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Wednesday
17 Mar
09:00 - 11:00
Forum
AG Lehre
Room: Zoom-Raum 2
Chair(s): Sibylle Hildenbrand and Volker Harth
Einsatz von Schauspielpatienten in der arbeitsmedizinischen Lehre (Thomas Muth, Jürgen Bausch, Gesine Müting)
Einleitung
Ein zentrales Ziel des Modellstudiengangs Medizin an der HHU ist es, die Kontaktzeiten in Vorlesungen / Seminaren zu reduzieren und dafür den Umfang des Unterrichts am Krankenbett (UaK) und das Eigenstudium zu fördern. Eine Herausforderung für die Arbeitsmedizin, welche als nichtklinisches Fach nicht am UaK beteiligt ist, besteht darin, praxisorientierte Elemente in der verkürzten Zeit anzubieten.

Fragestellung
Ist der Einsatz von Schauspielpatienten in der arbeitsmedizinischen Lehre geeignet, Fragestellungen zum Thema Arbeit und Gesundheit mit den Studierenden praxisnah zu trainieren?

Methode
In einem Seminar von 90 Minuten wurden zwei - im ärztlichen Alltag immer wiederkehrende - Aufgaben mithilfe von Schauspielpatienten bearbeitet. Im Fall eines 54jährigen Schlossers mit rezidivierenden Bronchitiden und neu aufgetretener Belastungsdyspnoe sollte eine ausführliche Berufsanamnese erhoben werden, um einen möglichen arbeitsbedingten Zusammenhang zu prüfen. Im zweiten Szenario war eine Krankenpflegerin nach einer Reha wg. depressiver Episode über die Möglichkeiten der Wiederaufnahme der Tätigkeit zu beraten. Hierbei stand die Diskrepanz zwischen dem Anliegen der Patientin, aus finanziellen Gründen wieder vollzeitig zu arbeiten und der offenkundig eingeschränkten Belastbarkeit im Vordergrund.

Ergebnisse
Die beteiligten Schauspieler haben ihre Rollen überwiegend glaubwürdig und eindrücklich gespielt. Zwischen den Beteiligten gab es deutliche Unterschiede. Es zeigte sich, dass ein sehr konkretes Briefing und ein wiederholtes Feedback sinnvoll waren.
Unter den Studierenden wurde die Möglichkeit, ärztliche Beratungssituationen zu trainieren sehr unterschiedlich aufgenommen. Häufig war es schwierig, Studierende zur Mitarbeit zu motivieren. Die Leistungen der Studierenden des 5. Studienjahres waren sehr heterogen. Die Aufgabe "Berufsanamnese" war besser zu bewältigen als die Beratungssituation. Hierzu wären noch umfassendere Vorbereitungen hilfreich gewesen. Der Zeitrahmen von 90 Minuten für zwei Patienten erwies sich als zu kurz.

Fazit
Der Einsatz von Schauspielpatienten in der arbeitsmedizinischen Lehre scheint grundsätzlich gut geeignet, Praxissituationen des ärztlichen Alltags zu trainieren. Dabei ist es wichtig, eine geschützte Atmosphäre zu schaffen, die Ansprüche klar zu formulieren und die Aufgaben inhaltlich umfassend vorzubereiten.
Herr Dr. Thomas Muth
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Psychische Gesundheit von Studierenden – Interventionen frühzeitig einsetzen (Sabine Darius, Irina Böckelmann)
Hintergrund und Zielstellung
Studierende sind hohen psychischen Belastungen wie Zeit- und Termindruck, Überforderung, soziale Isolation sowie auch finanziellen Belastungen ausgesetzt. An den Hochschulen werden jedoch kaum gezielte Präventionsmaßnahmen für Studierende angeboten. Ziel der Studie war die Beurteilung der gesundheitlichen Situation und der Stressverarbeitungsstrategien von Studierenden, die an einem Stressverarbeitungskurs teilnahmen, sowie die Evaluierung dieses Kurses.
Methodik
An dem Stressverarbeitungskurs nahmen 76 Studierende (57 Frauen, 19 Männer) im Alter von 25,0 ± 3,7 Jahren freiwillig teil. 14 Frauen und 7 Männer im Alter von 23,7 ± 2,6 Jahren ohne Kursteilnahme dienten als Kontrollgruppe (KG). Die Belastung wurde mit den Skalen zur Erfassung der subjektiven Belastung und Unzufriedenheit im beruflichen Bereich (SBUSB) erhoben. Das arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster (AVEM) wurde nach Schaarschmidt & Fischer (2003) bestimmt. Das Erholungsverhalten wurde mit dem Erholungs-Belastungs-Fragebogen (Kallus 1995) abgefragt. Das Stressverhalten wurde mit dem Stressverarbeitungsfragebogen (Janke et al. 2000) und das Stresserleben mit dem differentiellen Stressinventar (Lefèvre & Kubinger 2004) erhoben. Die Fragebögen wurden jeweils vor dem Kurs, unmittelbar danach und 3 Monate nach Kursende ausgefüllt.
Ergebnisse
Im Fragebogen SBUSB wurden kaum Veränderungen im Zeitverlauf festgestellt, die Kursteilnehmer wiesen signifikant schlechtere Werte auf als die KG. Eine Steigerung der Lebenszufriedenheit, der Ausgeglichenheit, der offensiven Problembewältigung und der Distanzierungsfähigkeit (AVEM) konnte erreicht werden. Die Studierenden gehen auch besser mit Stressbelastungen um, das Niveau der KG wird jedoch nicht erreicht. Die körperlichen Beschwerden sanken bei den Kursteilnehmern und die allgemeine Erholung nahm zu, die Werte wiesen aber immer noch auf eine schlechtere Stressverarbeitung hin im Vergleich zur KG. Die Fähigkeit zur Entspannung stieg und Selbstbeschuldigung und Aggression nahmen ab. In vielen Bereichen war zunächst eine positive Entwicklung im Kontext psychischer Gesundheit zu verzeichnen, die aber nach 3 Monaten wieder eine leicht rückläufige Tendenz aufwies.
Schlussfolgerung
Die Kursteilnahme bewirkt eine bessere Stressverarbeitung, die auch nach 3 Monaten noch geringfügig zu erkennen war. Es ist sinnvoll, derartige Kurse flächendeckend an Universitäten bzw. Hochschulen zu etablieren und regelmäßig zu vertiefen.
Frau Dr. med. Sabine Darius
Bereich Arbeitsmedizin, Medizinische Fakultät, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
„Betriebsärztliches Handeln in Bezug auf arbeitsbedingte Lärmexposition“ – ein neu entwickeltes digitales Seminarformat für Studierende der Humanmedizin (Juliane Schwille-Kiuntke, Monika A. Rieger, Gaby Weiß, Annette Kroeker, Sibylle Hildenbrand)
Zielsetzung
Durch die COVID-19-Pandemie-bedingten Restriktionen in der Lehre entstand an der Universität Tübingen im Sommersemester 2020 ad hoc der Bedarf nach neuen Seminarformaten im Fach Arbeitsmedizin. Die arbeitsmedizinischen Seminare waren verpflichtend für ca. 180 Studierende pro Semester. Unser Vorgehen soll exemplarisch am Beispiel des Seminars „arbeitsbedingte Lärmexposition“ veranschaulicht werden.

Methoden
Bereits bestehende ausgereifte Seminarkonzepte für Präsenzunterricht in Kleingruppen von 20 Studierenden bildeten die Basis für ein neu entwickeltes digitales Lehrkonzept. Leitend war dabei der Gedanke, dass die Studierenden trotz Online-Format aktiv sein sollen und ihren Lernprozess verantwortlich und gewinnbringend gestalten.

Ergebnisse
Für jedes der ursprünglichen Themengebiete wurde ein Seminar-Leitfaden entwickelt, bestehend aus folgenden Elementen: (1) Darstellung der Lernziele mit jeweiliger Kompetenzebene (2) Erarbeitung des Themas und (3) Anwendung anhand einer Fallvignette. Bei Element (2) kamen Leitfragen zum Einsatz, die mithilfe didaktisch verschiedener Formate bearbeitet wurden: z.B: Instituts-eigenen Postern zu Unterthemen, selbst gedrehten kurzen Filmen von Versuchen sowie Links zu externen Quellen (z.B. DGUV-Homepage). Bei Element (3) stand der praktische Aspekt im Fokus (z.B. Ausfüllen einer Anzeige bei Verdacht auf eine Berufskrankheit).
Die Unterlagen wurden auf der Intranet-Plattform der Universität zur asynchronen Bearbeitung durch die Studierenden zur Verfügung gestellt. Auch gab es für die Studierenden die Möglichkeit, dort Fragen einzustellen. Die Lösungshorizonte wurden in einer freiwilligen synchronen Video-Fragestunde besprochen. Eine Evaluation der Lehrveranstaltung erfolgte auf freiwilliger Basis, das Seminar erhielt die Note 2 (Schulnoten-System). Besonders die Möglichkeit zur freien Zeiteinteilung sowie die direkte Kommunikation mit den Dozierenden wurden positiv wahrgenommen.

Schlussfolgerungen
Das neue digitale Lehrformat konnte in der COVID-19-Pandemie ohne Infektionsgefahr für Studierende und Dozierende und mit überwiegend positiver Resonanz durchgeführt werden. Neue Herausforderungen stehen an hinsichtlich der Entwicklung eines blended learning-Formats mit höherem Präsenzanteil im Wintersemester 2020/2021.
Frau Dr. Sibylle Hildenbrand
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Tübingen
Strategische Modifikationen der Wittener Woche der Klinischen Umweltmedizin unter dem Einfluss des Coronavirus SARS-CoV-2 (Jörg Reißenweber, Frauke Prof. Dr. Mattner, Andreas Friedrich Dr. Wendel)
Hintergrund / Zielsetzung:
Die Wittener Lehre im Querschnittsbereich 06 der Ärztlichen Approbationsordnung „Klinische Umweltmedizin“ hat sich im 7. Semester als kompakte „Woche der Klinischen Umweltmedizin“ mit dem Lehr- und Lernziel „Umweltmedizinische Risiken erkennen, bewerten und kommunizieren“ bewährt [1]. Um die Qualität dieser Lehre auch in Zeiten der Corona-Pandemie zu garantieren, werden hier präsentierte Modifikationen entwickelt.

Methode:
Das bisherige Lehr- und Prüfungskonzept der UW/H mit Exkursion, interaktiven Vorlesungen und Gruppenreferaten im Plenum eines Seminartages [1] wird – in Reaktion auf Pandemie-bedingte Einschränkungen – im WS 2020/21 mit der Maßgabe, die implementierten Ausbildungsziele dennoch zu erreichen, durch den Einsatz eines alternativen Lehrveranstaltungsformates modifiziert.

Ergebnisse:
Vom 09. bis 13.11.2020 findet erstmals im eng gestrickten Wittener Kurrikulum die Woche der Klinischen Umweltmedizin komplett digital statt. Auch die obligatorische Exkursion wird dabei als Lehrveranstaltung "Umweltmedizinische Exkursionen online mit Paneldiskussion" durchgeführt: Anhand von Videos werden die Exkursionsorte Müllverbrennungsanlage, Klärwerk und Wasserwerk im studentischen online-Plenum vorgestellt und diskutiert. Dabei stehen umweltmedizinische, arbeitsmedizinische und allgemeine medizinische Relevanz der jeweiligen Umwelt-Technologie sowie deren Perspektiven im Vordergrund.

Diskussion / Schlussfolgerungen:
Um das strategische Ausbildungsziel eines praktischen und theoretischen Einblicks der Studierenden in umweltmedizinische Fragestellungen beizubehalten und ein Thema vertieft zu erarbeiten, eignen sich online durchgeführte Videopräsentationen sowie online-Prüfungen in Form von Gruppenreferaten unter den Kautelen der Corona-Krise gut.
Herr Dr. med. Jörg Reißenweber
Private Universität Witten/Herdecke gGmbH
Von 1981 bis 1988 Humanmedizinstudium an der Universität Erlangen-Nürnberg - von 1988 bis 2005 wissenschaftlicher Assistent am Institut für Normale und Pathologische Physiologie mit Zentrum für Elektropathologie der Universität Witten/Herdecke, Hauptforschungsgebiet: elektromagnetische Felder und ihre medizinisch-biologischen Wirkungen - In 2004 Erwerb des Facharztes für Physiologie und der Zusatzbezeichnung Umweltmedizin bei der Ärztekammer Westfalen-Lippe - 2005 bis heute wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studiendekanat Humanmedizin, dabei Organisation und Weiterentwicklung von Prüfungen sowie deren wissenschaftliche Begleitung;
Wednesday
17 Mar
11:30 - 13:00
DGAUM
Eröffnungsveranstaltung
Begrüßung
Prof. Dr. med. Hans Drexler, Präsident der DGAUM

Grußworte
  • Dr. Thomas Nitzsche, Oberbürgermeister der Stadt Jena
  • Prof. Dr. Walter Rosenthal, Präsident der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • Prof. Dr. med. Astrid Heutelbeck, Tagungspräsidentin

Preisverleihung
Prof. Dr. med. Hans Drexler, Präsident der DGAUM
  • Franz-Koelsch-Medaille
  • Joseph-Rutenfranz-Medaille
  • DGAUM-Innovationspreis
  • ASU Best Paper Award

Festvortrag – Heike Werner, Thüringer Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie (TMASGFF)

Verabschiedung durch die Tagesleitung – Prof. Dr. rer. soc. Jessica Lang und Prof. Dr. med. Simone Schmitz-Spanke
Room: Zoom-Raum 1
Wednesday
17 Mar
09:00 - 11:00
Forum
Arbeitsphysiologie
Minisymposium Leistungsfähigkeit: Grundlagen und Beurteilung aus arbeitsphysiologischer Sicht
Anschließend Mitgliederversammlung
Room: Zoom-Raum 3
Chair(s): Irina Böckelmann, André Klußmann and Benjamin Steinhilber
Beurteilung der physischen Leistungsfähigkeit - eine Übersicht physiologischer Grundlagen (Bernd Hartmann)
Anliegen und Ziel
Es soll eine Übersicht zum Verständnis des Begriffs der Leistungsfähigkeit in der Arbeitsmedizin und Arbeitswissenschaft aus physiologischer Sicht dargestellt werden.

Begriffsbestimmungen und Gliederungen der Leistungsfähigkeiten
Eine "Arbeitsleistung" beruht auf dem komplexen Zusammenwirken einer Vielzahl einzelner nicht nur physiologischer Fähigkeiten. Die wesentlichen Voraussetzungen von Leistungsfähigkeit betreffen körperliche, sensorische, kognitive und psychische Leistungsvoraussetzungen.
Physiologisch wird die körperliche Leistungsfähigkeit bestimmt durch die motorischen Hauptbeanspruchungsformen: Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Koordination und Flexibilität.
Arbeitsphysiologie und Ergonomie kennen dazu „Körperliche Belastungsarten bei der Arbeit“:
- Heben, Halten und Tragen von Lasten - Kraftausdauer, Maximalkraft, Beweglichkeit, Skelettrisiko
- Ziehen und Schieben von Lasten - Maximalkraft und Kraftausdauer
- Körperfortbewegung – Energieumsatz, Herz-Kreislaufbelastung, auch Kraftausdauer,
- Arbeiten mit hohen Körperkräften - Maximalkraft, Kraftausdauer, Muskel-Skelett-Risiko
- Arbeiten mit Körperzwangshaltungen - Kraftausdauer, Beweglichkeit, Koordination
- Manuelle Arbeitsprozesse - Kraftausdauer kleiner / mittlerer Muskelgruppen Hand-Arm-System

Arbeitsbelastungen werden bestimmt durch die Intensität und die Dauer der einzelnen Belastungen, die Häufigkeit der Wiederholungen der Belastungen und die Gesamtdauer der Belastungen in der Zeit. Für die Arbeit in der Spanne des 18. bis >65. Lebensjahres ist ein Vergleich mit der submaximalen kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit erforderlich. Hier gibt es aber in der Regel nur Daten zur Vita Maxima.

Schlussfolgerungen
Arbeitsphysiologie und Sportphysiologie speisen wesentlich die Erkenntnislage über die Leistungsfähigkeiten. Die Ausweitung der Lebensspanne der Erwerbstätigkeit ist zu berücksichtigen. Dazu sowie zur reduzierten Gesundheit einschließlich Rehabilitation ist die Erkenntnislage jedoch unzureichend. Physische Belastungen werden auch im Rahmen der Digitalisierung der Wirtschaft einschließlich der Automatisierung (Arbeit 4.0) weiterhin eine Rolle für die Beurteilung der Leistungsfähigkeit spielen.
Herr Prof. Dr. med. Bernd Hartmann
ArbMedErgo Beratung
Historische Betrachtung der Entwicklung arbeitsphysiologischer Methoden zur Ermittlung der körperlichen Leistungsfähigkeit (Regina Stoll, Reingard Seibt, Steffi Kreuzfeld)
Hintergrund: Gegenstand der Arbeitsphysiologie ist u.a. die Betrachtung der Auswirkung physischer Belastungen. Innerhalb des Belastungs-Beanspruchungs-Konzeptes ist die menschliche Leistungsfähigkeit von wesentlicher Bedeutung. Leistungsfähigkeit kann definiert werden als Fähigkeit zur Bewältigung einer konkreten Anforderungssituation unter konkreten äußeren Bedingungen, die aus der Gesamtheit der verfügbaren angeborenen und erworbenen physischen und psychischen Eigenschaften resultiert. Für die arbeitsphysiologische Methodik charakteristisch ist die Kette Messung-Typisierung-Beurteilung-Gestaltung. Veränderungen in der Arbeitswelt, beginnend im Zeitalter der Industrialisierung, Nutzung der Elektrizität, Weiterentwicklung der Elektronik und Informationstechnologie, Automatisierung, Digitalisierung, cyber-physischen Systemen in Verbindung mit dem demografischen Wandel veränderten u.a. auch die Methoden der Arbeitsphysiologie.
Methoden: Untersuchungsmethoden der körperlichen Leistungsfähigkeit umfassen neben der Methodik zur motorischen und muskulären Komponente auch Belastungsuntersuchungen zur Ermittlung der kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit. In den 1920er Jahren entstanden zahlreiche Regulationsprüfungen, z.B. Steh- und Kniebeugetests. Zur exakten Dosierbarkeit und präzisen Reproduzierbarkeit körperlicher Arbeit wurde 1883 das erste echte Ergometer in Deutschland entwickelt, 1896 das erste Fahrradergometer und 1911 der Respirationssack konstruiert. Im Jahr 1924 wurde die VO2max entdeckt. 1929 gelang die Verbindung eines Ergometers mit einem Arbeitsspirographen - die Methode der Spiroergometrie war eingeführt. Der Durchbruch der Spiroergometrie als Routinemethode gelang allerdings erst in den 1950er Jahren, denn die dafür erforderliche Technik war bis dahin nicht ausgereift. 1949 wurde erstmals ein Spirographensystem entwickelt, mit dem die VO2max bis zu 3,5 l/min zuverlässig gemessen werden konnte und so ab 1950 die Ermittlung von Normwerten begann. Mit Inbetriebnahme des ersten elektronisiertenFahrradergometers begann 1974 die computerisierte Spiroergometrie. Die Anforderungsspezifik der menschlichen Leistungsfähigkeit machte die Entwicklung einer mobilen Atemgasanalytik auch für die Arbeitswelt erforderlich – eine Entwicklung, die ca. 1952 ihren Anfang genommen hatte und bis heute moderne mobile Spiroergometriesysteme hervorgebracht hat. Diese können eine methodische Grundlage für die Beurteilung der Beanspruchung in einer modernen Arbeitswelt sein.
Frau Prof. Dr. Regina Stoll
Wednesday
17 Mar
09:00 - 10:30
Forum
Atemwege und Lunge
zusätzlicher Vortrag:
BK 4203 mit schwerem Verlauf - sind die Kategorien der Feldmann/Brusis-Tabelle 2012 noch zeitgemäß? (Manfred Korn)
 
Room: Zoom-Raum 4
Chair(s): Alexandra Marita Preisser and Joachim Schneider
Die S2k-Leitlinie „AIT“ und die Einbindung des AIT in die überarbeitete Reichenhaller Empfehlung (Alexandra Marita Preisser, Dirk Koschel, Rolf Merget, Dennis Nowak, Monika Raulf, Jan Heidrich)
Die Diagnose von allergischem oder immunologisch bedingtem arbeitsplatzbezogenen Asthma im Sinne der Berufskrankheiten 1315, 4301 und 4201 erfordert in manchen Fällen einen arbeitsplatzbezogenen Inhalationstest (AIT). Der AIT ist relativ aufwändig, wurde in seiner technischen Umsetzung jedoch über die letzten Jahrzehnte verfeinert und verbessert. Es wird die AWMF S2k-Leitlinie (LL) in der finalen Version vorgestellt; sie ist eine gemeinsame Überarbeitung und im Delphi-Verfahren konsentierte Aktualisierung der früheren Versionen durch Vertreter*innen der DGAUM, DGP und DGAKI.

Der AIT erfolgt als kontrollierte Exposition des Patienten unter Laborbedingungen sowohl mit nativen Arbeitsstoffen als auch mit Allergenlösungen zum Nachweis bzw. Ausschluss charakteristischer Reaktionen im Bereich der tieferen Atemwege und des oberen Respirationstraktes inklusive der Nasenschleimhaut. Er ermöglicht den Nachweis des wahrscheinlichen Ursachenzusammenhangs zwischen arbeitsplatzbezogener inhalativer Belastung und einer Atemwegs- bzw. Lungenerkrankung und ist somit essenziell für die Beantwortung der Frage nach der Fortsetzung der Berufstätigkeit des Patienten. Die Leitlinie enthält neben der Betrachtung der wissenschaftlichen Literatur auch praktische Aspekte zur Test-Durchführung.

In der aktuellen Präsentation wird anhand der in der Leitlinie dargestellten Flow-Charts auf den abschließend konsentierten, konkreten Untersuchungsablauf eingegangen. Auf die genannten diagnostischen Instrumente, wie Messung der bronchialen und nasalen Reaktion (Atemwegsobstruktion, unspezifische bronchiale Hyperreagibilität, FeNO, Nasenflussmessungen) mit Nachbeobachtung, wird im Einzelnen eingegangen und kann in der Diskussion vertieft werden. Auch Interpretation und Bewertung der Untersuchungsergebnisse, Limitationen des AIT sowie mögliche Komplikationen und Abbruchkriterien werden dargestellt.

Die Umsetzung und Wirksamkeit des AIT innerhalb der Begutachtung der Berufskrankheiten 1315 / 4301 / 4302 stellt den wesentlichen Zweck dieser LL dar. Es wird diskutiert werden, inwieweit die Gesetzesänderung dieser Berufskrankheiten ab dem 01.01.2021 mit dem sog. „Fall des Unterlassungszwangs“ sich die Bewertung des AIT und die Bewertung der Minderung der Erwerbsunfähigkeit (MdE) beeinflussen.
Frau PD Dr. med. Alexandra Marita Preisser
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Bedeutung der Serologie für die Diagnostik einer berufsbedingten exogen allergischen Alveolitis (Monika Raulf)
Exogen-allergische Alveolitiden (EAA) sind akute, subakute und chronische Lungenentzündungen, die durch das wiederholte Einatmen von organischen Partikeln entsteht. Diese können zum Beispiel Schimmel, Vogelfedern, Holzstaub oder auch niedermolekulare Stoffe sein. Obwohl die EAA eine seltene Krankheit ist, wird sie häufig durch berufliche Expositionen ausgelöst. Farmerlunge, Befeuchterlunge, Maschinenarbeiterlunge, Holzarbeiterlunge etc. gehören zu diesem Krankheitsbilder und werden als Berufskrankheit mit der Nummer 4201 „Exogen allergische Alveolitis“ erfasst. Die klinischen Symptome und die Entwicklung der Erkrankung können, je nach auslösendem Stoff, individuell sehr unterschiedlich sein. Die Bestimmung der antigenspezifischen IgG-Antikörper ist ein wichtiger Schritt in der Diagnostik der EAA, da hierdurch die Identifizierung der ursächlichen Substanz z.B. am Arbeitsplatz ermöglicht wird. Ein erhöhter Titer antigenspezifischer (s)IgG-Antikörper in Verbindung mit den entsprechenden klinischen und HRCT-Merkmalen spricht stark für eine EAA. Umgekehrt kann eine Abnahme der Konzentration an sIgG nach Antigen-Vermeidung ebenfalls die Diagnose einer EAA stützen. Allerdings ist das Vorhandensein sIgG-Antikörper nicht per se ein Marker für die Erkrankung und die Abwesenheit sIgG-Antikörper schließt eine EAA nicht aus. Darüber hinaus muss bei der Beurteilung der sIgG-Antikörperkonzentrationen berücksichtigt werden, dass im Gegensatz zur spezifischen IgE-Diagnostik kein einheitlicher Cut-off Wert existiert, so dass für jedes Antigen ein spezieller Referenzwert bzw. -bereich ermittelt muss. Im Rahmen einer multizentrische Studie wurden für typische Umwelt- bzw. Berufsantigene, die als Auslöser einer EAA beschrieben wurden, sIgG-Referenzwerte zu etablieren und/oder bereits vorhandene Werte in einer geeigneten Gruppe gesunder Probanden validieren (Raulf et al. 2019). Die jeweiligen sIgG-Antikörperspiegel variierten in Abhängigkeit der verschiedenen Antigene von kleiner als 0,02 bis zu 726 mgA/L. Für drei Isocyanate, drei Säureanhydride, die Schimmelpilze Trichosporon pullulans und Acremonnium kiliense wurden zum ersten Mal Referenzwerte aufgestellt. Methodenvergleiche belegten, dass die Höhe der sIgG-Konzentrationen stark von der quantitativen Bestimmungsmethode abhängig ist, so dass nicht nur jedes Antigen seinen spezifischen Referenzwertbereich hat, sondern für jede sIgG-Quantifizierungsmethode antigenspezifischen Referenzwertbereiche festgelegt werden müssen. Es ist daher für die Verlaufsuntersuchungen u.a. bei erkrankten Beschäftigten wichtig, dass immer die gleiche sIgG Bestimmungsmethode verwendet wird.
Frau Prof. Dr. Monika Raulf
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA),
Rounded atelectasis after exposure to refectory ceramic fibres- a case report (Ulrike Brückner, Anne Schulze, Joachim Schneider)
A 45 years old man worked in high performance thermal insulation applications using refractory ceramic fibres (RCF) for almost 20 years. During a biennial occupational medical prophylaxis to ensure early diagnosis of disorders caused by inhalation of aluminium silicate fibres with X-ray including high-resolution computed tomography (HRCT) showed bilateral pleural thickening and a pleural calcification next to a rounded atelectasis. Asbestos exposure could be excluded. In pulmonary function test a restrictive lung pattern could be revealed. In work samples scanning electron microscopy (SEM) including energy dispersive X-ray analysis (EDX) classified aluminium silicate fibres. X-ray powder diffraction and transmission electron microscopy (TEM) showed crystalline as well as amorphous fibres.
Frau Dr.med. Ulrike Brückner
Institut und Poloklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der Justus-Liebig Universität Gießen am UKGM
Wednesday
17 Mar
10:00 - 11:00
DGAUM
Pressekonferenz
Geschlossene Veranstaltung für die Presse.
Room: Zoom-Raum 5
Wednesday
17 Mar
14:00 - 14:30
Keynote
Keynote Lecture
Gemeinsam geht es leichter: Vernetzung kleiner und mittlerer Unternehmen und die Rolle der
Betriebsärzte aus Sicht einer Krankenkasse (Brigit Dziuk)
Room: Zoom-Raum 1
Wednesday
17 Mar
14:30 - 17:30
DGUV-Kolloquium
Arbeitsmedizinisches Kolloquium
Begrüßung und Einführung (Prof. Dr. med. Thomas Behrens)
Weiterer Vortrag:
Individualprävention – Herausforderungen für die Arbeits- und Betriebsmedizin (Prof. Dr. med. Thomas Kraus)

Öffentliche Veranstaltung (keine Anmeldung erforderlich)
Room: Zoom-Raum 1
Chair(s): Hans Drexler and Thomas Behrens
Weiterentwicklung der Individualprävention unter Berücksichtigung des gesetzlichen Wegfalls des Unterlassungszwangs im Berufskrankheiten-Recht (Stephan Brandenburg)
Ab dem 01.01.2021 entfällt als Folge der gesetzlichen Neuregelungen im Berufskrankheiten-Recht das Erfordernis der Aufgabe der schädigenden Tätigkeit als Voraussetzung der Anerkennung einer Erkrankung als Berufskrankheit. Es wird sich danach vermehrt die Situation ergeben, dass Versicherte trotz ihrer bestehenden Erkrankung ihre berufliche Tätigkeit weiter ausüben und so weiterhin am Arbeitsplatz schädigenden Einwirkungen ausgesetzt sind. Es muss deshalb Sorge dafür getragen werden, dass sich die Erkrankung der Versicherten trotzdem möglichst nicht weiter verschlimmert oder wiederauflebt, wenn sie bereits abgeheilt war. Die neuen gesetzlichen Regelungen messen deshalb Maßnahmen der Individualprävention besondere Bedeutung zu. Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass Versicherte trotz ihrer Erkrankung ihre Tätigkeit weiter ausüben können, ohne dass sich ihr Gesundheitszustand weiter (oder wieder) verschlechtert. Dafür werden die Aufklärung der Versicherten zu den gesundheitlichen Risiken am Arbeitsplatz und die Beratung zu möglichen Schutzmaßnahmen als gesetzliche Verpflichtung der Unfallversicherungsträger festgelegt. Versicherte werden ihrerseits gesetzlich verpflichtet, an Maßnahmen der Prävention mitzuwirken.
Die Aufforderung der Versicherten zur Aufgabe der Tätigkeit stellt künftig das letzte Mittel zum Schutz der Gesundheit der Versicherten dar, das erst zur Anwendung kommt, wenn man nicht durch Präventionsmaßnahmen sicherstellen kann, dass sich eine Erkrankung weiter verschlimmert oder wiederauflebt.
Die Regelungen zur Individualprävention werden alle Berufskrankheiten betreffen. Für viele Berufskrankheiten, insbesondere solche, deren Tatbestand bis zum 31.12.2020 noch den Unterlassungszwang enthält, bestehen bereits bewährte Programme und Angebote der Unfallversicherungsträger als Maßnahmen der Individualprävention. Vor dem Hintergrund der gesetzlichen Änderungen werden derzeit bestehende Maßnahmen gesichtet und überprüft, und es werden weitere Programme zur Individualprävention entwickelt.
Im Rahmen des Vortrages werden die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen für Maßnahmen der Individualprävention erläutert, und es werden Schritte zur Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben in der Praxis vorgestellt.
Frau Dr. Monika Zaghow
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Individualprävention, quo vadis? Die BK 4301 nach der Reform des Berufskrankheitenrechts (Roger Kühn)
Mit der Reform des Berufskrankheitenrechts ändern sich die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Individualprävention bei den allergischen Atemwegserkrankungen grundlegend. Die Aufgabe der schädigenden Tätigkeit ist bei der BK 4301 nicht mehr Anerkennungsvoraussetzung. Somit entfällt auch der Präventionsaspekt des ehemaligen Unterlassungszwanges.

Der Gesetzgeber fordert einerseits „die Stärkung der Individualprävention“. Andererseits verpflichtet er die Unfallversicherungsträger erstmals zu einer „umfassenden Aufklärung“, „falls die Gefahr nicht zu beseitigen ist“. Zusätzlich besteht für die Versicherten eine neu formulierte Mitwirkungspflicht.

