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Mittwoch
11 Mar
10:30 - 11:15
DGAUM
Eröffnungspressekonferenz
Raum: Hörsaal 5 (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 164)
Mittwoch
11 Mar
11:30 - 13:30
DGAUM
Eröffnungsveranstaltung
1. Begrüßung (Prof. Hans Drexler)
2. Grußworte
  • Thorsten Glauber, Bayerischer Staatsminister für Umwelt und Verbraucherschutz
  • Dr. Erich Pospischil, Präsident der ÖGA
  • Dr. Klaus Stadtmüller, Präsident der SGARM
  • Prof. Simone Schmitz-Spanke und Prof. Jessica Lang, Tagungsleitung
3. Preisverleihungen (Prof. Hans Drexler)
  • Franz-Koelsch-Medaille
  • Rutenfranz-Medaille
  • DGAUM-Innovationspreis
  • ASU Best Paper Award
4. Festvortrag: "5 Jahre Präventionsgesetz" (Dr. Thomas Steffen, Staatssekretär des Bundesministeriums für Gesundheit)
5. Schlusswort
Raum: Hörsaal 3 (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 350)
Mittwoch
11 Mar
18:00 - 20:00
DGAUM
Mitgliederversammlung der DGAUM
Geschlossene Veranstaltung nur für DGAUM-Mitglieder
Raum: Hörsaal 3 (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 350)
Samstag
14 Mar
09:00 - 17:00
Seminar S0
Neues über Berufskrankheiten – Refresherkurs „Arbeitsmed. Zusammenhangsbegutachtung“
-- Wiederholung des Refresherkurses vom 01.02.2019 in München --
  • Seminarleitung: Prof. Dr. med. Dennis Nowak, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
  • Teilnahmevoraussetzung: Erfolgreiche Teilnahme am DGAUM-Lehrgang "Arbeitsmedizinische Zusammenhangsbegutachtung" Block A-C
  • Teilnehmeranzahl: max. 30 Personen
Vorsitz: Dennis Nowak
Samstag
14 Mar
09:00 - 12:00
Seminar S1
Nacht- und Schichtarbeit
  • Seminarleitung: PD Dr. Johannes Gärtner, CEO XIMES
  • Teilnahmevoraussetzung: keine
  • Teilnehmeranzahl: max. 30 Personen

Agenda:
  • Zentrale Wirkungsmechanismen der Arbeitszeit
  • Aktuelle Empfehlungen zur Gestaltung der Arbeitszeit & Abschätzung von Unfallrisiken
  • Ein mögliches Arbeitszeitmodell der Zukunft
  • Diskussion von Fragen der TeilnehmerInnen zur Gestaltung von Arbeitszeiten
Samstag
14 Mar
09:00 - 12:00
Seminar S2
Hautschutz und Handschutz: Wissenschaft und Praxis
  • Seminarleitung: Prof. Dr. med. Manigé Fartasch, Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
  • Referentin: Dr. Birgit Pieper, Leiterin Sachgebiet Hautschutz, DGUV
  • Teilnahmevoraussetzung: keine
  • Teilnehmeranzahl: max. 30 Personen
Vorsitz: Manigé Fartasch
Hautschutz und Hautpflege: Wissenschaft und Praxis (Manige Fartasch, Birgit Pieper)
Zur Verhinderung von irritativen Kontaktekzemen im Bereich der Hände durch berufliche Expositionen- wie z.B. im Rahmen der Feuchtarbeit (feuchtes Milieu und Okklusion) - werden Hautschutz, Hautpflege und eine möglichst schonende (dem Verschmutzungsgrad angepasste) Hautreinigung empfohlen. Der aktuelle Stand der Wirksamkeitsnachweise - sowohl aus epidemiologischer als auch experimenteller Sicht- wird dargelegt, sowie auf Diskrepanzen zwischen Auslobungen bzw. Einsatzfelder und der tatsächlichen Wirksamkeit hingewiesen. Im Rahmen des Seminars werden ferner anhand von praktischen Beispielen und Fällen der Einsatz von Handschuhen und Hautschutzmaßnahmen demonstriert.
Frau Prof. Dr. med. Manige Fartasch
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV, Institut der Ruhr- Univ. Bochum (IPA)
Samstag
14 Mar
09:00 - 12:00
Seminar S3
Reisemedizin und Impfen im Betrieb
  • Seminarleitung: Prof. Dr. med. Dirk-Matthias Rose, Universitätsmedizin Mainz, Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
  • Referent: Dr. phil. Thomas Nesseler, Hauptgeschäftsführer DGAUM
  • Teilnahmevoraussetzung: keine
  • Teilnehmeranzahl: max. 30 Personen
Vorsitz: Dirk-Matthias Rose
Mittwoch
11 Mar
20:00 - 22:00
DGAUM
Get-Together
Raum: Foyer des Hörsaaltrakts (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 150)
Donnerstag
12 Mar
19:30 - 23:55
DGAUM
Gesellschaftsabend
Raum: Paulaner Brauhaus (Standort: Kapuzinerplatz 5, 80337 München, Anzahl der Sitzplätze: 150)
Samstag
14 Mar
09:00 - 12:00
Seminar S4
Substanzkonsum zur Leistungssteigerung: ein arbeitsepidemiologischer Überblick zu Hirndoping, dessen Folgen und mögliche Alternativen
  • Seminarleitung: PD Dr. phil. Dipl.-Sportwiss. Pavel Dietz, Universitätsmedizin Mainz, Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
  • Referenten: N.N.
  • Teilnahmevoraussetzung: keine
  • Teilnehmeranzahl: max. 30 Personen
Seminarbeschreibung (Pavel Dietz)
Das Thema Hirndoping, auch bekannt unter dem Begriff des pharmakologischen Neuroenhancements, ist in den letzten Jahren sehr stark in den medialen sowie wissenschaftlichen Fokus gerückt. Unter Hirndoping versteht man den Gebrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten sowie illegalen Drogen durch „gesunde“ Individuen mit dem Ziel, kognitive Eigenschaften des Körpers wie Wachheit, Aufmerksamkeit, Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit sowie die Stimmung („mood-enhancement“) zu verbessern.

Im Rahmen des Seminars wird eine Einführung in die Thematik des Hirndopings geben und anhand aktueller epidemiologischer Studien aufzeigen, dass Hirndoping nicht nur ein Randphänomen, sondern aufgrund seiner Häufigkeit und den damit einhergehenden Risiken durchaus von gesellschaftlicher Relevanz ist. Besondere Aufmerksamkeit soll hierbei auf das betriebliche Setting bzw. die Arbeitswelt gerichtet werden, um anschließend mit den Teilnehmer*innen verschiedene Alternativen und Präventionsansätze zu diskutieren und in der Praxis zu erproben (z.B. Zeitmanagement, Bewegung, Achtsamkeit).
Herr PD Dr. phil. Dipl.-Sportwiss. Pavel Dietz
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Samstag
14 Mar
13:00 - 16:00
Seminar S5
Diabetes und Arbeit
  • Seminarleitung: Dr. med. Kurt Rinnert, Betriebliches Gesundheitsmanagement der Stadt Köln
  • Referent: PD Dr. med. Martin Füchtenbusch, München
  • Teilnahmevoraussetzung: keine
  • Teilnehmeranzahl: max. 30 Personen
Diabetes und Arbeit (Kurt Rinnert)
Menschen mit Diabetes sind durch die Zunahme der Diabetesneuerkrankungen und den demografischen Wandel immer häufiger in Betrieben anzutreffen. Ausgehend von den Prävalenzdaten des Robert-Koch-Instituts (RKI) und den Daten zu Erwerbstätigen des Statistischen Bundesamts ist davon auszugehen, dass bereits jetzt über 2 Mio. Menschen mit Diabetes erwerbstätig sind und in wenigen Jahren 2,5 bis 3 Mio. Diabetiker in verschiedensten Berufsfeldern tätig sind.
Systeme, die ein kontinuierliches Monitoring des Glukoseverlaufes ermöglichen, sogenannte CGM-Systeme, tragen nicht nur zu einer wesentlich besseren Dokumentation davon bei, sie ermöglichen auch ein besseres Verständnis der individuellen Stoffwechselsituation und eine geeignete Anpassung der Diabetestherapie. Diese Entwicklungen haben eine erhebliche Relevanz für die Risikobewertung der verschiedenen Tätigkeiten und Arbeitsbereiche, die Patienten mit Diabetes ausführen bzw. ausführen wollen. Das sogenannten „Ambulanten Glukoseprofil“ (AGP) wird im Seminar zusammenfassend dargestellt und die arbeitsmedizinische Relevanz an verschiedenen Beispielen erläutert.
Die Initiative Diabetes@Work hat eine praxistaugliche Checkliste zur Förderung des Austauschs zwischen Betriebsärzten und Diabetologen entwickelt. Die Checkliste kann behandelnden Diabetologen bzw. Hausärzte dabei unterstützen, auf Grundlage einer individuellen arbeitsmedizinischen Beurteilung, die Diabetes-Therapie des jeweiligen Patienten an arbeitsplatzspezifische Bedingungen anzupassen, um die Beschäftigungsfähigkeit des Patienten zu erhalten. Die Checkliste ist im Seminar erhältlich und wird anhand von ersten praktischen Erfahrungen besprochen.
Herr Dr. Kurt Rinnert
Stadt Köln Betriebliches Gesundheitsmanagement
Samstag
14 Mar
13:00 - 16:00
Seminar S6
Vorschläge zum medizinischen Vorgehen bei chemietypischen Verletzungen
  • Seminarleitung: Dr. med. Bernd Herber, Infraserv GmbH & Co. Höchst KG, Arbeits- und Gesundheitsschutz
  • Teilnahmevoraussetzung: keine
  • Teilnehmeranzahl: max. 30 Personen
Vorsitz: Bernd Herber
„Vorschläge zum medizinischen Vorgehen bei chemietypischen Verletzungen“ (Bernd Herber)
Man kann den Umgang mit Chemikalien oder chemischen Zubereitungen im Rahmen der beruflichen Tätigkeit, wie auch bei Freizeitbeschäftigungen als ubiquitär ansehen. Neben der sicher als an der Spitze stehenden chemischen Industrie, werden auch in anderen Gewerken durchaus aggressive Chemikalien verwendet. Weiterhin werden Chemikalien im Rahmen einer „lean produktion“ bzw. beim Onlinehandel auch im großen Maßstab transportiert, so dass es auch immer wieder zu Transportunfällen kommen kann. Ebenso sind auch betriebliche Unfälle mit erheblichen Folgen nicht vollständig auszuschließen.
Darüber hinaus muss prinzipiell auch mit einer absichtlichen Freisetzung von Chemikalien im Rahmen von Vandalismus, kriminellen Handlungen (z. B. „Ätzgraffiti“ mit Flusssäure oder absichtlicher Freisetzung von Pfefferspray) bis hin zu Terroranschlägen gerechnet werden.
Aufgrund der eher geringen Ereignisfrequenz und der hiermit verbunden geringeren Routine stellen Einsätze mit chemietypischen Verletzungen im Regelrettungsdienst und auch für (freiwillige) Feuerwehren eine besondere Herausforderung dar. Ähnliche Fragestellungen ergeben sich auch für Notaufnahmen und Ambulanzen wenn es zur Selbsteinweisung von entsprechend verunfallten Personen kommt.
Im Seminar werden Ihnen grundlegende Maßnahmen vorgestellt, die aus Erfahrungen von chemietypischen Arbeitsunfällen in einem Industriepark mit ca. 22.000 Beschäftigten abgeleitet wurden. Diese sind als Algorithmen auch für den Regelrettungsdienst bzw. Notaufnahmen im Rahmen eines Unfalls mit Chemikalienbeteiligung umsetzbar und sollen dazu dienen das Ausmaß bzw. die Schwere einer Verletzung beim Patienten zu begrenzen. Ebenso wird auf Aspekte der Arbeitssicherheit eingegangen um eine Kontamination der Einsatzkräfte und/oder die Verschleppung eines Gefahrstoffs bis in eine Notaufnahme zu vermeiden, bzw. allen beteiligten Einsatzkräften eine adäquate arbeitsmedizinische Nachbereitung zu ermöglichen.
Im Rahmen von Unfallbeispielen wird auf Verletzungsbilder von speziellen Substanzen eingegangen, die als Grundchemikalien in der chemischen Industrie weite Verwendung finden, die jedoch auch potentiell missbräuchlich zu kriminellen oder terroristischen Zwecken eingesetzt werden könnten. In diesem Zusammenhang wird auch die Verwendung substanzspezifischer Dekontaminationsmittel erläutert und demonstriert.
Herr Bernd Herber
Samstag
14 Mar
13:00 - 16:00
Seminar S7
Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung
  • Seminarleitung: Dr. David Beck, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Berlin
  • Referentin: Katja Schuller, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Berlin
  • Teilnahmevoraussetzung: Das Seminar richtet sich an Fortgeschrittene. Grundlegende Kenntnisse zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung sowie (erste) Erfahrungen mit der Organisation und Umsetzung im Betrieb werden vorausgesetzt.
  • Teilnehmeranzahl: max. 30 Personen
Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung - Herausforderungen in der betrieblichen Praxis (David Beck, Katja Schuller)
Bei der Gefährdungsbeurteilung müssen psychische Belastungen der Arbeit berücksichtigt werden. Psychosoziale Risiken der Arbeit sind allerdings durch eine hohe Komplexität und Dynamik sowie durch vielfältige Interdependenzen gekennzeichnet. Im Gegensatz zu „tame problems“, bei denen sowohl die Problemdefinition als auch die Möglichkeiten der Problemlösung eindeutig sind, gibt es auf psychische Belastung viele Problemsichten; sie wird im Betrieb aus vielen Perspektiven von vielen verschiedenen Akteuren in vielen verschiedenen Kontexten mit verschiedenen, teils konfligierenden Zielen bewertet und gestaltet. Die Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung ist vor diesem Hintergrund eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Welche Herausforderungen in der betrieblichen Praxis konkret erfahren werden und wie ihnen praktisch begegnet werden kann, wird in diesem Seminar gemeinsam mit den Teilnehmern/-innen erarbeitet und diskutiert. Dazu werden zum einen Ergebnisse aus einem Feldforschungsprojekt der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin referiert (Literaturhinweise siehe unten). Zum anderen werden die Teilnehmer/innen eingeladen, ihre Erfahrungen aktiv einzubringen.

Das Seminar richtet sich an Fortgeschrittene: Grundlegende Kenntnisse zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung sowie (erste) Erfahrungen mit der Organisation und Umsetzung im Betrieb werden vorausgesetzt. Das Seminar ist auf maximal 30 Teilnehmer(innen) begrenzt.
Herr Dr. David Beck
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Frau Katja Schuller
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Samstag
14 Mar
13:00 - 16:00
Seminar S8
Krankheit/Medikation versus Fahrsicherheit/Fahreignung
  • Seminarleitung: Prof. Dr. med. Matthias Graw, Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin LMU, München
  • Teilnahmevoraussetzungen: Interesse an Verkehrsmedizin und verkehrsmedizinischer Begutachtung
  • Teilnehmeranzahl: max. 30 Personen

