden und geringere Lebensqualität-Scores auf. Die geringere Lebensqualität kann durch die Prävalenz von muskuloskelettalen Beschwerden zum Teil erklärt werden. Angesichts der hohen ergonomischen Belastungen der Tätigkeit besteht Interventionsbedarf zur Reduktion der muskuloskelettalen Beanspruchung.
Herr Marcial Velasco Garrido M.P.H.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
6
Ergonomischer Vergleich von vier zahnärztlichen Arbeitsplatzkonzepten mit inertialer Bewegungserfassung für Zahnärzt*innen und Zahnmedizinischen Fachangestellte (Daniela Ohlendorf, Laura Maltry, Jasmin Hänel, Fabian Holzgreve, Werner Betz, Christina Erbe, Eileen M. Wanke, Dörthe Brüggmann, Albert Nienhaus, Christian Maurer-Grubinger, David Groneberg)
Hintergrund: Angesichts der hohen Prävalenz von Muskel-Skelett-Erkrankungen bei zahnärztlichem Personal gilt es präventive Lösungsansätze zu finden. In diesem Zusammenhang ist die Anordnung des Inventars in der Zahnarztpraxis ein interessanter Ansatz. Grundsätzlich kann hier zwischen vier verschiedenen zahnärztlichen Arbeitsplatzkonzepten (Konzepte) differenziert werden. Daher ist es das Ziel der vorliegenden Untersuchung, das ergonomische Risiko bei der Arbeit an diesen vier verschiedenen Konzepten zu untersuchen.
Methode: An dieser Untersuchung nahmen 75 Zahnärzt*innen (ZA) (37 m/38 f) und 75 Zahnmedizinische Fachangestellte (ZFA) (16 m/59 f) freiwillig teil. In einer Laborumgebung haben immer ein Team aus ZA und ZFA kooperative Tätigkeiten an einem Phantomkopf durchgeführt. Die Arbeitstätigkeiten an jedem Konzept wurden mit einem inertialen Motion-Capture-System aufgezeichnet. Die resultierenden kinematischen Daten wurden anschließend mit einer automatisierten (modifizierten) Version des Rapid Upper Limb Assessment (RULA) ausgewertet. Es wurden Vergleiche zwischen den Konzepten und zwischen ZA und ZFA je Konzept berechnet.
Ergebnisse: In allen vier Konzepten verbrachten sowohl ZA als auch die ZFA 95-97 % ihrer Arbeitszeit im höchsten möglichen RULA-Score. Im Rumpfbereich war das ergonomische Risiko der Konzepte 1 und 2 sowohl für Zahnärzt*innen als auch für Zahnmedizinische Fachangestellte geringfügig besser, während im Nackenbereich Konzept 4 einen niedrigeren Risikowert für Zahnärzt*innen aufwies.
Diskussion: Das ergonomische Risiko ist bei allen vier Konzepten extrem hoch, während für einzelne Körperbereiche nur leichte Vorteile festgestellt werden konnten. Dabei scheint die Arbeitshaltung eher von der durchgeführten zahnärztlichen Tätigkeit selbst als von den verschiedenen Inventaranordnungen bestimmt zu werden.
Frau Daniela Ohlendorf
7
Effekte eines Hypertrophietrainings als verhaltenspräventive Maßnahme auf muskuloskelettale Beschwerden, die Maximalkraft und das ergonomische Risiko bei Zahnärtz*innen und Zahnmedizinischen Fachangestellten (Fabian Holzgreve, Laura Maltry, Jasmin Hänel, Werner Betz, Christina Erbe, Eileen M. Wanke, Dörthe Brüggmann, Albert Nienhaus, Christian Maurer-Grubinger, David Groneberg, Daniela Ohlendorf)
Einleitung: Bei Zahnärzt*innen (ZA) und Zahnmedizinischen Fachangestellten (ZFA) sind Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) ein häufiges Gesundheitsrisiko. Krafttrainingsprogramme stellen dabei ein vielversprechendes Mittel zur Schmerzreduktion dar. Ziel der vorliegenden Studie war es daher, die Effekte eines speziell für ZA und ZFA konzipiertes rumpforientiertes Krafttraining auf die Schmerzintensität, die Maximalkraft des Rumpfes und die Körperhaltung während zahnärztlicher Behandlungen zu untersuchen.
Methodik: Insgesamt 17 Teilnehmer/innen (3m / 14w) meldeten sich freiwillig für die Teilnahme an dieser Studie. Davon arbeiteten 6 (0m / 6w) Teilnehmerinnen als ZFA und 11 (3m / 8w) als ZA in Deutschland. Das Interventionsprogramm bestand aus 11 Krafttrainingsübungen und die Teilnehmer/innen trainierten 10 Wochen lang 2 Mal pro Woche eine Stunde lang. Als Zielgrößen diente die Schmerzintensität (VAS kombiniert mit einer modifizierten Version des Nordic Questionnaires), die isometrische Maximalkraft (MIF) und der RULA-Score (basierend auf Daten eines inertial motion capture Systems) während eines standardisierten zahnärztlichen Behandlungsprotokolls. Es wurde je nach Verteilung der gepaarte t-Test und der Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test durchgeführt. Das Signifikanzniveau wurde auf α=5% festgelegt.
Ergebnisse: Für jede erhobene Körperregion wurde eine signifikante Reduktion der Schmerzintensität festgestellt: Nacken (p < 0,001), oberer Rücken (p > 0,004), unterer Rücken (p < 0,001) sowie die rechte (p = 0,005) und linke (p = 0,02) Schulter. Die MIF verbesserte sich signifikant in allen Krafttests: Flexion (p = 0,001), Extension (p = 0,004), Lateralflexion rechts (p < 0,001), links (p < 0,001) und Rotation rechts (p = 0,01) und links (p = 0,011). Die Intervention zeigte marginale Auswirkungen auf das ergonomische Risiko, das aus einer kinematischen Bewegungsanalyse abgeleitet wurde. Der Nacken zeigte hier eine signifikante Verbesserung (p = 0,02) und der linke Oberarm eine signifikante Verschlechterung (p = 0,018). Korrelationsanalysen ergaben keine relevanten Signifikanzen zwischen der Schmerzintensität und der MIF bzw. der RULA-Werte.
Diskussion: Ein zehnwöchiges Krafttrainingsprogramm bei ZA und ZFA hatte signifikante Auswirkungen auf die Reduktion der Schmerzintensität und der MIF der Rumpfmuskulatur und eignet sich daher als verhaltenspräventive Maßnahme gegen MSE in der Zahnmedizin. Da Verbesserungen der Rumpfkraft eher geringe Auswirkungen auf die Körperhaltung bei zahnärztlichen Behandlungen zu haben scheinen, wird das ergonomische Risiko mutmaßlich durch andere Faktoren, wie beispielsweise die Gestaltung der zahnärztlichen Behandlungseinheit bestimmt.
Herr Fabian Holzgreve
Goethe Universität Frankfurt, Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
8
Messtechnische Analyse der Belastung des Hand-Arm-Systems durch Druckkräfte beim Aufrüsten von Hämodialysegeräten (Chris Schröer, Niels Hinricher, Elisabeth Ibenthal, Lorenz Müller, Claus Backhaus)
Dialysefachkräfte leiden etwa doppelt so häufig an muskuloskelettalen Beschwerden im Bereich der oberen Extremitäten wie Pflegekräfte aus anderen Disziplinen [1]. Insbesondere das Aufrüsten der Hämodialysegeräte wird als belastend für das Hand-Arm-System wahrgenommen. Hierbei müssen mehrmals täglich Schlauchsysteme in verschiedene Halterungen am Hämodialysegerät befestigt werden. Ziel dieser Untersuchung ist es, die Belastung des Hand-Arm-Systems beim Aufrüsten von Hämodialysegeräten zu quantifizieren und die Gefährdung einer muskuloskelettalen Erkrankung abzuschätzen.
Zur Belastungsquantifizierung wird die benötigte Kraft gemessen, die Dialysefachkräfte aufbringen müssen, um ein Schlauchsystem an einem Hämodialysegerät anzubringen. Hierfür werden die Aufrüstvorgänge von sieben Hämodialysegeräten in einzelne Handlungsschritte unterteilt und Greifarten nach DIN EN 894-3:2000 [2] zugeordnet. Mittels eines mit FSR-Sensoren (Force-Sensing-Resistor) instrumentalisierten Messhandschuhs werden die Kräfte pro Handlungsschritt erfasst. Die gemessenen Kräfte werden mit den greifartspezifischen Grenzwerten des Montagespezifischen Kräfteatlas der BGIA (2009) [3] verglichen. Die Grenzwerte werden mit einem Korrekturfaktor für das Alter (0,8 für Beschäftigte über 60 Jahre) und für das Geschlecht (0,65 für weibliche Beschäftigte) angepasst.
Die gemessenen Fingerkräfte liegen zwischen 5 und 90 N. Die größten Kräfte entstehen beim Schließen von Schlauchklemmen. Bei allen sieben Hämodialysegeräten überschreitet mindestens ein Handlungsschritt die gewichteten Grenzwerte. Bei drei Hämodialysegeräten überschreiten vier oder mehr Handlungsschritte die gewichteten Grenzwerte.
Insgesamt ist die Belastung der Hände durch die aufzubringenden Kräfte als gering bis moderat einzustufen. Gestaltungsmaßnahmen sollten insbesondere bei Schlauchklemmen geprüft werden. In dieser Studie wurden nur neue Modelle von Hämodialysegeräten getestet. In weiteren Studien sollten insbesondere ältere Hämodialysegeräte betrachtet werden, die immer noch auf dem Markt vertreten sind.

References

[1]: Westergren E, Ludvigsen MS, Lindberg M. Associations between materials used and work-relatet musculoskeletal hand complaints among haemodialysis nurses. J Ren Care 2020; 46(3):185-92. doi: 10.1111/jorc.12317 .
[2]: DIN EN 894-3:2000. Sicherheit von Maschinen - Ergonomische Anforderungen an die Gestaltung von Anzeigen und Stellteilen - Teil 3: Stellteile (EN 894-3:2000).
[3] Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. Der montagespezifische Kraftatlas. Sankt Augustin BGIA; 2009. (BGIA-Report, Bd. 2009,3).
Herr Chris Schröer
FH Münster, Zentrum für Ergonomie und Medizintechnik
Thu
24 Mär
08:30 - 10:00
Vorträge
Umwelteinflüsse am Arbeitsplatz
Room: Hörsaal 5
Submissions:
1
Wirkung und Bewertung von Gerüchen an Innenraumarbeitsplätzen (Kirsten Sucker, Simone Peters, Yvonne Giesen)
Zielsetzung
Immer wieder sind Gerüche Anlass für Beschwerden und lösen bei den Beschäftigten Besorgnis über eine Beeinträchtigung ihrer Gesundheit aus. Messungen von Stoffen in der Raumluft und die Bewertung anhand von Richt- oder Referenzwerten sind oft nicht zielführend. Die Konzentrationen sind häufig so niedrig, dass sie analytisch nicht quantifiziert werden können. Daher haben das Institut für Arbeitsschutz (IFA) und das Institut für Prävention und Arbeitsmedizin (IPA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung ein Projekt zur Untersuchung der Wirkung und Bewertung von Gerüchen an Innenraumarbeitsplätzen durchgeführt.

Methoden
In einer Pilotstudie wurde ein Fragebogen zur Erhebung der Nutzerzufriedenheit mit der Luftqualität an Büroarbeitsplätzen entwickelt und evaluiert. In der Hauptstudie wurden 131 Befragungen in Büroräumen ohne bekannte Innenraumprobleme, verifiziert durch Messungen von flüchtigen organischen Verbindungen (volatile organic compounds, VOC), Aldehyden und Kohlenstoffdioxid (CO2) sowie von Lufttemperatur und -feuchte, durchgeführt und die Häufigkeit von Beschwerden über Raumklima, gesundheitliche Beschwerden und Angaben zur Geruchswahrnehmung und Geruchsbelästigung ermittelt.

Ergebnisse
Nach der Plausibilitätsprüfung und Anwendung der Ausschlusskriterien konnten 75 Fragebögen ausgewertet werden. Die Stichprobe umfasste 34 Männer und 41 Frauen im Alter von 21 bis 64 Jahren. In Büroräumen ohne bekannte Innenraumprobleme war „Lärm“ mit 13 % der am häufigsten genannte störende Faktor der Arbeitsumgebung, gefolgt von „trockener Luft“ (12%). Zu den am häufigsten genannten gesundheitlichen Beschwerden gehören „Müdigkeit“ (15 %) und „Kopfschmerzen“ (9 %).

Umsetzung
Die Ergebnisse dienen als Vergleichswerte aus einer nicht belasteten, Referenzpopulation zur Objektivierung von Befindlichkeitsstörungen und Beschwerden über Geruchsbelästigungen. Eine Beschwerderate von mehr als 20 % wird als erhöht angesehen und rechtfertigt weitere Untersuchungsschritte. Das Ergebnis des Projekts ergänzt den DGUV Report „Innenraumarbeitsplätze – Vorgehensempfehlung für die Ermittlungen zum Arbeitsumfeld“. Der Fragebogen inkl. einer Anleitung zur Auswertung wird im IFA „Innenraumportal“ (https://www.dguv.de, webcode:d6274) zur Verfügung gestellt.

References

[1] Sucker K, Peters S, Giesen Y. IPA/IFA-Projekt: Wirkung und Bewertung von Gerüchen an Innenraumarbeitsplätzen. Gefahrstoffe - Reinhalt. Luft 81 (2021) Nr. 5/6, S. 199-202.
Frau Dr. Kirsten Sucker
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität-Bochum (IPA)
2
Erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Umweltreizen und ihr Zusammenspiel mit der objektiven Umwelt: Einfluss auf Wohlbefinden und Wahrnehmung und Bewertung verschiedener Luftqualitäten (Anna Reichherzer, Britta Herbig)
Hintergrund: Eine schlechte Luftqualität im Innenraum kann für Personen mit einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Umweltreizen zu starken Beeinträchtigungen führen. Jenseits klinischer Phänomene wie MCS ist anzunehmen, dass auch in der Normalbevölkerung viele Personen verstärkt auf ihre Umwelt reagieren. Für MCS ist bekannt, dass Betroffene auch Gerüche intensiver wahrnehmen und diese oft als weniger angenehm bewerten. Außerdem wirkt sich eine erhöhte Umweltsensitivität (US) auf das generelle Wohlbefinden aus. Unklar bleibt allerdings, wie reale Umweltbedingungen und erhöhte Empfindlichkeit interagieren und inwieweit bereits bei nur leicht erhöhter Sensitivität Effekte zu beobachten sind.
Methoden: In einem 2 (niedrige/höhere US) x 3 (gute/mittlere/schlechte Luftqualität) Design mit Daten zweier randomisiert kontrollierter Studien wurden die Teilnehmer für 3,5 Stunden in simulierten Flügen gegenüber CO2, VOC und Luftdruck exponiert. US wurde anhand der Skala zur Chemischen Geruchssensitivität (dichotomisiert bei insgesamt sehr niedrigen Werten) bestimmt. Zweimal wurden das momentane Wohlbefinden anhand der Basler Befindlichkeitsskala (Vitalität, intrapsychischer Gleichgewichtszustand, soziale Extraversion, Vigilanz) und Komfortempfinden bzgl. Luftqualität, Temperatur und Luftbewegung erfasst. Am Ende der Exposition wurde die wahrgenommene Geruchsintensität und Akzeptanz der Luftqualität gemessen.
Ergebnisse: Insgesamt wurden 503 Personen in die Analyse eingeschlossen (221 Frauen, 282 Männer, Alter: M=42,8, SD=14,5). Alle Haupteffekte der US konnten mittels ANCOVA mit Messwiederholung in erwarteter Richtung bestätigt werden: Personen mit erhöhter US bewerteten Luftqualität, Temperatur, Luftbewegung und Geruchsintensität als schlechter im Vergleich zu Personen mit niedriger Umweltsensitivität (ηp²=.006-.021). Außerdem gaben Personen mit erhöhter US in allen vier Subskalen ein schlechteres Wohlbefinden an (ηp²=.011-.066). Ausschließlich für das intrapsychische Gleichgewicht zeigte sich eine signifikante Interaktion zwischen US und Exposition (ηp²=.013).
Diskussion: Selbst eine geringfügig erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Umweltreizen hat einen negativen Einfluss auf das Wohlbefinden der Betroffenen und die Bewertung der Luftqualität. Die negativen Auswirkungen verstärken sich nicht mit Dauer oder Höhe der Exposition. Da Betroffene einige Symptome und Einschränkungen zeigen, sollte das Thema einer erhöhten Umweltsensitivität mehr Beachtung finden.
Frau Anna Reichherzer
LMU Klinikum Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
3
Measurements of the effect of natural elements on the indoor climate in a real office environment (Janine Bardey, Marcel Schweiker)
The physical room conditions in buildings are important for user satisfaction, well-being, health and performance. In addition to the parameters of temperature and humidity, other values such as the concentration of CO2 and volatile organic compounds, as well as bacteria and fungal spores, are relevant. To ensure air quality, a ventilation concept can be used relying on natural or mechanical ventilation or a combination of both. One approach to reduce the technical and energetic effort is to integrate plants and other natural elements, such as flowing water, into these concepts (hereafter natural elements). Research on plant-based systems has evolved from studying the effects of individual potted plants to complex plant-based filtration systems. However, the effects of natural elements in complex and real-world environments on indoor air quality needs to be quantified in detail to gain information about general effects and transferability to other buildings and models. Therefore, further research is needed on the interaction of natural elements with and in a real environment. At the same time methodological challenges arise in such field settings ,including, identifying environments meeting the measurement requirements, user monitoring, outdoor parameters like weather. Therefore, this study presents and discusses a method to quantify the effect of natural elements on the above listed parameters.
For the purpose of this study, the pandemic situation during which many people worked in home offices, provided a unique opportunity to take measurements in vacant parts of buildings that have not been in everyday use for a while. Consequently, four possible combinations with and without the presence of users, and with and without natural elements, were investigated and compared. The measurements were carried out in an office environment over a period of 6 weeks. Measurements included permanent monitoring of temperature, relative humidity and CO2 concentration, as well as selective sampling to investigate chemical and biological air quality.
Overall, a significant effect of natural elements on humidity was observed. Effects on CO2 and chemical air composition can be found in literature, but could not be proven during this study. These results can partly be attributed to the setting and unexpected user activities during the measurement periods. Further analysis of the advantages and disadvantages of the developed method will be discussed at the 2022 DGAUM meeting.
Frau Janine Bardey
Lehr- und Forschungsgebiet Healthy Living Spaces Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Universitätsklinikum Aachen
4
The effect of cool and warm thermal conditions during working hours on social disconnection (Rania Christoforou, Hannah Pallubinsky, Janine Bardey, Kai Rewitz, Mahmoud El-Mokadem, Tobias Burgholz, Dirk Müller, Marcel Schweiker)
Thermal conditions can differ significantly between the different work environments, but also due to seasonal influences. This difference in thermal conditions may have an impact on psychosocial aspects, which are rarely taken into consideration. According to the social thermoregulation theory, people organize their relationships around the regulation of their body temperature. A growing body of evidence suggests that people turn to others to help them regulate their body temperature when the outside conditions are cool. However, to our knowledge, there are no studies investigating the effects of temperature in a work environment on the level of social connectedness employees feel with other people after a day of work in a warm or cool environment.
To address this gap in literature, 31 gender-balanced participants (n = 18: 20-35 years and n= 13: 50-70 years) were recruited and each exposed to a warm condition (28˚C) and a cool condition (21˚C) in a simulated office environment in balanced order. Participants were exposed to both conditions at a different day (gap between days of at least one day for washout) and were asked to remain in the temperature-controlled environment for eight hours (between 9am and 5pm). The temperature of the room was monitored throughout the process. Possible social consequences arising from a day at work under both of these conditions were assessed through a series of questionnaires, investigating participants’ levels of social disconnection and empathy before and after both testing days.
Preliminary results indicate that participants exposed to the cool condition reported reduced levels of social disconnection at the end of the testing day, compared to their baseline data. In contrast, the same participants reported higher levels of social disconnection at the end of the testing day, when exposed to the warm condition. Their empathy levels remained the same before and after the testing days for both conditions. This was expected since empathy forms a core aspect of social cognition, developed from early childhood and more effort is needed to modify it. Therefore, the outcomes of this study suggest that thermal conditions can influence people’s levels of disconnection from other people, which could have consequences both within a work environment and in private life. Definite results and implications of these outcomes, along with recommendations for further research, will be discussed at the conference.
Frau Dr. Rania Christoforou
Research and Teaching Area Healthy Living Spaces, Institute for Occupational, Social and Environmental Medicine, Medical Faculty, RWTH Aachen, Germany
5
Menschliche Detektionsschwellen elektrischer Gleich-, Wechsel- und Hybridfelder (Michael Kursawe, Dominik Stunder, Thomas Krampert, Andrea Kaifie, Sarah Driessen, Thomas Kraus, Kathrin Jankowiak)
Hintergrund
Durch die im Zuge der Energiewende laufende Umstellung der elektrischen Energiesysteme werden die Übertragungskorridore häufig auf höhere Spannungen und andere Technologien umgestellt, was die Qualität der menschlichen Exposition beeinflusst. Die Studie zielt darauf ab, die menschlichen Detektionsschwellen für elektrische Gleich- (Engl. Direct current; DC), Wechsel- (Engl. Alternating Current; AC) und Hybridfelder (verschiedene DC-Felder; konstantes AC-Feld) zu bestimmen [1].
Methode
Insgesamt n = 203 Probanden (nweiblich = 100, nmännlich = 103) aus vier Altersklassen zwischen 20 und 79 Jahren wurden in einem hochspezialisierten Ganzkörperexpositionslabor in einer doppelblinden Versuchsanordnung mit elektrischen Gleich-, Wechsel- und Hybridfeldern (Engl. Electric Field; EF) exponiert. Zusätzlich wurden Probanden in einem Teil der DC- und Hybrid-Sitzungen mit verschiedenen Ionenstromdichten exponiert. Um Umwelteinflüsse zu untersuchen, wurde die relative Luftfeuchtigkeit in zwei Subgruppen während der EF-Wahrnehmung von 50% auf 70% erhöht (n = 25) oder auf 30% (n = 24) verringert. Methoden, der Signalentdeckungstheorie und ein adaptives, sog. Staircase-Verfahren wurden verwendet, um die individuelle Empfindlichkeit bzw. die Detektionsschwellen zu ermitteln. Probanden wurden mit elektrischen Feldern der Stärke zwischen 2 und 44 Kilovolt pro Meter (kV/m) exponiert.
Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen, dass die Detektionsschwelle für DC EF unter Hybridbedingungen mit 6,76 kV/m (+ 4 kV/m AC) signifikant niedriger ist als für einzelne DC EF (18,69 kV/m). Die Ionenstromexposition verstärkt die Wahrnehmung von DC EF oberhalb von 22 kV/m signifikant. Darüber hinaus erleichtert eine hohe relative Luftfeuchtigkeit die Wahrnehmung von DC EF, während eine niedrige relative Luftfeuchtigkeit die Wahrnehmung von AC EF begünstigt.
Schlussfolgerung
Mit dieser systematischen Untersuchung der menschlichen Wahrnehmung von DC-, AC- und hybriden EF werden Detektionsschwellen bereitgestellt, die zur Verbesserung der Konstruktionsprozesse von Energieübertragungssystemen und zur Vermeidung unerwünschter Sinneswahrnehmungen beitragen können. Hierbei wurde erstmals unter kontrollierten Bedingungen der synergetische Effekt von DC- und AC Feldern unter Hybridbedingungen auf die menschliche Wahrnehmung gezeigt. Dies sollte zukünftig bei der Bestimmung von Grenzwerten berücksichtigt werden.

References

[1]       Kursawe M, Stunder D, Krampert T,
Kaifie A, Drießen S, Kraus T, et al. Human detection thresholds of DC, AC, and
hybrid electric fields: a double-blind study. Environ Heal. 2021;20(1):92. https://doi.org/10.1186/s12940-021-00781-4.
Herr Dr. Michael Kursawe
Uniklinik, RWTH Aachen
6
Die Umstellung zwischen Sommer- und Winterzeit: Herausforderungen der Beurteilung eines „Umweltexperiments“ (J. Valérie Groß, Anke Hurst, Ursula Wild, Judith Mohren, Thomas C. Erren)
Hintergrund:
Zweimal im Jahr erfolgt in rund 70 Ländern weltweit eine Umstellung zwischen Sommer- und Winterzeit. Diese Umstellungen werden sowohl aus medizinischer als auch ökologisch-ökonomischer Sicht kritisch diskutiert. Aus medizinischer Sicht stellt sich die Frage, ob Umstellungen mit Risiken für die Gesundheit des Menschen einhergehen.

Methoden:
In fünf medizinischen Datenbanken wurde eine systematische Literaturrecherche zum Zusammenhang der Zeitumstellung zwischen Sommer- und Winterzeit und kurzfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit und das Verhalten des Menschen durchgeführt.

Ergebnisse:
Die halbjährliche Zeitumstellung kann wie ein großes „Umweltexperiment“ verstanden werden, das in einer Vielzahl von Studien mit unterschiedlichsten Endpunkten untersucht wurde. Besonders bezüglich der Umstellung im Frühjahr gibt es Hinweise auf negative Auswirkungen; dennoch erlauben die Ergebnisse keine abschließende Antwort auf die Fragen, ob und wie eine Zeitumstellung sich negativ auf die Gesundheit auswirkt. Dies mag u.a. aus der Heterogenität der Studienendpunkte resultieren und mit zahlreichen weiteren Einflussgrößen – wie z.B. der Veränderung einzelner Lichtparameter, des Schlafes oder des Verhaltens – assoziiert sein.

Schlussfolgerung:
Die große Anzahl an Menschen, die von einer Zeitumstellung betroffen sind und die zahlreichen untersuchten, möglichen Auswirkungen zeigen, wie relevant die Diskussion über potenzielle Risiken der Zeitumstellung ist. Die vorliegenden Studien zu kurzfristigen gesundheitlichen Auswirkungen sind jedoch für belastbare Risikoeinschätzungen nicht ausreichend. Letztlich sollten derzeit uneindeutige Ergebnisse im Kontext weiterer Aspekte, insbesondere in Bezug auf langfristige oder ökologische Effekte, erforscht und diskutiert werden.
Herr Univ.-Prof. Dr. med. Thomas C. Erren M.P.H.
Uniklinik Köln
Thu
24 Mär
14:30 - 15:15
Vorträge
Digitalisierung in der Arbeitswelt
Room: Hörsaal 6
Submissions:
1
Technostress im Handwerk – Entwicklung eines deutschsprachigen Fragebogens im Rahmen einer mixed-method Studie (Louisa Scheepers, Nico Dragano, Peter Angerer)
Scheepers L1, Dragano N2, Angerer P1
1 Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf; 2 Institut für medizinische Soziologie, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Hintergrund: Digitalisierung und die damit verbundenen neuen und veränderten Belastungssituationen machen auch vor dem Handwerk nicht halt. Bisher existieren kaum Daten zu den gesundheitlichen Folgen für die Handwerkenden. Eigene qualitative Untersuchungen Handwerk deuten darauf hin, dass der Umgang mit neuen Technologien als stressig und belastend empfunden wird, und Technostress ein erhebliches Thema für das Handwerk darstellt. Um diese Erkenntnisse für Handlungsempfehlungen der Gesundheitsförderung z. B. im Umgang mit Technostress nutzen zu können, ist es entscheidend, diese in einer größeren Stichprobe zu quantifizieren. Ein entsprechendes Fragebogeninstrument fehlt bisher. Ziel dieser Arbeit ist daher die systematische Entwicklung eines Fragebogens zur Erfassung von Technostress im Handwerk.
Methode: Für die Entwicklung des Fragebogens wurde ein mehrstufiges Vorgehen durchlaufen, bei dem die Ergebnisse der vorangegangenen Interviewanalysen zur Wahrnehmung von Digitalisierung und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Gesundheit die Grundlage bildeten. In der Literatur wurde nach evaluierten Fragebögen zum Thema Technostress recherchiert sowie diese inhaltlich und methodisch bewertet. Die identifizierten Items wurden dann mit den Ergebnissen der Interviewanalysen abgeglichen, umformuliert und neue Items für nicht abgedeckte Themen konstruiert. Im Weiteren wurde die Liste der erarbeiteten Items im Rahmen von sechs kognitiven Interviews mit Handwerkenden auf ihre Verständlichkeit und Zweckmäßigkeit untersucht. Identifizierte Unstimmigkeiten wurden in einem letzten Schritt überarbeitet.
Ergebnisse: Es ergibt sich eine Itemsammlung zum Thema Technostress, bestehend aus 11 Themenbereichen wie Arbeitsplatzüberwachung, technologisches Know-How, Entgrenzung von Beruf- und Privatleben, Zeit- und Leistungsdruck oder Teilhabe am Transformationsprozess. Die darin enthaltenen 44 Items gehen auf die in umfassenden Studien erforschten Auslöser für Technostress wie Überlastung, Entgrenzung oder Arbeitsplatzüberwachung durch Technologie zurück und ergänzen diese u.a. durch den Themenbereich der Arbeitsplatzüberwachung durch den Kunden.
Diskussion: Bei dem entwickelten Fragebogen zum Thema Technostress handelt es sich um den ersten deutschsprachigen Fragebogen zu Technostress. Aktuell ist dieser auf den Einsatz im Handwerk zugeschnitten und bietet die Möglichkeit, die bisherigen qualitativen Ergebnisse zu quantifizieren.
Frau Louisa Scheepers
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
2
Brave new work? Effects of work with digital technologies on stress, chronic low-grade inflammation and health sequelae: A prospective study among healthcare employees (Helena Kaltenegger, Birgit Schmuck, Linda Becker, Nicolas Rohleder, Dennis Nowak, Matthias Weigl)
The adoption of new technologies in the healthcare sector brings vast opportunities, but has also been associated with stress experience. Research on technostress [1] has been rapidly increasing and has been linked to negative outcomes including reduced employee wellbeing and performance [2]. However, research on the physiological effects of the omnipresence of digital technologies (DT) is scarce. Chronic (work) stress exposure has been associated with sustained low-grade inflammation, which is discussed as a key pathway in the development of long-term diseases [3-5]. The aim of this study is to investigate associations between DT-related job stressors, stress reactions and further psychophysical health sequelae among healthcare employees.
We established a cohort study using a prospective cross-lagged panel design with 3 measurement time points (baseline, 6 and 12 months) at a university hospital. Based on a power-analysis, a target sample size of N=187 participants will be included in this multi-source study consisting of standardized questionnaires and biomarker measurements. As predictors, data are collected on participants’ work-related DT use and DT-related stressors (eg interruptions, information overload). As outcomes, self-reported psychological, psychosomatic and behavioral sequelae, work ability and job satisfaction are measured. In addition, blood samples are collected for C-reactive protein (CRP) and hair samples for cortisol. As control variables, psychosocial work factors (eg workload, autonomy) and various sociodemographic, health- and employment-related variables are surveyed. Linear regression analyses will be used based on the first study wave.
Following a successful pilot run, the first wave of data collection is completed. The current sample (N=222) consists mainly of caregivers and physicians (~80% female). Effect sizes of associations of DT-related job stressors with CRP and cortisol as well as with survey outcomes will be calculated in crude and adjusted models. Moreover, we will test for moderating effects of psychosocial work factors.
To our knowledge, this is the first prospective study on job stress associated with DT and chronic low-grade inflammation [6]. The initial cross-sectional analysis of the first wave will provide insights into potential detrimental health effects of work-related DT use. A better understanding of psychophysiological effects of technostress is crucial for workplace design and behavioral prevention measures.