In diesem Spannungsfeld stellen sich der Individualprävention (IP) einige BK-4301-spezifische Herausforderungen:
  • Die Gefahr (z.B. durch Mehlstaub in der Backproduktion) ist häufig nicht zu beseitigen, sondern lediglich zu minimieren.
  • Die akute und chronische Gesundheitsgefährdung ist im Vergleich zu anderen Berufskrankheiten (z.B. zur BK 5101) hoch.
  • Damit bleibt die medizinische Unterlassungsnotwendigkeit trotz Wegfall des Unterlassungszwangs häufig bestehen (aktuelle Asthmaleitlinie, 2017).
  • Dies gilt besonders für (sehr) junge Versicherte, d.h. für das typische allergische „early-onset“ Berufsasthma.
  • Asthma ist eine Volkskrankheit (ca. 5% der Erwachsene, 10% der Kinder) und der Anteil der „Allergiker“ steigt seit Jahrzehnten gravierend. Eine berufliche Atemwegserkrankung „pfropft“ sich häufig auf eine vorbestehende allergische Atemwegserkrankung „auf“.
  • Diese Mischbilder von beruflichen und außerberuflichen Sensibilisierungen und Allergien (sog. „Polyallergiker“, „Atopiker“) sind in Überzahl. Damit ist eine erfolgreiche Prävention ohne Beachtung der außerberuflichen Allergien (z.B. Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare) kaum möglich.
Über 25 Jahre praktische Erfahrungen mit dem Präventionsprogramm Bäckerasthma und seiner interdisziplinären Grundphilosophie (STOP-Prinzip plus leitliniengerechten Asthmatherapie) fließen in die Diskussion ein.
Herr Dr. Roger Kühn
Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN) Mannheim
Verbleib im Beruf mit Atemwegserkrankung – Lösungsansätze der Individualprävention (Alexandra Marita Preisser)
Hintergrund:
Durch Wegfall des Unterlassungszwangs zum 1.1.2021 in der Gesetzgebung der Berufskrankheiten der Atemwege nach den Nummern 4301, 4301 und 1315 müssen Unfallversicherungsträger, Gutachter und Betroffene sich damit auseinandersetzen, unter welchen Voraussetzungen der Verbleib im Beruf möglich erscheint.
Ergebnisse:
Vertreter der DGUV, der Berufsgenossenschaften und der einbezogenen medizinischen Sachverständigen sind sich nach dem aktuellen Stand einig, dass der Verstärkung der Prävention am Arbeitsplatz mit Minderung oder vollständiger Aufhebung der Exposition gegenüber schädigenden Noxen eine wesentliche Bedeutung zukommt. Die Maßnahmen dieser Individualprävention (IP) müssen sich an dem STOP-Prinzip orientieren; vorrangig sind also Substitutionen anzustreben; auch technische oder organisatorische Lösungsansätze, die eine vollständige Expositionsvermeidung von allergenen Berufsstoffen gewährleisten, können akzeptabel sein. Persönliche Schutzausrüstung, z.B. eine Atemschutzhaube, ist im Falle der BK 4301 nur bei seltenen, kurzzeitigen Expositionen tolerabel. Im Falle der BK 4302 können deutliche Minderungen der Exposition gegen chemisch-irritative Stoffe, z. B. Kapselung und suffiziente Absaugung, den Verbleib im Beruf für die Betroffenen ermöglichen. In jedem Fall sollen die technischen Umsetzungen am Arbeitsplatz von Schulungen zur Krankheitsbewältigung und die Exposition minderndem Verhalten am Arbeitsplatz begleitet werden. Auch außerberufliche Allergen-Expositionen sind in die IP-Maßnahmen einzubeziehen Die Erstellung eines entsprechenden Konzepts der IP-Maßnahmen wird angestrebt.
Schlussfolgerung:
Es ist in jedem Einzelfall zu prüfen, ob durch individuelle Aufklärung, Unterstützung und Beratung beim Berufswechsel oder erleichternde finanzielle Übergangsleistungen die Aufgabe des schädigenden Berufes nicht nur für den Unfallversicherungsträger, sondern auch für die versicherte Person die attraktivste Lösung erscheint. Ist die versicherte Person durch diese Maßnahmen nicht zu überzeugen, Tätigkeit oder Beruf zu wechseln, so müssen verstärkte Anstrengungen entsprechend der präventiven Maßnahmen nach STOP begleitet von Schulungen unternommen werden, um die Verschlimmerung der Atemwegserkrankung zu mindern. Auch bei vorbestehenden Atemwegserkrankungen und zusätzlich bestehender Exposition gegen Allergene oder chemisch-irritativ wirkende Substanzen müssen IP-Maßnahmen ausgeschöpft werden, um eine richtungsweisende Verschlimmerung zu vermeiden.
Frau PD Dr. med. Alexandra Marita Preisser
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Individualprävention bei arbeitsbezogenen Muskel-Skeletterkrankungen (Rolf Ellegast, Elke Ochsmann)
Problem:
Arbeitsbezogene Muskel-Skeletterkrankungen (MSE) stellen mit einem Anteil von ca. 22 % eine der häufigsten Ursachen für krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit in Deutschland dar. Neben Primärpräventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz spielen die individualpräventiven Ansätze eine zunehmend wichtige Rolle. Im Zuge der Reform des Berufskrankheiten-Rechts und dem Wegfall des Unterlassungszwangs werden spezifische Individualpräventionsprogramme bei arbeitsbezogenen Muskel-Skeletterkrankungen (MSE-IP) benötigt. Bisher gibt es nur wenige, spezifische IP bei arbeitsbezogenen Muskel-Skeletterkrankungen.
Zielsetzung:
Im Beitrag werden laufende Aktivitäten zur Weiterentwicklung bestehender und zur Entwicklung neuer MSE-IP präsentiert.
Methoden:
In einer systematischen Literaturrecherche „Individualprävention bei Muskel-Skeletterkrankungen (FB320)“ (Dauer bis Ende 2021) werden für die arbeitsbezogenen Erkrankungen Hüftgelenksarthrose und Läsionen der Rotatorenmanschette erfolgreiche Individualpräventionsansätze und Gestaltungsvorschläge für individualisierte Sekundärpräventionsprogramme recherchiert. Für die Zielgruppe der noch nicht erkrankten, aber gefährdeten Personen werden zudem Frühindikatoren für die Entstehung derartige Erkrankungen ermittelt. Für bereits existierende IP für Beschäftigte mit Erkrankungen der Lendenwirbelsäule und des Kniegelenks sollen neue Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Literatur zusammengetragen werden.
Parallel dazu beschäftigen sich Arbeitsgruppen mit Experten aus Klinik, Biomechanik, Arbeitswissenschaft und Sozialversicherungsträgern in Praxisdialogen mit der Zusammenstellung praktischer Erfahrungen bzgl. der erfolgreichen Anwendung individualpräventiver Maßnahmen für die Lokalisationen „Hüfte“, „Schulter“ und „Wirbelsäule/Knie“. Auf Basis existierender IP sollen Möglichkeiten der Erweiterung dieser Programme auf betroffene Berufsgruppen, die bisher nicht adressiert werden, geprüft werden. Ferner werden die Bestandteile dieser Programme auf Generalisierbarkeit gesichtet und weitere IP-Module aktualisiert, angepasst oder neu entwickelt.
Erwartete Ergebnisse:
Nach Abschluss des Projekts sollen Modulinhalte für Pilot-IP für berufsbezogene Erkrankungen der Schulter, Wirbelsäule, Hüfte und Knie vorliegen, die anschließend in der Praxis angewandt und evaluiert werden können.
Herr Rolf Ellegast Prof Dr.
IFA der DGUV
Step by Step: Möglichkeiten der Individualprävention dermatologischer Erkrankungen (Christoph Skudlik)
Berufsbedingte Hauterkrankungen im Sinne der BK 5101 machen seit Jahren anteilig fast die Hälfte aller als arbeitsbedingt verursacht bestätigten Erkrankungen im Berufskrankheitengeschehen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung aus (so z. B. 2019 mit 17.084 bestätigten Fällen 48 % aller als arbeitsbedingt bestätigten Erkrankungsfälle). Aufgrund des sich hieraus ergebenden Versorgungsbedarfs wurden insbesondere in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten eine Reihe von Präventionsmaßnahmen etabliert, zu denen insbesondere die Maßnahmen der ambulanten und der stationären Individualprävention zählen. Maßnahmen der Individualprävention setzen hierbei bereits dann ein, wenn die Möglichkeit des Vorliegens einer arbeitsbedingt verursachten Hauterkrankung konstatiert wird. Diese individualpräventiven Maßnahmen umfassen auf ambulanter Ebene das Hautarztverfahren und Hautschutzseminare, die für verschiedene Berufsgruppen angeboten werden. Maßnahmen der stationären Individualprävention sind bei schwerem Verlauf, fehlendem therapeutischem Ansprechen, Unklarheit bezüglich Diagnose und Kausalität sowie zur Gewährleistung von Teilhabe bei Gefahr, dass die berufliche Tätigkeit aufgrund der arbeitsbedingten Dermatosen aufgegeben werden muss, notwendig. Die besondere Bedeutung von Präventionsangeboten bei arbeitsbedingten Hauterkrankungen konnte in den letzten Jahren speziell für die Maßnahmen der Individualprävention als Bestandteil eines komplexen hierarchischen Präventionskonzeptes wissenschaftlich belegt werden. Dieses integrierte Konzept einer ambulant/stationären Versorgung zeichnet sich auf allen Ebenen durch eine hohe Effektivität aus. Es ist zu erwarten, dass individualpräventiven Maßnahmen im Zuge der zum 01.01.2021 inkrafttretenden BK-Rechtsreform mit zu erwartendem Anstieg der Anerkennungszahlen der BK 5101 und bei dann geltender gesetzlicher Verpflichtung der Versicherten zur Teilnahme, eine noch stärkere Bedeutung als bisher zukommen wird.
Herr Christoph Skudlik
Institut für interdisziplinäre Dermatologische Prävention und Rehabilitation (iDerm) an der Universität Osnabrück und BG Klinikum Hamburg
Wednesday
17 Mar
18:00 - 20:00
DGAUM
Mitgliederversammlung
Geschlossene Veranstaltung nur für DGAUM-Mitglieder.
Zugang erhältlich über den geschlossenen Mitgliederbereich auf der Webseite der DGAUM.
Room: Zoom-Raum 1
Wednesday
17 Mar
14:30 - 17:30
Forum
Umweltmedizin
Im Anschluss an die Vorträge findet die Mitgliederversammlung der AG Umweltmedizin statt.
Room: Zoom-Raum 2
Chair(s): Stefanie Heinze and Caroline Herr
Umweltmedizinische Versorgungssituation von Patientinnen und Patienten in Deutschland. Stellungnahme der Kommission Umweltmedizin und Environmental Public Health (Astrid Rita Regina Heutelbeck)
Federführende Kommissionsmitglieder:
  • C. Herr (Bay. Landesamt für Gesundheit u. Lebensmittelsicherheit)
  • A. Heutelbeck (Institut für Arbeits-, Sozial- u.Umweltmedizin, Universitätsklinikum Jena)
  • C. Hornberg (Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften)
  • D. Nowak (Klinikum der Universität München, Institut u. Poliklinik für Arbeits- u. Umweltmedizin)
  • G.A. Wiesmüller (Gesundheitsamt Köln)
Geschäftsstelle:
  • W. Straff (Umweltbundesamt)
  • H. Niemann (Robert Koch-Institut)
Als interdisziplinäres Querschnittsfach u. gesundheitswissenschaftliche Bezugsdisziplin befasst sich die Umweltmedizin in Theorie und Praxis mit den gesundheits- und krankheitsbestimmenden Aspekten der Mensch-Umwelt-Beziehung. Grundsätzlich sind umweltbedingte, d.h. durch Umweltfaktoren verursachte Gesundheitsbeschwerden oder Erkrankungen, und umweltbezogene, d.h. durch Umweltfaktoren mitbeeinflusste gesundheitliche Beschwerden oder Erkrankungen, zu unterscheiden. Eine flächendeckende umweltmedizinische Versorgung konnte nach wie vor nicht realisiert werden. Das betrifft sowohl den niedergelassenen Bereich, den öffentlichen Gesundheitsdienst als auch die Universitätskliniken. Die aktuelle Weiterbildungsproblematik und vor allem Finanzierungsprobleme haben zu einem Rückgang der Anzahl qualifizierter, fundiert ausgebildeter Umweltmedizinerinnen und Umweltmediziner im niedergelassenen Bereich geführt. Das Angebot im medizinisch-kurativen Bereich wird vor allem durch besonders engagierte niedergelassene Umweltmedizinerinnen und -mediziner und im Hochschulbereich durch sehr wenige umweltmedizinische Ambulanzen und (universitäre) umweltmedizinische Beratungsstellen aufrechterhalten. Für eine adäquate klinisch-umweltmedizinische Versorgung sind notwendig: 1. Umfangreichere Verankerung der „Klinischen Umweltmedizin“ im Medizinstudium. 2. Basisausbildung in Klinischer Umweltmedizin in der Allgemeinmedizin. 3. Verstetigung der „Klinischen Umweltmedizin“ in den Gebieten Hygiene und Umweltmedizin sowie Arbeitsmedizin. 4. Zusatz-Weiterbildung „Klinische Umweltmedizin“. 5. Allgemein anerkannte qualitätsgesicherte evidenzbasierte diagnostische und therapeutische Methoden der „Klinischen Umweltmedizin“. 6. Adäquate Abrechnungsmöglichkeiten klinisch-umweltmedizinischer Leistungen. Um einen hohen Qualitätsstandard umweltmedizinischer Versorgung auch perspektivisch zu sichern, bedarf es der Konsolidierung bestehender Strukturen durch kostendeckende Leistungsvergütung sowie der Sicherung qualifizierter personeller Ressourcen. Dabei sollte speziell darauf geachtet werden, in allen Bereichen umweltmedizinischer Aktivitäten entsprechend den aktuellen wissenschaftlichen Standards zu arbeiten und Maßnahmen der Qualitätssicherung zu etablieren.
Frau Prof. Dr. med. Astrid Rita Regina Heutelbeck
Universitätsklinikum Jena
„Die Behandlung von Patienten und Patientinnen in der umweltmedizinischen Ambulanz des Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM). Ein Erfahrungsbericht illustriert an Fallbeispielen.“ (Marcial Velasco Garrido, Alexandra Marita Preisser)
Im der umweltmedizinischen Ambulanz des ZfAMs werden 60 bis 80 Patientinnen und Patienten jährlich beraten. Ein wichtiger Anteil der Konsultationen erfolgt unter der Fragestellung nach einer Intoxikation mit Schwermetallen und der Notwendigkeit einer spezifischen Behandlung. Häufig handelt es sich um Patientinnen und Patienten mit medizinisch unerklärlichen Beschwerden (medically unexplained symptoms), insbesondere Müdigkeit und Einschränkungen der Leistungsfähigkeit. Nicht selten stellen sich die Patientinnen und Patienten mit auffälligen Schwermetall-Befunden in Blut- bzw. Urinuntersuchungen vor. Nach genauerer Betrachtung der mitgebrachten Befunde lässt sich in der meisten Fällen eine Intoxikation mit Schwermetallen ausschließen. Sehr selten stellen wir die Indikation einer spezifischen Therapie. In dem Vortrag werden exemplarisch Fälle vorgestellt, die diese – aus unserer eigenen Erfahrung – wachsende Problematik illustrieren.
Frau PD Dr. med. Alexandra Marita Preisser
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Herr Marcial Velasco Garrido M.P.H.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Umweltmedizinische Patienten und Patientinnen in der Ambulanz des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin am Klinikum der Universität München: Ein Erfahrungsbericht illustriert an Fallbeispielen (Caroline Quartucci)
Hintergrund
Anhand von Fallbeispielen soll ein Einblick in die Erfahrungen mit umweltmedizinischen Patienten und Patientinnen in der Ambulanz unseres Instituts gegeben werden.
Methode
Es wurden die einzelnen Vorstellungen der Patienten und Patientinnen mit primär umweltmedizinischer Fragestellung im Jahr 2020 (1.1.-30.11.) in der Ambulanz des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin am LMU Klinikum München nach Diagnosen ausgewertet. Dabei wurden der vom Patienten/ der Patientin angegebene Beratungsanlass berücksichtigt. Fälle mit vom Betroffenen primär vermutetem Arbeitsplatzbezug der Beschwerden wurden nicht berücksichtigt.
Ergebnisse
Im Jahr 2020 stellten sich (Stand 30.11.2020) 46 Patienten mit umweltmedizinischer Fragestellung vor, davon 23 weibliche und 23 männliche Patienten. Ein männlicher Patient nahm zwei Termine bei uns wahr. Bei zwei Terminen handelte es sich um die Vorstellung von Ehepaaren. Die häufigsten Beratungsanlässe waren die Frage nach Erkrankungen durch Schwermetalle (16) oder Chemikalien (11), sowie vermutete Allergien (7) im privaten Umfeld. Die übrigen Beratungen fanden zu gleichen Teilen zu anderen umweltmedizinischen Themen wie beispielsweise Infraschall, Belastung durch Schimmelpilze oder „Elektrosmog“ statt. Am häufigsten wurde durch uns die Verdachtsdiagnose einer Somatisierungsstörung gestellt.
Diskussion und Schlussfolgerungen
Aufgrund der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen im täglichen Ambulanzbetrieb stellten sich weniger Patienten mit entsprechender Fragestellung vor, als in den letzten Jahren. In unserer Ambulanz stellten vermutete Intoxikationen im Zusammenhang mit Schwermetallen bzw. Chemikalien den häufigsten Beratungsanlass dar. In keinem Fall ergab sich im ärztlichen Gespräch der Verdacht auf das Vorliegen einer akuten oder chronischen Intoxikation, es bestand kein Interventionsbedarf. Je nach Präsenz bestimmter Themen in den Medien (z.B. Glyphosat, Quecksilber, vermehrter Gebrauch von Desinfektionsmitteln während der Corona-Pandemie) unterliegt die Anzahl der einzelnen Beratungsanlässe erheblichen Schwankungen. Häufig wurde durch uns die Verdachtsdiagnose einer Somatisierungsstörung gestellt. Wir empfahlen in diesen Fällen, soweit nicht bereits erfolgt, eine weiterführende Abklärung und Behandlung im Fach der Psychosomatik.
Frau Dr. Caroline Quartucci
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Klinikum der Universität, LMU München
Erfahrungen aus der umweltmedizinischen Sprechstunde an der RWTH Aachen (Thomas Kraus)
Prof. Dr. med. Thomas Kraus schildert Erfahrungen aus der umweltmedizinischen Sprechstunde des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin am Universitätsklinikum RTWH Aachen.
Herr Thomas Kraus
Universitätsklinikum Aachen
„Interdisziplinäre Herangehensweise an umweltattribuierte Symptomkomplexe.“ (Ramona Gigl)
Die Umweltmedizin beschäftigt sich mit verschiedenen Syndrom- und Symptomkomplexen. Sie beschreiben Beschwerdebilder, deren Ursachen noch nicht ausreichend geklärt sind und bei denen ein Umweltbezug diskutiert wird.
Eine flächendeckende Behandlungs- und Versorgungslage für betroffene Patienten ist nicht gegeben. Die bestehende Weiterbildungsproblematik im Bereich Umweltmedizin führt zudem zum Rückgang qualifiziert ausgebildeter Umweltmediziner und kann sich negativ auf die Betreuungssituation für Betroffene mit umweltattribuierten Symptomkomplexen auswirken. Für eine individuell passende Behandlung ist medizinisch-interdisziplinäres Vorgehen nötig.
In Abstimmung mit einem aus Vertretern der bayerischen Universitätskliniken zusammengesetzten, wissenschaftlichen Expertennetzwerk wird am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ein interdisziplinär angelegtes Konzept zur Behandlung von Menschen, die u.a. an den umweltattribuierten Symptomkomplexen Multiple Chemikaliensensitivität (MCS), Elektromagnetische Hypersensitivität (EHS) und Sick Building Syndrom (SBS) leiden, erarbeitet.
Ziel des Projektes am LGL ist die Verbesserung der Behandlungs- und Versorgungslage Betroffener mit umweltattribuierten Symptomkomplexen. Im Vortrag werden bisherige Erkenntnisse und relevante Ergebnisse des Projektes näher beleuchtet.
Frau Ramona Gigl
Wednesday
17 Mar
14:30 - 17:45
Unternehmertag
Unternehmertag I
"Herausforderungen unserer Zeit – Impulse und Lösungsansätze"
Spannende Vorträge und Workshops rund um die Themen Betriebliches Gesundheitsmanagement und Arbeitsschutz speziell für interessierte Arbeitgeber*innen, Arbeitnehmer*innen, Betriebsärzte*innen, BGM-Verantwortliche, usw.

14:30 – 15:15 Uhr: Arbeitsschutz in Zeiten von COVID-19 (Schwerpunkt: Homeoffice)
  • Wie erleben Beschäftigte die Arbeitsbedingungen im Homeoffice? – erste Ergebnisse aus der Langzeitstudie „Gesundheit und Arbeit infolge der Corona-Krise“ (LaGACo)
    (Regina Lösch, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
  • Was muss ich als Arbeitgeber*in beachten, wenn ich meine Mitarbeiter*innen ins Homeoffice schicke?
    (Gerhard Kuntzemann, Präventionskoordinator DGUV, Landesverband Mitte)
  • Praktische Umsetzung in einem großen Unternehmen
    (Dr. Stefan Webendoerfer, Vice President, Diagnostics, Health Promotion, Communication, BASF SE)
Vorsitz: Regina Lösch

15:15 – 15:30 Uhr: PAUSE

15:30 – 16:00 Uhr: Expertenrunde" Sie fragen – wir antworten: Experten*innen aus der Arbeitsmedizin stehen Ihnen mit Rat und Tat zur Seite"
Experten:
  • Prof. Dr. Dirk-Matthias Rose, stellvertretender Institutsleiter, Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Mainz
  • Sylvi Raakow, Dezernentin/Fachkraft für Arbeitssicherheit, Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz/Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie
  • Miriam Eisenbach, Dezernentin, Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz/Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie
Vorsitz: Dr. Thomas Nesseler

16:00 – 16:45 Uhr: Impfen im Betrieb
  • Bedeutung von Impfungen am Arbeitsplatz
    (Prof. Dr. Dirk-Matthias Rose, stellvertretender Institutsleiter, Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Mainz)
  • Allgemeine rechtliche Rahmenbedingungen
    (Dr. Thomas Nesseler, Hauptgeschäftsführer, Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin)
  • Rechtskontext von Impfungen
    (Donata Gräfin von Kageneck, Rechtsanwältin, Kanzlei Kageneck)
Vorsitz: Dr. Thomas Nesseler

16:45 – 17:00 Uhr: PAUSE

17:00 – 17:45 Uhr: Häusliche Pflege – eine Belastungsprobe für Beschäftigte und Unternehmen?
  • Belastung und Beanspruchung pflegender Angehöriger
    (Elisabeth Wischlitzki, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
  • Pflege trifft auf Job – eine Herausforderung für Unternehmen und Beschäftigte
    (Dr. Sigrun Fuchs., Referentin, Thüringer Agentur für Fachkräftegewinnung)
Vorsitz: Elisabeth Wischlitzki
Room: Zoom-Raum 3
Wednesday
17 Mar
14:30 - 17:45
Unternehmertag
Unternehmertag II
"Herausforderungen unserer Zeit – Impulse und Lösungsansätze"
Spannende Vorträge und Workshops rund um die Themen Betriebliches Gesundheitsmanagement und Arbeitsschutz speziell für interessierte Arbeitgeber*innen, Arbeitnehmer*innen, Betriebsärzte*innen, BGM-Verantwortliche, usw.

14:30 – 15:15 Uhr: Arbeitsschutz in Zeiten von COVID-19 (Schwerpunkt: Gefährdungsbeurteilung)
  • Die Bedeutung sowie Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung in Zeiten von COVID-19
    (Miriam Eisenbach, Dezernentin, Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz/Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie)
  • Aufsichtshandeln in der Zeit der Corona-Pandemie
    (Christian Vater, Kontrollbeauftragter im technischen Aufsichtsdienst, Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz/Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie)
Vorsitz: Wolfgang Fischmann

15:15 – 15:30 Uhr: PAUSE

15:30 – 16:45 Uhr: Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt
  • Social health@work: Was macht mobiles Arbeiten mit unserer Gesundheit?
    (Solveig Wessel, Fachreferentin Betriebliches Gesundheitsmanagement, BARMER)
  • Gesundheitliche Effekte der Digitalisierung am Arbeitsplatz
    (Dr. Mustapha Sayed, Experte Betriebliches Gesundheitsmanagement, BARMER)
  • Digitale betriebliche Gesundheitsförderung - ein Blick in die Praxis
    (Alexandra Janke, Beraterin Betriebliches Gesundheitsmanagement, BARMER)
Vorsitz: Dr. Nadja Amler

16:45 – 17:00 Uhr: PAUSE

17:00 – 17:45 Uhr: Umsetzung von BGF/BGM in Kleinst-, kleinen und mittleren Unternehmen
  • Wie kann BGM/BGF auch in Kleinst- und kleinen Unternehmen gelingen?
    (Christiane Roth, Personalmanagerin, Ruschel & Coll. GmbH & Co. KG)
  • Von Teamgeist und Spirit - Erfolgsgeschichte eines kleinen Unternehmens
    (Steffen Bock, Geschäftsführer, Bock Handelsunternehmen GmbH)
  • Erfahrungen aus 10 Jahren Netzwerkarbeit
    (Wolfgang Fischmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
Vorsitz: Wolfgang Fischmann
Room: Zoom-Raum 4
Wednesday
17 Mar
14:30 - 17:30
DGAUM
Nachwuchssymposium
Room: Zoom-Raum 5
Chair(s): Simone Schmitz-Spanke
Wednesday
17 Mar
14:30 - 16:30
Leitlinien
Sitzung zu Leitlinien in der Arbeits- und Umweltmedizin
14:30 - 16:00 Begrüßung und Beiträge zu aktuellen Leitlinien
16:00 - 16:30 Diskussion
Room: Zoom-Raum 6
Chair(s): Monika A. Rieger and Ute Latza
Aktuelles aus der Leitlinienarbeit der DGAUM (Monika A. Rieger, Ute Latza)
Die Leitlinienarbeit der DGAUM wird von einer Vielzahl von Mitgliedern aktiv gestaltet, sei es in Leitlinien unter der Federführung der DGAUM, sei es in Leitliniengruppen, an denen die DGAUM als beteiligte Fachgesellschaft mitwirkt. Für diese für die Fachgesellschaft sehr wesentliche Arbeit auch an dieser Stelle herzlichen Dank!

In der Leitliniensitzung auf der diesjährigen DGAUM-Jahrestagung werden einerseits aktuelle Entwicklungen aus der Leitlinienarbeit der AWMF und der DGAUM vorgestellt.
Andererseits besteht die Möglichkeit, verschiedene Leitlinien kennenzulernen, wobei auf der Jahrestagung 2021 ein besonderer Fokus auf den Leitlinien liegen wird, an denen die DGAUM als beteiligte Fachgesellschaft mitwirkt.

Zum Zeitpunkt der Abstracteinreichung steht das Programm der Leitliniensitzung noch nicht endgültig fest, so dass das Abstract im Verlauf an dieser Stelle noch um die Benennung der vorgestellten Leitlinien erweitert werden muss.

Am Ende der Sitzung besteht die Möglichkeit zu einer allgemeinen Diskussion der Leitlinienarbeit der DGAUM.
Die Sitzung richtet sich ausdrücklich auch an Personen, die sich (bisher) nicht in der Leitlinienarbeit engagieren, jedoch Einblick in die Leitlinienarbeit erhalten und Anregungen dazu geben wollen.
Frau Prof. Dr. med. Monika A. Rieger
Universitätsklinikum Tübingen
Leitlinien unter Beteiligung der DGAUM - ein Überblick (Dennis Nowak)
Die DGAUM nimmt die Federführung einer Reihe genuin arbeitsmedizinisch-wissenschaftlicher Leitlinien (LL) wahr. Hinzu kommen LL mit gemeinsamer Federführung (FF) mit der DGP, wie die S2k-LL "Asbesterkrankungen" (2021) und "Silikose" (Neubearbeitung ab 2021). Darüber hinaus war sie in den letzten fünf Jahren an einer größeren Zahl von Leitlinien beteiligt, in denen es galt, arbeitsmedizinische Aspekte in Papiere benachbarten Fachgesellschaften einzubringen, unter Beteiligung des Autors und weiterer arbeitsmedizinischer Experten seien genannt (chronologisch): S2k "Diagnostik und Therapie von Patienten mit Asthma" (FF DGP, 2017), S2k "Diagnostik und Therapie von Patienten mit COPD" (FF DGP, 2018), S3 "Lungenkarzinom" (FF DGP, 2018), S3 "Funktionelle Körperbeschwerden" (FF DKPM und DGPMÄP, 2018), S2k "Allgemeine Grundlagen der medizinischen Begutachtung" (FF DGNB, 2019), "Diagnostik, Therapie und Nachsorge maligner Ovarialtumoren" (FF DGGG, 2020), "Diagnostik in der klinisch-praktischen Umweltmedizin" (FF GHUP, Neubearbeitung ab 2020), "Schimmelpilzexposition in Innenräumen, medizinisch-klinische Diagnostik" (FF GHUP, Neubearbeitung ab 2021). Hinzu kommt die Mitarbeit bei den Nationalen Versorgungsleitlinien (NVL) "Asthma" (2020) und "COPD" (1. Teil 2020) unter Verantwortung der Bundesärztekammer, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften.
Mit dieser Form der Unterstützung der Leitlinienarbeit anderer wissenschaftlicher Fachgesellschaften strebt die DGAUM an, arbeitsmedizinisches Fachwissen im Sinne der Prävention, und, wo diese versagt hat, auch im Sinne der Kompensation zum Nutzen der Patienten zahlreicher medizinischer Fachgebiete einzubringen. Darüber hinaus ist die eigene Beteiligung an LL anderer Fachgesellschaften als "Blick über den Tellerrand" immer auch persönlich bereichernd.
Herr Prof. Dr. med. Dennis Nowak
Klinikum der Universität München, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
Leitlinien zu Suchtmittelbezogenen Störungen (Kristin Hupfer)
Die Auseinandersetzung mit Beschäftigten, die suchtmittelbezogene Auffälligkeiten erkennen lassen, ist ein nicht seltenes und herausforderndes Problem für alle Beteiligten im Kontext Arbeitsplatz.
Betriebsärzte stehen dabei im Spannungsfeld zwischen Prävention, Fürsorgepflicht, Arbeitssicherheit und Schweigepflicht. Da ein großer Teil der Bevölkerung, die Suchtmittel in gesundheitsgefährdender Weise konsumieren, Berufstätige sind, können Arbeitsmediziner im Bereich der Primär- Sekundär- und Tertiärprävention hier eine wichtige Funktion einnehmen. Wenn, verursacht durch das Suchtmittel, die Leistungsfähigkeit abnimmt, lässt sich das an der Arbeitsleistung oft klar belegen, sodass gerade das Setting Arbeitsplatz gute Argumente für ein Überdenken der Konsumgewohnheiten und ggf. auch eine Bereitschaft zur Therapie bieten kann.
Daher ist es folgerichtig, dass auch die DGAUM und der VDBW zur Beteiligung an der Leitlinienerstellung eingeladen wurden.
Die Referentin war beteiligt bei Erstellung bzw. Aktualisierung folgender Leitlinien:
(1) Medikamentenbezogene Störungen: Missbrauch oder Abhängigkeit von Opioiden, sonstigen Analgetika, Cannabinoiden, Stimulantien, Benzodiazepinen und Gabapentinoiden
(2) Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht tunmorbedingten Schmerzen
(3) Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen und
(4) Screening, Diagnose und Behandlung des schädlichen und abhängigen Tabakkonsums
Frau Dr. Kristin Hupfer
BASF SE, GUA/AP - H308
Studium Universität Erlangen -Nürnberg Facharztausbildung >Psychiatrie und Psychotherapie in Nürnberg und Engelthal seit 1999 Weksärztin in der BASF SE Ludwigshafen
Thursday
18 Mar
08:30 - 10:30
Leitlinie
Neue S2k-Leitlinie: Gesundheitliche Aspekte und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit
Room: Zoom-Raum 1
Chair(s): Volker Harth and Claudia Terschüren
Neue S2k-Leitlinie: Gesundheitliche Aspekte und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit (Volker Harth, Claudia Terschüren)
Leitlinienkoordination für die LL-Gruppe

Die neu erstellte S2k-Leitlinie Gesundheitliche Aspekte und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit wurde unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V. (DGAUM) erarbeitet. An der Erstellung waren auch die folgenden Fachgesellschaften beteiligt, die jeweils eine/n Mandatsträger/in und eine/n Stellvertreterin in die Leitliniengruppe entsandten:
- Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie e.V. (DGEpi)
- Gesellschaft für Arbeitswissenschaften (GfA)
- Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM)
- Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention e.V. (DGSMP)
- Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik
und Nervenheilkunde (DGPPN)

Insgesamt waren 37 Autor/innen an der Entwicklung der Kapiteltexte und der Leitlinie insgesamt beteiligt. Auf der Basis von systematischen und orientierenden Literaturrecherchen wurden 10 themenspezifische Kapitel zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Schicht- und Nachtarbeit auf
- den Schlaf,
- Konzentrationsfähigkeit, Fehler und Unfälle,
- die Work-Life-Balance,
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
- Stoffwechsel- und gastrointestinale Erkrankungen,
- psychische Erkrankungen,
- neurologische Erkrankungen,
- Krebserkrankungen,
- Reproduktions- und Zyklusstörungen und
- muskuloskelettale Erkrankungen
erarbeitet und zugehörige Empfehlungen abgeleitet. Die Empfehlungen zur Primär-, Sekundär-und Tertiärprävention zu allen in den Kapiteln umfassend dargestellten Erkrankungen und gesundheitlichen Effekten wurden im Rahmen von Konferenzen und einem schriftlichen Verfahren analog zu Delphi diskutiert, abgestimmt und durch die Mandatsträger/innen konsentiert. Die neu erstellte Leitlinie soll in ihrem Aufbau und ihren Inhalten zu den genannten Erkrankungen sowie zur Schichtplangestaltung und Vorsorge bei Nachtarbeit in einem Gesamtüberblick vorgestellt werden. In weiteren Verlauf einer Session sollen einige Kapitel und Empfehlungen im Detail von den Autor/innen vorgestellt werden.
Frau Dr. Claudia Terschüren
ZfAM Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin / Universitätsklinikum Eppendorf
Neue AWMF-Leitlinie „Gesundheitliche Aspekte und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit“: Kapitel: Auswirkungen auf den Schlaf (Hans-Günter Weeß, Andrea Rodenbeck, Dieter Kunz, Sylvia Rabstein, Kneginja Richter, Céline Vetter, Claudia Terschüren, Volker Harth)
Gegenstand: Das Kapitel „Auswirkungen auf den Schlaf“ der neuen AWMF-Leitlinie „Gesundheitliche Aspekte und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit“ der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V. (DGAUM) sowie zugehörige Empfehlungen werden im Beitrag vorgestellt.
Methodik und Fragestellung: Im Mittelpunkt der Analysen stand die ätiologische Fragestellung inwieweit Schichtarbeit das Risiko eines gestörten/veränderten Schlafs und/oder seiner Erholungsfunktionen verändert. Dabei wurden die Endpunkte Schlafdauer, veränderter Schlaf allgemein sowie Schlafqualität jeweils getrennt untersucht. Als Einflussfaktoren wurden die Aspekte kontinuierliche Schichten (jeweils nur Nacht-, Früh- oder Spätschicht) versus Tagschicht, rotierenden Schichten versus Tagschicht oder kontinuierlichen Schichten sowie verschiedene Rotationssysteme (schnell versus langsam, vorwärts versus rückwärts) betrachtet. Eingeschlossen wurden 10 systematische Reviews und eine Metaanalyse.
Ergebnisse: Es ergeben sich Anhaltspunkte, dass die Schlafdauer bei rotierenden 3-Schichtsystemen nach Nachtschichten reduziert und bei Spätschichten erhöht ist und dass diese Veränderungen in schnell rotierenden Schichtsystemen stärker ausgeprägt sind als bei langsam rotierenden. Bei permanenter Nachtschicht sowie bei permanenter Spätschicht scheint die Schlafdauer weniger beeinträchtigt zu sein (1, 2, 3, 5, 6). Weiterhin ergeben sich Hinweise, dass Männer (7) und jüngere Mitarbeiter (4, 8) eine bessere Schichttoleranz aufweisen können. Auch ein Einfluss des Chronotyps (7, 9) wird in einzelnen Studien beschrieben, der darauf hindeutet, dass Frühtypen bei Frühschichten und Spättypen bei Spät- und Nachtschichten eine längere Schlafdauer aufweisen. Die meisten Interventionsstudien favorisieren eine schnelle Vorwärts-Rotation gegenüber anderen Schichtabfolgen (1, 5). Studien zu Verhaltensinterventionen mit Napping während Nachtschichten erbrachten einen positiven Effekt auf Schläfrigkeit / Fatigue, aber keinen Einfluss auf den nachfolgenden Tagschlaf (10). In einer offenen Studie (11) war eine Insomnie-spezifische kognitive Verhaltenstherapie (KVT-I) bei Schichtpersonal mit insomnischen Problemen wirksam.
Im Beitrag werden die wesentlichen resultierenden Empfehlungen der Leitliniengruppe zur Primär-, Sekundär und Tertiärprävention dargestellt.
Herr Dr.phil.Dipl.-Psych. Hans-Günter Weeß
Pfalzklinikum, Interdisziplinäres Schlafzentrum Weinstraße 100 76889 Klingenmünster
Leiter Schlafzentrum Pfalzklinikum, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Vorsitzende der Rheinland-Pfälzischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung (RheiGSM)
Schichtarbeit und Krebserkrankungen: Aktuelle Studienlage und Ableitung möglicher Präventionsmaßnahmen (J. Valérie Groß, Volker Harth, Peter Morfeld, Michael Nasterlack, Sylvia Rabstein, Thomas C. Erren)
Hintergrund: Durch die Internationale Krebsagentur (International Agency for Research on Cancer ,IARC) wurde im Juni 2019 „Nachtschichtarbeit“ als „wahrscheinlich humankarzinogen“ (Gruppe 2A) klassifiziert. Damit erfolgte eine Re-Evaluierung der im Jahr 2009 veröffentlichten Einstufung von „Schichtarbeit mit circadianer Disruption“ als „wahrscheinlich humankarzinogen“.

Zielsetzung: Für die Überarbeitung der Leitlinie zu „Gesundheitlichen Aspekten und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit“ wurde eine Übersicht der aktuellen Evidenz des möglichen Zusammenhangs zwischen Schichtarbeit und Krebserkrankungen erstellt. Ein Ziel war hierbei, Empfehlungen für Präventionsmaßnahmen ableiten zu können.

Methoden: Es erfolgte eine systematische Literaturrecherche (Datenbank: Pubmed; Zeitraum: 1950-2019) nach Reviews mit Bezug auf den möglichen Zusammenhang zwischen „Schichtarbeit und/oder circadianer Disruption“ und „Krebserkrankungen“.

Ergebnisse: Die Untersuchung des kausalen Zusammenhangs zwischen Schichtarbeit und Krebserkrankungen ist komplex. Diesbezüglich wurden 31 Reviews [publiziert zwischen 2005 und 2019] als relevant identifiziert – dennoch kann die Frage eines tatsächlichen Zusammenhangs nicht abschließend beantwortet werden. Daher bleibt auch die Beurteilung der Datenlage zu möglichen individuellen und den Arbeitsplatz betreffenden Risikofaktoren sowie Auswirkungen auf bestehende Krebserkrankungen durch Schichtarbeit eingeschränkt.

Schlussfolgerungen: Das Ableiten möglicher Präventionsmaßnahmen und die Gestaltung von Schichtarbeit für gesundes oder an Krebs erkranktes Schichtpersonal sind herausfordernd. Da dies jedoch im arbeitsmedizinischen Alltag relevant und eine häufige Fragestellung ist, werden in der aktualisierten Leitlinie zu Nacht- und Schichtarbeit – basierend auf der aktuellen Studienlage – Hinweise für mögliche primäre-, sekundäre und tertiäre Präventionsmaßnahmen gegeben.
Frau Dr. J. Valérie Groß
Uniklinik Köln
Neue "S2k-Leitlinie: Gesundheitliche Aspekte und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit“: Konzentrationsfähigkeit, Fehler und Unfälle (Anita Tisch, Claudia Terschüren, Frank Brenscheidt, Beate Beermann)
Im Rahmen der neu erstellten S2k-Leitlinie Gesundheitliche Aspekte und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V. (DGAUM) wurde ein Literaturreview zum Zusammenhang von Schichtarbeit mit Konzentrationsfähigkeit, Fehlern sowie Unfällen von Beschäftigten erstellt und Empfehlungen daraus abgeleitet.
Die absolute Zahl der meldepflichtigen und insbesondere auch der schweren Arbeitsunfälle hat in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland deutlich abgenommen. Dies ist in erster Linie auf den Rückgang gefährlicher Arbeitsplätze und die Verschärfung gesetzlicher Schutzbestimmungen zurückzuführen. Allerdings ist das Unfallrisiko stark abhängig von der Branche und der ausgeübten Tätigkeit. Während Fehler und Unfälle objektiv messbare Größen darstellen, ist eine abnehmende Konzentrationsfähigkeit häufig vorgelagert und ist nur schwer objektivierbar. Dennoch kann sie in einigen Studien direkt gemessen werden, in anderen wird Konzentrationsfähigkeit durch die Operationalisierung von Aufmerksamkeits- und Leistungsfähigkeit oder über das Müdigkeitsniveau gemessen.
Zur Untersuchung der Zusammenhänge wurde eine Literaturrecherche in den Datenbanken PubMed, PsycInfo und CINAHL durchgeführt. Insgesamt konnten für den Zusammenhang zu Fehlern und Konzentrationsfähigkeit vier Reviewartikel, zwei Kohortenstudien und fünf weitere relevante Studien identifiziert werden. In die Bewertung des Zusammenhangs von Schichtarbeit mit Unfällen konnten ebenfalls vier systematische Reviews, neun Kohortenstudien und eine weitere relevante Studie einfließen. Darüber hinaus wurde die Literaturrecherche ergänzt durch weitere aktuelle Literaturhinweise ausgewiesener Experten.
Die orientierende Literatursichtung deutet zunächst auf eine Assoziation zwischen Nachtschichtarbeit und einer erhöhten Fehlerhäufigkeit sowie einer verminderten Leistungsfähigkeit hin. Darüber scheinen außerdem Schichtlänge, sowie andere spezifische Arbeitsanforderungen das Risiko zu erhöhen.
Auch die bekannten Zusammenhänge zwischen Schichtarbeit und dem Unfallrisiko können bestätigt werden: Zusammenfassend weisen die Erkenntnisse auf eine Assoziation von Schichtarbeit mit dem Unfallrisiko und damit mit der Sicherheit bei der Arbeit hin. Sowohl die Lage der Arbeitszeit (Nachtarbeit) als auch Länge, Anzahl der aufeinanderfolgenden Nachtschichten in rotierenden Schichtsystemen sowie Abstand der Pausen innerhalb einer Schicht beeinflussen das Unfallrisiko.
Frau Dr. Anita Tisch
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbietsmedizin
Neue „S2k-Leitlinie: Gesundheitliche Aspekte und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit“: Work-Life-Balance (Anne Marit Wöhrmann, Beate Beermann)
Im Rahmen der neu erstellten S2k-Leitlinie Gesundheitliche Aspekte und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V. (DGAUM) wurde ein Literaturreview zu der Rolle von Schichtarbeit für die Work-Life-Balance von Beschäftigten erstellt und Empfehlungen daraus abgeleitet.
Schichtarbeit beeinflusst das Familien- und Sozialleben, da zu sozial wertvollen Zeiten gearbeitet wird, die dann nicht für die Familie und andere soziale oder Freizeitaktivitäten zur Verfügung stehen. Schichtarbeit stellt somit eine große Herausforderung an die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben, also die Work-Life-Balance, dar. Deren Gelingen ist wiederum eng mit Wohlbefinden und Gesundheit verbunden.
Zur Untersuchung des Zusammenhangs zwischen spezifischen Schichtmerkmalen und Work-Life-Balance wurde eine systematische Literatursuche in den Datenbanken Ebsco (PsycInfo, PsycArticles, Psyndex, E-Journals) und PubMed durchgeführt und durch eine zusätzliche Handsuche ergänzt. Es wurden 671 relevante Manuskripte identifiziert, von denen auf Grundlage einer Abstractsichtung 93 eingeschlossen wurden. Die anschließende Volltextsichtung führte zu einem Einschluss von zwei systematischen Übersichtsarbeiten und 31 empirischen Artikeln.
Die Literatursichtung deutet darauf hin, dass Schichtarbeit tendenziell mit einer schlechteren Work-Life-Balance einhergeht als Tagarbeit. Für verschiedene Schichtmerkmale ist die Befundlage meist heterogen. Es ergeben sich Empfehlungen bezüglich der Freizeitblöcke bei der Schichtplangestaltung sowie zur Beteiligung der Beschäftigten an der Schichtplangestaltung.
Die Sichtung der Literaturlage zeigte, dass noch Forschungsbedarf im Themenfeld Schichtarbeit und Work-Life-Balance besteht. Insbesondere die private Situation der Beschäftigten wurde in diesem Forschungskontext bisher zu wenig beachtet.
Frau Dr. Anne Marit Wöhrmann
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Wissenschaftliche Evaluation und arbeitsmedizinische Bewertung der Zusammenhänge zwischen Schichtarbeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD), Metabolischem Syndrom (MetS), Typ 2-Diabetes (T2D) und gastrointestinalen Erkrankungen (GID) (Anke van Mark, Eva Backé, Ute Latza, Céline Vetter)
Hintergrund: Auf Basis der zum Thema veröffentlichten Literatur scheint in der Wissenschaft nur noch geringer Zweifel daran zu bestehen, dass eine Tätigkeit in Schichtarbeit mit dem Risiko eines MetS, T2D oder einer CVD einhergeht kann. Diskutiert wird lediglich die Bedeutung von weiteren Störgrößen und individuellen Verhaltensweisen. Weniger starke Hinweise auf einen Zusammenhang gibt es dagegen für die häufig erwähnten GID.

Zielsetzung: Für die Überarbeitung der Leitlinie „Gesundheitliche Aspekte und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit“ erfolgte eine wissenschaftliche Literaturrecherche zu den Zusammenhängen zwischen CVD, einem MetS, T2D oder GID und der Tätigkeit in Schichtarbeit. Die Ergebnisse wurden im Hinblick auf die praktische Relevanz arbeitsmedizinisch bewertet.

Methoden: Wir führten eine Datenanalyse in PubMed aus mit einem definierten Suchstring für „Schichtarbeit“ und jeweils für „Metabolisches Syndrom“, „Typ 2-Diabetes“, „Kardiovaskuläre Erkrankungen“ und „gastrointestinale Erkrankungen“. Die relevanten Reviews wurden ausgewertet. Es erfolgte ebenfalls eine Bewertung der Evidenz gesundheitsbezogener Interventionsmaßnahmen.

Ergebnisse: Aus der Literaturrecherche ergeben sich Belege, Hinweise oder Anhaltspunkte für bzw. auf Zusammenhänge zwischen den genannten Erkrankungen und Schichtarbeit, insbesondere, wenn diese Nachtarbeit einschließt. Dabei kann die Dauer in einer solchen Tätigkeit positiv mit einem Erkrankungsrisiko assoziiert sein. Es gibt ebenfalls Hinweise auf/Anhaltspunkte für geschlechtsspezifische Effekte bei einzelnen Erkrankungen.
Wir prüften die epidemiologische Evidenz für Veränderungen in der Schichtplangestaltung bis hin zu gezielten verhaltensbezogenen Interventionsmaßnahmen mit Bezug auf Para­meter der einzelnen Erkrankungsgruppen.