Agenda und Referenten:
1. Grundlagen der Verkehrsmedizin/Cannabis als Medikament (Prof. Dr. med. Matthias Graw, LMU München)
2. Psychische Erkrankungen, Psychopharmaka und Fahreignung (PD Dr. rer. nat. Alexander Brunnauer, LMU München)
3. Erkrankungen und FeV (Thomas Hofstätter, Regierungsrat Oberbayern)
Mittwoch
11 Mar
08:00 - 12:00
Bundeswehr
Fortbildungsveranstaltung der arbeitsmedizinisch tätigen Ärzte und Ärztinnen der Bundeswehr
Offene Veranstaltung für alle Kongressbesucher/innen
Raum: Hörsaal 1 (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 164)
Freitag
13 Mar
15:30 - 15:45
DGAUM
Posterprämierung und Kongressverabschiedung
Raum: Glasbau (UG) (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München)
Donnerstag
12 Mar
08:30 - 10:00
Vorträge
Psychische Belastung und Beanspruchung I
Raum: Hörsaal 6 (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 250)
Vorsitz: Petra Maria Gaum und Luis Carlos Escobar Pinzon
Mentale Anforderungen am Arbeitsplatz – der Zusammenhang zwischen Zeitsouveränität, Entwicklungsmöglichkeiten und Depressivität (Felix Hussenoeder, Ines Conrad, Steffi G. Riedel-Heller, Francisca S. Rodriguez)
Hintergrund: Die Self-Determination-Theory benennt Autonomie und Kompetenz als zwei psychologische Bedürfnisse, deren Erfüllung am Arbeitsplatz dazu beitragen kann, die psychische Gesundheit von Mitarbeitern zu schützen. Unsere Studie untersucht, ob mentale Anforderungen am Arbeitsplatz (MAAs), welche Autonomie und Kompetenz adressieren, Personen gegen Depressivität schützen können. Methoden: Wir legten 346 arbeitenden Personen eine selbst entwickelte Itemliste vor und extrahierten mit Hilfe der Hauptkomponentenanalyse die MAAs Zeitsouveränität und Entwicklungsmöglichkeiten. Wir nutzen multivariate Regressionsanalysen (SPSS), um die Auswirkung der MAAs auf Depressivität zu untersuchen sowie Mediationsanalysen (PROCESS) um zu untersuchen, inwiefern diese Auswirkung durch die wahrgenommene Übereinstimmung zwischen Person und Job mediiert wird. Ergebnisse: Sowohl Zeitsouveränität als auch Entwicklungsmöglichkeiten wiesen einen signifikant negativen Zusammenhang mit Depressivität auf. Dieser Zusammenhang wurde im Fall von Entwicklungsmöglichkeiten durch die wahrgenommene Passung zwischen Person und Job mediiert. Diskussion: Unsere Ergebnisse zeigen, dass es sich lohnt, Zeitsouveränität auch unabhängig vom weitverbreiteten Konzept der „Job Control“ zu betrachten, und betonen die Bedeutung der Passung zwischen Person und Job. Außerdem stellen wir mit Entwicklungsmöglichkeiten ein mitarbeiterseitiges, progressives Konzept vor, welches als Ergänzung zu traditionellen Konzepten, wie „skill variation“, verstanden werden kann.
Herr Dr Felix Hussenoeder
Universität Leipzig
Are social conflicts at work associated with depressive symptomatology? Results from the population-based LIFE-Adult-study (Andrea Zülke, Susanne Röhr, Matthias L. Schroeter, A. Veronica Witte, Andreas Hinz, Christoph Engel, Cornelia Enzenbach, Joachim Thiery, Markus Löffler, Arno Villringer, Steffi G. Riedel-Heller)
Background: Conflicts at work can be detrimental to mental health. Existing studies, however, differ in the assessment of social conflicts, i.e. as individual- or job-level characteristics. Here, we investigated the association between conflicts at work assessed as objective job characteristics, and depressive symptomatology, using data from a large population-based sample. Additionally, we investigated gender differences and the impact of personality traits and social resources.
Methods: We used data from the population-based LIFE-Adult-Study from Leipzig, Germany. Information on conflicts at work, assessed as job characteristics, were drawn from the Occupational Information Network, depressive symptoms were assessed via the Centre for Epidemiological Studies Depression Scale. Multilevel linear regression models with individuals and occupations as levels of analysis were applied to investigate the association between conflict at work and depressive symptoms.
Results: Our sample included 2,164 employed adults (age: 18-65 years, mean: 49.3) in 65 occupations. No association between conflictual contacts at work and depressive symptomatology was found (men: b = -0.14 95% CI: -0.98; 0.69, women: b = 0.17, 95% CI: -0.80; 1.14). Risk for depression was mostly explained by individual-level factors like e.g. neuroticism or level of social resources. The model showed slightly higher explanatory power in the female subsample.
Conclusion: Conflicts at work, assessed as objective job characteristics, were not associated with depressive symptoms. Possible links between conflictual contacts and impaired mental health might rather be explained by subjective perceptions of social stressors and individual coping styles.
Frau Andrea Zülke
Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP), Universität Leipzig
Major Depressive Syndrome (MDS) and its association with time of residence among Spanish speaking au-pairs living in Germany - a cross-sectional study (Bernarda Espinoza Castro, Tobias Weinmann, Rossana Mendoza López, Katja Radon)
The number of au-pairs in Germany is on the rise. In 2017, about 13,500 au-pairs were living in German families, almost half of them originating from non-EU countries and many of them from Spanish speaking countries. Knowledge about mental health among au-pairs in Germany is limited. Therefore, the main objective of this study was to assess the prevalence of Major Depressive Syndrome (MDS) and its potential association with time of residence among Spanish speaking au-pairs living in Germany.
A cross-sectional study was carried out, which included a sample of 409 Spanish speaking au-pairs living in Germany. We classified the au-pairs into those who lived less than three weeks in Germany (newcomer au-pairs) and those who arrived two to ten months prior to the survey (experienced au-pairs). The participants were recruited by an online survey (Facebook and Instagram) from August 2018 to June 2019. Socio-demographic characteristics, time of residence in Germany and the level of education were assessed. MDS was assessed by the Patient Health Questionnaire depression module (PHQ-9). Poisson regression models were calculated to evaluate the association between time of residence in Germany and prevalence of MDS.
Most of the participants were female (91%). Almost half of them came from Colombia (48%) and were in the age range between 22-24 years (40%). Prevalence of MDS was 8% among newcomers and 19% among experienced au-pairs (p=0.002). Differences remained statistically significant after adjustment for potential confounders (age, level of education and time of residence in Germany) (Prevalence Ratio 2.25; 95% Confidence Interval: 1.22-4.14). In conclusion, au-pairs may develop mental symptoms during their time abroad. Future prospective studies should aim at identifying potential risk factors and preventive measures.
Keywords: Au-pairs, migrants, time of residence, mental health, Major Depressive Syndrome.
Frau Bernarda Espinoza Castro
Ludwig Maximilians Universität München
Arbeitsbedingte Risikofaktoren für Schlafprobleme (Ulrich Bolm-Audorff, Gabriela Petereit-Haack, Joachim Hirt, Birgitt Krapp, Ingrid Werner, Dieter Zapf)
Methodik:
In eine Querschnittstudie wurden 1.958 Probanden einbezogen, darunter 670 Call Center-Beschäftigte, 179 Lehrkräfte, 142 Bahnbeschäftigte, 99 Busfahrer, 87 Beschäftigte in der Kranken- und Altenpflege, 48 Kliniksärztinnen und –ärzte sowie 733 Kontrollprobanden, bei denen es sich um eine Zufallsstichprobe der Erwerbsbevölkerung handelt. Bei den Probanden erfolgte eine standardisierte Befragung zu psychischen Arbeitsbelastungen mit dem ISTA. Ferner wurden Fragen zur Dauer der Arbeitszeit und des Arbeitsweges sowie zur Schicht- und Nachtarbeit gestellt. Schließlich wurden Schlafprobleme und Müdigkeit am Tage mit dem Instrument von Mohr und Müller (2005) sowie die Einnahme von Schlafmitteln erfasst. Mit Hilfe der Pupillometrie wurde die Schläfrigkeit in einer Teilstichprobe von 457 Probanden gemessen.
Der Zusammenhang zwischen den o.g. arbeitsbedingten Belastungen und häufigen, fast täglichen Schlafproblemen (Ein- und/oder Durchschlafschwierigkeiten) wurde mit Hilfe von Prävalenzratios (PR) berechnet, die für Alter und Geschlecht mit der Coxregression unter Verwendung von SPSS 25 der Fa. IBM adjustiert wurden.

Ergebnisse:
Es fand sich ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen folgenden psychischen Arbeitsbelastungen und dem Risiko für häufige, fast tägliche Schlafprobleme. Verglichen wurde dabei jeweils das oberste und das unterste Tertil: soziale Stressoren am Arbeitsplatz, z.B. Konflikte (PR=3,0 [95%-Perzentil: 2,0-4,4]), hohe Konzentrationsanforderungen (PR=2,1 [95%-Perzentil: 1,4-2,9]), geringer Handlungsspielraum (PR=1,8 [95%-Perzentil: 1,2-2,8]), unklare Anweisungen (PR=1,6 [95%-Perzentil: 1,2-2,3]), geringe persönliche Autonomie (PR=1,6 [95%-Perzentil: 1,1-2,3]), schlechte Arbeitsorganisation (PR=1,5 [95%-Perzentil: 1,1-2,1]) und hoher Zeitdruck (PR=1,5 [95%-Perzentil: 1,1-2,1]).
Ferner fanden sich folgende signifikante Zusammenhänge zwischen den Arbeitsbedingungen und dem Risiko für häufige, fast tägliche Schlafprobleme: lange Arbeitszeit von über 43 Stunden pro Woche inkl. Überstunden (Median: 47, 90%-Perzentil: 62) (PR=1,8 [95%-Perzentil: 1,2-2,7]), Schicht- und Nachtarbeit (PR=1,5 [95%-Perzentil: 1,1-2,1]) und Dauer des Arbeits- und Heimwegs über 90 Minuten pro Tag (Median: 120, 90%-Perzentil: 220) (PR=1,9 [95%-Perzentil: 1,2-2,7]).
Probanden mit häufigen, fast tägliche Schlafproblemen fühlen sich im Vergleich zu Probanden ohne Schlafprobleme signifikant häufiger am Tag müde und zerschlagen (36,0 versus 3,2 %), nehmen häufiger Schlafmittel ein (10,9 versus 1,7 %) und weisen in der Pupillometrie häufiger Zeichen der ausgeprägten Schläfrigkeit auf (12,2 versus 7,3 %).
Herr Prof. Dr. med. Ulrich Bolm-Audorff
Regierungspräsidium Darmstadt, Abteilung Arbeitsschutz und Umwelt, Dezernat Landesgewerbearzt
Multitasking und Arbeits-Stress: Eine Mehr-Methoden-Studie bei Notaufnahmepersonal (Matthias Weigl, Tobias Augenstein, Anna Schneider)
Hintergrund: Arbeit in der medizinischen Akutversorgung stellt das Personal häufig vor Herausforderungen, auf verschiedene und gleichzeitige Arbeitsanforderungen zu reagieren und diese zu bearbeiten. Diese parallelen Mehrfachanforderungen werden umgangssprachlich meist als ‚Mulitasking‘ bezeichnet. Auch wenn dieses Phänomen in der alltäglichen Versorgung wie auch im Sprachgebrauch des Personals ubiquitär ist, fehlen praxisnahe Untersuchungen in klinischen Settings der stationären Erst- und Akutversorgung. Bisherige Studien zu Multitasking sind in ihren Aussagen inkonsistent: einerseits in ihren Ergebnissen zu potentiellen Risiken für die Versorgungs- und Patientensicherheit, anderseits zu erhöhtem Effizienzerleben des Personals.
Methode: Auf Basis von 76 teilnehmenden Beobachtungen (á 90min) kodierten wir mit einem etablierten Verfahren Multitasking von Ärzten und Pflegekräften in einer Notaufnahme eines Maximalversorgers (ca. 84000 Fälle/a). Nach jeder Beobachtung erfolgten standardisierte Selbstberichte (anhand der STAI Skala). Zusätzlich wurden Daten für Fallmenge, Komplexität, Profession und Bereich zur Kontrolle in den multivariaten Regressionsanalysen herangezogen.
Ergebnisse: Insgesamt wurden in 80 Beobachtungen 5013 Teiltätigkeiten kodiert. 628 Aktivitäten erfolgten parallel zu einer weiteren Aktivität, was einem Zeitanteil von 10,4% entspricht. Dieser Anteil war bei den Ärzten höher als bei den Pflegekräften. Häufigste Multitasking-Kombination waren Gespräche mit Patienten/Angehörigen und Dokumentation/Schriftarbeit. Nach Kontrolle der Arbeitsmenge beobachteten wir keinen statistischen Zusammenhang von Multitasking und Stress (β=-.08, p=.47).
Diskussion: Auch wenn Multitasking im klinischen Alltag der Akutversorgung einen bedeutsamen Zeitanteil einnimmt, konnten wir keinen genuinen Effekt für den Stress des Personals identifizieren. Vielmehr deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass Belastungen der Arbeitsmenge einen substantielleren Einfluss auf das Stress-Erleben des Notaufnahmepersonals haben. Implikationen für die arbeitsmedizinische, Versorgungsforschung und klinische Praxis werden abschließend erörtert.
Herr PD Dr. Matthias Weigl
Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München
Psychosomatische und psychotherapeutische Fort- und Weiterbildung für Arbeits- und Betriebsmediziner: Sinnvoll, relevant, wirksam? (Simone Braun, Elena Schwarz, Harald Gündel, Michael Hölzer, Eva Rothermund)
Einleitung
In Betrieben spielen psychosomatische Themen häufig eine Rolle. Demgegenüber finden Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in der Ausbildung von Arbeits- und Betriebsmedizinern (A-&BM) kaum Beachtung. Spezifische Fort- und Weiterbildungsangebote wie eine „Psychosomatische Grundversorgung für A-&BM“ (PSGV) oder vertiefend eine „Psychotherapie fachgebunden für A-&BM“ (PTFG) könnten helfen, diese Lücke zu schließen. Dieser Beitrag geht der Frage nach, inwiefern PSGV und PTFG für A-&BM relevant, wirksam und sinnvoll sind und inwiefern der Umgang mit der eigenen psychischen Gesundheit beeinflusst wird.

Methoden
Teilnehmer (TN) jeweils eines Kurses PSGV und PTFG wurden mündlich und schriftlich befragt. Die schriftlichen Befragungen erfolgten zum Umgang mit psychischer Gesundheit. In qualitativen Experteninterviews wurden Leitfäden (PSGV+PTFG) sowie eine explorative Fragetechnik (PTFG) angewendet. Inhalte waren Motivation, Erwartungen, berufliche Relevanz, Rolle von Führung, Einfluss der Weiterbildung auf die berufliche Praxis sowie die eigene Entwicklung. Die Ergebnisauswertung erfolgte deskriptiv bzw. qualitativ.

Ergebnisse
Eine vorläufige Auswertung der n=27 schriftlichen Befragungen, n=20 Leitfadeninterviews und n=8 explorativen Interviews zeigt, dass A-&BM in Betrieben häufig psychosomatisch belasteten Mitarbeitern begegnen. Führungskräfte in Sandwichpositionen wurden als Risikogruppe benannt. Gleichzeitig wurden Unsicherheiten im Umgang mit Belasteten berichtet, v.a. hinsichtlich der Gesprächsführung. Fallbesprechungen und Balintgruppenarbeit als Teil der PSGV und PTFG wurden als hilfreich empfunden. Ihre Fortschritte sahen TN v.a. in den Bereichen Gesprächsführung, Sicherheit bzw. Selbstvertrauen sowie in der Fähigkeit, sich und eigene Beziehungen zu reflektieren. Der Wunsch nach Erlernen einer Kurzzeittherapie sowie nach einer stärkeren Verankerung der Psychosomatischen Medizin in der Arbeits- und Betriebsmedizin wurde benannt, die Vorteile eines niederschwelligen Beratungsangebots durch A-&BM betont.

Diskussion
Das Interesse am Fort- und Weiterbildungsangebot war hoch. Die Ergebnisse sind vielschichtig und unterstreichen die Relevanz und Sinnhaftigkeit von Fort- und Weiterbildungen für A-&BM im Bereich Psychosomatische Medizin.

Schlussfolgerung
Kurse der PSGV und PTFG werden von A-&BM als sinnvoll, relevant und wirksam erlebt. Eine stärkere Verankerung der Psychosomatischen Medizin in der Arbeits- und Betriebsmedizin ist zu diskutieren.
Frau Dr. Simone Braun
Kompetenzzentrum Ulm für seelische Gesundheit am Arbeitsplatz (Leadership Personality Center Ulm, LPCU), Universität Ulm
Mittwoch
11 Mar
07:00 - 18:00
Themenschwerpunkt
ARBEITSMEDIZIN IN DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH UND DER SCHWEIZ
Donnerstag
12 Mar
07:00 - 18:00
Themenschwerpunkt
KANZEROGENE STOFFE UND FAKTOREN
Freitag
13 Mar
07:00 - 18:00
Themenschwerpunkt
5 JAHRE PRÄVENTIONSGESETZ
Samstag
14 Mar
07:00 - 17:00
Themenschwerpunkt
DGAUM-AKADEMIE
Donnerstag
12 Mar
10:15 - 11:30
Vorträge
Psychische Belastung und Beanspruchung II
Raum: Hörsaal 6 (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 250)
Vorsitz: Mathias Diebig und Matthias Weigl
Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen: Ein wirksamer Weg zur Verbesserung der Arbeitssituation? (Sarah Engler, Miriam Reffet-Siersdorfer, Tobias Rethage, Martin Kern)
Zielsetzung: Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen hat zum Ziel, Belastungen zu erfassen, sodass Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitssituation abgeleitet werden können. In diesem Beitrag werden die Ergebnisse einer Follow-up-Befragung zu durchgeführten Gefährdungsbeurteilungen in einem Unternehmen der chemischen Industrie vorgestellt. Ziel ist es aufzuzeigen, in welchem Umfang Maßnahmen abgeleitet und umgesetzt wurden und wie die Wirksamkeit dieser hinsichtlich der Verbesserung der Arbeitssituation eingeschätzt wurde.

Methode: Die Gefährdungsbeurteilung wurde in 44 Abteilungen/Betrieben durchgeführt. Als Grundlage der Bewertung dienten die in Merkblatt A017 beschriebenen Arbeitsmerkmale der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie. Nach einem Zeitraum von ein bis drei Jahren wurden in einer Follow-up-Befragung alle Arbeitsmerkmale betrachtet, deren Bewertungen „gelb - Maßnahmen erarbeiten und durchführen“ oder „rot - Maßnahmen unverzüglich einleiten“ ausgefallen waren und folgende Fragen gemeinsam mit den Abteilungen/Betrieben beantwortet:
  • Konnten zu den ermittelten Handlungsfeldern Maßnahmen abgeleitet und umgesetzt werden?
  • Waren die Maßnahmen wirksam, d.h. konnte die Belastung reduziert werden?

Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen auf, bei wieviel Prozent der identifizierten Handlungsfelder Maßnahmen erfolgt sind, aber auch welche Schwierigkeiten sich ggf. bei der Ableitung oder Umsetzung von Maßnahmen ergeben haben. Zudem werden Ergebnisse zur Wirksamkeit der erfolgten Maßnahmen aufgezeigt, d.h. in welchem Maße Belastungen reduziert werden konnten.