References

References
[1]  Brod C.
Managing technostress: Optimizing the use of computer technology. The
Personnel Journal 1982; (61(10)): 753–7.

[2]  La Torre G,
Esposito A, Sciarra I, Chiappetta M. Definition, symptoms and risk of
techno-stress: a systematic review. Int Arch Occup Environ Health 2019; 92(1):
13–35
[https://doi.org/10.1007/s00420-018-1352-1][PMID: 30196317]

[3]  Segerstrom SC,
Miller GE. Psychological stress and the human immune system: a meta-analytic
study of 30 years of inquiry. Psychol Bull 2004; 130(4): 601–30
[https://doi.org/10.1037/0033-2909.130.4.601][PMID: 15250815]

[4]  Wright BJ, Eddy
PJ, Kent S. Work Stress, Immune, and Inflammatory Markers. In: Theorell T,
editor. Handbook of Socioeconomic Determinants of Occupational Health. Cham:
Springer International Publishing 2020; 1–19.

[5]  Couzin-Frankel
J. Inflammation bares a dark side. Science 2010; 330(6011): 1621
[https://doi.org/10.1126/science.330.6011.1621][PMID: 21163993]

[6]  Kaltenegger HC,
Becker L, Rohleder N, Nowak D, Weigl M. Associations of working conditions and
chronic low-grade inflammation among employees: a systematic review and
meta-analysis. Scand J Work Environ Health 2021
[https://doi.org/10.5271/sjweh.3982][PMID: 34523689]
Frau Helena Kaltenegger
3
Identifizierung und Beschreibung einer Gruppe „digital Gestresster“ (Sammy Wrede, Kevin Claaßen, Horst Christoph Broding)
Die Digitalisierung bringt neue Anforderungen an gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen mit sich. Am Lehrstuhl für Arbeitsmedizin und betriebliches Gesundheitsmanagement der Universität Witten/Herdecke und in Kooperation mit dem Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes NRW, wurden Nachforschungen zu digitalem Stress in der öffentlichen Verwaltung angestellt, deren Erkenntnisse zur Prävention gesundheitsschädigender und destruktiver Arbeitsbedingungen beitragen [1].
Während die Digitalisierung der Arbeitswelt voranschreitet, verändern sich die Anforderungen an die Beschäftigten. Dies gilt nicht zuletzt für das Umfeld der öffentlichen Verwaltungen in Deutschland, das derzeit von der Transformation zu E-Government betroffen ist. Ziel der Studie ist es, ein Risikocluster digital gestresster Beschäftigter in diesen Verwaltungen zu identifizieren und zu beschreiben. Eine Online-Stichprobe von 710 Beschäftigten aus drei öffentlichen Verwaltungen in Nordrhein-Westfalen wurde zu digitalem Stress (7 Items) und verschiedenen potenziellen Risikofaktoren (19 Items) befragt, die aus der aktuellen Forschung abgeleitet wurden. In einem ersten Schritt wird eine hierarchisch-agglomerative Clusteranalyse durchgeführt, um die Risikocluster zu ermitteln. Im Anschluss daran erfolgt ein Vergleich mit der Gruppe der übrigen Beschäftigten hinsichtlich der Risikofaktoren. Die Analyse zeigt, dass das Cluster der digital Gestressten rund zehn Prozent der Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung in der Gesamtstichprobe ausmacht. Beschäftigte im Risikocluster sind insgesamt weniger zufrieden mit der Arbeit vor Ort, erleben weniger kollegiale Unterstützung vor Ort, erleben weniger kollegiale Unterstützung im Homeoffice, resignieren häufiger, fühlen sich eher überfordert, sind weniger gebildet, sind älter und haben häufiger pflegebedürftige Angehörige.
Mit dieser Arbeit ist es gelungen, eine Gruppe von digital gestressten Beschäftigten in öffentlichen Verwaltungen zu identifizieren und zu beschreiben, um auf Belastungsfaktoren im digitalen Transformationsprozess, aber letztlich auch auf soziale Ungleichheiten aufmerksam zu machen. Die Ergebnisse bieten die Grundlage für Interventionen und zeigen Potenzial für weitere Forschung auf.

References

[1] Wrede SJS, Rodil Dos Anjos D, Kettschau J, Broding HC, Claassen K.  Risk factors for digital stress in German public administrations; 2021 (eingereicht).
Frau Sammy Wrede
Lehrstuhl Arbeitsmedizin und betriebliches Gesundheitsmanagement, Fakultät für Gesundheit – Department für Humanmedizin, Universität Witten/Herdecke
Herr Dr. Kevin Claaßen
Universität Witten/Herdecke
Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive erforsche ich die psychische Gesundheit des Menschen im erweiterten Arbeitskontext. Dazu analysiere ich Unternehmensdaten sowie epidemiologische Studien unter Nutzung multivariater quantitativer Verfahren wie der Regressionsanalyse und Strukturgleichungsmodellierung (wobei eine Software-Präferenz für R besteht). Der gesundheitsorientierte Ansatz fokussiert auf die Bedeutung einer (primär-)präventiven Sichtweise, insbesondere in einer digitalisierten Welt, in der die Grenzen zwischen öffentlich und privat mehr und mehr verschwimmen.
4
Erprobung eines betriebsärztlichen Gesundheitscoachings zur Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden bei Beschäftigten mit qualifizierter digital vernetzter Arbeit (Barbara Heiden, Sabrina Zolg, Britta Herbig)
Zielsetzung: Digitalisierung und Vernetzung haben für viele Beschäftigte Menge und Art der Anforderungen stark verändert – in der Arbeitswelt, aber auch im privaten Bereich. Dies kann die Identifikation von Quellen der Fehlbeanspruchungen erschweren. Die Studie untersucht, ob ein erweiterter betriebsärztlicher Beratungsansatz in Form eines Coachings Beschäftigte unterstützen kann, Veränderungsansätze zu entwickeln, die sowohl medizinisch indiziert als auch in ihrer individuellen Gesamtsituation relevant und bewältigbar sind.
Methoden: Beschäftigte mit digital vernetzter Arbeit aus 3 Unternehmen wurden zur Teilnahme an der Studie mit randomisiertem Interventions-/Kontrollgruppendesign (IG/KG) eingeladen. Beide Gruppen erhielten eine Eingangs- und Abschlussuntersuchung. Ausgehend von einer Bestandsaufnahme individueller Belastungen und einer Beratung zur Gesundheitssituation, wählten die Teilnehmenden im Einzel-Coaching einen Belastungsfaktor aus, zu dem sie interaktiv mit der Studienärztin ein Veränderungsziel und einen Handlungsplan entwickelten. An 5 weiteren Terminen wurden Umsetzungsfortschritt und Probleme besprochen. Zufriedenheit und Veränderungsgrad wurden am Ende evaluiert (Skalen 1-5). Ebenfalls per Fragebogen wurden zu Beginn und nach Abschluss Parameter zu Gesundheit und Wohlbefinden erhoben, um die Effektivität der Intervention mittels messwiederholter Varianzanalysen zu prüfen.
Ergebnisse: 47 Beschäftigte (22 Frauen, Alter=41.5, SD=11.6) konnten aufgenommen werden (IG=22, KG=25). Mit dem Coaching waren die Teilnehmenden zufrieden (M=4.22, SD=0.15), ihre Situation hat sich eher verbessert (M=3.85, SD=0.45). Bei den erhobenen Gesundheitsparametern fanden sich keine signifikanten Gruppe*Zeit-Interaktionseffekte (Wohlbefinden p=.531; psychosomatische Beschwerden p=.948; Alkoholkonsum p=.623). Bei einigen waren Trends mit mittlerer Effektstärke zu sehen (Burnout p=.120, ηp²=.062; Irritation p=.119, ηp²=.063; Schlafstörungen p=.096, ηp²=.075). Der Blutdruck, kontrolliert für Alter und Geschlecht, sank in der IG (syst. 3.5 / diast. 1.1 mmHg) und stieg in der KG (syst. 0.9 / diast. 1.3 mmHg).
Schlussfolgerungen: Wie häufig in Studien mit ähnlichen Interventionen berichteten die Teilnehmenden eine hohe Zufriedenheit und Verbesserung, während sich bei den Gesundheitsoutcomes kaum Effekte zeigten. Allerdings bleibt zu diskutieren, inwieweit die besonderen Probleme und notwendigen Adaptionen des Coachings durch die Pandemie erschwerend wirkten.
Frau Dr. Barbara Heiden
LMU Klinikum
5
Telemedizinische Sprechstunde - Evaluation und Erkenntnisse (Bernd Hofmann, Michael Conzelmann, Axel Herr)
Aufgrund der Pandemie hat die Telemedizin in den letzten 1,5 Jahren einen deutlichen Popularitätsschub erfahren. Sie ist nun in vielen Bereich der medizinischen Versorgung zu einem festen Bestandteil geworden. Aus arbeitsmedizinischer Sicht spielt die Telemedizin in dieser Zeit durch die Kontaktreduzierung (Gebot der Pandemie) sowie die Erreichbarkeit der Mitarbeiter im mobilen Arbeiten eine herausgehobene Rolle.

Evaluation

Seit Januar 2021 führt am Standort Ludwigshafen der BASF ein repräsentatives Ärzteteam eine strukturierte Evaluation der telemedizinischen Sprechstunden durch. 200 Telemedizintermine wurden insgesamt evaluiert. 71% dieser Termine haben mittels Videosprechstunde stattgefunden und 24 % der Termine als Telefonsprechstunde. Eine Telefonsprechstunde erfolgte nur, wenn kurzfristig eine Videosprechstunde am vereinbarten Termin nicht möglich war. Häufige Gründe für einen Umstieg auf die Telefonsprechstunde waren Verbindungsprobleme, Anwenderprobleme und technische Störungen der Anwendung.

Die Teilnehmer waren im Schnitt 43,6 Jahre alt (Videosprechstunde: Ø 42,8 Jahre; Telefonsprechstunde: Ø 45,7 Jahre).
Von den 143 durchgeführten Videosprechstunden waren 35 % der Teilnehmer Schichtmitarbeiter.

54% der Teilnehmer befanden sich zum Zeitpunkt der Videosprechstunde nicht am originären Arbeitsplatz, sondern im mobilen Arbeiten oder privaten Umfeld.

Bei 63% der Teilnehmer fand die Videosprechstunde innerhalb der Arbeitszeit statt, bei 30 % im Krankenstand und bei 7% in der Freizeit.

Die Gesamtdauer der 143 Videosprechstunden betrug > 32 h. Für die arbeitsmedizinische Vorsorge konnte eine Konsultationsdauer von Ø 11 min 9 s errechnet werden. Bei andere Konsultationsgründe (z.B. Wiedereingliederungen, Arbeitsplatzfürsorgen) konnte eine Konsultationsdauer von Ø 17 min 4 s ermittelt werden.

Im Rahmen der 143 Videosprechstunden wurden 180 Angebotsvorsorgen, 175 Pflichtvorsorgen und 136 weitere Untersuchungsanlässe (z.B. Wiedereingliederungen, Befundbesprechung Gesundheits-Checks) durchgeführt.

Es zeigte sich insgesamt eine sehr hohe Mitarbeiterzufriedenheit (97%) bzgl. der durchgeführten Videosprechstunde.

Erkenntnisse

Wichtige Erkenntnisse aus der Evaluation sind: Gute Erreichbarkeit d. Mitarbeiter im mobilen Arbeiten / Privatbereich (54%), gute Akzeptanz der Schichtmitarbeiter (35%), Lebensalter bzgl. Durchführung Videosprechstunde nicht von bedeutender Relevanz, sehr hohe Termintreue (95%) und sehr hohe Mitarbeiterzufriedenheit (97%).
Herr Dr. med. Bernd Hofmann
BASF SE, Corporate Health Management
Thu
24 Mär
11:30 - 12:30
Poster
COVID
Submissions:
1
Evaluation des arbeitsbezogenen Wohlbefindens von Mitarbeitenden des öffentlichen Dienstes im Homeoffice während der Covid-19-Pandemie (Leonie Wolf, Leonie Julia Wolf, Philipp Maier, Oliver Krumnau, Stephan Prettin, Eva Johanna Kubosch, Peter Deibert)
Hintergrund
Die Corona-Pandemie hat enorme Auswirkungen auf das Arbeits- und Privatleben. So ist der Anteil der Arbeitnehmenden, die zumindest teilweise im Homeoffice (HO) tätig sind, auf 49 % angestiegen (1). Ziel unserer Studie war es, die psychosoziale Belastung von Mitarbeitenden im öffentlichen Dienst bei Verlagerung von Arbeitsinhalten ins HO aufgrund der Pandemie zu eruieren.

Methoden
Mittels eines retrospektiven Online-Fragebogens wurden im Juni 2021 das subjektive Erleben des Arbeitens im HO von Beschäftigen (Universitätsklinikum, Regierungspräsidium, Landratsamt in Freiburg) im Vergleich zum gewohnten Arbeitsplatz erfasst. Die Lebensqualität wurde quantitativ (Likert-Skala) sowie qualitativ mittels Freitext im Vergleich zu vor der Pandemie erhoben, die psychische Belastung (Ängstlichkeit, Depressivität) mittels PHQ-4 Fragebogen (3). Die deskriptive Auswertung erfolgte durch Chi-Quadrat Testung bzw. Mann-Whitney Test.

Ergebnisse
501 Probanden (65.9% weiblich), die seit der Pandemie ganz oder teilweise im HO arbeiteten, wurden eingeschlossen. 11,8% der Teilnehmenden waren zwischen 18-29 Jahre, 36.9% zwischen 30-44 Jahre und 50.7% zwischen 45 - 64 Jahre alt. Die Mehrzahl der Probanden (82%) berichtete von einem geregelten Tagesablauf mit rechtzeitigem Feierabend im HO. Vor allem wurden die geringere körperliche Aktivität, soziale Distanzierung, fehlender Freizeitausgleich und vermehrte psychische Belastung als negative Einflussfaktoren auf die Lebensqualität genannt.
Nach der Pandemie würden 85% der Probanden gerne zumindest teilweise im HO weiter arbeiten. Die Lebensqualität nahm tendenziell bei 67,2% im Vergleich zu vor der Pandemie ab. Als positiver Einfluss wurden der Entfall des Arbeitsweges und die entspanntere, effizientere und flexiblere Gestaltungsmöglichkeit im HO genannt. Bei der Analyse des PHQ-4zeigten 13.3 % der Befragten eine moderate oder schwere psychische Belastung.

Schlussfolgerung
Beschäftigte erleben ihre Arbeit im HO prinzipiell positiv, ein Großteil der Befragten möchte über die Pandemie hinaus zumindest teilweise im HO bleiben. Neben einem Rückgang wahrgenommener Lebensqualität im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie sind auch die erhöhten PHQ4-Werte für Depressivität und allgemeine Ängstlichkeit als Zeichen einer Zunahme psychosozialer Belastungen während der Pandemie zu werten. Hier gilt es, die Beschäftigten auch im HO gut zu integrieren, zu informieren und ggf. entsprechende Hilfsangebote zu erstellen und anzubieten.

References

[1]         Herrmann M, Frey Cordes R. Homeoffice im Zeichen der Pandemie: Neue Perspektiven für Wissenschaft und
Praxis? [Internet]. IUBHDiscussion Papers - Human Resources; 2020 [zitiert 10. Oktober 2021]. Report
No.: 2/2020. Verfügbar unter: http://hdl.handle.net/10419/217267
[2].         Wong AHK, Cheung JO, Chen Z. Promoting effectiveness of “working from home”: findings from Hong Kong working population under COVID-19. AEDS. 2020;10(2):210–28.
[3].         Kroenke K, Spitzer RL, Williams JBW, Lowe B. An Ultra-Brief Screening Scale for Anxiety and Depression:
The PHQ-4.Psychosomatics. 2009;50(6):613–21.
Frau Leonie Wolf
Universitätsklinikum Freiburg, Institut für Bewegungs- und Arbeitsmedizin
2
Beanspruchungsfolgen aufgrund psychischer Belastungen bei Pflegekräften und Medizinischen Fachangestellten in Zeiten einer Pandemie (PeliCan) (Isabella Mittermeier, Deborah Merlic, Veronika Weilnhammer, Manuela Sirrenberg, Stefanie Heinze, Caroline Herr)
Hintergrund
Die SARS-Cov2 Pandemie stellt Pflegekräfte und Medizinische Fachangestellte (MFA) weltweit vor große Herausforderungen in Form von psychischer Belastung [1].
Ziel dieser Arbeit ist es, anhand einer systematischen Literaturrecherche und Meta-Analyse Belastungsfaktoren und daraus entstehende Beanspruchungsfolgen bei Pflegekräften und MFA während einer Pandemie zu identifizieren sowie den Einfluss von Belastungsfaktoren auf Beanspruchungsfolgen zu quantifizieren.
Methode
Eine systematische Literatursuche nach PRISMA [2] wurde am 05.08.2021 in den wissenschaftlichen Datenbanken PubMed Central und APA PsychInfo durchgeführt. Der verwendete Suchterm beinhaltete u.a. die Schlüsselwörter „nurse“, „workload“, „psychological distress“ und „pandemic“. Studien, die Beanspruchungsfolgen aufgrund psychischer Belastungen bei Pflegekräften oder MFA während einer Pandemie untersuchten, wurden eingeschlossen.
Zusätzlich wurde eine „Risk of Bias“ Analyse zur Bewertung der Studienqualität der eingeschlossenen Studien anhand der JBI-Checklisten durchgeführt [3].
Ergebnisse
Von insgesamt 3.910 Publikationen, erfüllten 23 Studien mit guter Studienqualität die Einschlusskriterien. Aus der Literatur konnten 20 Belastungsfaktoren und 15 Beanspruchungsfolgen identifiziert werden. Die häufigsten erhobenen Belastungsfaktoren waren „Kontakt mit Covid-19 Patienten“, „keine Schulung bzw. Training im Umgang mit Infektionskrankheiten“ sowie „unzureichende Schutzausrüstung“. Die Beanspruchungsfolgen Angst, Stress und Depression wurden am häufigsten untersucht. Erste Zwischenanalysen zeigen eine Zunahme der Angstwerte bei Pflegekräften, die Covid-19 Patienten pflegten sowie einen Anstieg von depressiven Symptomen bedingt durch eine nicht adäquate bzw. fehlende Schutzausrüstung.
Diskussion
Ein Großteil der Studien wurde in einem frühen Stadium der Pandemie durchgeführt. Somit zeigen die Ergebnisse unmittelbare Reaktionen auf die zum Studienzeitpunkt aktuelle pandemische Situation. Beanspruchungsfolgen manifestieren sich häufig erst über einen längeren Zeitraum hinweg, wodurch eine Über- bzw. Unterschätzung durch die frühe Datenerhebung möglich ist.
Schlussfolgerungen
In dieser Übersichtsarbeit lassen sich verschiedene pandemie-assoziierte Belastungsfaktoren und Beanspruchungsfolgen des Pflegepersonals erkennen. Mit den vorliegenden Ergebnissen können Kriterien für wirksame Maßnahmen und Interventionen identifiziert werden, um das Risiko für Beanspruchungsfolgen zu minimieren.

References

[1] Chen F, Zang Y, Liu Y, Wang X, Lin X. Dispatched nurses’ experience of wearing full gear personal protective equipment to care for covid‐19 patients in china - a descriptive qualitative study. Journal of Clinical Nursing. 2021.
[2] Moher D, Liberati A, Tetzlaff J, Altman DG. Preferred reporting items for systematic reviews and meta-analyses: the PRISMA statement. PLoS Med. 2009;6(7):e1000097.
[3] Critical Appraisal Tools: Joanna Briggs Institut;  [Available from: https://jbi.global/critical-appraisal-tools].
Frau Isabella Mittermeier
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
3
Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz in Zeiten der COVID-19-Pandemie: Ergebnisse einer Befragung von Beschäftigten in sieben Unternehmen (Anna Ehmann, Michael Brosi, Jana Soeder, Anke Wagner, Christine Preiser, Benjamin Rebholz, Monika A. Rieger, Esther Rind)
Hintergrund: Im Verlauf der COVID-19-Pandemie mussten Arbeitsbedingungen so gestaltet werden, dass Beschäftigte vor SARS-CoV-2-Infektionen geschützt sind. Im Juli '21, bei deutschlandweit niedrigen Inzidenzen, wurden Beschäftigte verschiedener Unternehmen zu ihren Erfahrungen und der Wahrnehmung ihres Arbeitsalltags unter Pandemiebedingungen befragt. Untersucht wurde, wie Betriebe in Deutschland Arbeitsbedingungen anpassen und wie Beschäftigte unterschiedlicher Tätigkeitsbereiche die Veränderungen und Schutzmaßnahmen bewerten.
Methode: Die Befragung erfolgte online sowie mittels Papier-Fragebögen. Im teilstandardisierten Fragebogen wurden Fragen zum Coronavirus, zur Arbeitssituation und zu psychischen Belastungsfaktoren gestellt.
Ergebnisse: Insgesamt N=821 Beschäftigte aus 7 Unternehmen beteiligten sich (Rücklauf ø23%); davon arbeiteten n=258 (31%) in KMU sowie n=563 (69%) in Großunternehmen. Die Teilnehmenden waren durchschnittlich 43 Jahre alt (n=679). Ein Großteil der Beschäftigten arbeitete im Büro (81%; n=665). Bereits 63% der Beschäftigten waren vollständig gegen COVID-19 geimpft (n=513). Die Zufriedenheit (Skala1-7) mit Arbeitsinhalten, Arbeitsorganisation, Arbeitsumgebung und sozialen Beziehungen aller Beschäftigten wurde vor der Pandemie und im Befragungszeitraum gleich bewertet (Unternehmensgröße n.s.). Insgesamt wurden alle vorgeschlagenen Schutz- und Hygienemaßnahmen als gut oder sehr gut geeignet angesehen, einer SARS-CoV-2-Infektion am Arbeitsplatz vorzubeugen (Skala1-5). Die Beschäftigten bewerteten Maßnahmen des persönlichen Verhaltens als am besten geeignet einer Infektion vorzubeugen (MW=4,4), vor Maßnahmen zur Gestaltung der Arbeit und des Arbeitsplatzes (MW=4,1) sowie weiteren organisatorischen Schutzmaßnahmen (MW=3,9). Die Reaktanz gegenüber ergriffenen Maßnahmen im Betrieb lag bei Beschäftigten aller Unternehmen im niedrigen bis mittleren Bereich (1niedrig-7hoch; MW=3,2).
Diskussion: In unserer Beschäftigtenbefragung konnten wir auf Ebene der Unternehmen keine signifikanten Veränderungen psychosozialer arbeitsbezogener Faktoren feststellen. Die Beschäftigten äußerten sich zustimmend zu den Schutz- und Hygienemaßnahmen und gaben durchschnittlich eine eher geringe Reaktanz an. Im weiteren Verlauf der Studie wollen wir diese Ergebnisse mit anderen Datensätzen vergleichen.
Finanzierung: Diese Studie wird im Rahmen des Forums Gesundheitsstandort BW vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gefördert.
Frau Anna Ehmann
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Tübingen
4
VERÄNDERUNG VON PERSÖNLICHKEITSMERKMALEN VON RETTUNGSDIENSTPERSONAL IN DER UKRAINE IM VERLAUF DER COVID-19-PANDEMIE (Kseniia Zub, Myroslav Tymbota, Igor Zavgorodnii, Valeriy Kapustnyk, Olga Lalymenko, Beatrice Thielmann, Irina Böckelmann)
Die weltweite COVID-19-Pandemie hat gezeigt, welchen Herausforderungen sich das Gesundheitswesen stellen muss. Die unzureichende Berücksichtigung des Gesundheitszustands des medizinischen Personals im Rettungsdienst, infolge beruflicher Belastungen in dieser Zeit, kann zu einer Verschlechterung der notfallmedizinischen Versorgung der Bevölkerung führen. Darüber hinaus können negative Arbeitsbedingungen eine dauerhafte Fehlbelastung verursachen und so psychische Störungen hervorrufen. Ziel dieser Studie war es, die Veränderungen von Persönlichkeitsmerkmalen des Rettungsdienstpersonals in Ukraine im Zeitraum von 2018 bis 2021 zu ermitteln.
Es wurden 2 Umfragen in 2018 (n = 85) und 2021 (n = 88) durchgeführt. Die Erfassung persönlichkeitsrelevanter Merkmale erfolgte mithilfe des Freiburger Persönlichkeitsinventars (FPI).
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass zwischen beiden Erhebungen ein leichter Anstieg der Skalen Depression (4,14 ± 2,0 im Jahr 2018 auf 4,73 ± 2,2 im Jahr 2021) und Erregbarkeit (4,84 ± 2,1 im Jahr 2018 auf 5,13 ± 2,1 im Jahr 2021) besteht. Auch die Skala „Extraversion-Introversion“ wies eine Zunahme auf. Dies verweist auf eine Zunahme der inneren Überforderung und das Vorliegen interner depressiver Erfahrungen hin (von 5,75 ± 1,9 auf 5,08 ± 2,0).
Die psychischen Eigenschaften einer Person sind für den Prozess der sozialen Anpassung und Verhaltensregulation von zentraler Bedeutung. Einige Persönlichkeitsmerkmale zeigen eine ungünstigere Tendenz im Verlauf der Covid-19-Pandemie. Maßnahmen zur Risikominderung und Burnout-Prävention sollten nicht nur auf organisatorischer Ebene, zum Beispiel durch Verbesserung der Arbeitsbedingungen oder auf sozial-kommunikativen Ebene (die Art der Beziehungsentwicklung im Team), sondern auch auf individueller Ebene (die Persönlichkeitsmerkmale Mitarbeiters) berücksichtigt werden.
Frau Kseniia Zub
Herr Valeriy Kapustnyk
Lehrstuhl für Innere- und Berufskrankheiten, Charkower Nationale Medizinische Universität
5
Psychische Belastungen bei Apothekenmitarbeitern während der Corona-Pandemie (Ghazala Rafi, Atrin Pashaei Farahani, Manfred Betz)
Zielsetzung
Mitarbeiter in öffentlichen Apotheken sind seit Beginn der Corona-Pandemie einer Vielzahl von neuen Anforderungen ausgesetzt (erhöhtes Infektionsrisiko durch Kundenkontakt, verschärfte Hygiene-Regeln, neue Aufgaben wie Schnelltests und Maskenverkauf, aggressive Kunden etc.). Es wurde überprüft, wie sich diese Anforderungen auf die psychische Belastung auswirken.
Methoden
102 Apotheken-Mitarbeiter (mittleres Alter: 39,1 Jahre, 83% Frauen, 17% Männer) wurden zu den Belastungen seit Beginn der Corona-Pandemie befragt (vor der Pandemie im Vergleich zu nach einem Jahr Pandemie). 45,1% arbeiten in Vollzeit, 54,9% in Teilzeit. Mit Hilfe einer modifizierten Form des Copenhagen Psychosocial Questionnaire-Fragebogens (COPSOQ) wurden aktuelle Belastungen im Vergleich zu vor der Pandemie erfragt. Die Datenerhebung erfolgte online über SoSci Survey.
Ergebnisse
Am deutlichsten werden Veränderungen der Belastung durch die Corona-Pandemie aufgezeigt, an der Zahl der Mitarbeiter, die immer bzw. oft betroffen sind. In der Klammer steht der Anteil der Mitarbeiter vor der Corona-Pandemie und 1 Jahr nach Beginn der Pandemie:
  • Die Arbeitsbelastungen haben zugenommen: immer/oft schnell arbeiten (vor: 27,5%/ nach 1 Jahr: 85,3%), immer/oft Überstunden (5,9%/ 49,0%).
  • Work-Privacy-Konflikte treten häufiger auf: immer/oft Störungen des Privatlebens (3,9%/ 37,2%), immer/oft ständige Erreichbarkeit (14%/ 31%).
  • Die soziale Unterstützung ist geringer: immer/oft Hilfe von Kollegen (83,4%/ 59,9%), immer/oft Hilfe von Vorgesetzten (72,5%/ 44,1%).
  • Die Unsicherheit in Bezug auf den Arbeitsplatz hat zugenommen: immer/oft Sorge um Arbeitslosigkeit (0%/ 17,6%), immer/oft Sorge wegen Arbeitszeitänderungen (4,9%/ 48,0%).
  • Allgemeiner Gesundheitszustand wird schlechter: Mitarbeiter mit schlechtem Gesundheitszustand (3%/ 37%).
  • Körperliche und emotionale Erschöpfung nimmt zu: immer/oft körperlich erschöpft (16,7%/ 71,5%), immer/oft emotional erschöpft (18,6%/ 79,4%).
  • Kundenverhalten erzeugt hohe Belastungen bei den Mitarbeitern: immer/oft aggressives Kundenverhalten (2%/ 49%), immer/oft leiden unter Kundenverhalten (1%/ 39,3%).
Schlussfolgerungen
Die Belastungen für Mitarbeiter in öffentlichen Apotheken sind durch die Corona-Pandemie stark gestiegen, die gesundheitsrelevanten Ressourcen hingegen sind geringer geworden. Dies führt vermehrt zu Erschöpfungszuständen und Beeinträchtigungen der Gesundheit.