Schlussfolgerungen: Die Ableitung von Empfehlungen zur Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention aus den Untersuchungsergebnissen ist herausfordernd. Dennoch müssen wir im arbeitsmedizinischen Alltag ebensolche Entscheidungen treffen. Dabei soll die aktualisierte Leitlinie eine Unterstützung sein. Es besteht weiterhin Forschungsbedarf auf diesem Gebiet.
Frau PD Dr. Dr. Anke van Mark
Daimler AG, Werksärztlicher Dienst
Die Wirksamkeit der Kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie bei Schichtarbeitern mit Insomnie oder Schichtarbeiter Syndrom (Hans-Günter Weeß)
Gegenstand: Untersuchung der Wirksamkeit verschiedener therapeutischer Ansätze der Kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) bei Schichtarbeitern mit Insomnie oder Schichtarbeiter-Syndrom.
Methodik und Fragestellung: Das Schichtarbeiter-Syndrom ist durch einen gestörten Nachtschlaf und/oder Beeinträchtigungen im Leistungsniveau am Tage infolge Schläfrigkeit gekennzeichnet. Je nach Studie leiden zwischen 8,1 und 43 % der Schichtarbeiter am Schichtarbeiter-Syndrom. Untersucht wurde die Wirksamkeit verschiedener KVT-I-Maßnahmen im Kontext des betrieblichen Gesundheitsmanagements auf die Schlafqualität und das Leistungsvermögen am Tage.
Ergebnisse: Järnefeldt et al. (2012; 2014) und Lee et al. (2014) konnten bereits bei Schichtarbeitern und Krankenschwestern im Dreischichtbetrieb eine Verbesserung der Schlafqualität, der Lebensqualität und des Wohlbefindens am Tage belegen. Weiterhin fanden sich positive Wirkungen auf begleitende psychiatrische und körperliche Beschwerden. In einer eigenen Studie mit n=40 Mitarbeitern im 2-Schicht-Betrieb fand sich im Verlauf bis 6 Monate nach der BGM-Maßnahme eine hochsignifikante Verbesserung von Einschlafproblemen (t1 zu t3: z = 2,921, pangepasst = ,010, r = 0,525) und Durchschlafproblemen (t1 zu t3: z = 3,112, pangepasst = ,006, r = 0,559). Die Zufriedenheit mit dem Schlaf (t1 zu t3: z = 3,239, pangepasst = ,004, r = 0,582) wurde signifikant gesteigert, sowie der Schweregrad der Schlafstörung (t1 zu t3: z = 5,017, pangepasst = ,000, r = 0,901) klinisch relevant reduziert. 87,5% der Teilnehmer gaben nach 6 Monaten einen verbesserten Schlaf an. Ebenso gaben in einer Studie mit n=18 Schichtmitarbeitern im Bus- und Straßenbahnverkehr 72% der Teilnehmer nach einer betrieblichen Gesundheitsmaßnahme mit KVT-I eine Verbesserung ihres Schlafes an. Nach einer 2tägigen KVT-I Maßnahme bei Mitarbeitern in Normalschicht berichteten 4,5 Monate nach der KVT-I Maßnahme 70,1% der Mitarbeiter von einem sehr guten oder guten Schlaf.
Peter et al. (2019) konnten zeigen, dass Online-KVT-I-Maßnahmen eine vergleichbare Wirksamkeit zu Präsenzveranstaltungen haben. Ein BGM-Online-Programm basierend auf KVT-I wird exemplarisch vorgestellt.
Diskussion: KVT-I-Maßnahmen im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements führen bei Mitarbeitern in Normal- und Dreischicht zu einer signifikanten Verbesserung von Schlaf und Leistungsvermögen am Tage.
Herr Dr.phil.Dipl.-Psych. Hans-Günter Weeß
Pfalzklinikum, Interdisziplinäres Schlafzentrum Weinstraße 100 76889 Klingenmünster
Leiter Schlafzentrum Pfalzklinikum, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Vorsitzende der Rheinland-Pfälzischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung (RheiGSM)
Thursday
18 Mar
10:15 - 11:30
Vorträge
Muskel-Skelett-Erkankungen
Room: Zoom-Raum 2
Chair(s): Daniela Ohlendorf and Benjamin Steinhilber
Katasterstudie Carpaltunnelsyndrom -Tätigkeitsanalyse und messtechnische Erfassung von Handgelenksaktivitäten bei Gesundheitsberufen und Friseuren- (Matthias Wanstrath, Grita Schedlbauer, Albert Nienhaus)
Hintergrund
Die Ermittlung der arbeitstechnischen Voraussetzungen im Rahmen des BK-Verfahrens ist oftmals aufwendig. Im Rahmen einer Studie werden daher relevante Expositionen für Berufe, die typischerweise bei der BGW versichert sind untersucht. Expositionsanalysen zu manuellen Tätigkeiten aus der BGW-Branche sind in der Forschung bisher unterrepräsentiert [1]. Infolgedessen sind branchenübergreifende Expositionsanalysen von Bedeutung, die die Frage beantworten, welche berufsspezifischen Tätigkeiten und Bewegungen zur Exposition führen.

Methoden
Analysiert werden die elf Professionen (Friseurhandwerk, Physiotherapie, Masseure, Zahntechnik, Zahnmedizin, Zahnmedizinische Fachangestellte, Kosmetik, Podologie, Dialyse und Alten- und Krankenpflege)mit den meisten BK-Meldungen bei der BGW. Aus jeder Profession werden jeweils fünf Beschäftigte analysiert. Die relevanten Tätigkeiten werden im Rahmen einer videobasierten Mess-/Beobachtungsstudie zur Beurteilung manueller Arbeitsprozesse bewertet. Das HAL-TLV Verfahren[2] ist ein geeignetes Verfahren, da es die wichtigsten Risikofaktoren des CTS beurteilt [3]: normalisierte Spitzenkraft (NPF), Handaktivitätslevel (HAL)und deren Kombinationswirkung (Abb. 1).

Ergebnisse Podologe
In der Podologie wurde von fünf Probanden jeweils eine komplette Arbeitsschicht aufgezeichnet und analysiert. Anhand des HAL-TLV Verfahren konnten die wichtigsten BK-relevanten Tätigkeiten identifiziert werden (Kombinationsbewertung mind. im gelben Bereich). Hierzu gehören die podologische Komplexbehandlung (HAL=4.33, NPF=3.02), das Einsetzen von Nagelspangen (HAL=5,50, NPF=2,83), die Orthosenherstellung (HAL=4, NPF=3)und das Entfernen von Hühneraugen (HAL=4, NPF=2).

Schlussfolgerungen und Ausblick
Das Studienprojekt „Katasterstudie Carpaltunnelsyndrom“ ist im Oktober 2019 angelaufen und endet im März 2022. Die ersten Studienergebnisse aus der Podologie sind vielversprechend. Sie sprechen dafür, dass die Tätigkeiten in der Podologie im Allgemeinen nicht mit einem erhöhten Risiko für die Entstehung eines CTS verbunden sind. Die durch das Studienprojekt identifizierten BK-relevanten Tätigkeiten sollen in ein CTS-Kataster integriert und in Form einer Handlungshilfe den Präventionsdiensten zur Verfügung gestellt werden. Gemeinsam mit dem IFA soll langfristig ein DGUV-Kataster entstehen, welches auf messwertbasierten Daten entsteht.
Herr Matthias Wanstrath
BGW
Häufigkeit des beruflichen Sitzens sowie Zusammenhänge zu allgemeinen Gesundheitsbeschwerden auf Basis der BiBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018 (Falk Liebers)
Hintergrund / Ziel
Langdauerndes Sitzen ist ein Aspekt körperlicher Inaktivität. Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen und Beschwerden sind bekannt [1]. Dies wird auch für berufliches Sitzen diskutiert [2]. Zielsetzung ist, die Zusammenhänge langdauernden beruflichen Sitzen zu allgemeinen Gesundheitsbeschwerden anhand der BiBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018 (ETB2018), einer repräsentativen Querschnitterhebung an 20.024 Erwerbstätigen in Deutschland, zu beschreiben.

Methodik
Im der ETB2018 wurden die Häufigkeit beruflichen Sitzens >1 Stunde (nie/selten/manchmal/häufig) sowie das Auftreten von allgemeinen, nicht auf das Muskel-Skelett-System bezogenen Gesundheitsbeschwerden (Kopfschmerz, Schlafstörungen, Mattigkeit, Niedergeschlagenheit) in den letzten 12 Monaten erfragt. Expositions- und Beschwerdeprävalenzen werden deskriptiv beschrieben. Als Effektschätzer für den Zusammenhang zwischen beruflichem Sitzen >1 Stunde und den allgemeinen Gesundheitsbeschwerden werden adjustierte Prävalenzratios berichtet (robuste log-lineare Poisson-Regression; blockweise adjustiert für Alter, Geschlecht und tatsächliche Wochenarbeitszeit, physische, physikalische und psychosoziale Anforderungen). Eingeschlossen wurden Vollzeit-Erwerbstätige (≥35h/Woche) im Alter <67 Jahren.

Ergebnisse
Die Analysepopulation umfasst 14.414 Personen (8875 Männer, 5539 Frauen) im Alter von 46,67 (11,15) Jahren. 13,9% sitzen nie länger als 1 Stunde, 11,0% selten, 11,2% manchmal und 63,9% häufig.
Allein für Kopfschmerzen (12-Monatsprävalenz 32,3%) ist für Probanden, die angeben manchmal bzw. häufig länger als 1 Stunde pro Tage bei der Arbeit zu sitzen, im voll adjustieren Modell eine um den Faktor 1,09 (0,99 - 1,20) bzw. 1,18 (1,08 - 1,28) höhere Prävalenz als in der Referenzgruppe („nie“) nachweisbar. Interaktionen zwischen Sitzen und Geschlecht sind nicht nachweisbar.
Für alle anderen allgemeinen gesundheitsbezogenen Beschwerden existieren keine oder negative Assoziationen zwischen beruflichem Sitzen >1 und der 12-Monats-Prävalenz der Beschwerden.

Diskussion/Fazit
Nur für die 12-Monatsprävalenz an Kopfschmerzen lässt sich, eine Assoziation zu beruflichem Sitzen nachweisen. Dies korrespondiert zu Schulter/Nackenbeschwerden. Ansonsten ist berufliches Sitzen nicht oder einer geringeren Prävalenz allgemeinen Gesundheitsbeschwerden assoziiert. Die Einordnung beruflichen Sitzens als Risikofaktor für selbstberichtete Gesundheitsbeschwerden muss differenziert erfolgen.
Herr Dr. med. Falk Liebers MSc.
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Studium Humanmedizin an der Humboldt-Universität zu Berlin (Charité) 1985-1991 Facharztausbildung und Promotion am Institut für Arbeitsmedizin der Charité (1991-1996) Facharzt für Arbeitsmedizin in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Berlin seit 1996 Master of Science in Epidemiology an der Berlin School of Public Health (Charité) 2015
Körperliche Aktivität im Alltag und an der Arbeit: Können Präventionsempfehlung von Männer und Frauen umgesetzt werden? (Ulrike Brückner, Stephanie Schneider–Lauteren, Joachim Schneider)
Zielsetzung: Ein körperlich aktiver Lebensstil ist präventiv für Adipositas, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, Osteoporose und KHK. Die WHO, die AHA und die DGPR empfehlen in ihren Leitlinien (LL) über wöchentlich eine Ausdauerbelastungen von 150 min (z.B. in Form von „Walking“, „Nordic-Walking“, Radfahren und/oder Schwimmen) mit niedriger bis moderater Intensität. Hierbei sollen ~1000kcal/Woche zusätzlich durch körperliche Aktivität verbraucht werden. Dies führt zu einer Reduktion der kardialen Mortalität um 31%.
Methoden: Bei 82 Beschäftigte (28♂,54♀) eines Universitätsklinikums verschiedener Berufsrichtungen, wurde mittels indirekter Kalorimetrie (VO2, RER) der durchschnittliche Energieverbrauch pro Minuten (kcal/min) in der standardisierten Spiroergometrie, in berufsspezifischen Belastungstests (Kassiertätigkeit, Kisten einräumen, 6-Minuten-Gehtest, Treppensteigen mit und ohne Gewichte) sowie für berufsspezifische Tätigkeiten in der Patientenversorgung, Kisten packen, Kisten schieben und handwerkliche Tätigkeiten bestimmt.
Ergebnisse: Von keinem der Beschäftigten wurde durch Kassiertätigkeiten, in der Patientenversorgung, beim Kisten packen und schiebendie Vorgaben der LL erreicht. Die geforderten zusätzlichen 1000 kcal in 150 min pro Woche sind nur von einem Teil der Beschäftigten erreichbar. Dieser beträgt bei den dynamischen Tätigkeiten wie dem 6-Min-Gehtest 35% ♂ vs.13 %♀, beim Heben 32% ♂ vs.7 %♀ , beim Gehen 33% ♂ vs.0 %♀ und bei den handwerklichen Tätigkeiten 56% ♂ vs.29 %♀. Lediglich beim „Treppensteigen mit und ohne Gewichte“sowie bei erschöpfender maximalen Spiroergometrie könnten potentiell alle Männer, aber nur 87% resp 78% der Frauen die Vorgaben erreichen.
Schlussfolgerungen: Die Präventionsempfehlungen sind im Arbeitsalltag oder bei moderaten (sportlichen) Tätigkeiten in dem Kollektiv nicht zu erfüllen. Nur bei maximalen Spiroergometrie und beim „Treppensteigen mit und ohne Gewichten“ sind die Vorgaben der LL potentiell zu erreichen. Diese hohen Belastungen sind nicht über 150 min durchzuhalten.
Frau Dr.med. Ulrike Brückner
Institut und Poloklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der Justus-Liebig Universität Gießen am UKGM
Der Nordische Fragebogen zu Muskel-Skelett-Beschwerden - derzeitiger Einsatz und Neuformulierung (Falk Liebers, Lotte Kreis, Madeleine Dulon, Sonja Freitag, Ute Latza)
Hintergrund:
Die Prävalenzerhebung von Muskel-Skelett-Beschwerden im betrieblichen Kontext basiert oft auf dem Nordischen Fragebogen (NMQ) von Kuorinka et al. (1987). Derzeit existiert keine einheitliche deutschsprachige, validierte Übersetzung, zudem weist die Originalversion Unstimmigkeiten auf. Vor dem Hintergrund, dass entsprechend ArbMedVV bei Belastungen des Muskel-Skelett-Systems arbeitsmedizinische Vorsorge angeboten werden muss, besteht Bedarf eine deutsche Version des NMQ zu erarbeiten und zu validieren.

Ziel:
Anliegen der Arbeit ist die Analyse des Ist-Zustandes, wie der NMQ in internationalen Studien derzeit eingesetzt wird. Anforderungen für eine deutschsprachige Version des NMQ sind daraus abzuleiten.

Material und Methoden:
Durchgeführt wurde ein narratives Review. Recherchiert wurde in der Datenbank PubMed nach Studien, in denen der NMQ zur Erhebung der Prävalenz von Muskel-Skelett-Beschwerden bei Personen im erwerbsfähigen Alter eingesetzt wurde. Die Ergebniszusammenfassung ist deskriptiv. Die Neuformulierung des Fragebogens erfolgte über einen Konsensprozess.

Ergebnisse:
132 Publikationen wurden identifiziert. Mehrheitlich wurde eine modifizierte Version des NMQ verwendet. Am häufigsten wurde die 12-Monats- und 7-Tageprävalenz erhoben. Die Beschwerdeprävalenz von Schulter-, Ellenbogen- und Handgelenken sowie des Nackens und unteren Rückens wurde am häufigsten erfragt. Modifikationen erfolgten insbesondere hinsichtlich der Abfragelogik sowie bei den zu untersuchenden Körperregionen.

Diskussion:
Der NMQ ist ein international vielgenutztes Instrument, das mehrheitlich an die jeweiligen Erfordernisse des Untersuchungskontextes angepasst wird. Eine Neuformulierung des NMQ sollte kurz und modular sein, eine einfache Abfragelogik enthalten und sowohl in betriebsepidemiologischen Studien als auch in der arbeitsmedizinischen Vorsorge anwendbar sein. Entsprechend diesen Anforderungen wurde eine überarbeitete Version des Nordischen Fragebogens zu Muskel-Skelett-Beschwerden mit der Abkürzung NFB*MSB formuliert. Der aktualisierte Fragebogen ist kurz, verständlich, praxisnah, modular, einheitlich aufgebaut und umfasst alle Gelenkregionen. Mit dem NFB*MSB wird ermittelt, wo und wie häufig Muskel-Skelett-Beschwerden vorkommen und ob diese die Aktivitäten in Beruf oder Freizeit einschränken. Der Fragebogen ist verfügbar und wird derzeit validiert.
Herr Dr. med. Falk Liebers MSc.
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Studium Humanmedizin an der Humboldt-Universität zu Berlin (Charité) 1985-1991 Facharztausbildung und Promotion am Institut für Arbeitsmedizin der Charité (1991-1996) Facharzt für Arbeitsmedizin in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Berlin seit 1996 Master of Science in Epidemiology an der Berlin School of Public Health (Charité) 2015
Ursachenzusammenhang zwischen langjähriger Querschnittlähmung und malignen Harnblasentumoren - Vorschlag für eine Konvention (Klaus Golka, Wolfgang Schöps, Michael Zellner, Kai Fiebag, Birgitt Kowald, Sven Hirschfeld, Roland Thietje, Ines Kurze, Holger Böhme, Albert Kaufmann, Thura Kadhum, Martin Forchert, Ralf Böthig)
Hintergrund Zur Zusammenhangsbeurteilung traumatisch bedingter Querschnittlähmungen und Jahre später auftretender Harnblasenkarzinome gibt es keine aussagefähige Literatur. Ziel dieser Arbeit ist es, Gutachtern, aber auch der gesetzlichen Unfallversicherung und den Sozialgerichten, Entscheidungshilfen auf der Grundlage des aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Kenntnisstandes zur Beurteilung der Zusammenhangsfrage zu liefern.
Methodik Die Grundlage der Entscheidungshilfen bildet eine Studie des BG Klinikums Hamburg, die von April 1998 bis März 2017 durchgeführt wurde: 32 der 6432 stationär oder ambulant behandelten querschnittgelähmten Patienten waren an einem Harnblasenkarzinom erkrankt. Zudem wurde die zu dieser Thematik bislang publizierte Literatur einbezogen.
Ergebnisse Harnblasenkarzinome treten bei querschnittgelähmten Patienten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung in wesentlich jüngeren Jahren auf, sie weisen bei Erstdiagnose deutlich häufiger einen muskelinvasiven Tumor und ein höheres Grading auf, und der Anteil der Plattenepithelkarzinome ist stark erhöht. Entsprechend ist die Überlebenszeit erschreckend schlecht. Für die Begutachtung wurde eine Matrix erstellt, die Einflussfaktoren erfasst, die für oder gegen eine Anerkennung eines Zusammenhanges zwischen Querschnittlähmung und Harnblasenkarzinom sprechen, und diese Faktoren wurden nach ihrer Bedeutung gewichtet.
Diskussion Harnblasentumoren bei Querschnittpatienten unterscheiden sich offenbar erheblich von denen der Nicht-Gelähmten. Diese Unterschiede verkürzen drastisch die Überlebenszeiten. Diese Beobachtungen werden durch eine Studie bei Patienten mit Spina bifida, d. h. einer angeborenen Querschnittlähmung, bestätigt. Sie deuten auf bislang histopathologisch nicht fassbare Differenzen hin.
Schlussfolgerung Die vorgestellte Matrix ist für die die Beantwortung der versicherungsrechtlich relevanten Frage, ob es sich bei der Tumorerkrankung um eine Unfallfolge handelt, hilfreich.
Herr Prof. Klaus Golka
Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund
Thursday
18 Mar
08:30 - 10:00
Symposium
Symposium im Rahmen der Offensive Psychische Gesundheit von BMAS, BMG, BMFSFJ zum Thema „Psychische Gesundheit in unserer Leistungsgesellschaft“
Anmoderation und Begrüßung (Prof. Dr. Jessica Lang und André Große-Jäger)

8:40-9:00 Uhr: Wissenschaftlicher Vortrag
Referent: Prof. Dr. Joachim Fischer, Mannheim Institute of Public Health, Social and Preventive Medicine
Titel: "Wer tickt wie am Arbeitsplatz – wer braucht was am Arbeitsplatz: Unterschiedliche Persönlichkeitstypen im Team und die Chancen typgerechten Führens."

9:00-9:20 Uhr: Praxisbeitrag
Referent: Dr. Ulrich Birner, Head of Psychosocial Health and Well-Being, Siemens AG
Titel: „Psyche und Arbeit: Gesundheitsförderung versus Krankheitsprävention! Hürden, Herausforderungen und Lösungsansätze.“

Über das Thema der Destigmatisierung psychischer Erkrankungen hinausgehend (Programm #BreakingtheSilence) greift Herr Birner auf, dass zwar viele Diskussionsbeiträge mit ‚psychische Gesundheit (bei der Arbeit)‘ betitelt sind, man aber de facto über psychische Störungen spricht. Wie kann man da vorgehen?

9:20-9:40 Uhr: Perspektivenwechsel
Referent: Armin Rösl, Vorstandsmitglied und Sprecher der Deutschen DepressionsLiga e.V.
Titel: „Aufpassen auf den Mitarbeiter, aufpassen auf sich: Wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit Depression umgehen sollten.“
 
Inhalt: Armin Rösl, Vorstandsmitglied und Sprecher der Deutschen DepressionsLiga e.V., berichtet über seine eigene Erkrankung und Erfahrung, die er damit mit und bei seinem Arbeitgeber gemacht hat. Er gibt Arbeitgebern und -nehmern Tipps, wie sie mit Depression umgehen können bzw. sollten. Darüber hinaus gibt er Arbeitgebern und -nehmern Tipps, wie sie einer Depression vorbeugen können. Außerdem stellt er das Konzept der DDL-Arbeitgeberseminare vor.

9:40-10:00 Uhr: Podiumsdiskussion
Hr. Birner, Prof. Fischer, Große-Jäger, Prof. Lang, Hr. Rösl

Öffentliche Veranstaltung
Room: Zoom-Raum 2
Chair(s): Jessica Lang and Andre Große-Jäger
Thursday
18 Mar
08:30 - 10:00
Forum
Epidemiologie in der Arbeitswelt
Epidemiologie zu (potenziell) neuen Berufskrankheiten
Room: Zoom-Raum 3
Chair(s): Janice Hegewald and Katarzyna Burek
Berufliches Risiko für Posttraumatische Belastungsstörung und traumabedingte Depression: Ein systematisches Review mit Metaanalyse (Gabriela Petereit-Haack, Ulrich Bolm-Audorff, Karla Romero Starke, Andreas Seidler)
Einleitung
Es wird diskutiert, ob bei Beschäftigten nach beruflichen Traumata vermehrt eine Posttraumatische Belastungstörung (PTBS) oder eine Depression auftritt. In Deutschland und anderen EU-Ländern kann PTBS als Arbeitsunfall, in Dänemark als Berufskrankheit anerkannt werden [1, 2]. 2019 haben wir mittels Metareview [3] gezeigt, dass die meisten systematischen Reviews qualitativ gering sind. Daher stellten wir zwei Studienfragen:
1. Gibt es ein erhöhtes PTBS- oder Depression-Risiko bei Beschäftigten mit beruflichen Trauma, Gewalt, Attacken, sexueller Belästigung oder Krieg?
2. Gibt es diese Risiken bei Beschäftigten in spezifischen Berufen mit häufiger Traumaexposition?

Methodik
Entsprechend dem Studienprotokoll (PROSPERO [4]) wurde eine systematische Literaturrecherche 1994-2018 (Pubmed, Pilots, zusätzlich Handsuche, Science Citation Tracking in Google Scholar)) mit Metaanalyse durchgeführt. Eingeschlossen waren Kohortenstudien, Querschnittsstudien und Fall-Kontrollstudie. Jeweils zwei Reviewer führten die Überprüfung nach a priori festgelegten Ein- und Ausschlusskriterien der Titel, Kurzfassungen und Volltexte durch sowie die Datenextraktion. Das Fehlerrisiko (RoB) wurde entsprechend Ijaz et al. 2013 [5] beschrieben. Die Metaanalysen wurden auf Grund der Heterogenität (I²-Wert) nach dem Random-Effects-Modell durchgeführt und entsprechend GRADE-Verfahren [6] qualitativ bewertet.

Ergebnisse
Von 12.321 Treffern wurden 31 Studien einbezogen. Vier zeigten ein geringes RoB. Ein erhöhtes Risiko entsprechend der Studienfrage 2 konnte nicht nachgewiesen werden. Der gepoolte Effektschätzer des PTBS-Risikos war bei Soldaten im Kriegseinsatz (PTBS_S) verdoppelt (RR=2.18; 95% CI 1.83-2.60) und für Beschäftigte nach beruflichem Trauma (PTBS_B) verdreifacht (RR= 3.18; 95% CI 1.76-5.76). Der gepoolte Effektschätzer des Depressionsrisikos war bei Soldaten im Kriegseinsatz (Depression_S) signifikant erhöht (RR= 1.15; 95% CI 1.06-1.25) und für Beschäftigte nach beruflichem Trauma (Depression_B) fast verdoppelt (RR=1.77; 95% CI 1.45-2.15). Die Evidenzqualität nach GRADE wurde für PTBS_S, Depression_S und Depression_B als moderat und für PTBS_B als hoch bewertet.

Diskussion und Schlussfolgerung
Das systematische Review zeigt ein erhöhtes Depressions- und PTBS-Risiko nach beruflichen Traumata. Dieses Ergebnis hat eine große Public Health Relevanz wegen der hohen Prävalenz von affektiven Krankheitsbildern und von traumatischen Ereignissen bei bestimmten Beschäftigen.
Frau Dr. med. Gabriela Petereit-Haack MPH
Landesgewerbearzt Hessen
Das Gonarthroserisiko von Profifußballern: Ein systematisches Review mit Metaanalyse (Alice Freiberg, Ulrich Bolm-Audorff, Andreas Seidler)
Hintergrund: Profifußballern sind beim Fußballspielen einer hohen Kniebelastung ausgesetzt und weisen zudem ein erhöhtes Verletzungsrisiko im Bereich der Kniegelenke auf. Es liegt eine Reihe systematischer Reviews zum Gonarthroserisiko bei Profifußballern vor, in denen allerdings die Rolle von Makroverletzungen der Knie bei der Beurteilung des Gonarthroserisikos unberücksichtigt blieb. Mit diesem systematischen Review soll ein Beitrag zur Schließung der skizzierten Forschungslücke geleistet werden.
Zielsetzung: Es soll geklärt werden, ob Profifußballer mit und ohne Makroverletzungen des Kniegelenks ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Gonarthrose haben.
Methoden: Es wurde ein systematisches Review mit Metaanalyse durchgeführt, dessen Studienprotokoll bei PROSPERO (Registrierungsnummer: CRD42019137139) veröffentlicht wurde. Literatursuchen fanden in MEDLINE, EMBASE und dem Web of Science sowie über Vorwärtssuchen und Referenzlistensichtung statt. Zwei Reviewer führten alle Prozessschritte unabhängig voneinander durch. Die kritische Methodenbewertung erfolgte mit einem Risk of Bias-Verfahren. Studienergebnisse wurden metaanalytisch (mit Random-Effects-Modellen) zusammengefasst. Zur Beurteilung der Gesamtqualität der Evidenz wurde das GRADE-Verfahren unter Verwendung einer adaptierten Version des „Navigation Guide“ für epidemiologische Beobachtungsstudien genutzt.
Ergebnisse: Neun Studien erfüllten die Einschlusskriterien des systematischen Reviews. Das gepoolte Gonarthroserisiko bei männlichen Fußballspielern ist im Vergleich zur männlichen Allgemeinbevölkerung um das 2,3-fache erhöht (Odds Ratio = 2,3 (95 % KI: 1,4–3,6)). Werden nur radiologisch gesicherte Gonarthrosen betrachtet, ist das Risiko sogar auf das 4-fache erhöht (Odds Ratio = 4,0 (95 % KI: 1,3–11,8)). Es lassen sich allerdings keine gesonderten Aussagen für das Femorotibial- und das Femoropatellargelenk treffen. Allerdings bleibt das Gonarthroserisiko bei Ausschluss von beziehungsweise Adjustierung für Makroverletzungen des Kniegelenks mindestens um das 2,7-fache (Odds Ratio = 2,8 (95 % KI: 1,3–6,3) bzw. 2,7 (95 % KI: 1,6–4,7)) erhöht.
Schlussfolgerungen: Es fand sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Fußballspielen und der Entstehung einer Gonarthrose bei männlichen Profifußballern unabhängig von Makroverletzungen des Kniegelenks. Für Fußballspielerinnen kann aufgrund fehlender Daten keine Aussage zum Gonarthroserisiko getroffen werden.
Frau Alice Freiberg
TU Dresden
Arterielle Hypertonie durch Lärm am Arbeitsplatz – Ergebnisse eines systematischen Reviews mit Meta-Analysen (Ulrich Bolm-Audorff, Janice Hegewald, Anna Pretzsch, Alice Freiberg, Albert Nienhaus, Andreas Seidler)
Einleitung:
In der Arbeits- und Umweltmedizin wird seit Jahrzehnten kontrovers über extraaurale Lärmwirkungen auf das Herz-Kreislauf-System inklusive arterielle Hypertonie diskutiert. Der folgende systematische Review untersucht den Zusammenhang zwischen beruflicher Lärmeinwirkung und dem Risiko für eine arterielle Hypertonie.

Methodik:
Es wurde eine systematische Suche von epidemiologischen Studien zur Hypertonie und beruflichen Lärmexposition in Medline, Embase, Scopus und Web of Science, sowie eine Handsuche und Citation-Tracking von Literatur durchgeführt. Die Suche erfolgte ohne zeitliche bzw. sprachliche Einschränkungen, sofern ein Abstract in Englisch, Französisch, Deutsch, Italien oder Spanisch vorlag. Von jeweils zwei Autorinnen und Autoren wurden die Titel und Abstracts, die Volltexte und das Fehlerrisiko bewertet sowie die Datenextraktion durchgeführt und abgeglichen. Es wurden Meta-Analysen mit Stata Version 14 durchgeführt. Die Qualität der Evidenz wurde mit GRADE beurteilt. Das Design wurde a priori in PROSPERO (CRD 42019147923) veröffentlichtErgebnisse:

Von 4.583 identifizierten Studien wurden nach Berücksichtigung der Ausschlusskriterien 180 Volltexte bewertet und 23 in die Meta-Analyse einbezogen. Wir fanden folgende positive Dosis-Wirkungs-Beziehung mit einem gepoolten Effektschätzer (ES) für arterielle Hypertonie (≥140/90 mmHg): Schallpegel ≤ 80dB(A): ES=1,21 (95% CI 0,78-1,87), >80-≤ 85 dB(A): ES=1,77 (95% CI 1,36-2,29) und >85-≤90 dB(A): ES=3,50 (95% CI 1,56-7,86). Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Höhe und Dauer der beruflichen Lärmeinwirkung in Bezug auf eine Verdoppelung des Hypertonierisikos: 40 Jahre Einwirkung bei 81 dB(A) und 5 Jahre Einwirkung bei 93 dB(A). Wir fanden eine hohe Qualität der Evidenz nach GRADE, dass Lärm am Arbeitsplatz das Risiko für eine arterielle Hypertonie erhöht.

Diskussion:

Insgesamt gehen wir wegen der Dosis-Wirkungs-Beziehung und der Stärke des Effekts von einer kausalen Beziehung zwischen Lärm am Arbeitsplatz mit einem Schallpegel ≥80 dB (A) und der arteriellen Hypertonie aus. Dafür spricht auch die biologische Plausibilität, weil lärmexponierte Beschäftigte eine erhöhte Ausscheidung des blutdruckerhöhenden Adrenalins und Noradrenalins zeigen. Die Beziehung ist ferner konsistent, weil sie in einer großen Zahl von Studien bestätigt wurde und mehrere Kohortenstudien für die zeitliche Beziehung sprechen.
Herr Prof. Dr. med. Ulrich Bolm-Audorff
Regierungspräsidium Darmstadt, Abteilung Arbeitsschutz und Umwelt, Dezernat Landesgewerbearzt
Körperliche berufliche Belastungen und Läsionen der Rotatorenmanschette - ein systematischer Review (Andreas Seidler, Karla Romero Starke, Alice Freiberg, Janice Hegewald, Albert Nienhaus, Ulrich Bolm-Audorff)
Background: Several epidemiological studies have found an association between shoulder-loaded work activities and specific shoulder diseases. No study has derived the dose-response relationship and the resulting doubling dose, important for the recognition of occupational diseases.
Objectives: The aim of this systematic review – which is an update of the van der Molen et al. (2017) review – is to derive the dose-response relationship between physical occupational loads and specific shoulder diseases. Specifically, the dose-response relationship between physical workload and lesions of the shoulder rotator cuff is addressed. The results of this systematic review have recently been published by Seidler et al. (2020). Based on our own case-control study of supraspinatus tendon lesions (Seidler et al. 2011), new analyses separating between lifting and carrying of heavy loads are presented.
Methods: Based on the previous review’s methodologies, we identified new studies published until November 2018. The dose-response relationship between physical occupational demands (hands at/above shoulder level, repetitive movements, forceful work, hand-arm vibrations) and specific shoulder diseases (defined as ICD-10 M 75.1-5: rotator cuff syndrome, bicipital tendinitis, calcific tendinitis, impingement, and bursitis) was derived.
Findings: No evidence for sex-specific differences of the dose-response relationship was found. If there were at least two studies with comparable exposures, a meta-analysis was carried out. The pooled analysis resulted in a 21% risk increase (95% CI 4-41%) per 1000 hours of work with hands above shoulder level, resulting in a doubling dose of 3636 hours. A meta-analysis was not possible for other occupational burdens due to the low number of studies and differing exposure measurements; an estimate of the doubling dose was made based on the cohort study of Dalbøge et al. (2014).
Conclusions: The present systematic review with meta-analysis contributes to knowledge of the level of exposure at which specific shoulder diseases – particularly rotator cuff lesions – should be recognized as an occupational disease.
Herr Prof. Dr. Andreas Seidler
Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin (IPAS), Med. Fakultät der TU Dresden
Thursday
18 Mar
10:30 - 11:30
Forum
Sitzung der AG Epidemiologie
Room: Zoom-Raum 3
Chair(s): Janice Hegewald
Thursday
18 Mar
07:45 - 10:45
BAuA
Bioaerosolexpositionen: Messen und Bewerten
07:45 - 07:50 Uhr: Begrüßung und Einführung (Udo Jäckel)
07:50 - 09:25 Uhr: Messen (Vorsitzende Jürgen Bünger, Gunter Linsel)
  • Dosis-Wirkungsbeziehungen bei der Bewertung von Bioaerosolexpositionen (Betrachtung der Literatur) (Sandra Walser-Reichenbach)
  • Neue Methoden zur Messung von Bioaerosolen am Beispiel der Intensivtierhaltung (Udo Jäckel)
  • Messung von Bioaerosolen in Kompostierungsanlagen (Vera van Kampen)
  • Messung bakterieller Toxine in komplexen Bioaerosolen hoch belasteter Arbeitsplätze (Susann Meyer)
  • Analyse der Ausatemluft als Quelle für Bioaerosolexpositionen (Dierk-Christoph Pöther)
09:25 - 09:40 Uhr: PAUSE
09:40 - 10:40 Uhr: Bewertung (Vorsitzender Dierk-Christoph Pöther)
  • In vitro Modelle zur Bewertung von Bioaerosolbestandteilen (Steffi Klar)
  • Risikobewertung und Schutzmaßnahmen bei Biostoffexpositionen in Kompostierungsanlagen (Jürgen Bünger)
  • Beanspruchung durch Bioaerosole in der Intensivtierthaltung und Bewertung der Belastung anhand der TRBA 400 (Gunter Linsel)
10:40 - 10:45 Uhr: Abschluss
Room: Zoom-Raum 4
Thursday
18 Mar
10:15 - 11:00
Vorträge
Trauma und Gewalt am Arbeitsplatz
Room: Zoom-Raum 5
Chair(s): Peter Kegel
Gewalt und Aggressionen gegenüber Beschäftigten in Notaufnahmen (Anja Schablon, Claudia Peters, Albert Nienhaus, Tanja Wirth)
Hintergrund: Gewalt gegenüber Beschäftigten in Pflegeberufen ist ein häufiges Phänomen. Innerhalb des Gesundheitssektors sind die Mitarbeiter/-innen in den Notaufnahmen besonders von Gewaltvorfällen betroffen. Risikofaktoren für Gewaltvorfälle in Notaufnahmen stellen überfüllte Wartezimmer und lange Wartezeiten für Patient/-innen dar. Patienten unter Drogen- oder Alkoholeinfluss, die eine schmerzhafte Erkrankung haben oder eine psychische Krankheit haben werden zudem häufiger gewalttätig. Ziel der Studie ist es, Zahlen zur Häufigkeit von Gewaltvorfällen durch Patient/-innen und Angehörige gegenüber Beschäftigten in Notaufnahmen zu generieren. In Hinblick auf präventive Maßnahmen und Schutzmaßnahmen für Mitarbeitende soll eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation in den Notaufnahmen vorgenommen werden.
Methode: Mit einer Querschnittstudie werden die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) und weitere Beschäftigte in Notaufnahmen befragt. Der Onlinefragebogen umfasst soziodemografische Angaben, Angaben zur Gewaltereignissen, Beanspruchungsfolgen und Unterstützungsangeboten. Der Erhebungszeitraum läuft von Mitte September bis Ende November. Leitungskräfte erhalten zusätzliche Fragen zur Krankenhausstruktur, Erfassung von Gewaltereignissen, Schutz- und präventiven Maßnahmen.
Vorläufige Ergebnisse: Bislang haben 248 Beschäftigte geantwortet. 82% arbeiten in der Notaufnahme gefolgt vom Rettungsdienst (15%). 28% arbeiten als Arzt, 57% als Pflegekraft und 10% als Rettungssanitäter. Nur 12% der Befragten erlebten keine körperliche Gewalt und 2,0% keine verbalen Übergriffe von Patienten in den letzten 12 Monaten. 34% der Teilnehmer gaben an, dass durch die Corona- Pandemie weniger Übergriffe vorkamen, 41% empfanden sie als gleichbleibend und 24% gaben sogar an, dass die Übergriffe mehr geworden sind. Um eine Gewaltsituation zu entschärfen, sagten 80% der Befragten, die Polizei gerufen zu haben. 25% fühlen sich durch Gewaltübergriffe stark belastet und 55% haben ein mittleres Belastungsempfinden. Viele reagieren mit Ärger und Wut auf solche Vorfälle.
Fazit/Ausblick: Gewalt und Aggressionen gegenüber Mitarbeitern in Notaufnahmen sind sehr häufig. Vielfach muss die Polizei zu Hilfe gerufen werden. Die ersten Ergebnisse zeigen deutlich die Häufigkeit der Aggressionsereignisse. Möglichkeiten zur Prävention werden im nächsten Schritt untersucht
Frau Dr. P.H. Anja Schablon
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Beschäftigte. Ein Problem im Gesundheitswesen? (Mareike Adler, Claudia Vaupel, Sylvie Vincent-Höper, Sabine Gregersen, Anja Schablon, Albert Nienhaus)
Beschäftigte im Pflege- und Betreuungskontext sind gefährdet, sexuelle Belästigung und Gewalt bei ihrer Arbeit zu erleben (Antidiskriminierungsstelle des Bundes, 2019; Schablon et al., 2012, 2018). Zahlen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2019) weisen darauf hin, dass ein erheblicher Anteil der sexuellen Belästigung und Gewalt gegen Beschäftigte von KundInnen, KlientInnen bzw. PatientInnen ausgeht. Unklar ist jedoch, welche Art sexueller Belästigung und Gewalt die Beschäftigten durch PatientInnen/ KlientInnen/ BewohnerInnen erleiden. Handelt es sich um nonverbale Belästigung, wie dem Zeigen anzüglicher Bilder oder Gesten, um verbale Äußerungen oder körperliche sexuelle Übergriffe? Zudem fehlen Erkenntnisse darüber, wie stark Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialwesen von nonverbaler, verbaler und körperlicher sexueller Belästigung und Gewalt bei der Arbeit betroffen sind, ob es branchenspezifische Unterschiede gibt und wie diese Erfahrungen mit dem psychischen Befinden der Betroffenen zusammenhängen.
Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) hat in Kooperation mit einer Wissenschaftlerin der Universität Hamburg ein Instrument entwickelt und validiert, das nonverbale, verbale und körperliche sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Beschäftigte im Pflege- und Betreuungskontext ausgehend von PatientInnen/ KlientInnen/ BewohnerInnen misst (Vincent-Höper et al., 2020). Mit diesem Instrument wurden Beschäftigten aus Krankenhäusern, Rehabilitationskliniken, Einrichtungen der stationären und ambulanten Pflege sowie Werkstätten und Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung befragt. An der Befragung nahmen 901 Beschäftigte aus 61 Einrichtungen teil. Die Responserate lag bei 16 %. Die Häufigkeit von nonverbaler, verbaler und körperlicher sexueller Belästigung und Gewalt bei der Arbeit war abhängig von der Branche. Je häufiger die Betroffenen sexuelle Belästigung und Gewalt bei der Arbeit erlebten, desto höhere Werte zeigten sie in psychischen Befindensbeeinträchtigungen (z.B. Depressivität und psychosomatische Beschwerden).
Wegen der hohen Betroffenheit sollten Maßnahmen zur Prävention von sexueller Belästigung und Gewalt bei Beschäftigten in der Pflege und Betreuung intensiviert und Möglichkeiten der Nachsorge genutzt werden.
Frau Dr. Mareike Adler
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) Arbeitsmedizin, Gefahrstoffe und Gesundheitswissenschaften (AGG)
The Relationship of Workplace Bullying with Health Outcomes, the Intention to Leave the Profession and Medical Errors: A Cross-sectional Study among Medical Assistants in Germany (Adrian Loerbroks, Annegret Dreher, Jessica Scharf, Viola Mambrey, Patricia Vu-Eickmann, Peter Angerer)
Introduction: Research has shown that workplace bullying (WB) is associated with adverse health outcomes, career choices (i.e. intention to leave the profession [ITL]) and with poorer patient care (e.g. medical errors), though evidence for the latter remains inconsistent. We examined those associations for the first time among medical assistants (MAs). MAs represent the largest professional group in outpatient care in Germany carrying out various tasks relevant to patient care.
Methods: We surveyed 994 MAs (09/2016-04/2017) who were recruited through various pathways. WB was measured by a single item, which was based on the Copenhagen Psychosocial Questionnaire (“At work, I feel wrongfully criticized, bullied or put in a bad light in the presence of others”). Responses were dichotomized (i.e. feeling bullied = rather or fully agreeing with the above-mentioned statement). We also inquired after the perpetrator (i.e. supervisor, colleagues, patients). The dichotomized health outcomes comprised poor self-rated health ([very] poor health vs better), depressive symptoms (Patient Health Questionnaire-2) and anxiety (Generalized Anxiety Disorder-2). ITL was captured by the frequency of thoughts about leaving the profession (a few times per year or more often vs never). We measured self-reported concerns about having made a major medical error in the last three months (yes/no). Associations were estimated by multivariable logistic regression.
Results: In total, 26% of the MAs reported exposure to WB, mostly due to supervisors (62%), followed by colleagues (47%) and patients (35%). WB was associated with poorer health (all odds ratios [OR] ≥ 3.2), increased odds of ITL (OR=2.0, 95% confidence interval [CI]=1.4-2.9) and elevated odds of major medical errors (OR=2.1, 95% CI=1.1-4.0). Associations were strongest and most consistent when supervisors were perpetrators.
Conclusion: If corroborated by prospective evidence, our findings suggest that prevention of workplace bullying may be conducive to better health, improved career prospects and better patient care among medical assistants. Addressing bullying when supervisors are the perpetrators may be promising, but is likely also particularly challenging.
Herr Adrian Loerbroks
Universität Düsseldorf
Thursday
18 Mar
08:30 - 10:00
Forum
Gefahrstoffe
Human-Biomonitoring 4.0 – Herausforderungen und Lösungen für den Arbeits- und Gesundheitsschutz in der Chemie (Michael Bader)
Zellbasierte Untersuchungen zum entzündlichen Potenzial von Stäuben aus der Bearbeitung von Carbonfasern (Götz Westphal)
Room: Zoom-Raum 6
Chair(s): Dirk Walter
Thursday
18 Mar
10:15 - 11:15
Vorträge
Betriebliches Eingliederungsmanagement
Room: Zoom-Raum 6
Chair(s): Susanne Völter-Mahlknecht and Andreas Tautz
Return to Work-Interventionen für Menschen mit häufigen psychischen Störungen – ein Overview von Systematischen Reviews (Uta Wegewitz, Fiona Orban, Haitze de Vries)
Hintergrund
Die Forschung zu Return to Work (RTW)-Ansätzen wurde in den vergangenen Jahren intensiviert und auch die Zahl Systematischer Reviews (SR) ist stetig angewachsen. Ziel des Overviews war es, einen Überblick über wirksame RTW-Interventionen für Menschen mit häufigen psychischen Störungen auf Basis von SR zu erlangen und Forschungslücken zu identifizieren.