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Gefährdungsbeurteilung einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Arbeitssituation leisten kann. Auch wenn sich nicht alle identifizierten Handlungsfelder direkt in den „grünen Bereich“ verändern lassen, hilft das Verfahren durch die Kontinuität und Fortschreibung Belastungsschwerpunkte im Auge zu behalten und dauerhaft nach Lösungen zu suchen.
Frau Dr. Sarah Engler
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG
Die MeToo-Debatte in der Gefährdungsbeurteilung. Ein Erfahrungsbericht zur Erfassung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz mit dem COPSOQ (Hans-Joachim Lincke, Nicola Häberle, Alexandra Lindner, Inga Nolle, Martin Vomstein, Ariane Haug, Matthias Nübling)
HINTERGRUND
Die MeToo-Debatte hat auf die Verbreitung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und auf die Folgen aufmerksam gemacht. Sexuelle Belästigung ist damit auch verstärkt zum Thema in der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen geworden. Eine Mitarbeiterbefragung kann für Betriebe die Gelegenheit sein, sich unter Wahrung der Anonymität der/des Einzelnen mit dem Phänomen zu befassen.
METHODE
Der Copenhagen psychosocial questionnaire (COPSOQ) ist ein etablierts Instrument zur Analyse psychischer Arbeitsbelastungen. Seit 2018/2019 hat die FFAW ihren Kunden bei Befragungen mit dem COPSOQ ein Zusatzmodul zur Erfassung von Formen und Folgen sexueller Belästigung angeboten, das auf einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aufbaut. Es umfasst 9 Fragen zu verbaler, non-verbaler und körperlicher Belästigung (vom sexuell konnotierten Witz bis zum tätlichen Übergriff) und 4 Fragen zu Reaktionen der Betroffenen. Die Antwortmöglichkeiten sind „nie, selten, manchmal, oft“ (0-100 skaliert), bezogen auf Ereignisse in den letzten 12 Monaten.
ERGEBNISSE
Insgesamt liegen der FFAW derzeit die Angaben von 772 Beschäftigten aus 8 Betrieben vor. Antwortverteilungen und Mittelwerte zeigt bei allen 13 Fragen ausgeprägte Bodeneffekte (Mittelwerte zwischen 0,5 und 14,3 Punkte). Dabei ist klar eine absteigende Frequenz von verbalen zu non-verbalen bzw. körperlichen Formen der Belästigung zu erkennen. Unterschiede nach Strukturmerkmalen wie Alter, Geschlecht und Position treten punktuell auf. Die Dichotomisierung von Antwortkategorien („nie“ vs. „mind. 1 Ereignis“) kann dazu beitragen, Ergebnisse im Sinne einer 12-Monats-Prävalenz anschaulich und vergleichbar zu machen.
DISKUSSION
Inhaltlich betrachtet, sind starke Bodeneffekte zu begrüßen - schließlich ist jedes Ereignis eines zuviel. Die Anforderung der betrieblichen Praxis lautet dennoch, spezifischen Handlungsbedarfe der einzelnen Einheiten ermitteln zu können. Hier sind immer wieder Diskussionen über "die Größe kleiner Abweichungen" und die Gewichtigkeit der verschiedenen Formen der Belästigung zu beobachten. Messtheoretisch müssen Überlegungen zur Bündelung der Fragen in einer einheitlichen Skala kritisch reflektieren werden. Insgesamt folgen die Ergebnisse den Befunden anderer Untersuchungen, wobei auf den nicht-repräsentative Charakter der vorliegenden Stichprobe hinzuweisen ist.
Herr Dr. Hans-Joachim Lincke
Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften FFAW GmbH
Entwicklung einer Kurzskala zur Erfassung von Arbeitsverdichtung (Amanda Voss, Roman Soucek, Paulina Blessing, Hans Drexler, Klaus Moser)
Der Wandel der Arbeitswelt im Zuge voranschreitender Digitalisierung und Vernetzung geht mit tiefgreifenden Veränderungen einher. Diese führen zu neuen Anforderungen, für welche Betriebe und Beschäftigte noch keine wirksamen Strategien zum belastungsgünstigen Umgang entwickelt haben. Diese Entwicklungen werden folgend unter dem Begriff der „Arbeitsverdichtung“ subsumiert. Aus der aktuellen Literaturlage ergibt sich die Notwendigkeit einer konzeptuellen Fundierung und Operationalisierung dieser neuen Formen der Arbeitsverdichtung. Der Beitrag hat das Ziel, neue Formen der Arbeitsverdichtung inhaltlich zu bestimmen und in einen Kurzfragebogen zu überführen.
Auf der Grundlage von Gruppengesprächen mit bisher 25 Beschäftigten verschiedener Branchen und 25 Experten aus der betrieblichen Praxis (z. B. Management, Betriebsrat, Berufsverbände, Betriebsärzte) wurden die Ursachen und Konsequenzen der neuen Formen von Arbeitsverdichtung identifiziert sowie betriebliche und individuelle Strategien zum Umgang damit herausgearbeitet. Die Gruppengespräche haben ergeben, dass die neuen Formen der Arbeitsverdichtug sehr komplex, vielfältig und meist nicht beabsichtigt sind. Arbeitsverdichtung kann z.B. während Digitalisierungsprozessen auftreten, wenn das Tagesgeschäft weiterhin in gleichem Maße zu bearbeiten ist oder bei der Zusammenarbeit mit anderen Unternehmenseinheiten, deren Prozesse noch nicht digitalisiert wurden. In einer anderen Dimension kann sich Arbeitsverdichtung infolge der Entgrenzung der Arbeit und damit verbundener erweiterter Erreichbarkeit manifestieren.
Die Ergebnisse wurden in ein Modell der Arbeitsverdichtung überführt und darauf basierend ein Kurzinventar (AVENUE) entwickelt, welches die neuen Formen von Arbeitsverdichtung in Form eines Fragebogens abbildet. Die Entwicklung von AVENUE beginnt mit einer Sammlung von Items, von denen nach einer Itemanalyse und explorativen Faktorenanalyse jene ausgewählt werden, die zwischen den verschiedenen Formen der Arbeitsverdichtung differenzieren. Die finale Auswahl von Items wird im Rahmen einer konfirmatorischen Faktorenanalyse bestätigt und anhand verschiedener Maße zu Ursachen und Konsequenzen von Arbeitsverdichtung inhaltlich validiert. AVENUE erlaubt damit Beschäftigten sowie betrieblichen Vertretern des Arbeits- und Gesundheitsschutzes eine erste Einschätzung unterschiedlicher Formen der Arbeitsverdichtung und bietet Ansatzpunkte für Interventionen innerhalb des betrieblichen Gesundheitsmanagements.
Frau Amanda Voss
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Zufriedenheit am Arbeitsplatz – Welcher Zusammenhang besteht zur Beurteilung von Vorgesetzten und Kollegen? (Wolfgang Fischmann, Amanda Voss, Regina Lösch, Hans Drexler)
Psychische Belastungen am Arbeitsplatz stehen im Fokus von Arbeits- und Gesundheitsschutz. Kommt es zu Belastungen, können die Ursachen unterschiedlichster Natur sein. Im Rahmen von Gefährdungsbeurteilungen werden daher viele Merkmalsbereiche, z.B. Arbeitsinhalte, -umgebung und -organisation analysiert (s. GDA-Empfehlungen). Auch die zwischenmenschlichen Bereiche - zu Vorgesetzten und Kollegen – sind u.a. mit den Ausprägungen soziale Beziehung und fachliche Qualifikation Bestandteile.
Dass diese beiden Personengruppen eine wichtige Rolle bzgl. des Wohlbefindens einnehmen, zeigen insbesondere die vielen Maßnahmen bzgl. Team oder Führung.

Ziel der Untersuchung ist es, herauszufinden, wie das Sozialverhalten und die fachliche Qualifikation - jeweils bezogen auf Vorgesetzte und Kollegen – mit der Zufriedenheit am Arbeitsplatz zusammenhängen.
In 13 mittleren und größeren Unternehmen wurden per Fragebogenerhebung über alle Beschäftigten Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen durchgeführt. Hier wurde bei 4710 Beschäftigten unter anderem die fachliche und soziale Kompetenz von Vorgesetzten und Kollegen, als auch die Zufriedenheit am Arbeitsplatz abgefragt. Die Befragungen erfolgten sowohl online als auch in Papierform. Der Rücklauf betrug n= 2632 (Median=57,9%). Die Analysen erfolgten mit IBM SPSS Statistics 25.

70,6% gaben an, zufrieden oder sehr zufrieden am Arbeitsplatz zu sein. Die soziale und fachliche Kompetenz des Vorgesetzten wurde von 72% bzw. 84,7% als „gut“ oder „sehr gut“ bewertet. Eine gute Zusammenarbeit mit Kollegen wurde von 94,8% mit „meistens“ oder „immer“ beantwortet, die fachliche Qualifikation von 94,1% als „meistens“ oder „immer“ vorhanden.
Der Zusammenhang zwischen Zufriedenheit am Arbeitsplatz und sozialer Kompetenz des Vorgesetzten war mit r=.387 am größten. Danach folgten die Zusammenhänge zur fachlichen Kompetenz des Vorgesetzten (r=.284) und zur Zusammenarbeit mit Kollegen (r=.258). Am kleinsten war der Zusammenhang zur fachlichen Qualifikation der Kollegen (r=.226). Alle Zusammenhänge waren hoch signifikant (p<0.005).

Die Ergebnisse zeigen eine durchaus wichtige Komponente von Vorgesetzten in Bezug auf die Arbeitszufriedenheit. Auch wenn es andere und ggf. größere Einflussfaktoren auf die Zufriedenheit gibt, so muss bei Vorgesetzen weiterhin viel Wert auf deren Sozialkompetenzen gelegt werden.
Weitere Untersuchungen sollten die unterschiedlichen Bestandteile von Sozialkompetenzen oder verschiedene Führungsstile betrachten.
Herr Wolfgang Fischmann
Wie arbeitet die ältere Erwerbsbevölkerung in Deutschland? Erstellung von 5 typischen Arbeitsprofilen mittels LPA. (Hans Martin Hasselhorn, Michael Stiller)
Einleitung
Bei der arbeitsepidemiologischen Betrachtung der Erwerbsbevölkerung werden meist einzelne oder eine Kombination ausgewählter beruflicher Risikoexpositionen betrachtet (variablenzentrierte Herangehensweise). Von Interesse ist aber auch die personenzentrierte Sichtweise, die untersucht, ob bestimmte Konstellationen von Arbeitsmerkmalen in der Erwerbsbevölkerung häufiger vorkommen und sich darauf basierend unterschiedliche Profilgruppen Erwerbstätiger identifizieren lassen. Dies ist Ziel dieses Beitrags.
Methode
Prospektive Daten der lidA-Kohortenstudie (www.lida-studie.de) wurden verwendet. Zur Profilermittlung wurde eine „latente Profilanalyse“ [LPA; Lazarsfeld & Henry, 1968, STATA 15] auf Basis von neun Arbeitsindices in Erhebungswelle-1 durchgeführt (2011, 6277 Erwerbstätige, repräsentativ für sozialversicherungspflichtige ältere Erwerbsbevölkerung). Varianzanalysen mit Messwiederholung zur Prüfung des Verlaufs arbeitsrelevanter Endpunkte erfolgten mit SPSS-Statistics25 (Wellen 1-3, 2011-2018).
Ergebnisse
LPA führte zu einer Fünf-Profil-Lösung. Die mittleren Zuordnungswahrscheinlichkeiten für jedes Profil lagen bei .90-.94 (=hohe Zuverlässigkeit). 18% aller älteren Erwerbstätigen sind Profil A mit ungünstigen Expositionen gegenüber allen neun Arbeitsindices zuzuordnen (s. Abb.). Profil B: 28%, ungünstiger Arbeitsinhalt, geringe Arbeitsintensität, günstiges soziales Milieu, Profil C: 16%, Spiegelbild von Profil B, hohe Arbeitsintensität, Profil D: 35%, Arbeitsindikatoren positiv, Arbeitsintensität leicht erhöht. Profil E: 3%, günstige Arbeitsindikatoren und sehr hohes Einkommen, aber auch hohe Arbeitsintensität. Profil D weist zu allen drei Zeitpunkten beste psychische Gesundheit auf, Profil E: beste körperliche Gesundheit und Arbeitsfähigkeit, Profil B: niedrigster Work-Family-Konflikt.
Diskussion
Die LPA der lidA-Daten ermöglicht es, die ältere Erwerbsbevölkerung in Deutschland in Bezug auf ihre Arbeitssituation besser zu verstehen. Besonders ungünstige Arbeitsprofile finden sich bei 1/3 aller Beschäftigten. Von Relevanz ist insbesondere hier, den Verlauf von Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und Erwerbsteilhabe weiter zu monitoren und ggf. die Politik auf die Risikogruppen hinzuweisen.