Frau Ghazala Rafi
Technische Hochschule Mittelhessen
6
Auswirkung durch das Tragen von Gesichtsmasken im Rahmen der Infektionsprävention von COVID-19 auf die körperliche Beanspruchung - Einfluss der Arbeitsschwere (Ümütyaz Dilek, Robert Seibt, Mona Bär, Julia Gabriel, Monika A. Rieger, Benjamin Steinhilber)
Hintergrund: Während der COVID-19-Pandemie ist an vielen Arbeitsplätzen das Tragen eines medizinischen Mund-Nase-Schutz (MedMask) verpflichtend. Je nach Pandemielage und Arbeitsbedingungen kann auch eine FFP2 (filtering facepiece class 2) Maske erforderlich sein. Bislang ist nicht vollständig geklärt, ob es beim Tragen solcher Masken während der Arbeit zu unerwünschten Nebenwirkungen für die Beschäftigten kommen kann und ob dabei die Arbeitsschwere von Bedeutung ist. Die vorliegende Studie untersucht daher, ob das Tragen einer MedMask und einer FFP2 Maske während leichter und mittelschwerer körperlicher Arbeit im Laufe von 130 Minuten zu einer gesteigerten physischen Beanspruchung führt.
Methodik: Insgesamt werden 24 gesunde Personen (12 Frauen, 12 Männer) in die Studie mit intra-subject Cross-over Design eingeschlossen. Die Studienteilnehmenden arbeiten an drei separaten Tagen zweimal für jeweils 130 min in einer Simulationsumgebung mit leichter und mittelschwerer körperlichen Arbeit. Zwischen den beiden 130-minütigen Arbeitsphasen ist eine Pause von 30 min. An den drei Tagen wird entweder keine Maske getragen, eine MedMask oder FFP2. Die Reihenfolge der Masken ist randomisiert, die Reihenfolge der beiden Arbeitsschweren wird balanciert konstant gehalten. Erfasst wird die Herzschlagfrequenz, die Sauerstoffsättigung sowie der transkutane Kohlendioxid Partialdruck im Verlauf der 130-minütigen Arbeitsphasen. Außerdem werden die subjektive Atemanstrengung und allgemeine körperliche Erschöpfung mittels modifizierter Borg Skala erfasst.
Ergebnisse: Derzeit sind noch nicht alle Probanden in die Studie eingeschlossen. Eine Interimsauswertung mit 12 Studienteilnehmenden (6 Frauen, 6 Männer) zeigt bislang kaum Änderungen in der Herz-Kreislaufbeanspruchung aufgrund der Masken. Die erlebte Atemanstrengung scheint bei FFP2 leicht erhöht im Vergleich zur MedMask.
Diskussion: Die Ergebnisse der kompletten Stichprobe werden bei der DGAUM Jahrestagung vorgestellt und diskutiert. Die Studienergebnisse können eine Grundlage sein, um zum Beispiel aktuelle Tragezeitempfehlungen von Gesichtsmasken während der Pandemie zu stützen bzw. neu zu bewerten.
Frau Ümütyaz Dilek
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung, Universitätsklinikum Tübingen
7
Welche Faktoren fördern die Resilienz von Studierenden während der Covid-19 Pandemie? Ergebnisse einer Längsschnittstudie der Universität Mainz (Jennifer L. Reichel, Pavel Dietz, Lina Marie Mülder, Antonia M. Werner, Sebastian Heller, Markus Schäfer, Stephan Letzel, Thomas Rigotti)
Hintergrund
Die Covid-19 Pandemie hat weltweit tiefgreifende Veränderungen für das Bildungssystem verursacht, gefolgt von alarmierenden Effekten auf die psychische Gesundheit von Studierenden [1, 2]. Um sich an diese neuen Herausforderungen anzupassen, benötigen Studierende Resilienz [3]. Die folgende Studie hatte zum Ziel, Faktoren zu stabilen Zeiten vor der Pandemie zu identifizieren, welche die Fähigkeit zur Resilienz-Demonstration während der Auseinandersetzung mit akademischen Anforderungen während der Covid-19 Pandemie vorhersagen.
Methodik
Mittels einer Online-Erhebung wurden Studierende einer großen deutschen Universität 2019 und 2020 befragt. Resilienz, die Anpassungsfähigkeit an einen Stressor, wurde operationalisiert, indem die Residuen der Regression zwischen akademischen Anforderungen und emotionaler Erschöpfung als Maß der Fähigkeit zur Resilienz-Demonstration verwendet wurden. Multiple Regressionsanalysen wurden durchgeführt, um zu analysieren, wie potentiell förderliche und hinderliche Faktoren mit unterschiedlichen Formen der Fähigkeit zur Resilienz-Demonstration (quantitative- & qualitative Anforderung und Veränderung der fürs Studium investierten Zeit) zusammenhängen.
Ergebnisse
Studienbezogene Selbstwirksamkeit zeigte einen positiven Zusammenhang mit verschiedenen Formen der Resilienz-Demonstration, wohingegen Konkurrenzkampf einen negativen Zusammenhang aufwies. Leistungsdruck stellte einen negativen Zusammenhang mit lediglich einer Form von Resilienz-Demonstration dar. Soziale Unterstützung hingegen erwies sich nicht als signifikanter Prädiktor von Resilienz.
Diskussion
Die folgende Studie bestätigt nur zum Teil bereits bestehende wissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich von Resilienzfaktoren (Selbstwirksamkeit), liefert unerwartete Befunde (soziale Unterstützung) und stellt neue Faktoren in Verbindung mit Resilienz unter Studierenden (Konkurrenzkampf, Leistungsdruck) heraus. Praktische Implikationen für das Setting Hochschule, wie das Eindämmen von Konkurrenzdenken, lassen sich von dieser Studie ableiten, um die Förderung von Resilienz bei Studierenden als Vorbereitung für herausfordernde Zeiten anzuregen.

References

[1] Hamza CA, Ewing L, Heath NL, Goldstein AL. When social isolation is nothing new: A longitudinal study on psychological distress during COVID-19 among university students with and without preexisting mental health concerns. Canadian Psychology 2021; 62(1): 20–30
[https://doi.org/10.1037/cap0000255]
[2] Werner AM, Tibubos AN, Mülder LM, et al. The impact of lockdown stress and loneliness during the COVID-19 pandemic on mental health among university students in Germany 2021. (under review)
[3] Holmes EA, O'Connor RC, Perry VH, et al. Multidisciplinary research priorities for the COVID-19 pandemic: A call for action for mental health science. Lancet Psychiatry 2020; 7(6): 547–60
[https://doi.org/10.1016/S2215-0366(20)30168-1]
Frau Jennifer L. Reichel
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
8
Die Rolle von Betriebsärzten beim Impfen aus Sicht von Beschäftigen (Wolfgang Fischmann, Nadja Amler, Elisabeth Nöhammer, Hans Drexler)
Hintergrund:
Im Zuge der Corona-Pandemie erhielt das Impfen durch Betriebsärztinnen und -ärzte (BÄ) einen erneuten Aufmerksamkeitsfokus.
Ziel der Untersuchung ist es, einen Überblick darüber zu erhalten, wie das Commitment von Beschäftigten bzgl. Impfungen durch BÄ ausfällt.

Methode:
Im Zuge einer bundesweiten, hinsichtlich der Kriterien Alter, Geschlecht und Bildungsabschluss repräsentativen Befragung zum Thema Gesundheit am Arbeitsplatz wurden 12 geschlossene Items und 2 offene Items bezogen sich auf den Kontakt zum/r BÄ allgemein sowie auf das Impfen durch diese im Speziellen.

Ergebnisse:
Bzgl. allgemeiner Fragen zum Verhältnis geben von 690 Befragten nur 17,7% an überhaupt regelmäßig Kontakt zu BÄ zu haben, 25,8% bei Bedarf. 36,4% hatten noch nie Kontakt. 24,8% berichten kein vertrauenswürdiges Verhältnis aufbauen zu können und 20,7% wissen nicht, was BÄ eigentlich machen.
70,7% der Befragten lassen ihren Impfstatus überprüfen, knapp die Hälfte davon allerdings nur unregelmäßig. 51,3% würden den Impfstatus durch BÄ prüfen bzw. Impfungen machen lassen, 21,6% nicht. Nur 2,2% machen dies bereits. 44,2% würden es als Vorteil empfinden (stimme voll und ganz zu/stimme eher zu), Impfungen vom BA durchführen zu lassen, 15,2% nicht (stimme eher nicht zu/stimme gar nicht zu).
Aus den Freitextnennungen zu Vor- und Nachteilen des Impfens und Impfstatusprüfung durch BÄ werden als Vorteile u.a. die Unkompliziert aufgrund der Lage vor Ort, die einfache und schnelle Umsetzung (auch in der Arbeitszeit) sowie die Erinnerungsmöglichkeit genannt. Als Nachteile werden hier v.a. Bedenken bzgl. Datenschutz, Weitergabe von Daten an Arbeitgeber sowie das unpersönliche Verhältnis zum/r BÄ und dessen/deren geringe Kenntnis über den/die Patient/-in.
Die Ergebnisse gelten dabei weitestgehend unabhängig von soziodemografischen und tätigkeitsbezogenen Merkmalen.

Schlussfolgerungen:
Der teilweise vertrauensarme Kontakt zum/r BÄ bzw. das mangelnde Wissen über Zuständigkeiten scheint bereits ein Kernproblem zu sein. Vor diesem Hintergrund wirkt die Bereitschaft bzgl. Impfen oder Statusüberprüfung durch diese/n sehr hoch. Auch die Vorteilsnennungen aus den Freitexten geben Anlass, diese Zuständigkeit weiter anzugehen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung wären aber die Bedenken bzgl. Datenschutz aus dem Weg zu räumen sowie eine generelle Aufklärung über die Tätigkeit von BÄ.
Herr Wolfgang Fischmann
Thu
24 Mär
16:00 - 17:30
Vorträge
Entwicklung psychologischer Messverfahren
Room: Hörsaal 3
Submissions:
1
DigiFuehr – ein Instrument zur Messung digitaler Führungsqualität am Bildschirmarbeitsplatz (Kevin Claaßen, Dominique Rodil dos Anjos, Jan Patrick Kettschau, Horst Christoph Broding)
Hintergrund:
Die fortschreitende Digitalisierung von Arbeitsprozessen bedingt eine Erweiterung des Konzepts gesundheitsorientierter Führung in Richtung des neu entstehenden Forschungsfeldes digitaler Führung. Diese ist als ein Treiber einer Demokratisierung von sozialer Einflussnahme zu verstehen. Als eine Folge der Förderung von E-Government durch den Gesetzgeber ist nicht zuletzt die Kommunalverwaltung verstärkt zum Subjekt digitaler Transformationsprozesse geworden. In diesem Setting wurde ein Instrument zur Messung digitaler Führungsqualität am Bildschirmarbeitsplatz generiert und getestet [1].

Methoden:
Im Rahmen des NRW-Landesprojekts „Gesundheit und digitaler Wandel“ (GudW) erfolgte auf Grundlage von Literaturrecherchen und Gruppendiskussionen im Jahr 2020 eine Extraktion von sieben Items, die das Konstrukt digitaler Führung repräsentieren. Anhand einer Online-Stichprobe von n = 546 Beschäftigten an Bildschirmarbeitsplätzen in Stadtverwaltungen dreier Modellregionen wurde das neu entwickelte Instrument daraufhin validiert. Diese Validierung erfolgte hinsichtlich Verteilung (Shapiro-Wilk-Test), Trennschärfe(-koeffizienten), Dimensionalität (Hauptkomponentenanalyse), Homogenität (Inter-Produkt-Moment-Korrelationen), Reliabilität (Cronbachs α), Symmetrie (Vergleich mit korrelationsbasierter Skala) und Konstruktvalidität (Korrelation mit klassischer Führungskompetenz).

Ergebnisse:
Die summative Skala ist als eindimensional, reliabel und mit klassischer Führungskompetenz moderat korreliert zu betrachten. Seine approximative Normalverteilung erleichtert statistisches Testen. Die sieben Items erweisen sich als symmetrisch und trennscharf. Dies ist auf eine hohe Homogenität zurückzuführen. Offen bleibt, inwieweit dies zu inhaltlich ungewünschten Redundanzen führt. Als ambigue erscheint die Komponente der Mitbestimmung, die sich sowohl klassischer als auch digitaler Führung zuordnen lässt.

Schlussfolgerung:
Mit dem Instrument „DigiFuehr“ soll ein wissenschaftlicher Diskurs zum Thema gesundheitsorientierter Führung in der Arbeitswelt 4.0 angeregt werden. Als eines der ersten dieser Art zielt es auf eine bisher vernachlässigte Integration der Beschäftigtenperspektive.

References

[1] Claassen
K, Rodil dos Anjos D, Kettschau J, Broding HC. How to evaluate
digital leadership: a cross-sectional study. J Occup Med Toxicol 2021;16(44):1-8. doi: 10.1186/s12995-021-00335-x .
Herr Dr. Kevin Claaßen
Universität Witten/Herdecke
Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive erforsche ich die psychische Gesundheit des Menschen im erweiterten Arbeitskontext. Dazu analysiere ich Unternehmensdaten sowie epidemiologische Studien unter Nutzung multivariater quantitativer Verfahren wie der Regressionsanalyse und Strukturgleichungsmodellierung (wobei eine Software-Präferenz für R besteht). Der gesundheitsorientierte Ansatz fokussiert auf die Bedeutung einer (primär-)präventiven Sichtweise, insbesondere in einer digitalisierten Welt, in der die Grenzen zwischen öffentlich und privat mehr und mehr verschwimmen.
2
Identifizierung und Prüfung von Instrumenten für die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (Tanja Wirth, Joelle Flöther, Elisabeth Rohwer, Julia Christine Lengen, Niklas Kiepe, Volker Harth, Stefanie Mache)
Hintergrund: Entgegen der Vorgaben des Arbeitsschutzgesetzes werden arbeitsbezogene psychische Belastungsfaktoren insbesondere von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) oftmals nicht bei der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt (1,2). Ein Grund liegt in der Schwierigkeit der Ermittlung und Bewertung dieser komplexen Gefährdungen und hierbei in der Auswahl geeigneter Erhebungsinstrumente (3,4). Ziel des vorliegenden Projekts war es, Instrumente zur Durchführung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GB-Psych) zu identifizieren sowie Kriterien zur Prüfung der Eignung der Instrumente zu entwickeln und anzuwenden.
Methoden: Die Identifizierung und Prüfung der Instrumente für die GB-Psych umfasste drei Schritte: 1. Es erfolgte zunächst eine umfassende Recherche nach Instrumenten zur Durchführung der GB-Psych in der BAuA-Toolbox (5), der Datenbank Psyndex, bei Google Scholar und Unfallversicherungsträgern. 2. Es wurden Einschluss- und Qualitätskriterien zur Prüfung der Eignung von Instrumenten entwickelt. 3. Anhand dieser Kriterien wurden alle identifizierten Instrumente unabhängig von zwei Beurteilenden geprüft.
Ergebnisse: Es wurden sechs Einschlusskriterien hinsichtlich der Zielorientierung für die GB-Psych, Nutzungsorientierung für Anwendende und Befragte, Einbeziehung von Beschäftigten und Kosten des Instruments definiert. Insgesamt wurden 159 Instrumente identifiziert, 43 davon erfüllten die Einschlusskriterien. Darunter sind 27 quantitative, 14 qualitative und zwei Instrumente mit gleichwertigen quantitativen und qualitativen Elementen. Zur weiteren Qualitätsprüfung eingeschlossener Instrumente wurden 14 Kriterien zu Angaben zum möglichen Einsatzbereich, zur methodischen Qualität, Berücksichtigung von GDA-Merkmalsbereichen und Hilfestellung bei der Maßnahmenableitung entwickelt und angewandt.
Schlussfolgerung: Es handelt sich um ein komplexes methodisches Vorgehen, bei dem sowohl wissenschaftliche Qualitätsstandards als auch eine praxisorientierte Umsetzung verfolgt wurden. Die umfassende Zusammenstellung von Instrumenten für eine qualitätsgesicherte Erhebung psychischer Belastungsfaktoren im Rahmen der GB-Psych soll Unternehmen zukünftig in einem Online-Tool zugänglich gemacht werden. Das Online-Tool soll insbesondere KMU bei der Auswahl geeigneter Instrumente für die GB-Psych unterstützen und kann so einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Arbeitsschutzes in Hinblick auf die Gefährdungen durch psychische Belastung leisten.

References

1. Amler N, Voss A, Wischlitzki E, Quittkat C, Sedlaczek S, Nesseler T, et al. Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben im betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz - Status quo, Kenntnisstand und Unterstützungsbedarf in KMU. Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed. 2018;54:36-46.
2. Beck D, Lenhardt U. Consideration of psychosocial factors in workplace risk assessments: findings from a company survey in Germany. Int Arch Occup Environ Health. 2019;92(3):435-51.
3. Beck D. Psychische Belastung als Gegenstand des Arbeitsschutzes. Arbeit. 2019;28(2):125-47.
4. Schuller K. Interventions as the centrepiece of psychosocial risk assessment – why so difficult? Int J Workplace Health Manag. 2019;13(1):61-80.
5. Richter G. Toolbox Version 1.2 - Instrumente zur Erfassung psychischer Belastungen. Projekt F 1965. 1. ed. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA); 2010.
Frau Dr. Tanja Wirth
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
3
Die Validierung des COPSOQ III in Deutschland. Teil 1: Vorgehen und deskriptive Ergebnisse (Hans-Joachim Lincke, Martin Vomstein, Alexandra Lindner, Inga Nolle, Nicola Häberle, Ariane Haug, Matthias Nübling)
Hintergrund
Seit über 20 Jahren wird der COPSOQ (Copenhagen Psychosocial Questionnaire) weltweit zur Messung psychischer Belastungen bei der Arbeit eingesetzt. Auf die internationale Weiterentwicklung zum COPSOQ III im Jahr 2019 folgt die Validierung des entsprechend angepassten Bogens in Deutschland.

Methode
Die Messqualitäten der deutschen Version des COPSOQ III werden anhand der gängigen Kriterien für die Validierung von Fragebogen untersucht wie sie z.B. in DIN EN ISO 10075-3 niedergelegt sind. Die Datengrundlage für statistische Analysen bilden die Angaben von über 250.000 Befragten aus der COPSOQ-Datenbank der FFAW GmbH.

Ergebnisse
Die neue Version des Fragebogens gliedert einerseits neue Themen ein und zeigt andererseits eine große Übereinstimmung mit der deutschen Standardversion des COPSOQ von 2005. Konsistenz, Objektivität und Benutzerfreundlichkeit des Fragebogens sind hoch. Die meisten der 84 Items und die darauf aufbauenden 31 Skalen weisen mit Blick auf Sensitivität, Validität und Reliabilität gute bis sehr gute psychometrische Eigenschaften auf.

Schlussfolgerungen
Die deskriptiven Analysen zeigen, dass der in Deutschland eingesetzte COPSOQ III zuverlässig psychische Arbeitsfaktoren misst. Die inhaltliche Kontinuität zum Fragebogen von 2005 ermöglicht den Vergleich der Ergebnisse unterschiedlicher Messzeitpunkte, der für Betriebe im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilung als Maßnahmenevaluation von großer Bedeutung ist.
Herr Dr. Hans-Joachim Lincke
FFAW: Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften GmbH
4
Die Validierung des COPSOQ III in Deutschland. Teil 2: Multivariate Ergebnisse und Würdigung (Matthias Nübling, Martin Vomstein, Alexandra Lindner, Inga Nolle, Nicola Häberle, Ariane Haug, Hans-Joachim Lincke)
Hintergrund
Die deskriptiven Analysen zur neuen Version des COPSOQ-Fragebogens in Deutschland (COPSOQ III) belegen die Eignung des Fragebogens, auf verlässliche Weise Informationen zu relevanten psychischen Arbeitsfaktoren zu liefern. Darauf können komplexere Betrachtungen aufbauen.

Methode
Von Beginn orientiert sich COPSOQ an arbeitswissenschaftlichen Theorien – ohne auf einem bestimmten Modell zu basieren. Im Rahmen multivariater statistischer Analysen werden Bezüge zu entsprechenden Modellen überprüft. Die Grundlage für die statistische Untersuchungen bilden die Angaben von über 250.000 Befragten aus den letzten 5 Jahren in der COPSOQ-Datenbank.

Ergebnisse
Als grundlegendes Modell wird das Belastungs-Beanspruchungs-Modell nachgebildet. Regressionsanalysen zeigen je nach Beanspruchungsdimension (Zufriedenheit bzw. Gesundheit) verschiedene Einflussfaktoren als primär bedeutsam. Annäherungen an das Demand-Control-(Support-)Modell oder das Job Demand-Resources-Modell mithilfe explorativer Faktorenanalysen zeigen hypothesenkonforme und psychometrisch belastbare Ergebnisse.

Schlussfolgerungen
Die neue deutsche Version des COPSOQ-Fragebogens greift neuere Entwicklungen in der Arbeitswelt auf und zeigt Zusammenhänge, die Betrieben dabei helfen können, zielgerichtete Verbesserungsmaßnahmen zu entwickeln. Zugleich erweist sich deutsche Version des COPSOQ III als geeignetes Instrument zur Bearbeitung theoretischer Fragestellungen. Damit erfüllt er auch in Zukunft seinen Anspruch, sowohl zur betrieblichen Gefährdungsbeurteilung als auch zur wissenschaftlichen Forschung anschlussfähig zu sein.
Herr Dr. Matthias Nübling
FFAW: Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften FFAW GmbH
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Auswirkungen des Antwortformats auf selbstberichtete psychische Belastungen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung (Roman Pauli, Jessica Lang)
Zielsetzung: Zur Gefährdungsbeurteilung ist psychische Belastung als objektive Größe getrennt von ihren Auswirkungen zu erheben [1]. Eigenschaften der bewertenden Person können Bewertungen von Arbeitsbedingungen jedoch verzerren [2]: Affektive Dispositionen sind mit der subjektiven Wahrnehmung von Stress verbunden [3, 4] und beeinflussen bei personenbezogenen Fragestimuli selbstberichtete Belastungsangaben [5]. Während Häufigkeitsangaben zur Erfassung spezifischer Situationen geeigneter erscheinen, passen Zustimmungsskalen besser zur Erhebung subjektiver Einstellungen und Affekte [6]. Ziel dieser Untersuchung war daher, Effekte des Antwortformates auf die Erhebung psychischer Belastung zu prüfen.

Methoden: Im Mai 2021 wurde über Amazon MTurk ein randomisiertes Split Ballot Experiment durchgeführt: Bei einer Gruppe von Teilnehmenden wurden Arbeitsbelastungen mittels Häufigkeitsskala erhoben [7], bei einer anderen Gruppe mittels Zustimmungsskala. Nach Datenbereinigung betrug die Gruppengröße jeweils n = 380. Außerdem wurden Neurotizismus [8] und negative Affektivität [9] gemessen. Zur Betrachtung von Gruppenunterschieden in den Experimentalbedingungen wurden Mittelwertvergleiche und Regressionsanalysen durchgeführt.

Ergebnisse: In der Gruppe, in der Arbeitsbelastungen per Häufigkeitsskala erhoben wurden, lag der Mittelwert der Belastungen bei 2.26 (SD = 0.23). In der Gruppe, in der Arbeitsbelastungen per Zustimmungsskala erhoben wurden, bei 2.22 (SD = 0.26). Dieser Unterschied ist nicht signifikant. Bei separater Betrachtung der Experimentalgruppen zeigt sich, dass Neurotizismus signifikant mit per Zustimmungsskala erhobenen Belastungen assoziiert ist (β = 0.132; t = 2.109; p = 0.036), während dieser Zusammenhang für per Häufigkeitsskala erhobene Belastungen nicht signifikant ist. Das gleiche Bild zeigt sich für den Zusammenhang mit negativer Affektivität (β = 0.113; t = 1.797), wobei der Zusammenhang mit der Zustimmungsskala hier lediglich auf dem Niveau α < 0.1 signifikant ist.

Schlussfolgerungen: Selbsteinschätzungen der Arbeitsbelastungen können durch affektive Dispositionen der bewertenden Person verzerrt werden. Merkmale des Erhebungsinstrumentes verstärken diesen Effekt. Entsprechend sollten Instrumente zur Belastungserhebung im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung personenbezogene Frageformulierungen und affektive Assoziationen vermeiden. Neben einem klaren Tätigkeitsbezug der Items gelingt dies durch Verwendung situationsbezogener Häufigkeitsangaben.

References

[1] Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie. Hg. v. Geschäftsstelle der Nationalen Arbeitsschutzkonferenz c/o Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Leitlinie Beratung und Überwachung bei psychischer Belastung am Arbeitsplatz. Berlin: 2018.
[2] Rau R. Befragung oder Beobachtung oder beides gemeinsam? – Welchen Instrumenten ist der Vorzug bei Untersuchungen zur psychischen Belastung und Beanspruchung zu geben? Zentralblatt Arbeitsmedizin 2010, 60: 294–301.
[3] Watson D, Pennebaker JW, Folger R. Beyond Negative Affectivity. Journal of Organizational Behavior Management 2015, 8(2), S. 141–158. DOI: 10.1300/J075v08n02_09.
[4] McCrae RR. Controlling neuroticism in the measurement of stress. Stress Med. 1990, 6 (3): 237–241. DOI: 10.1002/smi.2460060309.
[5] Lang J, Pauli R, Lazic A, Kuczynski I. Der Einfluss von Neurotizismus auf zwei Formulierungsvarianten einer psychischen Belastungsmessung: ein randomisiertes Split-Ballot-Experiment. DeutscheGesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (Hg.): 60. wissenschaftliche Jahrestagung der DGAUM 2020, München: 71–72.
[6] Marfeo EE, Ni P, Chan L, Rasch EK, Jette AM. Combining agreement and frequency rating scales to optimize psychometrics in measuring behavioral health functioning. Journal of clinical epidemiology  2014, 67 (7): 781–784. DOI: 10.1016/j.jclinepi.2014.02.005.
[7] Kuczynski I, Mädler M, Taibi Y, Lang J. The Assessment of Psychosocial Work Conditions and Their Relationship to Well-Being: A Multi-Study Report. International Journal of Environmental Research and Public Health 2020, 17(5). DOI: 10.3390/ijerph17051654.
[8] John OP, Srivastava S. The Big Five trait taxonomy: History, measurement, and theoretical perspectives. In: Lawrence A. Pervin & John, Oliver P. (Eds.). Handbook of personality: Theory and research. 2nd ed. New York: The Guilford Press 1999: 102–138.
[9] Watson D, Clark LA, Tellegen A. Development and validation of brief measures of positive and negative affect: The PANAS scales. Journal of Personality and Social Psychology 1988, 54(6): 1063–1070.
Herr Roman Pauli
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Uniklinik RWTH Aachen
6
Bilderskalen zur Erfassung von Aspekten psychischer Beanspruchung (Amanda Voss, Roman Soucek, Klaus Moser, Hans Drexler)
Hintergrund
Zur Erfassung psychischer Beanspruchung werden in Betrieben häufig verbale Fragebögen eingesetzt, welche durch ihre Länge und Komplexität zu Befragungsmüdigkeit führen können. Außerdem ist es für Beschäftige ohne umfassende Deutschkenntnisse häufig schwierig, an diesen Befragungen teilzunehmen. Eine Alternative bieten Bilderskalen, bei denen sich die Befragten innerhalb einer Bilderfolge einordnen können. In der vorgestellten Untersuchung wurden grafische Entsprechungen für bereits etablierte Instrumente erstellt und inhaltlich validiert.
Methode
Für bestehende Skalen zu Resilienz, Irritation und Burnout wurden entsprechende Bilderskalen entwickelt gemeinsam mit den verbalen Skalen im Rahmen einer Online-Befragung mit 128 Studierenden eingesetzt. Zwischen den verbalen Skalen und Bilderskalen wurden Korrelationen nach Spearman gerechnet. Zusätzlich wurde über ein Freitextfeld die Interpretation der jeweiligen Bilderfolgen erfragt. Die Antworten darauf wurden inhaltsanalytisch zusammengefasst.
Ergebnisse
Die Ergebnisse belegen, dass zwischen den verbalen Skalen und den Bilderskalen deutliche Zusammenhänge bestehen. Beispielsweise besteht eine mittlere Korrelation der Bilderskala zu Resilienz mit der entsprechenden verbalen Skala (Spearman’s ρ = .37), für kognitive Irritation besteht ein Zusammenhang von ρ = .22. Zu Burnout gab es verschiedene Varianten mit einem Höchstwert von ρ = .59 (jeweils p < .05). Auch aus den Textantworten wurde deutlich, dass die Befragten nachvollziehen konnten, was in der Bilderskalen abgebildet war.
Diskussion
Die Untersuchungsergebnisse verdeutlichen, dass Bilderskalen eine pragmatische und niederschwellige Alternative zu textbasierten Erhebungsinstrumenten darstellen können. Die Bilderskalen können die Befragung von Beschäftigten vereinfachen und bspw. in Personalgesprächen oder im Austausch mit dem Betriebsarzt/ der Betriebsärztin eine Hilfestellung bieten, den eigenen Zustand einfach einzuschätzen.
Da für die Untersuchung bislang deutschsprachige Studierende befragt wurden, lassen sich die vorliegenden Ergebnisse nicht unmittelbar auf Beschäftigte, insbesondere im sprachübergreifenden Einsatz übertragen. Die wissenschaftliche Aussagekraft der Bilderskalen ist zudem begrenzt, da die Konstrukte hierfür auf ein Item reduziert wurden. Gleichwohl belegen die Ergebnisse, dass die Bilderskalen das Potential haben, die inhaltliche Breite der etablierten psychologischen Konstrukte hinreichend abzubilden.
Frau Amanda Voss
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Thu
24 Mär
16:45 - 18:00
Vorträge
Arbeitsphysiologie
Room: Hörsaal 6
Submissions:
1
Berufliche Belastung als Risikofaktor für einen gesicherten Rotatorenmanschettenschaden. Ergebnisse einer Fall-Kontroll-Studie. (Gunter Spahn, Greta Linn Diener, Bernd Hartmann, Gunther O. Hofmann, Rainer Schiele)
Zielstellung.
Besteht ein Zusammenhang mit einem gesicherten (intraoperative Befund) Rotatorenmanschettenschaden und beruflicher Belastung?