Methodik
Basierend auf einem vorab registrierten Studienprotokoll (PROSPERO CRD42015023496) wurde eine systematische Literatursuche in den Datenbanken PsycINFO, PubMed, PSYNDEX, EMBASE und der Cochrane Library für den Zeitraum 2010 bis 06/2020 durchgeführt. Eingeschlossen wurden Systematische Reviews von randomisierten kontrollierten Studien (RCTs), deren Untersuchungsgegenstand die Wirksamkeit von Interventionen auf die Zielgröße Return to Work war. Die Studienqualität wurde mit AMSTAR 2 bewertet.

Ergebnisse
Es konnten acht Systematische Reviews eingeschlossen werden, die auf insgesamt 26 RCTs basierten. Alle SR beinhalteten ausschließlich Studien aus Skandinavien und den Niederlanden. Positive Effekte auf die Rückkehr an den Arbeitsplatz hatten arbeitsplatzbezogene Interventionen und Interventionsansätze, die Problemlösungstherapien beinhalteten. Sechs der acht Reviews wiesen eine sehr geringe Studienqualität auf.

Diskussion
Die Anzahl der bisher untersuchten RTW-Interventionen nach einer psychischen Störung ist überschaubar. Die beiden Reviews mit hoher bzw. moderater Qualität legen nahe, dass arbeitsbezogene und kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze die Rückkehr zur Arbeit nach einer psychischen Erkrankung fördern können. Zukünftig wünschenswert sind Untersuchungen zur Wirksamkeit von RTW-Interventionen auch in anderen Ländern als den Niederlanden oder den skandinavischen Ländern, z.B. in Deutschland mit seinem spezifischen Sozialversicherungssystem.
Bei der Beurteilung von RTW-Interventionen auf Basis von systematischen Reviews sollte deren methodische Qualität unbedingt berücksichtigt werden. Primärstudien können im Einzelfall einen höheren Informationsgehalt bieten als SR mit schlechter Qualität und damit geringem Vertrauen in die Reviewergebnisse.
Frau Dr. Uta Wegewitz
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Förderliche Faktoren für die Rückkehr zur Arbeit aufgrund einer psychischen Krise: Qualitative Ergebnisse einer 18-monatigen Mixed-Methods Follow-up Studie (Ute Schröder, Ralf Stegmann, Inga Schulz, Uta Wegewitz)
Hintergrund: Die bisherige Forschung zeigt, dass Return to Work (RTW) von Beschäftigten nach psychischen Krisen ein komplexer, noch nicht hinlänglich erforschter Prozess ist. Quantitative Studien weisen darauf hin, dass eine Kombination aus medizinisch-therapeutischen und arbeitsbezogenen Maßnahmen die Rückkehr zur Arbeit begünstigen. Qualitative Studien zeigen, dass sowohl individuelle als auch betrieblich-soziale Faktoren maßgeblich sind. Im Rahmen einer Mixed-Method-Follow-up-Studie wurde in einem qualitativen Teilprojekt der RTW-Prozess von der (teil-)stationären Behandlung in einer Klinik bis zur Rückkehr in den Betrieb untersucht.
Ziel der Studie war es, das Erleben, Verhalten und Handeln sowie die Wechselwirkungen zwischen personen-, therapie- und arbeitsbezogenen Faktoren mit Blick auf eine erfolgreiche und nachhaltige Wiedereingliederung zu analysieren.
Methodik: Zwischen 2016 und 2018 wurden narrativ fundierte, leitfadengestützte Interviews mit 32 Beschäftigten zu drei Erhebungszeitpunkten durchgeführt: am Ende des Klinikaufenthalts, sechs Monate später sowie ein Jahr nach Entlassung aus der Klinik. Die Auswertung erfolgte nach der Dokumentarischen Methode der Interpretation nach Ralf Bohnsack, um sowohl reflexives als auch implizites Handlungswissen zu rekonstruieren.
Ergebnisse: Aus den Interviews ließen sich drei Risikomuster für die Entstehung der psychischen Krise ableiten, die relevant für den RTW-Prozess sind. Zudem zeigte sich, dass die Interviewten mehrheitlich hochmotivierte Arbeitnehmende waren und großes Engagement zeigten, zur Arbeit zurückzukehren. Je komplexer die Wege in die Krise sind, desto schwieriger gestaltet sich der RTW-Prozess. Zentrale Faktoren, die das Erleben, Verhalten und Handeln bei der Wiedereingliederung positiv beeinflussten, waren (1) die Selbstwirksamkeit und prosoziales Coping der Zurückkehrenden (2) die soziale Unterstützung der Vorgesetzten und KollegInnen (3) präventive, arbeitsgestaltende Maßnahmen, die kritischen Belastungs- und Beanspruchungskonstellationen vorbeugen sowie (4) ein professionelles RTW-Coaching.
Schlussfolgerungen: RTW kann als systemischer und kontinuierlicher Prozess verstanden werden. Gleichzeitig lässt sich eine nachhaltige Wiedereingliederung als ein ressourcenorientiertes und flexibles Vorgehen beschreiben, das abhängig von der Komplexität des Einzelfalls unterschiedliche betriebliche, inter- und intrapersonelle Ressourcen nötig macht, die genutzt bzw. aktiviert werden müssen.
Frau Ute Schröder
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Einflussfaktoren auf den Zeitpunkt der Rückkehr zur Arbeit nach einer (teil-)stationären Behandlung aufgrund einer psychischen Krise: Quantitative Ergebnisse einer 18-monatigen Mixed-Methods Follow-up Studie (Alexandra Sikora, Uta Wegewitz)
Zielsetzung:
Die Rückkehr zur Arbeit nach einer psychischen Krise ist ein komplexer Prozess an der Schnittstelle des medizinischen Versorgungssystems und des Arbeitsplatzes. Ziel der Studie war es, Faktoren zu identifizieren, welche die Zeit bis zum ersten Tag der Rückkehr sowie bis zur vollen Rückkehr (nach Abschluss von Rückkehrmaßnahmen wie der stufenweisen Wiedereingliederung) beeinflussen.

Methodik:
In einer prospektiven Kohortenstudie wurden erkrankte Beschäftigte mit einer häufigen psychischen Störung (Depressionen, Angst- und Anpassungsstörungen) in fünf akutpsychiatrischen und Rehabilitationskliniken erstmals zum Ende ihres Klinikaufenthaltes telefonisch befragt. Weitere telefonische Follow-up-Befragungen fanden nach 6, 12 und 18 Monaten statt. Arbeits-, gesundheitsbezogene und persönliche Faktoren wurden zum ersten Befragungszeitpunkt erfasst. Mithilfe parametrischer Überlebenszeitanalyse wurden Einflussfaktoren auf die Zeit bis zum ersten Tag der Rückkehr sowie bis zur vollen Rückkehr identifiziert.

Ergebnisse:
In die Studie konnten 269 Teilnehmende eingeschlossen werden, die aufgrund einer häufigen psychischen Störung zwischen August 2016 und November 2017 einen (teil-)stationären Klinikaufenthalt in einer Akutpsychiatrie oder Rehabilitationsklinik hatten. Die überwiegende Mehrheit (n = 252, 94%) ist im Beobachtungszeitraum zur Arbeit zurückgekehrt. Die Dauer bis zum ersten Tag der Rückkehr und bis zur vollen Rückkehr war am kürzesten für Teilnehmende aus der Rehabilitation (Median: jeweils 6 Tage) und länger für diejenigen aus dem Akutsetting (Median bis zum ersten Tag der Rückkehr: 17 Tage und bis zur vollen Rückkehr: 73 Tage). Während mehr gesundheitsbezogene und persönliche Faktoren die Zeit bis zum ersten Tag der Rückkehr beeinflussten, gewannen arbeitsbezogene Faktoren bis zur vollen Rückkehr an Bedeutung.

Schlussfolgerungen:
Es wurden sowohl allgemeine als auch Setting-spezifische Risikofaktoren identifiziert, darunter bspw. eine negative Rückkehr-Prognose, die Notwendigkeit einer individuellen Begleitung der Rückkehr oder einer geringen Selbstwirksamkeitserwartung in Bezug auf die Rückkehr. Das Wissen über die Risikofaktoren kann zukünftig genutzt werden, um die Rückkehr bereits in der klinischen Versorgung an der Schnittstelle zum Arbeitsplatz besser vorbereiten und abstimmen zu können.
Frau Alexandra Sikora
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Die Schwerbehindertenvertretung als Partnerin der betrieblichen Gesundheitsakteure (Marie Sophia Heide, Mathilde Niehaus)
Die Schwerbehindertenvertretung (SBV) hat zusammen mit den weiteren betrieblichen Gesundheitsakteuren eine Schlüsselrolle bei der Verwirklichung behinderungsgerechter und inklusiver Arbeitsbedingungen inne. Trotz der Praxisrelevanz der Akteurskonstellationen spiegelt sich die Erkenntnislage dazu nicht über empirische Forschung wider. Insofern soll eine Befragung zur Rolle der SBV Aufschluss geben.
In einer bundesweiten Onlinebefragung wurden 1552 SBVen zu ihrer Tätigkeit als Interessenvertretung befragt. Aufbauend wurden leitfadengestützte Interviews (n=4) sowie Fokusgruppendiskussionen (n=4) mit SBVen und ihren inner- und außerbetrieblichen Kooperationspartner*innen durchgeführt.
Die Befragungen verdeutlichen, dass die SBV neben einer weitgehenden Beratungsfunktion für Anliegen der von Behinderung bedrohten und schwerbehinderten Kolleg*innen Maßnahmen zur Förderung der beruflichen Teilhabe einleitet und diesbezüglich Kontakt mit zuständigen Stellen pflegt. Ergänzend zu diesen Kernaufgaben ist sie Ansprechpartnerin für alle Kolleg*innen zu Fragen der Gesundheitsförderung und Inklusion. Dazu ist die SBV in Austausch mit Akteuren, wie den Betriebs-/Personalrät*innen, den Betriebsärzt*innen und den Inklusionsbeauftragen des Arbeitgebers. Darüber hinaus unterstützt die SBV den Arbeitgeber in Fragestellungen zur betrieblichen Inklusion.
Durch die Ausübung genannter Tätigkeiten und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren, die jeweils durch eigene Themen und Problemfelder charakterisiert ist, ergibt sich eine Vielzahl an Erwartungen, die an die SBV herangetragen wird. Die Ergebnisse der Fokusgruppendiskussionen zeigen, dass die Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren zwar eine Unterstützungsmöglichkeit darstellen, aber auch eine Herausforderung sein kann, wenn die SBV mit widersprüchlichen Interessen und Erwartungen konfrontiert ist. Die Befragung ergibt, dass sich 21 % der befragten SBVen in sehr hohem bzw. in hohem Maß und 53 % zum Teil widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt fühlen. In den als widersprüchlich erlebten Anforderungen drücken sich die Ambivalenzen ihrer Vermittlungsposition aus, wie sich in den weiteren Erhebungsschritten zeigte.
Aufbauend auf empirischer Forschung zu Konstellationen betrieblicher Gesundheitsakteure bedarf es der Ableitung von Implikationen für die Bildungsarbeit der jeweiligen Akteure, z.B. im Hinblick auf die Etablierung eines professionellen Selbstverständnisses in Bezug auf die Klärung der eigenen Rolle.
Frau Marie Sophia Heide
Thursday
18 Mar
11:30 - 12:30
Poster
Bildungswesen
In dieser Session werden die Poster als Kurzvorträge präsentiert.
Room: Zoom-Raum 1
Chair(s): Sibylle Hildenbrand and Thomas Muth
Arbeitsunfälle von Lehrkräften: 5-Jahres-Analyse der Schüler*innen-Beteiligung (Eva Dahlke, Peter Kegel, Kathrin Bogner)
Schule sollte „sichere Lernumgebung“ für Schüler*innen und Lehrkräfte sein. Unfälle von Schüler*innen sind langjährig dokumentiert [1,2]. Arbeitsunfälle von Lehrpersonen mit Schüler*innen-Beteiligung wurden nur in wenigen Studien untersucht, v.a. im Zusammenhang mit pflegerischer Tätigkeit an Förderschulen [3,4]. Uneinheitliche Kodierschemata erschweren die Erfassung der Schüler*innen-Beteiligung sowie deren Vergleichbarkeit und Analyse [3].
Forschungsfragen: Welches Kodierschema für Arbeitsunfälle kann Qualitäten der Schüler*innen-Beteiligung abbilden? Welche Zusammenhänge lassen sich in einem 5-Jahres-Rückblick ableiten?

Das Institut für Lehrergesundheit (IfL) erhält Kopien der Unfallanzeigen der Bediensteten an staatlichen Schulen in Rheinland-Pfalz. Die Analyse umfasst Unfallanzeigen verbeamteter Lehrkräfte der fünf Schuljahre(SJ) 2015/2016 bis 2019/2020, ausgenommen Wegeunfälle. Das SJ 19/20 liegt ab 1.10. zur Aufbereitung und Analyse vor. Auf der Basis eines Literaturreviews wurde ein neues Kodierschema erstellt. Es beinhaltet die nominale Variable der Schüler*innen-Beteiligung mit 4 Ausprägungen: keine, nicht intendierte, regelverletzende und intendierte Beteiligung. Die zurückliegenden Unfalldaten der SJ15/16 bis SJ18/19 wurden zur Implementierung des Schemas doppelt blind nachkodiert.

Die Daten werden deskriptiv ausgewertet. Es werden univariable sowie multivariable logistische nominale Regressionen berechnet, um mögliche Zusammenhänge zwischen Schüler*innen-Beteiligung und soziodemografischen Merkmalen sowie der Schulart, als Surrogat für die unterschiedlichen Gegebenheiten in den einzelnen Schularten, zu betrachten.

Ergebnisse
Für den Zeitraum SJ 15/16 bis 18/19 liegen 1.784 Unfallanzeigen vor. 77,6% der Verunfallten sind weiblich und im Mittel 44,5 Jahre alt (SD = 10,6).
Turnhallen und Schulhöfe führen die allgemeine Schulunfallstatistik als Unfallort an. In den univariablen Regressionmodellen zeigt sich, dass sie sich in Bezug auf nicht-intendierte vs. intendierte Schüler*innen–Beteiligung unterscheiden. Unterschiedliche Schulformen bergen unterschiedliche Risiken für die Schüler*innen–Beteiligung. Das Risiko für intendierte Schüler*innen-Beteiligung ist im Gymnasium am geringsten. Berufsanfänger sowie Lehrkräfte am Ende ihrer Laufbahn unterscheiden sich im Risiko, einer regelverletzenden oder intendierten Schüler*innen-Beteiligung ausgesetzt zu sein im Vergleich zu Lehrkräfte in der Mitte ihrer Lehrtätigkeit.
Frau Dr.med. Eva Dahlke
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz
THE ALGORITHM FOR ESTABLISHING A PREPATOLOGY GROUP OF PROFESSIONAL BURNOUT DEVELOPMENT (Igor Zavgorodnii, Olga Lalymenko, Irina Perova, Valeriy Kapustnyk, Kseniia Zub, Irina Böckelmann)
The professional activity of healthcare workers is associated with inevitable emotional overload, which is the source of occupational stress as well as the basis for the development of burnout. The establishment of the early symptoms of professional personal deformities are known to be a rather relevant problem within the scientific field of occupational medicine [1-3].
The aim of the study is to develop a methodological approach to the establishment of a prepathology group of the development of burnout. The study was carried out by means of a medical and psychological survey of 105 teachers in total. The Maslach Burnout Inventory (MBI-GS) questionnaire was used to determine the burnout severity [4]. Mathematical processing was performed using Principal Component Analysis [5].
The initial stage of the study included the survey of the teachers followed by the distribution of them into three groups, depending on the section of questions ("emotional exhaustion" - group A, "depersonalization" - group B, "reduction of personal achievements" - group C).
At the second stage, the values ​​for each of the question sections were summed up and compared with the boundary ones (given for the interpretation of the respondents' answers); the initial level was assigned a value of - 0, the average -1, and the highest one - 2.
At the third stage, the group of prepathology of burnout development was determined. As a prepathology group we chose respondents who had the sum of points in all three sections of answers not exceeding "3" and at the same time the result on each of the three MBI-GS scales did not exceed 1 point.
Using on the Principal Component Analysis method, the features were ranked according to their degree of significance; the data was visualized, depending on their level of professional burnout. In order to achieve the latter, the "training" of the logistic regression model was conducted, the accuracy the "training" based on the results of cross-validation constituted to be 83±28% (p<0.05).
Thus, according to the MBI-GS questionnaire, all respondents were divided into 3 groups: without burnout (41 people); prepathology of burnout (29 people); significant signs of burnout (35 people).
Early detection of prepathological manifestations of burnout will allow an in-depth examination of workers and the implementation of preventive measures to maintain their performance as well as to reduce the expenditure on medical care and treatment of employees.
Herr Igor Zavgorodnii
Einfluss von Stressverarbeitungsstrategien auf die psychische Gesundheit bei Erzieherinnen in Kindertagesstätten (Sabine Darius, Christina Barbara Hohmann, Lydia Siegel, Irina Böckelmann)
Erzieherinnen in Kindertagesstätten sind zahlreichen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt, die zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen können.
Ziel der Studie war es zu untersuchen, ob und inwieweit unterschiedliche Stressverarbeitungsstrategien die psychische Gesundheit und das Burnout-Risiko bei Erzieherinnen beeinflussen.
An der Studie nahmen 194 Erzieherinnen (Alter 43,4 ± 12,5 Jahre) aus Kindertagesstätten Magdeburgs und Umgebung Jahren freiwillig teil.
Zur Erfassung der individuellen Stressverarbeitungsstrategien wurde der Stressverarbeitungsfragebogen nach Janke et a. (2000) verwendet. Die Ausprägung des Burnout-Risikos bei den Erzieherinnen wurde mit dem Maslach Burnout Inventory (MBI-GS) (Maslach et al. 1996) und die allgemeine psychische Gesundheit mit dem GHQ-12 nach Goldberg (1996) erhoben. Die Anstrengungsbereitschaft wurde mit der Skala Overcommitment nach dem Effort-Reward-Fragebogen nach Siegrist (1996) erfasst.
Von den insgesamt 194 Teilnehmerinnen reagierten 97 Erzieherinnen (Alter 44,4 ± 12,5 Jahre) auf Stress überwiegend mit positiven Strategien und 91 Erzieherinnen (Alter 42,3 ± 12,5 Jahre) überwiegend mit negativen Strategien, bei 6 Personen waren diese positiven und negativen Strategien ausgeglichen. Die Erzieherinnen waren 23,0 ± 15,0 Jahre bzw. 19,9 ± 15,0 Jahre im Beruf tätig. Unterschiede zwischen beiden Gruppen hinsichtlich Alter und Dauer der Berufstätigkeit waren nicht festzustellen.
Erzieherinnen mit positiven Strategien hatten eine signifikant (p < 0,001) bessere psychische Gesundheit (10,4 ± 4,2 Punkte im GHQ-12) und ein signifikant (p < 0,001) geringeres Burnout-Risiko (Burnout-Gesamtscore nach Kalimo 1,1 ± 0,7 Punkte) als Erzieherinnen mit negativen Strategien (14,3 ± 6,1 Punkte im GHQ, Burnout-Gesamtscore 1,7 ± 1,0 Punkte).
Die Anstrengungsbereitschaft war bei den Erzieherinnen mit positiven Strategien im Vergleich zu den Kolleginnen mit negativen Strategien weniger stark ausgeprägt (15,0 ± 3,7 vs. 16,7 ± 3,2 Punkte; p < 0,01).
Präventiv sollte den Erzieherinnen im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements die Möglichkeit zum Erlernen positiver Stressverarbeitungsstrategien geboten werden. Hier bietet sich ein Ansatz, die psychische Gesundheit der Erzieherinnen zu erhalten.
Frau Dr. med. Sabine Darius
Bereich Arbeitsmedizin, Medizinische Fakultät, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Gesundheitszustand, Gesundheitsverhalten und Belastungen bei Studierenden (Sheryl Sowa, Manfred Betz, Jan Spaar)
Einleitung
Mit dem Studium beginnt für viele junge Menschen ein Lebensabschnitt, der durch Veränderungen und neue Herausforderungen gekennzeichnet ist. Dabei können hohe Belastungen auftreten (z. B. Überforderung im Studium, finanzielle Sorgen, Zukunftsängste), die Gesundheit und Wohlbefinden beeinträchtigen. Für eine effektive Gesundheitsförderung ist es notwendig, die Gesundheit und die Belastungen von Studierenden zu erfassen, um daraus zielgruppenspezifische Handlungsfelder abzuleiten.
Methoden
317 Studierende des Medizinischen Managements (23,5 ± 4,5 Jahre, 77 % ♀, 23 % ♂) wurden hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes, ihres Gesundheitsverhaltens und ihrer Belastungen untersucht. Hierzu wurde ein umfangreicher standardisierter Fragebogen eingesetzt, der verschiedene international gebräuchliche Befragungsinstrumente beinhaltet (WHO-5 Wellbeing-Scale, Pittsburgh Sleep Quality Index, Epworth Sleepiness Scale).
Ergänzend wurde die Körperzusammensetzung bei 123 Studierenden über eine Bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) ermittelt. Das Messsystem Inbody 570 gewinnt dabei auch Informationen über den viszeralen Fettlevel.
Ergebnisse
Die häufigsten Beschwerden in den letzten 12 Monaten waren Atemwegserkrankungen (65 %), Kopfschmerzen (60 %), Magen-Darm-Beschwerden (51 %) und Rückenbeschwerden (49 %).
Laut Body-Mass-Index gelten 29 % als übergewichtig und 6 % als untergewichtig. 44 % wiesen einen zu hohen Anteil am Gesamt-Körperfett auf und bei 36 % war der viszerale Fettlevel erhöht.
31% der jungen Erwachsenen weisen Beeinträchtigungen beim Wohlbefinden auf. Dabei ist nicht ausreichender bzw. nicht erholsamer Schlaf der stärkste Einflussfaktor auf das Wohlbefinden. Nach dem Pittsburgh-Schlafqualitätsindex ist bei 59 % die Qualität des Schlafes beeinträchtigt: 49 % haben einen schlechten Schlaf und jeder Zehnte leidet unter gestörtem Schlaf. Aus dem Schlafdefizit resultiert eine erhöhte Tagesmüdigkeit. Jeder vierte Autofahrer (24 %) berichtete über mindestens eine Sekundenschlaf-Episode beim Fahren. Wesentlichen Einfluss auf den Schlaf dürfte der hohe digitale Medienkonsum (8 Stunden/Tag) haben. Am häufigsten wurde das Smartphone (218 Min.) genutzt, gefolgt von Computer (154 Min.) und Fernsehen (65 Min.).
Schlussbetrachtung
Bei den Studierenden zeigen sich Defizite bezüglich ihres Gesundheitszustandes und -verhaltens. Entsprechend sind Gesundheitsfördermaßnahmen zu Themen wie Schlafhygiene, Rückengesundheit, Bewegung und digitalem Medienkonsum zu empfehlen.
Frau Sheryl Sowa
Gesundheit von Pendlern und Nicht-Pendlern bei Studierenden (Johanna Vogt, Dagmar Hofmann, Stefanie Rütten)
Einleitung
Viele Studierende pendeln während Präsenzsemestern zwischen der Hochschule und dem Heimatort oder der günstigeren Wohnung auf dem Land. Häufig wird diese Mobilität als verlorene Zeit empfunden und Stau, Zugverspätungen und volle Abteile führen zusätzlich zu Stress. Da es viele Pendler an der THM gibt, sollen die Bedürfnisse und Lebensumstände dieser Gruppe genauer untersucht werden.

Methodik
2019 wurden 734 Studierende (68% ♂, 31,6% ♀ und 0,4% divers) zu ihrem Gesundheitsverhalten, psychischen und physischen Beschwerden und ihrem Studium befragt. 52,3% der Befragten pendelten zur Hochschule. Die Befragung erfolgte online über das Zentrum für Qualitätsentwicklung der THM mit einem selbst konzipierten Fragebogen, der an den „Bielefelder Fragebogen zu Arbeitsbedingungen und Gesundheit an Hochschulen“ angelehnt war.

Ergebnisse
  • 28% der Pendler sind mit ihrer Wohnsituation unzufrieden. Bei den Studierenden die nicht pendeln, sind es 18%. Außerdem haben etwas mehr Pendler das Gefühl, zu wenig Geld zur Verfügung zu haben (Pendler: 40%; Nicht-Pendler: 36%).
  • 23% der Pendler fühlen sich von ihren Kommilitonen nicht gut unterstützt. Dieses Gefühl haben nur 16% der Nicht-Pendler. Außerdem fühlen sich 55% der pendelnden Studierenden an Studientagen nur selten oder nie ausgeschlafen, wohingegen es bei den Nicht-Pendlern 47% sind. Bei 79% der Pendler kommt Erholung oft zu kurz, um Studieninhalte ausreichend zu behandeln. Bei Studierenden ohne lange Fahrtzeit sind es 73%.
  • Von den Studierenden, die täglich zur Hochschule fahren müssen, trinken 16% mehrmals pro Woche Alkohol. Bei Studierenden, die vor Ort wohnen, sind es 23%. In beiden Gruppen gibt es etwa gleich viele Raucher (11%). Gelegenheitsraucher findet man bei den Pendlern jedoch seltener.
  • Psychische und physische Beschwerden treten in beiden Gruppen ähnlich häufig auf. Über die Hälfte leiden sehr oft oder oft an Nervosität und Konzentrationsstörungen. Über 40% berichten von Rücken- und Kopfschmerzen sowie Schlafstörungen und etwa jeder Dritte leidet sehr oft oder oft an Stimmungsschwankungen und depressiven Verstimmungen.

Schlussfolgerung
Sowohl Pendler als auch Nicht-Pendler weisen häufig psychische und physische Beschwerden auf. Bei Pendlern scheint es jedoch etwas weniger gesundheitsschädliches Verhalten zu geben, wohingegen sich der lange Weg zur Hochschule negativ auf Erholung und soziale Unterstützung und somit auch auf das Studium auswirken könnte.
Frau Johanna Vogt
Technische Hochschule Mittelhessen
Lehre „Arbeitsmedizin, Sozialmedizin“ im Bereich Humanmedizin unter Pandemiebedingungen: Erfahrungen aus dem Universitätsklinikum Jena im Sommersemester 2020 (Stefanie Bornmann, Astrid Rita Regina Heutelbeck)
Lehre „Arbeitsmedizin, Sozialmedizin“ im Bereich Humanmedizin unter Pandemiebedingungen: Erfahrungen aus dem Universitätsklinikum Jena im Sommersemester 2020

Bornmann, Heutelbeck

Die SARS-CoV-2-Pandemie stellte auch die Lehre im Bereich Humanmedizin an den Universitätsklinika vor große Herausforderungen. Kontaktverbote und räumliche Beschränkungen bei Auflagen zur Abstandswahrung machten es notwendig, Präsenzveranstaltungen zu reduzieren bzw. vollständig in das digitale Format zu transferieren.
Methodik:
Das Fach F3 (Arbeitsmedizin, Sozialmedizin) wird im 10. Fachsemester Humanmedizin gelehrt. Im Sommersemester 2020 wurden die Veranstaltungen erstmals über vertonte PowerPoint Präsentationen (MP4- Dateien), digitale Fragestunden (mittels ZOOM, Webex), Kurzfilme sowie ein digitales Fallseminar (moodle) angeboten.
Es wurde die technische Umsetzbarkeit und Akzeptanz der Lehre zu „Arbeitsmedizin, Sozialmedizin“ (10. FS SoSe 2020: 262 Studierende) im Bereich Humanmedizin evaluiert (Aufrufhäufigkeit, Aktivitäten in ZOOM, moodle, webex).
Ergebnisse:
Die als MP4-Datei eingestellten Vorlesungen bezüglich der „Grundlagen Arbeitsmedizin, Sozialmedizin“ wurden maximal 177 mal aufgerufen, die Vorlesungen zu „Berufskrankheiten“ maximal 131 mal aufgerufen, zu „Psychische Belastungen“ 111 mal, zu „Der Chronisch Kranke im Beruf“ 106 mal. Die Filme wurden maximal 135 mal aufgerufen. In den digital abgehaltenen Fragestunden waren jeweils um die 30 Studierende eingeloggt. In dem im moodle-Format abgehaltenen Fallseminar wurde „Diskussionsforum“ und „Abstimmung“ nur mäßig von den Studierenden angenommen, inhaltliche Diskussion analog zu den Erfahrungen der Präsenzveranstaltungen der vorigen Semester konnten nicht angestoßen werden.
Diskussion:
Die bzgl. der Vermittlung der Lehrinhalte zur Verfügung stehenden Medien (mp4 Dateien, ZOOM, Webex, moodle, Filme) wurde von einem Teil der Studierenden genutzt. Der inhaltliche Austausch zu den Lehrinhalten war qualitativ und quantitativ deutlich geringer als in den Präsenzveranstaltungen der letzten Jahre, die Möglichkeit zur Diskussion und Erörterung der Lehrinhalte wurde von den Studierenden nicht oder nur vereinzelt angenommen. In den nächsten Jahren soll verstärkt über neue lehrpädagogische Konzepte angestoßen werden, bzgl. der Interaktivität in digitalen Formaten zu einer höheren Effektivität zu kommen.
Frau Stefanie Bornmann
Institut für Arbeits-, Sozial- und UmweltmedizinUniversitätsklinikum Jena
FÄ f. Arbeitsmedizin, seit 2006 am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin und -hygiene an der FSU, 2013-2018 Leiterin des Arbeitsmedizinischen Dienstes des UKJ, 2018-2020 selbständige Arbeitsmedizinerin, seit 2020 aus gesundheitl. Gründen wieder in Anstellung im Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin des UKJ
Thursday
18 Mar
11:30 - 12:30
Poster
Prävention
In dieser Session werden die Poster als Kurzvorträge präsentiert.
Room: Zoom-Raum 2
Chair(s): Stefan Karrasch and Rüdiger Stephan Görtz
Überwachung der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge und anderer Arbeitsschutzvorschriften in verschiedenen Branchen (Ulrich Bolm-Audorff, Beate Catrein, Luminita Cerviş, Joachim Hirt, Stefanie Meudt, Irma Popp, Gabriela Petereit-Haack)
Einleitung:
Seitdem Jahr 2018 führt der Landesgewerbearzt in Wiesbaden ein Pilotprojekt zum Vollzug der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge durch. Die bisherigen Ergebnisse dieses Projektes sind Gegenstand des Vortrages.

Methodik:
Seitdem Jahr 2018 hat der Hessische Landesgewerbearzt die Umsetzung der ArbMedVV in 102 Betrieben geprüft, darunter 32 Friseurbetriebe, 28 Backbetriebe, 23 Betriebe der stationären oder ambulanten Altenpflege und 19 Baubetriebe. Dabei wurde außerdem das Arbeitssicherheitsgesetz, die DGUV-Vorschrift 2 "Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit", die Gefahrstoffverordnung, die Biostoffverordnung sowie die Gefährdungsbeurteilung, die Betriebsanweisung, die Unterweisung sowie die Erste Hilfe nach dem Arbeitsschutzgesetz geprüft.
Die Daten wurden deskriptiv mit dem Programm SPSS, Version 25, ausgewertet. Die Teilnahmequote lag bei 100 %.

Ergebnisse:
Die Betriebsgröße schwankte zwischen 0,5->300 zu berücksichtigende Beschäftigte. Der Medianwert lag bei 11 Beschäftigte pro Betrieb.
Die Betriebe wurden wie folgt nach DGUV-Vorschrift 2 betreut: Anlage 1: 8,8 %, Anlage 2: 34,3 %, Anlage 3: 36,3 %, Anlage 4: 7,8 % und keine Betreuung: 12,8 %.
Der folgenden Tabelle ist die Zahl der Betriebe mit Mängeln betreffend die Umsetzung der ArbMedVV zu entnehmen.

Mängel betreffend die Umsetzung der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge in 102 Betrieben
Festgestellte Mängel Anzahl Prozent
Fehlende Gefährdungsbeurteilung 74/102* 72,5
Fehlende Pflichtvorsorge 23/47* 48,9
Kein schriftliches Angebot der Angebotsvorsorge 65/93* 69,9
Fehlende Vorsorgekartei 50/79* 63,3
Vorsorgebescheinigung entspricht nicht der AMR 6.3** 25/51* 49,0


*Die unterschiedliche betrachtete Grundgesamtheit, die zwischen 47 und 102 Betrieben schwankt, erklärt sich mit dem Umstand, dass in allen 102 Betrieben eine Gefährdungsbeurteilung, jedoch nur in einem Teil der Betriebe Pflicht- oder Angebotsvorsorge oder eine Vorsorgekartei erforderlich ist bzw. Vorsorgebescheinigungen vorlagen. **Arbeitsmedizinische Regel 6.3 Vorsorgebescheinigung

Diskussion:
Das Projekt zeigt erhebliche Mängel in den überwachten Betrieben betreffend die Umsetzung der ArbMedVV, die eine stärkere Kontrolle durch die Arbeitsschutzbehörden der Länder erforderlich machen.
Herr Prof. Dr. med. Ulrich Bolm-Audorff
Regierungspräsidium Darmstadt, Abteilung Arbeitsschutz und Umwelt, Dezernat Landesgewerbearzt
Aktuelle Einblicke in dokumentierte Risiken beim Einsatz von Desinfektionsmitteln (Lea Anhaeuser, Udo Eickmann)
Hintergrund
Desinfektionsmittel sind wirkungsvolle Mittel zur Prävention nosokomialer Infektionen und haben schon lange Zeit eine wichtige medizinische, epidemiologische und ökonomische Bedeutung [1]. Im Gesundheitsdienst zählen Desinfektionsarbeiten somit zu den Standardtätigkeiten der Beschäftigten. Durch die Corona-Pandemie erhielt die Desinfektion in allen Bereichen des Arbeitslebens einen vorher unbekannten Stellenwert um Infektionswege zu unterbrechen. Einige Inhaltsstoffe in Desinfektionsmitteln bergen aber auch diverse Nebenwirkungen. Diese können ein gesundheitliches Risiko für Beschäftigte darstellen, das in vielen Fällen zu Haut- oder Atemwegserkrankungen führen kann [2]. Auf Basis der aktuellen Routinedaten der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) beschreibt dieser Beitrag die gesundheitlichen Belastungen für Beschäftigte durch die Verwendung von Desinfektionsmitten in den letzten 10 Jahren.

Methodik
Anhand der Berufskrankheiten-Dokumentation (BK-DOK) der BGW wurde eine Auswertung der Berufskrankheiten (BK) von 2010–2019 vorgenommen, die einen Zusammenhang mit Desinfektionstätigkeiten darstellen. Dazu zählten verschiedene Erkrankungen durch chemische Stoffe, Atemwegs- sowie Hauterkrankungen. Für die Auswertung wurden nur entschiedene BK-Fälle betrachtet, die nach den 15 Branchen der BGW sowie den BK-auslösenden Gegenständen wie Desinfektionsmittel, Reinigungsmittel und Feuchtarbeit aufgeschlüsselt wurden. Diese Differenzierung wurde durch die Beschreibung des 10-Jahres-Trends der entschiedenen BK-Fälle bezogen auf die Versichertenanzahl ergänzt.