Herr Prof. Hans Martin Hasselhorn
Bergische Universität Wuppertal, Fachgebiet Arbeitswissenschaft
Hans Martin Hasselhorn ist Facharzt für Arbeitsmedizin und seit September 2015 Inhaber des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Er hat in Freiburg und Göteborg Humanmedizin studiert, von 1992 bis 1997 am Universitätsklinikum Freiburg gearbeitet und ist von 1997 bis 1999 als Marie-Curie-EU-Stipendiat am Karolinska Institute in Stockholm in der Arbeitsstressforschung tätig gewesen. Von 1999 bis 2009 war er an der Bergischen Universität Wuppertal im Bereich Arbeitsmedizin tätig, danach leitete er den Forschungsfachbereich „Arbeit und Gesundheit“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist heute der Themenkomplex „Arbeit, Alter, Ge-sundheit und Erwerbsteilhabe“. Zu den von ihm initiierten Forschungsprojekten zählen die Europäischen NEXT-Studie (www.next-study.net) sowie die deutsche Alterskohortenstudie lidA („leben in der Arbeit“, www.lidA-studie.de). Von 2014 - 2015 koordinierte er das internationale Projekt “Understanding Employment Participation of Older Workers”, JPI UEP (http://www.jp-demographic.eu/about/fast-track-projects/understanding-employment).
Donnerstag
12 Mar
13:30 - 15:00
Vorträge
Schichtarbeit
Raum: Hörsaal 7 oben (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 180)
Vorsitz: Andreas Tautz
Einfluss von Nachtarbeit auf die Schlafqualität in der IPA-Feldstudie zu Schichtarbeit (Sylvia Rabstein, Katarzyna Burek, Martin Lehnert, Alexandra Beine, Jörg Walther, Dirk Pallapies, Thomas Behrens, Thomas Brüning)
Zielsetzung: Häufige Wechsel in Schlaf-Wach-Rhythmen aufgrund von Schichtarbeit und damit verbundene Auswirkungen auf die circadianen Rhythmen des Körpers sind Gegenstand vieler Untersuchungen. Jedoch gibt es keine Studien an Schichtarbeitern, die die Schlafqualität mittels objektiver Messmethoden und ohne Beeinflussung des üblichen Schlafverhaltens im Feld untersucht haben. Ziel der vorliegenden Studie ist es, die Rolle mehrerer Nachtschichten hintereinander für die Schlafqualität bei Frauen zu beschreiben und Subgruppen zu identifizieren, deren Schlafqualität durch Nachtarbeit besonders beeinflusst wird.
Methoden: In der „IPA-Feldstudie zu Schichtarbeit“ wurden insgesamt 75 Mitarbeiterinnen des BG Klinikums Bergmannsheil in einem dreitägigen Nachtschichtdienst und einem zweitägigen Tagschichtdienst im Längsschnitt untersucht. Weitere 25 Frauen ohne Nachtdienste wurden im zweitägigen Tagdienst beobachtet. Ein mobiles Schlaf-Apnoe-Screening wurde mittels EasyScreenPro vor den Untersuchungsphasen zur Klärung von obstruktiven Schlaf-Apnoe-Syndromen (OSAS) durchgeführt. Die Schlafqualität des Hauptschlafs nach Tag- bzw. Nachtschichten in den Untersuchungsphasen wurde mit mobilen Schlafuhren zur Aufzeichnung von EEG, EOG und EMG anhand von 7 Elektroden gemessen (SOMNOwatchTM, Modul Rechtschaffen & Kales). Schlafstadien wurden in 30-Sekunden-Epochen von einem Schlafexperten bewertet und in einer Stichprobe (n = 40) durch einen weiteren qualitätsgesichert. Weiterhin wurde die Ableitungsqualität jedes Schlafs bewertet. Kumulative logit Modelle wurden zur Analyse der Einflussfaktoren für OSAS angewandt, gemischte lineare Modelle für die Untersuchung der Schlafqualität.
Ergebnisse: Bei insgesamt 8% der Probandinnen lag ein moderates bis schweres OSAS vor. Dieses war hier insbesondere mit Alter und BMI assoziiert. Insgesamt konnten n = 333 Schlafmessungen mit ausreichender Qualität der Elektroden-Ableitung für die Analysen eingesetzt werden. Vorläufige Analysen zur Schlafqualität zeigen, dass insbesondere der Tagschlaf nach der ersten Nacht kurz ist und einen geringeren Tiefschlafanteil aufweist. Weiterhin hat das Vorliegen von OSAS einen signifikanten Einfluss auf die Schlafqualität.
Schlussfolgerungen: Auf Grundlage der vorläufigen Analysen, könnten Schlaf-Apnoe-Screenings bei Schichtarbeitern mit Nachtarbeit sinnvoll sein. Detaillierte Ergebnisse werden im Rahmen des Vortrags vorgestellt.
Frau Dr.rer.medic. Sylvia Rabstein
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Forschung zu Schichtarbeit und gestörter Chronobiologie: Analogie zum Rauchen zeigt signifikante Dosis-Fallstricke durch Informationsbias (Thomas C. Erren, Philip Lewis, Peter Morfeld)
Hintergrund: Forschungsergebnisse und arbeitsmedizinische Erfahrungen weisen darauf hin, dass Schichtarbeit – und besonders Nachtarbeit – die Gesundheit durch „gestörte Chronobiologie“ beansprucht. Überaschenderweise gibt es trotz zahlreicher Studien zu verschiedenen Krankheitsendpunkten aber keine Berufskrankheit, die spezifisch mit „Arbeiten gegen innere Uhren“ assoziiert ist. 1950 trug eine Meilensteinstudie von Doll & Hill 1950 (1) entscheidend dazu bei, Rauchen – an Arbeitsplätzen und Umweltbereichen – als starken Risikofaktor für Lungenkrebs zu identifizieren. In Analogie zum Rauchen wurde seit 2017 die Hypothese entwickelt, dass gestörte Chronobiologie [Chronodisruption; Cirkadiane Disruption] – an Arbeitsplätzen und in Umweltbereichen – in Dosisabschätzungen integriert werden muss (2,3).
Zielsetzung: Quantitative Abschätzung von Risiko-Szenarien, falls die genannte Fall-Kontroll-Studie1 allein das Rauchen am Arbeitsplatz erfasst hätte.
Methoden: Wir explorieren die Effekte auf Risikoschätzer für unterschiedliche Szenarien mit nicht-differentiellem [für Fälle und Kontrollen gleich] oder mit differentiellem [für Fälle und Kontrollen unterschiedlich] Informationsbias, in denen irrtümlicherweise allein das Rauchen an Arbeitsplätzen als biologisch relevant eingestuft würde.
Resultate: Das Erfassen von Rauchgewohnheiten an Arbeitsplätzen allein hätte zu signifikant verzerrten Risikoabschätzungen führen können. Quantitativ kann ein Fokus auf Arbeitsplatz-expositionen allein nicht nur die Risikohöhe sondern auch die Risikorichtung unvorhersehbar beeinflussen. Ein Beispiel: Ein leichtgradiger differentieller Informationsbias kann statt des tatsächlichen Odds Ratio von 2.25 [95% KI: 1.67 – 3.04] für die Noxe am Arbeitsplatz + im Umweltbereich (1) ein signifikant irreführendes OR von 0.59 [95% KI: 0.21 – 1.54] für die Noxe am Arbeitsplatz allein ergeben.
Schlussfolgerung: Forschung zu einer Vielzahl von chronobiologisch plausiblen Effekten gestörter Chronobiologie sollte kumulative Dosen aus Arbeits- und Umweltbereichen integrieren. Bis zum Nachweis der Unschädlichkeit gestörter Chronobiologie im Umweltbereich ist dies eine conditio sine qua non, um einen möglicherweise signifikanten Informationsbias bezüglich des ubiquitären und potentiell starken Risikofaktors „gestörte Chronobiologie“ zu vermeiden.
Herr Univ.-Prof. Dr. med. Thomas C. Erren M.P.H.
Uniklinik Köln
Food and Exercise as Zeitgebers May Be Beneficial Against Shiftwork-Associated Disturbed Chronobiology (Philip Lewis, Thomas C. Erren)
Background: Shiftwork that causes disturbed chronobiology can result in poor cognitive and physical performance and feeling unwell in the short-term and is associated with myriad diseases and disorders in the long term. Light exposure at inappropriate times, acting as a zeitgeber, can push or pull phases of circadian rhythms out of synch with each other. Research from animal models suggests that exercise and meal timing may also be zeitgebers.
Aim: Despite regular reference to exercise and meal timing being zeitgebers for humans in the literature, a synthesis of the evidence was lacking. Our goal was to address this gap.
Method: Thus, we carried out systematic reviews and syntheses of the literature to compare the evidence from human studies against zeitgeber criteria put forward by Jürgen Aschoff in the 1950s (1-3)
Results: Supporting evidence for an exercise zeitgeber is strong with many studies demonstrating phase-shifting effects of central rhythms. One study assessing meal-timing effects on peripheral clock circadian gene expression fulfils an Aschoff criterion. Further studies suggest compatible evidence for a meal-timing and meal-composition zeitgeber effects but none that can be concluded to fulfil any Aschoff criteria.
Conclusion: Exercise- and meal-timing may be beneficial towards Zeitgeber hygiene in performance and disease contexts associated with disturbed chronobiology.
Herr Philip Lewis
Uniklinik Köln
Beobachtungen im Rahmen einer Schichtplanumstellung im Polizeidienst: Eine Quantifizierung zur Beurteilung des Schlafverhaltens bei Schichtarbeit (IT-ASPf) (J. Valérie Groß, Martin Hellmich, Andreas Pinger, Ursula Wild, Thomas C. Erren)
Hintergrund: Nacht- und Schichtarbeit kann zu Veränderungen des individuellen Schlafverhaltens und chronobiologischen Beanspruchungen führen. Das Integrieren und Quantifizieren dieser Veränderungen – insbesondere unter Einbeziehung des individuellen Chronotyps und verschiedener Determinanten des Schlafverhaltens – stellt in epidemiologischen Studien eine Herausforderung dar.
Zielsetzung: Entwicklung und Erprobung eines mathematischen Ausdrucks zur Erfassung des Schlafverhaltens bei Schichtarbeit unter Berücksichtigung des individuellen Chronotyps, des Schlaftimings (in Bezug auf die biologische Nacht und den biologischen Tag) und der Schlafdauer. Erste Anwendung der Formel und Untersuchung eines möglichen Zusammenhangs mit kurzfristigen Auswirkungen von Schichtarbeit.
Methode: Datenerhebung im Rahmen einer Beobachtungsstudie zur Schichtplanumstellung im Polizeidienst. Entwicklung der Internal Time-Adjusted Sleep Percentage (IT-ASPf; Innenzeit-adjustierte Schlafeffektivität): Die neue Messgröße kombiniert und quantifiziert Schlaftiming und Schlafdauer unter Berücksichtigung des individuell präferierten Schlafverhaltens (abgeleitet aus dem „Perfekten Tag“-Ansatz); Annahme: Die Effektivität von Schlaf während der biologischen Nacht und während des biologischen Tages unterscheidet sich um einen Faktor f. Die Müdigkeit vor und nach spezifischen Nachtschichten wird mit der Stanford Sleepiness Scale (SSS) sowie einer Visuellen Analogskala (VAS) erfasst. Mögliche Anwendungen des IT-ASPf werden dargestellt.
Ergebnisse: Es zeigten sich Unterschiede des IT-ASPf zwischen verschiedenen Schichten und Schichtsystemen. Neben hohen Korrelationen zwischen der SSS und der VAS ergaben sich Hinweise auf eine mögliche Assoziation zwischen dem IT-ASPf und Müdigkeit vor und nach einer Nachtschicht.
Schlussfolgerung: Der IT-ASPf stellt eine neue Herangehensweise zur Abschätzung der Schlafeffektivität bei Schichtarbeit dar. Durch das Zusammenführen von Schlaftiming und Schlaflänge in einer intra- und interindividuell vergleichbaren Messgröße, könnte der IT-ASPf einen Mehrwert gegenüber der häufig ausschließlich genutzten Untersuchung der Schlaflänge allein bieten. Zukünftige Studien sollten untersuchen, inwieweit der IT-ASPf Beanspruchungen durch Schichtarbeit messen kann und präventiv bezüglich kurz-, mittel- und langfristiger Auswirkungen sowie der Gestaltung von Schichtplänen zielführend einsetzbar ist.
Frau Dr. J. Valérie Groß
Uniklinik Köln
Welche Schichtarbeitsübergänge verursachen eine höhere chronobiologische Beanspruchung? (Serra Kurt, Philip Lewis, Thomas C. Erren)
Hintergrund: Schichtarbeit ist bei Dienstleistungen z.B. in Krankenhäusern, Polizeistationen und Feuerwachen von entscheidender Bedeutung. Dass das Personal rund um die Uhr verfügbar sein muss, kann aber aufgrund von gestörter Chronobiologie für Leistung und Gesundheit schädlich sein. Schichtwechsel von der Nacht- zu Morgenarbeit können im Vergleich zu anderen Übergängen zu einer höheren chronobiologischen Beanspruchung führen, da die Zeiten zwischen den Schichten kürzer sind. Falls dies der Fall ist, kann dies wichtig für die Entwicklung von Schichtarbeitsplänen sein: Mehr und spezifischere chronobiologische Beratung exponierter Personen kann zielführend sein, um Belastungen und Beanspruchungen zu reduzieren.
Zielsetzung: Unser Ziel war es, auf der Grundlage veröffentlichter Evidenz festzustellen, ob Übergänge von Nacht- zu Frühschichten chronobiologisch stärker beanspruchen als andere Schichtübergänge.
Methoden: Wir haben die Literatur zu chronobiologischen Beanspruchungen durch unterschiedliche Schichtübergänge in einem Systematischen Review synthetisiert .
Resultate: Insgesamt gab es nur wenige Studien, aus denen angemessene Schlussfolgerungen abgeleitet werden konnten. Da viele Arbeitsgruppen Effekte eines gesamten Schichtplans (z.B. Morgen-, Abend- und Nachtschichten) untersucht haben, waren die Auswirkungen eines bestimmten Schichtwechsels schwer zu erkennen. Begrenzte Hinweise darauf, dass rückwärts rotierende Schichten (Morgen- → Nachtarbeit gesundheitsschädlicher sein können als vorwärts rotierende Schichten (Nacht- → Morgenarbeit), standen im Widerspruch zu unserer Prädiktion.
Schlussfolgerung: Es besteht Forschungsbedarf zu chronobiologischen Beanspruchungen durch unterschiedliche Schichtwechsel. Solche Informationen sind für die Erstellung von Schichtplänen wichtig, die auf die Verbesserung der Gesundheit von Schichtpersonal abzielen.
Frau Serra Kurt
Uniklinik Köln
Donnerstag
12 Mar
16:00 - 17:30
Vorträge
Maritime Medizin
Raum: Hörsaal 7 oben (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 180)
Gesundheitszustand und Tagesschläfrigkeit von Seeleuten (Marcus Oldenburg, Dorothee Dengler, Nicola Westerhoff, Lukas Belz, Thomas von Münster, Jan Heidrich, Stefanie Mache, Felix Neumann, Birgit-Christiane Zyriax, Volker Harth)
Zielsetzung
Angesichts außerordentlich hoher arbeitsbedingter Belastungen in der Schifffahrt ist ein erhöhtes Risiko für eine psychophysische Erschöpfung bis hin zu manifesten Erkrankungen von Seeleuten anzunehmen. Es soll der kardiopulmonale Gesundheitszustand und der Erschöpfungsgrad in Gestalt einer Tagesschläfrigkeit von Seeleuten abgeschätzt werden.

Methoden
Im Rahmen des Projekts e-healthy ship (Drittmittel-finanziert durch dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und der Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz) erfolgten 3 Forschungs-Seereisen auf Containerschiffen. Dabei wurden insgesamt 65 Seefahrer mit einem Durchschnittalter von 39 Jahren an Bord klinisch untersucht (Blutdruckmessung, Spirometrie, Blutanalyse, Pupillometrie, Polysomnographie). Als Erhebungsinstrumente kamen u.a. der COPSOQ (allgemeine Gesundheitseinschätzung) und die Epworth Sleepiness Scale (ESS) zum Einsatz.

Ergebnisse
Subjektiv bewerteten die Seeleute ihren Gesundheitszustand als durchschnittlich (2,3 (SD 0,8)). Bei der klinischen Untersuchung (n=52) ergaben sich keine Hinweise für eine Überhäufigkeit kardiopulmonal auffälliger Befunde (5,8% arterielle Hypertonie, 4,5% obstruktive Ventilationsstörung). Laborchemisch wiesen 43,5% von 64 Probanden (insbesondere im Maschinenraum) erhöhte Triglyceride und 15,6% einen erhöhten Hämatokrit auf.
Im Hinblick auf die psychophysische Erschöpfung schätzten 33,8% der befragten 65 Seeleute ihre Tagesschläfrigkeit gemäß ESS als überhöht ein. Pupillometrisch wiesen 29,9% von 44 untersuchten Besatzungsmitgliedern einen deutlich erhöhten Pupillen-Unruheindex auf und wurden folglich der Bewertungskategorie „unfit for duty“ zugeordnet. Anamnestisch ergab sich bei 8 von 36 Untersuchten (22,2%) ein mittleres bis hohes Risiko für ein obstruktives Schlafapnoesyndrom. Im Rahmen der 19 durchgeführten polysomnographischen Untersuchungen an Bord wurde bei 8 Probanden (42,1%) ein erhöhtes bis stark erhöhtes Schafapnoesyndrom objektiviert.

Schlussfolgerungen
Die erhöhten Blutfette könnten Ausdruck einer wiederholt beschriebenen zu fettreichen Ernährung an Bord sei. Außerdem weisen die Untersuchungen zur Tagesschläfrigkeit auf eine nicht unerhebliche psychophysische Erschöpfung der Seeleute hin. Trotz Fehlens manifester Gesundheitsstörungen sind daher präventiv-medizinische Maßnahmen in der Schifffahrt dringlich erforderlich.
Herr PD Dr. Marcus Oldenburg PD Dr.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Bedarfsermittlung zur Gesundheitsprävention in der Schifffahrt (Marcus Oldenburg, Dorothee Dengler, Nicola Westerhoff, Lukas Belz, Thomas von Münster, Jan Heidrich, Stefanie Mache, Felix Neumann, Birgit-Christiane Zyriax, Volker Harth)
Zielsetzung
Der Beruf des Seemanns ist durch zahlreiche psychophysische Belastungen geprägt. Angesichts dieser hohen Belastungen sind Maßnahmen zur Gesundheitsprävention an Bord indiziert. Es soll im Rahmen des Drittmittel-finanzierten Projekts e-healthy ship der entsprechende Bedarf von Seeleuten erhoben werden.

Methoden
Mittels eines elektronischen Fragebogens wurden 1.692 Seeleute einer deutschen Reederei zu ihrem Bedarf und Präferenzen an Gesundheitspräventions-Maßnahmen befragt. 599 Probanden auf 94 Schiffen beteiligten sich an dieser freiwilligen, anonymen Befragung (Teilnahmequote 35,4%). Das multikulturelle Untersuchungskollektiv setzte sich aus 35,4% Europäern und 64,6% Nicht-Europäern zusammen.

Ergebnisse
Bezüglich der Gesundheitsthemen bestand das größte Interesse an Sport-Übungsanleitungen und an Informationen zur Ernährung (jeweils mehr als 70%). Das Interesse war dabei unter Nicht-Europäern signifikant stärker ausgeprägt (p<0,001). Wenngleich Europäer nach subjektiver Einschätzung stärker von Müdigkeit an Bord betroffen waren (p=0,015), bekundeten Nicht-Europäer signifikant häufiger Interesse an einer gezielten Anleitung zur Vermeidung von Übermüdung.
Mehr als 90% antizipierten einen Benefit durch ein Sportprogramm an Bord. Als wesentliche Maßnahmen zur Steigerung der Sport-Motivation wurden bessere Fitnessraum-Ausstattungen (32%), mehr Freizeit (31%) und Organisation von Sportevents (23%) bewertet. Hinsichtlich der Bordverpflegung bestand vornehmlich Bedarf an detaillierten Informationen zur gesunden Ernährung (45%) und einfachen Schemata zur Bewertung der angebotenen Verpflegung (26%). Als besonders wichtig wurde von beiden Kulturgruppen der Geschmack und der Gehalt/ die Menge der Verpflegung eingeschätzt. Für die nicht-europäischen Besatzungsmitglieder war die Essensaufnahme außerdem signifikant häufiger wichtig zur Pflege sozialer Kontakte. In Bezug auf Entspannungstechniken wurden Angebote in Form von Gebeten (38%, insbesondere Nicht-Europäer), Atemtechniken (16%), Meditationsübungen (12%), Yoga (9%) und Musik (8%) gewünscht.

Schlussfolgerungen
Insgesamt ist ein hohes Interesse von Seeleuten an Maßnahmen zur Gesundheitsförderung an Bord feststellbar. Die vorliegende Erhebung erlaubt Einblicke in die Präferenzen von Interventionsmaßnahmen. Dabei stellt sich heraus, dass Unterschiede bezüglich der kulturellen Gruppen an Bord bestehen und bei zielgruppenspezifischer Konzeptionierung eines optimierten Gesundheitsmanagements an Bord zu berücksichtigen sind.
Herr PD Dr. Marcus Oldenburg PD Dr.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Regenerationsfähigkeit von Seeleuten während ihrer Freizeit an Bord (Marcus Oldenburg, Hans-Joachim Jensen)
Zielsetzung
Die Kompensations- und somit auch die Entspannungsmöglichkeiten von Seeleuten hängen maßgeblich u.a. von den Freizeitangeboten an Bord ab. In dieser Studie sollen Nutzung, Möglichkeiten und Bedürfnisse einer Freizeitgestaltung an Bord von Kauffahrteischiffen erhoben und Stress-Copingstrategien Besatzungsgruppen-spezifisch erfasst werden.

Methoden
An Bord von 22 Containerschiffen wurde die gesamte Mannschaft untersucht (323 Seeleute; Teilnahmequote 88,5%). Dabei erfolgte während der Frei- und Schlafzeit an Bord eine Erhebung des Energieverbauchs mittels SenseWear® Armbandmonitor und der Herzfrequenz(-variabilität) mittels Polaruhr RS 800. Weiterhin wurden die Seeleute zu Nutzung und Bedarf von Freizeiteinrichtungen an Bord sowie zu ihren Copingstrategien befragt.

Ergebnisse
Gemäß Tagesprotokoll verbrachten die Seeleute während der Seereisen durchschnittlich 28,2% als Freizeit und 32,6% als Schlafzeit. Im Vergleich der drei Berufsgruppen war während der Freizeit ein signifikant höherer Kalorienverbrauch unter der Deckmannschaft im Vergleich zum Maschinenpersonal und den nautischen Offizieren feststellbar. Die Herzfrequenzvariabilität war während der Schlafzeit bei allen drei Berufsgruppen kleiner als während der Freizeit. Die am häufigsten an Bord genutzten Freizeitaktivitäten waren das Fernsehen (100%), Sporttreiben im Fitnessraum (23,8%) und die Nutzung einer Sauna (22,6%). Etwa knapp die Hälfte der befragten Seeleute (44,1%) gab an, überhaupt Sport zu treiben. Nach Aussagen der Seeleute sind ein gut ausgestatteter Fitnessraum sowie eine ausreichend lange Freizeit ein wichtiger Anreiz, um mehr Sport zu treiben. Als wesentliche Verbesserungsvorschläge der Freizeitbedingungen an Bord wurden kostenfreie und häufigere Telekommunikationsmöglichkeiten, kürzere Einsatzzeiten an Bord und ein stärkerer Zusammenhalt der Besatzung an Bord genannt. Als Entspannungsstrategien standen „sich abregen“ (41,9%), Kontaktaufnahme mit der Familie (32,0%) und Ausruhen/ Schlafen (30,4%) im Vordergrund. Die nicht-europäische Besatzungsgruppe nannte das „Beten“ als zweithäufigstes Verhalten zur Stressbewältigung.

Schlussfolgerungen
Die relativ eingeschränkte Herzfrequenzvariabilität während der Schlafenszeit spricht für eine reduzierte Schlafqualität. Bei den Entspannungsformen an Bord zeigt sich eher ein passives Verhalten wie Fernsehen, Ausruhen, Schlafen oder Musik hören, wobei kulturspezifische Unterschiede zu konstatieren sind.
Herr PD Dr. Marcus Oldenburg PD Dr.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Physikalische Belastungen in der Seeschifffahrt (Marcus Oldenburg, Christian Felten, Jörg Hedtmann, Hans-Joachim Jensen)
Zielsetzung
Während einer Seereise sind die Schiffsbesatzungen permanent gegenüber physikalischen Belastungen durch Lärm, Vibration und Hitze ausgesetzt. In der vorliegenden Studie soll das Ausmaß und die dadurch ausgelösten Beanspruchungen infolge der physikalischen Einwirkungen an Bord von Containerschiffen dargestellt werden.

Methoden
Bis zu vier wissenschaftliche Untersucher/Innen begleiteten 6 Seereisen auf Containerschiffen unter deutschem Management. Die Mannschaften an Bord wurden zu Beanspruchungen interviewt. Weiterhin erfolgten arbeitsplatzbezogen Lärm-, Vibrations- und Klimamessungen.