Material und Methode.
Fallgruppe (n = 77, Alter 51,4 Jahre) mit einem Rotatorenmanschettenschaden unterschiedlicher Schweregrade nach Lafosse.
Kontrollgruppe (n = 156, Alter 50,8 Jahre) die anlässlich der jährlichen Vorsorgeuntersuchung in 2 großen hausärztlichen Praxen evaluiert wurden. Ausschlusskriterien für die Aufnahme in die Kontrollgruppe waren: keine durchgemachten Verletzungen oder Erkrankungen im Bereich oberen Extremität.
Die Evaluation der beruflichen Belastung erfolgt anhand eines standardisierten Fragebogens. Die Berechnung der OR erfolgte mit SPSS (Regressionsanalyse).

Ergebnisse.
Insgesamt 26,9 % der Patienten aus der Kontrollgruppe beurteilten ihre berufliche Schulterbelastung als hoch bis unerträglich, in der Fallgruppe waren dies 55,8 %.
OR= 1,9 (95 % CI); p = 0,023.
Bezüglich sonstiger Parameter (Körpermaße, Begleiterkrankungen, Medikation) bestanden zwischen beiden Gruppen keine signifikanten Unterschiede.
Ausschließliche Überkopfarbeit (> 2h/Schicht) stellt keinen Risikofaktor für einen operationspflichtigen Rotatorenmanschettenschaden dar (p = 0,133).
Folgende berufliche Faktoren hingegen konnten als signifikante Risikofaktoren identifiziert werden:
Arbeit mit Vorhalte der Arme: OR 2,4 (95 % CI 1,3-4,1); p = 0,004
Kraftvolle repetitive Bewegungen: OR 2,4 (95 % CI 1,4-4,2); p = 0,003
Vorhalte und Bewegungen OR 3,5 (95 % CI 1,9-6,3); p <0,001
Heben schwerer Lasten OR 2,4 (95 % CI 1,3-4,2); p = 0,030
Arbeit mit vibrierenden Geräten OR 0,7 (95 % CI 0,3-1,9); p = 0,545.

Schlussfolgerungen.
Berufliche Belastung (insbesondere Arbeit in Vorhalte der Arme mit oder ohne gleichzeitige schwungvolle, kraftvolle und wiederholte Bewegungen aus dem Schultergelenk bzw. Heben und Tragen von Lasten (Männer >15 kg, Frauen >10 kg) stellen signifikante Risikofaktoren für die Ausbildung eines operationspflichtigen Rotatorenmanschettenschadens dar.
Arbeiten mit vibrierenden Geräten bzw. Arbeit in ausschließlicher über Kopfpositionen des Armes hingegen stellen keinen Risikofaktor dar.
Konkurrierende Faktoren konnten nicht identifiziert werden.
Herr Prof. Dr. med. habil. Gunter Spahn
Praxisklinik für Unfallchirurgie und Orthopädie Eisenach. Universitätsklinikum Jena
2
Die Position des Handgelenks beeinflusst die muskuläre Ermüdung der Handgelenkbeuger bei isometrischen Kontraktionen: Eine explorative Studie (Felix Jung, Tobias Dorszewski, Robert Seibt, Jonathan Glenday, Daniel Häufle, Benjamin Steinhilber)
Zielsetzung: Diese Arbeit untersucht den Einfluss von verschiedenen Positionen des Handgelenks bei isometrischen Kontraktionen von Handgelenkbeugern mit unterschiedlichen Kraftniveaus auf die resultierende Muskelermüdung. Muskelermüdung wird gilt als Risikofaktor für (arbeitsbezogene) muskuloskelettale Erkrankungen [1].

Hintergrund: Arbeitsbezogene Erkrankungen des muskuloskelettalen Apparats stellen nicht nur eine große Belastung für die betroffenen Personen, sondern auch für die Gesellschaft dar. Bereits in früheren Arbeiten wurde Muskelermüdung während der Erfüllung einer Aufgabe als Risikoparameter für potenzielle strukturelle Schäden genutzt [2]. Diese Arbeiten zeigten einen Einfluss der Gelenkposition auf die Muskelermüdung [3], jedoch bisher nicht speziell für das Handgelenk.

Methoden: 18 Teilnehmer:innen führten innerhalb von drei Testtagen mehrere isometrische Kontraktionen in je drei verschiedenen Handgelenkpositionen (-40°, 0°, 40°) und Kraftniveaus [10%, 20%, 40% des willkürlichen Kraftmaximums (MVC)] aus. Aus Oberflächen-Elektromyogrammen (OEMG) des M. flexor digitorum sup. (FDS) und des M. flexor carpi radialis (FCR) wurde die elektrische Aktivität und die Medianfrequenz quantifiziert. Der Zusammenhang mit Gelenkstellung und dem Kraftniveau wurde mit mehrfaktoriellen Varianzanalysen mit Messwiederholung untersucht.

Ergebnisse: Muskuläre Ermüdung der Handgelenkflexoren hängt von der Stellung des Handgelenks und dem Kraftniveau ab, wobei es Unterschiede zwischen den einzelnen Flexoren gibt. Der FDS zeigte in höheren Kraftniveaus mehr Muskelermüdung in Flexion gegenüber einer extendierten oder neutralen Position des Handgelenks, während der FCR keine Ermüdung in Flexionsposition zeigte. Der beschriebene Zusammenhang zwischen Gelenkstellung und Ermüdung des FDS zeigte sich mit ansteigendem Kraftniveau deutlicher.

Schlussfolgerung: Unter statischen Bedingungen (isometrische Muskelkontraktion) beeinflusst die Handgelenkstellung die Muskelermüdung der Handgelenkflexoren. Besonders deutlich wird dies bei höheren Kraftniveaus von 40% MVC. Dies sollte bei der Risikobewertung potenzieller, arbeitsassoziierter, muskuloskelettaler Schäden im Bereich des Handgelenks berücksichtigt werden.

Anwendung: Arbeitsrichtlinien, die Empfehlungen für Arbeitsplatzanpassungen und Handgelenkpositionen anbieten, können die Ergebnisse dieser Studie adaptieren um starke Handgelenkflexion insbesondere bei höherer Arbeitsbelastung vermeiden.

References

[1] Seidel DH, Ditchen DM, Hoehne-Hückstädt UM, Rieger MA, Steinhilber B. Quantitative Measures of Physical Risk Factors Associated with Work-Related Musculoskeletal Disorders of the Elbow: A Systematic Review. Int J Environ Res Public Health 2019; 16(1). Available from: URL: https://osha.europa.eu/en/publications/report-work-related-musculoskeletal-disorders-prevention-report.[2] Nussbaum MA. Static and dynamic myoelectric measures of shoulder muscle fatigue during intermittent dynamic exertions of low to moderate intensity. Eur J Appl Physiol 2001; 85(3-4):299–309.[3] Ferguson SA, Allread WG, Le P, Rose J, Marras WS. Shoulder muscle fatigue during repetitive tasks as measured by electromyography and near-infrared spectroscopy. Hum Factors 2013; 55(6):1077–87.
Herr Dr. Benjamin Steinhilber
Universitätsklinikum Tübingen
3
Erweiterung eines mehrdimensionalen Modells zur Vorhersage der Ödembildung bei Steharbeit (Carmen Volk, Robert Seibt, Rudolf Wall, Florestan Wagenblast, Julia Gabriel, Luis Ulmer, Vanessa Szostak, Miriam Keifert, Monika A. Rieger, Benjamin Steinhilber)
Hintergrund
Steharbeit steht im Zusammenhang mit der Entwicklung venöser Erkrankungen der unteren Extremitäten. Die Ausbildung eines Unterschenkelödems wird als Surrogatparameter eines erhöhten Risikos für Venenerkrankungen diskutiert. In vorausgehenden Studien konnte bei längerem Stehen (2h) eine Ödembildung festgestellt werden. Zwischenzeitliches Gehen wirkte der Ödembildung hingegen protektiv entgegen. Auf dieser Grundlage wurde ein Modell zur Vorhersage der Ödembildung anhand des Steh-/Gehanteils, der Stehzeit und dem Zeitraum, innerhalb dessen zwischen Gehen und Stehen gewechselt wird, entwickelt. Ein möglicher Einfluss des Sitzens auf die Ödembildung ist in diesem Modell bisher jedoch nicht berücksichtigt. Da es an Steharbeitsplätzen auch zu Sitzphasen kommen kann, ist das Ziel der Studie, zu klären, wie sich Sitzen im Vergleich zu Stehen und der Wechsel zwischen Stehen und Sitzen auf die Ödembildung auswirkt.
Methoden
28 Erwachsene (♀: n = 15; MWAlter = 40) wurden in einer Laborstudie untersucht. Aufgeteilt auf zwei Messtage mussten die Versuchspersonen 3h stehen und anschließend 2h sitzen (Exposition A) bzw. 3h sitzen und anschließend 2h gehen (Exposition B). Die Reihenfolge der Expositionen wurde im Vorfeld randomisiert. Die Ödembildung am Unterschenkel wurde mittels bioelektrischer Impedanzmessung vor, während und nach der jeweiligen Exposition ermittelt. Unterschiede in der Ödembildung beim Stehen, Sitzen und Gehen wurden anhand der relativen Impedanzänderung analysiert.
Ergebnisse
Beim Sitzen kommt es zu einer Ödementwicklung im Unterschenkel über die Zeit, jedoch mit geringerer Ausprägung als beim Stehen. Sitzen im Anschluss an dreistündiges Stehen führt zu einer weiteren Zunahme des Unterschenkelödems, wohingegen Gehen im Anschluss an das Sitzen eine Reduktion bewirkt.
Diskussion und Ausblick
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Abhängigkeit der Ödembildung vom Sitzen als ein weiterer Faktor im Modell berücksichtigt werden sollte. Diese Erkenntnisse werden in einem ersten Schritt genutzt, um das Modell zur Vorhersage der Ödementwicklung zu erweitern. In einem zweiten Schritt soll das Modell schließlich in einer Feldstudie validiert werden, um zukünftig eine Risikobewertung von Steharbeitsplätzen mit Blick auf die Entwicklung von venösen Erkrankungen anhand des Geh-, Steh- und Sitzanteils in der Praxis vornehmen zu können.
Frau Dr. Carmen Volk
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung, Universitätsklinikum Tübingen
4
Veränderungen der körperlichen Aktivität von Beschäftigten im öffentlichen Dienst während der Kontaktbeschränkungen im Frühjahr und Winter 2020 (Peter Deibert, Philipp Maier, Oliver Morath, Friedrich Barsch, Stephan Prettin, Daniel Steinmann)
Einleitung
Die Einschränkungen gegen die Ausbreitung des Coronavirus im Jahr 2020 haben auch Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten. Wir untersuchten, wie sich das Aktivitätsverhalten von Beschäftigten im öffentlichen Dienst während der Lockdown-Phasen änderte.

Methoden
Mittels einer webbasierten retrospektiven Querschnittserhebung wurde das Aktivitätsverhalten bei Beschäftigten in den Zeiträumen vor und während der Maßnahmen gegen das Coronavirus im März/April 2020 sowie November/Dezember 2020 erfasst. Das Aktivitätsverhalten wurde mit einer modifizierten Online-Version des Freiburger Aktivitätsfragebogens (1) ermittelt. Mittels Wilcoxon-Test wurde das Aktivitätsverhalten auf Unterschiede in Minuten pro Woche für die Zeiträume vor sowie während der Kontaktbeschränkungen untersucht. Neben der Dauer wurde der Energieverbrauch mit Hilfe des metabolischen Äquivalents (MET) beschrieben.

Ergebnisse
Insgesamt wurden n=3016 Fragebögen analysiert. Während des ersten Lockdowns (n=1817) reduzierten sich die wöchentlichen sportlichen Aktivitätszeiten signifikant (von Median 150.0 min/Woche auf Median 90.0 min/Woche, p <.05). Entsprechend reduzierte sich der geschätzte Energieumsatz für sportliche Aktivitäten deutlich (von Median 747.0 METmin auf Median 450.0 METmin). Für die Sportaktivität während des 2. Lockdowns (n=1199) zeigte sich eine noch stärkere Abnahme (Median 180.0 min/Woche auf Median 60.0 min/Woche; p <.05), wobei der geschätzte Energieumsatz für sportliche Aktivitäten von Median 870.0 METmin auf 330.0 METmin sank. Circa die Hälfte der Befragten erreichte vor den Einschränkungen die Aktivitätsempfehlungen der WHO . Dieser Wert sank während der Maßnahmen auf 36.3 %. Im Gegensatz dazu stieg der Anteil der Inaktiven von 22.84 % auf 38.03 % an.

Schlussfolgerung
Während der Lockdown-Phasen kam es zu einer deutlichen Reduzierung des Aktivitätsverhaltens, insbesondere für Sportaktivitäten. Dies könnte mit der Schließung von Fitnessstudios zusammenhängen. Eine Kompensation des Verlustes an sportlicher Aktivität durch vermehrte niedrigschwellige Freizeitaktivität hat offensichtlich nicht stattgefunden. Zusätzlich kam es zu einer Reduzierung des Energieverbrauchs, was mitursächlich für die beschriebene Gewichtszunahme der Bevölkerung während der Pandemie ist (2). Bei entsprechenden gesundheitsfördernden Maßnahmen sollten gezielt inaktive Personen adressiert werden, da wir fast eine Verdopplung des Anteils an Inaktiven während der Lockdown-Phasen sehen.
Herr Philipp Maier
Institut für Bewegungs- und Arbeitsmedizin, Universitätsklinikum Freiburg
5
The effect of passive and active micro-breaks during simulated laparoscopy on local muscle activity, heart rate, body posture, perceived discomfort and performance compared to no breaks (Tessy Luger, Rosina Bonsch, Robert Seibt, Bernhard Krämer, Monika A. Rieger, Benjamin Steinhilber)
Prevalence of musculoskeletal complaints among laparoscopic surgeons is 86%. Main work-related risk factors are static loading, awkward posture, work pressure and responsibility for patient wellbeing. Implementing breaks may counteract the prevalence of complaints, which already showed promising effects, incl. no relevant elongated surgery duration.
The aim of this study is to investigate the effect of 2.5-minute passive and active breaks after 30 and 60 min compared to no breaks on back and upper extremity muscle activity, spinal posture, heart rate, discomfort, and performance during 1.5-hour simulated laparoscopic work.
Twenty-one surgeons performed three conditions (no breaks, active, passive) according to a balanced, randomized, cross-over design. During each condition, the surgeons performed six tasks in the Szabo Pelvic Trainer®. The active break protocol consisted of eight mobilization and stretch exercises for the lower-back and shoulder-neck area, performed while standing with the feet hip-width apart. We continuously recorded muscle activity using electromyography and heart rate using electrocardiography. Discomfort was assessed before and after and six times meanwhile the experiment using an 11-point NRS. Performance was assessed as time-to-completion and error rate per time for all six tasks. Evaluation of the tasks was assessed with the NASA-TLX and evaluation of the intervention regarding implementation probability in real surgeries with a self-developed questionnaire.
We extracted results from the first 15 surgeons. Average discomfort at the end of the conditions were 0.8±1.3 for without, 0.7±1.1 for passive, and 1.3±1.8 for active breaks. Peg-transfer task performance in (1) time of one complete transfer of six pegs and (2) number of pegs per minute was 37.3±7.3s and 9.4±1.8 for without, 37.2±9.7s and 9.3±2.1 for passive, and 35.2±8.4s and 9.5±1.7 for active breaks. The evaluation showed that both passive and active breaks had similar probability to be implemented in surgeries on own initiative with 64 on a 100-mm VAS (0 unlikely, 100 likely).
Based on the preliminary discomfort data, without and passive tend to be slightly better than active breaks. However, based on the final PEG-transfer task, performance tends to be slightly better for active than for without and passive breaks. The remaining data should provide additional insights into the effectiveness of 2.5-minute intra-operative breaks on the physical workload of the surgeons.
Frau Tessy Luger Ph.D.
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung
Thu
24 Mär
15:30 - 16:30
Vorträge
Schichtarbeit
Room: Hörsaal 6
Submissions:
1
„Flexibler Einsatz in der Schicht“ – ein Modell mit Zukunft (Marieta Stoev, Kira Marrs, Marika Paulus, Stephan Weiler, Ute Heinrich, David Gattermann, Ingo Winkler, Carsten Mohr, Andreas Haller)
Hintergrund: Aktuell entstehen immer mehr Lösungen, flexibel und unabhängiger von Ort und Zeit zu arbeiten [1]. Diese Flexibilisierung der Arbeitszeitmodelle kann zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben beitragen. Allerdings sind diese Gestaltungsmöglichkeiten für Produktionsmitarbeiter_innen im Schichtbetrieb begrenzt. Es ist kein beschriebenes Konzept für flexible Arbeitszeit bei taktgebundenen Tätigkeiten aus anderen Unternehmen bekannt, welches die gesetzlichen Ansprüche auf eine Reduzierung der Arbeitszeit abbildet.

Zielsetzung: Mit dem Projekt „Flexibler Einsatz in der Schicht“, sollte das Schichtsystem auf den Prüfstand gestellt werden, um eine flexiblere Gestaltung der Arbeitszeit auch für Mitarbeiter_innen im Produktionsumfeld zu ermöglichen. Ein weiterer Zielaspekt ist es, die soziale Anerkennung und Akzeptanz in der Belegschaft für Beschäftigte und Führungskräfte in Teilzeit zu stärken.

Methodik: Mit einem “Betrieblichen Praxislaboratorium“ schafften wir einen ergebnisoffenen Experimentierraum, um die Arbeitswelt der Zukunft gestalten zu lernen. Es wurden Lösungen über verschiedene Hierarchiestufen hinweg sozialpartnerschaftlich, agil und beteiligungsorientiert auf Augenhöhe erarbeitet [2]. Das Projekt bestand aus einem Lab-Team mit rund 15 Produktionsbeschäftigten, einem Lenkungskreis sowie der wissenschaftlichen Begleitung durch das ISF München. In diesem Setting konnten vier Sprints im Rahmen des vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Forschungsprojekts #WomenDigit erfolgreich absolviert werden. Es erfolgte ein transparenter Informationsfluss an allen Kolleg_innen durch Gruppengespräche und Berichterstattungen sowie eine Befragung der Mitarbeiter_innen (n=877) zum Thema Arbeitszeitwünsche.

Ergebnisse: Das Projekt konnte in der Lackiererei erfolgreich umgesetzt und den Arbeitszeitwünschen der Mitarbeiter_innen nachgekommen werden. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf konnte verbessert werden. Durch die Diversität aus Mitarbeiter_innen aus taktunabhängigen Bereichen, aus dem eigenen Bereich, leistungsgewandelten Mitarbeiter_innen und Auszubildende wurde ein Springerpool aufgebaut und auf eine solide Basis gestellt. Nennenswerte Vorteile sind die Selbstwerterhaltung von Kolleg_innen mit Einschränkungen, Erhalt der Wirtschaftlichkeit für das Unternehmen, Stärkung der Arbeitgeberattraktivität sowie höherer Motivation und Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter_innen.

References

[1]  BAuA - baua:
Praxis - Flexible Arbeitszeitmodelle - Überblick und Umsetzung - Bundesanstalt
für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin



[2]  https://womendigit.de/werkstattberichte/
Frau Marieta Stoev
2
Einfluss von Schichtarbeit auf das Risiko einer Depression (Thomas Behrens, Katarzyna Burek, Sylvia Rabstein, Raimund Erbel, Lewin Eisele, Marina Arendt, Katharina Wichert, Nico Dragano, Thomas Brüning, Karl-Heinz Jöckel)
Einleitung
In der prospektiven Heinz Nixdorf Recall (HNR) Studie wurde der Zusammenhang zwischen depressiven Symptomen und Schichtarbeit untersucht.
Methoden
Die Basisrekrutierung der HNR-Studie wurde von 2000-2003 durchgeführt. Zwei Folgeerhebungen erfolgten fünf und zehn Jahre später. Das Vorliegen einer depressiven Symptomatik wurde mittels der CES-D-Skala (≥17 Punkte definiert als starke Symptome) bzw. des Patient Health Questionnaire (PHQ) mit einem Cutoff ≥9 oder bei Verschreibung eines Antidepressivums gewertet. Zur Schätzung des relativen Risikos (RR) und der 95%-Konfidenzintervalle (KI) wurde eine Poisson-Regression, adjustiert für Alter bei der Nachuntersuchung, die tageszeitliche Präferenz, das monatliche Haushaltseinkommen und die Schulbildung berechnet. Die Analysen wurden u.a. nach Geschlecht und Chronotyp stratifiziert.
Ergebnisse
Zu Beginn der Studie wurden 1.500 erwerbstätige Personen im Alter von 45 bis 73 Jahren ohne vorige Depressionsanamnese eingeschlossen. Bis zum 5-Jahres-Follow-up wurden 896 Teilnehmer beobachtet, 486 Teilnehmer überlebten bis zum 10-Jahres-Follow-up. Obwohl die meisten Analysen keine formale statistische Signifikanz erreichten, wiesen Frauen, die in Nachtschichten arbeiteten, tendenziell ein erhöhtes relatives Risiko für depressive Symptome nach dem PHQ auf (RR=1,78; 95% KI 0,71-4,45), insbesondere wenn sie ≥20 Jahre in Nachtschichten tätig waren (RR=2,70; 95% KI 0,48-15,4). Frauen über 60 Jahre zeigten kein erhöhtes Depressionsrisiko in Verbindung mit Schichtarbeit. Schichtarbeit war jedoch mit einem höheren Risiko für depressive Symptome bei Frauen mit übermäßigem beruflichem Engagement assoziiert (RR=4,59; 95% KI 0,95-22,2 im CES-D und RR=12,7; 95% KI 2,89-56,1 im PHQ). Obwohl weitere stratifizierte und Sensitivitätsanalysen auf kleinen Fallzahlen beruhen, scheinen diese den möglichen Zusammenhang zwischen Nachtarbeit und dem Risiko einer Depression bei Frauen zu bestärken.
Schlussfolgerungen
Negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit wurden bei Frauen in Schichtarbeit beobachtet, obwohl die Ergebnisse auf kleinen Zahlen basierten und zumeist nicht das formale statistische Signifikanzniveau erreichten. Bei den Männern konnte kein konsistent erhöhtes Risiko für depressive Symptome im Zusammenhang mit Schichtarbeit festgestellt werden.
Herr Prof. Dr. med. Thomas Behrens
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
3
Tageszeitliche Cortisolprofile bei weiblichen Krankenhausangestellten in Nachtschicht (Katarzyna Burek, Sylvia Rabstein, Thomas Kantermann, Céline Vetter, Markus Rotter, Rui Wang-Sattler, Martin Lehnert, Dirk Pallapies, Karl-Heinz Jöckel, Thomas Brüning, Thomas Behrens)
Hintergrund
Cortisol erreicht natürlicherweise nach dem morgendlichen Aufwachen den Höchststand, sinkt danach ab und erreicht in der Nacht seine niedrigste Konzentration. Nachtarbeit führt zu einer Abweichung der Aufwachzeitpunkte, wodurch die natürliche zeitliche Koordination von Cortisol und Schlaf gestört wird. Wir untersuchten die Auswirkung von Arbeiten in Nachtschicht auf tageszeitliche Cortisolprofile.

Methoden
Siebenundsechzig weibliche Krankenhausangestellte (Mittleres Alter ± SD: 37 ± 10 Jahre), die in Tag- und Nachtschichten arbeiten, wurden in die Studie eingeschlossen. Die Teilnehmerinnen sammelten sechs Speichelproben im Verlauf von zwei Tagschichten (zum Zeitpunkt des Aufwachens, 30 Minuten danach, jeweils zu Beginn/Mitte/Ende einer Arbeitsschicht sowie vor dem Schlafengehen) und acht Speichelproben im Verlauf von zwei Nachtschichten (zusätzlich 2 und 6 Stunden nach Beginn einer Nachtschicht). Als Zeitskala wurde die Zeit seit Aufwachen verwendet. Die Cortisolwerte wurden logarithmiert. Die gesamte tageszeitliche Cortisolkonzentration wurde als area under the curve (AUC) erfasst. Gruppenunterschiede wurden anhand von linearen gemischten Modellen, angepasst für Kovariablen, untersucht.

Ergebnisse
In der Nachtschicht erreichten die Cortisolwerte nach dem Aufwachen ihren Höhepunkt (geometrisches Mittel für Cortisol 20,0 nmol/l, 95% KI=17,7-22,7; Zeitpunkt der Probennahme 15:14±1:33h), sanken danach ab und stiegen nach einer Nachtschicht vor dem Schlafengehen wieder an (geometrisches Mittel für Cortisol 10,9 nmol/l, 95% KI=9,3-12,7; Zeitpunkt der Probennahme 7:58±1:36h). Es gab weder einen Unterschied in der AUC zwischen den beiden Tagesschichten noch zwischen den beiden Nachtschichten. Wir beobachteten niedrigere AUCs in den Nachtschichten (p<0,01). Stratifiziert nach Alter war der AUC-Unterschied zwischen Tag- und Nachtschichten in der Alterskategorie 25-34 Jahre am höchsten (p<0,01).

Schlussfolgerungen
Diese Ergebnisse zeigen, dass Nachtschichten bei weiblichen Krankenhausangestellten zu veränderten tageszeitlichen Cortisolprofilen führen können. Insbesondere war die Cortisolausschüttung über den Tag hinweg erniedrigt, wenn während der vorherigen Nacht gearbeitet wurde. Dies ist konform mit früheren Ergebnissen aus dieser Studie, die einen negativen Zusammenhang zwischen Nachtschicht und Cortisolreaktion beim Aufwachen zeigten. Niedrigere Cortisolspiegel beim Aufwachen scheinen eine geringere Cortisolausschüttung während des Tages zu fördern.
Frau Katarzyna Burek
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität-Bochum (IPA)
4
Untersuchung der Assoziation zwischen Nachtarbeit und 17ß-Estradiol in der IPA-Feldstudie zu Schichtarbeit (Sylvia Rabstein, Katarzyna Burek, Martin Lehnert, Jennifer Fleischmann, Céline Vetter, Thomas Kantermann, Rui Wang-Sattler, Alexandra Beine, Dirk Pallapies, Thomas Behrens, Thomas Brüning)
Zielsetzung: Nachtarbeit und damit verbundene Lichtexpositionen beeinflussen nach der light-at-night-Hypothese die nächtliche Ausschüttung von Melatonin und als Folge auch die Ausschüttung weiblicher Sexualhormone, was ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs bedingen könnte. Nur in wenigen Studien wurden bisher umfangreiche Profile von weiteren Hormonen erstellt. Die Variabilität der Hormonlevels im Speichel unterliegen dabei vor allem zyklusbedingten Schwankungen. Hier wurde der Zusammenhang zwischen Nachtarbeit und 17ß-Estradiolkonzentrationen im Speichel unter Berücksichtigung verschiedener weiterer Faktoren im Rahmen der „IPA-Feldstudie zu Schichtarbeit“ untersucht.

Methoden: Insgesamt wurden 75 Mitarbeiterinnen, die im Dreischichtsystem mit Nachtarbeit am BG Klinikum Bergmannsheil tätig waren, in drei aufeinander folgenden Nachtschichten und in zwei aufeinanderfolgenden Tagschichten untersucht. Zwischen beiden Untersuchungsblöcken lagen mehrere Wochen. Zyklusphase bzw. Menopausen-Status wurden anhand von Befragungen zu Zyklus, Medikamenteneinnahme und weiteren Faktoren, Tagebüchern und Expertenratings der Hormonlevels bestimmt. Die individuellen Estradiol-Verläufe wurden anhand von sechs bis acht Speichelproben pro Tag untersucht. Als Metrik für die vorliegende Analyse wurden Area-under-the-curve (AUC)-Werte bezogen auf 24h bestimmt und der Einfluss von Schichtarbeit auf die logarithmierten AUCs mittels adjustierter gemischter linearer Modelle untersucht.