Ergebnisse
Der Umgang mit Desinfektionsmitteln als Ursache für die Entstehung von Erkrankungen durch chemische Stoffe konnte nicht begründet werden. Ein geringfügiger Zusammenhang mit Atemwegserkrankungen wurde verzeichnet. Arbeiten mit Desinfektionsmitteln und im feuchten Milieu sind die ausschlaggebenden dokumentierten Gründe für Hauterkrankungen der BGW-Versicherten. Nicht nur Beschäftigte im Gesundheitsdienst wie Pflege und Kliniken sind davon betroffen, sondern auch Beschäftigte in der Kinderbetreuung, Verwaltung und dem Friseurhandwerk. Die aktuelle Auswertung der BK-DOK verdeutlicht, dass intensive Präventionsarbeit, eine gewissenhafte Substitutionsprüfung und richtige Schutzmaßnahmen den Grundstein für geschulte Tätigkeiten mit Desinfektionsmitteln oder im feuchten Milieu legen.
Frau Dr. rer. nat. Lea Anhaeuser
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege
Glutardialdehyd – seltenes Atemwegsallergen im Gesundheitsdienst (Julia Hiller, Annette Greiner, Hans Drexler)
Glutaral (= 1,5-Pentandial; Glutardialdehyd) wird u.a. als Desinfektions- und Konservierungsmittel eingesetzt. Neben einer reizenden Wirkung ist Glutaral auch als haut- und atemwegssensibilisierend gekennzeichnet. Der stoffspezifische Pathomechanismus für die einer Typ I-allergischen Reaktion gleichenden klinischen Symptomatik ist allerdings bisher unklar. Es liegen jedoch mehrere Fallberichte über Atemwegsbeschwerden vor, die einer Allergie vom Soforttyp gleichen.
Zwei Fälle mit arbeitsplatzbezogenen Atemwegsbeschwerden und strengem Bezug zu Desinfektionsmittel-Expositionen im Gesundheitsdienst stellten sich zur weiteren Abklärung vor. Erhoben wurden die ausführliche Anamnese inkl. Exposition und Symptomverlauf sowie Lungenfunktionsbefunde.
Zwei mehrjährig im Gesundheitswesen beschäftigte Frauen (44 und 31 J.) schilderten eine jeweils seit ca. 2 Jahren bestehende Beschwerdesymptomatik am Arbeitsplatz bei Kontakt zu spezifischen Desinfektionsmitteln (Flächen-/Gerätedesinfektion). In beiden Fällen waren initial rhinitische Beschwerden mit Beginn wenige Minuten nach Kontakt aufgetreten. Im Verlauf kam es zunächst bei intensiven und später teils auch bei geringeren Expositionen zusätzlich Husten und Dyspnoe. Bei der genauen Expositionsanamnese zeigte sich, dass die Symptomatik nur bei Exposition gegen Glutaral-haltige Desinfektionsmittel auftrat und sich bei Expositionskarenz besserte. Andere, z.B. rein alkoholische Desinfektionsmittel führten zu keinen Beschwerden. In beiden Fällen war lungenfunktionsanalytisch eine obstruktive Atemwegserkrankung mit bronchialer Hyperreagibilität nachweisbar, so dass die Diagnose eines Asthmas bei spezifischer Überempfindlichkeit auf Glutaral gestellt wurde. Arbeitsorganisatorische Maßnahmen mit Ersatz der Produkte bzw. Einsatz in einem Glutaral-freien Bereich führten in beiden Fällen zu Beschwerdefreiheit bei Verbleib im Beruf.
Glutaral sollte aufgrund seiner spezifischen Wirkung auf die Atemwege als mögliche Ursache für Atemwegsbeschwerden auf Desinfektionsmittel in Betracht gezogen werden. Entsprechende Überempfindlichkeiten sind selten, an ihre arbeitsmedizinische Bedeutung im Gesundheitswesen sollte jedoch insbesondere bei klaren Expositions-Symptom-Beziehungen gedacht werden. Eine standardisierte Allergiediagnostik (Serologie, Pricktest) für Typ I-Reaktionen steht bisher nicht zur Verfügung, so dass der Pathomechanismus nicht abschließend geklärt ist und der ausführlichen Anamneseerhebung besondere Bedeutung zukommt.
Frau Dr. med. Julia Hiller
Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg
Die Entwicklung einer partizipatorischen arbeitsmedizinischen Intervention im informellen Elektroschrottrecyclingsektor in Ghana (Fatima Seidu, Thomas Kraus, Andrea Kaifie)
Einleitung Jedes Jahr werden hunderttausende Tonnen Elektroschrott in die ghanaische Hauptstadt Ghana importiert um dort recycelt zu werden. Da diese Arbeit im informellen Sektor stattfindet, existieren quasi keine sicherheitstechnischen oder arbeitshygienischen Vorgaben. Die Belastungen mit Gefahrstoffen als auch mechanische oder ergonomische Gefährdungen sind hoch. Es kommt häufig zu tätigkeitsspezifischen Verletzungen. Ziel dieses Projektes ist es, eine arbeitsmedizinische Intervention für die Arbeiter auf dem Elektroschrottplatz zu entwickeln um Belastung und Beanspruchung zu reduzieren.
Methoden Die Entwicklung der arbeitsmedizinischen Intervention erfolgte nach einem zweistufigen Verfahren. Im ersten Teil wurden die Gefährdungen durch Erhebungen vor Ort sowie eine Literaturrecherche systematisch erfasst und kategorisiert. Im zweiten Schritt erfolgte ein Recherche nach erfolgreichen arbeitsmedizinischen Interventionen in Schwellen- und Entwicklungsländern und deren Methoden (z.B. das WIND training programme).
Ergebnisse Die Intervention wird als 3tägiger Workshop mit einer partizipativen Komponente und praktischen Übungseinheiten konzipiert. Der Workshop wird in die Bereiche (i) Hazards, (ii) Health and Safety Procedures, (iii) Occupational Hygiene und (iv) Environment and Health unterteilt. Der partizipatorische Ansatz erfolgt durch gemeinsame Begehungen der verschiedenen Arbeitsplätze auf dem Schrottplatz und Diskussionsrunden, in den die Arbeiter Probleme und praktische Lösungsansätze selbst erarbeiten.
Schlussfolgerung Obwohl gute Vorlagen für die Entwicklung arbeitsmedizinischer Interventionen in Entwicklungsländern existieren, ist die Berücksichtigung lokaler Gegebenheiten essentiell für einen zielgerichteten Ansatz.
Frau Dr. med. Andrea Kaifie
Ein Schuljahr Gefährdungsbeurteilung schwangere Schülerinnen. Erkenntnisse zur Gefährdungslage in Schule & Schulpraktikum in Rheinland-Pfalz (Kathrin Bogner, Ann-Kathrin Jakobs)
Zielsetzung:
Das Mutterschutzgesetz gilt seit Januar 2018 auch für Schülerinnen. In Rheinland-Pfalz berät das Institut für Lehrergesundheit (IfL) Schulleitungen bei Durchführung der Gefährdungsbeurteilung (GBU). Die GBU erfolgt über ein Online-Tool, erfragt werden mögliche physikalische, biologische und chemische Gefährdungen sowie weitere Belastungen in Schule aber auch in Praktikumseinrichtungen. Anhand der Daten der GBU und unter Einbeziehung von Immunitätsnachweisen nehmen die Arbeitsmediziner*innen des IfL Stellung zur Gefährdung der schwangeren Schülerin. Ergebnisse dieser Gefährdungen werden hier präsentiert.

Methode:
Die deskriptive Datenanalyse umfasst GBU von 144 schwangeren Schülerinnen des Schuljahres 19/20.

Ergebnisse:
Die schwangeren Schülerinnen waren zwischen 13 und 40 Jahren alt (Median 20 Jahre; Mittelwert 21,3 Jahre; SD 5,0), der Anteil der Minderjährigen lag bei 29,3%. 79% der schwangeren Schülerinnen wurden an berufsbildenden Schulen, 12,5% an Realschulen Plus und 6,3% an Förderschulen ausgebildet/ beschult. Im Bereich Schule sind Gefährdungen durch biologische Stoffe am ehesten durch erkrankte Mitschüler zu erwarten, chemische (18%) und physikalische (6,25%) Gefährdungen zeigen sich in den Fächern Physik, Chemie und bei Arbeiten in Werkstattbereichen. Sportunterricht wird ebenfalls als Gefahrenquelle bewertet (33,3%). Die Beurteilung der Immunität war schwierig, weil relevante Dokumente nicht vorgelegt wurden (77,6% der Fälle unvollständig). Insgesamt zeigen Immunität gegen Masern 54,9% der schwangeren Schülerinnen, Mumps 55,6%, Röteln 62,5%, Ringelröteln 18,8% und Windpocken 38,2%. Bei fehlender oder unbekannter Immunität wird ein Fernbleiben von der Schule empfohlen. Organisatorische Änderungen im Schulalltag der schwangeren Schülerin, damit diese weiter die Schule besuchen kann (bspw. Liegeraum, adäquate Sitzgelegenheit) wurden in 60% der Fälle ausgesprochen. Schulpraktika waren in 13,9% der Fälle geplant, in weiteren 16,0% der Fälle war es zum Zeitpunkt der GBU noch unbekannt. Weitere Daten zur detaillierten Gefährdungslage in Schulpraktika werden noch bis Ende 2020 ausgewertet.

Schlussfolgerungen:
Der „Arbeitsplatz Schule“ kann für Schülerinnen viele und vielfältige Gefährdungen beinhalten. Die Daten der GBU des Schuljahres 19/20 geben eine Möglichkeit, detaillierte Kenntnisse darüber zu erlangen. Ziel sollte sein, schwangeren Schülerinnen den Schulbesuch ohne Gefährdung zu ermöglichen.
Frau Dr. Ann-Kathrin Jakobs
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Ergebnisse aus der Schwangerschaftsdokumentation in einem Großunternehmen der chemischen Industrie (Matthias Claus, Michael Schuster, Christoph Oberlinner)
Einleitung: Seit über 20 Jahren dokumentiert und evaluiert das Corporate Health Management der BASF SE auf freiwilliger Basis die Schwangerschaften ihrer Mitarbeiterinnen. Schwerpunkte der Dokumentation liegen auf Schwangerschaftsverläufen (z.B. Dauer und mögliche Komplikationen) sowie Outcomes bei Neugeborenen (z.B. Geburtsgewicht, Fehlbildungen). Es wurden bereits mehrere Auswertungen über die Zeiträume 1997-2002 sowie 2003-2010 durchgeführt und publiziert. Die vorliegende Auswertung stellt dabei ein Update für den Zeitraum von 2011 bis 2017 dar. Die Datenanalyse ist aktuell noch nicht abgeschlossen, auf dem Poster werden umfangreichere Analysen aufgeführt.
Methoden: Es werden Daten aus einer Schwangerschaftsdokumentation verwendet, welche zwischen 2011 und 2017 per Fragebogen bei schwangeren Mitarbeiterinnen der BASF SE am Standort Ludwigshafen am Rhein erhoben wurden. Die Schwangerschaftsverläufe wurden durch drei Fragebögen erhoben, zum Schwangerschaftsbeginn, zum Schwangerschaftsende, sowie ein Jahr nach der Geburt. Zur Evaluation von Assoziationen zwischen Charakteristika der Arbeitsumgebung sowie Lebensstilfaktoren der Mutter und potentiellen Schwangerschaftskomplikationen sowie Schwangerschaftsdauer werden Regressionsanalysen verwendet.
Ergebnisse: Von 2011-2017 wurden uns 2123 Schwangerschaften von 1561 Frauen gemeldet. Von diesen haben 1164 Mitarbeiterinnen (74,6%) mit insgesamt 1489 Schwangerschaften an der Befragung teilgenommen. Die Frauen waren zur Studienteilnahme durchschnittlich 34 Jahre alt. Etwas mehr als ein Drittel der Teilnehmerinnen (35,2%) war dabei vor der Schwangerschaft im Labor oder in der Produktion tätig, zwei Drittel (64,8%) hingegen hatten eine Bürotätigkeit. Die durchschnittliche Schwangerschaftsdauer lag bei 39,5 Wochen (SD: 1,7). Bei 5,9% aller Schwangerschaften lag eine Frühgeburt (<37 Wochen) vor, in 11,5% der Schwangerschaften traten Blutungen vor der 14. Schwangerschaftswoche auf, in 44,4% Übelkeit und in 1,5% Bluthochdruck. Bezüglich der genannten Faktoren zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Labor-/Produktionsmitarbeiterinnen und Mitarbeiterinnen im Büro.
Diskussion: Die Beteiligung der Frauen an der Befragung kann mit 75% als durchaus hoch angesehen werden. Die umfangreiche Schwangerschaftsdokumentation wird von den teilnehmenden Frauen sehr geschätzt und eignet sich auch für eine umfassende Beratung von werdenden Müttern hinsichtlich allen Lebensstileinflüssen während der Schwangerschaft.
Herr Dr. Matthias Claus
Corporate Health Management, BASF SE
Thursday
18 Mar
11:30 - 12:30
Poster
Digitalisierung
In dieser Session werden die Poster als Kurzvorträge präsentiert.
Room: Zoom-Raum 3
Chair(s): Stefan Sammito
Digitale Konzepte im Betrieblichen Gesundheitsmanagement – eine vergleichende Analyse (Johanna Möller, Manfred Betz, Jan Spaar, Lars Schirrmacher)
Einleitung
Mit der Corona-Pandemie hat die Digitalisierung der Arbeitswelt eine deutliche Beschleunigung erfahren. Entsprechend nehmen auch die digitalen Ansätze im Betrieblichen Gesundheitsmanagement zu. Die Studie analysiert und bewertet die digitalen Gesundheits-Plattformen der führenden Anbieter im deutschsprachigen Raum.

Methodik
Anhand von leitfadengestützten Experteninterviews und einer Literaturrecherche wurden die Kriterien zur Bewertung digitaler Plattformen erarbeitet. Bewertet wurden die Produkte von 15 führenden Anbietern digitaler Gesundheitslösungen.
Im ersten Schritt wurden die Rahmenbedingungen (Zertifizierung nach §20 SGV, Referenzen, Gamification, Reporting für Arbeitgeber, Mehrsprachigkeit, Werbeaktionen/Schulungen, eigene App, Verbindung mit anderen Geräten) bewertet und im zweiten Schritt das Konzept (Information, Interaktivität, technische Erweiterung, Gestaltung der Homepage, Qualitätsmanagement). Abschließend werden noch Kosten und Evidenz dargestellt.

Ergebnisse
Internetrecherche und Expertenbefragung ergaben 15 Anbieter von digitalen Gesundheitsplattformen. Hinsichtlich von Aufbau und Inhalt gibt es große Unterschiede zwischen den Plattformen. Lediglich fünf konnten bei den meisten Bewertungskriterien punkten.
Große Unterschiede zwischen den Plattformen finden sich z. B. bei den Zertifizierungen und den Kosten. Die Kosten pro Mitarbeiter im Monat reichen von 0,53 € bis 12,83 €.
Bei Datenschutz und Datensicherheit gab es überraschenderweise keine wesentlichen Mängel zu beanstanden.
In erster Linie werden über die Plattformen verhaltenspräventive Maßnahmen zur Gesundheitsförderung angeboten, verhältnispräventive Maßnahmen sind die Ausnahme.
Die Plattformen haben meist Stärken und Schwächen. So filtert beispielsweise Humanoo per Fragebogen Nutzer mit Problemen heraus und stellt diesen dann problembezogene Informationen zur Verfügung. Exparo hingegen wies im Test die beste Expertenchatfunktion auf. Im Gesamtergebnis schnitten Humanoo, Machtfit und Professionfit am besten ab.
Defizite gibt es beim nachhaltigen Nutzen für die Mitarbeitergesundheit: Kein Anbieter konnte hier eine belastbare wissenschaftliche Evidenz nachweisen.

Schlussfolgerungen
Die untersuchten digitalen Plattformen weisen Stärken und Schwächen auf. Ein Unternehmen sollte zunächst ein Anforderungsprofil erstellen und dann die Plattform auswählen, die den eigenen Anforderungen am besten entspricht.
Frau Johanna Möller
Technische Hochschule Mittelhessen
Nutzung von Gesundheits- und Fitness-Apps durch junge Erwachsene (Jan Spaar, Manfred Betz)
Einleitung
Es gibt mehr als 300.000 Gesundheits- und Fitness-Apps. Die Qualität und der Nutzen der digitalen Gesundheitsanwendungen sind sehr unterschiedlich. Ein wissenschaftlich belastbarer Wirksamkeitsnachweis existiert meist nicht. Es gibt zwar mittlerweile viele Zertifikate, die die Qualität der Apps belegen sollen, diese sind aber weder unabhängig noch transparent.
Ziel der Pilotstudie war es, herauszufinden, welche Faktoren junge Erwachsene bei der Auswahl und Nutzung von Gesundheits-Apps beeinflussen. Zudem wurde der Umgang mit dem Smartphone im Gesundheitskontext untersucht [1].
Methode
300 junge Erwachsene (29 % ♂, 71 % ♀) wurden zu ihrem Umgang mit ihrem Smartphone sowie zu Gesundheits- und Fitness-Apps befragt. Das mittlere Alter lag bei 23,4 ± 2,6 Jahren. Der Fragebogen bestand aus 27 Fragen und konnte innerhalb von 15 Minuten beantwortet werden. Befragung und Auswertung erfolgten mit Hilfe des Programms Grafstat.
Ergebnisse
Junge Erwachsene nutzen ihr Smartphone im Mittel 4,3 ± 1,9 Stunden/Tag. Fast alle (97 %) nutzen ihr Smartphone auch im Schlafzimmer. Dabei können akustische oder optische Signale den nächtlichen Schlaf stören.
Junge Erwachsenen nutzen ihr Smartphone überwiegend zur Kommunikation über diverse Chatprogramme (98 %). Es folgen Socialmedia (66 %) und Musik hören (33 %). Von durchschnittlich 43,4 installierten Apps sind lediglich 1,8 Gesundheits-Apps. Häufigste Themen der Gesundheits-Apps sind Fitness/Bewegung (71 %), Diäten/Körpergewicht (63 %) und Menstruationsprotokolle (41 %).
Am wichtigsten bei der Auswahl einer App waren den jungen Erwachsenen die Kosten (71 %). Nur 10 % hielten eine zertifizierte App für wichtig. 82 % kannten keine Zertifikate für Gesundheits- und Fitness-Apps. Noch unbekannter waren die Inhalte der verschiedenen Zertifikate bzw. was diese über die Apps aussagen. Weitere wichtige Auswahlkriterien waren die Übersichtlichkeit (48 %) und der Datenschutz (47 %).
Schlussbetrachtung
Wichtigstes Kriterium bei Gesundheits- und Fitness-Apps für die Zielgruppe junge Erwachsene sind die Kosten, inhaltliche und Qualitäts-Aspekte spielen eine untergeordnete Rolle. Es gilt, junge Erwachsene für einen gesundheitsgerechten Umgang mit ihrem Smartphone sowie qualitativ hochwertigen digitalen Gesundheitsanwendungen zu sensibilisieren und zu schulen. Dies kann im schulischen wie auch im betrieblichen Umfeld erfolgen.
Herr Jan Spaar
Entwicklung einer digitalen Plattform zur betrieblichen Gesundheitsförderung auf Frachtschiffen im Rahmen des Projektes e-healthy ship (Lukas Belz, Dorothee Dengler, Jan Heidrich, Felix Neumann, Susanne Langer-Böhmer, Thomas von Münster, Nicola Westerhoff, Birgit-Christiane Zyriax, Volker Harth, Marcus Oldenburg)
Hintergrund: Aufgrund der üblicherweise mehrmonatigen Einsatzzeiten der Seeleute im geschlossenen Sozialsystem an Bord gibt es auf Frachtschiffen selten systematische Ansätze zur betrieblichen Gesundheitsförderung. Da die Seeleute während ihres Langzeit-Einsatzes auch ihre Freizeit an Bord verbringen, kommt der Prävention gerade hier eine besondere Bedeutung zu.
Methoden: Im Rahmen des Projekts e-healthy ship wurde eine auf der Open Source Lernsoftware „moodle“ basierende Gesundheitsplattform entwickelt. Das Konzept umfasst neben zielgruppenorientierten Gesundheitsinformationen auch einen interaktiven Teil sowie gesundheitsbezogene Wettbewerbe zwischen Schiffsbesatzungen und spezifische Unterstützungsangebote für den Koch und den für den medizinischen Bereich verantwortlichen Offizier.
Ergebnisse: Die Entwickelte moodle-Plattform umfasst über 70 Kurse mit einem breiten thematischen Angebot. Der kalendergesteuerte Teil besteht u.a. aus Tagestipps und einem wöchentlichen Quiz. Die Plattform kann von Seeleuten über ein schiffseigenes Intranet auf diversen eigenen Endgeräten genutzt werden. Einige Angebote werden auch auf Monitore an öffentlichen Orten an Bord übertragen. Um die Motivation zu erhöhen, gibt es ein Belohnungssystem. Außerdem gibt es mehrere Möglichkeiten zur Evaluation seitens der Nutzer und durch anonymisierte Auswertung der Nutzungsdaten, die eine stetige Verbesserung ermöglichen.
Über die Internetverbindung des Schiffes wird der lokale Server mit einem zentralen Server an Land synchronisiert, so dass kontinuierlich eine Anpassung der Inhalte erfolgt. Für Wettbewerbe zwischen verschiedenen Schiffen werden darüber hinaus die Daten der im Rahmen des Projektes angeschafften, identischen Trainingsgeräte in regelmäßigen Abständen an Land übertragen und anonymisiert ausgewertet.
Schlussfolgerungen und Ausblick: Die entwickelte Plattform ermöglicht Seeleuten einen offline-Zugang zu Gesundheitsinformationen, die aufgrund des eingeschränkten Zugangs zum Internet an Bord ansonsten nicht verfügbar wären. In einer mehrmonatigen Pilotphase wird die Software ab Ende 2020 an Bord von vier Frachtschiffen auf Praxistauglichkeit und Anwenderfreundlichkeit getestet und optimiert.
Herr Lukas Belz
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Nutzung von Gesundheits-Apps unter Seeleuten (Luciano Arslan, Dorothee Dengler, Lukas Belz, Thomas von Münster, Jan Heidrich, Stefanie Mache, Felix Neumann, Birgit-Christiane Zyriax, Volker Harth, Marcus Oldenburg)
Einleitung
Der Beruf eines Seemanns ist durch zahlreiche gesundheitliche Gefahren, wie Isolation infolge von Langzeitaufenthalten an Bord oder ganztägig bestehende physikalische Einwirkungen, geprägt. Maßnahmen einer betrieblichen Gesundheitsförderung an Bord, z.B. auch durch Einsatz von Gesundheits-Apps, sind daher wünschenswert. Im Rahmen des drittmittelfinanzierten Projekts e-healthy ship wurde das Interesse von Seeleuten an und die Nutzung von Gesundheits-Apps als Maßnahme der Gesundheitsförderung untersucht.

Methoden
Mittels eines elektronischen Fragebogens wurden 74 Seeleute auf drei Schiffen zweier deutscher Reedereien zur Nutzung von Gesundheits-Apps befragt. 73 Seemänner beteiligten sich an dieser Studie. Das multikulturelle Untersuchungskollektiv an Bord setze sich aus 32,9% Europäern und 67,1% Nicht-Europäern zusammen.

Ergebnisse
Über 60% der befragten Seeleute favorisierten die Vermittlung von Gesundheitsinhalten über elektronische Medien (22% Apps, 21% Fernsehgerät im Speiseraum und 18% DVDs). 95% der Seefahrer besaßen ein eigenes Smartphone, von denen 84% eine Gesundheits-App im Rahmen einer betrieblichen Gesundheitsförderung herunterladen und ausprobieren würden. Dieses wurde signifikant häufiger von ostasiatischen im Vergleich zu europäischen Seeleuten angegeben. Das größte Interesse bestand in den Bereichen „Sport“ (26%), „Allgemeine Gesundheit“ (17%) und „ausgewogene/ gesunde Ernährung“(13%).
Für die Verwendung an Bord zählten die Offline-Nutzbarkeit (67%) und einfaches Handling (56%) zu den wichtigsten Eigenschaften dieser Apps. Auch ein App-basiertes Bewegungstracking über längere Zeiträume wurde von vielen, oftmals ost-asiatischen Seeleuten als wichtig wahrgenommen (48%). 15% der befragten Seeleute wünschten sich außerdem nutzbare Apps in ihrer Heimatsprache.

Diskussion
Die technischen Voraussetzungen (Besitz eines Smartphones), das Interesse an verschiedenen Gesundheitsthemen und die Bereitschaft, im Projekt empfohlene Gesundheits-Apps zu nutzen, scheinen unter Seefahrern hinreichend gegeben zu sein. Die Ergebnisse dieser Befragung weisen darauf hin, dass sich das Interesse an App-basierter Gesundheitsintervention kulturspezifisch an Bord unterscheidet. Bei der Auswahl zu empfehlender Apps müssen, neben allgemeinen qualitativen Anforderungen, kulturbezogene Unterschiede und maritime Besonderheiten (z.B. auf hoher See ausschließliche Offline-Nutzbarkeit, Multilingualität in multikulturellen Kollektiven) berücksichtigt werden.
Herr Luciano Arslan
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Thursday
18 Mar
11:30 - 12:30
Poster
Belastung und Beanspruchung I
In dieser Session werden die Poster als Kurzvorträge präsentiert.
Room: Zoom-Raum 4
Chair(s): Anke van Mark and Wolfgang Fischmann
Prävention und gesundheitsfördernder Umgang mit arbeitsbedingtem Technostress – Ein Scoping Review (Elisabeth Rohwer, Volker Harth, Stefanie Mache)
Zielsetzung: Die COVID-19-Pandemie hat die zunehmende Digitalisierung der Arbeitswelt im vergangenen Jahr stark vorangetrieben. Durch die zunehmende Arbeit mit verschiedenen Informations- und Kommunikationstechnologien kann spezifischer, sogenannter Technostress entstehen. Während verschiedene auslösende Technostressoren bereits umfassend erforscht wurden, zeigt sich eine großer Forschungsbedarf hinsichtlich der Prävention, Interventionen und dem gesundheitsfördernden Umgang mit Technostress. Ziel der Studie ist es, einen systematischen Überblick über die bereits vorliegenden empirischen Erkenntnisse in Bezug auf Prävention, Interventionen und Coping-Strategien im Umgang mit arbeitsbedingtem Technostress zu erstellen.

Methoden: Anhand eines Scoping Reviews wurde die wissenschaftliche Studien- und Datenlage zu Verhaltens- und Verhältnisprävention, Interventionen und Coping-Strategien im Umgang mit arbeitsbedingtem Technostress aufgearbeitet. Bei der Recherche wurden die Datenbanken PubMed, MEDLINE, PsycINFO, PSYNDEX und Web of Science bis einschließlich November 2020 einbezogen. Die Studienauswahl erfolgte anhand vorab festgelegter Ein- und Ausschlusskriterien. Die Qualität der eingeschlossenen Studien wurde anhand der standardisierten Verfahren des Joanna Briggs Institutes bewertet.

Ergebnisse: Das Review beinhaltet Studien mit quantitativen und qualitativen Studiendesigns. Es wurden verschiedene Maßnahmen im gesundheitsfördernden Umgang mit Technostress im Arbeitskontext ermittelt. Diese beziehen sich unter anderem auf Achtsamkeit zur Reduktion negativer Beanspruchungsfolgen von Technostress.

Schlussfolgerungen: Das Review bietet einen Überblick über bereits empirisch erforschte Maßnahmen im Umgang mit arbeitsbedingtem Technostress in Form der Zusammenführung bisheriger Forschungserkenntnisse. Die Ergebnisse verdeutlichen den weiteren Forschungsbedarf insbesondere hinsichtlich zielgerichteter betrieblicher Präventions- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen in Bezug auf Technostress im Arbeitskontext.
Frau Elisabeth Rohwer
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Arbeitsbedingter psychosozialer Stress in kleinen und mittleren Unternehmen: ein integrativer Review (Elena Schreibauer, Melina Hippler, Stephanie Burgess, Monika A. Rieger, Esther Rind)
Hintergrund und Zielsetzung:
Arbeitsbedingter psychosozialer Stress kann zu psychischen und physischen Erkrankungen führen, die hohe Kosten für den Einzelnen, die Wirtschaft und die Gesellschaft verursachen. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) beschäftigen die Mehrheit der weltweiten Belegschaft und verfügen im Vergleich zu größeren Unternehmen oft über weniger finanzielle und personelle Resourcen. Ziel dieses integrativen Review ist es, den aktuellen Wissensstand über arbeitsbedingten Stress in KMUs, unter der Verwendung von etablierten Kategorisierungen psychsosozialer Faktoren bei der Arbeit, zusammenzufassen.
Methoden:
Von März bis Juni 2019 wurde eine systematische Datenbankrecherche in PubMed, PsycINFO, PSYNDEX und Business Source Premiere durchgeführt,die im Januar 2020 aktualisiert wurde. Die Entwicklung des breit angelegten Suchstrings und die Definition der Ein-und Ausschlusskriterien erfolgte nach dem PEO-Schema (population, expression, outcome). Das Screening von Titel und Abstract sowie das Volltextscreening erfolgte durch zwei unabhängige Reviewer nach zuvor festgelegten Ein- und Ausschlusskriterien. Die Daten der eingeschlossenen Studien wurden analysiert und in fünf Themenbereiche eingeordnet: "Arbeitsinhalt und Aufgabe", "Arbeitsorganisation", "soziale Beziehungen", "Arbeitsumfeld" und "neue Arbeitsformen".
Ergebnisse:
Nach Volltextscreening wurden 45 von 116 Studien zur Datenextraktion eingeschlossen. Die Studien waren sehr heterogen und von unterschiedlicher Qualität, wobei meist ein querschnittliches Studiendesign angewandt wurde. Untersucht wurden hauptsächlich psychosoziale Faktoren in KMU mit Schwerpunkt auf den Themenfeldern "Arbeitsorganisation" und "Arbeitsinhalt und -aufgabe". Neue psychosoziale Faktoren, wie Belastungen durch Digitalisierung und durch neue Arbeitsformen, waren weniger beforschte Bereiche.
Diskussion:
Dieser Review unterstreicht den Bedarf an mehr und qualitativ besserer Forschung zu psychosozialen Faktoren in KMU, insbesondere im Zusammenhang mit den aktuellen und neuen Herausforderungen am Arbeitsplatz. Hierzu zählen neben Stressoren, die durch den Prozess der Digitalisierung entstehen, auch zukünftige Herausforderungen wie die Entwicklung sicherer Arbeitsbedingungen beim Auftreten neuer Infektionskrankheiten auch in Folge veränderter klimatischer Bedingungen.

Frau Elena Schreibauer
Insitut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung Universität Tübingen
Analyse arbeitsbedingter Belastungsfaktoren und Ressourcen von Beschäftigten in Inklusionsbetrieben sowie Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung – Ein Scoping Review (Ann-Christin Kordsmeyer, Julia Christine Lengen, Niklas Kiepe, Volker Harth, Stefanie Mache)
Zielsetzung: Inklusionsbetriebe bieten Menschen mit einer Schwerbehinderung die Möglichkeit einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Mit der Gesetzesänderung im SGB IX (§§ 215-218) vom 01.01.2018 sind Inklusionsbetriebe in Deutschland dazu verpflichtet, Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung vorzuhalten. Ziel der Studie ist es, einen systematischen Überblick über die wissenschaftliche Literatur in Bezug auf arbeitsbedingte Belastungen und Beanspruchungen, Ressourcen, Coping Strategien und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung in Inklusionsbetrieben zu erstellen.
Methoden: Anhand eines Scoping Reviews wurde die Studien- und Datenlage zu arbeitsbedingten Belastungsfaktoren, Ressourcen und Beanspruchungen, Coping-Strategien sowie zum Stand der betrieblichen Gesundheitsförderung in Inklusionsbetrieben aufgearbeitet. Die Studienauswahl erfolgte anhand vorab festgelegter Ein- und Ausschlusskriterien. Es wurden die Datenbanken PubMed, MEDLINE, PsycINFO, PSYNDEX, CINAHL und Web of Science im Zeitraum zwischen 2000 und 2019 einbezogen. Darüber hinaus wurde die Qualität eingeschlossener Studien in einem standardisierten Verfahren bewertet.
Ergebnisse: In dem Review wurden 25 Studien mit quantitativen, qualitativen und Mixed-Method-Designs eingeschlossen. Auf der einen Seite wurden verschiedene arbeitsbezogene Belastungsfaktoren wie etwa Unwohlsein bei sozialen Interaktionen (z. B. im Kontakt mit Kundschaft) oder Zeitdruck sowie personenbezogene Risikofaktoren (z. B. Selbststigmatisierung) beschrieben. Auf der anderen Seite wurden bedingungsbezogene Ressourcen wie soziale Unterstützung oder Flexibilität in Bezug auf Arbeitszeit und Arbeitsmenge sowie personenbezogene Ressourcen (z. B. arbeitsbezogene Selbstwirksamkeit) berichtet. In der Literatur konnten keine Interventionsstudien zur betrieblichen Gesundheitsförderung in Inklusionsbetrieben identifiziert werden. Aufbauend auf den Analyseergebnissen konnten Empfehlungen zur betrieblichen Gesundheitsförderung in Inklusionsbetrieben abgeleitet werden.
Schlussfolgerungen: Es konnten neue arbeits- und organisationspsychologische Erkenntnisse über die Arbeits- und Gesundheitssituation von Beschäftigten in Inklusionsbetrieben gewonnen werden. Es besteht weiterer Forschungsbedarf im Rahmen der Gestaltung von evidenzbasierten betrieblichen Gesundheitsförderungsmaßnahmen in Inklusionsbetrieben.
Frau Ann-Christin Kordsmeyer
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Arbeitsbedingte Ressourcen und Belastungen von Beschäftigten in Inklusionsbetrieben (Julia Christine Lengen, Ann-Christin Kordsmeyer, Volker Harth, Stefanie Mache)
Arbeitsbedingte Ressourcen und Belastungen von Beschäftigten in Inklusionsbetrieben

Zielsetzung
Inklusionsbetriebe bieten Menschen mit psychischen, geistigen, körperlichen, Sinnes- und Mehrfachbehinderungen eine Beschäftigungsmöglichkeit (§ 215 Abs. 2, SGB IX) mit arbeitsbegleitender Unterstützung und Berücksichtigung individueller Bedarfe im beruflichen Setting. In Deutschland beschäftigen Inklusionsbetriebe einen Anteil von 30 bis 50% Menschen mit einer Behinderung (§ 215, Abs. 1 und 3 SGB IX).
Ziel der Studie ist es, die Ressourcen und die negativen Belastungsfaktoren der Zielgruppe zu ermitteln, die im Rahmen ihrer Arbeitstätigkeit im Inklusionsbetrieb auf die Beschäftigten einwirken.
Methoden
Es wurden qualitative Fokusgruppen mit Beschäftigten in mehreren norddeutschen Inklusionsbetrieben zwischen September und November 2020 durchgeführt. Die Betriebe sind unter anderem in den Branchen Gastronomie, Reinigung und Garten- und Landschaftsbau tätig.
Mittels eines halbstrukturierten Interviewleitfadens in leichter Sprache (mit Nutzung von arbeitsspezifischen Comic-Grafiken) wurden die Beschäftigten nach positiven und negativen Aspekten ihrer Arbeit befragt. Die Fokusgruppen wurden aus im Arbeitskontext bestehenden Teams, also in Realgruppen, von 3-6 Personen zusammengesetzt und befragt. Eine Auswertung der transkribierten Audioaufnahmen erfolgte mittels der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring.
Ergebnisse
Hinsichtlich Alter, Geschlecht und Art der Behinderung wurde eine heterogene Zusammenstellung der Fokusgruppen angestrebt. Die Beschäftigten beschreiben diverse Ressourcen in ihrem Arbeitskontext, darunter einige arbeitsorganisatorische und arbeitsinhaltliche Faktoren. Die meisten Ressourcen liegen jedoch im Bereich der sozialen Unterstützung, wie beispielsweise ein unterstützendes Arbeitsumfeld und eine kollegiale Arbeitsatmosphäre. Die genannten Belastungen sind häufig branchenspezifisch und teilweise ebenfalls im Bereich der sozialen Beziehungen angesiedelt.
Schlussfolgerung
Beschäftigte in Inklusionsbetrieben verfügen über eine Vielzahl von Ressourcen, vor allem im Bereich der sozialen Unterstützung. Die beschriebenen Belastungen sind häufig branchen- und tätigkeitsspezifisch. Die erhobenen Daten zu Belastungen und Ressourcen aus Beschäftigtensicht stellen eine Basis für die Entwicklung betrieblicher Gesundheitsförderungsmaßnahmen in Inklusionsbetrieben dar.
Frau Julia Christine Lengen
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Belastung und Beanspruchung pflegender Angehöriger – Ein systematisches Review (Elisabeth Wischlitzki, Sarah Lehner, Hans Drexler, Regina Lösch)
Einleitung
Ehrenamtliche Pflege von Angehörigen ist ein wichtiger Pfeiler in unserem Gesundheitssystem. Jedoch kann die Doppelbelastung insbesondere von Menschen, welche noch im Berufsleben stehen, zu enormen Herausforderungen und auch zu gesundheitlichen Einschränkungen führen. Ziel dieses systematischen Reviews ist es, den aktuellen Stand der Forschung zu Belastung und Beanspruchung pflegender Angehöriger zu eruieren.
Methoden
Eine systematische Literaturrecherche wurde anhand der elektronischen Datenbanken Medline und PSYNDEX durchgeführt. Die Ergebnisse wurden mittels zuvor gemäß PICO (participants, interventions, comparisons, outcomes) definierter Ein- und Ausschlusskriterien jeweils von zwei Gutachtern*innen unabhängig voneinander ausgewertet [1].
Ergebnisse
Bis zum Zeitpunkt der Einreichung des Abstracts wurden 518 Treffer gescreent und 55 Studien in die qualitative Analyse eingeschlossen. Ein Update der Studienlage wird durchgeführt.
Beeinflusst wird die gesundheitliche Situation der pflegenden Angehörigen gemäß der Studien insbesondere durch den Pflegeumfang, den Schweregrad der Symptomatik sowie die Beziehung zum Patienten. Im Rahmen der gesundheitlichen Konsequenzen weisen die Studien insbesondere auf eine depressive Symptomatik der pflegenden Angehörigen hin.
Diskussion
Die eingeschlossenen Publikationen beziehen sich weitestgehend auf Gelegenheitsstichproben. Es muss dabei in Erwägung gezogen werden, dass sich insbesondere jene Personen an Studien beteiligt haben könnten, welche noch über ausreichende zeitliche und emotionale Kapazitäten verfügten und somit unter Umständen auch einen besseren Gesundheitszustand aufwiesen. In diesem Zusammenhang ist ein möglicher Selektionsbias zu berücksichtigen.
Schlussfolgerung
Insbesondere der Betriebsarzt kann auf Basis seiner Schweigepflicht einen wertvollen Beitrag leisten, auf die gesundheitliche Situation pflegender Angehöriger im Betrieb einzugehen und hier positiv einzuwirken. Die vorliegenden Daten können hier unterstützend herangezogen werden, um die Situation sowie mögliche gesundheitliche Folgen der Betroffenen einschätzen zu können.
Frau Elisabeth Wischlitzki
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Alkoholkonsum unter Seeleuten (Elisabeth Stoll, Klaus Püschel, Volker Harth, Marcus Oldenburg)
Hintergrund
Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben mehrere Studien die Bedeutung des Alkoholkonsums bei Seeleuten und Fischern untersucht und auf die damit verbundenen Gefahren insbesondere während der Arbeitszeit hingewiesen. Die vorliegende Studie soll einen Überblick über die aktuelle Prävalenz des Alkoholkonsums bei Seeleuten und Fischern unter Berücksichtigung von soziodemografischen und berufsbezogenen Einflussfaktoren geben.