Ergebnisse
Die befragten Seeleute gaben in abnehmender Rangfolge eine psychische Beanspruchung durch Vibration, Lärm und deutlich geringer gegenüber Hitze am Arbeitsplatz an. Eine Lärmbeanspruchung war besonders häufig unter dem Maschinenpersonal ausgeprägt.
Im Rahmen der ortsbezogenen physikalischen Messungen bestanden Betriebszustands-unabhängig die höchsten Lärmbelastungen im Maschinenraum (bis 110 dB (A), in der Werkstatt (bis 87 dB (A)) und an Deck (bis 83 dB (A)). In den Erholungsbereichen wurden vereinzelt Grenzwert-Erhöhungen nachgewiesen. Bei den Vibrationsmessungen waren alle erhobenen Messwerte unterhalb der maßgeblichen Richtwerte - mit den höchsten Werten im Maschinenraum gefolgt von der Werkstatt und dem Maschinenkontrollraum. Die Vibrationen waren während der Revier- und Seefahrt deutlich stärker ausgeprägt als während des Hafenaufenthaltes. Bezüglich der thermischen Behaglichkeit unterschied sich keiner der gemessenen Klimaparameter signifikant zwischen den Betriebszuständen.
Die personenbezogene Lärmbelastung war besonders unter dem Maschinenpersonal mit einem durchschnittlichen energetischen Mittelungspegel von 96 dB (A) ausgeprägt (oftmals im Rahmen von Reinigungs-, Streich- und Reparaturarbeiten). Die Deckmannschaft und die nautischen Wachoffiziere waren am Arbeitsplatz einem Mittelungspegel von 83 dB (A) bzw. 77 dB (A) ausgesetzt.

Schlussfolgerungen
Eine unerwartet hohe Beanspruchung aufgrund der physikalischen Belastungen war in der vorliegenden Studie nicht nachweisbar. Da Schiffsbesatzungen ganztägig und an 7 Tagen pro Woche den physikalischen Einwirkungen an Bord ausgesetzt sind und diesbezüglich bis dato keine Grenzwerte vorliegen, besteht hier weiterer Forschungsbedarf, um die gesundheitlichen Langzeit-Auswirkungen auf Seeleute bei einer ganztägigen Exposition bewerten zu können.
Herr PD Dr. Marcus Oldenburg PD Dr.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Schiffsarzt an Bord von Kreuzfahrtschiffen - Welche Zusatzausbildungen sind notwendig ? (Berthold Petutschnigg)
Schiffarzt an Bord von Kreuzfahrtschiffen – Welche Zusatzausbildungen sind notwendig?
B.Petutschnigg12,
1 TUI Cruises 2 Medizinische Universität Graz, Chirurgische Klinik
Background
Kreuzfahrten – einst nur für wohlhabendes Publikum finanzierbar, erfreuen sich diese Urlaubsfahrten immer größerer Beliebtheit. Es werden jährlich mehr als 20 Schiffe neu in Dienst gestellt! Folglich mehr Passagiere. Wo mehr Menschen, dort vermehrt Unfälle, zunehmend Krankheitsfälle.
Weltweit sind an die 450 Kreuzfahrtschiffe unterschiedlicher Größe und unterschiedlicher Passagierzahl unterwegs. Diese Reisen sind auch finanziell nicht mehr nur einem gutzahlendem Publikum vorenthalten! Durch die verbesserte Ausstattung der Bordhospitäler, zusätzliche Qualifikationen für die Bordärzte, wird den Passagieren auch eine größere Sicherheit im Falle eines Erkrankung oder eines Unfalles vermittelt. Die Bordhospitäler der Kreuzfahrtschiffe sind meist besetzt mit mindestens 2 Ärztinnen und Ärzten unterschiedlicher Fach Disziplin und damit auch unterschiedlicher Berufserfahrung.

Methods
Müssen die Ärzte und Ärtztinnen Zusatzqualifikationen für diese Tätigkeit erlangen? Wie sind die Bordhospitäler ausgestattet, um diesen hohen Ansprüchen gerecht werden zu können. Gibt es Leitungsstrukturen wie in einem landseitigen Krankenhaus?. Zusätzlich zur medizinischen Ausbildung werden fachübergreifende Qualifikationen erforderlich sein. Sind die Bordärzte auch in den sicherheitsnautischen Bereich eingebunden?. Ebenso das diplomierte Pflegepersonal wird für die Funktion an Bord weiterführende Qualifikationen erlangen müssen. Die Faszination der Kreuzfahrtmedizin basiert auf der Erfahrung, dass Medizin nach aktuellen Richtlinien auf sehr hohem Niveau auf sehr engem Raum durch ein sehr kleines Team durchgeführt an verschiedenen Destinationen werden muss. Welche Maßnahmen kann das Hospitalteam in verschiedenen Situationen an Bordeinleiten und durchführen? Ist eine Ausschiffung jederzeit und überall möglich?

Results
Existieren Curricula zur Ausbildung von Schiffsärzten und wer definiert diese? Gibt es dafür Organisationen oder Gremien? Welchen Gesetzen unterliegen diese Strukturen? Kann man sich diese Fertigkeiten im Rahmen von Kursen für Kreuzfahrtmedizin aneignen?

Conclusions
Zusätzliche Qualifikationen für zusätzliche Tätigkeiten müssen erlangt werden! Damit werden die Bordärzte sicherer und einheitlicher für ihren Auftrag vorbereitet, die Passagiere können sich auf eine einheitliche Versorgung an Bord verlassen. Informationen zu den Ausbildungen und zur Tätigkeit eines Schiffsarztes erfolgen im Vortrag!
Herr Prof.Dr. Berthold Petutschnigg
Deutsche Gesellschaft für Kreuzfahrtmedizin
Donnerstag
12 Mar
13:30 - 15:00
Vorträge
Umwelt
Raum: Hörsaal 8 oben (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 180)
Vorsitz: Astrid Rita Regina Heutelbeck und David Groneberg
Cluster von berylliumassoziierten Erkrankungen bei Beschäftigten ohne entsprechende Exposition am Arbeitsplatz (Caroline Quartucci, Björn Christian Frye, Stefan Rakete, Reto Gieré, Joachim Müller-Quernheim, Gernot Zissel)
Einleitung
Bei einem Beschäftigten eines Bauhofes wurde bei entsprechender Klinik zunächst eine Sarkoidose diagnostiziert. Durch den Nachweis einer Berylliumsensibilisierung konnte die Diagnose chronische Berylliose (CBD) gesichert werden. Freiwillige Umgebungsuntersuchungen von 20 weiteren Beschäftigten im selben Betrieb ergaben fünf Sensibilisierte ohne Nachweis einer CBD. Alle Sensibilisierten leben in einem Umkreis von 4 km um ihren Arbeitsplatz.
Es ergab sich kein Anhalt für eine Beryllium-Exposition am Arbeitsplatz. Auch in den benachbarten Betrieben wurde kein Beryllium verarbeitet. Beryllium-Luftmessungen am Arbeitsplatz ergaben Werte unterhalb der Bestimmungsgrenze von 0,030-0,033 µg/m3, in sechs von sieben im Außenbereich des Bauhofes entnommenen Wischproben konnte jedoch Beryllium nachgewiesen werden. Es wurde eine nicht primär durch Arbeitsstoffe hervorgerufene Ursache für die Sensibilisierungen vermutet. In der näheren Umgebung befindet sich ein Betonwerk, von welchem möglicherweise Staub auf die umliegenden Betriebsgelände gelangt.

Methoden
Sensibilisierungen gegenüber Beryllium wurden leitliniengerecht mittels zweimalig positivem Beryllium-Lymphozytentransformationstest in der Klinik für Pneumologie der Universitätsklinik Freiburg nachgewiesen. Es wurden Staubproben vom Bauhof, aus der umgebenden Region und Vergleichsproben aus ganz Deutschland im Labor der Arbeitsmedizin in München analysiert. Beryllium wurde hierbei .nach einem Mikrowellenaufschluss mittels GF-AAS analysiert.

Ergebnisse
Es findet sich ein lokales Cluster berylliumsensibilisierter Beschäftigter. Der Berylliumgehalt in den Staubproben des Bauhofes war 7-fach höher als der von Vergleichsproben. In der Umgebung des Betonwerks zeigte sich in den Staubproben ein 3-fach höherer Berylliumgehalt als in den Vergleichsproben. Insgesamt konnten heterogene Berylliumkonzentrationen im Staub verschiedener Regionen in Deutschland nachgewiesen werden.

Diskussion
Unsere Ergebnisse zeigen, dass Betonstaub Beryllium enthalten kann. Studien zeigen Vorkommen von Beryllium an einer Vielzahl von Arbeitsplätzen außerhalb der üblichen Industriezweige (1). In zukünftigen Studien soll die Rolle von Staub in der Umwelt auf ihren Einfluss auf berylliumassoziierte Erkrankungen untersucht werden
Frau Dr. Caroline Quartucci
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Klinikum der Universität, LMU München
Einsatz von Chelatbildnern bei Diagnostik und Therapie von Bleiintoxikationen (Annette Greiner, Hans Drexler)
Der Einsatz von Chelatbildnern zur Diagnostik und Therapie gilt als mögliche Maßnahme bei der Bleivergiftung des Erwachsenen. Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Kenntnisstand zu den verschiedenen Komplexbildnern und den mit ihrer Anwendung verbundenen klinischen Effekten.
Es wurde eine strukturierte Literaturrecherche mit Kombinationen der Suchbegriffe „lead“, „Pb“, „Chelation“ und weiteren Begriffen in den Datenbanken Pubmed und Web of Science durchgeführt. Weitere Literaturstellen, die über Querverweise identifiziert wurden, wurden ebenfalls eingeschlossen. Es wurden deutsch- und englischsprachige Originalarbeiten der letzten 10 Jahre einbezogen.
Es wurden zunächst 592 Titel/Abstracts gesichtet, von denen 142 Volltexte auf verwertbare Informationen zu überprüfen waren. Die identifizierten Studien lassen sich untergliedern in Tierversuche, Fallberichte, Humanstudien und Experimente auf Zellebene. In Tierversuchen wurden verschiedene, zum Teil neuentwickelte Chelatbildner hinsichtlich ihrer Potenz zur Steigerung der Bleiausscheidung evaluiert. Einige Studien führten weitere Endpunkte an, z.B. zu Effekten am Knochen oder zum Lernverhalten. Neuere Studien beschäftigen sich auch mit Kombinationen verschiedener Therapien. In Fallberichten wurde über die Anwendung seit längerem bekannter Chelatbildner wie CaNa2EDTA, D-Penicillamin und DMSA berichtet, wobei methodenbedingt meist kein Vergleich mit einem Verlauf ohne Chelattherapie möglich war. Vergleichende Studien am Menschen sind rar.
Bezüglich des Einsatzes von Chelatbildnern zur Diagnostik in Form von sog. Provokationstests wurden keine wesentlichen Vorteile identifiziert. Da zudem Nebenwirkungen möglich sind, kann der Einsatz zur Diagnostik nicht empfohlen werden.
Der Einsatz von Chelatbildnern in der Therapie wird intensiv beforscht. Welche Maßnahmen das klinische Outcome am meisten verbessern und intoxikierten Patienten nicht zusätzlich schaden, sollte weiter evaluiert werden.
Frau Annette Greiner
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Schillerstraße 25/29 91054 Erlangen
Vergleich der Katzen- und Hundeallergenkonzentration auf Passivsammlern in Büros und Haushalten (Ingrid Sander, Anne Lotz, Ulrich Sauke-Gensow, Christina Czibor, Eva Zahradnik, Angelika Flagge, Marlies Förster, Dagmar Husert, Joachim Dreyer, Nico Fritsch, Wolf Schmidt, Jens Petersen, Thomas Brüning, Monika Raulf)
Hintergrund
Katzen- und Hundeallergene sind nicht nur in den Haushalten der Haustierhalter zu finden, sondern werden auch in Bereiche ohne Haustiere verschleppt. Das Ziel der Studie war es, die Haustierallergenkonzentration zwischen Büroarbeitsplätzen und den Haushalten der Mitarbeiter zu vergleichen.
Methoden
Elektrostatische Staubsammler (EDC) wurden viermal im Jahr in fünf Bürogebäuden in Hamburg und Berlin (67 Räume, 436 EDC) und parallel dazu in den Häusern der Büroangestellten (145 Zimmer, 405 EDC) ausgelegt. Die Proben wurden mit Fluoreszenzenzym-Immunoassays analysiert, die auf monoklonalen Antikörpern gegen das Hauptallergen der Katze (Fel d 1) bzw. des Hundes (Can f 1) basieren. Die untere Nachweisgrenze für diese Allergene auf den EDC Tüchern lag bei 4,8 ng/m² bei 14 Tagen Sammlung; Werte darunter wurden anhand der Standardkurve interpoliert, Werte darüber wurden als positiv gewertet. Die Proben wurden nach Haushalten und Büros mit bzw. ohne Tierbesitzer gruppiert und mit dem Kruskal-Wallis-Test inklusive Dunns Mehrfachvergleich auf signifikante Unterschiede geprüft.
Ergebnisse
In Haushalten mit Katzen oder Hunden enthielten alle Proben Fel d 1 (Median 1365 ng/m², Maximum 198253 ng/m²) bzw. Can f 1 (Med. 842 ng/m², Max. 13493 ng/m²). In Wohnungen ohne Katzen enthielten dennoch 33% der Proben Fel d 1 (Med. 3,8 ng/m²; Max. 175 ng/m²) und in Wohnungen ohne Hunde 23% der Proben Can f 1 (Med. <0,07 ng/m²; Max. 287 ng/m²). In Büros mit Katzenbesitzern waren 72% der Proben positiv für Fel d 1 (Med. 16,5 ng/m²; Max. 561 ng/m²); in Büros mit Hundebesitzern waren 43% der Proben positiv für Can f 1 (Med. 2,3 ng/m², Max. 167 ng/m²). In Büros ohne Katzenbesitzer waren 22% der Proben positiv für Fel d 1 (Med. 2,3 ng/m², Max. 97 ng/m²) und in Büros ohne Hundebesitzer enthielten 12% nachweisbar Can f 1 (Med. <0,07 ng/m², Max. 55 ng/m²). Haushalte mit Tieren unterschieden sich hochsignifikant von allen anderen Gruppen. Zusätzlich wiesen auch Büros mit Haustierbesitzern signifikant höhere Allergenkonzentrationen auf als Wohnungen oder Büros ohne Haustierbesitzer.
Schlussfolgerung
Katzen- und Hundeallergene scheinen von Tierbesitzern in ihre Büros übertragen zu werden. Die Exposition gegenüber diesen Allergenen in Büros erreichte jedoch nicht das Niveau von Haushalten mit Haustieren. Bei entsprechenden allergischen Beschwerden im Büro sollte bei der Anamnese und Diagnostik die Möglichkeit der Kontamination durch Katzen- und Hundeallergene berücksichtigt werden.
Frau Ingrid Sander
Exposition gegenüber tierischen Allergenen im Bereich der Veterinärmedizin (Eva Zahradnik, Ingrid Sander, Olaf Kleinmüller, Frank Hoffmeyer, Thomas Brüning, Albert Nienhaus, Monika Raulf)
Einleitung
Der Umgang mit Haus- und Nutztieren kann allergische Erkrankungen bei sensibilisierten Personen hervorrufen. Insbesondere im veterinärmedizinischen Arbeitsfeld ist mit hohen Expositionen gegenüber diversen tierischen Allergenen und einem Allergentransfer in den häuslichen Bereich zu rechnen. Allerdings liegen über die Höhe der Allergenbelastung keine ausreichenden Daten vor. Deshalb wurden im Rahmen der Querschnittsstudie „AllergoMed“ Allergenmessungen in Tierarztpraxen und in Wohnungen von tiermedizinischen Angestellten (TFA) durchgeführt.
Methoden
Staubproben wurden in verschiedenen Räumen von 38 Kleintier- und 5 Gemischtpraxen (n=353) und in Wohnungen der Studienteilnehmer (n=116) gesammelt. Die Staubsammlung erfolgte mit Hilfe von EDCs (electrostatic dust fall collector), die eine passive Sammlung luftgetragener Allergene auf staubbindenden Tüchern ermöglichen. Der Allergengehalt aller Proben wurde mit Immunoassays gegen die Hauptallergene von Katze (Fel d 1), Hund (Can f 1), Pferd (Equ c 1) und Rind (Bos d 2) sowie gegen häusliche Milben („domestic mites“) bestimmt.
Ergebnisse
In den Praxen wurde Can f 1 in allen Proben mit einem Median von 830 ng/m² und Fel d 1 in 99,7% der Proben mit einem Median von 422 ng/m² nachgewiesen. Obwohl Pferde nur in zwei Praxen behandelt wurden, war Equ c 1 in 89% der Proben nachweisbar (Median 107 ng/m²). Milbenallergene wurden seltener und in geringerer Konzentration detektiert (67%, Median 64 ng/m2). In den Wohnungen von TFA (49% Hunde- und 39% Katzenbesitzer) wurde am häufigsten Can f 1 (91%, Median: 221 ng/m2) nachgewiesen, gefolgt von Milbenallergenen (86%, Median: 148 ng/m2), Equ c 1 (82%, Median: 17 ng/m2) und Fel d 1 (79%, Median: 63 ng/m2). Die Mediankonzentrationen von Can f 1 (1434 ng/m²) bzw. Fel d 1 (1653 ng/m²) waren in den Wohnungen von Hunde- bzw. Katzenhaltern ca. um Faktor 45 bzw. 110 höher als in den Wohnungen ohne entsprechende Haustiere. Bos d 2 war nur in 29% der Praxis-Proben und 25% der häuslichen Staubproben detektierbar.
Schlussfolgerung
Die Ergebnisse der Expositionsmessungen sollen zusammen mit den Daten über Sensibilisierungshäufigkeiten und allergische Beschwerden eine Grundlage zur arbeitsmedizinischen Risikobewertung im tiermedizinischen Bereich liefern.
Frau Eva Zahradnik
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Nachweis von Legionellen in Autowaschanlagen (Mihai Zamfir, Sandra Walser-Reichenbach, Annette Kolk, Bernhard Brenner, Caroline Herr)
Das Einatmen von Legionellen-haltigen biologischen Aerosolen kann beim Menschen Krankheiten verursachen. Bei Autowaschanlagen besteht ein erhebliches Vernebelungspotential. Die Verwendung von recyceltem und zusätzlich oft erwärmtem Wasser kann zu einer Zunahme der Bakterienzahl im Wasser führen. Eine Infektionserkrankung nach Einatmen von Legionellenhaltigem Wasser aus Autowaschanlage wurde in 2016 bei zwei Fällen in Italien und in 2017 bei einem 56-jährigen Nutzer einer Autowaschanlage in Bayern festgestellt.