Ergebnisse: Nachtschichten sind mit höheren Konzentrationen von 17ß-Estradiol assoziiert (p=0,02). Gerade bei Frauen ohne Hormoneinnahme wurde ein stärkerer Einfluss der Nachtarbeit auf 17ß-Estradiol beobachtet.

Schlussfolgerungen: Eine erhöhte Ausschüttung von 17ß-Estradiol in Phasen mit Nachtarbeit stützt die Hypothese einer erhöhten Sekretion von Sexualhormonen durch Lichtexposition in der Nacht.
Frau Dr.rer.medic. Sylvia Rabstein
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Fri
25 Mär
09:45 - 11:15
Vorträge
Gefahrstoffe (Metalle)
Room: Hörsaal 5
Submissions:
1
Entwicklung einer Methode zur Bestimmung von Quecksilber in umwelt- und arbeitsmedizinischen Urinproben mittels ICP-MS (Martin Winter, Volker Harth, Frederik Lessmann)
Hintergrund
In der Umwelt- und Arbeitsmedizin kann durch Human-Biomonitoring die individuelle Exposition gegenüber Quecksilber (Hg) ermittelt werden. Für die Bestimmung von Metallgehalten im Urin wird zunehmend die Massenspektrometrie mit induktiv gekoppeltem Plasma (ICP-MS) verwendet. Die Quantifizierung von Hg wird durch dessen Volatilität und hohe Adsorptionsaffinität beeinträchtigt. Die Stabilisierung von Hg in Lösung sowie die Vermeidung von Memory-Effekten sind daher essentiell für eine zuverlässige Analysenmethode.

Methode
Für die Bestimmung von Hg mittels ICP-MS wurden die Urinproben mit einem neu entwickelten Diluenten verdünnt und anschließend bei Raumtemperatur inkubiert. Spektrale Interferenzen wurden durch die Analyse eines geeigneten Hg-Isotops und der Verwendung einer Kollisionszelle mit Helium als Kollisionsgas beseitigt. Nicht spektrale Interferenzen der Urinmatrix wurden durch den Einsatz eines internen Standards kompensiert. Die Validierung der Methode erfolgte hinsichtlich der Präzision, Richtigkeit sowie Nachweis- und Bestimmungsgrenze. Die Langzeitstabilität von gelösten Hg-Gehalten wurde für kommerziell erhältlich Referenzmaterialien und die verwendeten Kalibrierstandards ermittelt. Zusätzlich wurden sowohl der Memory-Effekt als auch der Einfluss verschiedener interner Standards in Abhängigkeit des Kreatiningehalts auf die Wiederfindungsrate untersucht.

Ergebnisse
Die entwickelte Methode ermöglicht die Bestimmung von Hg in Urinproben. Die Variationskoeffizienten für die Präzision in Serie war ≤ 0,9 % und für die Präzision von Tag zu Tag ≤ 3,0 %. Für die Nachweisgrenze wurden 4,3 ng/L und für die Bestimmungsgrenze 13,0 ng/L ermittelt. Die Wiederfindungsraten dotierter anonymisierter Urinproben lagen im Bereich von 95-104 %. Urinproben waren für 48 h und Kalibrierlösungen für 72 h stabil. Mit einer Spülzeit von 30 s zwischen den Proben konnten Kontaminationen durch Memory-Effekte vermieden werden. Iridium wurde als idealer interner Standard identifiziert.

Schlussfolgerung
Mit dem entwickelten Analyseverfahren kann Hg in arbeits- und umweltmedizinischen Urinproben zuverlässig quantifiziert werden. Die Langzeitstabilität der Urinproben und Kalibrierstandards eröffnet die Möglichkeit vollautomatisierter Messungen mehrerer hundert Proben. Zudem werden durch die deutlich reduzierte Spülzeit der Probendurchsatz erhöht und zugleich Kosten minimiert. Die Methode hat daher großes Anwendungspotential in zukünftigen Biomonitoring-Studien.
Herr Dr. Martin Winter
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin
2
Evaluierung von Microsampling-Methoden für das Quecksilberbiomonitoring in Blut (Stefan Rakete, Ann-Kathrin Schweizer, Anastasia Koutsimpani-Wagner, Stephan Böse-O´Reilly)
Hintergrund und Motivation: Venöse Blutentnahmen sind der Goldstandard für das Biomonitoring von Spurenelementen in Blut. Jedoch wird für die Blutentnahme medizinisches Personal benötigt. Weiterhin müssen die Proben für Transport und Lagerung gekühlt bzw. tiefgefroren werden. Beim Microsampling wird hingegen eine sehr geringe Menge kapillares Blut, z.B. aus dem Finger, entnommen. Dadurch kann auf medizinisches Personal und, falls die Probe getrocknet wird, auf eine aufwändige Kühlung verzichtet werden, wodurch sich der logistische Aufwand des Biomonitorings verringern kann. Obwohl Microsampling-Methoden bereits für eine Reihe von Substanzen eingesetzt werden, gibt es nur wenige Studien zu deren Anwendung für das Quecksilberbiomonitoring von Erwachsenen (1-4). Das Ziel dieser Studie war daher die Untersuchung, ob Microsampling-Methoden für das Quecksilberbiomonitoring im Blut von nicht beruflich exponierten Personen geeignet sind.

Methoden: Im Rahmen der Studie wurden zwei Microsampling-Methoden getestet: 1) Dried Blood Spots (DBS, 60 µl) und 2) Volumetric Absorptive Microsampling (VAMS, 23 µl). Für jede Methode wurde die Stabilität von Quecksilber unter verschiedenen Lagerbedingungen untersucht. Für die Validierung wurden gesunden Erwachsenen (DBS: n =53, VAMS: n = 68) jeweils venöses und kapillares Blut (Microsampling) abgenommen. Alle Proben wurden mittels direkter Quecksilber-Analyse (DMA-80evo, Milestone Srl.) gemessen.
Ergebnisse: Die Untersuchungen haben gezeigt, dass die Proben in gereinigten Glasgefäßen mindestens vier Wochen bei verschiedenen Temperaturen stabil. Bei der Lagerung in verschließbaren Plastikbeuteln zeigte sich jedoch eine Anreicherung von Quecksilber in der Probe. Beide Microsampling-Methoden zeigten eine sehr gute Korrelation mit venösem Blut, insbesondere bei Quecksilberwerten über 0,5 µg/l. Im Median beträgt die Wiederfindung 93 % bei DBS beziehungsweise 117 % bei VAMS. Im Vergleich beider Methoden hat VAMS Vorteile in der Handhabung sowie in der Präzision gezeigt.

Zusammenfassung und Ausblick: Durch die Studie konnte gezeigt werden, dass Microsampling-Methoden eine valide und einfache Alternative zur venösen Blutentnahme darstellen können. Eine klare Einschränkung ist die unzureichende Genauigkeit bei Quecksilberwerten kleiner als 0,5 µg/l. Darauf aufbauend sollen Microsampling-Methoden auch für weitere toxische Metalle, z.B. Blei und Cadmium, validiert werden.

References

[1] Nyanza EC, Dewey D, Bernier F, Manyama M, Hatfield J, Martin JW. Validation of
Dried Blood Spots for Maternal Biomonitoring of Nonessential Elements in an
Artisanal and Small-Scale Gold Mining Area of Tanzania. Environmental
toxicology and chemistry. 2019;38(6):1285-93. doi: 10.1002/etc.4420.



[2] Santa Rios A, Fobil J, Basu N. Methylmercury Measurements in
Dried Blood Spots from Electronic Waste Workers Sampled from Agbogbloshie,
Ghana. Environmental toxicology and chemistry. 2021;40(8):2183-8. doi: 10.1002/etc.5121.



[3] Santa-Rios A, Barst BD, Basu N. Mercury Speciation in Whole Blood
and Dried Blood Spots from Capillary and Venous Sources. Anal Chem.
2020;92(5):3605-12. doi: 10.1021/acs.analchem.9b04407.



[4] Santa-Rios A, Barst BD,
Tejeda-Benitez L, Palacios-Torres Y, Baumgartner J, Basu N. Dried blood spots
to characterize mercury speciation and exposure in a Colombian artisanal and
small-scale gold mining community. Chemosphere. 2020:129001. doi:
10.1016/j.chemosphere.2020.129001.
Herr Dr. Stefan Rakete
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Klinikum der Universität, LMU München
3
An accelerated time-failure model approach to estimate the risk of death among workers exposed to arsenic: results from a 45-year follow-up of the Manfredonia cohort (Emilio Gianicolo, Mauizio Portaluri, Rossana Di Staso, Maria Angela Vigotti)
Intoruction
In 1976, a major chemical accident occurred in the fertilizer area of a petrochemical plant near Manfredonia (South Italy) and an estimated 10-39 tonnes of arsenic compounds were released in the atmosphere [1, [2. After the accident, about 1800 workers were present in the petrochemical plant, including workers contracted by minor companies (contract workers), who were mainly assigned to manual work. During the first 6 days after the accident, contract workers and workers from the fertilizer area carried out initial clean-up activities. In 1996, a court initiated criminal proceedings against former managers of the plant and medical consultants, and a cohort study was conducted on 1467 workers. Due to a lack of information, 393 workers who took part in clean-up activities were not enrolled in the cohort. The aim of this study is to evaluate the mortality pattern of workers employed at the time of the accident and involved in site cleaning through an internal comparison.
Methods
A follow up was performed by contacting General Registry Offices. Workers’ vital status was updated up to March 2021. We calculated person-years from the date of the accident until date of death, date of lost to follow-up, or March 31, 2021, whichever occurred first. The outcome of interest for this study was the overall mortality. Contract workers were assumed to be the most exposed, fertilizer workers as having average exposure, and plastic workers as the least exposed (assumed as the reference group). An accelerated time failure model with Weibull distribution was fitted and an accelerator factor with 95% confidence intervals (95%CI) was computed, after adjusting for age at the time of the accident.
Results
Reponses were received from 94% of the 154 General Registry Offices contacted. For a total of 1726 workers (93%), we have an update of the follow-up on vital status. This yielded 69,494 person-years (PY). Contact workers and workers not previously enrolled showed an accelerator factor equal to 0.88 (95% CI: 0.78-0.99) and 0.93 (95%CI: 0.85-1.00) with respect to workers from plastic area.
Discussion We observed a contraction of the survival function of contract workers greater than 11% with respect to workers less exposed to arsenic. However, detailed results will be available as soon as the update of the causes of deaths completed. For this purpose, local health authorities are being contacted to provide this information.

References

[1] Mangia, Cervino, Gianicolo. Arsenic contamination assessment 40 years after an
industrial disaster: measurements and deposition modelling. Air Quality,
Atmosphere & Health volume 11, pages 1081–1089 (2018).
https://doi.org/10.1007/s11869-018-0610-4
[2] Gianicolo, Mangia, Cervino, Bruni, Portaluri, Comba,
Pirastu, Biggeri, Vigotti, Blettner. Long-term
effect of arsenic exposure: Results from an occupational cohort study. Am J Ind
Med. 62(2):145-155 (2019). 10.1002/ajim.22939. 4.
Herr Dr. Emilio Gianicolo
Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik, Universitätsmedizin Mainz
https://www.unimedizin-mainz.de/imbei/epidemiologie/epidemiologie-und-versorgungsforschung/mitarbeiter/dr-emilio-gianicolo.html
4
Effekte zink- und kupferhaltiger Schweißrauche auf die Lungenfunktion in Maus und Mensch (Julia Krabbe, Patrick Ziegler, Christine Hansen, Peter Brand, Christian Martin, Thomas Kraus)
Zielsetzung: In menschlichen lebenden Lungenschnitten, die mit zink- und kupferhaltigen Schweißrauchen exponiert wurden, zeigen sich keine Lungenzell-spezifischen Reaktionen auf die Exposition. Ex vivo konnte lediglich der Nachweis einer entzündlichen Reaktion von Immunabwehr-Zellen im Blut nicht aber in der Lunge erbracht werden. Allerdings ist eine Wirkung der Schweißrauche auf die Lunge als Eintrittspforte sehr wahrscheinlich und sollte näher untersucht werden.
Methoden: Isoliert perfundierte Mäuselunge wurden nach trachealer Schweißrauchinstillation 4 Stunden beatmet. Gefäß- und Atemwegstonus, sowie Beatmungsvolumen wurden erfasst. Zusätzlich wurden retrospektiv die Lungenfunktionen von gesunden Probanden, die mit zink- und kupferhaltigen Schweißrauchen für 5-6 Stunden exponiert wurden, analysiert und mit Probanden mit Nullexposition (Kontrolle) verglichen.
Ergebnisse: Isoliert perfundierte Mäuselungen, denen Schweißrauchpartikel instilliert wurden, zeigten etwa 90 Minuten nach Instillation einen Anstieg der Atemwegswiderstände mit Absinken des Beatmungsvolumens im Vergleich zur Kontrollgruppe. Passend dazu konnte eine Reduktion der Einsekundenkapazität und Vitalkapazität nach Exposition im Probandenkollektiv gefunden werden, die in der Kontrollgruppe nicht vorlag.
Schlussfolgerungen: Zink- und kupferhaltige Schweißrauche scheinen nach inhalativer Exposition nicht nur eine systemische Wirkung auf den menschlichen Körper zu haben, sondern auch lokal auf die Atemwege einzuwirken. Damit sind sie auch wie andere Schweißrauche ein Risikofaktor für die Entwicklung einer chronischen Atemwegsobstruktion und entsprechende Arbeitsschutzmaßnahmen müssen am Arbeitsplatz getroffen werden.
Frau Priv.-Doz. Dr. Julia Krabbe
Uniklinik RWTH Aachen
5
Abklärung der Bleibelastung von Kindern und Jugendlichen im Gebiet einer ehemaligen Bleibergbauregion (Jens Bertram, Christian Ramolla, Thomas Schettgen, André Esser, Jasmina Steib, Thomas Kraus)
In zwei benachbarten Gemeinden mit ehemaliger Bleierzbergbautätigkeit in Nordrhein-Westfalen sind die Böden immer noch deutlich mit Blei belastet. Dabei wurden die laut Bundes-Bodenschutzgesetz zulässigen Werte im Boden von Wohngebieten bis zum 10-fachen überschritten. Eine 2019 erfolgte Studie ergab Hinweise auf eine Belastung der Kinder und Jugendlichen in der Region, jedoch ohne statistisch aussagekräftig zu sein. Im Zuge dessen sollte eine repräsentative Stichprobe von 200 Kindern und Jugendlichen in den betroffenen Gemeinden Mechernich und Kall erhoben werden, um diese mit den Daten zur Hintergrundbelastung der deutschen Allgemeinbevölkerung zu vergleichen und eine eventuell vorliegende Mehrbelastung in der Region abzuklären. Das Einwohnermeldeamt Euskirchen stellte personenbezogene Daten zur Verfügung. Die Teilnehmer wurden nach Alter, Geschlecht und Wohnort ausgesucht und eingeladen. Wie auch in der ersten Untersuchung wurden per Fragebogen mögliche Expositionsquellen abgefragt.
Die Bereitschaft zur Teilnahme an der Studie war gering. Nur 17,2 % der in einem dreistufigen Verfahren angeschriebenen, potenziellen Teilnehmer signalisierten Interesse an der Studie. Letztlich nahmen 182 eingeladene Kinder und Jugendliche an der Studie teil und stimmten der Datenverarbeitung zu. Weitere 24 Kinder nahmen freiwillig an der Studie teil, wurden in der Auswertung aber nicht berücksichtigt.
Der Blutbleigehalt von 32 (17,6 %) Kindern und Jugendlichen überschritt die jeweiligen Referenzwerte des Umweltbundesamtes. Es kam also zu einer statistisch eindeutigen Überschreitung der gültigen Referenzwerte in der Region. Der Median des Blutbleigehaltes lag bei 10,2 µg/L der Maximalwert bei 44,0 µg/L. Neben den bekannten Einflussfaktoren Alter und Geschlecht erwiesen sich vier weitere Einflussfaktoren als signifikant auf die Blutbleikonzentration. Diese waren der Hand-zu-Mund-Kontakt, die Gartenverweilzeit, die Verzehrhäufigkeit von selbstangebautem Obst und Gemüse und unter Lifestyle-Faktoren subsumierte Verhaltensweisen wie Umgang mit bleihaltiger Farbe, etwa bei Renovierungsarbeiten oder Umgang mit Waffen wie in einem Schützenverein.
Maßnahmen zur Reduktion der Bleibelastung vor Ort werden kommuniziert und der Erfolg durch Nachsorgeuntersuchungen überprüft. Weitere Studien zur Beanspruchung werden diskutiert. Durch die Hochwasserkatastrophe, die nach Abschluss der Studie erfolgte, sind bereits getätigte Maßnahmen zur Expositionsreduzierung konterkariert worden.
Herr Jens Bertram
Universitätsklinikum Aachen
6
Case Report: Gadolinium-Ausscheidung nach Kontrastmittel-MRT (Annette Greiner, Bernhard Michalke, Hans Drexler, Thomas Göen)
Einleitung
Gadoliniumhaltige Kontrastmittel (GBCA) werden in großem Umfang bei MRT-Untersuchungen eingesetzt. Da freies Gadolinium hochgradig toxisch ist, wird es in Kontrastmitteln in Chelatkomplexen gebunden eingesetzt, die rasch über den Urin ausgeschieden werden. Mehrere Studien zeigten nach GBCA-Anwendung Gadoliniumablagerungen in Organen (z.B. Gehirn, Knochen), deren Umfang und klinische Signifikanz noch unklar ist.
Methoden
Eine 40-jährige nierengesunde Patientin bat aufgrund ihrer Kenntnis der oben geschilderten Ablagerungen um Erfassung ihres Gadolinium-Konzentrationsverlaufs im Blut und ihrer Gadoliniumausscheidung im Urin im Anschluss an eine aus medizinischen Gründen durchgeführten MRT-Kontrastmitteluntersuchung mit 7,0 mmol Gadobutrol (CAS [770691-21-9]), entsprechend 1101 mg Gadolinium. Es wurde fraktionierter Sammelurin über 48 Stunden analysiert, Bestimmungen in Morgenurin und im Blut erfolgten vor der Untersuchung sowie danach zunächst täglich, später in größeren Abständen.
Ergebnisse
Es zeigte sich sowohl im Blut als auch im Urin eine mehrphasige Ausscheidungskinetik. Innerhalb 24 Stunden wurde die verabreichte Menge nahezu vollständig ausgeschieden. Die weitere Ausscheidung erfolgte deutlich langsamer, wobei sich zwei langsamere Phasen mit einer Halbwertszeit von einigen Tagen bzw. > 10 Tagen abgrenzen ließen. Der Ausgangswert war in beiden Medien auch 3 Monate nach der Kontrastmittelgabe noch nicht erreicht.
Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse zeigen, dass nach Gadobutrol-Gabe dieses über den Urin sehr schnell und fast vollständig eliminiert wird. Allerdings verbleiben geringe Gadolinium-Mengen im Körper, die dann extrem langsam ausgeschieden werden, so dass bei mittelfristig mehrfacher Anwendungen eine Akkumulation in Betracht gezogen werden muss. Bisher unklar ist, welche Transformationsprozesse das zwischengespeicherte Gadobutrol durchlaufen hat. Es empfiehlt sich die Evaluation der Ergebnisse dieses Case-Report in einer größeren Studie.
Frau Annette Greiner
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Fri
25 Mär
08:30 - 09:30
Vorträge
Belastung + Beanspruchung I
Room: Hörsaal 7
Submissions:
1
Tagesmüdigkeit bei Beschäftigten: Systematisierung möglicher Ursachen und empirische Ergebnisse einer Onlineumfrage (Barbara Hirschwald, Frank Bochmann, Yi Sun)
Hintergrund: Tagesmüdigkeit ist in der Gesamtbevölkerung häufig und kann während der Arbeit zum Problem werden: die Aufmerksamkeit und Konzentration sinken und das Risiko für Arbeitsunfälle steigt. Bei ca. 13 % der Arbeitsunfälle spielt Müdigkeit eine Rolle. Um Einflussfaktoren auf die Tagesmüdigkeit zu erkennen und zu bewerten, wurde eine systematisierte Übersicht erstellt. Der Einfluss einzelner Faktoren wurden im Rahmen einer Online-Befragung während der ersten Coronawelle beim Wechsel ins Homeoffice (mobiles Arbeiten) untersucht.

Methoden: Einflussfaktoren auf die Tagesmüdigkeit wurden mittels Literaturrecherche in Pubmed, Cochrane, Google Scholar und Leitlinien-Plattformen recherchiert und systematisiert. Anhand einer fünfstufigen Evidenzskala (0 – 4) wurde die Stärke des Zusammenhangs von Einflussfaktor und Tagesschläfrigkeit dargestellt. Um den Einfluss ausgewählter persönlicher Einflussfaktoren herauszufinden, wurden Büroangestellte in einer anonymisierten Online-Befragung zu ihrem Chronotyp und ihren üblichen Schlafenszeiten an Büroarbeitstagen und beim Arbeiten im Homeoffice befragt. Der Zusammenhang von Schlafdauer, Schlafqualität, Chronotyp, Alter und Geschlecht mit der Tagesmüdigkeit wurden mittels multivariabler logistischer Regression untersucht.

Ergebnisse: Die Systematik ermöglichte eine Zuordnung der Einflussfaktoren zu 8 Ursachengruppen, von denen zwei die persönlichen Eigenschaften und das persönliche Verhalten betreffen. Die Online-Befragung zeigte, dass sich im Homeoffice die Schlafdauer verlängerte. Der Anteil Kurzschläfer (< 7,5 Stunden „Zeit im Bett“) verringerte sich von 56,6 % auf 33,4 % und der Anteil mit mehr als 8 Stunden „Zeit-im-Bett“ erhöhte sich von 43,4 % an Büroarbeitstagen auf 66,6 % im Homeoffice. Die Zufriedenheit mit der eigenen Schlafqualität stieg von 37,3 % an Büroarbeitstagen auf 65,8 % im Homeoffice. Der Anteil Personen, die sich bei der Arbeit immer oder häufig müde fühlten, verringerte sich von 46,9 % an Büroarbeitstagen auf 15,4 % im Homeoffice. Der Chronotyp zeigte einen signifikanten Einfluss auf die Tagesmüdigkeit an Büroarbeitstagen, nicht aber beim Arbeiten im Homeoffice. Jüngere Beschäftigte < 30 Jahre zeigten ein höheres Risiko für Tagesmüdigkeit. Bei Frauen traf dies nur an Büroarbeitstagen zu.

Schlussfolgerung: Späte Chronotypen profitierten besonders von einem flexiblen Arbeitsbeginn im Homeoffice mit längerer Schlafdauer, besserer Schlafqualität und geringerer Tagesmüdigkeit. Ein flexibler Arbeitsbeginn unter Einbeziehung des Chronotyps sowie Maßnahmen für gesundheitsförderlichen Schlaf könnten die Tagesmüdigkeit verringern und dadurch die Gesundheit und Arbeitssicherheit verbessern.
Frau Barbara Hirschwald
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. Institut für Arbeitsschutz Alte Heerstr. 111 53757 Sankt Augustin
2
Zusammenhang zwischen Arbeitssituation und Gesundheitszustand von Beschäftigten im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung (Mareike Schlote, Diana Walz, Helena Gretschmann, Dirk-Matthias Rose)
Hintergrund: Die Arbeitsbedingungen spielen für die Gesundheit eine entscheidende Rolle. Durch die Einführung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) hat der Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) Maßnahmen u. a. zum Erhalt und zur Steigerung der Gesundheit seiner Mitarbeitenden ergriffen. Im Rahmen der bundesweiten Ausfächerung des BGM wurde in den Jahren 2017 bis 2021 ein Grobscreening der Arbeitssituation und des individuellen Gesundheitsempfindens mittels Mitarbeitendenbefragungen an Dienststellen des BMVg durchgeführt. Anhand dieser Daten soll der Zusammenhang zwischen der Arbeitssituation und dem Gesundheitszustand von Beschäftigten im Geschäftsbereich des BMVg untersucht werden.
Methode: Der Gesundheitszustand wird über die Frage „Wie bewerten Sie Ihren Gesundheitszustand im Allgemeinen?“ (6-stufige Antwortskala) gemessen. Bei der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen der Arbeitssituation und dem Gesundheitszustand werden neben der Bewertung von verschiedenen Arbeitsmerkmalen das Ernährungs-, Bewegungs- und Rauchverhalten, der Alkoholkonsum sowie soziodemografische Merkmale berücksichtigt.
Ergebnisse: Für die Analysen steht ein Datensatz mit rund 30.000 Beschäftigten zur Verfügung. Der Rücklauf betrug 26%. Die Stichprobe setzt sich überwiegend aus Männern (79%) zusammen. Von den Mitarbeitenden, die an der Befragung teilgenommen haben, waren 60% unter 40 Jahre und 40% 40 Jahre und älter. Bivariate Analysen zeigen, dass die befragten Männer ihren Gesundheitszustand besser einschätzten als die befragten Frauen (p<0,05). Dieser Unterschied ist allerdings nicht bedeutsam. Die unter 40-Jährigen bewerteten ihre Gesundheit positiver als die älteren Beschäftigten (p<0,05).
Diskussion: Die Studie zielt darauf ab, positive und negative Zusammenhänge zwischen der Arbeitssituation und dem Gesundheitszustand unter Kontrolle von individuellen Merkmalen und persönlichem Verhalten zu identifizieren. Daraus sollen Handlungsempfehlungen und Präventionsangebote abgeleitet werden, die der Verbesserung des Gesundheitszustands von Beschäftigten und der Sicherung ihrer Leistungsfähigkeit dienen.
Frau Mareike Schlote
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
3
Der Effekt kumulativer Arbeitsqualitätsexposition auf den frühen Erwerbsausstieg und die mediierende Rolle von körperlicher und psychischer Gesundheit bei älteren Beschäftigten in Deutschland (Michael Stiller, Hans Martin Hasselhorn)
Ziel: Der Beitrag basiert auf einer Typologie von 5 Arbeitsqualitätsprofilen [1] und untersucht, inwieweit die Arbeitsqualität den vorzeitigen Ausstieg aus dem Arbeitsleben bei älteren Beschäftigten bestimmt- Konkret wird betrachtet, ob der Effekt kumulativer Arbeitsqualitätsexposition auf den Ausstieg mediiert wird durch körperliche bzw. psychische Gesundheit.

Methoden: Daten der repräsentativen deutschen lidA-Kohortenstudie wurden verwendet (n=2,952). Die Teilnehmenden (geboren 1959 oder 1965) wurden 2011, 2014 und 2018 interviewt. Arbeitsqualitätsverläufe (2011-2014) wurden entsprechend der o.a. Typologie als a) konstant schlecht, b) konstant gut, c) Verschlechterung oder d) Verbesserung klassifiziert. Mediation der Effekte der Arbeitsqualitätsverläufe auf den Ausstieg (2018) wurde mittels Logistischer Regression mit körperlicher und psychischer Gesundheit (beide 2014) als parallele Mediatoren untersucht.

Ergebnisse: Bei manuellen Beschäftigten war konstant schlechte Arbeitsqualität assoziiert mit einem höheren Ausstiegsrisiko, mediiert durch körperliche und psychische Gesundheit. Bei „Verschlechterung“ wurde das Ausstiegsrisiko durch psychische Gesundheit mediiert. „Verbesserung“ bei denen, die manuelle Arbeit verlassen hatten, reduzierte das Ausstiegsrisiko, vermittelt durch bessere körperliche Gesundheit.
Bei nicht-manuellen Beschäftigten waren konstante schlechte und sich verschlechternde Arbeitsqualität mit schlechterer psychischer Gesundheit assoziiert und ein Wechsel zu manueller Arbeit mit schlechterer körperlicher Gesundheit. Keine signifikanten mediierenden Gesundheitseffekte wurden gefunden.

Diskussion und Schlussfolgerungen:
1. Kumulative Arbeitsqualität wirkt sich in erwarteter Richtung auf Gesundheit aus.
2. Wenn ein kumulativer Effekt auf einen vorzeitigen Ausstieg vorliegt, wird er mediiert durch Gesundheit.
3. Die Mechanismen sind unterschiedlich für körperliche und nicht-körperliche Arbeit sowie für körperliche und psychische Gesundheit.
Verbesserungen der Arbeitsqualität bei bestimmten Gruppen älterer Beschäftigter sind notwendig, um deren Erwerbsteilhabe in guter Gesundheit zu sichern. Hierdurch könnten Wirksamkeit und soziale Fairness politischer Maßnahmen zur Verlängerung der Erwerbsteilhabe erhöht werden.