Methoden
Es erfolgte ein systematischer Review in der PubMed-Datenbank. Einschluss-kriterien waren alle Studien, die zwischen Januar 2014 und September 2019 publiziert wurden und folgendem Suchstring entsprachen: (Alkohol ODER Ethanol) UND (Seefahrer ODER Fischer ODER Schiffsbesatzung ODER Handelsschiff).

Ergebnisse
Auf der Grundlage des verwendeten Suchstrings wurden 18 Studien identifiziert, von denen dreizehn in die weitergehenden Analysen eingeschlossen wurden. Die Studien zeigten eine große Streuung in der Alkoholprävalenz von 11,5% bis 89,5% (Median 53,0%). Für das Kollektiv der Seeleute waren keine Angaben zur weiteren Stratefizierung verfügbar. Im Kollektiv der Fischer ist der Alkoholkonsum im Untersuchungszeitraum zurückgegangen (56,9% (2010 - 2014) gegenüber 42,3% (2015 - 2018)). Hinsichtlich der soziodemografischen Parameter zeigte sich, dass ein Alkoholkonsum unter Fischern > 60 Jahre (15,0%) weniger verbreitet war. Darüber hinaus wurde eine höhere Prävalenz des Alkoholkonsums bei Personen mit niedrigerer Schulbildung objektiviert (63,9%). In Bezug auf berufsbezogene Daten gaben 61,0% der alkoholkonsumierenden Fischer an, aufgrund des Alkoholkonsums jemals in einen Unfall verwickelt gewesen zu sein.

Diskussion
Der Alkoholkonsum unter Fischern ist in den letzten Jahren rückläufig gewesen. Im Vergleich zur europäischen Landbevölkerung weisen Seeleute und Fischer zumindest während ihres Aufenthalts an Bord eine geringere Prävalenz eines Alkoholkonsums auf. Aufgrund der nur begrenzt zur Verfügung stehenden Daten - insbesondere für Seeleute - werden weitere Studien zur Erhebung des Alkoholkonsums unter Schiffsbesatzungen empfohlen. Diese sollten auch mehr Kenntnisse zum Alkoholkonsum in Bezug auf soziodemografische und berufsbezogene Faktoren liefern.
Herr PD Dr. Marcus Oldenburg
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Thursday
18 Mar
11:30 - 12:30
Poster
Gefahrstoffe I
In dieser Session werden die Poster als Kurzvorträge präsentiert.
Room: Zoom-Raum 6
Chair(s): Bernd Roßbach and Klaus Golka
Gefahrstoffe im Gesundheitsdienst (Gabriele Halsen)
Zielsetzung
Desinfizieren, Verabreichen von Arzneimitteln, Tätigkeiten im Labor und mit Inhalationsanästhetika bringen für Beschäftigte im Gesundheitsdienst viele Gefährdungen mit sich. Die DGUV Information 213-032 „Gefahrstoffe im Krankenhaus – Pflege- und Funktionsbereiche“ mit Stand Oktober 2010 sollte grundlegend überarbeitet werden. Die Anforderungen des Gefahrstoffrechts und der aktuelle Wissensstand zu Gefährdungen und Schutzmaßnahmen sollten eingebracht werden. Der Anwendungsbereich sollte analog zur TRGS 525 „Gefahrstoffe in Einrichtungen der medizinischen Versorgung“ auf den gesamten Gesundheitsdienst erweitert werden.

Methoden
Erarbeitet wurde die DGUV Information 213-032 in den Sachgebieten „Gefahrstoffe“ und „Gesundheitsdienst“ der DGUV unter der Leitung der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Das Vorgehen bei der Gefährdungsbeurteilung und Informationen zu wesentlichen Gefahrstoffen wurden für die Branche zusammengefasst und verständlich dargestellt. Neue Anwendungen und Themengebiete wurden ermittelt und aktuell bewertet. Aspekte der Hautgefährdung, der arbeitsmedizinischen Vorsorge und des Mutterschutzes wurden von Arbeitsmedizinern behandelt.

Ergebnisse
Neu aufgenommen wurden die Gefahrstoffgruppen medizinische Gase und Rauchgase. Für die Branche Zahnmedizin werden Gefährdungen durch Methacrylate, Säuren, Dentalamalgam und Lachgassedierung dargestellt. Zudem werden Kurzinformationen zu Kunststoffen in der Orthopädie und Chirurgie, Raumbeduftung und zu Nanopartikeln gegeben.
In Pathologien treten häufig erhöhte Formaldehydkonzentrationen bei unzureichenden Schutzmaßnahmen auf. Die Informationen zur Gefährdungsbeurteilung wurden aktualisiert.
Neue Schwerpunktthemen der Schrift sind Schutzhandschuhe, die Charakterisierung von Tätigkeiten mit geringer Gefährdung sowie Mutterschutz.

Schlussfolgerungen
Der Betriebsarzt oder die Betriebsärztin erhalten konkrete Hinweise, wie gefahrstoffbezogene Gefährdungen im Gesundheitsdienst erkannt und Risiken minimiert werden können. Die Gesundheit der Beschäftigten kann damit systematisch erhalten und verbessert werden.
In den Kapiteln zu den einzelnen Gefahrstoffgruppen sind spezifische Hinweise auf die Gefährdungsbeurteilung für schwangere und stillende Frauen zu finden. Ebenso sind Anlässe für Vorsorgen und die Aufnahme in das Expositionsverzeichnis für Beschäftigte mit Gefährdung gegenüber krebserzeugenden oder keimzellmutagenen Gefahrstoffen aufgeführt.
Frau Dr. Gabriele Halsen
BGW
Bereitstellung valider Verfahren für das Biomonitoring von Pestizid-Belastungen durch die Biomonitoring-Arbeitsgruppe der Ständigen Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der DFG (MAK-Kommission) (Anja Schäferhenrich, Elisabeth Eckert, Thomas Göen, Andrea Hartwig)
Einleitung: Pflanzenschutzmittel und Biozide werden in großem Umfang in der Land- und Forstwirtschaft, zum Vorrats- und Materialschutz sowie in privaten Haushalten angewendet. Eine Exposition gegen die jeweiligen Wirkstoffe ist daher sowohl im Arbeits- als auch im Umweltbereich möglich. Zur Erfassung der individuellen Belastung sind Analysenverfahren für ein Biomonitoring dieser Stoffe von großer Bedeutung.
Methode: Die Arbeitsgruppe "Analysen in biologischem Material" (Biomonitoring-Arbeitsgruppe) der MAK-Kommission erarbeitet, prüft und veröffentlicht seit über 40 Jahren Biomonitoring-Methoden für diverse Pflanzenschutzmittel und Biozide. Dabei musste die Arbeitsgruppe dem zunehmend größeren Wirkstoffspektrum sowie der zunehmend geforderten Nachweissensitivität Rechnung tragen.
Ergebnis: Von der Biomonitoring-Arbeitsgruppe wurden bislang über 30 Methoden zur Erfassung von Pestiziden und Bioziden publiziert bzw. verabschiedet. Darunter befinden sich auch Methoden für Effektparameter, wie der Bestimmung der Acetylcholinesterase- bzw. Cholinesterase-Aktivität und der Neurotoxischen Esterase-Aktivität, sowie Methoden zur Bestimmung von Gruppenparametern, wie Dialkylphosphaten oder Ethylbisdithiocarbamaten. Die substanzspezifischen Methoden decken derzeit 48 Wirkstoffe aus den Substanzklassen der Organophosphate, der Amide, der Triazine, der Triazole, der Organochlorverbindungen, der Neonicotinoide sowie der Pyrethroide ab. Ferner liegen auch Methoden zur Erfassung von Chlorphenoxycarbonsäuren, von Alkylbromiden sowie von zinnorganischen Verbindungen vor.
Durch stetige Aktualisierung des Parameterspektrums wird auch der Zulassung neuer Wirkstoffe Rechnung getragen. So befinden sich derzeit Methoden für ein Biomonitoring von Glyphosat, von Pyrethroiden (erweitertes Parameterspektrum), von Benzoylharnstoffderivaten sowie von phenolischen Pestizidmetaboliten (Organophosphate, Carbamate, Thiophosphorsäureester) in Entwicklung. Auch eine Methode für Tebuconazol wird zurzeit validiert.
Schlussfolgerung: Die MAK-Kommission hat für ein breites Spektrum von Pflanzenschutzmitteln und Bioziden zuverlässige Biomonitoringverfahren bereitgestellt. Zahlreiche Verfahren sind dabei in der Lage sowohl eine berufliche Belastung als auch die allgemeine Hintergrundbelastung zu erfassen.
Frau Dr. Anja Schäferhenrich
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Hemmung der Neurotoxischen Esterase: Bewertung von Studienergebnissen (Wobbeke Weistenhöfer, Hans Drexler, Simone Schmitz-Spanke)
Zielsetzung
Eine Exposition gegen neuropathische Organophosphate kann nach 1 -4 Wochen zu einer peripheren Neuropathie mit axonaler Degeneration sensorischer und motorischer Neurone im Rückenmark und peripheren Nervensystem mit Symptomen von Ataxie und Spastik führen (OPIDN [organophosphorus induced delayed neuropathy]). Als Ursache wird die Inhibierung der Neurotoxischen Esterase angenommen. Die Ständige Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft prüfte die Datenlage zur Evaluierung von Beurteilungswerten in biologischem Material.
Methoden
Die Bestimmung der inneren Belastung durch Inhibitoren der Neurotoxischen Esterase kann über die Messung der Reduktion der Aktivität der Neurotoxischen Esterase in Lymphozyten erfolgen. Eine geprüfte Methode der Kommission liegt vor.
Ergebnisse
Die basale Aktivität der Neurotoxischen Esterase ohne Exposition gegenüber neuropathischen Organophosphaten wurde nur in einigen Studien bestimmt. Es liegen auch nur sehr wenige Daten zur Hemmung der Neurotoxischen Esterase durch neuropathische Organophosphate und zum Auftreten von OPIDN vor. Menschen und Säugetiere scheinen dabei empfindlicher als Hennen zu sein. Beim Menschen führte ein Vergiftungsfall durch ein neuropathisches Organophosphat mit Hemmung der Neurotoxischen Esterase von 50 % zu ersten neurologischen Symptomen, eine Hemmung von 60 % in einem anderen Fall war letal. Aufgrund der intraindividuellen Schwankungsbreite der Aktivität des Enzyms lässt nur die Hemmung der Neurotoxischen Esterase im Vergleich zum Ausgangsbefund eine mögliche Schlussfolgerung zu.
Schlussfolgerungen
Im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge ist bei gegenüber neuropathischen Organophosphaten exponierten Beschäftigten die Aktivität der Neurotoxischen Esterase vor und nach Exposition zu bestimmen, um das Ausmaß einer möglichen Hemmung des Enzyms bestimmen zu können. Zur Bewertung eines Umgangs mit Organophosphaten insgesamt muss in jedem Fall die Aktivität der Acetylcholinesterase mitbestimmt werden, da die Neurotoxische Esterase nur durch einige (neuropathische) Organophosphate gehemmt wird. Zusammenfassend sieht die Kommission die Datenlage für die Ableitung eines Beurteilungswertes in biologischem Material für die Hemmung der Neurotoxischen Esterase als nicht ausreichend an. Die verfügbare Literatur wird jedoch in einer wissenschaftlichen Dokumentation diskutiert.
Frau PD Dr. med. Wobbeke Weistenhöfer
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
THP-1 Monozyten und Mikroplastik: Zytotoxische und mikroskopische Evaluation (Claudia Schindler, Bianca Göhrig, Astrid Rita Regina Heutelbeck)
Einleitung: Plastik ist ein relevantes Material, dessen Nachfrage und Verbrauch über Jahre gestiegen ist. Polystyrol ist dabei ein weit verbreiteter, kostengünstiger (Standard-) Kunststoff, der in vielen Bereichen des täglichen Lebens zum Einsatz kommt. In die Umwelt gelangendes Plastik wird zwar kontinuierlich kleiner, aber nicht vollständig abgebaut. Als Mikroplastik werden Plastikstücke bezeichnet, welche kleiner als 5 mm sind. Als primäres Mikroplastik gelten Basispellets, die das Grundmaterial für die Plastikproduktion darstellen, sekundäres Mikroplastik entsteht durch physikalische, biologische und chemische Degradation von Makroplastikteilen. Nach dem aktuellen Kenntnisstand spielen Kunststoffe in der Umgebungsluft als Partikel eine Rolle, ihr potential bzgl. einer möglichen Gesundheitsschädigung ist noch unzureichend erforscht.
Methodik: Monozyten (THP-1, ATCC, USA) wurden mit PMA (Invitrogen, USA) sowie zusätzlich mit Polystyrol-Beads (Spherotech, USA) von 60, 220 und 700nm über 24 und 48h Stunden inkubiert. Die Reaktion wurde mittels LDH (TaKaRa Bio) und WST-1 (TaKaRa Bio) sowie mikroskopisch evaluiert.
Ergebnisse: Im LDH und WST-1 Test zeigten sich eine allenfalls diskrete Reaktion im Vergleich zu den Kontrollen, die mikroskopischen Kontrollen zeigten nach Inkubation mit den Beads eine von den Kontrollen und der Stimulation mit PMA visuell deutlich abweichenden Zustand der Zellen in Form von vermehrter Vesikelbildung, die aber keine Korrelation zu den Ergebnissen der LDH und WST-1 Tests zeigte.
Diskussion: Unsere Ergebnisse zeigen Hinweise auf eine Reagibilität von Monozyten auf Polystyrol-Beads, die optisch von der physiologischen Differenzierung zum Makrophagen abweicht. Die Zytotoxizität im LDH und WST-1 Test war damit nicht korreliert, weiterführende Untersuchungen sollen evaluieren, ob (andere) zytotoxische Effekte damit verbunden sein könnten.
Frau Dr. Claudia Schindler
Qualitätssicherung des Biomonitorings von Pestiziden und Bioziden (Thomas Göen, Barbara Schaller, Hans Drexler)
Sowohl an spezifischen Arbeitsplätzen als auch in der Allgemeinbevölkerung können Belastungen gegenüber diversen Pestiziden und Bioziden auftreten. Das Spektrum der verwendeten bzw. auftretenden Stoffe reicht von klassischen Wirkstoffgruppen, wie Organophosphate (OPP), Carbamate und Organochlorverbindungen, über Pyrethroide zu den Neonikotinoiden. Aber auch Einzelstoffe, wie Glyphosat, sind prominent. Für einen Teil dieser Stoffe wurden Biomonitoringparameter sowohl etabliert als auch deren Qualität durch Ringversuche gesichert. Im Beitrag soll über das Parameterspektrum und die Ergebnisse der externen Qualitätssicherung für Pestizid-/Biozid-Belastungen, die im Auftrag der DGAUM organisiert wurde (GEQUAS), berichtet werden.
Im GEQUAS wurde das Angebot einer externen Qualitätssicherung für diese Parameter sukzessive ausgebaut. Die Entwicklung des Spektrums der diesbezüglichen Parameter und Parametergruppen wurde ausgewertet. Ferner wurden die Inanspruchnahme sowie die dabei erzielten Ergebnisse ermittelt.
Bereits im Jahr 1983 wurde im GEQUAS mit Pentachlorphenol im Urin erstmalig eine Qualitätssicherung für einen Biozid-Biomonitoringparameter angeboten. 1990 erfolgte die Ergänzung der Pestizid-/Biozid-Parameter durch Organochlorverbindungen in Plasma, wie Lindan, den DDT-Metabolien DDE und Hexachlorbenzol etc. Zwei Jahre später erfolgte die Aufnahme von Parameter für umweltmedizinische Fragestellungen und damit sukzessive auch die von weiterer Pestizid-/Biozid-Parameter, wie z.B. diverse Pyrethroid-Metabliten und Dialkylphosphate in Urin. In den letzten 10 Jahren wurden spezifische Biomonitoringparameter für OPP und Carbamate, 6-Chlornikotinsäure als Parameter für promiente Neonikotinoide, aber auch besondere Einzelparameter für Trichlosan und Glyphosat in Urin hinzugefügt. Fast alle Parameter zeigten nach der Aufnahme in das GEQUAS-Programm steigende Teilnehmerzahlen und eine Stabilisierung der Erfolgsquoten.
Das breite Angebot von GEQUAS für die Qualitätssicherung für Pestizid- und Biozid-Biomonitoring-parameter ist weltweit einzigartig. Es wird deshalb insbesondere auch international mit zunehmendem Interesse angenommen. Dadurch werden sowohl das im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge durchgeführte Biomonitoring aber auch Forschungsarbeiten qualitätsgesichert.
Herr Prof. Dr. rer. nat. Thomas Göen
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen
Humankanzerogen 1,2-Dichlorpropan (Ruth Lohmann, Gunnar Jahnke, Rüdiger Bartsch, Gerlinde Schriever-Schwemmer, Laura Wohak, Andrea Hartwig)
Humankanzerogen 1,2-Dichlorpropan
Lohmann RD, Jahnke G, Bartsch R, Schriever-Schwemmer G, Wohak L, Hartwig A
Ständige Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe (MAK-Kommission), Karlsruher Institut für Technologie, Institut für angewandte Biowissenschaften, Karlsruhe, Deutschland

Zielsetzung: Neubewertung der kanzerogenen Wirkung der chlorierten Kohlenwasserstoff-Verbindung 1,2-Dichlorpropan durch die MAK-Kommission.
Methoden: Auswertung der Gallengangskarzinom-Fallstudien von Druckern in japanischen Offset-Druckereien. Vergleichende Betrachtung mit Kanzerogenitätsstudien bei Nagern. Bewertung der Genotoxizität.
Ergebnis: Ein Cluster an Gallengangskarzinomen mit einem um den Faktor > 1000 erhöhten standardisierten Inzidenzverhältnis (SIR) zur Allgemeinbevölkerung wurde bei Druckern in Japan beobachtet. Neben einem für diesen Tumor sehr jungen Erkrankungsalter war auch die kurze Latenzzeit zwischen Expositionsende und Diagnose auffallend. Die betroffenen Drucker führten Reinigungsarbeiten mit 1,2-Dichlorpropan durch. Trotz vorliegenden Mischexpositionen werden die Tumoren auf den Einsatz von 1,2-Dichlorpropan zurückgeführt. Das Tumorgewebe der betroffenen Drucker zeigte, verglichen mit Gallengangstumorgewebe unbelasteter Patienten, erhöhte Mutationsraten und Strangbruchraten. Zudem wurden seltene spezifische Trinukleotid-Veränderungen im Gallengangstumorgewebe der betroffenen Drucker gefunden. Kanzerogenitätsstudien an Nagern zeigten eine kanzerogene Wirkung an Lunge, Nase und Leber. Die beim Menschen beobachteten berufsassoziierten Gallengangstumoren traten jedoch beim Nager nicht auf. In In-vitro Versuchen aufgetretene Genotoxizität konnte in In-vivo-Tierversuchen nicht bestätigt werden.
Schlussfolgerungen: Epidemiologische Untersuchungen zeigen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen einer 1,2-Dichlorpropan-Exposition beim Menschen und dem Auftreten von Gallengangskarzinomen. 1,2-Dichlorpropan wird von der MAK-Kommission in die Kanzerogenitätskategorie 1 eingestuft.
Frau Dr. Ruth Lohmann
Karlsruher Institut für Technologie Institut für Angewandte Biowissenschaften Adenauerring 20a 76131 Karlsruhe
Thursday
18 Mar
13:30 - 14:00
Keynote
Keynote Lecture
Pharmakologisches Neuroenhancement: ein narrativer arbeitsepidemiologischer Überblick (Pavel Dietz)
Room: Zoom-Raum 1
Thursday
18 Mar
14:30 - 16:00
Symposium
Update COVID-19
  • Bevölkerungseffekte von Impfungen auf die SARS CoV 2 Pandemie: Update aus Sicht des RKI (Dr. Stefan Scholz, Robert Koch-Institut, Abteilung für Infektionsepidemiologie, Fachgebiet 33 – Impfprävention)
  • Update SARS-CoV-2 Pathogene und Diagnostik (Prof. Dr. med. Bettina Löffler, Direktorin des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Universitätsklinikum Jena)
  • Update Arbeitsschutz in der SARS CoV 2 Pandemie (Dir. und Prof. Dr. Rüdiger Pipke, Fachbereichsleiter Gefahrstoffe und biologische Arbeitsstoffe der BAuA, Dortmund)
  • Update Covid 19: Erkrankungsfolgen aus arbeitsmedizinischer Sicht (Prof. Dr. med. Astrid Heutelbeck, Direktorin des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Universitätsklinikum Jena)
Öffentliche Veranstaltung
Room: Zoom-Raum 1
Chair(s): Astrid Rita Regina Heutelbeck
Friday
19 Mar
14:00 - 16:00
Workshop
Gemeinsamer Workshop der BAuA und der DGAUM: „Arbeitsschutz bei beruflicher Exposition gegen Blei“
14.00 – 14.10  Begrüßung (Rüdiger Pipke/Hans Drexler)
14.10 – 14.25  Ableitung der Wirkschwellen von Blei (Andrea Hartwig)
14.25 – 14.40  Mutterschutz bei Bleiexposition (Uta Ochmann)
14.40 – 14.55  Arbeitsmedizinische Leitlinie - aktueller Stand (Annette Greiner)
14.55 – 15.10  Grenzwertsetzung auf europäischer Ebene (Rüdiger Pipke)
15.10 – 15.25  Technische Regeln zum Arbeitsschutz bei Bleiexposition (Martin Wieske)
15.25 – 15.40  Arbeitsmedizinische Vorsorge zu Blei (Stephan Letzel)
15.40 – 16.00 PODIUMSDISKUSSION

Moderation: Direktor und Professor Dr. Rüdiger Pipke und Prof. Dr. Hans Drexler
Öffentliche Veranstaltung
Room: Zoom-Raum 1
Thursday
18 Mar
14:00 - 15:30
Forum
Psychische Gesundheit
Room: Zoom-Raum 3
Chair(s): Peter Angerer and Jessica Lang
Frühe Intervention am Arbeitsplatz (FRIAA) – Ein niedrigschwelliges psychotherapeutisches Angebot zur Frühintervention, Behandlung und Rehabilitation von psychisch erkrankten Beschäftigten (Fiona Kohl, Jeannette Weber, Peter Angerer)
Hintergrund: Psychische Erkrankungen sind eine der Hauptursachen für krankheitsbedingte Fehlzeiten und Frühverrentungen. In der Behandlung psychischer Störungen zeigen sich deutschlandweit große Versorgungslücken. Im Rahmen dieser Studie wird die Wirkung einer psychosomatischen Sprechstunde im Betrieb untersucht, die in dieser Studie als eine maßgeschneiderte, modulbasierte und arbeitsbezogene Intervention zur Verbesserung der psychischen Gesundheitsversorgung definiert ist.

Methoden: Die Studie wird als eine randomisiert kontrollierte multizentrische Studie mit einer 1:1 Zuordnung zu einer Interventions- und Diagnostikgruppe durchgeführt. Insgesamt sollen 520 Mitarbeiter mit subklinischen psychischen Belastungen oder einer psychischen Erkrankung aus dem Bereich der „common mental disorders“ (CMD) rekrutiert werden. Alle Studienteilnehmer erhalten eine Sitzung, die die Grundlagen der Diagnostik, eine medizinische Indikationsstellung wie auch eine Behandlungsweiterempfehlung in die Regelversorgung umfasst. Die Interventionsgruppe erhält in einer zweiten Sitzung eine arbeitsbezogene Diagnostik und hat darüber hinaus die Möglichkeit, bis zu zehn Sitzungen eine arbeitsbezogene Psychotherapie zu erhalten. Weitere psychotherapeutische Behandlungen zur Begleitung der Wiedereingliederung in den Arbeitsalltag nach Arbeitsunfähigkeit wird mit bis zu fünf Sitzungen in der Interventionsgruppe angeboten. Nach Einschluss in die Studie werden die Teilnehmer nach neun Monaten (erstes Follow-up) und fünfzehn Monaten (zweites Follow-up) nachbefragt. Der primäre Endpunkt sind die selbstberichteten Krankheitstage und der sekundäre Endpunkt die Selbstwirksamkeit in Bezug auf die eigene Erwerbsfähigkeit. Darüber hinaus wird eine Kosten-Nutzen-Bewertung hinsichtlich der Kosten einer CMD für Sozialversicherungen und Unternehmen durchgeführt.

Diskussion: Die psychosomatische Sprechstunde im Betrieb stellt ein niedrigschwelliges Versorgungsmodell dar, das darauf abzielt, Behandlungslücken für Arbeitnehmer mit psychischen Belastungen zu überwinden. Bei erfolgreicher Umsetzung und Evaluation kann es als Vorbild für die Versorgung von Beschäftigten mit einer CMD dienen und in Zusammenarbeit mit den Kranken- und Rentenversicherungen in Deutschland in die Regelversorgung übernommen werden.
Frau Fiona Kohl
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
Frau Jeannette Weber
Universitätsklinikum Düsseldorf der Heinrich Heine Universität
Herr Prof. Dr. Peter Angerer
Institut für Arbeitsmedizin und Sozialmedizin, Centre for Health and Society, Medizinische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Rückkehr an den Arbeitsplatz nach psychischen Krisen: Entwicklung einer Handlungshilfe für Betriebs:ärztinnen (Peter Angerer, Jessica Scharf, Adrian Loerbroks)
Einleitung: Bei der Rückkehr Beschäftigter nach einer psychischen Erkrankung an den Arbeitsplatz (z.B. im Rahmen des BEM) können Betriebsärzt:innen eine zentral koordinierende Rolle einnehmen, da sie über medizinische Kenntnisse verfügen, durch die ärztlichen Schweigepflicht besonderes Vertrauen genießen und betriebliche Strukturen kennen. Die Studie sollte durch Erforschung unterschiedlicher Perspektiven auf den Rückkehrprozess kritische Themen offenlegen und eine Handlungshilfe für Betriebs:ärztinnen entwickeln.

Methoden: Zwischen August 2018 und September 2019 wurden qualitative Erhebungen unter 23 Beschäftigten mit psychischer Erkrankung, 14 Psychotherapeut:innen, 18 Beschäftigten (mit/ohne Führungsverantwortung) sowie 13 Betriebsärzt:innen zu Erwartungen der am Rückkehrprozess beteiligten Akteure durchgeführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Des Weiteren wurden 63 erfahrene Betriebsärzt:innen in einer quantitativen Studie zu Lösungmöglichkeiten bei Konflikten im Rahmen der Wiedereingliederung befragt. Unter Beteiligung von Betriebsärzt:innen unterschiedlicher Berufserfahrung wurde iterativ ein Leitfaden entwickelt.

Ergebnisse: Aus Sichtweise der verschiedenen Akteure sind Betriebsärzt:innen besonders qualifiziert, eine Rückkehr psychisch Erkrankter an den Arbeitsplatz zu unterstützen und zu sichern, gerade dann, wenn es potentiell divergierende Erwartungen der Akteure gibt. Der Leitfaden stellt diese dar, führt beispielhafte Lösungsstrategien auf und enthält einen neu entwickelten Gesprächsleitfaden für ein Erstgespräch zwischen Betriebsärzt:innen und dem rückkehrenden Beschäftigten bzw. dem Vorgesetzten. Zur Einführung in den Gebrauch des Leitfadens und als Training der Rückkehrgespräche wurde ein Schulungsmodul entwickelt, das u.a. in den arbeitsmedizinischen Kursen eingesetzt wird. Die Resonanz der Teilnehmer:innen war überwiegend positiv. Leitfaden und Schulung werden v.a. von den Betriebsärzt:innen mit geringerer Berufserfahrung als nützlich bewertet.

Schlussfolgerung: Bei potentiell problematischen Themen der Abstimmung über die Rückkehr an den Arbeitsplatz zwischen psychisch erkrankten Beschäftigten und beteiligten Akteuren unterstützen der partizipativ entwickelte Leitfaden und die einführende Schulung Betriebsärzt:innen in ihrer Rolle als Vermittler zwischen den Bedürfnissen der Erkrankten und den betrieblichen Anforderungen.

Die Studie wurde gefördert von der Lieselotte und Dr. Karl Otto Winkler-Stiftung für Arbeitsmedizin.
Herr Peter Angerer Prof. Dr. med.
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, CHS, Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Düsseldorf, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Aktivitäten der BAuA bezüglich der Pandemie - Blick auf die psychischen Belastungen (Gisa Junghanns)
Hintergrund: Im Beitrag wird eine Übersicht von Aktivitäten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin vorgestellt, die diese im Zuge der Covid-19 Pandemie durchführt oder bei denen sie mitwirkt. Ein Schwerpunkt wird dabei auf psychische Belastungen bei der Arbeit gelegt im Rahmen von Forschung und Politik.

Methode: Die Aktivitäten erstrecken sich von der Vorstellung der SARS-CoV-2 Arbeitsschutzregel, einer ausführlichen FAQ Liste zu psychosozialen Risiken sowie einer von der BAuA und IAB beauftragten Betriebsbefragung mit dem Titel "Betriebe in der COVID-19- Krise".

Ergebnisse der Befragung: Die Angaben der Betriebe liefern Erkenntnisse, welche der empfohlenen Schutzmaßnahmen aus der Arbeitsschutzregel in den Betrieben tatsächlich umgesetzt wurden.

Schlussfolgerung: Durch die Herausforderungen der Corona-Pandemie haben die Bedeutung des Arbeits- und Infektionsschutzes in den Betrieben und die damit einhergehenden Anstrengungen zugenommen. Hervorzuheben ist die hohe Beteiligung der Geschäftsführung an der Entwicklung und Umsetzung der Arbeitsschutzmaßnahmen - ein wichtiges Signal an die Beschäftigten.
Frau Gisa Junghanns
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Psychische Belastung in mobiler Arbeit zu Corona- Zeiten (Jessica Lang, Marcel Schweiker, Thomas Kraus)
Zielsetzung: Nie zuvor gingen so viele Beschäftigte von zu Hause aus Ihrer Berufstätigkeit nach wie im Corona Jahr 2020. Laut einer repräsentativen Befragung der Hans-Böckler Stiftung stieg in Deutschland die Anzahl von Personen, die im Homeoffice tätig waren von 4% vor der Pandemie auf 27% im April 2020 während des harten Lockdowns. Unter dem Aspekt, dass das Arbeitsschutzgesetz auch bei mobiler Arbeit anzuwenden ist, wollte die vorliegenden Befragung untersuchen, wie sich die psychischen Belastungen von Beschäftigten während der Einschränkungen von denen am regulären Arbeitsplatz unterscheiden.
Methoden: In einer Querschnittserhebung mit n = 571 Beschäftigten wurde mittels eines validierten Verfahrens zur Erhebung psychischer Belastungen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung (PsyGesund; Kuczynski et al., 2020) 8 Belastungsfaktoren erhoben. Die Unterschiede in der Häufigkeit des Auftretens bestimmter Belastungen im Homeoffice vs. dem regulären Arbeitsplatz wurde mittels t-tests berechnet.
Ergebnisse: Die Mehrheit der psychischen Belastungsfaktoren war im Homeoffice deutlich ungünstiger ausgeprägt als am regulären Arbeitsplatz. Eine Ausnahme bildete die Belastung der emotionalen Anforderungen, welche am Arbeitsplatz ungünstiger ausgeprägt war (t = 9.518, p < .001). Auch der Handlungsspielraum war im Homeoffice günstiger ausgeprägt (t = - 2.436, p = .015). Am ungünstigsten ausgeprägt war im Homeoffice die Arbeitskontinuität (t = 11.222, p < .001). Hier gaben Beschäftigte an, am Arbeitsplatz deutlich ungestörter Arbeiten zu können, wobei 28% angaben, zu Hause keinen abgeschlossenen Arbeitsraum zu haben, 20% technische Schwierigkeiten hatten 13% parallel Kinder zu Hause zu betreuen hatten. In puncto Arbeitsintensität gab es allerdings keine Belastungsunterschiede (t = -.224, p = .823).
Schlussfolgerungen: Die psychischen Belastungen im Homeoffice während der Corona-Pandemie sind ungünstiger ausgeprägt als am regulären Arbeitsplatz. Diese Ergebnisse deuten auf einen Handlungsbedarf von Seiten der Betriebe hin, aufgrund des andauernden Zustands die Erhebung psychischer Belastungen erst recht aufgrund der veränderten Arbeitsbedingungen im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Im Sinne des Arbeitsschutzes sollten daraus auch Maßnahmen abgeleitet und umgesetzt werden. Die Hälfte der Befragten würde sich explizit vom Arbeitgeber Unterstützung wünschen.
Frau Prof. Dr. rer. soc. Jessica Lang
Uniklinik RWTH Aachen
Thursday
18 Mar
16:00 - 17:00
Forum
Mitgliederversammlung AG Psychische Gesundheit
Room: Zoom-Raum 3
Thursday
18 Mar
14:30 - 15:30
Vorträge
Allergene und Zoonosen
Room: Zoom-Raum 4
Chair(s): David A Groneberg and Caroline Quartucci
Serielle Messungen des exhalierten Stickstoffmonoxids: ein nützliches Instrument zur Überwachung von Beschäftigten mit Platinsalzallergie nach Expositionsreduktion (Vera van Kampen, Hendrik Mertens, Thomas Brüning, Rolf Merget)
Hintergrund: In der Vergangenheit konnte gezeigt werden, dass die serielle Messung von fraktioniertem exhalierten Stickstoffmonoxid (FeNO) im Urlaub und bei der Arbeit zusätzliche Informationen bei der Diagnose von berufsbedingtem Asthma liefern kann. In der vorliegenden Studie sollte die Frage beantwortet werden, ob die Methode der seriellen FeNO-Messung auch für die Überwachung von in der Platin (Pt)-Industrie Beschäftigten mit bekannter symptomatischer Pt-Allergie nach Expositionsreduktion nützlich ist. In der Pt-Industrie ist es gängige Praxis, besonders hochqualifizierte Beschäftigte in benachbarte Abteilungen mit vermeintlich geringerer Pt-Exposition zu versetzen.
Methoden: Fünf Beschäftigte mit bekannter Pt-Allergie und zum Zeitpunkt der Diagnosestellung damit einhergehenden allergischen Beschwerden, führten einmal täglich FeNO-Messungen während eines zweiwöchigen Urlaubs und einer anschließenden zweiwöchigen Arbeitsperiode durch, nachdem an ihren Arbeitsplätzen Interventionsmaßnahmen (Transfer in Bereiche mit „sehr geringer" oder „geringer" Exposition oder Verwendung eines Airstream-Helms) ergriffen worden waren.
Ergebnisse: Drei Beschäftigte berichteten über anhaltende arbeitsbedingte Symptome nach der Intervention (Transfer in Bereiche mit „geringer“ Exposition (n = 2), Verwendung eines Airstream-Helms (n = 1)) und alle zeigten arbeitskongruente Verläufe im seriellen FeNO (Anstieg während der Arbeitsphasen). Im Gegensatz dazu wiesen die beiden Arbeiter, die in Bereiche mit „sehr geringer“ Exposition versetzt worden waren und die nach der Intervention keine Symptome mehr berichteten, keine höheren FeNO-Werte am Arbeitsplatz als im Urlaub auf.
Schlussfolgerungen: Die Studie legt nahe, dass eine einmal tägliche serielle tägliche FeNO-Messung zu Hause und am Arbeitsplatz ein zuverlässiges objektives Instrument zur Überwachung der Berufsasthmabeschwerden nach der Durchführung von Interventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz darstellt.
Frau Dr. Vera van Kampen
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Sind Sensibilisierungen gegen Insektenallergene bei Bäckern und Getreidearbeitern häufiger als in anderen Berufen? (Ingrid Sander, Ursula Meurer, Jürgen Bünger, Rolf Merget, Stefan Mayer, Thomas Brüning, Monika Raulf)
Hintergrund
In Einzelfallberichten wurden Allergien gegen Schadinsekten wie Schaben, Käfer, Motten und deren Larven bei Bäckern und Getreidearbeitern, aber auch bei Personen mit anderen Berufen dokumentiert. Ziel der Studie war es, die Häufigkeit von Sensibilisierungen gegen Insekten in unterschiedlichen Berufsgruppen zu ermitteln und zu vergleichen.
Methoden
Spezifisches IgE (sIgE) gegen die Schabe Blatella germanica (Bg, i6), den Reismehlkäfer Tribolium confusum (Tc, Ri301), den Kornkäfer Sitophilus granarius (Sg, i202), die Larven des Mehlkäfers Tenebrio molitor (Tm, o211 ) und die Mehlmotte Ephestia kuehniella (Ek, i203) wurde in Seren von 117 atopischen Personen (32 Bäcker, 17 Getreidearbeiter, 17 Asphaltarbeiter, 17 Schweißer, 17 Beschäftigte im Gesundheitswesen (HCW), 17 Müllwerker) im ImmunoCAP-System getestet. Als Marker für Atopie diente das sIgE auf Inhalationsallergene (Mischallergen-Test sx1). Für die statistische Analyse wurden der Kruskal-Wallis-Test, der Mehrfachvergleich nach Dunn und Spearman-Korrelationen verwendet.
Ergebnisse
Sensibilisierungen gegen die getesteten Insektenallergene waren am häufigsten bei atopischen Asphaltarbeitern und Schweißern (59% positiv gegen mindestens ein Insekt), gefolgt von den atopischen Bäckern (47% positiv). 29% der getesteten Müllwerker und Getreidearbeiter hatten sIgE gegen mindestens ein Insekt, während nur 18% der HCW gegen Insekten sensibilisiert waren. Die höchsten Sensibilisierungsraten wurden insgesamt für den Reismehlkäfer Tc (40%) und die Schabe Bg (38%) gefunden, gefolgt vom Kornkäfer Sg (26%), der Mehlmotte Ek (23%) und dem Mehlwurm Tm (20%). Sensibilisierungen gegen mehr als ein Insekt waren häufig, und sIgE auf die verschiedenen Insekten war hoch korreliert (r=0,73-0,94). Ein signifikanter gruppenabhängiger Unterschied für eine spezifische Insektensensibilisierung wurde ausschließlich zwischen Bäckern und HCW bezüglich sIgE zu Tm (p=0,0035) und zwischen Asphaltarbeitern und HCW bezüglich sIgE zu Ek (p=0,018) beobachtet.
Schlussfolgerungen
Sensibilisierungen gegen Insektenallergene, insbesondere gegen den Reismehlkäfer Tc und die Schabe Bg, waren bei atopischen Personen verschiedener Berufe sehr häufig und nicht auf Getreidearbeiter oder Bäcker beschränkt. Die Korrelationen der sIgE-Werte gegen verschiedene Insekten sind wahrscheinlich auf gemeinsame kreuzreaktive Allergene zurückzuführen.
Frau Ingrid Sander
Nachweis von Legionellen in Autowaschanlagen (Johannes Redwitz, Mihai Zamfir, Sandra Walser-Reichenbach, Bernhard Brenner, Stefanie Heinze, Caroline Herr)
Bei Fahrzeugwaschanlagen kommt es zu einer starken Vernebelung des genutzten Wassers. Dabei können legionellenhaltige Bioaerosole entstehen, welche eine Infektion mit Legionellen hervorrufen können, wenn sie eingeatmet werden. Zusätzlich kann der Einsatz von Brauchwasser, das teilwiese erwärmt wird, einen Anstieg der Legionellenzahl begünstigen und damit das Infektionsrisiko zusätzlich steigern.

In den Niederlanden kam es 2012 zu einem Fall und in Italien 2015/16 zu zwei Fällen einer Legionellen-Infektion, für die Fahrzeugwaschanlagen als Quelle identifiziert werden konnten. In Bayern kam es 2017 zu einer tödlich verlaufenen Legionellen-Infektion bei dem Kunden einer Fahrzeugwaschanlage.
Ziel des aktuellen Projekts am LGL zu Fahrzeugwaschanlagen und Legionellen ist es, das Risiko für Beschäftigte in der Nähe von Fahrzeugwaschanlagen zu ermitteln. Denn Beschäftigte sind länger und wiederholt exponiert, auch wenn sie nicht direkt am Waschprozess beteiligt sind.