Bereits 2006 hat das Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) gemeinsam mit dem LGL aus Anlass einer gemeldeten Legionellen-Erkrankung Wasserproben aus Autowaschanlagen untersucht, die z.T. extrem hohe Legionellen-Gehalte aufwiesen. In weiteren Projekten des LGL wurden quantitative und qualitative Methoden als Untersuchungsverfahren etabliert, die eine höhere Sensitivität aufweisen als der Nachweis durch Kultivierung. Es handelt sich dabei um ein qPCR Verfahren zum Nachweis und zur Unterscheidung lebender und toter Zellen sowie um einen Sandwich-Mikroarray-Immunoassay. Beide Verfahren wurden für die Untersuchung von Wasser- und Aerosolproben aus Verdunstungskühlanlagen, Kläranlagen etc. etabliert und in einem Pilotprojekt an Luft- und Wasserproben aus mehreren Autowaschanlagen getestet.

Zur Untersuchung wurden Wasserproben aus der Hochdruckwäsche, der Frischwasserinstallation und dem Vorratsbehälter entnommen. Weiterhin wurden an einer Arbeitsstation vor und nach der Autowäsche Luftproben mit einem Zyklon Luftpartikelsammler genommen. Die Mehrzahl der Proben waren positiv für Legionella spp. Ein Teil der Proben aus Hochdruckwäsche und Vorratsbehälter waren positiv für Legionella pneumophila und Pseudomonas aeruginosa.

Die Messungen im Rahmen des Pilotprojekts zeigten, dass das Standardkulturverfahren im Vergleich zu molekularen Methoden neben der langen Untersuchungsdauer auch zu einer deutlichen Unterschätzung des Vorkommens von Legionellen führt. Weitere Untersuchungen sind geplant, um das Risiko für Verbraucher und Beschäftigte, das von Autowaschanlagen im Hinblick auf eine Legionellen-Infektion ausgeht, besser beurteilen zu können.
Herr Mihai Zamfir
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, München
Gefährdungen durch Biostoffe beurteilen - Die neue TRBA 400 (Stefan Mayer)
Biostoffe, wie Bakterien, Pilze oder Viren sind allgegenwärtig und können insbesondere an Arbeits­plätzen in höheren Konzentrationen vorkommen und können eine sensibilisierende, toxische oder infektiöse Gefährdung darstellen. Darüber hinaus können bei Tätigkeiten mit Biostoffen auch psychische Belastungen auftreten. Für keine dieser Gefährdungen gibt es gesundheitsbasierte Grenzwerte, die eine einfache Beurteilung der Gefährdung ermöglichen würden. Dennoch ist der Arbeitgeber verpflichtet, die Gefährdungen zu beurteilen. Mit der Neufassung der Technischen Regel für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA) 400 liegt nun erstmals eine konkrete Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung und für die Unterrichtung der Beschäftigten bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen vor.
Besonders großer Bedarf an Hilfestellungen bestand für die Beurteilung luftgetragener Exposition gegenüber sensibilisierend und toxisch wirkenden Biostoffen wie Schimmelpilzen und Endotoxinen bei Tätigkeiten, die keiner Schutzstufe zugeordnet werden müssen. Kernelement sind die Konventionen, auf deren Basis die Höhe, Dauer und Häufigkeit einer Exposition beurteilt werden können und auf deren Basis die Gefährdung abgestuft beurteilt werden kann. Den unterschiedlichen Gefährdungsstufen werden allgemeine Anforderungen an Schutzmaßnahmen gegenüber gestellt.
Auch für die Beurteilung von Tätigkeiten mit infektiöser Gefährdung wurden entsprechend Konventionen festgelegt, auf deren Basis der Anwender unterscheiden kann, ob eine tätigkeitsbedingte Infektionsgefährdung vorliegt, und welche allgemeinen Anforderungen an Schutzmaßnahmen in den unterschiedlichen Fällen zu stellen sind.
Der Vortrag informiert ebenso über die Fallgestaltungen, bei denen es zu psychischen Belastungen durch Tätigkeiten mit Biostoffen kommen kann und welche Besonderheiten bei der Beurteilung zu berücksichtigen sind. Ergänzt werden diese Informationen mit Hinweisen, wie das Sicherheitsbewusstsein der Beschäftigten gestärkt werden kann.

Herr Dr. Stefan Mayer
HBM-Studie zur Überprüfung von Benzol-Belastungen in der Nachbarschaft von Erdgas-/Erdölförderstätten (Thomas Göen, Kerstin Zethner, Kristina Zethner, Klaus-Michael Wollin)
In einer Region Norddeutschlands, in der Erdgas-/Erdölförderstätten (EEF) in hoher Zahl angesiedelt sind, trat eine überzufällige Häufung hämatologischer Krebsformen auf. Da deren erhöhte Inzidenz durch erhöhte Benzol-Belastungen begründet werden könnte, stellte sich die Frage, ob Anwohner in unmittelbarer Nähe zu EEF gegenüber Benzol aktuell in erhöhtem Maße exponiert sind.
Zur Klärung der Frage wurden 110 Anwohner (73 Nichtraucher und 37 Raucher) der Region mit hoher EEF-Dichte (Untersuchungsgruppe) und 84 Bewohner (nur Nichtraucher) desselben Landkreises ohne EEF (Kontrollen) rekrutiert. Die äußere Benzol-Belastung wurde in der Außen-/Innenraumluft und personengebunden über 14 Tage mit Passivsammlern erfasst. Im gleichen Zeitraum wurden von den Teilnehmern an vier Tagen 24h-Sammelurine gewonnen und darin der Benzol-Biomarker S-Phenylmerkaptursäure (S-PMA) sowie die Parameter Cotinin und Kreatinin bestimmt. Die Probenahmen in der Untersuchungsgruppe erfolgten im Sommer und Herbst 2018 und die in den Kontrollen zeitgleich im Herbst 2018.
In der Untersuchungsgruppe lagen bei Rauchern im Vergleich zu den Nichtrauchern sowohl personengebunden (Median: 1,98 vs. 1,02 µg/m3) als auch im Innenraum (1,55 vs. 0,88 µg/m3) höhere Benzolbelastungen vor. Die Nichtraucher der Untersuchungsgruppe und der zeitgleich untersuchten Kontrollgruppe unterschieden sich bzgl. der Benzol-Luftbelastung weder personengebunden (1,02 vs. 0,91 µg/m3) noch im Innenraum (0,88 vs. 0,82 µg/m3) sowie in der Außenluft (0,50 vs. 0,49 µg/m3) dagegen nicht. Die S-PMA-Ausscheidung war ebenfalls bei den Rauchern höher als bei den Nichtrauchern der Untersuchungsgruppe (2,23 vs. 0,11 µg/g Kreatinin). Allerdings fand sich kein Unterschied zwischen den Nichtrauchern der Untersuchungsgruppe und den Kontrollen (0,11 vs. 0,12 µg/g). Der Vergleich der Untersuchungszeiträume zeigte signifikant höhere Werte für die Außenluft als auch für die S-PMA-Ausscheidung der Bewohner im Herbst im Vergleich zum Sommer.
Die Ergebnisse der Studie konnten keine Evidenz für die Hypothese einer erhöhten Benzol-Belastung von Anwohnern in der unmittelbaren Nähe von EEF zeigen. Dabei erwiesen sich sowohl das Luftmonitoring als auch das Biomonitoring als ausreichend sensitiv, um Unterschiede in der jeweiligen Expositionssituation erfassen zu können.
Herr Prof. Dr. rer. nat. Thomas Göen
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen
Donnerstag
12 Mar
16:00 - 17:30
Vorträge
Lunge
Raum: Hörsaal 8 oben (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 180)
Vorsitz: Dennis Nowak
Sind zirkulierende microRNAs für die Früherkennung von malignen Mesotheliomen geeignet? Ergebnisse einer eingebetteten Fall-Kontroll-Studie. (Daniel Weber, Alexander Brik, Swaantje Casjens, Katarzyna Burek, Martin Lehnert, Beate Pesch, Dirk Taeger, Peter Rozynek, Georg Johnen, Thomas Brüning, M oMar Studiengruppe)
Zielsetzung
Das maligne Mesotheliom weist weiterhin hohe Neuerkrankungsraten auf. Inzwischen wurden für die Früherkennung dieses asbest-assoziierten Krebs die beiden Biomarker Calretinin und Mesothelin etabliert, die bei einer festgelegten hohen Spezifität von 98% eine Sensitivität von 42% erreichen. Eine Erweiterung dieses Panels um zusätzliche Biomarker könnte die Sensitivität, bei gleichbleibender Spezifität, noch erhöhen. Dazu bieten sich insbesondere Biomarker aus anderen molekularen Klassen an. Ziel dieser Studie war die Validierung von microRNAs (miRNAs), die in bisherigen Fall-Kontroll-Studien als potentielle Biomarker bezüglich ihrer Eignung zur Früherkennung von malignen Mesotheliomen identifiziert wurden.

Methoden
Zwischen 2008 und 2018 wurden in der prospektiven MoMar-Studie insgesamt 2769 Patienten mit einer anerkannten BK4103 rekrutiert. Die Probanden nahmen an einer jährlichen Untersuchung inklusive Blutabnahme teil. Die potentiellen Biomarker miR-132-3p, miR-126-3p und miR-103a-3p wurden unter Anwendung eines eingebetteten Fall-Kontroll-Designs im Plasma von 17 Mesotheliom-Patienten und 34 gematchten Kontrollen gemessen. Die Marker-Performance wurde mittels receiver operating characteristic (ROC) Analyse ermittelt.

Ergebnisse
Die 17 prä-diagnostischen Plasma-Proben wurden im Median 8,9 Monate vor der klinischen Diagnose eines Mesothelioms gesammelt. Die miRNAs miR-132-3p, miR-126-3p und miR-103a-3p konnten im Plasma zwar prinzipiell nachgewiesen werden, bei einer vorgegebenen Spezifität von 98% weisen alle drei miRNAs allerdings sowohl einzeln als auch in Kombination eine Sensitivität von 0% auf.

Schlussfolgerungen
Die analysierten Biomarker eignen sich nicht für eine Früherkennung von malignen Mesotheliomen. Die drei zirkulierenden miRNAs könnten aber möglicherweise als prognostische oder prädiktive Biomarker zur Einschätzung des Krankheitsverlaufs und der Wirkung einer Therapie geeignet sein. Diese Fragestellungen müssten allerdings noch in entsprechend geeigneten Studie vertieft werden.
Herr Daniel Weber
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Atemanhaltezeit und Inspirationsvolumen haben Einfluss auf DLCO, DLCO/VA und DLNO; Vergleich an verschiedenen Patientenkollektiven (Luisa Diener, Robert Herold, Volker Harth, Alexandra Marita Preisser)
Hintergrund:
Die Kohlenstoffmonoxid (CO)-Diffusionsmessung (DLCO) wird zur Beurteilung des pulmonalen Gasaustauschs eingesetzt; sie kann durch die simultane Messung der Stickstoffmonoxid (NO)-Diffusion (DLNO) ergänzt werden, wodurch sich pulmonaler Gasaustausch und Lungendurchblutung separat beurteilen lassen, bedingt durch die höhere Bindungsaffinität des NO zu dem pulmonal-kapillären Hämoglobin.
Methode:
Bei 359 Probanden (Ø 57,3 Jahre, SD 16,6) der arbeitsmedizinischen Poliklinik erfolgte kombiniert die Bestimmung von DLCO und DLNO (single-breath), von denen 258 (Ø 57,9 Jahre, SD 16,4) die Qualitätskriterien (QK) der DLCO erreichten (inspiratorisches Volumen (VIN) > 85% der individuellen Vitalkapazität (VC) und Atemanhaltezeit ≥ 8 s). Ergänzt wurden Anamnese und Untersuchung, Spirometrie und Bodyplethysmographie. Das, die QK erfüllende, Kollektiv wurde 5 Diagnosegruppen zugeteilt: Lungengesunde (n=160), obstruktive Atemwegs(AW)-Erkrankung (n=32), restriktive AW-Erkrankung (n=15), obstr./restr.-gemischte AW-Erkrankung (n=6) und Lungenemphysem (n=45). Die Abhängigkeit von DLCO und DLNO von QK VIN und QK Atemanhaltezeit sowie das Verhältnis DLNO/DLCO wurden untersucht.
Ergebnisse:
Patienten mit einer VIN > 85% VC (n=315) erreichten höhere Mittelwerte jeweils in DLCO und DLNO als Patienten mit einer VIN ≤ 85% VC (n=44) (7,74 und 6,90 bzw. 27,8 und 32,6 mmol/min/kPa, beide p<0,05). Die Werte der DLCO/VA und auch der DLCO lagen bei den Probanden, die das QK Atemanhaltezeit nicht erfüllten (n=64), höher als bei denen mit einer Atemanhaltezeit ≥ 8 s (n=295) (1,52 und1,38 bzw. 8,11 und 7,53 mmol/min/kPa, p<0,01 bzw. n.s.); DLNO und DLNO/VA zeigten keine signifikante Beeinflussung durch die Atemanhaltezeit. DLNO/DLCO wurde hingegen bei einer Atemanhaltezeit ≥ 8 s höher bestimmt (p<0,01). In der, beide QK erfüllenden, Gruppe betrug DLNO/DLCO für Lungengesunde im Mittel 4,25 (SD 0,37), für die obstruktive Gruppe 4,48 (SD 0,53), für die restriktive Gruppe 4,07 (SD 0,58), für die gemischte Patientengruppe 4,28 (SD 0,09) und für die Patienten mit Lungenemphysem 4,43 (SD 0,45) (p=0,005).
Schlussfolgerungen:
Das QK Atemanhaltezeit wirkt sich auf DLCO/VA besonders stark aus, während VIN auf DLNO und DLCO einen signifikanten Einfluss hat. Im Vergleich zu Lungengesunden zeigten die Gruppen mit Lungenerkrankungen signifikant verschiedene Quotienten der Diffusionskapazitäten, die den Einfluss der verschiedenen Krankheitsentitäten auf die pulmonale Perfusion widerspiegeln.
Frau PD Dr. med. Alexandra Marita Preisser
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Frau Luisa Diener
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Asbestbedingte Lungen- und Pleuraerkrankungen: Sensitivität und Spezifität radiologischer Befund im Vergleich zu den Sektionsbefunden (Alexandra Marita Preisser, Theresa Hempel, Ute Lockemann, Friedrich Schulz, Jan Sperhake, Klaus Püschel, Volker Harth)
Hintergrund:
Die Asbest-bedingten Berufskrankheiten (BK) Nrn. 4103, 4104, 4105 und 4114 zeigen seit einigen Jahren anhaltend hohe Zahlen in den DGUV-Statistiken. Die radiologischen Untersuchungsmethoden mit konventionellem Röntgen und Computertomographie (CT) des Thorax stellen eine wesentliche Säule in der Erkennung dieser Berufskrankheiten dar. Zur Sicherung oder Ausschluss einer Asbest-bedingten BK wird dennoch in vielen Fällen nach dem Tod des/der Versicherten eine Sektion im Auftrag der Berufsgenossenschaften durchgeführt.
Methode:
Es wurden 536 Fälle (hiervon 532 männlich) mit Verdachtsanzeige auf eine asbestbedingte BK aus dem Sektionsgut des Institutes für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf aus den Jahren 2010-2017 retrospektiv ausgewertet, von denen in 333 Sektionsfällen (62%) sich die Gutachter für die Anerkennung einer BK aussprachen (BK 4103: n=182, 34%; BK 4104: n=289, 53,9%; BK 4105: n=182, 11,9%; BK 4103: n=1, 0,2%). Die Häufigkeiten asbesttypischer Veränderungen (Pleuraplaques/Thoraxwandschatten, Asbestose/Lungenfibrose, Tumor) wurden anhand der Sektionsprotokolle ausgewertet. Die fachradiologischen Befunde konventioneller Röntgenuntersuchungen (n=226) und der CT (n=272), vor dem Ableben der Versicherten vorgenommen, wurden aus den Akten und im Vergleich zu den Sektionsbefunden ausgewertet (Vier-Felder-Tafeln, Accuracy). Die Fälle mit Minimalasbestose (n=23) wurden hier im Vergleich bezüglich der Erkennung einer Fibrose ausgeschlossen, da definitionsgemäß diese nur histologisch erkennbar sind.
Ergebnisse:
Die Erkennung von Pleuraplaques zeigte im Vergleich zum Sektionsbefund im konventionellen Röntgen eine Sensitivität (Sens.) von 56%, eine Spezifität (Spez.) von 97% (accuracy 0,75), die CT eine Sens. von 58% und Spez. von 93% (accuracy 0,75). Die Asbestose/Lungenfibrose wurde in Röngten und CT mit einer Sens. von 37% bzw. 56% erkannt, die Spez. lag bei 93% bzw. 92% (acc. 0,79 bzw. 0,82); ein Tumor wurde mit einer Sens. von 87% bzw. 97% und einer Spez. von 100% bzw. 98% erkannt (acc. 0,91 bzw. 0,97).
Schlussfolgerungen:
In dieser Untersuchung zeigt sich nur für die Erkennung eines Tumors eine gute Sensitivität, insbesondere in der CT. Für die Pleuraveränderungen und die Lungenfibrose durch Asbest zeigen die Sensititivitäten, auch für die CT, ein nur mäßig gutes Erkennen der asbesttypischen Veränderungen. Eine spezifische Auswertung der radiologischen Untersuchungstechniken, -situationen und Befunde wird angestrebt.
Frau PD Dr. med. Alexandra Marita Preisser
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Die digitale PCR zum Nachweis des Onkogens MYC in Gewebe – Ein Biomarker für Lungenkrebs (Alexander Brik, Daniel Weber, Swaantje Casjens, Peter Rozynek, Swetlana Meier, Thomas Behrens, Matthias Altmayer, Georgios Stamatis, Kaid Darwiche, Dirk Theegarten, Barbara Sitek, Klaus Gerwert, Georg Johnen, Thomas Brüning)
Zielsetzung: Lungenkrebs ist die häufigste Krebstodesursache in Deutschland. Im Gewebe von Lungenkrebspatienten ist die Vermehrung des Onkogens MYC (v-myc avian myelocytomatosis viral oncogene homolog) häufig nachweisbar. Der Nachweis der Kopienzahl von Genen mittels qPCR (quantitative polymerase chain reaction) ist vergleichsweise aufwendig, da für die Durchführung der Einsatz von Standardkurven oder Kalibratoren notwendig ist. Die dPCR (digitale PCR) hingegen ist eine einfach durchführbare und sensitivere Methode, die auch einen zukünftigen Nachweis in Blut zwecks Früherkennung ermöglichen könnte. Das Ziel dieser Studie war die Etablierung einer dPCR-Methode zur Bestimmung der MYC-Kopienzahl bei Lungenkrebspatienten.