References

[1] Hasselhorn HM, Stiller M, du Prel J-B, Ebener M. Work profiles of older employees in Germany - results from the lidA-cohort study. BMC Public Health 2020, 20:1452
Herr Prof. Hans Martin Hasselhorn
Bergische Universität Wuppertal, Fachgebiet Arbeitswissenschaft
Hans Martin Hasselhorn ist Facharzt für Arbeitsmedizin und seit September 2015 Inhaber des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Er hat in Freiburg und Göteborg Humanmedizin studiert, von 1992 bis 1997 am Universitätsklinikum Freiburg gearbeitet und ist von 1997 bis 1999 als Marie-Curie-EU-Stipendiat am Karolinska Institute in Stockholm in der Arbeitsstressforschung tätig gewesen. Von 1999 bis 2009 war er an der Bergischen Universität Wuppertal im Bereich Arbeitsmedizin tätig, danach leitete er den Forschungsfachbereich „Arbeit und Gesundheit“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist heute der Themenkomplex „Arbeit, Alter, Ge-sundheit und Erwerbsteilhabe“. Zu den von ihm initiierten Forschungsprojekten zählen die Europäischen NEXT-Studie (www.next-study.net) sowie die deutsche Alterskohortenstudie lidA („leben in der Arbeit“, www.lidA-studie.de). Von 2014 - 2015 koordinierte er das internationale Projekt “Understanding Employment Participation of Older Workers”, JPI UEP (http://www.jp-demographic.eu/about/fast-track-projects/understanding-employment).
4
Freiwilliger Arbeitgeberwechsel und Arbeitsfähigkeit bei älteren Beschäftigten – der honeymoon-hangover effect (Nina Garthe, Hans Martin Hasselhorn)
Einleitung: Ziel der Studie war, den Effekt eines freiwilligen Arbeitgeberwechsels auf die selbstberichtete Arbeitsfähigkeit älterer Beschäftigter zu untersuchen [1].
Methoden: Die Längsschnittanalysen basieren auf den ersten drei Wellen der lidA-Studie (2011, 2014, 2018), einer repräsentativen Kohortenstudie älterer Beschäftigter (geboren 1959 oder 1965) in Deutschland. Daten von 2502 Beschäftigten, die an alle drei Wellen teilgenommen haben, wurden analysiert. Fixed-effects Regressionsanalysen wurden durchgeführt.
Ergebnisse: Vor dem Wechsel wurde ein signifikanter Abfall (deterioration) gefunden, nach den ersten Jahren nach dem Wechsel ein signifikanter Anstieg (honeymoon) und nach weiteren vier Jahren ein signifikanter Abfall (hangover period). Dieses Muster wird als „honeymoon-hangover effect“ bezeichnet.
Diskussion und Schlussfolgerung: Die Ergebnisse zeigen, dass ein freiwilliger Arbeitgeberwechsel bei älteren Beschäftigten das Potenzial hat, die Arbeitsfähigkeit über einige Jahre zu steigern, allerdings nicht darüber hinaus. Dennoch darf der substanzielle positive Effekt eines freiwilligen Arbeitgeberwechsels nicht unterschätzt werden.

References

[1] Garthe, N., Hasselhorn, H.M. The relationship between voluntary employer change and work ability among older workers. Journal for Labour Market Research, 2021, 55: 1-12
Herr Prof. Hans Martin Hasselhorn
Bergische Universität Wuppertal, Fachgebiet Arbeitswissenschaft
Hans Martin Hasselhorn ist Facharzt für Arbeitsmedizin und seit September 2015 Inhaber des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Er hat in Freiburg und Göteborg Humanmedizin studiert, von 1992 bis 1997 am Universitätsklinikum Freiburg gearbeitet und ist von 1997 bis 1999 als Marie-Curie-EU-Stipendiat am Karolinska Institute in Stockholm in der Arbeitsstressforschung tätig gewesen. Von 1999 bis 2009 war er an der Bergischen Universität Wuppertal im Bereich Arbeitsmedizin tätig, danach leitete er den Forschungsfachbereich „Arbeit und Gesundheit“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist heute der Themenkomplex „Arbeit, Alter, Ge-sundheit und Erwerbsteilhabe“. Zu den von ihm initiierten Forschungsprojekten zählen die Europäischen NEXT-Studie (www.next-study.net) sowie die deutsche Alterskohortenstudie lidA („leben in der Arbeit“, www.lidA-studie.de). Von 2014 - 2015 koordinierte er das internationale Projekt “Understanding Employment Participation of Older Workers”, JPI UEP (http://www.jp-demographic.eu/about/fast-track-projects/understanding-employment).
Fri
25 Mär
09:45 - 11:15
Vorträge
Evaluation BGM-Maßnahmen
Room: Hörsaal 7
Submissions:
1
Betriebliche Gesundheitsförderung in Inklusionsbetrieben – Eine explorative Triangulation von bestehenden Angeboten, Herausforderungen und Unterstützungsbedarfen (Ann-Christin Kordsmeyer, Ilona Efimov, Julia Christine Lengen, Volker Harth, Stefanie Mache)
Hintergrund: Im Zuge der Gesetzesänderung im Jahre 2018 sind Inklusionsbetriebe (Betriebe auf dem ersten Arbeitsmarkt, die 30 - 50 % von Menschen mit unterschiedlichen Schwerbehinderungen beschäftigten) dazu verpflichtet, Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung vorzuhalten. Aktuell liegen keine wissenschaftlich fundierten Studien aus dem Setting der Inklusionsbetriebe vor, die sich mit bestehenden Angeboten zur betrieblichen Gesundheitsförderung, Herausforderungen bei der Umsetzung und weiteren Unterstützungsbedarfen auseinandersetzen.
Methoden: Es wurden drei Fokusgruppen (insgesamt 14 Beschäftigte) sowie 16 Einzelinterviews mit Leitungskräften aus mehreren norddeutschen Inklusionsbetrieben kombiniert und durch 17 weitere Experteninterviews ergänzt. Alle Formate wurden aufgenommen, transkribiert und anonymisiert. Eine Auswertung erfolgte mittels der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2010). Hinsichtlich der Alters- und Geschlechterverteilung wurde eine heterogene Zusammenstellung anvisiert.
Ergebnisse: Bestehende Angebote im Bereich der Verhaltensprävention umfassten verschiedene Sport-, Ernährungs- oder Entspannungsangebote sowie Raucherentwöhnungskurse, Rückenschulungen oder andere Gesundheitsaktionen. Angebote im Bereich der Verhältnisprävention waren im Bereich der Arbeitsaufgaben, -organisation und -umgebung, sowie der sozialen Unterstützung angesiedelt. Herausforderungen bei der Umsetzung von Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung entstanden u.a. durch eine geringe Inanspruchnahme der Angebote, fehlende finanzielle Ressourcen, organisatorische Herausforderungen oder fehlende strukturierte Prozesse. Unterstützungsmöglichkeiten wurden z. B. im Bereich der finanziellen Unterstützung oder in der Zusammenarbeit von Kleinunternehmen gesehen.
Schlussfolgerungen: Insgesamt konnten erste empirische Erkenntnisse zu bestehenden Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung für Beschäftigte mit und ohne Behinderung in Inklusionsbetrieben und den damit verbundenen Herausforderungen und Unterstützungsmöglichkeiten gewonnen werden. Diese Ergebnisse zeigen jedoch, dass weitere Forschung und Unterstützung in dem Setting nötig sind, um die Betriebe bei der Umsetzung betrieblicher Gesundheitsförderung bestmöglich zu begleiten.

References

Mayring P. Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 11th ed. Weinheim,
Basel: Beltz; 2010.
Frau Ann-Christin Kordsmeyer
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
2
Evaluation von Gesundheitsförderungsmaßnahmen für Leitungskräfte und schwerbehinderte Beschäftigte in Inklusionsbetrieben (Ilona Efimov, Anika Tell, Ann-Christin Kordsmeyer, Volker Harth, Stefanie Mache)
Zielsetzung: Inklusionsbetriebe bieten schwerbehinderten Menschen eine Beschäftigung auf dem allgemeinen ersten Arbeitsmarkt. Seit dem 01.01.2018 sind Inklusionsbetriebe nach § 215-218 SGB IX verpflichtet, über den allgemeinen Arbeits- und Gesundheitsschutz hinaus Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung anzubieten. Derzeit bestehen jedoch keine Studien zu betrieblichen Gesundheitsförderungsmaßnahmen in Inklusionsbetrieben. In Anbetracht des gesundheitsförderlichen Potentials verhaltenspräventiver Angebote hat diese Studie zum Ziel, zielgruppenorientierte, bedarfsgerechte Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung für Leitungskräfte und schwerbehinderte Beschäftigte in Inklusionsbetrieben zu entwickeln, durchzuführen und zu evaluieren.

Methoden: Es sind für den Zeitraum von Juni bis November 2021 15 Seminare für schwerbehinderte Beschäftigte sowie fünf Seminare für Leitungskräfte geplant. Die Prozessevaluation wird mittels kurzer Fokusgruppen nach den Beschäftigtenseminaren und mittels eines standardisierten Fragebogens nach den Leitungskräfteseminaren durchgeführt. Die erhobenen quantitativen Daten werden deskriptiv ausgewertet, die qualitativen Daten transkribiert und mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2010) induktiv ausgewertet [1].

Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen, dass die bisher durchgeführten Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung von Beschäftigten mit Behinderungen hinsichtlich der Zufriedenheit, des Nutzens, der Verständlichkeit und der Länge der Seminare sehr positiv bewertet werden. Auch die Seminare für Leitungskräfte zeigen positive Evaluationsergebnisse hinsichtlich der Bewertungen des Dozenten, der Didaktik, der Teilnehmenden, der Rahmenbedingungen und des Nutzens. Verbesserungsvorschläge wurden sowohl von den Beschäftigten als auch den Leitungskräften zusammengetragen.​​​​

Schlussfolgerungen: Die Studie liefert erste empirische Erkenntnisse zur Entwicklung und Durchführung betrieblicher Gesundheitsförderungsmaßnahmen für Leitungskräfte und schwerbehinderte Beschäftigte in Inklusionsbetrieben. Insgesamt bedarf es weiterer Interventionsstudien zur Entwicklung und Evaluation von strukturellen und verhaltensbezogenen Interventionen zur Gesundheitsförderung in Inklusionsbetrieben im Sinne einer ganzheitlichen Vorgehensweise.

References

1. Mayring, P. Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 11th ed. Weinheim, Basel: Beltz; 2010.
Frau Ilona Efimov
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
3
Evaluation einer web-basierten Stresspräventionsplattform für Kleinst- und Kleinunternehmen: Studienprotokoll einer Mixed-Methods-Implementierungsstudie (Miriam Engels, Leif Boss, Judith Engels, Rebekka Kuhlmann, Johanna Kuske, Sarah Lepper, Lutz Lesener, Valeria Pavlista, Mathias Diebig, Thorsten Lunau, Sascha Alexander Ruhle, Florian B. Zapkau, Peter Angerer, Jörg Höwner, Dirk Lehr, Christian Schwens, Stefan Süß, Ines Catharina Wulf, Nico Dragano)
Hintergrund: Zur Stressprävention stehen Unternehmen zahlreiche, prinzipiell wirksame Interventionen sowohl auf der Verhaltensebene als auch auf der Ebene der Arbeitsorganisation (Verhältnisprävention) zur Verfügung. Jedoch werden Maßnahmen zur Stressprävention nur selten umgesetzt [1-2], insbesondere in Kleinst- und Kleinunternehmen (KKU) mit weniger als 50 Beschäftigten [3]. Im Forschungsvorhaben ‚PragmatiKK‘ wird eine integrierte, webbasierte Stresspräventionsplattform („System P“) entwickelt, die die Durchführung eines vollständigen Präventionszyklus in KKU ermöglicht. Das System berücksichtigt dabei die zuvor aus empirischen Untersuchungen gewonnenen Erkenntnisse zu typischen Hemm- und Förderfaktoren der betrieblichen Stressprävention und bietet digitale und vereinfachte Lösungen für die Umsetzung in KKU an.
Daten und Methoden: Die Nutzung des „System P“ wird im Rahmen einer Feldstudie evaluiert. Die Effekt- und Prozessevaluation umfassen zum einen die Wirksamkeitsanalyse der webbasierten Stresspräventionsmaßnahmen anhand des Vergleiches von depressiven Symptomen (Baseline, nach 6 und 12 Monaten). Zum anderen werden Indikatoren für einen erfolgreichen Implementierungsprozess (z.B. Akzeptanz und Durchführbarkeit) [4] mit quantitativen webbasierten Fragebögen und qualitativen Interviews gemessen sowie die gesammelten Nutzungsdaten der webbasierten Plattform analysiert.
Ergebnisse: Eine erste Version des Prototyps wurde technisch umgesetzt und getestet. Auf der Tagung sollen die einzelnen Komponenten des „System P“ kurz vorgestellt und das Studienprotokoll (DRKS00026154) der geplanten Mixed-Methods-Studie diskutiert werden.
Diskussion: Die zu erwartenden Studienergebnisse tragen zum Verständnis bei, unter welchen Voraussetzungen die Implementierung von online-gestützten Maßnahmen zur Stressprävention in KKU gelingen kann. Dabei werden vor dem Hintergrund der schweren Erreichbarkeit von KKU auch die zielgruppenspezifische Ansprache sowie die Unterstützung bei der Durchführung der verschiedenen Stresspräventionsmaßnahmen untersucht.
Acknowledgment: Dieses Forschungs- und Entwicklungsprojekt wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Programms „Zukunft der Wertschöpfung“ (Förderkennzeichen 02L16D020 bis 02L16D023) gefördert und vom Projektträger Karlsruhe (PTKA) betreut. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei den Autoren.

References

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Adm Policy Ment Health 2011; 38(2): 65–76
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Frau Ines Catharina Wulf
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
4
Evaluierung von Gestaltungsmaßnahmen zur Reduktion von physischen Belastungen und Beanspruchungen unter Flugzeug- und Gepäckabfertigern – Abschließende Ergebnisse der ErgonAIR-Studie (André Klußmann, Natalie Krämer, Jamal Nasir Choudhry, Johann Popp, Patrick Serafin)
Einleitung
Physische Belastungen in der Arbeitswelt stellen eine wesentliche Ursache für Arbeitsunfähigkeit dar. In einer Evaluierungsstudie wurde die Wirksamkeit eines Arbeitstechniktrainings überprüft.
Methoden
Es wurden zunächst eine Interventions- und eine Kontrollgruppe gebildet. Beide Gruppen durchliefen zwei Erhebungsphasen (t0 und t1). Bei allen Probanden wurden Messungen der Körperhaltung/-bewegung und standardisierte Befragungen durchgeführt. Zwischen t0 und t1 fanden für die Interventionsgruppe Arbeitstechniktrainings für drei simulierte Arbeitsszenarien, sowie Trainings zu praktischen Umsetzung am Arbeitsplatz statt. Betrachtet wurden das Umladen von Gepäck im und am Flugzeug sowie das Ziehen und Schieben von Gepäckanhängern. Die Beobachtungen wurden jeweils als Summenmaß der Rücken-, Knie- und Schulterbelastung aggregiert.
Ergebnisse
Für das Laden von Gepäck am Flugzeug konnten Daten von 34 Probanden ausgewertet werden, für das Ziehen und Schieben des Gepäckwagens von 43 und für das Laden im Flugzeug von 25 Probanden. Beim Laden am Flugzeug war die Belastung des Rückens in der Interventionsgruppe im Mittel um -1.455 gewichtete Grad-Sekunden geringer als in der Kontrollgruppe (95%-KI -2517 – -393). Die Differenz betrug 2.227 (1.644 – 2.810) für die Kniebelastung und 813 (-523 – 2.150) für die Schulterbelastung. Auffällige Unterschiede gab es mit 3.979 Grad-Sekunden (881 – 7.077) auch für die Schulterbelastung beim Laden im Flugzeug. Nach Bonferroni-Korrektur für 9 getestete Hypothesen war nur die Differenz der Kniebelastung beim Laden am Flugzeug statistisch signifikant.
Diskussion/Ausblick
Die Probanden können das in den Arbeitstechniktrainings erlernte Wissen in der Arbeitsplatzsimulation umsetzen und reproduzieren. Belastungen des Rückens werden auf die Körperregionen der Knie und Schultern umgeleitet. Differenzierte Studien der Belastung verschiedener Körperregionen können dazu beitragen, den Zusammenhang zwischen Interventionen und gesundheitlichen Auswirkungen besser zu verstehen.
Hinweis
Diese Studie wurde u.a. mit Mitteln der BG Verkehr und der Techniker Krankenkasse finanziell unterstützt.
Herr Prof. Dr.-Ing. André Klußmann
Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg Fakultät Life Sciences / Department Gesundheitswissenschaften / Professur Arbeitswissenschaft
5
Arbeitsbezogene Gesundheitskompetenz als Zielgröße im Gesundheitsmanagement: Entwicklung und Validierung eines Erhebungsinstruments (Julian Friedrich, Anne-Kristin Münch, Ansgar Thiel, Susanne Völter-Mahlknecht, Gorden Sudeck)
Hintergrund
Ziel von Betrieblichem Gesundheitsmanagement (BGM) ist es, die Gesundheit von Erwerbstätigen zu erhalten und zu fördern und nachhaltige Arbeitsfähigkeit zu erreichen [1]. Arbeitsbezogene Gesundheitskompetenz umfasst das Wissen, die Fähigkeiten und Verantwortungsübernahme der Menschen, um in Arbeitssituationen gesundheitsorientiert zu handeln und langfristig arbeitsfähig zu bleiben. Während konzeptionelle Ansätze zur Gesundheitskompetenz in der Arbeitswelt vorliegen [2, 3], existiert in Europa bislang kein validiertes domänenspezifisches Erhebungsverfahren. Ziel war es, ein Modell sowie reliables und valides Erhebungsinstrument zur arbeitsbezogenen Gesundheitskompetenz zu evaluieren.

Methode
Das Erhebungsinstrument wurde in einem mehrstufigen Ansatz mit qualitativen und quantitativen Methoden entwickelt. Es wurden Items für die Faktoren Umgang mit Gesundheitsinformationen, Gestaltung von Arbeitssituationen und der Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme in einem Vortest (n = 163) und einer Hauptbefragung (n = 828) mit Arbeitgebenden und Beschäftigten in kleineren und mittleren Unternehmen [4] in Deutschland mit Blick auf faktorielle Validität getestet. Zudem wurden arbeitsnahe Gesundheitsindikatoren wie Arbeitsfähigkeit und Wohlbefinden erfasst, um die Konstruktvalidität zu überprüfen.

Ergebnisse
Das entwickelte theoretische Modell konnte bestätigt werden. In explorativen Strukturgleichungsmodellen einer Kreuzvalidierung zeigten sich gute Fit-Indizes. Beim Finden und Verstehen von Gesundheitsinformationen hatten Befragte weniger Schwierigkeiten als in der Umsetzung. Das aktive Einsetzen für Gesundheit variierte stärker unter den Befragten. Auf Basis eines Gesamtscores zeigte sich, dass 47% der Befragten ihre arbeitsbezogene Gesundheitskompetenz unzureichend oder problematisch einstuften. Moderate signifikante Korrelationen mit den arbeitsnahen Gesundheitsindikatoren Arbeitsfähigkeit (r = .23, p < .01) und Wohlbefinden (r = .25, p < .01) konnten aufgefunden werden. Zeitgleich konnte die arbeitsbezogene Gesundheitskompetenz in Strukturgleichungsmodellen klar von diesen abgegrenzt werden.

Ausblick
Das Erhebungsinstrument erweitert die Möglichkeit zur Erfassung der arbeitsbezogenen Gesundheitskompetenz in Deutschland, um schnell und einfach Kompetenz und Handlungsbereitschaft einer Person einzuschätzen und Handlungsempfehlungen abzuleiten. Eine weitere Validierung in anderen Settings ist anzustreben, um Gesundheitskompetenz optimal in BGM einzubauen.

References

[1] Kriegesmann B. Kompetenz für eine nachhaltige Beschäftigungsfähigkeit: Abschlussbericht für das Projekt „Lebenslanges Lernen im Bereich von Sicherheit und Gesundheitsschutz: Entwicklung eines Kompetenzmodells als Basis für die Förderung eigenkompetenten Verhaltens“ - INQA-Projekt F 53-03. Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin Forschung. Bremerhaven: Wirtschaftsverl. NW, Verl. für Neue Wiss; 2005.
[2] Georg A, Guhlemann K. Arbeitsschutz und individuelle Gesundheitskompetenz. Perspektiven der Prävention von Arbeitsintensivierung in der „Arbeit 4.0“. WSI. 2020;73(1):63-70.
[3] Rauscher KJ, Myers DJ. Occupational health literacy and work-related injury among US adolescents. International Journal of Injury Control and Safety Promotion. 2014;21(1):81-9.
[4] Europäische Union. Von der Kommission angenommene Definition der Kleinstunternehmen sowie der kleinen und mittleren Unternehmen. Amtsblatt der Europäischen Union. 2003;L124:36-41.
Herr Julian Friedrich
Universität Tübingen, Institut für Sportwissenschaft
Fri
25 Mär
11:30 - 12:30
Poster
Lunge
Submissions:
1
Berufliche Enzymsensibilisierungen und Lungenfunktion bei Beschäftigten einer Enzymproduktionsanlage (Matthias Claus, Axel Schlieter, Stefan Webendörfer)
Einleitung: Für die vorliegende Untersuchung wurden Längsschnittdaten eines arbeitsmedizinischen Surveillance-Programms verwendet, um Sensibilisierungen gegenüber Phytase, Glucanase und/oder Xylanase, arbeitsplatzbezogene Symptome sowie den longitudinalen Lungenfunktionsabfall bei Arbeitnehmern mit beruflichem Kontakt zu Enzymen zu beschreiben.
Methodik: Die vorliegende Längsschnittstudie wurde zwischen 2005 und 2017 in einer Enzymproduktionsanlage eines Großunternehmens der chemischen Industrie am Hauptstandort Ludwigshafen am Rhein durchgeführt. Allen Arbeitnehmern wurde vor Aufnahme der Tätigkeit in der Anlage die Teilnahme an einer umfangreichen Einstellungsuntersuchung sowie sich jährlich wiederholenden Nachfolgeuntersuchungen angeboten. Die Untersuchungen beinhalteten eine umfassende medizinische Anamnese, eine Lungenfunktionsmessung sowie eine IgE-Serologie. Trotz Freiwilligkeit des Angebots nahmen alle in Frage kommenden Mitarbeiter an dem Surveillance Programm teil.
Ergebnisse: Insgesamt wurden 92 Mitarbeiter über einen medianen Zeitraum von 5,6 Jahren verfolgt. Etwas mehr als ein Fünftel (22,8%) aller Mitarbeiter sensibilisierte sich während der Tätigkeit mindestens einmal bzgl. eines der drei Enzyme. Während des Follow-Ups berichteten elf Mitarbeiter (12,0%) von arbeitsplatzbezogenen Atemwegs- oder Hautsymptomen. Bei vier Arbeitnehmern hielten die Symptome mehrere Jahre lang an oder traten nach einer symptomfreien Zeit wieder auf. In linearen gemischten Modellen war FEV1 zur Baselineuntersuchung (im Querschnitt) signifikant mit Alter, Größe, Berufsgruppe/Geschlecht und Raucherstatus assoziiert. Im Längsschnitt zeigte sich ein signifikanter Abfall von FEV1 mit vergangener Zeit, Gewichtszunahme und Zunahme von Gesamt-IgE. Es wurden keine signifikanten Zusammenhänge zwischen Lungenfunktion und Enzymsensibilisierung festgestellt.
Diskussion: Unsere Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit neue Prozesse, bei denen es zu einer Exposition gegenüber Atemwegsallergenen kommen kann, genau zu überwachen, und zeigen wie wichtig eine kontinuierliche arbeitsmedizinische Surveillance sowohl vor Aufnahme der Tätigkeit als auch im weiteren Verlauf ist.
Herr Dr. Matthias Claus
Corporate Health Management, BASF SE
2
Kasuistik: Richtungsweisende Verschlechterung einer bronchialen Obstruktion durch spezifische Sensibilisierung auf Abachiholzstaub (Julia Pieter, Volker Harth, Alexandra Marita Preisser)
Einleitung: Bei einem 62-jährigen gelernten Filmvorführer wurde 2010 eine chronisch-obstruktive Bronchitis diagnostiziert; es bestehen 20 packyears. 2015 begann er als Hilfsarbeiter in einer Tischlerei, in der Herstellung von Saunamöbeln zu arbeiten. In den folgenden Jahren beklagte er eine deutliche Zunahme der Dyspnoe; bei der Arbeit mit Abachiholz traten ein starker Fließschnupfen, Augenbrennen, Niesanfälle und Hustenattacken auf. Infolge der bronchialen Obstruktion mit Nachweis der Asthma-Komponente (unspezifische bronchiale Hyperreagibiliät, positive Bronchospasmolyse) wurde 2019 ein Asthma-COPD-Overlap (ACO) diagnostiziert. Aufgrund des Arbeitsplatzbezugs stellte der behandelnde Pneumologe den Verdacht auf eine Berufskrankheit (BK) Nr. 4301.
Methoden und Ergebnisse: Der Präventionsdienst der BG ermittelte eine Arbeitsplatzexposition gegen Stäube von Abachi- und Espenholz; der Arbeitsplatzgrenzwert für Holzstaub (TRGS 553) wurde nicht überschritten. Die im Rahmen der Begutachtung im ZfAM erhobene Lungenfunktion zeigte eine schwere obstruktive Ventilationsstörung mit geringer Reversibilität nach Bronchospasmolyse, eine Lungenüberblähung sowie eine leicht eingeschränkte Diffusionskapazität für CO bei unauffälliger Blutgasanalyse. In der Spiroergometrie zeigte sich eine Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit (max. Sauerstoffaufnahme V̇O2 mit 71% des Solls) bei normwertigem Gasaustausch, jedoch dynamischer Überblähung der Lunge und Strömungsbegrenzung in der Fluss-Volumen-Kurve durch die Obstruktion. Prickteste auf Umweltallergene und Isocyanate zeigten sich unauffällig, spezifische IgE gg. Abachiholz jedoch positiv (1,11 kU/l, CAP-Kl. 2).
Schlussfolgerung: Die vor Beginn der Tischlertätigkeit leichte bis mittelgradige Obstruktion verschlechterte sich nach Expositionsbeginn gegen Abachiholz rapide zu einer schweren obstruktiven Ventilationsstörung. Bereits 6 Monate nach Expositionsbeginn war eine Therapieerweiterung notwendig. Der Nachweis einer spezif. Sensibilisierung gegenüber Abachiholzstaub, die Verschlechterung der Lungenfunktion und die beschriebene typische Allergiesymptomatik bei der Arbeit mit Abachiholz sprechen für eine wesentliche Teilursächlichkeit der tätigkeitsbedingten Sensibilisierung an der Erkrankung. Die Anerkennung der BK 4301 wurde der BG empfohlen. Auch bei vorbestehendem Asthma oder ACO kann eine maßgebliche Verschlechterung durch eine allergische Sensibilisierung gegenüber Arbeitsstoffen zur Entwicklung einer BK führen.
Frau Dr. med. Julia Pieter
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
3
Beschwerden der oberen und unteren Atemwege bei Mitarbeitenden tierärztlicher Praxen (Frank Hoffmeyer, Alexandra Beine, Anne Lotz, Olaf Kleinmüller, Christoph Nöllenheidt, Eva Zahradnik, Albert Nienhaus, Monika Raulf)
Zielsetzung: Die Arbeit mit Tieren ist durch die Exposition gegenüber tierischen, pflanzlichen und mikrobiellen Allergenquellen sowie chemischen Stoffen gekennzeichnet, wodurch Atemwegsbeschwerden ausgelöst werden können. Ziel dieser Querschnittsstudie war es, die Prävalenz von Atemwegssymptomen und -diagnosen bei tierärztlichem Personal zu erfassen.
Methoden: Beschäftigte aus Tierarztpraxen wurden untersucht und detaillierte Informationen zu persönlichen und Arbeitsumständen mittels Fragebogen erhoben (n=122). Zur genauen Charakterisierung der Sensibilisierung wurden IgE-Tests auf umweltrelevante und tierische Allergene durchgeführt. Assoziationen zu Atemwegserkrankungen wurden mit Hilfe von logistischen Regressionsmodellen unter Beachtung potenzieller Störfaktoren analysiert.
Ergebnisse: Von den 122 Teilnehmenden waren 109 weiblich, so dass die Analyse für diese Gruppe vorgenommen wurde. Im serologischen Atopie-Screen waren 31 % positiv (sx1 ≥ 0.35 kU/L). Symptome einer Rhinokonjunktivitis waren die häufigsten Beschwerden (n= 92; 84 %). Bei 18 % war die Diagnose ärztlich bestätigt worden Symptome der oberen und unteren Atemwege korrelierten signifikant (r=0,573; p< 0,0001), und bei 11 % der Teilnehmerinnen war die Diagnose Asthma bestätigt worden. Die Modellierung ergab, dass eine Sensibilisierung gegen Katzen/Hunde ein signifikanter Risikofaktor für Atemwegssymptome der oberen [Odds Ratio (OR) 4,61; 95% Konfidenzintervall (CI) 1,13 bis 18,81] und unteren Atemwege (OR 5,14; 95%CI 1,25 bis 21,13), ärztlich bestätigte Rhinokonjunktivitis (OR 13,43; 95%CI 1,69 bis 106,5) und Asthma (OR 9,02; 95%CI 1,16 bis 70,39) bei Assistenzpersonal von Kleintierpraxen (n=83) war.
Schlussfolgerungen: In mehreren Fällen verschlimmerte sich die Rhinokonjunktivitis nach dem Berufseintritt. Atopie und spezifische Sensibilisierung gegenüber Katzen/Hunden waren Risikofaktoren für gesundheitliche Beeinträchtigungen. Im Kontext präventiver Maßnahmen sollte das Personal von Tierarztpraxen darüber aufgeklärt werden, dass Symptome der oberen Atemwege nicht harmlos sind und frühzeitig diagnostiziert und behandelt werden sollten.
Herr PD Dr. med. Frank Hoffmeyer
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
4
Unerwartetes Ergebnis im spezifischen arbeitsplatzbezogenen Inhalationstest (AIT) bei einer Landwirtin (Wibke Körner, Volker Harth, Alexandra Marita Preisser)
Einleitung
Die 45-jährige, nun in der Viehzucht tätige, gelernte Verwaltungsfachangestellte mit vorbestehenden Typ–I-Sensibilisierungen gegenüber Hausstaubmilben und Ziegenhaar und Z.n. spezifischer Immuntherapie entwickelte nach 15 Jahren Vollzeittätigkeit in der Viehzucht typische arbeitsplatzkongruente rhinokonjunktivitische Beschwerden und Asthmasymptomatik bei Betreten der Stallungen, vor allem in Kontakt mit Einstreu und Kraftfutter. Parallel zeigte sich eine deutliche Häufung von schwerwiegenden und prolongierten bronchialen und pulmonalen Infekten mit erhöhtem Bedarf an Asthmamedikation. Das Asthma bronchiale war bereits im Vorwege diagnostiziert worden. Die allergologische Diagnostik ergab eine Typ-I-Sensibilisierung gegenüber den Vorratsmilben Acarus siro und Lepidoglyphus destructor. Aufgrund der neu aufgetretenen Sensibilisierung gegenüber Vorratsmilben, dem gesicherten Asthma bronchiale und den typischen arbeitsplatzkongruenten Beschwerden wurde die BK 4301 zur Anerkennung empfohlen. Der nachgeforderte AIT lieferte jedoch ein unerwartetes Ergebnis.