Dazu werden Proben des Frisch- und Brauchwassers sowie des Wassers aus den Hochdruckdüsen genommen. Weiterhin werden Luftproben am Arbeitsplatz und in der Waschstraße gesammelt.
Bei der Untersuchung der Proben kommen neben dem Kulturverfahren auch neuere Methoden zum Einsatz, wie qPCR mit lebend/tot Unterscheidung und Immunoassay-Verfahren. Diese haben den Vorteil, dass sie schneller sind und bei komplexen Probenmatrizes oft bessere Ergebnisse liefern.
Erste Ergebnisse der qPCR Analyse ergaben eine Belastung mit Legionella spp. bei vielen Wasserproben und auch in den Luftproben. Dabei zeigten sich klare Unterschiede zu dem Kulturverfahren, das in den meisten Fällen negativ ausfiel oder aufgrund hoher Begleitflora nicht auswertbar war. Die Spezies Legionella pneumophila, welche mit besonders vielen Legionellen-Infektionen in Verbindung gebracht wird, konnte bisher nur in einer Anlage nachgewiesen werden. Ein Vorkommen in Waschstraßen ist jedoch nicht auszuschließen, da Legionella spp. in hoher Zahl vorkommen und damit auch für L. pneumophila geeignete Bedingungen vorliegen.
Herr Johannes Redwitz
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
Prävention der Berufskrankheit Borreliose (BK Nr. 3102 BKV) im Forstbetrieb (Thomas Zenker, Robert Blech, Christoph Heidrich)
Zielsetzung:
Durch das Projekt sollte eine weitere Sensibilisierung der Arbeitgeber und Beschäftigten im Forstbetrieb für das Thema Borreliose, deren Erkennung und Prävention erreicht werden. Neben der Erfassung der bisher durchgeführten Präventionsmaßnahmen ging es darum, die Seroprävalenz der borrelienspezifischen Antikörper bei den Beschäftigten im Forstbetrieb festzustellen und aus den gewonnenen Erkenntnissen Maßnahmen für die Zukunft abzuleiten.

Methoden:
Im Rahmen gewerbeärztlicher Untersuchungen wurden im Jahr 2019 verschiedene Forstämter in Rheinland-Pfalz aufgesucht und Beschäftigte, die vollschichtig oder teilweise im Freien arbeiten (Forstwirte, Revierleiter, Mitarbeiter der Technischen Produktion) bei der Untersuchung zum Thema Borreliose befragt und beraten. Bei berichteten Zeckenbissen erfolgten nach Einwilligung der Beschäftigten eine Blutentnahme und Bestimmung der borrelienspezifischen Antikörper im Serum mittels Chemilumineszenz Immuno-Assay (CLIA). Die dabei gewonnenen Ergebnisse wurden statistisch ausgewertet und mit Ergebnissen anderer Studien verglichen.

Ergebnisse:
Insgesamt wurden 117 Personen (♀ 5, ♂ 112) befragt und beraten. Das Durchschnittsalter betrug 46,5 (± 14,33) Jahre, die Altersspanne reichte von 16 – 65 Jahren. Bei insgesamt 111 Personen (94,9 %) konnte die Borrelioseserologie bestimmt werden: Deren Durchschnittsalter war 47,1 (± 13,74) Jahre mit einer Spanne von 18 – 65 Jahren.
Die durchschnittlichen Arbeitsstunden im Freien aller Befragten betrugen 29,2 h (± 11,48) pro Woche (2-40 h), in ihrer Freizeit hielten sich dieselben Personen durchschnittlich 9,3 h (± 6,36) pro Woche (0-28h) im Freien auf. 25 (21,4 %) Probanden nutzten regelmäßig Repellents, vollständige Schutzkleidung (lange Hosen, Langarmshirt) bei der Arbeit trugen 64 (54,7 %) Personen und 82 (70,1 %) suchten ihren Körper nach Arbeitstagen im Wald systematisch nach Zecken ab. Eine jährliche Teilnahme an Unterweisungen gaben 88 (75,2 %) Probanden an, 97 (82,9 %) hatten sich innerhalb der letzten 3 Jahre der arbeitsmedizinischen Pflichtvorsorge durch die Betriebsärzte unterzogen.
Die Befragten berichteten von durchschnittlich 14,5 (± 14,95) Zeckenbissen pro Jahr. 53 (45,3 %) gaben an, schon einmal ein Erythema migrans in ihrem Leben gehabt zu haben, 10 (8,5 %) eine Neuroborreliose oder Borreliosearthritis. Zum Zeitpunkt der Untersuchung konnten bei keinem Probanden klinische Zeichen einer Lyme-Borreliose festgestellt werden. Anhand anamnestischer Angaben und Unterlagen wurden 3 BK-Anzeigen erstellt.
Hinsichtlich der Borrelienserologie gab es folgendes Ergebnis: Bei 22 (19,8 %) der Untersuchten waren die IgM-AK positiv, bei 47 (42,3 %) waren die IgG-AK positiv. Insgesamt waren bei 58 (52,3 %) Probanden IgM-AK und/oder IgG-AK positiv. Bei Probanden in höherem Lebensalter zeigte sich eine höhere Seroprävalenz für die IgG-AK (so waren bei den Probanden ≤30 Jahre 22,7 % positiv auf IgG-AK, bei den Probanden >50 Jahre 49,2 %).

Schlussfolgerungen:
Der Stand der Borrelioseprävention in den untersuchten Forstämtern ist sehr gut, Verbesserungspotenzial besteht insbesondere bei Nutzung von Repellents. Der Anteil der Probanden mit borrelienspezifischen Antikörper bei Landesforsten Rheinland-Pfalz ist hoch, wesentlich höher als in der Allgemeinbevölkerung und auch deutlich höher als in vielen anderen Studien bei Forstarbeitern. Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil der Probanden mit Borrelien-IgG-Antikörper an (in anderen Studien ebenfalls beschrieben). Durch die Ergebnisse der Studie wird die große Bedeutung von persönlichen Schutzmaßnahmen zur Borrelioseprävention im Forst unterstrichen. Die berufliche Tätigkeit im Forstbetrieb geht mit einer deutlich erhöhten Infektionswahrscheinlichkeit mit Borreliose einher. Borreliosen bei Mitarbeitenden im Forstbetrieb sollten deshalb konsequent als Berufskrankheit angezeigt werden.
Herr Dr. Thomas Zenker
SGD Nord Koblenz
Thursday
18 Mar
16:00 - 17:00
Vorträge
Physische Belastung und Erwerbsausstieg
Room: Zoom-Raum 4
Chair(s): Andrea Kaifie and Julia Krabbe
Evaluierung von Gestaltungsmaßnahmen zur Reduktion von physischen Belastungen und Beanspruchungen unter Flugzeug- und Gepäckabfertigern – Erste Ergebnisse der ErgonAIR-Studie (André Klußmann, Natalie Krämer, Jamal Nasir Choudhry, Johann Popp, Patrick Serafin)
Einleitung
Physische Belastungen in der Arbeitswelt stellen eine wesentliche Ursache für Arbeitsunfähigkeit dar. In einer Evaluierungsstudie wurde die Wirksamkeit eines Arbeitstechniktrainings hinsichtlich der Veränderung der Bewegungsqualität überprüft.
Methoden
In einer Machbarkeitsstudie wurden zunächst eine Interventions- und eine Kontrollgruppe gebildet. Beide Gruppen durchliefen drei Erhebungsphasen (t0, t1 und t2). Bei allen Probanden wurden Messungen der Körperhaltung/-bewegung und standardisierte Befragungen durchgeführt. Zwischen t0 und t1 fanden Arbeitstechniktrainings, zwischen t1 und t2 Auffrischungstrainings am Arbeitsplatz statt. Betrachtet wurden das Umladen von Gepäck im und am Flugzeug sowie das Ziehen und Schieben von Gepäckanhängern in einer Arbeitsplatzsimulation. Die Beobachtungen wurden jeweils als Summenmaß der Rücken-, Knie- und Schulterbelastung aggregiert. Die Gruppendifferenzen wurden in sechs ANCOVA-Modellen abgeschätzt. Der vorgeschalteten Machbarkeitsstudie folgt die eigentliche und hierauf aufbauende Evaluierungsstudie.
Ergebnisse
Bisher liegen die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie für das Umladen von Gepäck am Flugzeug in der Arbeitsplatzsimulation vor. Es konnten die Daten von 39 Probanden (27 Intervention, 12 Kontrolle) ausgewertet werden. Die Häufigkeit von rückenbelastenden Körperhaltungen/-bewegungen war nach dem Arbeitstechniktraining in der Interventionsgruppe um 15,4% (95%-KI 10,6-20,3%) geringer als in der Kontrollgruppe; die Belastung der Schultern um 12,8% (6,5 – 19,1%) geringer. Die Belastung der Knie war dagegen um 5,5% (-0,3 – 11,4%) höher. Die Unterschiede sind für die Rücken- und Schulterbelastung auch nach Bonferoni-Korrektur statistisch signifikant, für die Belastung der Knie aber nicht.
Diskussion/Ausblick
Bisherige Ergebnisse zeigen, dass die betrachteten Probanden das in den Arbeitstechniktrainings erlernte Wissen in der Arbeitsplatzsimulation gut umsetzen und reproduzieren können und dass eine geringere Belastung von Rücken und Schulter zu erwarten ist. Die Datenerhebungen der weiteren betrachteten Arbeitsvorgänge der Machbarkeitsstudie sind abgeschlossen und die Beobachtungen der eigentlichen Evaluierungsstudie weit fortgeschritten. Die Ergebnisse werden im Rahmen des Kongressbeitrages vorgestellt.
Hinweis
Diese Studie wurde u.a. mit Mitteln der BG Verkehr und der Techniker Krankenkasse finanziell unterstützt. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei den Autoren.
Herr Prof. Dr.-Ing. André Klußmann M.Sc., Eur.Erg.
Institut für Arbeitsmedizin, Sicherheitstechnik und Ergonomie e.V. - ASER, Wuppertal
Subjektive Prognose der Erwerbstätigkeit bei Inanspruchnahme arbeitsmedizinischer Beratungs- und Vorsorgeleistungen durch Lehrkräfte in Rheinland-Pfalz (Jan Becker, Merle Riechmann-Wolf, Till Beutel, Stephan Letzel)
Einleitung
Der Ausfall an Bruttowertschöpfung aufgrund von Arbeitsunfähigkeit lag in Deutschland für das Jahr 2018 bei 145 Milliarden Euro. Die Stärkung der individuellen Erwerbsfähigkeit ist somit ein zentrales Ziel arbeitsmedizinisch tätiger Akteure. In diesem Beitrag wird untersucht, inwieweit bei Lehrkräften in Rheinland-Pfalz, die das arbeitsmedizinische Beratungsangebot des Instituts für Lehrergesundheit (IfL) in Anspruch nehmen, bereits eine Gefährdung der Erwerbstätigkeit anzunehmen ist und in welchem Zusammenhang sie mit soziodemografischen, gesundheits- sowie arbeitsbezogenen Merkmalen steht.

Methode
Für die vorliegende Untersuchung wurden anamnestische Daten der arbeitsmedizinischen Beratungsangebote aus den Jahren 2016-2019 ausgewertet. Die Gefährdung der Erwerbstätigkeit wird anhand der Skala zur Subjektiven Prognose der Erwerbstätigkeit (SPE) erfasst, die ein guter Prädiktor für eine Frühberentung ist. Als mögliche SPE-relevante Einflussfaktoren wurden in die Regressionsmodelle die Merkmale Alter, Geschlecht, Depressivität, Ängstlichkeit, berufliche Belastung und Zufriedenheit sowie subjektiver Gesundheitszustand aufgenommen.

Ergebnisse
Im untersuchten Zeitraum liegen Daten für N = 440 Lehrkräfte vor. 41,6% der Lehrkräfte weisen keine und 9,0% eine hohe Gefährdung der Erwerbstätigkeit auf. Die multinominale logistische Regression zeigt, dass das Geschlecht, Depressivität und Ängstlichkeit keinen relevanten Zusammenhang zur SPE aufweisen. Höheres Alter (OR = 1,18, p < .001), geringere Arbeitszufriedenheit (OR = 2,22, p = .01), höhere berufliche Belastung (OR = 2,24, p = .02) und schlechterer subjektiver Gesundheitszustand (OR = 4,88, p = .01) gehen mit einer erhöhten Chance einher, eine hohe Gefährdung der Erwerbstätigkeit (SPE = 3) im Gegensatz zu keiner Gefährdung der Erwerbstätigkeit (SPE = 0) zu haben.

Schlussfolgerung
Etwa 10% der Lehrkräfte, die die arbeitsmedizinischen Beratungsangebote in Anspruch nehmen, weisen eine hohe Gefährdung der Erwerbstätigkeit auf. Darüber hinaus zeigt sich, dass die Arbeitszufriedenheit und die subjektiv empfundene Belastung durch die Arbeit neben dem Alter und dem subjektiven Gesundheitszustand wichtige Einflussfaktoren der subjektiven Prognose der Erwerbstätigkeit darstellen. Dies legt nahe, dass arbeitsplatzbezogene Maßnahmen, beispielsweise auf Basis der Gefährdungsbeurteilung, die Prognose der Erwerbstätigkeit verbessern und damit das Risiko einer Frühverrentung senken können.
Herr Dr. Jan Becker
Institut für Lehrergesundheit, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Arbeitsbedingungen als Risikofaktoren für den frühzeitigen Erwerbsausstieg in einer Kohorte von 2.351 Beschäftigten in Deutschland (Hermann Burr, Angelo d'Errico, Dagmar Pattloch, Norbert Kersten, Uwe Rose)
Ziele
Ein frühzeitiger Erwerbsausstieg geschieht nicht nur durch Früh- und Erwerbsminderungsrente, sondern auch durch andere Pfade (1,2). Assoziationen zwischen Arbeitsbedingungen und Erwerbsminderungsrente sind untersucht worden, aber Assoziationen zu anderen Pfaden, oder zum Ausstieg insgesamt, sind fast nicht untersucht worden. Wir untersuchten daher die möglichen Effekte physischer und psychosozialer Arbeitsbedingungen auf den Erwerbsausstieg vor dem gesetzlichen Rentenalter durch Rente, Arbeitslosigkeit und Langzeiterkrankung.
Methoden
Wir analysierten eine Kohorte aus der landesweiten deutschen Studie zur mentalen Gesundheit in der Arbeit (S-MGA), die auf einer Zufallsstichprobe von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der Integrierten Erwerbsbiografien (IEB) des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung beruht. Die Analysepopulation umfasste 2.351 Personen, die in der Ersterhebung 2011/12 Beschäftigte waren. Sie wurden bis Mitte 2015 bezüglich eines frühzeitigen Ausstiegs beobachtet. Als Erwerbsausstieg definieren wir Ereignisse von a) Früh- bzw. Erwerbsminderungsrente, b) Langzeiterkrankung (≥18 Monaten – oder <18 Monate unmittelbar gefolgt von einem Rentenereignis) oder c) Arbeitslosigkeit (≥18 Monaten – oder <18 Monate unmittelbar gefolgt von einem Rentenereignis). Die Beobachtungszeit betrug insgesamt 8,422 Personenjahre. Psychosoziale Arbeitsbedingungen wurden durch COPSOQ erhoben. Mittels Cox-Regressionen wurden Effekte von Arbeitsbedingungen auf Ausstiegsereignisse geschätzt – kontrolliert für Alter, Geschlecht, Armut, Befristung und sozioökonomischen Status.
Ergebnisse
Belastende Körperhaltungen (HR = 1,24; 95% CI = 1,07–1,44), Heben und Tragen von schweren Lasten (1,17; 1,00–1,37) und hohes Arbeitstempo (1,41; 1,16–1,72) waren mit dem frühzeitigen Erwerbsausstieg assoziiert. Das Risiko für Erwerbsausstieg war zu einem Viertel den belastenden Körperhaltungen, Heben und Tragen und Arbeitstempo zuzuschreiben. Wurden die jeweiligen Pfade des Ausstieges betrachtet, erhöhten wiederholte Bewegungen (1,25; 1,03–1,53) das Risiko für Langzeiterkrankung. Hohes Arbeitstempo (1,86; 1,22–2,86) und Rollenklarheit (0,55; 0,31–1,00) waren mit Arbeitslosigkeit assoziiert. Kontrolle über die Arbeitszeit (0,72; 0,56–0,95) verringerte das Risiko einer Früh- bzw. Erwerbsminderungs­rente.
Schlussfolgerungen
Arbeitsbedingungen scheinen wichtig für einen frühzeitigen Erwerbsausstieg. Sowohl körperliche als psychosoziale Bedingungen spielen eine Rolle.
Herr Dr. Hermann Burr
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) seit 2011. Seniorforscher, Süddänische Universität 2011. Seniorforscher, Nationales Forschungszentrum für Arbeit und Gesundheit (NFA/AMI) 2003-2010. Forscher, AMI 1991-2003. Promotion, Gesellschaftswissenschaften, 1996, Roskilde Universität. Forschungsmitarbeiter, Roskilde Universität, 1989- 1991. Habilitation, 1989, Institut für Kultursoziologie, Universität Kopenhagen 1989.
Depressive symptomatology in early retirees associated with reason for retirement – Results from the population-based LIFE-Adult-Study (Andrea Zülke, Susanne Röhr, Steffi G. Riedel-Heller)
Background: Transition from employment to retirement is regarded a crucial event. However, there is mixed evidence on associations between retirement and mental health, especially regarding early retirement. In Germany, cases of early retirement due to ill health – particularly, mental ill health – are increasing. Therefor, we investigated the association between early retirement and depressive symptoms, including information on different types of early retirement.

Methods: We analyzed data from 4,808 participants of the population-based LIFE-Adult-Study (age: 40-65 years, 654 retired, 4,154 employed), controlling for sociodemographic information, social network, pre-existing health conditions and duration of retirement. Depressive symptoms were assessed using the Center for Epidemiologic Studies Depression Scale. Regression analysis using entropy balancing was applied to achieve covariate balance between retired and employed subjects.

Results: We found no overall-differences in depressive symptoms between employed and retired persons (b = -.01; p = 0.981). When looking at different types of early retirement, ill-health retirement was linked to higher levels of depressive symptoms in women (b = 4.68, 95% CI = 1.71; 7.65), while voluntary retirement was associated with reduced depressive symptoms in men (b= -1.83, 95% CI = -3.22; -.43) even after controlling for covariates. For women, statutory retirement was linked to lower depressive symptomatology (b = -2.00, 95% CI = -3.99; -.02).

Conclusions: Risk for depression among early retirees depends on reason for retirement: For women, ill-health retirement is linked to higher levels of depressive symptoms. Women who retire early due to ill-health constitute a risk group for depressive symptoms that needs specific attention in the health care and social security system.
Frau Andrea Zülke
Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP), Universität Leipzig
Thursday
18 Mar
14:30 - 15:30
ICOH
Sitzung der deutschen ICOH Sektion
Room: Zoom-Raum 5
Chair(s): Volker Harth
Thursday
18 Mar
16:00 - 17:30
Akademie
Treffen der Akademieleitungen
Geschlossene Veranstaltung
Room: Zoom-Raum 5
Thursday
18 Mar
14:30 - 15:30
Vorträge
Gefahrstoffe (Weichmacher, Climbazol, Nonylphenol)
Room: Zoom-Raum 6
Chair(s): Dirk Walter and Patrick Ziegler
Expositions-Biomonitoring von Nonylphenol – Bestimmung spezifischer Metaboliten im Urin und Untersuchung des Human-Metabolismus (Benedikt Ringbeck, Daniel Bury, Heiko Hayen, Tobias Weiß, Katja Küpper, Christoph Schmidtkunz, Gabriele Leng, Thomas Brüning, Holger M. Koch)
Einleitung
Technisches Nonylphenol (NP) ist ein komplexes Gemisch verzweigter Isomere und dient als chemischer Ausgangsstoff für die Produktion von Detergentien (NP-Ethoxylate), Kunststoffadditiven und Polymeren. NP und seine Ethoxylate wurden u.a. aufgrund ihrer endokrinen Wirkung in der EU stark reguliert. Das Human-Biomonitoring (HBM) von NP beschränkte sich bisher auf die Bestimmung von unverändertem NP in Urin. Ziel unserer Studie war es daher, den humanen NP-Metabolismus weiter aufzuklären und geeignete Metaboliten als kontaminationsunempfindliche und sensitive Biomarker einer NP-Exposition zu identifizieren und zu beschreiben.

Methode
Im Rahmen einer Human-Metabolismusstudie erhielten drei Probanden jeweils 1 mg 13C6-markiertes NP. Einzelurinproben wurden vollständig über 48 Stunden gesammelt, mittels online-SPE-LC-MS/MS analysiert und spezifische seitenketten-oxidierte Metaboliten über Stabilisotopenverdünnungsanalyse quantifiziert.

Ergebnisse
Hydroxy-NP (OH-NP) und oxo-NP stellen relevante Hauptmetaboliten von NP im Urin dar, mit einem Dosisanteil von 30-42% bzw. 5-6%. Die Ausscheidung dieser Metaboliten war innerhalb von 24 Stunden weitestgehend abgeschlossen (99.7-100%) mit Konzentrationsmaxima zwischen 2 h und 3 h (tmax). Zuzüglich des nicht metabolisierten NP sowie weiterer (mehrfach) oxidierter Metaboliten, die semiquantitativ bestimmt wurden, konnten 53-64% der oralen NP-Dosis im Urin wiedergefunden werden. In einer Pilotpopulation aus der Allgemeinbevölkerung (n=32) konnte OH-NP in 81% der Proben quantifiziert werden.

Schlussfolgerung
Erstmalig konnten in vivo humane Phase-I-Metaboliten von NP nachgewiesen werden. Diese sind, anders als das unveränderte NP, nicht kontaminationsanfällig und zeigen eine NP-Exposition zudem deutlich sensitiver an. Basierend auf den Urinkonzentrationen dieser Metaboliten und den vorliegenden toxikokinetischen Daten ist erstmalig eine Expositions- und Risikobewertung von Nonylphenol basierend auf HBM-Daten möglich.
Herr Benedikt Ringbeck
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Humanbiomonitoring von Climbazol: Methodenentwicklung und Metabolismusstudie (Christoph Schmidtkunz, Katja Küpper, Wolfgang Gries, Katharina Ebert, Holger M. Koch, Gabriele Leng)
Climbazol wird als Konservierungsmittel und als Anti-Schuppen-Wirkstoff in kosmetischen Formulierungen verwendet. Kürzlich wurden die zulässigen Anwendungsgebiete in der Europäischen Union eng begrenzt (Verordnung (EU) 2019/698 der Kommission). Climbazol darf seitdem als Konservierungsstoff ausschließlich in Haarlotionen, Gesichtscremes, Fußpflegeprodukten (Gehalt jeweils max. 0,2%) und Shampoos (max. 0,5%) sowie als Anti-Schuppen-Wirkstoff in entsprechenden Spezialshampoos (max. 2,0%) eingesetzt werden.
Bisher waren kaum Daten für den menschlichen Metabolismus von Climbazol verfügbar, und die tatsächliche Belastung der Allgemeinbevölkerung mit dieser Chemikalie war unbekannt. Im Rahmen der Humanbiomonitoring-Kooperation des BMU und des VCI wurden nun zwei spezifische Climbazol-Metaboliten postuliert. Die Metabolisierung im Menschen erfolgt durch Reduktion einer Ketogruppe zu einem sekundären Alkohol, gefolgt von einer ω-Oxidation einer Methylgruppe – einerseits zu einem primären Alkohol, andererseits zu einer Carbonsäure. Eine Analysenmethode zur Spurenbestimmung der beiden Metaboliten im Harn wurde entwickelt, umfassend validiert und in einer Humankinetikstudie mit oraler Dosierung angewendet (positives Votum der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, Nr. 19-6687 – BR).
Die Methode basiert auf einer enzymatischen Hydrolyse der Harnproben, gefolgt von einer Bestimmung durch Online-Festphasenextraktion und Ultrahochleistungsflüssigkeitschromatographie mit Tandem-Massenspektrometrie. Es werden isotopenmarkierte interne Standards genutzt. Die Validierungsergebnisse zur Präzision, Richtigkeit und Robustheit der Methode legen dar, dass unser Verfahren problemlos für die sichere Quantifizierung der Metaboliten vom unteren µg/L- bis in den mg/L-Bereich einsetzbar ist.
Anhand der Proben aus der Humankinetik konnte gezeigt werden, dass die postulierten Metaboliten tatsächlich in erheblichem Umfang entstehen und somit geeignete Biomarker zum Nachweis einer Climbazol-Exposition sind. Die Metaboliten werden vorwiegend innerhalb der ersten 24 h nach Aufnahme ausgeschieden. Ein signifikanter Anteil liegt in glucuronidisch gebundener Form vor, während andere Konjugate keine große Rolle zu spielen scheinen. Erste Hinweise für eine Ausscheidung der Metaboliten nicht nur nach oraler, sondern auch nach dermaler Exposition liegen bereits vor. Allerdings scheint die dermale Bioverfügbarkeit von Climbazol weit unterhalb der oralen zu liegen.
Herr Dr. Christoph Schmidtkunz
Currenta GmbH & Co. OHG
Sensitive Humanbiomonitoring-Methode zur Bestimmung der Hauptmetaboliten des Weichmachers Tri-(2-ethylhexyl)trimellitat (TOTM) in Urin mittels UHPLC-MS/MS mit integrierter On-line-Anreicherung (Laura Kuhlmann, Elisabeth Eckert, Thomas Göen)
Einleitung
Tri-(2-ethylhexyl)trimellitat (TOTM) ist ein Weichmacher für PVC-Produkte, der insbesondere in Medizinprodukten als Ersatz für Di-(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP) eingesetzt wird. Im Rahmen einer Humanstudie konnte der Metabolismus von TOTM aufgeklärt werden und bestimmte, im Urin ausgeschiedene, Metaboliten für ein Humanbiomonitoring empfohlen werden. Allerdings sind die Ausscheidungsraten der Metaboliten so gering, dass ein Monitoring auf umweltbedingte oder berufliche Expositionen nur mit einem besonders sensitiven Analysenverfahren sinnvoll ist.

Methoden
Zur Optimierung wurde das für die Metabolismus-Studie eingesetzte Analyseverfahren auf ein UHPLC-MS/MS Gerät mit On-line Anreicherung übertragen. Bezüglich der Analyten wurde sich auf die sechs Hauptmetaboliten, welche den größten Anteil der renal ausgeschiedenen TOTM-Dosis darstellen, beschränkt. Dabei handelt es sich um zwei primäre Monoester, sowie vier spezifische sekundäre TOTM-Metabolite. Zur Optimierung der Methode wurden Gradient, Säulenschaltung sowie die MRM-Übergänge überarbeitet. Die Zuverlässigkeit des Verfahrens wurde durch eine vollständige Validierung bestätigt.

Ergebnisse
Trotz des Einsatzes deutlich geringerer Probenvolumina, konnte die Sensitivität des Verfahrens deutlich erhöht werden. Die ermittelten Nachweisgrenzen liegen nun für alle Analyten jeweils unter 0,05 µg/L Urin. Auch die weiteren erhobenen Validierungsdaten, wie Präzision und Richtigkeit, sind mit denen der vorausgegangenen Methode vergleichbar oder sogar besser, trotz des Umstandes, dass die Validierung mit deutlich geringeren Analyt-Konzentrationen erfolgt ist. Zudem wurde die Laufzeit der Methode signifikant verkürzt und durch die Auswahl neuer MRM-Übergänge und die Etablierung eines neuen Fließmittellgradienten die Störanfälligkeit durch Matrixeinflüsse verringert.

Schlussfolgerung
Die optimierte Methode ermöglicht durch die deutliche Erhöhung der Sensitivität auch die Quantifizierung in sehr niedrigen Konzentrationsbereichen. Zusätzlich gewährleistet die Analyse mittels UHPLC-MS/MS mit On-line-Anreicherung eine hohe Messleistung und Effizienz. Dadurch stellt die Methode einen wichtigen Beitrag zum Humanbiomonitoring von TOTM dar und kann bei der Messung von Hintergrundbelastungen angewendet werden.

Die Methodenoptimierung wurde durch das Umweltbundesamt (UBA) finanziell gefördert.
Frau Laura Kuhlmann
FAU Erlangen-Nürnberg Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
Erste Daten zur Hintergrundbelastung mit dem alternativen Weichmacher Tri-2-ethylhexyltrimellitat (TOTM) in Kindern und Jugendlichen der deutschen Allgemeinbevölkerung (Elisabeth Eckert, Maria Schmied-Tobies, Enrico Rucic, Laura Kuhlmann, Philipp Zimmermann, Aline Murawski, Gerda Schwedler, Thomas Göen, Marike Kolossa-Gehring)
Einleitung
Kunststoffe aus Polyvinylchlorid (PVC) sind gängige Komponenten von Verbrauchsprodukten und Einrichtungsgegenständen. Insbesondere Weich-PVC enthält einen großen Anteil an Weichmachern, die nicht chemisch gebunden sind und somit sukzessive aus den Materialien migrieren. Bisher waren Phthalate die am häufigsten verwendeten Weichmacher. Aufgrund deren toxikologisch bedenklichen Eigenschaften wurden und werden diese zunehmend durch alternative Stoffe, wie z. B. Tri-2-ethylhexyltrimellitat (TOTM) ersetzt. Bisher fehlten Daten, die Auskunft darüber geben, ob und in welchem Ausmaß eine Belastung der Allgemeinbevölkerung mit diesem Ersatzstoff besteht.
Methoden
Ein Ziel der Deutschen Umweltstudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (GerES V) war die Erfassung der Hintergrundbelastung mit dem alternativen Weichmacher TOTM. Dazu wurden sechs TOTM-Metaboliten in den Urinproben einer Unterstichprobe (N=439) mittels eines speziell entwickelten Biomonitoringverfahrens auf der Basis der UHPLC-MS/MS-Technik analysiert [1] und die Daten ausgewertet [2].
Ergebnisse
Insgesamt konnten in 11 der 439 Studienproben (2,6 % der Probenzahl) Analyt­gehalte oberhalb der Bestimmungs­grenze quantifiziert werden. Der Metabolit 2‑MEHTM (2-Monoethylhexyltrimellitat, 2‑MEHTM) stellte dabei in Relation zu den anderen Metaboliten sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht den am häufigsten gefundenen Analyten dar; dieser war in allen 11 Proben mit positivem Befund enthalten [2].
Schlussfolgerungen
Erstmals konnten Belastungen von Personen der deutschen Allgemeinbevölkerung mit TOTM nachgewiesen und quantifiziert werden [2]. Die Ergebnisse belegen die hohe Leistungsfähigkeit der neuen Biomonitoringparameter und der entwickelten Methode für den umweltbezogenen Gesundheitsschutz. Derzeit ist die Belastung mit dem alternativen Weichmacher im Vergleich zu den Phthalaten noch relativ gering. Es darf aber vermutet werden, dass in Zukunft der zunehmende Einsatz alternativer Weichmacher auch in der Hintergrundbelastung der Allgemeinbevölkerung deutlicher zum Tragen kommt.
Frau PD Dr. Elisabeth Eckert
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Thursday
18 Mar
16:00 - 16:45
Vorträge
Gefahrstoffe (UV-Schutz)
Room: Zoom-Raum 6
Chair(s): Frederik Lessmann
Untersuchung des Human-Metabolismus des UV-Filters Homosalat und Identifizierung spezifischer Biomarker für das Human-Biomonitoring (Katharina Ebert, Peter Griem, Heiko Hayen, Tobias Weiß, Thomas Brüning, Holger M. Koch, Daniel Bury)
Einleitung
Homosalat (HMS; CAS-Nummer 118-56-9) ist ein organischer UV-B Filter, der als cis/trans-Gemisch in Sonnenschutzmitteln und anderen kosmetischen Mitteln eingesetzt wird. HMS steht unter Verdacht, als endokrin aktive Substanz zu wirken. Aufgrund seiner Verwendung in verbrauchernahen Produkten und hohen zugelassenen Maximalkonzentrationen in Kosmetika (EU: 10%) ist eine Exposition der Allgemeinbevölkerung wahrscheinlich. Die systemische Aufnahme von HMS aus Sonnenschutzmitteln wurde zudem mittlerweile beschrieben. In der aktuellen Studie wurden vier spezifische oxidative HMS-Metaboliten postuliert und deren Bildung und Ausscheidung in oralen und dermalen Human-Metabolismusstudien quantitativ untersucht.

Methoden
Zur quantitativen Bestimmung der spezifischen HMS-Metaboliten in Urin wurde eine online-SPE-LC-MS/MS-Methode entwickelt und validiert. Die Quantifizierung erfolgt mithilfe stabilisotopenmarkierter Standards. Die orale Dosierungsstudie umfasste die einmalige Dosierung von vier Probanden mit je 10 mg HMS. Urinproben wurden kontinuierlich und vollständig über einen Zeitraum von 48 Stunden gesammelt. Die dermale Dosierungsstudie (n=1) bestand aus der einmaligen Anwendung einer kommerziell erhältlichen, HMS-haltigen Sonnencreme mit anschließender Urinsammlung über 96 Stunden.

Ergebnisse
Über den gesamten Zeitraum der Probensammlung (oral: 48 h, dermal: 96 h) konnte mindestens einer der postulierten HMS-Metaboliten im Urin nachgewiesen werden. Ausscheidungsmaxima lagen bei 2-6 h (oral) und 10-11 h (dermal) für alle Metaboliten. In einer Pilotpopulation (n=35) der deutschen Allgemeinbevölkerung konnten die identifizierten Metaboliten in 3-9% der Proben bestimmt werden.

Schlussfolgerung
Die identifizierten Metaboliten eignen sich als Biomarker für die quantitative Bestimmung der HMS-Exposition in Human-Biomonitoring-Studien. Mithilfe der entwickelten Methode und der ermittelten toxikokinetischen Kenngrößen kann zukünftig die Belastungssituation von privaten und beruflichen Anwendern sowie eine allgemeine Hintergrundbelastung näher untersucht und bewertet werden.
Frau Katharina Ebert
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Bestimmung humaner Expositionsbiomarker des UV-Filters Avobenzon in Urin (Kathrin Papadopoulos, Rebecca Moos, Daniel Bury, Heiko Hayen, Tobias Weiß, Thomas Brüning, Holger M. Koch)
Einleitung
Avobenzon (Avo; INCI Butyl methoxydibenzoylmethane) ist ein organischer UV-A-Filter in Sonnenschutzmitteln und anderen kosmetischen Mitteln. In Europa beträgt die maximal erlaubte Konzentration von Avo in kosmetischen Mitteln 5%. Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft ist Avo als toxikologisch wenig bedenklich klassifiziert. Einige Studien deuten jedoch darauf hin, dass Avo photoallergische Reaktionen auf der Haut auslösen kann. Aufgrund seiner weit verbreiteten Verwendung in Kosmetika ist eine Exposition der Allgemeinbevölkerung wahrscheinlich und die systemische Aufnahme von Avo aus Sonnenschutzmitteln wurde mittlerweile beschrieben. Die Erfassung der Belastungssituation der Allgemeinbevölkerung ist daher von großem Interesse. In diesem Zusammenhang wurde Avo im Rahmen eines Kooperationsprojekts zwischen dem Bundesministerium für Umwelt (BMU), dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) und dem Deutschen Umweltbundesamt (UBA) als relevanter Stoff ausgewählt.

Methode
Zur Erfassung der Exposition gegenüber Avo werden spezifische Avo-Metaboliten (Biomarker) in Urin herangezogen. Eine neu entwickelte und validierte LC-MS/MS-Methode wird zur Bestimmung dieser Biomarker verwendet. Die Methodenentwicklung erfolgte auf Basis von vier Metaboliten (ein oxidierter und zwei desmethylierte, oxidierte Metaboliten, sowie ein oxidiertes Chalkon), aus dem von uns aufgeklärten Phase-1-Metabolismus von Avo. Konjugierte Formen der Metaboliten im Urin werden enzymatisch hydrolysiert. Eine anschließende Aufreinigung der Probe und Aufkonzentrierung der Metaboliten erfolgt mittels online-Festphasen-Extraktion. Die Quantifizierung der Metaboliten im Urin erfolgt über entsprechende isotopenmarkierte Standards.

Ergebnisse
Nach oraler Dosierung mit 10 mg Avo wurden die vier oben erwähnten Avo-Metaboliten im Urin eines Probanden mittels LC-HRMS bestätigt. Die Messung in weiteren Probanden und nach einer dermalen Anwendung steht noch an.

Ausblick
Die entwickelte Methode ermöglicht die Quantifizierung spezifischer Avo-Metaboliten nach oraler bzw. dermaler Dosierung sowie eine entsprechende Ableitung der Eliminationskinetik über eine Zeitspanne von 48 h (oral) bis 72 h (dermal). Durch Bestimmung metabolischer Konversionsfaktoren kann von den Metabolit-Konzentrationen im Urin auf die aufgenommene Dosis zurückgerechnet werden. In zukünftigen umwelt- sowie arbeitsmedizinischen Studien soll die beschriebene HBM-Methode zur Erfassung der Avo-Exposition in der Allgemeinbevölkerung bzw. exponierten Subpopulationen angewendet werden.
Frau Kathrin Papadopoulos
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Bestimmung des UV-Stabilisators UV-327 und seiner Metaboliten in Urin (Corinna Fischer, Thomas Göen)
Einleitung
2,4-Di-tert-butyl-6-(5-chloro-benzotriazol-2-yl)phenol (UV-327) wird als UV-Stabilisator in Kunst- und Beschichtungsstoffen eingesetzt. Auf Grund seiner persistenten und bioakkumulierenden Eigenschaften ist es inzwischen ubiquitär in der Umwelt verbreitet. Dadurch gilt eine Exposition des Menschen mit UV-327 als wahrscheinlich. Bislang fehlen hierzu allerdings Daten. Um eine potentielle Belastung erfassen zu können, wurde eine Biomonitoring-Methode zur Quantifizierung von UV-327 sowie seiner bedeutendsten Metaboliten in Urin entwickelt.

Methoden
Als Zielparameter wurden UV-327 sowie Metaboliten, bei denen die Substanz mono- und dihydroxyliert (UV-327-4-mOH, UV-327-6-mOH und UV-327-4+6-diOH), carboxyliert (UV-327-4-mcx und UV-327-6-mcx) sowie gemischt oxidiert (UV-327-4-mOH und UV-327-4-mcx-6-mOH) vorliegt, ausgewählt. Nach enzymatischer Hydrolyse wurden die Analyten mittels dispersiver Flüssig-Flüssig-Mikroextraktion (DLLME) aus dem Urin extrahiert. Anschließend wurden sie derivatisiert und mittels Gaschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (GC-MS/MS) detektiert. Die Methode wurde optimiert und anschließend validiert.

Ergebnisse
Sämtliche Parameter konnten erfolgreich aus der humanbiologischen Matrix extrahiert und anschließend derivatisiert und detektiert werden. Die entwickelte Methode ermöglicht eine gute chromatographische Trennung der Stellungisomere. Sämtliche Analyten konnten im Ultraspurenbereich erfasst werden. Außerdem ergab die Validierung relative Wiederfindungsraten im Bereich von 80-120%. Für die Präzision in Serie und von Tag zu Tag wurden Variationskoeffizienten von unter 15% ermittelt.

Schlussfolgerung
Das entwickelte Analyseverfahren ermöglicht die simultane Bestimmung von UV-327 und seiner wichtigsten Metaboliten in Urin und zeigt ein hohes Maß an Robustheit und Zuverlässigkeit. Ob die damit erfassten Parameter tatsächlich für das Humanbiomonitoring von umweltbedingten Belastungen geeignet sind, soll im Rahmen einer Metabolismus- und Toxikokinetik-Studie geklärt werden.