Methoden: Das Studienkollektiv umfasste Tumor- und Nicht-Tumorproben von insgesamt 101 Lungenkrebspatienten. Die Kopienzahl von MYC wurde mittels qPCR und dPCR in den Gewebeproben bestimmt. Dazu wurde die gDNA (genomische DNA) aus den Gewebeproben isoliert und MYC sowie RNase P als Referenz mittels der beiden Methoden gemessen.

Ergebnisse: Für den Nachweis von MYC in Gewebeproben wurde die dPCR-Methode etabliert. Für eine erfolgreiche Durchführung ist eine Behandlung der gDNA vor der PCR nicht notwendig. Die erzielten Ergebnisse zeigen eine gute Korrelation zwischen qPCR und dPCR. In den Tumorproben betrug die MYC Kopienzahl im Median 2.08 (Interquartile range (IQR) 1.95 - 2.34) und in den Nicht-Tumorproben 1.98 (IQR 1.93 - 2.03). Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war statistisch signifikant (p < 0.0001). Bei nur einem falsch-positiven Test konnte bei 42 Patienten eine Erhöhung der MYC-Kopienzahl im Tumorgewebe im Vergleich zum Normalgewebe nachgewiesen werden. Die Sensitivität von MYC als Biomarker betrug somit 42% und die Spezifität 99%.

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die dPCR eine präzise und verlässliche Methode für die Bestimmung der MYC-Kopienzahl in Gewebeproben ist. Die Methode vereinfacht die molekulare Charakterisierung von Lungenkrebs und unterstützt somit die Entscheidungen zur Auswahl geeigneter Therapien. Weiterhin ist die empfindliche dPCR eine gute Basis für einen zukünftigen Bluttest, der andere blutbasierte Marker zur Lungenkrebsfrüherkennung ergänzen könnte.
Herr Dr. Alexander Brik
Institut für Pravention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Prädiktoren für Erwerbstätigkeit nach Lungentransplantation bei Patienten mit Mukoviszidose: eine monozentrische Querschnittsstudie (Holger Dressel, Thomas Radtke, André Königs, Julia Braun, Xijin Chen, Christian Benden)
Einleitung
Lungentransplantation (LTx) ist eine etablierte Therapieform bei ausgewählten Patienten mit fortgeschrittener Lungenerkrankung bei Mukoviszidose (zystische Fibrose, CF). Eine Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit nach LTx wird im Allgemeinen unterstützt, wobei Berufsstätige im Vergleich zu nicht berufstätigen Patienten eine bessere Lebensqualität aufweisen. In der Schweiz gibt es bisher keine Daten zur langfristigen Erwerbstätigkeit nach LTx bei Patienten mit CF.

Methoden
In einer monozentrischen Querschnittsstudie an einem Universitätsspital wurden Daten von lungentransplantierten Patienten mit CF im Zeitraum von Januar 1996 und Dezember 2016 retrospektiv analysiert. Der Einfluss von potentiellen prä-transplantären Faktoren (Alter, Geschlecht, Lungenfunktion, Body Mass Index, 6-Minuten Gehstrecke, Ausbildung, Beziehungsstatus, Wohnsituation, Wartezeit auf der LTx-Liste, Erwerbstätigkeit während der Wartezeit zur LTx) und post-transplantäre Faktoren auf die Erwerbsstätigkeit nach LTx [chronische Allograftdysfunktion, Dialysepflicht, Krebsdiagnose (ausser Hautkrebs)] wurden mittels gemischten logistischen Regressionsmodellen mit zufälligen Effekten untersucht. Deskriptive Analysen in Bezug auf Erwerbstätigkeit wurden für verschiedene Zeiträume nach LTx (>1, 1-3, 3-5, 5-10, >10 Jahre) durchgeführt.

Ergebnisse
99 Patienten (35±10 Jahre; 49.5% weiblich) wurden in die Studie aufgenommen. Die mittlere Wartezeit auf der LTx-Liste betrug 42±39 Wochen. Die Erwerbstätigkeit für den Zeitraum <1 (n=93), 1-3 (n=90), 3-5 (n=68), 5-10 (n=53) und >10 (n=32) Jahre nach LTx betrug 35%, 68%, 79%, 72% und 78%. Die prä-transplantäre Erwerbstätigkeit (OR 32.16, 95% CI 9.48 – 177.09, p<0.0001), berufliche Ausbildung (akademisch vs. nicht-akademisch, OR 4.40, 95% CI 1.07 – 20.55, p=0.04) und die Zeit nach LTx (log Skala) OR 4.94, 95% CI 2.95 – 9.38 , p<0.0001) waren die wesentlichen Einflussfaktoren für die post-transplantäre Erwerbsfähigkeit. Klinische Faktoren, wie die chronische Allograftdysfunktion, hatten keinen Einfluss auf die Erwerbstätigkeit nach LTx.

Schlussfolgerung
Die prä-transplantäre Erwerbstätigkeit ist der dominierende Einflussfaktor für die Berufstätigkeit nach LTx bei Patienten mit CF. Patienten auf der Warteliste sollten ermutigt werden, wenn gesundheitlich möglich, mindestens Teilzeit noch einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Die berufliche Re-Integration nach erfolgreicher LTx sollte interdisziplinär durch das LTx Team unterstützt werden.
Herr Holger Dressel
Abteilung für Arbeits- und Umweltmedizin, EBPI, Universität Zürich und Universitätsspital Zürich
Donnerstag
12 Mar
08:30 - 09:30
Vorträge
Gefährdung Arbeitsplatz Krankenhaus I
Raum: Hörsaal 2 (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 164)
Aktuelle Erkenntnisse zum sicheren Arbeiten mit Anästhesiegasen im Gesundheitsdienst (Johannes Gerding, Udo Eickmann)
Einleitung
Inhalationsanästhetika sind fester Bestandteil der modernen medizinischen Versorgung. Die Abwesenheit nationaler Grenzwerte für viele gängige Anästhesiegase bietet immer wieder Anlass zur Diskussion der Frage, ob von diesen Verbindungen eine Gesundheitsgefahr für beruflich exponierte Personen ausgehen kann (z. B. beim Mutterschutz). Auf Basis einer umfassenden Literaturrecherche beschreibt dieser Beitrag aktuelle Expositionsszenarien bei gesundheitsdienstlichen Tätigkeiten mit Anästhesiegasen und nennt geeignete Schutzmaßnahmen [1].

Methoden
Aktuelle Expositionsdaten gesundheitsdienstlicher Tätigkeiten mit Anästhesiegasen wurden der Fachliteratur im Rahmen einer selektiven Literaturrecherche entnommen. Ergänzend wurde eine Auswertung von Messinformationen der Unfallversicherungsträger vorgenommen, um Arbeitsbereiche mit potentiell erhöhter Anästhesiegasexposition zu identifizieren und geeignete Schutzmaßnahmen abzuleiten. Die Recherche umfasste Tätigkeiten in Operationssälen, Aufwachräumen, Langzeitsedierungen auf Intensivstationen sowie die Lachgassedierung in Zahnarztpraxen.

Ergebnisse
Die Anästhesiegasexposition von Mitarbeitern in Krankenhäusern liegt bei vielen Tätigkeiten bereits heute unterhalb der nationalen und internationalen Grenzwerte. Erhöhte Expositionen können bei Tätigkeiten auftreten, bei denen besonders viel Narkosegas freigesetzt wird, etwa bei Maskeneinleitung oder Lachgassedierungen in Zahnarztpraxen. Wirksamen Schutz vor erhöhter Anästhesiegasbelastung bieten eine geeignete Anästhesiegasabsaugung sowie eine leistungsstarke raumlufttechnische Anlage.

Diskussion
Zusammenfassend zeigt sich, dass in der Praxis bereits heute eine erhöhte Anästhesiegasbelastung durch geeignete Schutzmaßnahmen wirksam vermieden werden kann, wenn die im technischen Regelwerk (TRGS 525) empfohlenen technischen Schutzmaßnahmen umgesetzt werden. Ebenso wichtige Schutzmaßnahmen sind der bewusste, geschulte Umgang mit Inhalationsanästhetika und die Berücksichtigung emissionsfreier Alternativen, wie etwa der totalintravenösen Anästhesie, durch die verantwortlichen Mediziner.
Herr Dr. Johannes Gerding
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)
Chirurgischer Rauch – Gefährdungswahrnehmung und Umsetzung von Schutzmaßnahmen im OP (Martina Michaelis, Albert Nienhaus, Udo Eickmann)
Chirurgische Rauchgase entstehen bei Laser- oder Elektrochirurgie durch intensive thermische Einwirkung auf menschliches Gewebe. Die Einzelstoffe können übelriechend, akut und chronisch schädigend und Träger für Infektionserreger sein.
In der Technischen Regel für Gefahrstoffe (TRGS) 525 "Gefahrstoffe in medizinischen Einrichtungen" wurde Ende 2014 ein Kapitel zu entsprechenden Schutzmaßnahmen für exponierte Beschäftigte im OP formuliert.
Bislang war unbekannt, in welchem Ausmaß der empfohlene Arbeits- und Gesundheitsschutz in deutschen OPs eingehalten wird und welche Barrieren in der betrieblichen Praxis evtl. eine angemessene Umsetzung verhindern. Eine Befragung exponierter Berufsgruppen sollte diese Fragen beantworten und ermitteln, wie die Gefährdung durch chirurgische Rauchgase von den Beschäftigten wahrgenommen wird.

Methoden: Der Link zu einer selbst operationalisierten Online-Befragung wurde Ende 2018 per E-Mail an 7.089 Chirurgen aus ausgewählten Fachbereichen im stationären und ambulanten Sektor versendet. Der Stichprobenzugang erfolgte mittels eines kommerziellen Adressanbieters. Zusätzlich wurden zwei Berufsverbände pflegerischen OP-Assistenzpersonals um Weitergabe des Links an ihre Mitglieder (Gesamt n= 219) gebeten.
Unterschiede zwischen Sektoren bzw. Berufsgruppen wurden mit bivariaten Testmethoden (Chi2-/Mann-Whitney U-Test) ermittelt.

Ergebnisse: Der Fragebogenrücklauf bei Chirurgen betrug insgesamt 5,1% (n=356) und beim Assistenzpersonal 65% (n=142). Letzteres zeigte sich im Hinblick auf Gesundheitsgefahren vergleichsweise deutlich besorgter. Die Hälfte der Chirurgen sah geringe/keine Gesundheitsgefahren durch CR ohne Schutzmaßnahmen und achtet beim Operieren nicht auf ihre Vermeidung; häufigste Gründe für eine Nichtachtung sind Fatalismus und Gedankenlosigkeit. 11% der Beschäftigten aus Krankenhäusern berichteten über spezielle technische Schutzmaßnahmen zur Rauchabsaugung.

Diskussion: Angesichts geringer Rücklaufraten ist zu vermuten, dass die Ergebnisse eine Überschätzung positiver Ergebnisse der antwortenden Chirurgen beinhalten; sie sollten deshalb mit Vorsicht interpretiert werden.
Schlussfolgerung: Das Gesundheitsbewusstsein bei OP-Personal und die Umsetzung ausreichender Schutzmaßnahmen sollte verstärkt durch Maßnahmen der Organisationsentwicklung unterstützt werden.
Frau Dr. Martina Michaelis
Freiburger Forschungsstelle Arbeits- und Sozialmedizin (FFAS)
Gefahrstoffe in der Pathologie: Der Fokus liegt auf Formaldehyd! (Wolfgang Wegscheider)
Hintergrund: Pathologien verwenden für Prozessabläufe Chemikalien, denen die Beschäftigten ausgesetzt sein können. Untersuchungen aus der Vergangenheit zeigten Grenzwertüberschreitungen für die inhalative Formaldehydexposition, insbesondere bei manuellen Tätigkeiten mit 4 %-iger Formaldehydlösung wie Zuschneiden von Gewebeproben, Umfüllen von Formaldehydlösung und Entsorgen der Asservate. Die aktuelle Expositionssituation wurde in 54 Pathologien mit subjektiv guten Arbeitsplatzausstattungen durch ein Gemeinschaftsprojekt aus Unfallversicherungsträgern und Ländermessstellen ermittelt.
Methode: Expositionsmessungen im Atembereich der Beschäftigten nach einer standardisierten Messstrategie dienten zur Ermittlung der Lösemittel- und Formaldehydbelastung. Die teilnehmenden Pathologien mussten technische Mindeststandards zum Schutz vor inhalativer Exposition vorweisen, zum Beispiel technische Absaugungen bei manuellen Tätigkeiten.
Ergebnisse: Für Ethanol, Ethylbenzol, 2-Propanol und Xylol wurden alle Grenzwertbedingungen ausnahmslos eingehalten. Für Formaldehyd überschritten die Schichtmittelwerte beim Zuschnitt unter der Annahme einer achtstündigen Expositionsdauer in 37 % der ermittelten Fälle den zulässigen Arbeitsplatzgrenzwert nach TRGS 900 von 0,37 mg/m3. Bei kurzzeitigen Tätigkeiten mit Formaldehydlösung wie dem Umfüllen und Entsorgen wurde die zulässige Kurzzeitwertdauer in 50 % der Fälle und in 23 % der Fälle die zulässige Kurzzeitwerthöhe von 0,74 mg/m3 überschritten.
Schlussfolgerungen: Die Lösemittelkonzentrationen stellten keine relevante inhalative Gefährdung dar. Die erhöhten Formaldehydkonzentrationen entstanden immer dann, wenn die belastenden Tätigkeiten außerhalb des Wirkungsbereichs der Absaugungen durchgeführt wurden. Teilweise waren die Absaugungen nicht ausreichend leistungsfähig, teilweise wurden die Arbeiten aus organisatorischen Gründen zu weit von Absaugungen entfernt durchgeführt. Weitere Emissionsquellen, zum Beispiel Mülleimer mit formaldehydgetränkten Zellstofftüchern oder Abwurfbehälter mit entleerten offenen Probengefäßen führten zu einer zusätzlichen Formaldehydbelastung der Raumluft. Wirksame Lösungsansätze können die Vermeidung oder Reduzierung von Emissionsquellen, die Verbesserung der Arbeitsabläufe und der Arbeitsplatzhygiene und die Verbesserung der Wirksamkeit der Arbeitsplatzabsaugungen sein.

Herr Dipl.-Ing. Wolfgang Wegscheider
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)
Dyshidrotic eczema among healthcare workers: a retrospective study (Matteo Riccò, Federica Balzarini, Luigi Vezzosi)
Introduction. Dyshidrotic eczema (DE) is a chronic and/or recurrent vesicular eczema of the palmar sides of the hands and sometimes the soles of the feet. Even though its etiology remains unclear, a possible role for occupational exposure to contact allergens has been repetitively reported. Our study aims to assess its incidence and main risk factors in a sample of 293 healthcare workers (HCW).

Methods. Electronic medical records from all newly recruited HCWs in 8 private healthcare companies based in the Emilia Romagna and Lombardy Regions (Northern Italy) who underwent preventive (initial) compulsory medical examination between January 2008 and December 2009 were retrieved in 2014. All cases of hand eczema (HE) were patch tested by means of European standard series.

Results. During a 5-year time period, a total of 41 cases of HE were identified (14.0%; annual incidence rate of 3.0%). Of them, 9 fulfilled the definition of DE, with an annual incidence rate of 0.7% (range: 0.3% - 1.5%). No significant difference was found between the rate of history of atopy among the 9 workers with DE (55.6%), and that (87.5%) observed among 32 workers with other forms of hand eczema (HE). Positive patch test reactions were found in 55.6% of dyshidrotic patients: among them, only nickel sulphate was more frequently reported in DE than in HE (55.6% vs. 9.4%, p 0.009). In regression analysis, daily handling of chemoterapy was the only occupational risk factor associated with DE (Adjusted Odds Ratio 37.690, 95% Confidence Interval 3.590-395.7), while DE was significantly associated with individual risk factors such as hyperhidrosis (aOR 31.573, 95%CI 4.709-211.7).