Methoden
Spezifische bronchiale Provokationstestung in einer Expositionskammer mit den Berufsstoffen Stroh, Heu, Einstreu, Kraftfutter und Milchpulver für Kälbchen. Bestimmung des sRt und FEV1 mittels Spirometrie und Bodyplethysmographie nach jeder Provokation sowie 1, 2, 4 und 24 Stunden nach der Provokation zur Darstellung einer akut auftretenden obstruktiven Ventilationsstörung. Zudem erfolgte die Messung des exhalierten NO als Messgröße für eine bronchiale Entzündungsreaktion. Anschließend Prick-zu-Prick-, Scratch- und Reibetestung mit dem Milchpulvers, auch Testung einer gesunden Kontrollperson.

Ergebnisse
Trotz anamnestischer Beschwerden bei der Arbeit in den Stallungen war in der Provokationstestung mit Heu, Stroh, Einstreu und Kraftfutter keine eindeutige obstruktive Ventilationsstörung messbar.
Jedoch Auftreten einer konjunktivalen Reaktion und eines Fließschnupfens.
Bei Provokationstestung mit Milchpulver für Kälber starker Anstieg des SRt auf das Vierfache des Ausgangswertes.
Positive Reaktion im Scratch- und Prick-zu-Pricktest auf Milchpulver bei negativer Reaktion der Kontrollperson.

Schlussfolgerung
Trotz typischer arbeitsplatzkongruenter Anamnese der allergischen Beschwerden wurde das auslösende Allergen, das Kälber-Milchpulver, erst im AIT als Auslöser identifiziert. Der AIT stellt einen wichtigen Baustein zur Sicherung der Kausalität der BK 4301 dar.
Frau Wibke Körner
5
Ist die in-vitro Zytokinfreisetzung ein geeigneter Marker, um die Diagnose von schimmelpilzbedingten Atemwegserkrankungen zu verbessern? - Eine Proof-of-Concept-Studie (Verena Liebers, Sabine Kespohl, Heike Stubel, Gerda Borowitzki, Rolf Merget, Thomas Brüning, Monika Raulf)
Hintergrund: Ob Atemwegsbeschwerden durch Schimmelpilzexposition verursacht wurden, lässt sich im Rahmen der üblichen Allergie-Diagnostik nicht immer vollständig klären. Daher war das Ziel dieser Pilotstudie zu prüfen, ob der Vollbluttest geeignet ist, um zusätzlich zur serologischen Diagnostik Informationen zur Schimmelpilzexposition zu gewinnen.

Methoden: Entsprechend der Fragebogenangaben wurden 48 Probanden in Exponierte (n = 29) und Nicht-Exponierte (n = 19) eingeteilt sowie spezifische IgE-Antikörper gegen eine Schimmelpilzmischung (mx1) im Serum bestimmt. Im Vollbluttest wurde die Freisetzung der Zytokine IL1β und IL8 nach in-vitro Stimulation mit Extrakten von Aspergillus fumigatus, Penicillium chrysogenum, Aspergillus versicolor und Cladosporium herbarum sowie mit E. coli Endotoxin bestimmt.

Ergebnisse:
Zwischen Schimmelpilz-Exponierten und Nicht-Exponierten war kein signifikanter Unterschied in der Zytokinfreisetzung festzustellen, wenngleich eine Tendenz zu höherer IL-1β Freisetzung bei Exponierten vorlag. Signifikant erhöht war die IL-1β Freisetzung nach Stimulation mit Endotoxin im Vergleich von Schimmelpilz-Sensibilisierten (mx1-positiven; n = 12) zu Nicht-Sensibilisierten (n = 36). Gleiches galt für den Vergleich von Asthmatikern (n = 24) mit Nicht-Asthmatikern (n = 24). Für die Asthmatiker wurde außerdem eine signifikant erhöhte IL8 Freisetzung nach Stimulation mit P. chrysogenum dokumentiert.

Schlussfolgerungen: In der Zusammenschau mit anderen Testverfahren ist der Vollbluttest und die in-vitro Induktion der Zytokinfreisetzung hilfreich, um die komplexe immunologische Reaktion auf Schimmelpilze besser zu verstehen. Allerdings stellt er kein geeignetes Testverfahren dar, um eine stattgehabte Schimmelpilzexposition oder Atemwegsbeschwerden, deren Ursache eine Schimmelpilz-Exposition sein könnten, zu verifizieren
Frau Dr. Verena Liebers
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Thu
24 Mär
10:30 - 11:30
Vorträge
Belastung + Beanspruchung II
Room: Hörsaal 7
Submissions:
1
Lehrkräftestudie zu arbeitsbedingter Stressbelastung (Gabriela Petereit-Haack, Ulrich Bolm-Audorff)
Kurzfassung
T0 der Longitudinalstudie zur Erfassung von subjektiven und objektiven Stressparametern bei Lehrkräften (i. S. einer Querschnittsstudie) ist abgeschlossen. Die Ergebnisse bestätigen die Tendenzen der Vorauswertungen [4,5,6].
Einleitung
Stress der modernen Arbeitswelt wird belastend empfunden [1,2,3,7,8]. In der Studie wurden objektive und subjektive Parameter der berufsbedingten Stressbelastung von Lehrkräften ermittelt.
Methode
207 Kontrollen einer repräsentativen Einwohnermeldeamt-Stichprobe (Responserate 52%) und 202 Lehrkräfte (Responserate 63%) wurden zufällig gezogen. Studien-Phase t0: 2014-2020. Zielgrößen sind objektive und subjektive Parameter [4]. Für die Hauptgrößen (z.B. Hypertonie) war die Power ausreichend (Konfidenzniveau 95%, Power 91%). Als Maß des relativen Risikos werden Prävalenz (t0)-Ratios mit Hilfe der Coxregression für Confounder adjustiert berechnet. Regressionsmodelle werden erstellt und Mittelwerte verglichen (T-Test). Die Berechnung erfolgt mit SPSS 26. Hessischer Datenschutzbeauftragte und Ethikkommission der Landesärztekammer Hessen haben keine Bedenken.
Ergebnisse
Altersmedian: Kontrollen: 41 J. (40,64 J., MW), Lehrkräfte: 42 J. (42 J., MW); Geschlecht (männlich): Kontrollen 33,8%, Lehrkräfte 33,2%. Die Auswertung hat die Tendenz der Vorauswertungen bestätigt: objektive Parameter zeigten keinen signifikanten Unterschied zwischen Lehrkraft und Kontrolle. Insbesondere Rauchverhalten, BMI, Blutdruck oder Blutfette weisen bei Lehrkräften bessere Werte auf. Hingegen sind Grundschullehrkräfte im hohen Masse (57%) Lärmpegeln <= 80 db(A) exponiert. Lehrkräfte haben höhere subjektive Belastungen: u.a. einen signifikant höheren Effort-Reward-Index, einen höheren Zeitdruck, hohe Erschöpfung oder hohe emotionale Anforderungen. Insgesamt zeigte sich ein signifikanter Einfluss auf Hypertonie (>=130/80) zu folgenden Parametern (binär logistische Regression): mehr als 15 Berufsjahre 69% (sig. 0,019), männliches Geschlecht 56% (sig 0,019), Procam-Index 380% (sig. 0,002), BMI 290% (sig. 0,001). Ferner weist (nicht signifikant) z.B. ein erhöhter Lärmpegel zu 40,6%, hohe verbale Aggression 27,9% und ein erhöhter Depressionswert zu 40% eine erhöhte Hypertonierate auf. Im Vortrag werden alle Ergebnisse nach Schulform getrennt dargestellt.
Diskussion und Schlussfolgerung
Stress ist ein beruflicher Belastungsfaktor bei Lehrkräften. Ergebnisse dieser Studie dienen als Grundlage für weitere Betrachtung im Rahmen der Longitudinalstudie.

References

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Österreichische Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Schweizerische Gesellschaft
für Arbeitsmedizin (Hg.): Dokumentation der wissenschaftlichen Jahrestagung der
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der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin 2013.
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Hirt, J, Bolm-Audorff, U. Longitudinalstudie bei Lehrkräften: Methodik und
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Hirt, J, Bolm-Audorff, U. Lärm und Stressparameter bei Lehrkräften. In:
Schmitz-Spanke, S. (Hg.): Dokumentation der 58. Jahrestagung der Deutschen
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[6] Petereit-Haack, G, Krapp, B, Werner, I,
Hirt, J, Bolm-Audorff, U. Zusammenhang zwischen Herzfrequenzvariabilität (HRV)
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443-462, 2006.
Frau Dr. med. Gabriela Petereit-Haack MPH
Landesgewerbearzt Hessen
2
Psychologische und physiologische Adaption an positive Effekte der Entlastung von thermischen Stressoren (Marcel Schweiker, Hannah Pallubinsky)
Viele Jahre dominierte das Paradigma, thermische Bedingungen an Büroarbeitsplätzen eng um die neutrale Temperatur zu halten, um negative Einflüsse auf Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit der Arbeitenden zu reduzieren. Neueste Erkenntnisse führen zu einem Umdenken: neben dem hohen Energiebedarf, ist der Zusammenhang zwischen Temperatur und Leistungsfähigkeit deutlich schwacher, als vermutet, und Expositionen mit Temperaturen außerhalb des Komfortbereichs können positive Effekte auf Gesundheitsparameter haben. Dies führt zur Suche nach Konzepten für dynamische Raumklimabedingungen, die Thermophysiologie und Zufriedenheit langfristig positiv stimulieren. Häufigkeit, Höhe, und Zeitpunkt dieser Temperaturreize für eine bestmögliche Wirkung sind ebenso ungeklärt, wie die Akzeptanz des kurzfristigen Disstress zur langfristigen Gesundheitsförderung. Hier können Erkenntnisse zu thermischer Alliästhesie ein Rolle spielen. Das Konzept der Alliästhesie sagt voraus, dass das höchste Behaglichkeitsempfinden bei der Rückkehr von einem unbehaglichen zu einem behaglichen Zustand entsteht. Alliästhesie wird gleichzeitig als wichtiger Einflussfaktor für Verhaltensänderungen angesehen. Diese Studie untersuchte, inwieweit wiederholte Entlastungen von einem thermischen Stressor zu einer Abschwächung des positiven Effektes durch Alliästhesie führt, also ob Alliästhesie einer Adaption unterliegt.
In einem auf 30°C temperierten büronah ausgestatteten Versuchsraum mit Tageslicht erlebten 60 Probanden (55% < 32 Jahre, 45% > 50 Jahre, 52% weiblich) wiederholte thermische Stressentlastungen. Diese erfolgten mittels eines geräuscharmen Deckenventilators, der die Luftgeschwindigkeit am Sitzplatz auf 0,4 m/s erhöhte. In zwei (mit/ohne Kontrolle) mal vier Wiederholungen einer 15-minütigen Sequenz war der Deckenventilator jeweils die ersten 10 Minuten ausgeschaltet und dann 5 Minuten eingeschaltet. Subjektive Bewertungen, wie Wahrnehmung, freudige Erregtheit und Erleichterung, wurden zusammen mit physiologischen Parametern, wie Herzratenvariabilität, Hauttemperatur und –leitfähigkeit (EDA), erfasst.
Ergebnisse zeigen Wiederholungseffekte auf das subjektive Empfinden (z.B. Erregtheit: p=.01, d=0.43), die auf eine Abnahme der alliästhesischen Wirkung schließen lassen, jedoch keine messbaren Unterschiede der physiologischen Messwerte (z.B. EDA p=.34, d=0.11).
Die Ergebnisse geben erste Hinweise auf Potentiale zukünftiger dynamischer Klimakonzepte. Weitere Studien sind jedoch notwendig.
Herr Prof. Dr. Marcel Schweiker
Lehr- und Forschungsgebiet Healthy Living Spaces Institut für Arbeits-, Sozial-, und Umweltmedizin Universitätsklinikum RWTH Aachen
3
Untersuchung der psychischen Belastung der Beschäftigten verschiedener Berufsgruppen und Branchen in Deutschland während der COVID-19-Pandemie (Swaantje Casjens, Dirk Taeger, Thomas Brüning, Thomas Behrens)
ZIELSETZUNG:
Die SARS-CoV-2-Pandemie stellt Beschäftigte und Unternehmen weiterhin vor große Herausforderungen. Neben der Sorge vor einer Infektion können sich die Einführung neuer Beschäftigungsformate aufgrund der eingeleiteten Präventionsmaßnahmen oder die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes als Belastung erweisen. Bereits zu Beginn der Pandemie gab es Hinweise, dass neben Gesundheitsberufen auch andere Berufsgruppen einem erhöhten arbeitsbedingtem Infektionsrisiko ausgesetzt sein könnten. Diese Studie untersucht die psychische Beanspruchung der Beschäftigten verschiedener Branchen in dieser Extremsituation.

METHODEN:
In Zusammenarbeit mit mehreren Berufsgenossenschaften und Unfallkassen führten wir von Dezember 2020 bis Juni 2021 eine Online-Umfrage unter Beschäftigten aus Industrie, öffentlichem Dienst, Finanzsektor, Öffentlichem Personennahverkehr und Einzelhandel durch. In Anlehnung an das Collegium Ramazzini wurden basierend auf den Berufsangaben arbeitsbedingte SARS-CoV-2-Infektionsrisikogruppen erstellt. Die psychische Beanspruchung wurde mit dem Patient Health Questionnaire-4 und arbeitsbedingter Stress mit der Kurzversion des Effort-Reward-Imbalance-Fragebogens und Modulen des Copenhagen Psychosocial Questionnaire erfasst.

ERGEBNISSE
Es nahmen 1548 Beschäftigte teil. Nahezu alle Beschäftigte (96%) wurden von ihrem Arbeitsgeber zu den SARS-CoV-2-bedingten Arbeitsschutzmaßnahmen unterwiesen und über 70% fühlten sich durch diese geschützt, jedoch gab es Unterschiede zwischen den Branchen. Im Laufe der Pandemie verschlechterte sich die allgemeine Angst- und Depressionssymptomatik. Regressionsanalysen zeigten erhöhte Risiken für stärker ausgeprägte depressive und Angstsymptome für pädagogische Fachkräfte und Fachkräfte der Sozialen Arbeit (OR 3,61; 95% KI 2,00-6,51) sowie für Beschäftigte mit einem potentiellen arbeitsbedingten Infektionsrisiko (OR 2,32; 95% KI 1,63-3,31) im Vergleich zu Personen ohne Infektionsrisiko.

SCHLUSSFOLGERUNGEN
Diese Studie deutet auf einen hohen Stellenwert des Arbeits- und Infektionsschutz in der SARS-CoV-2-Pandemie hin. Neben dem Infektionsrisiko führten auch mangelnder Schutz durch den Arbeitgeber, Work-Privacy-Konflikte, übermäßiges Engagement bei der Arbeit und die reduzierte Interaktion mit den Kollegen zu erhöhten Risiken für depressive und Angstsymptome. In vergleichbaren Situationen könnten Arbeitgeber zukünftig insbesondere Beschäftigte aus diesen Subgruppen unterstützen, um Belastungen zu reduzieren.
Frau Dr. Swaantje Casjens
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
4
The association of social support, interpersonal conflicts and work-family conflict with poor health among ready-made garment workers in Bangladesh: A cross-sectional study (Annegret Dreher, Rita Yusuf, Hasan Ashraf, Syed AK Shifat Ahmed, Christian Strümpell, Adrian Loerbroks)
Background

Bangladesh is the second largest exporter of ready-made garments worldwide. Prior studies have investigated and highlighted the adverse physical working conditions of garment workers, yet studies on psychosocial stressors at work are scarce and specifically research on stressors resulting from social ties related to the workplace is lacking.

Methods

Interviews were conducted with garment workers at their homes in labour colonies located near garment factories in Dhaka, Bangladesh. The questionnaire comprised items on sociodemographics, health, occupational factors, workplace stressors, social ties at work, and work-family conflict. Participants were asked to rate their agreement to given statements such as “Whenever needed you receive support from your colleagues on the same rank.” binarily (yes/no). Descriptive analysis of all data was performed using SPSS 25. Associations between social ties, work-family conflict and workers’ self-reported overall health and 10 types of self-reported health complaints (e.g. headache, back pain, stomach problems) will be analyzed and reported as prevalence ratios with corresponding 95% confidence intervals.

Results

A total of 1118 garment workers completed the interview in February/March 2021 (71.3% female, mean age 26.2 years). The majority of workers reported to receive support, when needed, from colleagues on the same rank and from supervisors (80.5% and 86.0%, respectively). Bullying by colleagues or supervisors was reported by 14.6% and 12.3%, respectively. Overall, 14.8% of the workers stated that their family life had disturbed them in doing their job as good as possible and 12.5% agreed to often face problems in their family due to work. The majority (61.8%) of workers classified their own health as good or very good. The most prevalent health complaints were headache (68.3%), cold (55.3%), back pain (50.7%) and jaundice (44.5%).

Conclusions

We found high prevalences of social support at work, high prevalences of health complaints, and moderate agreement to workplace bullying and work-family conflict. Our results provide valuable insights into a possible association of social ties at work with garment workers’ health and may indicate starting points for interventions to improve workers’ health.
Frau Annegret Dreher
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Fri
25 Mär
11:30 - 12:30
Poster
Biomonitoring
Submissions:
1
Beurteilungswerte und geprüfte Analysenverfahren für das Biomonitoring von Naphthalin – Ergebnisse aus der kohärenten Stoffbewertung in den Arbeitsgruppen der Ständigen Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe (Anja Schäferhenrich, Wobbeke Weistenhöfer, Corinna Fischer, Katrin Klotz, Thomas Göen, Hans Drexler, Andrea Hartwig)
Einleitung: Die Ständige Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (MAK-Kommission) bewertet Gefahrstoffe und erarbeitet entsprechende Analysenmethoden für die Prävention von Gesundheitsgefährdungen am Arbeitsplatz. Die Arbeitsgruppen „Beurteilungswerte in biologischem Material“ (AG BAT) und „Analysen in biologischem Material“ (AG Biomonitoring) schaffen durch abgestimmtes Arbeiten wissenschaftlich begründete Voraussetzungen für die Durchführung und Bewertung des Biomonitorings von Arbeitsstoffen. Ein aktuelles Beispiel für diese kohärente Arbeitsweise ist Naphthalin, das sowohl Bestandteil von PAK-Gemischen ist als auch als Einzelsubstanz in Arbeitsprozessen verwendet wird.
Methoden: Naphthalin wurde von der MAK-Kommission als Kanzerogen der Kategorie 2 eingestuft und mit einer H-Markierung versehen (Gefahr durch Hautresorption). Weiterhin erfolgte eine Einstufung in Kategorie 3B der Keimzellmutagene.
1,2-Dihydroxynaphthalin (1,2-DHN) erwies sich in neueren Studien als Hauptmetabolit des Naphthalins beim Menschen, der im Vergleich zu 1- und 2-Naphthol eine höhere diagnostische Spezifität zeigt. Zum Schutz beruflich Naphthalin-exponierter Personen fehlten für 1,2-DHN wissenschaftlich abgeleitete Beurteilungswerte in biologischem Material.
Ergebnisse: Die AG Biomonitoring hat eine Analysenmethode zur simultanen Bestimmung von 1,2-DHN, 1-Naphthol und 2-Naphthol in Urin mittels GC-MS/MS entwickelt, geprüft und publiziert. In der AG BAT wurden u. a. mit dieser Methode gemessene Studiendaten ausgewertet und Expositionsäquivalente für krebserzeugende Arbeitsstoffe (EKA) abgeleitet, die den Zusammenhang zwischen der Naphthalinkonzentration in der Arbeitsplatzluft und den Konzentrationen von 1,2-DHN, 1- und 2-Naphthol sowie der 1-Naphthylmerkaptursäure im Urin beschreiben.
Schlussfolgerungen: Dank der kohärenten Arbeitsweise der Arbeitsgruppen der MAK-Kommission war es möglich, zeitgleich eine valide Analysenmethode zu entwickeln, um eine Exposition gegenüber Naphthalin spezifisch und sensitiv zu quantifizieren, sowie mit den EKA Beurteilungswerte im biologischen Material zu evaluieren, die eine Bewertung der Biomonitoringergebnisse, z. B. im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge, ermöglichen.
Frau Dr. Anja Schäferhenrich
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
2
Qualitätssicherung des Biomonitorings von aromatischen Kohlenwasserstoffen (Thomas Göen, Barbara Schaller, Hans Drexler)
Einleitung: Sowohl an spezifischen Arbeitsplätzen als auch in der Allgemeinbevölkerung können Belastungen gegenüber diversen aromatischen Kohlenwasserstoffen auftreten. Das Spektrum der verwendeten bzw. auftretenden Stoffe reicht von den flüchtigen monozyklischen Aromaten, wie Benzol, Toluol, Ethylbenzol, Xylol (BTEX-Aromaten), bis zu komplexen polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK). Insbesondere für die BETX-Aromaten aber auch für Pyren als PAK-Vertreter existieren gut etablierte Biomonitoringparameter sowie ein Angebot zur externen Qualitätssicherung der Analytik. Im Beitrag soll über das Parameterspektrum und die Ergebnisse der externen Qualitätssicherung für Aromaten-Belastungen, die im Auftrag der DGAUM organisiert wurde (GEQUAS), berichtet werden.
Methoden: Im GEQUAS wurde das Angebot einer externen Qualitätssicherung für diese Parameter sukzessive ausgebaut. Die Entwicklung des Spektrums der diesbezüglichen Parameter und Parametergruppen wurde ausgewertet. Ferner wurden die Inanspruchnahme sowie die dabei erzielten Ergebnisse ermittelt.
Ergebnisse: Bereits im Jahr 1983 wurde im GEQUAS mit Mandelsäure im Urin erstmalig eine Qualitätssicherung für einen Aromaten-Biomonitoringparameter angeboten. In den Folgejahren erfolgte zunächst die Aufnahme weiteren Aromatenmetaboliten in Urin, 1993 die Bestimmung des PAH-Biomonitoringparameters 1-Hydroxypyren in Urin, 1998 und 2015 die Bereitstellung spezieller Materialen für die Bestimmung der BTEX-Aromaten mit dem Headspace-Verfahren in Blut bzw. Urin. Aktuell wird eine Qualitätssicherung für 9 Metaboliten in Urin, 4 Aromaten in Blut und 4 Aromaten in Urin angeboten. Geringere Erfolgsquoten traten insbesondere bei anspruchsvolle analytische Aufgaben, wie z.B. die Bestimmung der S-Phenylmerkaptursäure im Ultraspurenbereich bzw. bei der Hydrolyse von Konjugaten des Phenols und des o-Kresols, auf.
Schlussfolgerungen: Das breite Angebot von GEQUAS für die Qualitätssicherung für Aromaten-Biomonitoringparameter ist weltweit einzigartig. Es wird deshalb insbesondere auch international mit zunehmendem Interesse angenommen. Dadurch werden sowohl das im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge durchgeführte Biomonitoring aber auch deren Fortentwicklung qualitätsgesichert.
Herr Prof. Dr. rer. nat. Thomas Göen
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen
3
Eignung von Dried Milk Spots für das Quecksilberbiomonitoring in Muttermilch (Christopher Bake vel Bakin, Stephan Böse-O´Reilly, Stefan Rakete)
Hintergrund: Für die Abschätzung der Exposition gegenüber Schadstoffen in der Umwelt kommen zahlreiche Matrices zum Einsatz. Hier zu nennen sind insbesondere Blut, Haare, Urin, aber auch Muttermilch [1]. Muttermilch wird aktuell insbesondere in flüssiger Form auf toxische Metalle wie z.B. Quecksilber (Hg), Cadmium (Cd) und Blei (Pb) untersucht [2]. Diese Methode benötigt eine durchgehende Kühlkette, sowohl beim Transport vom Abnahmeort zum Untersuchungslabor als auch bei der Lagerung bis zur Analyse. Diese Grundbedingung erschwert gerade in „low and middle income countries“ die Untersuchung dieser Matrix. Daher soll in dieser Studie unter Verwendung von Microsampling auf Filterpapierkarten ein Untersuchungsmedium für den Nachweis von Hg in Muttermilch getestet und implementiert werden, das sogenannte „Dried Milk Spot (DMS) sampling“.

Methoden: Für den Methodenvergleich zwischen flüssigen Proben und DMS werden Muttermilchproben von stillenden Müttern gesammelt. Für die DMS werden drei Spots mit je 60µl der flüssigen Proben auf eine Filterpapierkarte pipettiert, getrocknet, für eine Woche gelagert und anschließend analysiert. Die flüssigen Proben und DMS werden in einem direkt messenden Quecksilberanalysator gemessen. Für die Untersuchung der Stabilität werden mit Hg aufdotierte DMS bei -20 °C, Raumtemperatur, 40°C für bis zu vier Wochen in zwei verschiedenen Gefäßen (Plastikbeutel, gereinigte Glasröhrchen) gelagert und anschließend analysiert.

Ergebnisse: Aus den Versuchen resultiert, dass eine Lagerung in gereinigten Reagenzgläsern die beste Wiederfindung aufweist und die Proben selbst bei 40°C auch nach 4 Wochen stabil sind. Die Wiederfindungen über alle Zeitpunkte und Lagerungsbedingungen hinweg lag im Bereich von 91-107% für die Glasröhrchen und von 75-112% für die Plastikbeutel. Die Untersuchung der ersten realen DMS zeigte eine eher geringe Belastung mit Quecksilber, was durch die Messung der flüssigen Proben bestätigt wurde.

Ausblick: Die Probandinnenrekrutierung ist derzeit noch nicht abgeschlossen, daher kann die Vergleichbarkeit zwischen dem Goldstandard und DMS noch nicht abschließen beurteilt werden. Jedoch scheinen DMS prinzipiell für den Nachweis von Quecksilber in Muttermilch geeignet zu sein. Die Ergebnisse sollen den Grundstein für eine Feldstudie legen, welche in kleinen Goldabbaugebieten, wie sie beispielsweise in Mali zu finden sind, durchgeführt werden soll. Weiterhin soll die Eignung von DMS auch für Blei und Cadmium untersucht werden.

References

[1]  Bose-O'Reilly S, Lettmeier B, Shoko D, Roider G, Drasch G, Siebert U. Infants and mothers levels of mercury in
breast milk, urine and hair, data from an artisanal and small-scale gold mining
area in Kadoma / Zimbabwe. Environ Res, 2020. 184: p. 109266.



[2] Bansa DK, Awua AK, Boatin R, Adom T, Brown-Appia EC, Amewosina KK, et al. Cross-sectional assessment of
infants' exposure to toxic metals through breast milk in a prospective cohort
study of mining communities in Ghana. BMC Public Health, 2017. 17(1): p. 505.
Herr Christopher Bake vel Bakin
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Klinikum der Universität München, LMU München
4
Unterschiedliche Stabilität von freiem 2-Ethylhexylsalicylat und dessen Glucuronid in Humanurinmatrix und deren Bedeutung für das Biomonitoring dieses UV-Filters (Laura Kuhlmann, Thomas Göen)
Einleitung
2-Ethylhexylsalicylat (EHS) wird als kosmetischer UV-Filter in Körperpflegeprodukten, insbesondere Sonnenschutzmitteln eingesetzt. In einer eintägigen dermalen Expositionsstudie wurde die Elimination von EHS und des Metaboliten 5OH-EHS untersucht, mit dem Ergebnis, dass neben 5OH-EHS auch natives EHS in hohem Maß ausgeschieden wird [1]. Allerdings war die Analytik dieses Parameters durch die geringe Stabilität der Referenzsubstanz stark gestört [2]. Da EHS in vivo vornehmlich an Glucuronsäure konjugiert ausgeschieden wird, haben wir die Stabilität von EHS und EHS-Glucuronid vergleichend untersucht.
Methoden
Zur Ermittlung der Stabilität von EHS und EHS-Glucuronid in Urin, wurde Poolurin mit je 10 µg/L und 50 µg/L EHS respektive glucuronidiertem EHS dotiert und aliquotiert. Ein Teil der Aliquote wurde über einen Zeitraum von zwei Wochen bei 8 °C gelagert und täglich je drei Aliquote pro Konzentrationsniveau gemessen. Die übrigen Aliquote wurden drei Monate bei – 20 °C gelagert und je drei Aliquote pro Konzentration im zweiwöchigem Abstand gemessen. Als interner Standard wurde isotopenmarkiertes, glucuronidiertes EHS verwendet, welches bei – 50 °C aufbewahrt wurde. Zur Aufarbeitung wurden die Aliquote mit internen Stand versetzt und zusätzlich Puffer sowie Glucuronidase zur Hydrolyse zugegeben. Die Proben wurden anschließend inkubiert und stehen zur Messung bereit.
Die Messmethode wurde auf Basis der LC-MS/MS Methode von Klotz et al. weiterentwickelt. Die Methode wurde dazu auf ein UHPLC-MS/MS Gerät übertragen und die On-line Anreichungsphase sowie der Gradient wurden angepasst. Zudem wurden neben 5OH-EHS mit 2OH-EHS und 4OH-EHS zwei weitere Metabolite eingebunden.
Ergebnisse
Der Methodentransfer auf ein leistungsfähigeres Gerät war erfolgreich und es war möglich in einer Messung EHS sowie dessen Metabolite 5OH-, 4OH- und 2OH-EHS mit ausreichender Auflösung abzubilden. Bezüglich der Stabilität war bei EHS in nativer Form sowohl bei 8 ° als auch bei – 20 °C ein Abbau erkennbar. Bei der Lagerung als Glucuronid war dieser Effekt nicht zu beobachten.
Schlussfolgerung
Die Untersuchungen haben gezeigt, dass freies EHS als Standardsubstanz bei Lagerung nicht stabil ist. Demzufolge kann eine zuverlässige Bestimmung nur durch die Kalibrierung mit EHS-Glucuronid gewährleistet werden.