Die Studie erfolgte im Rahmen der BMU-VCI-Humanbiomonitoring-Initiative und wurde von der Chemie-Wirtschaftsförderungsgesellschaft finanziell gefördert.
Frau Corinna Fischer
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, FAU Erlangen-Nürnberg
Friday
19 Mar
08:30 - 09:30
Vorträge
COVID-19 (Gesundheitswesen, Mortalität, Schifffahrt)
Room: Zoom-Raum 3
Chair(s): Astrid Rita Regina Heutelbeck and Gabriela Petereit-Haack
SARS-CoV-2-Infektionen bei Beschäftigten am St. Antonius Hospital in Eschweiler – erste Ergebnisse einer Wiederholungsuntersuchung zur Seroprävalenz (Claudia Peters, Rita Cranen, Guido Michels, Martin Platten, Albert Nienhaus)
Hintergrund
Das neuartige Corona-Virus SARS-CoV-2 stellt weltweit Gesundheitssysteme vor große Herausforderungen. Beschäftigte im Gesundheitsdienst haben durch ihre Tätigkeit allgemein ein erhöhtes Risiko für Infektionskrankheiten. Diese Entwicklung lässt sich auch in den Verdachtsanzeigen im Berufskrankheiten-Verfahren der BGW für SARS-CoV-2 beobachten. Wie sich die Situation in einem Krankenhaus der Regel- und Schwerpunktversorgung darstellt, wird mit einer Beobachtungsstudie untersucht.
Methoden
Im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge wurden allen Beschäftigten im April/Mai 2020 nasopharyngeale Abstriche zur PCR-Testung und Blutproben für die Antikörperbestimmung angeboten. Mit einem Fragebogen wurden Vorerkrankungen, Kontakte mit positiv-getesteten Fällen und typische Symptome bei COVID-19 erhoben. Das erste Follow-up erfolgte im September 2020.
Ergebnisse
Insgesamt 1.212 (89%) Beschäftigte im Alter von 17-74 Jahren nahmen an der ersten Untersuchung teil. 79% waren Frauen, 22% Raucher und die Mehrheit arbeitete patientennah im stationären Bereich. 47 Mitarbeiter (4,0%) wurden als positiv eingestuft, wenn sie entweder einen positiven PCR-Test und/oder einen IgG-Antikörpertest hatten. Die häufigsten Symptome waren Kopfschmerzen, Müdigkeit/Erschöpfung, Halsschmerzen und Husten. Im Vergleich mit den negativ Getesteten zeigte sich ein höheres Risiko für einen positiven Test, wenn ein Kontakt mit einem COVID-19-Fall bestand (OR 2,4; 95% KI 1,2-4,7). Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ließ dagegen einen protektiven Effekt erkennen (OR 0,4; 95% KI 0,2-0,9). Die Ergebnisse des Follow-up werden bei der Jahrestagung präsentiert.
Fazit
Mit dieser Studie werden Daten zum Infektionsgeschehen mit SARS-CoV-2 im beruflichen Kontext bei Beschäftigten in einem Krankenhaus erhoben. Die Ergebnisse sind von besonderem wissenschaftlichen Interesse, da es bisher nur wenige vergleichbare Studien gibt. Mit weiteren Untersuchungen nach 6 und 12 Monaten werden Erkenntnisse im Längsschnitt über die Verbreitung des Virus und die Entwicklung der Antikörper generiert.
Frau Dr. Claudia Peters MPH
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Seroprävalenz von SARS-Cov-2-Antikörpern bei Beschäftigten in der ambulanten Pflege in Hamburg (Anja Schablon, Albert Nienhaus, Volker Harth, Claudia Terschüren)
Hintergrund: Das Pflegepersonal im Gesundheitswesen ist in der SARS-CoV-2-Pandemie einem besonders hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. In der ambulanten Pflege besteht die Möglichkeit, dass das SARS-Cov-2-Virus von den Beschäftigten der Pflegedienste in die Häuser von Pflegebedürftigen getragen bzw. bei einem Hausbesuch eine Ansteckung erfolgt und das Virus weitergetragen wird. Die Studie soll wichtige Erkenntnisse über die Serokonversionsrate von SARS-CoV-2 bei Beschäftigten in der ambulanten Altenpflege liefern. Die Frage nach berufsspezifischen Risikofaktoren für nosokomiale Transmissionen ist dabei von großem Interesse, um Maßnahmen zum Schutz von Mitarbeiter*innen und Pflegebedürftigen zu optimieren. Die Ergebnisse liefern wichtige Ansatzpunkte für Präventionsanforderungen in der ambulanten Pflege und helfen die Versorgung der älteren Menschen im häuslichen Umfeld zu sichern und so die Krankenhäuser zu entlasten.
Methode: In der explorativen Beobachtungsstudie werden Pflegekräfte aus ambulanten Pflegediensten in Hamburg vier Mal innerhalb eines Jahres auf eine Serokonversion hin untersucht. Neben möglichen Symptomen einer Infektion mit SARS-CoV-2 werden soziodemografische Daten, berufsspezifische Angaben zu Infektionsrisiken und zur Lebensqualität erhoben. Die Baseline-Untersuchung erfolgte von Ende Juli bis Ende September 2020 mit dem Enzyme-linked Immunosorbent Essay (ELISA) auf SARS-CoV-2-IgG (S1) (Euroimmunanalyser). Bei einem positiven Testergebnis wurde der Befund mit dem Roche Elecsys SARS Cov 2 Total Ig Assay überprüft.
Ergebnis: Insgesamt konnten 51 Einrichtungen mit 640 Beschäftigten in die Studie eingeschlossen werden. Im Rahmen der Baseline-Untersuchung fand sich bei 9 Beschäftigten eine Serokonversion. Das entspricht einer Prävalenz von 1,4%. Die zweite Untersuchungsphase nach 3 Monaten hat im Oktober 2020 begonnen.
Fazit: Auf der Basis der beobachteten Seroprävalenz in der Baseline kann angenommen werden, dass in dem untersuchten Zeitraum die Ansteckungsgefahr für Pflegebedürftige durch die Beschäftigten der ambulanten Pflegedienste gering war. Das Infektionsgeschehen wird in Folgeuntersuchungen weiter beobachtet. Die psychosozialen Belastungen der Beschäftigten in der SARS-CoV-2-Pandemie werden ebenfalls erfasst.
Frau Dr. P.H. Anja Schablon
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
SARS-CoV-2/COVID-19: Vergleiche der Mortalität für Frauen und Männer zwischen Deutschland und Italien bis Juni 2020 (Peter Morfeld, Barbara Timmermann, J. Valérie Groß, Sara De Matteis, Marcello Campagna, Philip Lewis, Pierluigi Cocco, Thomas C. Erren)
Hintergrund: SARS-CoV-2/COVID-19 haben Deutschland und Italien1 in der ersten Jahreshälfte 2020 mit unterschiedlicher Wucht getroffen. Wir nutzen Standardisierte Mortalitäts-Ratios (SMRs)2, um die Sterblichkeit während der Pandemie zwischen Deutschland und Italien vergleichend auszuwerten.

Methoden: Monatliche und wöchentliche Gesamtmortalitätsdaten für Frauen und Männer für Januar 2016 bis Juni 2020, die vom Statistischen Bundesamt in Deutschland (Destatis) bzw. Nationalen Institut für Statistik in Italien (ISTAT) für alle Altersgruppen, <65 Jahre und ≥ 65 Jahre für Bundesländer bzw. Regionen veröffentlicht wurden, haben wir zur Untersuchung der Sterblichkeit genutzt. SMRs wurden im Vergleich der Bezugsjahre 2020 und 2016-2019 mit einem Schwerpunkt auf der Trenderkennung ausgewertet.

Ergebnisse: In Deutschland folgte einer höheren Sterblichkeit im April (am stärksten ausgeprägt in Bayern) ein Rückgang. Als Beispiel für -bisher noch nicht gewürdigte- Ergebnisse in Bundesländern wandelten sich in Mecklenburg-Vorpommern verminderte SMRs im Januar monoton in signifikant erhöhte SMR im Juni um. Für Italien zeigten SMR-Analysen eine signifikante Übersterblichkeit nicht nur in der Lombardei, sondern auch in anderen Regionen, die bisher nicht als Corona-Hotspots betrachtet wurden. Weitere Auswertungen werden vorgestellt werden.

Schlussfolgerung: SMR-Analysen in angemessener räumlicher Auflösung3 erlauben direkte Vergleiche der Krankheitslast zwischen den Ländern – und innerhalb Deutschlands und Italiens – und sollten zur Abschätzung erwünschter und unerwünschter Effekte von Maßnahmen gegen SARS-CoV-2/COVID-19 genutzt werden.

Herr Univ.-Prof. Dr. med. Thomas C. Erren M.P.H.
Uniklinik Köln
Risikoreduzierungsmaßnahmen, Hygienekonzept und Handlungsanweisungen zu Coronavirus SARS-CoV-2 (COVID-19) Infektionen auf dem Segelschulschiff „Alexander von Humboldt II“ (Axel Hahn, Raik Schäfer, Jürgen Hinrichs, Olaf Schedler)
Die 2011 neu erbaute Dreimastbark „Alexander von Humboldt II (AvHII)“ erfüllt als Ausbildungsschiff den heutigen hohen gesetzlichen Standard. Sie kann neben öffentlichen Mitsegelmöglichkeiten auch professionelle Ausbildungstörns für Segelkadetten der Bundesmarine (2019-2021) anbieten. Die weltweite COVID-19 (CO19) Pandemie hat beträchtliche Auswirkungen auf den Weiterbetrieb der AvHII gehabt. Strikte CO19 Verhinderungsmaßnahmen wurden ab Anfang März 2020 in Kraft gesetzt, sehr konsequent auf den Werftarbeitsplätzen in Harlingen (NL)/Bremerhaven eingehalten und auf den 14-tägigen Törns ab 25.06.2020 bis zum Februar 2021 weitergeführt.
Methode/Maßnahmen: Für die AvHII wurde eine spezielle COVID-19 Risikobewertung (COV19RISK) mit speziellen Standards entwickelt. 1. Die AVHII wurde zum „als in sich geschlossener Bereich“ erklärt, in dem sich nur medizinisch überprüfte/befugte Personen innerhalb einer 14–tägigen „Reisequarantänezeit“ aufhalten durften. Landgänge waren unterbunden. 2. Die Anreise wurde aus Sicherheitsgründen nur im PKW/Kleinbus erlaubt. 3. Das Boarding aller Teilnehmer wurde einer maximalen Testung unterzogen. COV19RISK-Schritte: 1. Pre-Boarding 3 Tage vor Boarding: Standardbefragung (COV19 Fragebogen), klinische Einschätzung und vorläufige Törnerlaubnis durch den verantwortlichen Schiffsarzt (Doc), 2. Boarding: Frühmorgens erneute COV19-Validierung (Fragebogen/klinische Einschätzung), Körpertemperaturmessung und anschließende PCR-Testung im Einbahnstraßensystem vor Anbordgehen durch den Doc. Ein Boarding/Bordbetrieb wird nur aktuell negativ getesteten Teilnehmern gestattet. 3. Bordbetrieb: Für 3 Tage besteht unter Deck Maskenpflicht mit besonderen Auflagen. Am 4.Tag werden alle Teilnehmer mit einer Körpertemperaturmessung untersucht. Ergibt sich daraus kein COV19 Verdacht werden Maskenpflicht bzw. Beschränkungen an Bord vollständig aufgehoben. 4. Törnende: Liegen während der 14-tägigen Reise keine Hinweise auf ein COV19 Risiko vor, werden alle Teilnehmer am vorletzten Tag mit Körpertemperaturmessung enduntersucht. Werden weiterhin negative Befunden erhoben wird das Schiff „COVID-19 frei“ erklärt und den Anforderungen der Hafenbehörden Folge geleistet.
Ergebnisse: Auf Grund der speziellen COVID-19 Risikobewertung, den 14-tägigen Reisen in Quarantänezeit und der ständigen Verfügbarkeit von Schiffsärzten auf der AvHII sind bis Oktober 2020 keine COV 19 Infektionen an Bord aufgetreten. Über den weiteren Verlauf wird ausführlich berichtet.
Herr Dr. Dr. Axel Hahn
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
Studium Elektrotechnik und Medizin, Facharzt Kinder/Jugendmedizin, Umweltmedizin, Humantoxikologe, Fachwissenschaftler Toxikologie und Umweltschutz, Promotionen Dr. med./ Dr. P.H., bis 2014 Leiter der Nationalen Erfassungsstelle der Dokumentations- und Bewertungsstelle für Vergiftungen im Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Geschäftsführer der Nationalen Kommission zur Bewertung von Vergiftungen, nun im Status eines Senior Fellows im BfR und Gastwissenschaftler (Charité Berlin/Universitätsmedizin Leipzig)
Herr Raik Schäfer
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg
Herr Jürgen Hinrichs
Deutsche Stiftung Sail Training
Herr Olaf Schedler
Helios Klinikum Bad Saarow
Friday
19 Mar
09:00 - 11:00
Symposium
Symposium der BARMER und der DGAUM: "6 Jahre Präventionsgesetz - Schwerpunkt BGF"
  • Begrüßung (Birte Schwarz, BARMER)
  • Geht die „Nationale Präventionsstrategie“ auf? Bewertung des Präventionsberichtes der Nationalen Präventionskonferenz (Schwerpunkt BGF) (Ulrike Pernack, vdek)
  • Das Präventionsgesetz gestalten: Bewertung des Präventionsgesetzes aus Sicht der gesetzlichen Krankenversicherung (Dr. Christian Graf, BARMER)
  • Das Präventionsgesetz in der Praxis: Betriebliche Gesundheitsförderung in KKMU – Chancen, Hindernisse und Gelingensbedingungen - (Regina Lösch, DGAUM, Projektmitarbeiterin „Gesund arbeiten in Thüringen“)
  • Das Präventionsgesetz in der Praxis: Der Lotse im System? Die „neue“ Rolle des Betriebsarztes (Dr. Tautz, Chief Medical Officer Deutsche Post DHL Group“)
  • Das Präventionsgesetz in der Praxis: Ist Gesundheit Chefsache? Die Rolle der Arbeitgeber für erfolgreiche Gesundheitsförderung im Betrieb (Sven Nobereit, Verband der Wirtschaft Thüringens)
  • Das Präventionsgesetz in der Praxis: Einsatz digitaler Interventionen in der betrieblichen Gesundheitsförderung (Dr. Mustapha Sayed, BARMER)
  • Abschlussdiskussion
Room: Zoom-Raum 1
Friday
19 Mar
08:30 - 10:00
Diskussionsforum
Quo vadis betriebliche Arbeitsmedizin
Nach den Vorträgen wird es eine Diskussionsrunde der Referierenden und Vorsitzenden geben, gemeinsam mit:
  • Prof. Dr. med. Dipl.-Ing. Stephan Letzel (Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin)
  • Dr. med. Martin Kern (Leiter Arbeits- und Gesundheitsschutzes, Infraserv GmbH & Co. Höchst KG)
     
Room: Zoom-Raum 2
Chair(s): Thomas Kraus and David A Groneberg
Kritik der betrieblichen Arbeitsmedizin – ein konstruktiver Impuls (Hans Martin Hasselhorn)
Der Wandel von Arbeit und Erwerbsbevölkerung erfordert einen Diskurs zum Wandel der betrieblichen Arbeitsmedizin.
Methode: In 9 „Heidelberger Thesen“ wird die hiesige arbeitsmedizinische Praxis analysiert. Sie führen zu einem Fazit, in dem Schwächen und Stärken der arbeitsmedizinischen Praxis gegenübergestellt werden.
Ergebnisse: Die Schwächen der betriebsärztlichen Tätigkeit umfassen a) den unklaren betriebsärztlichen Auftrag und aufweichende Tätigkeitsgrenzen; b) die thematische Überforderung für Einzelpersonen; c) den geringen Umfang medizinischer und nicht-delegierbarer Tätigkeiten; e) das Risiko des Missbrauchs des Betriebsarztes als Gehilfe zur Erfüllung rechtlicher Vorgaben im Betrieb, für Arbeitsschutzschulung betrieblich Verantwortlicher und für Aufgaben des allgemeinen Gesundheitsschutzes; f) den fehlenden wirklichen Qualitätswettbewerb und -druck; und g) das Risiko für Profilverlust und ein negatives medizinisches Selbstbild. Die exklusive Stärken der
betriebsärztlichen Tätigkeit umfassen a) die somatische arbeitsmedizinische Kompetenz, b) das fachliche Profil, c) die arbeitsmedizinische Identität und d) die ärztliche Autorität im Betrieb.
Schlussfolgerungen: Im Beitrag werden Kernpunkte einer zeitgemäßen arbeitsmedizinischen Betreuung zur Diskussion gestellt. Dieses umfasst die folgenden Aspekte: a) die arbeitsmedizinische Versorgung findet grundsätzlich in flächendeckenden interdisziplinären Occupational Health Units mit expliziter Kernaufgabe „Arbeitsschutz“ statt, b) die Schaffung einer Profession der Occupational Health Nurse, als Experte/in, c) die Stärkung der Thematik „Wiedereingliederung“, d) die Fokussierung der Tätigkeit der Betriebsärzte auf die klinischen Fälle, e) eine strukturierte Qualitätssicherung der betriebsmedizinischen Betreuung, f) die formalisierte Vernetzung regionaler Stakeholder, g) die konsequente staatliche Arbeitsschutz-Überwachung der Betriebe.
Offenbar wird, dass eine grundlegende Neugestaltung der betrieblichen Arbeitsmedizin nicht eine isolierte Maßnahme, sondern eine konzertierte Aktion mit der Sozialpolitik sein müsste. Allerdings scheint kein stakeholder (Politik, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Fachgesellschaft) ein Interesse an einer grundsätzlichen Modifikation des gegenwärtigen Zustands der arbeitsmedizinischen Versorgung zu haben. Daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die betriebliche Arbeitsmedizin in Deutschland tatsächlich perspektivisch grundsätzlich hinterfragt und neu konzipiert wird, extrem gering.
Herr Prof. Hans Martin Hasselhorn
Bergische Universität Wuppertal, Fachgebiet Arbeitswissenschaft
Hans Martin Hasselhorn ist Facharzt für Arbeitsmedizin und seit September 2015 Inhaber des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Er hat in Freiburg und Göteborg Humanmedizin studiert, von 1992 bis 1997 am Universitätsklinikum Freiburg gearbeitet und ist von 1997 bis 1999 als Marie-Curie-EU-Stipendiat am Karolinska Institute in Stockholm in der Arbeitsstressforschung tätig gewesen. Von 1999 bis 2009 war er an der Bergischen Universität Wuppertal im Bereich Arbeitsmedizin tätig, danach leitete er den Forschungsfachbereich „Arbeit und Gesundheit“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist heute der Themenkomplex „Arbeit, Alter, Ge-sundheit und Erwerbsteilhabe“. Zu den von ihm initiierten Forschungsprojekten zählen die Europäischen NEXT-Studie (www.next-study.net) sowie die deutsche Alterskohortenstudie lidA („leben in der Arbeit“, www.lidA-studie.de). Von 2014 - 2015 koordinierte er das internationale Projekt “Understanding Employment Participation of Older Workers”, JPI UEP (http://www.jp-demographic.eu/about/fast-track-projects/understanding-employment).
Überlegungen zur Weiterentwicklung der arbeitsmedizinischen Vorsorge (Joachim Stork)
Einleitung
Seit mehr als einem Jahrzehnt hat sich die Verordnung Arbeitsmedizinische Vorsorge bewährt und - insbesondere durch ihre Neufassung 2013 - die präventive Ausrichtung der arbeitsmedizinischen Vorsorge gestärkt. Es wird angeregt, im Rahmen der Tagung ein Symposium zum Thema "Arbeitsmedizinische Vorsorge - Zwischenbilanz und Perspektiven" zu organisieren. Eingereichte und bestätigte Beiträge zum Thema Vorsorge - ggf. auch der hier vorgeschlagene - und eine anschließende Rundtischdiskussion könnten in einem solchen Symposium zusammengefasst werden.

Arbeitsmedizinische Begleitung der Einführung neuer Technologien
Im Beitrag werden mehrere im eigenen Betreuungsbereich abgeschlossene arbeitsmedizinische Begleitprojekte bei Einführung neuer Technologien / Arbeitsformen kurz vorgestellt. Die meisten der Projekte umfassten ein an die jeweilige Fragestellung adaptiertes arbeitsmedizinisches Untersuchungs- und Beratungsangebot für die betroffenen Beschäftigten.

Fragestellung
Lassen sich die durchgeführten Untersuchungs- und Beratungsangebote der abgeschlossenen Begleitprojekte den Vorsorgekategorien der ArbMedVV (Pflicht-, Angebots-, Wunsch- und nachgehende Vorsorge) zuordnen?

Ergebnisse
Bei keinem der Projekte gab es nach ArbMedVV eine Pflicht oder Option des Arbeitgebers, im Hinblick auf die jeweilige Exposition oder Fragestellung arbeitsmedizinische Vorsorge anzubieten - obwohl überwiegend die Gefährdungsbeurteilung noch unvollständig war. Gehäufte Inanspruchnahme der Wunschvorsorge in bestimmten Arbeitsbereichen war andererseits wiederholt entscheidender Anlass zur Initiierung der folgenden arbeitsmedizinischen Begleitprojekte mit spezifischen Untersuchungs- und Beratungsangeboten, die jeweils hohe Akzeptanz fanden.

Schlussfolgerungen
Im Beitrag wird angeregt, Untersuchungs- und Beratungsangebote im Rahmen der arbeitsmedizinischen Begleitung neuer Technologien und Arbeitsverfahren als eine zukünftige Kategorie der arbeitsmedizinischen Vorsorge nach der ArbMedVV zu diskutieren. Diese könnte vom Arbeitgeber angeboten werden, wenn so ein wesentlicher Beitrag zu einer noch unvollständigen Gefährdungsbeurteilung erwartet werden kann. "Begleitende Vorsorge" würde zugleich die betriebsärztlichen Aufgaben nach ASiG §3 (1) 2. und §3 (1) 3c präzisieren: "...Ursachen von arbeitsbedingten Erkrankungen zu untersuchen, die Untersuchungsergebnisse zu erfassen und auszuwerten und dem Arbeitgeber Maßnahmen zur Verhütung dieser Erkrankungen vorzuschlagen".
Herr Dr. Joachim Stork
Die Rollen von Arbeitsmediziner*innen in Unternehmen - eine neue Sichtweise auf das Berufsbild (Karl Hochgatterer)
Die Arbeitswelt befindet sich in einem dynamischen Wandel. Automatisierung und Digitalisierung schreiten rasch voran, auch wenn „traditionelle“ Arbeitsweisen und manuelle Tätigkeiten nach wie vor weite Arbeitsbereiche bestimmen. Vor allem im Dienstleistungsbereich treten Herausforderungen wie entgrenzte Arbeit (Homeoffice, mobiles Arbeiten, virtuelle Teams), Arbeitsverdichtung oder Qualifikationsdruck in den Vordergrund. Das Führen von Teams bei dislozierter Arbeit und zunehmende kulturelle Diversität stellen das Management von Unternehmen vor Herausforderungen, die nur mit Unterstützung und Beratung durch Expert/innen für Fragen der Gesundheit und Leistungsfähigkeit bewältigt werden können. Aber auch alternde Belegschaften oder die Förderung von Gesundheitskompetenz im Sinne eines salutogenen Ansatzes sind Themen, mit denen sich Arbeitsmediziner/innen verstärkt beschäftigen. Vor diesem Hintergrund verändert sich auch der Beruf Arbeitsmediziner/in.

Auf der anderen Seite droht in Österreich ein Arbeitsmedizinermangel, weil sich nicht ausreichend Ärztinnen und Ärzte für diesen Beruf interessieren, um den Betreuungsbedarf zu decken. Möglicherweise liegt dies auch daran, dass es bis dato nicht gelungen ist, den objektiv gesehen durchaus spannenden und abwechslungsreichen Beruf attraktiv darzustellen.

Die Österreichische Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention (AAMP) hat sich daher entschlossen, ein neues, zeitgemäßes Berufsbild zu formulieren, das dem beschriebenen Wandel Rechnung trägt, zugleich anerkannte Prozesse in ein Umfeld im Umbruch integriert und die unterschiedlichen Rollen, die Arbeitsmediziner/innen im Unternehmen einnehmen, prägnant und in zeitgemäßem Gewand darstellt.

Das neue Berufsbild Arbeitsmediziner/in beschreibt die arbeitsmedizinische Tätigkeit im Setting Unternehmen, wobei alle Orte der Erbringung der Erwerbsarbeit inkludiert sind. Es ist kein vollständiger Tätigkeitskatalog, sondern macht die Kernkompetenzen von Arbeitsmediziner/innen in kompakter Weise sichtbar. Damit bietet es Berufsinteressent/innen einen Überblick über die beruflichen Möglichkeiten sowie bestehenden und potenziellen Kunden der Arbeitsmedizin Orientierung für die erwartbaren Dienstleistungen.

Herr Karl Hochgatterer
Arbeitsmedizinisches Zentrum Perg GmbH
Wider die Instrumentalisierung. Eine Sekundäranalyse zum Professionsverständnis von Betriebsärzt:innen (Christine Preiser, Natalia Radionova, Monika A. Rieger)
Hintergrund
Als Ärzt:innen sind Betriebsärzt:innen (BÄ) Teil einer klassischen Profession, die sich u.a. durch eine spezifische Berufsethik, Gemeinwohlorientierung, hohes gesellschaftliches Ansehen und Autonomie auszeichnet. Gleichzeitig werden bei BÄ wesentliche Definitionsmerkmale einer Profession wie die Autonomie der Entscheidung wegen der Bezahlung durch Arbeitgebende (AG) immer wieder in Frage gestellt. In unserer Studie erforschen wir, wie BÄ dieses Spannungsfeld aushandeln. Der vorliegende Beitrag fokussiert auf die Frage der Autonomie.

Methoden
Es wurden Sekundäranalysen von 5 Fokusgruppendiskussionen und einem Einzelinterview mit Betriebsärzt:innen durchgeführt, die in 3 früheren Projekten des Instituts (2009 -2012) geführt worden waren. Die Daten waren vormals inhaltsanalytisch ausgewertet worden. In zwei Projekten waren bereits Datenausschnitte zum Thema „Selbstbild BÄ“ zusammengestellt worden. Diese wurden um passende Datenstücke aus dem 3. Projekt ergänzt und dann mittels dem Integrativen Basisverfahren vertiefend ausgewertet, um auch implizite Äußerungen zum Professionsverständnis zu rekonstruieren.

Ergebnisse
BÄ berichten von jeweils unterschiedlich gelagerten Instrumentalisierungsversuchen durch alle relevanten betrieblichen Akteursgruppen. Dies wird vor allem in Hinblick auf die AG, die Einhaltung der Schweigepflicht und selbstbestimmte Festlegung von Tätigkeitsinhalten thematisiert. Die BÄ betonen explizit wie implizit ihre Autonomie der Entscheidung und zeichnen Gesetze, Richtlinien und ihre ärztliche Berufsethik als ihren eigentlichen Dienstherren. Sie nennen verschiedene Strategien, um mit Instrumentalisierungsversuchen umzugehen und die eigene Autonomie zu wahren: die Betonung des Ärztlichen und die damit einhergehende Schweigepflicht, die selbstbestimmte Wahl des AG, das Abschließen von Verträgen mit Gestaltungsspielraum und wiederholte Aushandlungsprozesse mit den AG.

Diskussion
Die Grundlagen der ärztlichen Profession sind wesentlicher Bezugspunkt für die befragten BÄ. Gleichwohl erkennen sie an, dass sie sich immer wieder mit Instrumentalisierungsversuchen konfrontiert sehen. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitssystems können BÄ aber auch als diejenigen Ärzt:innen verstanden werden, die am offensten mit diesem Spannungsfeld umgehen.
Frau Christine Preiser
Universitätsklinikum Tübingen
Friday
19 Mar
10:30 - 11:15
Vorträge
Arbeitsplatz Schule II
Room: Zoom-Raum 2
Chair(s): Caroline Herr
Immunitätslücken bei Beschäftigten in der vorschulischen Kinderbetreuung bei erstmaliger Vorsorge in den Jahren 2018 und 2019 (Rüdiger Stephan Görtz, Elsa Gherman, Holger Wentzlaff, Hans Drexler, Anna Wolfschmidt)
Einleitung:
Das Maserschutzgesetz (10.02.2020) und aktualisierte STIKO-Empfehlungen (9.1.2020) machen den Nachweis der zweimaligen Impfung gegen Masern für Beschäftigte in der Kinderbetreuung zur Pflicht. Weiterhin sollten die Standard-STIKO-Empfehlungen umgesetzt sein und je nach Tätigkeitsprofil die Impfungen gegen Hepatitis A und FSME. Es erfolgte daher eine retrolektive Evaluation von Immunitätslücken von Beschäftigten in der vorschulischen Kinderbetreuung.

Material und Methoden:
Durch eine Datenbank-Abfrage der Jahre 2018 und 2019 des in der Arbeitsmedizin überbetrieblich tätigen BAD Gesundheitszentrums Erlangen wurden insgesamt 1184 arbeitsmedizinische Vorsorgen bei Beschäftigten im Bereich der vorschulischen Kinderbetreuung erfasst. Ausgeschlossen wurden Folgevorsorgen (n=429) und Vorsorgen bei Beschäftigten, die vor dem 1.1.1971 geboren wurden (n=139) oder männlich waren (n=38), und Vorsorgen mit fehlenden Daten (n=154). Analysiert wurden abschließend 424 Beschäftigte, die sich erstmals im BAD Gesundheitszentrum Erlangne zur Vorsorge vorgestellt hatten.
Die Akten wurden auf Immunitätslücken bezüglich Masern, Mumps, Röteln, Varizellen (VZV), Pertussis und FSME hin untersucht. Die Beurteilung der Immunität erfolgte primär anhand des Impfpasses; im Fall von VZV wurde bei positiver Varizellen-Anamnese Immunität angenommen. Serologische Ergebnisse lagen meist nicht vor.

Ergebnisse:
Bei 424 weiblichen Beschäftigten (mittleres Alter 28 Jahre, 15-48 Jahre) stieg die Masern-Immunitätslücke durch die aktualisierten STIKO-Empfehlungen von 23.6% auf 28.5% in der vorliegenden Kohorte. Die Immunitätslücken waren für Mumps 29.5%, für Röteln 27.4%, für Windpocken 1.4%, für Pertussis 24.5% und für FSME 56.5%. Die Immunitätslücke für Hepatitis A lag bei 60.9%, wobei 37.5% noch keine einzige Impfung gegen Hepatitis A erhalten hatten.

Diskussion:
Bei teils erheblichen Immunitätslücken bezüglich der impfpräventablen Infektionskrankeiten Masern, Mumps, Röteln und Keuchhusten sowie Hepatitis A und FSME muss diskutiert werden, welche Ursachen diesen Immunitätslücken zugrunde liegen könnten.

Schlussfolgerung:
Unsere Ergebnisse zeigen, dass im Rahmen arbeitsmedizinischer Vorsorgen für Beschäftigte in der Kinderbetreuung großer Beratungsbedarf hinsichtlich der Möglichkeiten und Bedeutsamkeit der Infektionsprävention besteht, insbesondere für weibliche Beschäftigte im gebärfähigen Alter.
Herr PD Dr. Rüdiger Stephan Görtz
BAD Gesundheitszentrum Erlangen
Gefährdungsbeurteilungen Psychischer Belastungen an staatlichen Schulen Bayerns - Ein Vergleich zwischen autarker und unterstützter Vorgehensweise (Wolfgang Fischmann, Hans Drexler)
Die Ermittlung psychischer Belastungen ist verpflichtender Bestandteil der Gefährdungsbeurteilung nach §5 ArbSchG. Die staatlichen Schulen Bayerns haben im Rahmen eines vom Arbeitsmedizinischen Institut für Schulen (AMIS) finanzierten Forschungsprojekts die Möglichkeit, dieser Pflicht mit Unterstützung der FAU Erlangen-Nürnberg und LMU München nachzukommen.
Ziel der Studie ist es, herauszufinden, welche Art und Intensität an Unterstützung eine Schule benötigt, um eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen (GB-Psych) bis hin zur Identifikation von Handlungsbedarfen und Ableitung von Maßnahmen effizient und zielgerichtet durchführen zu können.
An 30 staatlichen Schulen in Bayern werden dazu GB-Psych in Form von online-Vollbefragung des Lehrpersonals durchgeführt, wobei zwischen 2 Methoden unterschieden wird:
Die „Smart-Analysis-Action-Method“ (SAAM) ist eine Form, bei der die Schulen sehr autark vorgehen, zentrale Materialien zur Durchführung sowie den Fragebogen und die späteren Auswertungsergebnisse (teil-)automatisiert erhalten. Demgegenüber steht die „Detailed-Analysis-Action-Method“ (DAAM), bei der der gesamte Prozess bis hin zur Interpretation der Ergebnisse durch die FAU angeleitet und intensiv betreut wird. Die Schulen können selbst die Form wählen. Nach der Durchführung der Befragung und Sichtung der Ergebnisse findet via online-Fragebogen eine Evaluation des Prozesses sowie der Materialien und Ergebnisberichte durch die Schulleitungen statt.
Aktuell sind noch nicht alle GB-Psych und Evaluationen abgeschlossen. Erste Ergebnisse zeigen, dass beide Formen positiv bewertet werden: bzgl. SAAM werden u.a. „Freiraum der Weiterarbeit mit den Ergebnissen“ sowie „selbstgesteuerter Prozess“ als Vorteil genannt, während DAAM mit ihrer „hohen Unterstützung, Beratung und Begleitung“ hervorgehoben wird. Die Info- und Auswertungsmaterialien wurden von allen Schulen als „eher hilfreich“ oder „sehr hilfreich“ bzw. „eher verständlich“ oder „sehr verständlich“ bewertet (4-stufige Skala von „gar nicht…“ bis „sehr…“). Inhaltlich deckte laut allen Schulen der Fragebogen die relevanten Themen des Lehrberufs ab und Handlungsrelevanzen konnten ebenso von allen identifiziert werden.
Beide Methoden wurden bisher gut bewertet. Die autarke Form scheint äußerst sinnhaft. Den Schulen kann so mithilfe (teil-)automatisierter, standardisierter und somit ressourcenschonender Bestandteile eine ordentliche Unterstützung zur sinnvollen Umsetzung der GB-Psych geboten werden.
Herr Wolfgang Fischmann
Auswertung psychologischer Beanspruchungsparameter im Rahmen der Wunschvorsorge an sächsischen Schulen (Susann Mühlpfordt, Guido Prodehl)
Zielsetzung: Im Rahmen einer Ist-Analyse zum weiteren Ausbau des betrieblichen Gesundheitsmanagement werden u.a. Daten der arbeitsmedizinischen Wunschvorsorge ausgewertet. Dafür wird auch anhand einer Stichprobe von 4.206 elektronisch dokumentierter Wunschvorsorgen aus den Schuljahren 2017/18 und 2018/19 betrachtet, wie sich das Burnoutrisiko für die Lehrenden an den Schulen in Sachsen darstellt. Außerdem wird der Frage nachgegangen, ob es zwischen den Schularten Unterschiede in der Bewertung der Arbeitstätigkeit gibt.
Methoden: Für die Erfassung der subjektiv wahrgenommenen Arbeitsbedingungen wird der Effort-Reward-Imbalance-Fragebogen genutzt (Siegrist, 2009). Für die Abschätzung des Burnout-Risikos kommt das Maslach-Burnout-Inventory (MBI-GS, 1996) zum Einsatz.
Ergebnisse: Die Verteilung soziodemografischer Parameter stimmt weitgehend mit der realen Verteilung in der Grundgesamtheit der Lehrenden in Sachsen überein. Das Verhältnis zwischen extern geforderter beruflicher Verausgabung und Belohnung ist am ungünstigsten an Oberschulen und Gymnasien. Insgesamt arbeiten 12,1 % der Lehrenden nach eigenen Angaben unter Verhältnissen, wo die Anforderungen den Grad der Gratifikationen übersteigen, 33,4 % befinden sich in einem Übergangsbereich (gemäß Lehr et al., 2010). Das Burnoutrisiko, berechnet nach Kalimo et al. (2003), liegt in der Stichprobe bei 3,8 %, bei weiteren 37,8 % treten vereinzelte Burnout-Symptome auf.
Schlussfolgerung:
Der Einsatz von ERI und MBI kann Anhaltspunkte für die Belastung der Lehrkräfte in der Arbeitstätigkeit liefern. Die arbeitsmedizinische Beratung sollte sowohl auf mögliche Befindensbeeinträchtigungen in Bezug auf die Burnout-Symptomatik als auch die subjektiv empfundene Situation am Arbeitsplatz eingehen. In einem Pilotprojekt wird gegenwärtig in Sachsen ein weiterführendes Kurzcoaching für Lehrende mit kritischer Burnout-Symptomatik angeboten und evaluiert mit dem Ziel einer ersten weiterführenden und niedrigschwelligen Hilfestellung über das arbeitsmedizinische Gespräch hinaus. Darüber hinaus dienen die vorliegenden Ergebnisse neben den Ergebnissen der Gefährdungsbeurteilungen der Ableitung übergreifender verhältnisorientierter Maßnahmen an den Schulen in Sachsen.
Frau Susann Mühlpfordt
ZAGS-Zentrum für Arbeit und Gesundheit Sachsen GmbH
Herr Guido Prodehl
ZAGS-Zentrum für Arbeit und Gesundheit Sachsen GmbH
Friday
19 Mar
10:15 - 11:15
Vorträge
COVID-19 (Arbeitsschutz, Leistungsminderung, Gesundheitswesen)
Room: Zoom-Raum 3
Chair(s): Andrea Kaifie and Susanne Völter-Mahlknecht
Bewertung der Anpassung der Arbeitsbedingungen und des Infektionsrisikos während der COVID-19-Pandemie in verschiedenen Arbeitsplatzsettings (Esther Rind, Anke Wagner, Christine Preiser, Anna Ehmann, Benjamin Rebholz, Eylem Ög, Achim Siegel, Benjamin Steinhilber, Monika A. Rieger)
Hintergrund
Im Rahmen der COVID-19-Pandemie und der damit einhergehenden Rezession wird gegenwärtig diskutiert, wie ein zweiter "Lockdown" verhindert werden kann, um wirtschaftliches sowie öffentliches Leben bestmöglich aufrecht erhalten zu können. In dieser Studie wird untersucht, wie sich Unternehmen und ihre Mitarbeitenden auf neue Arbeitsschutzstandards einstellen, um die Ausbreitung der COVID-19-Krankheit zu verhindern. Dabei werden folgende Forschungsfragen fokussiert:
  • Wie beurteilen und akzeptieren Arbeitgeber und ihre Arbeitnehmer ihre "neue Normalität", die durch die Umsetzung von Vorschriften und Empfehlungen zum Infektionsschutz bei der Arbeit charakterisiert ist?
  • Welche Unterschiede treten im Verlauf beim wahrgenommenen und tatsächlichen Infektionsrisiko an verschiedenen Unternehmensstandorten und bei verschiedenen beruflichen Tätigkeiten auf und welche Prädiktoren lassen sich hierfür beschreiben?
Methode
In Zusammenarbeit mit dem betriebsärztlichen Dienst eines international führenden Technologie- und Dienstleistungsunternehmens mit Hauptsitz in Deutschland wurde ein explorativer multimodaler Mixed-Methods-Ansatz entwickelt:
  • Modul 1: kontinuierliche Dokumentenanalyse (arbeitsplatzbezogene, gesetzliche, infektiologische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen).
  • Modul 2: qualitative Interviews mit Schlüsselakteuren/Führungskräften verschiedener Tätigkeitsbereiche (Themen: tägliche Arbeitsabläufe, Problemlösungsprozesse) zu zwei Zeitpunkten (September/Oktober 2020; März/April 2021).
  • Modul 3: wiederholte standardisierte Online-Mitarbeiterbefragung zur Erfassung von möglichen Veränderungen in den Erfahrungen und Einstellungen zu Arbeitsbedingungen, Arbeitsschutzvorschriften und Infektionsschutzma&szli