References

[1] Hiller J, Klotz K, Meyer S, Uter W, Hof K, Greiner A, et al. Toxicokinetics of urinary 2-ethylhexyl salicylate and its metabolite 2-ethyl-hydroxyhexyl salicylate in humans after simulating real-life dermal sunscreen exposure. Arch Toxicol 2019; 93(9):2565–74.
[2] Klotz K, Hof K, Hiller J, Göen T, Drexler H. Quantification of prominent organic UV filters and their metabolites in human urine and plasma samples. J Chromatogr B Analyt Technol Biomed Life Sci 2019; 1125:121706.
Frau Laura Kuhlmann
FAU Erlangen-Nürnberg Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
5
Entwicklung und Erprobung eines GC-NCI-MS/MS-Verfahrens für das Human Biomonitoring bei berufsbedingtem Umgang mit Mono- und Dinitrotoluolen (Sandra Bäcker, Tobias Conzelmann, Michael Bader)
Einleitung
(Di)Nitrotoluole sind aromatische Verbindungen, die in der chemischen Industrie unter anderem als Zwischenprodukte bei der Synthese von Pestiziden, Sprengstoffen und polymeren Kunststoffen Verwendung finden. Die Verbindungen 2-Nitrotoluol (CAS 88-72-2), 2,4-Dinitrotoluol (CAS 121-14-2) und 2,6-Dinitrotoluol (CAS 606-20-2) sind gemäß GHS/CLP als Karzinogene der Kategorie 1B klassifiziert. Zu berufsbedingten Belastungen liegen derzeit nur wenige Daten vor. Für die Bestimmung von (Di)Nitrotoluol-Metaboliten ((Di)Nitrobenzoesäuren) im Urin wurde daher eine Analysenmethode entwickelt und validiert. Ziel war es, die Exposition von Mitarbeitern in einem Betrieb zur Herstellung von Monomeren für die Kunststoffproduktion zu erfassen.

Material und Methoden
Die quantitative Bestimmung von 2- und 4-Nitrobenzoesäure (2-NB, 4-NB) sowie 2,4- und 2,6- Dinitrobenzoesäure (2,4-DNB, 2,6-DNB) im Urin erfolgt nach Zusatz eines isotopenmarkierten internen Standards und Flüssig-Flüssig-Extraktion mittels Gaschromatographie mit negativer chemischer Ionisierung und Tandem-Massenspektrometrie (GC-NCI-MS/MS). Mit diesem Verfahren wurden die (Di)Nitrobenzoesäure-Konzentrationen in 87 Proben von Personen mit beruflichem (Di)Nitrotoluol-Umgang über einen Zeitraum von sechs Monaten sowie in 40 Proben von Personen aus einer unbelasteten Referenzgruppe bestimmt.

Ergebnisse
Im Rahmen der Methodenvalidierung für die Analyten 2-NB, 4-NB, 2,4-DNB und 2,6-DNB lag die Präzision für dotierte Urinproben (c = 10 – 100 µg/L) zwischen 1 - 8 % in Serie und 2 - 20 % von Tag zu Tag. Die relative Wiederfindung der Analyten beträgt 91 - 105 % (Dotierung: 50 µg/L). Die Bestimmungsgrenzen des Verfahrens liegen im Bereich von 0,9 - 2,5 µg/L. Die (Di)Nitrobenzoesäure-Konzentrationen in der Referenzgruppe lagen in allen Proben unterhalb der jeweiligen Bestimmungsgrenzen. In der Gruppe der Personen mit beruflichem (Di)Nitrotoluol-Umgang wurden Metabolite der (Di)Nitrotoluole in 2 – 23 % aller Proben gefunden. Die Konzentrationen lagen im Mittel bei 5,7 ± 18,5 µg/L (2-NB), <BG (4-NB), 17,2 ± 77,1 µg/L (2,4-DNB) und 3,6 ± 10,8 µg/L (2,6-DNB). Die Höchstwerte betrugen 150 µg/L (2-NB), 2,4 µg/L (4-NB), 565 µg/L (2,4-DNB) und 91,4 µg/L (2,6-DNB).

Schlussfolgerung
Die vorgestellte Analysenmethode eignet sich für eine zuverlässige Bestimmung von (Di)Nitrotoluol-Metaboliten im Urin beruflich exponierter Personen. Hinweise auf eine allgemeine Hintergrundbelastung wurden nicht gefunden.
Frau Dr. Sandra Bäcker
BASF SE
6
Cyr61 als Blut-basierter Biomarker zum Nachweis von Asbest-assoziierten Erkrankungen (Daniel Weber, Kai Bartkowiak, Swaantje Casjens, Antje Andreas, Lucija Ačkar, Simon Joosse, Irina Raiko, Maria Geffken, Sven Peine, Georg Johnen, Thomas Brüning, Klaus Pantel)
ZIELSETZUNG: Expositionen gegen Asbest können zu unterschiedlichen Erkrankungen wie Mesotheliome, Lungenkrebs, sowie zu nicht-malignen Erkrankungen der Pleura und der Lunge führen. Während für das Mesotheliom inzwischen Biomarker zum Nachweis mittels Blut-basierter Tests angeboten werden, ist der Nachweis von nicht-malignen Erkrankungen wie beispielsweise die Asbestose mit entsprechenden Biomarkern schwierig. Ziel dieser Studie war es daher das Potential des Proteins Cyr61 (Cysteine-Rich Angiogenic Inducer 61) als möglichen Biomarker zum Nachweis von Asbest-assoziierten Erkrankungen zu untersuchen.

METHODEN: Insgesamt wurden Plasmaproben von 101 Probanden mit nicht-malignen Asbest-assoziierten Erkrankungen, 21 Patienten mit diagnostizierten Mesotheliomen und 150 nicht Asbest-exponierten gesunde Kontrollen analysiert. Die Konzentrationen von zirkulierendem Cyr61 in den Plasmaproben wurden mittels ELISAs (Enzyme-Linked Immunoassay) bestimmt und die Sensitivitäten und Spezifitäten mittels ROC (Receiver Operating Characteristics) Analysen ermittelt.

ERGEBNISSE: Der Median der Cyr61 Konzentration im Plasma lag bei den Asbest-assoziierten Erkrankten bei 14,4 ng/ml (Interquartile Range (IQR) 2,5 -22,6 ng/ml), bei den Mesotheliom-Patienten bei 11,7 ng/ml (IQR 1,8 – 27,1 ng/ml) und bei den gesunden Kontrollen bei 0,26 ng/ml (IQR 0,21 – 0,32 ng/ml). Für die Diskriminierung von nicht-malignen Asbest-assoziierten Erkrankungen und gesunden Kontrollen bei Männern betrug die Sensitivität 88% und die Spezifität 95% bei einer AUC (Area Under Curve) von 0,924 (95% KI 0,880 – 0,968). Für die Diskriminierung von männlichen Mesotheliom-Patienten und männlichen gesunden Kontrollen betrug die Sensitivität 95% und die Spezifität 100% bei einer AUC von 0,997 (95% KI 0,989 – 1,005).

SCHLUSSFOLGERUNGEN: Cyr61 im Plasma erwies sich in dieser initialen Querschnittsstudie als geeigneter Biomarker für die Detektion von Asbest-assoziierten Erkrankungen bei Männern. Allerdings müssen die erzielten Ergebnisse noch in geeigneten Kohortenstudien mit entsprechender Größe verifiziert werden.
Herr Daniel Weber
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Fri
25 Mär
08:30 - 09:45
Vorträge
COVID (Serologie, Sterblichkeit, ment. Gesundheit)
Room: Hörsaal 6
Submissions:
1
2020 und 2021: Sterblichkeitsanalysen vor, während und nach COVID-19-Wellen in Deutschland (Peter Morfeld, Barbara Timmermann, Philip Lewis, Thomas C. Erren)
Hintergrund: „Wie tödlich ist das Virus?“ [1] ist eine Schlüsselfrage zu SARS-CoV-2/COVID-19. Um aussagekräftige Krankheitslasten in Deutschland und seinen Bundesländern zu bestimmen, nutzen wir etablierte standardisierte Mortalitätsratio-Methoden.
Methoden: Wir analysieren monatliche und wöchentliche Gesamtsterblichkeitsdaten [Standardisierte Mortalitätsratios (SMRs)] für Januar 2016 bis Dezember 2021, die vom Statistischen Bundesamt für alle Altersgruppen, getrennt für Männer und Frauen und zusammengefasst, <65 Jahre und ≥ 65 Jahre veröffentlicht und für die Bundesländer spezifiziert wurden.
Resultate: In 2021 gab es bis Ende August in Deutschland 660379 Todesfälle, erwartet waren auf Grundlage der Jahre 2016 bis 2019 lediglich 629183 Todesfälle. Die SMR ist demnach 1,05, so wie insgesamt auch in 2020. Diese Erhöhung ist statistisch gesichert (Unsicherheitsbereich: 1,02-1,08). Sowohl 2020 als auch 2021 kommt es nach der Erhöhung der Sterblichkeit im Winter zu einer Absenkung bis in den März und zum Ansteigen ab April. Im Juni 2021 gibt es eine Sterblichkeitsspitze, die mit der diesjährigen Hitzephase korrespondiert (wie im Juli/August 2020). 2022 werden wir Auswertungen der Mortalität für 24 Monate für Deutschland und die einzelnen Bundesländer vorstellen.
Schlussfolgerung: Um die Krankheitslast von COVID-19 zu bestimmen, sollten auch Standardisierte Mortalitätsratios [SMRs] analysiert werden. Effekte der Corona-Impfungen auf die Sterblichkeit in Deutschland sind mit Wahrscheinlichkeit komplex maskiert. Unsere Auswertungen für Deutschland und die einzelnen Bundesländer [2] werden in höherer räumlicher Auflösung insbesondere auch Effekte plausibler Saisonalität [3] des Corona-assoziierten Mortalitätsverlaufes berücksichtigen.

References

[1] Callaway E, Cyranoski D. China coronavirus: Six questions scientists are asking. Nature 2020; 577(7792): 605-7.
[2] Morfeld P, Timmermann B, Gross JV, et al. COVID-19: Spatial resolution of excess mortality in Germany and Italy. The Journal of infection 2021; 82(3): 414-51.
[3] Erren TC, Lewis P, Morfeld P. Factoring in Coronavirus Disease 2019 Seasonality: Experiences From Germany. J Infect Dis 2021; 224(6): 1096.
Herr Univ.-Prof. Dr. med. Thomas C. Erren M.P.H.
Uniklinik Köln
2
Mentale Gesundheit in der Automobilindustrie in Spanien: Evaluierung einer edukativen Maßnahme in der COVID-19 Pandemie (Luis Carlos Escobar Pinzon, David Sancha Mont, Patricia Such Faro)
Einleitung
Die COVID-19-Pandemie trägt zur Verschlechterung der Work-Life-Balance bei mit negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Arbeitnehmer [1]. Ziel der vorliegenden Studie war es, die Teilnahme an einer edukativen Maßnahme im Bereich mentale Gesundheit zu untersuchen sowie die Zufriedenheit mit den verschiedenen Lerneinheiten der Maßnahme zu evaluieren.
Methode
In einem Großunternehmen der Automobilindustrie in Spanien wurde die sogenannte „Woche der psychischen Gesundheit" im April 2021 mit insgesamt fünf Lerneinheiten durchgeführt. Zur Untersuchung der Teilnahme wurden folgende Personaldaten der Teilnehmer einbezogen: Alter, Geschlecht und Arbeitsbereich (Büro / Produktion). Die Evaluierung der Zufriedenheit mit den Lerneinheiten fand mittels eines selbstentwickelten Fragebogens statt. Die Daten wurden deskriptiv analysiert.
Ergebnisse
An mindestens einer der fünf Lerneinheiten nahmen insgesamt n = 274 Mitarbeiter teil (1,8% der Gesamtbelegschaft, N = 15.047). Davon 136 Frauen (49,6%) und 138 Männer (50,4%). Der Anteil der Frauen im Vergleich zu der Gesamtbelegschaft war höher (p = 0.042). Die Mehrheit der Teilnehmer war in der Altersgruppe 40-49 (117, 42,7%), gefolgt von den Altersgruppen 50-59 (76, 27,7 %) und 30-39 (57, 20,8 %), dies entspricht der Altersverteilung in der Gesamtbelegschaft. Hinsichtlich des Arbeitsbereichs nahmen mehr Büromitarbeiter (204, 74,5%, p = 0.051) als Produktionsmitarbeiter (70, 25,5%. p = 0.006) teil.
Es wurden 130 Zufriedenheitsfragebogen ausgefüllt (Rücklauf 36,7%). 76,5% der Responder gaben zu “zufrieden“ (4 von 5 Punkten) und “sehr zufrieden“ (5 von 5 Punkten) mit den Lerneinheiten zu sein und 94,0% der Befragten würden den Lerneinheiten weiterempfehlen.
Diskussion
Edukative Maßnahmen zur Erhaltung der mentalen Gesundheit während der COVID-19 Pandemie wurden von den Mitarbeitern der spanischen Automobilindustrie gut angenommen, besonders von Frauen und Mitarbeitern mit Bürotätigkeiten. Angesichts des höheren Anteils von Produktionsmitarbeiter müssen zukünftige Maßnahmen und Begleitstudien diesen Bereich in Fokus nehmen.
Herr PD Dr. Luis Carlos Escobar Pinzon
SEAT S.A.
3
SARS-CoV-2: Studie zur-Seroprävalenz bei ambulanten Pflegekräften in Hamburg (Anja Schablon, Jan Felix Kersten, Volker Harth, Albert Nienhaus, Claudia Terschüren)
Hintergrund: Ambulante Pflegekräfte suchen pro Arbeitsschicht viele verschiedene Haushalte auf. Aufgrund der Anzahl dieser Kontakte mit den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen besteht das Potential einer unerkannten Verbreitung des SARS-CoV-2-Virus . Um Erkenntnisse zur Seroprävalenz und zu möglichen Übertragungswegen in der ambulanten
Pflege zu gewinnen, wurde diese Studie durchgeführt. Untersucht wurde die Seroprävalenz; anhand von Fragebögen die berufsspezifischen und außerberuflichen Risikofaktoren sowie Angaben zu stattgehabten Impfterminen erhoben.
Methode: Beschäftigte aus ambulanten Pflegediensten in Hamburg wurden in die Studie eingeschlossen. Insgesamt vier Mal in zwölf Monaten (Baseline, Follow-up-Untersuchungen nach drei, sechs und zwölf Monaten) wurden die Teilnehmenden anhand von Tests auf SARS-CoV-2-IgG (Euroimmunanalyser®) auf eine Serokonversion untersucht. In der aktuellen Follow-up-Untersuchung nach zwölf Monaten wurden die neutralisierenden Antikörper und die T-Zellantwort ermittelt, um bereits Geimpfte und Genesene zu unterschieden.
Ergebnisse: Die Baseline-Untersuchung erfolgte von Juli–September 2020. Insgesamt wurden 51 Pflegedienste mit 678 Beschäftigten eingeschlossen. Zum Zeitpunkt der Baseline berichteten 25 % der Probanden aufgrund von Vorerkrankungen zu einer Risikogruppe zu gehören. Kontakte zu SARS-CoV-2-Patient:innen mit Schutzausrüstung berichteten zwei Beschäftigte, zudem gab es noch je einen Kontakt im privaten Umfeld sowie im Kollegenkreis. Eine Serokonversion wurde bei elf Beschäftigten nachgewiesen (1,6 %). Die zweite Untersuchungsphase (Follow-up 1) begann im Oktober 2020 (n = 577; AK-Test positiv = 11), zum dritten Erhebungszeitpunkt (Follow-up 2, Januar 2021) wurden 533 Beschäftigte getestet, davon 193 mit positivem Testergebnis. Im Follow up nach 12 Monaten wurden bislang 330 Beschäftigte untersucht. Eine Impfung gaben 277 Probanden an. Bei 12 Beschäftigten konnte eine stattgehabte Infektion nachgewiesen werden. Bei 41 Beschäftigte fanden sich keine Antikörper.
Fazit: Im Jahr 2020 fand sich eine niedrige Seroprävalenz, sodass das Infektionsgeschehen und Ansteckungsrisiko für Pflegebedürftige und für die ambulanten Pflegekräfte als gering einzustufen war. Im zweiten Follow-up war die Seroprävalenz u. a. aufgrund der stattgehabten Impfungen deutlich höher.

Frau Dr. P.H. Anja Schablon
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
4
Infektionsquote und berufliche Risiken einer COVID-19-Infektion um Bau- und Reinigungsgewerbe: Ergebnisse einer seroepidemiologischen Querschnittsstudie (Thomas Solbach, Dirk Seidel, Anette Wahl-Wachendorf)
Einleitung:
Die Infektionsquote von COVID-19 variiert z.B. nach Region, aber auch nach der beruflichen Tätigkeit. Für die betrieblichen Schutzmaßnahmen ist es von Bedeutung, die beruflichen Risikofaktoren sowie die Untererfassungsquote zu kennen.
Material und Methodik:
Wir führten eine seroepidemiologische Studie bei Beschäftigten des Bau- und Reinigungsgewerbes (219 Frauen und 3.493 Männern) durch, die eines der beteiligten arbeitsmedizinischen Zentren von Dezember 2021 bis Mai 2021 zu einer arbeitsmed. Vorsorge aufsuchten.
Ergebnisse:
Die Untererfassungsquote lag bei Männern bei 70% und bei Frauen bei 64%. Der Anteil der bekannten COVID-19 Infektionen betrug bei Männern 3,4% und bei Frauen 6,4%. Im Vergleich mit den als Infektion gemeldeten Fällen (Auswertung auf der Basis von Daten des RKI) ergaben sich für Baustellentätigkeiten keine Hinweise auf ein erhöhtes Infektionsrisiko.
Für Raucher ergab sich im Vergleich zu Nichtrauchern ein niedrigeres Infektionsrisiko. Hinsichtlich beruflicher Risiken ergaben sich Hinweise auf ein erhöhtes Infektionsrisiko für Berufe des Reinigungsgewerbes, die sich weitgehend auf Reinigungsarbeiten im Krankenhaus eingrenzen lassen sowie für Bürotätigkeiten. Bei Männern war die Infektionsquote bei einer Familie mit im Haushalt lebenden Kindern geringfügig höher.
Diskussion:
Bei der Interpretation der Ergebnisse sind u.a. die sich aus der Konzeption als Querschnittsstudie ergebenden Unsicherheiten zu beachten. Unsere Studie ergab in Übereinstimmung mit einigen anderen Studien Hinweise auf ein niedrigeres Infektionsrisiko mit COVID-19 bei Rauchern. Ob es sich hierbei um einen kausalen Zusammenhang handelt oder um eine z.B. auf den Lebensstil zurückzuführende Assoziation bleibt unklar. Aus anderen Studien ist bekannt, dass der Verlauf einer Infektion bei Rauchern häufig schwerer ist als bei Nichtrauchern. Die negativen Folgen des Rauchens überwiegen aus unserer Sicht deutlich.
Für die Prävention lässt sich ableiten, dass ein besonderes Augenmerk auf Reinigungskräfte im Gesundheitsdienst gerichtet werden sollte. Nachdem eine Impfung zur Verfügung steht, sollte aus unserer Sicht gerade dieser Berufsgruppe ein einfach zugängliches Impfangebot gemacht werden. Zudem weist der nicht geringe Untererfassungsfaktor darauf hin, dass eine Erfassung von Personen mit einer Infektion nicht vollständig gelingt und somit auch die Einhaltung allgemeiner Schutzmaßnahmen für die Eindämmung der Pandemie von großer Bedeutung ist.
Herr Dr. med. Thomas Solbach
AMD der BG BAU GmbH
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Spezifische IgG-Konzentrationen gegen das SARS-CoV-2 Spike S1 Protein nach COVID-19 Impfung (Ingrid Sander, Sabine Kespohl, Silke Maryska, Christina Czibor, Sabine Bernard, Constanze Steiner, Kerstin Belting, Birgit Elling, Simon Weidhaas, Ingolf Hosbach, Christian Eisenhawer, Jürgen Bünger, Thomas Brüning, Monika Raulf)
Hintergrund
Ziel der Impfung mit COVID-19 Vakzinen ist es, einen Schutz gegen diese Erkrankung und die Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung zu generieren. Nach einer erfolgreichen Impfung werden Antikörper gebildet, welche die Vermehrung des Virus verhindern.
Methoden
Nach Entwicklung eines quantitativen IgG-ELISA gegen das SARS-CoV-2 Spike S1 Antigen wurde spezifisches IgG vor und nach Erst- und Zweitimpfung in einem Kollektiv von 112 freiwilligen Studienteilnehmern sowie zum Vergleich bei 144 Probanden mit positivem COVID-19 PCR-Test gemessen, deren Serum 14-96 Tage (Mittelwert 43 Tage) nach dem Test abgenommen wurde. Für die statistische Analyse wurde der t-Test, Kruskal-Wallis-Test und multiple lineare Regression verwendet (GraphPad Prism 9.1). Die Gruppen unterschieden sich weder im Alter (Mittelwert 48 Jahre) noch in der Geschlechtsverteilung signifikant.
Ergebnisse
Im Mittel 19 Tage nach Erstimpfung fanden sich IgG-Konzentrationen von maximal 168 mgA/L, Median 3,2 mgA/L und Interquartilbereich (IQB) von 1,2-7,3 mgA/L. Mit der Zweitimpfung stieg die IgG-Konzentration nach im Mittel 22 Tagen stark an auf maximal 519 mgA/L (Median 48, IQB 26-77 mgA/L) und lag damit deutlich höher als bei den Probanden mit positivem PCR-Test (Maximum 300 mgA/L, Median 4, IQB 1,8-13 mgA/L). Für eine Vergleichbarkeit mit anderen quantitativen SARS-CoV-2 anti-Spike-S1 IgG-Bestimmungen können die Ergebnisse durch Multiplikation mit 25000 in BAU/L (Binding Activity Units) konvertiert werden. Negative IgG-Testergebnisse gab es nach Erstimpfung in 17% der Fälle, nach Zweitimpfung nur in einem Fall, sowie bei 10% der PCR-Test Positiven. Die Antikörperkonzentration nach Impfung wurde signifikant durch die verwendeten Impfstoffe und das Alter der Studienteilnehmer beeinflusst. Mit steigendem Alter sanken die IgG-Konzentrationen.
Schlussfolgerungen
Die Konzentration der IgG-Antikörper gegen das Spike S1 Protein des SARS-CoV-2 Virus ist ein Indiz für eine erfolgreiche Immunisierung und soll ermöglichen, Korrelate für die Dauer der Impfstoff-abhängigen Immunität bezüglich Erkrankung und Infektiosität abzuleiten.
Frau Ingrid Sander
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Angebot und Nutzung digitaler betrieblicher Gesundheitsförderungsmaßnahmen während der SARS-CoV-2 Pandemie (Elisabeth Nöhammer, Wolfgang Fischmann, Nadja Amler)
Hintergrund:
Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) werden bereits in Unternehmen aller Größen und Branchen umgesetzt, vorwiegend als Präsenzmaßnahmen. Die Corona-Pandemie erforderte eine Adaptierung auf digitale Formen von Angebot und Durchführung, was unter Umständen zu Veränderungen bei Akzeptanz und Teilnahme führt. Ziel der Untersuchung ist es, einen ersten Überblick zum Angebot und zur Bewertung von digitalen BGF-Angeboten zu erhalten.

Methode:
Es wurde eine bundesweite, hinsichtlich der Kriterien Alter, Geschlecht und Bildungsabschluss repräsentative Befragung zum Thema Gesundheit am Arbeitsplatz durchgeführt. 12 geschlossene Items und 2 offene Items bezogen sich auf digitale Gesundheitsförderung.

Ergebnisse:
Insgesamt 22,4% der 687 Befragten gaben an, dass im Unternehmen auch digitale BGF-Angebote verfügbar sind. In 55% der Fälle ist dies nicht der Fall, 22,6% sind unsicher. Der Großteil nutzt digitale Angebote nicht mehr als solche in Präsenz (65,4%), allerdings sehen 60% sie als langfristig gute Ergänzung. Je knapp 35% mögen digitale Angebote nicht bzw. wünschen sich in Zukunft nur noch diese. Etwa 42% sind wegen der hohen Digitalisierungsrate in anderen Lebensbereichen hinsichtlich BGF zurückhaltend, knapp 30% geben Teilnahmeprobleme wegen ihrer technischen Ausstattung an, etwa 36% wegen der Räumlichkeiten. Circa 55% bevorzugen spontane Teilnahme, auch wenn knapp 59% das Anmeldeverfahren einfach finden. Von der Zeitersparnis aufgrund wegfallender Anfahrtswege profitieren 57,1%. In den freien Textmeldungen werden u.a. die Möglichkeit von Anonymität und spontaner Teilnahmeentscheidung als positiv hervorgehoben, als problematisch die doch nötige digitale Kompetenz, mögliche geringere Motivation, (Bewegungsübungs-)Fehler wegen fehlender Kontrolle und der fehlende soziale Kontakt betont.

Schlussfolgerungen:
Digitale Angebote der BGF scheinen im vorliegenden Sample noch nicht sehr verbreitet und wenig verankert. Die Ergebnisse deuten auf eine Überladung durch Digitalisierung während der Pandemie hin. Eine mittel- bis langfristige Ergänzung des Präsenzangebotes durch digitale Möglichkeiten wird begrüßt und scheint insbesondere für technisch affinere Personen geeignet, die für eine Einplanung der Nutzung von BGF hohe zeitliche und räumliche Flexibilität benötigen bzw. bevorzugen.
Frau Elisabeth Nöhammer
Department of Public Health, Health Services Research and HealthTechnology Assessment, UMIT - Private University for Health Sciences, Medical Informatics and Technology
Thu
24 Mär
16:00 - 17:30
Vorträge
Gesundes Arbeiten (Einflussfaktoren)
Room: Hörsaal 4
Submissions:
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Wie stark korrelieren Haltungen betrieblicher Führungskräfte zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) mit der Umsetzung von BGM-Maßnahmen in Betrieben? (Achim Siegel, Aileen C. Hoge, Anna Ehmann, Monika A. Rieger)
Hintergrund und Zielsetzung
Bislang gibt es nur wenige Erkenntnisse zu Haltungen oder Einstellungen von Führungskräften zum BGM, zur Verbreitung dieser Einstellungen und zur Frage, wie stark solche Einstellungen mit dem Grad der Umsetzung von BGM-Maßnahmen in Betrieben zusammenhängen. Um das Wissen hierüber zu erweitern, führten wir 2017 eine Befragung in Betrieben im Landkreis Reutlingen durch.

Methoden
Führungskräfte von 906 im Landkreis Reutlingen ansässigen Unternehmen, die mindestens 10 Beschäftigte (in Handwerksbetrieben) bzw. 20 Beschäftigte (in anderen Betrieben) hatten, erhielten einen standardisierten Fragebogen. Mit 30 Fragen wurde erhoben, wie umfangreich BGM-Maßnahmen in den Betrieben umgesetzt wurden. Mittels 26 Items erfragten wir Meinungen von Führungskräften zu verschiedenen Aspekten des BGM. Auf Basis einer explorativen Faktorenanalyse wurden die 26 Items 6 Faktoren („Haltungen“) zugeordnet. Für jede Haltung wurde ein Score gebildet, der das Ausmaß der Zustimmung der Befragten zu diesen Haltungen abbildete. Anschließend wurde mittels (partieller) Korrelationskoeffizienten berechnet, wie stark diese Haltungen mit der Umsetzung bestimmter BGM-Maßnahmen im Betrieb zusammenhingen.

Ergebnisse
222 von 906 Unternehmen (24,5%) sandten einen auswertbaren Fragebogen zurück. Die Haltung, dass BGM und BGF (Betriebliche Gesundheitsförderung) einen "Mehrwert für Unternehmen“ schafften, korrelierte stark positiv mit der Umsetzung von BGF-Maßnahmen (r=.51) und mittelstark bis schwach positiv mit der Umsetzung von Maßnahmen des Arbeitsschutzes (r=.27), der Personalentwicklung (r=.31) und der betrieblichen Eingliederung (BEM) (r=.26). Hingegen korrelierte eine allgemein skeptische Haltung gegenüber BGM mittelstark bis schwach negativ mit der Umsetzung von BGF- (r= -.36), Arbeitsschutz- (r= -.19) und Personalentwicklungsmaßnahmen (r= -.20) sowie BEM-Maßnahmen (r= -.12, n.s.). Die (partiellen) Koeffizienten änderten sich kaum, wenn Betriebsgröße und Alter der Antwortenden als Kontrollvariablen berücksichtigt wurden.

Schlussfolgerungen
Die Analyse ergab ein erwartbares Bild: Eine positive Haltung zum BGM ging durchweg mit einer umfangreicheren Umsetzung von BGM-Maßnahmen einher, eine grundsätzlich BGM-skeptische Haltung korrelierte zumeist negativ mit der Umsetzung von Maßnahmen. Eine kausale Interpretation liegt nahe, steht aber wegen des Querschnittdesigns unter Vorbehalt; eine reverse Kausalität ist auch theoretisch nicht völlig auszuschließen.