Conclusions. Results of the present study are conflicting with previous reports suggesting that contact sensitization may be involved in the pathogenesis of DE. Our results also suggest that a positive history of atopy is no more frequently reported in DE than in other forms of HE, while hyperhidrosis may represent the single more significant risk factor for developing DE. As handling of chemoterapics, the only occupational factor associated with DE, usually requires longer wearing of insulating equipment, it is reasonable that DE may find its main roots in the profuse sweating of professionals bearing individual predisposition because of congenital impairment of the sweating glandes.
Herr Dr. Matteo Riccò
Donnerstag
12 Mar
10:30 - 11:30
Vorträge
Gefährdung Arbeitsplatz Krankenhaus II
Raum: Hörsaal 2 (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 164)
Vorsitz: Uta Ochmann
Review zur Untersuchung der berufsbedingten latenten Tuberkuloseinfektion (LTBI) mit Interferon-Gamma Release Assays (IGRA) bei Gesundheitspersonal (Claudia Peters, Agnessa Kozak, Albert Nienhaus, Anja Schablon)
Hintergrund
Beschäftigte im Gesundheitsdienst haben aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit ein erhöhtes Infektionsrisiko gegenüber einer latenten Tuberkuloseinfektion (LTBI). Seit mehreren Jahren sind die Interferon-Gamma Release Assays (IGRAs) zur Diagnostik im Einsatz und ersetzen meist den Tuberkulin-Hauttest (THT). Bis zur Einführung der IGRAs erfolgte die Beschreibung des beruflichen Risikos überwiegend mit dem THT. Ziel dieser Studie ist es, die neu gewonnenen Erkenntnisse durch das Screening mit IGRAs zum berufsbedingten Infektionsrisiko von LTBI bei Beschäftigten in Niedriginzidenzländern zu untersuchen.
Methoden
Mit einer systematischen Suche wurden relevante epidemiologische Studien aus mehreren elektronischen Datenbanken nach den folgenden Einschlusskriterien identifiziert: (1) Land mit geringer Tuberkulose-(TB)-Inzidenz (<40 TB-Fälle/100.000 Einwohner); (2) Mitarbeiter medizinischer Einrichtungen, die mit IGRAs auf LTBI untersucht wurden und (3) Informationen über Alter, Beruf und/oder Arbeitsplatz bereitstellen. Für die Studien erfolgte eine methodische Qualitätseinschätzung.
Ergebnisse
Insgesamt 58 Studien wurden eingeschlossen, von denen 33 in Europa, 5 in Amerika, 9 in der Westpazifischen Region und 11 Studien in Ländern des östlichen Mittelmeeres durchgeführt wurden. Die Untersuchungen fanden überwiegend im Krankenhausbereich statt. Die meisten Studien waren Querschnittsuntersuchungen und 32 wurden als methodisch sehr gut eingestuft. Die Prävalenz der LTBI über alle Studien lag zwischen 0,9 und 85,5%. Die kombinierten Häufigkeiten für Europa und Amerika betrugen 16,2 bzw. 16,5%, für die Regionen des Westpazifiks 4,8 und 17,3% für das östliche Mittelmeer. Die deutschen Studien zeigten meist Häufigkeiten unter 10%. Bei der Metaanalyse waren für Ärzte, Pflege- und Laborpersonal keine und nur für administratives Personal erhöhte Risiken zu sehen.
Fazit
Die Prävalenzraten sind sehr unterschiedlich. In Deutschland ist die LTBI eine der häufigsten Infektionen bei medizinischem Personal. Die Anwendung von Schutzmaßnahmen bei Verdacht oder Kontakt mit TB-Patienten oder Material helfen das Infektionsrisiko zu reduzieren.
Frau Dr. Claudia Peters MPH
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Kosten-Effektivitäts-Analyse direkt antiviral wirksamer Arzneimittel bei Beschäftigten im Gesundheitswesen mit beruflich erworbener Hepatitis C (Melanie Runge, Magdalene Krensel, Claudia Westermann, Dominik Bindl, Klaus Nagels, Matthias Augustin, Albert Nienhaus)
Hintergrund: Etwa 1 % der Weltbevölkerung ist mit Hepatitis C infiziert. Die Einführung der neuen direkt antiviral wirksamen Medikamente (direct-acting antiviral agents, DAAs) hat die Behandlungserfolge (sustained virological response, SVR) der Hepatitis C deutlich erhöht. Es gibt jedoch eine anhaltende Diskussion über die hohen Arzneimittelpreise. Unser Ziel ist es, die langfristige Kostenwirksamkeit der DAAs für Beschäftigte im Gesundheitswesen (BiG) mit bestätigten Berufskrankheiten in Deutschland zu bewerten.
Methoden: Mit einem standardisierten Datensatz der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) wurde das Kosten-Effektivitäts-Verhältnis der interferonfreien DAA-Regime im Vergleich zu interferonbasierten Triple-Therapien am Beispiel der BiG analysiert. Unter Berücksichtigung des klinischen Krankheitsverlaufs wurde anhand eines Markov-Modells eine Base-Case-Analyse für einen Zeitraum von 20 Jahren durchgeführt. Mittels des inkrementellen Kosten-Effektivitäts-Verhältnisses (Incremental Cost-Effectiveness Ratio, ICER) werden die zusätzlichen Kosten sowie der zusätzlich gewonnene Nutzen der DAA-Behandlung im Vergleich zur interferonbasierten Triple-Therapie aufgezeigt. Die Robustheit der Ergebnisse wurde mittels einer univariaten deterministischen Sensitivitätsanalyse überprüft.
Ergebnisse: Die Ergebnisse der Base-Case-Analyse zeigen, dass die DAA-Regime zur Behandlung der HCV-Infektion über den Zeitraum von 20 Jahren betrachtet teurer, aber auch effektiver als die Triple-Therapien sind. Bei therapieerfahrenen Patienten beträgt der ICER 766,19 €/SVR-Raten-Prozentpunkt. Darüber hinaus zeigte sich im Modell, dass pro Patient 3,23 verlorene Lebensjahre über den Untersuchungszeitraum wiedergewonnen werden können.
Schlussfolgerungen: Die interferonfreie DAA-Therapie führt im Vergleich zur Triple-Therapie zu höheren nachhaltigen virologischen Ansprechraten. Obwohl daraus langfristig sinkende Kosten, z. B. für Rentenleistungen, resultieren, verursacht die DAA-Therapie auch zukünftig aufgrund der teuren Arzneimittel höhere Kosten.
Frau Dr. Claudia Westermann
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Hepatitis C bei Beschäftigten im Gesundheitswesen: Follow-Up-Analyse der Therapien mit direkt antiviral wirksamen Medikamenten (Claudia Westermann, Dana Wendeler, Albert Nienhaus)
Hintergrund: Hepatitis-C-Infektionen (HCV) sind blutübertragbar, verlaufen überwiegend chronisch und sind mit erhöhter Morbidität und Mortalität assoziiert. Ziel dieser Studie ist es, die Therapieergebnisse mit den direkt antiviral wirksamen Medikamenten (direct-acting antiviral agents, DAAs) bei Beschäftigten im Gesundheitswesen (BiG) zu beschreiben.
Methoden: Die Auswertung der Behandlungsergebnisse der DAA-Regime basieren auf Routinedaten der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Untersucht wurden die Therapien, die bei BiG mit einer als Berufskrankheit anerkannten HCV-Infektion zwischen dem 01.01.2014 und dem 30.12.2018 durchgeführt wurden. Die untersuchten Endpunkte waren die Erfolgskontrollen zwölf und 24 Wochen nach Therapieende (SVR12, SVR24), die Nebenwirkungen und die Ergebnisse der Begutachtung der Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) nach erfolgter Therapie. Zusammenhänge zwischen Behandlungserfolg (SVR12) und Therapiestatus (naiv/erfahren), Zirrhose (ja/nein) und Geschlecht wurden univariat, Prädiktoren für SVR12 wurden multivariat untersucht.
Ergebnisse: Die Studienpopulation (n = 305) umfasste hauptsächlich BiG mit einer Genotyp-1-Infektion. Das Durchschnittsalter lag bei 63 (SD 10) Jahren, 76 % waren Frauen. Zwei Drittel der BiG hatte eine Fibrose bzw. eine Zirrhose und knapp 70 % waren behandlungserfahren. Männer hatten statistisch signifikant häufiger eine Zirrhose als Frauen (51 % gegenüber 21 %, p<0,00). Die Erfolgsraten zwölf und 24 Wochen nach Therapieende betrugen 98 %. Als Prädiktor für eine statistisch signifikant verminderte Erfolgsrate erwies sich die Leberzirrhose (OR 0,08; 95% CI 0,01-0,80, p = 0,03). Nach der Therapie wurde eine Begutachtung der MdE bei 255 (84 %) Versicherten durchgeführt. Eine Herabstufung der MdE fand bei 184 (72 %) der begutachteten BiG, eine Heraufstufung bei 14 (5 %) statt.
Schlussfolgerung: Im untersuchten Kollektiv wurden hohe Erfolgsraten mit positiven Auswirkungen auf die MdE der Versicherten erreicht. Eine frühe HCV-Therapie scheint wegen der besseren Therapierbarkeit der Infektion sinnvoll.
Frau Dr. Claudia Westermann
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Berufsrisiko der Übertragung von humanem Papillomavirus (HPV) während Ablationsverfahren: ein Überblick der Evidenz. (Galateja Jordakieva, Richard Crevenna)
Hintergrund
Humane Papillomaviren (HPV) sind hoch ansteckende Krankheitserreger die je nach Genotyp mit der Entwicklung von Warzen (z. B. Condylomata acuminata) und Karzinomen assoziiert sind. Es bestehen Bedenken, ob infektiöse Partikel während Ablationsverfahren zur Abtragung von HPV-Läsionen über die Luft auf medizinisches Personal übertragen werden können.

Methoden
Systematische Analyse der wissenschaftlichen Literatur in Hinblick auf das Berufsrisiko einer HPV-Übertragung während etablierten Ablationsverfahren bei HPV-assoziierten Läsionen (Laserbehandlung, elektrochirurgische Exzision [LEEP], Kryochirurgie) und etwaige Präventionsmaßnahmen.

Ergebnisse
In den letzten Jahrzehnten ist die Persistenz und Verteilung von HPV Partikeln im Ablationsrauch von LEEP und Laserverfahren zunehmend belegt worden. Auch „high-risk“ HPV-Genotypen, übereinstimmend mit den Genotypen der behandelten Läsionen, wurden in der Nasenschleimhaut von medizinischem Personal nach solchen Verfahren beschrieben und einzelne Berichte von HPV assoziierten Karzinomen des Oropharynx werden auf LEEP und Laserbehandlungen zurückgeführt. Im Sinne der Arbeitssicherheit und Prävention ist ein Einsatz geeigneter lokaler Rauchgasabsaug- und Filtersysteme, persönlicher Schutzausrüstung, sowie entsprechende Hygiene- und Schulungsmaßnahmen erforderlich, um die HPV-Kontamination und ein etwaiges Infektionsrisiko zu minimieren.

Zusammenfassung
Es liegen einzelne Berichte über HPV-Infektionen und damit verbundener Krankheitsentwicklung bei medizinischem Personal vor, welches gegenüber chirurgischem Rauch aus Laser- und LEEP ausgesetzt war. Durch einfache Schutzmaßnahmen wird die Gefahr einer HPV Kontamination während Ablationsverfahren bereits erheblich verringert.
Frau Dr. med. univ. Galateja Jordakieva
Institut für Arbeitsmedizin Universitätsklinik für Innere Medizin II Medizinische Universität Wien
Donnerstag
12 Mar
13:30 - 15:00
Vorträge
Gefahrstoffe: PAK, Weichmacher und PCB
Raum: Hörsaal 5 (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 164)
Vorsitz: Gabriele Leng
Das Krebsrisiko von Feuerwehrleuten im Zeittrend: Ein systematisches Review und Metaanalyse epidemiologischer Studien (Dirk Taeger, Swaantje Casjens, Thomas Brüning)
Zielsetzung
Die berufliche Exposition von Feuerwehrleuten wurde durch die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) als möglicherweise krebserregend beim Menschen (Gruppe 2B) eingestuft. Frühere Metaanalysen zeigten ein allgemeines Krebsrisiko, das vergleichbar mit der Allgemeinbevölkerung ist. Für einige Krebsarten wurden jedoch erhöhte Krebsrisiken berichtet. Allerdings berücksichtigen diese Analysen nicht die Verbesserung der Schutzausrüstungen oder die Veränderungen der Baumaterialen über die Jahrzehnte. Mit dieser Metaanalyse ermitteln wir das Krebsrisiko von Feuerwehrleuten im zeitlichen Verlauf.

Methoden
Mittels einer PubMed-Recherche wurden Kohortenstudien bzgl. Krebsrisiko und Brandbekämpfung, die standardisierte Inzidenzratios oder standardisierte Mortalitätsratios berichten und bis zum 31.12.2018 in englischer Sprache publiziert wurden, ermittelt. Es flossen die Ergebnisse von 25 Studien in die Metaanalyse ein. Eine Klassifikation der Studien in „alt“, „mittel“ und „jung“ basierte auf dem Beschäftigungsbeginn mit den Cutoffs 1950 und 1970. Die meta-relativen Risikoschätzer (mSIR, mSMR) und die entsprechenden 95% Konfidenzintervalle (KI) stammen von Metaanalysen mit zufälligen Effekten.

Ergebnisse
Im Zeitverlauf reduzierte sich die allgemeine Krebsmortalität von 1,03 (95% KI 0,93 – 1,13, Beginn < 1950, 7 Studien) auf 0,81 (95% KI 0,70 – 0,92, Beginn > 1970, 6 Studien). Für bösartige Melanome der Haut, Prostata- und Hodenkrebs beobachteten wir eine Zunahme der Inzidenz mit spätem Beschäftigungsbeginn. Am Beispiel des Prostatakrebs erhöhte sich das mSIR von 1,03 (95% KI 0,33 – 1,74) bei zwei älteren Studien auf 1,08 (95% KI 1,00 – 1,15) bei drei mittleren Studien und auf 1,18 (95% KI 1,09 – 1,27) bei vier jungen Studien mit einem Beschäftigungsbeginn nach 1970. Für Magenkrebs zeigte sich eine Abnahme der Inzidenz mit späterem Beschäftigungsbeginn. Bei späterem Beschäftigungsbeginn beobachteten wir verringerte mSIRs für Leber-, Lungen- und Hirntumore. Die Analyse weiterer Krebsarten zeigte keinen zeitlichen Trend.

Schlussfolgerungen
Zeitliche Trends für bestimmte Krebserkrankungen wurden beobachtet. Die Risikoerhöhungen sind eher moderat. Bessere persönliche Schutzausrüstungen sowie ein größeres Gefahrenbewusstsein haben vermutlich im Laufe der Zeit ein sichereres und gesünderes Arbeitsumfeld von Feuerwehrleuten geschaffen, was insbesondere zu einer Reduzierung der allgemeinen Krebsmortalität führte.
Herr Dr. Dirk Taeger
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Weichmacher-Exposition durch Medizinprodukte im Krankenhaus – Pilotstudie zur inneren Belastung von Patienten der Kinderkardiologie (Elisabeth Eckert, Frank Münch, Christine Höllerer, Johannes Müller, Hans Drexler, Thomas Göen, Robert Cesnjevar)
Einleitung
Medizinprodukte aus Plastik, wie z.B. Infusionsbeutel, blutführende Schläuche und Blutbeutel, sind aus dem Klinikalltag nicht mehr wegzudenken und werden aufgrund ihrer günstigen Eigenschaften (Flexibilität, Bruchsicherheit, Preis, etc.) vielfältig eingesetzt. Allerdings enthalten Medizinprodukte aus PVC in der Regel hohe Gehalte an Weichmachern (bis 40%). Da die Weichmacher im Plastikprodukt chemisch nicht gebunden vorliegen, können diese leicht in Kontaktflüssigkeiten, wie z.B. Blut übergehen. Besonders intensiver Kontakt mit Medizinprodukten, wie Blutschläuchen und –beuteln, besteht im Rahmen von operativen Eingriffen.
Methoden
In einer Pilotstudie wurde die innere Belastung mit Weichmachern von 21 Kindern untersucht, die sich im Zeitraum zwischen 2014 und 2016, einer Herzoperation unter Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine unterziehen mussten. Besonderheit der Studie war, dass die Behandlung aller Patienten mit einem Schlauchset erfolgte, das als Weichmacher Tri-2-ethylhexyltrimellitat (TEHTM) statt wie üblich Di-2-ethylhexylphthalat (DEHP) enthielt. Zur Beurteilung der inneren Exposition wurden Blut- und Urinproben der Patienten vor und nach der Herzoperation auf ihren Gehalt an den Weichmachern DEHP und TEHTM bzw. deren Metaboliten untersucht. Hierfür wurden speziell entwickelte Humanbiomonitoringverfahren auf Basis der LC-MS/MS-Technik eingesetzt.
Ergebnisse
Der Weichmacher TEHTM, der in den verwendeten Blutschläuchen enthalten war, konnte vor der Herzoperation in keiner der Blutproben nachgewiesen werden. Nach der OP konnten moderat erhöhte Gehalte an TEHTM im Blut der operierten Kinder bestimmt werden. Die Gehalte an dem Weichmacher DEHP und dessen Metaboliten im Blut und im Urin der Patienten waren demgegenüber nach der Herz-OP erheblich erhöht und sind offenbar auf die Verabreichung von Erythrozyten-Konzentraten, die in DEHP-haltigen Blutbeuteln gelagert waren, zurückzuführen.
Schlussfolgerungen
Im Rahmen der Pilotstudie konnte gezeigt werden, dass operative Eingriffe zu einer erhöhten inneren Belastung der Patienten mit Weichmachern führen. Im Hinblick auf die bekannten toxischen Eigenschaften von DEHP sind die gefunden inneren Gehalte der operierten Kleinkinder als durchaus kritisch einzustufen, obwohl die Exposition zu DEHP durch die Verwendung TEHTM-haltiger Blutschläuche schon effektiv reduziert werden konnte. Eine Belastung des Klinikpersonals mit Weichmachern aus Medizinprodukten ist ebenso denkbar und sollte überwacht werden.
Frau Dr. Elisabeth Eckert
Universität Erlangen-Nürnberg
Expositions-Biomonitoring für den alternativen Weichmacher Di(2-ethylhexyl)adipat (Alexandra Nehring, Daniel Bury, Benedikt Ringbeck, Rainer Otter, Hans-Willi Kling, Tobias Weiß, Thomas Brüning, Holger M. Koch)
Einleitung
Der Weichmacher Di(2-ethylhexyl)adipat (DEHA; CAS-Nummer: 103-23-1) wird als Ersatz für reproduktionstoxische Phthalate eingesetzt. Mit einer neu entwickelten analytischen Methode konnten wir bereits spezifische DEHA-Metaboliten (5-Carboxy-2-ethylpentyladipat (5cx-MEPA), 2-Ethyl-5-hydroxyhexyladipat (5OH-MEHA) und 2-Ethyl-5-oxohexyladipat (5oxo-MEHA)) im menschlichen Urin nachweisen und quantifizieren. So wurden in ersten Pilotpopulationen aus Brasilien und Deutschland in 43,2% bzw. 9,4% der untersuchten Urine ein oder mehrere dieser Metaboliten quantifiziert. Außerdem konnten diese DEHA-Metaboliten in allen Urinproben nach dem Verzehr von in DEHA-haltiger Frischhaltefolie verpackten Lebensmitteln bestimmt werden.[1] Um zukünftig die Gehalte der DEHA-Metaboliten in einem toxikologischen Kontext beurteilen zu können, wurde ihre Bildung und Ausscheidung in einer Humanmetabolismusstudie nach oraler Dosis quantitativ untersucht.

Methoden
Vier gesunde Probanden erhielten einmalig eine orale Dosis von 10 mg DEHA. Einzelurinproben wurden vollständig über 48 h gesammelt. Die Urinproben wurden mittels online-SPE-LC-MS/MS analysiert und die spezifischen Metaboliten, sowie auch der unspezifische Metabolit Adipinsäure (AA) über Stabilisotopenverdünnungsanalyse quantifiziert.

Ergebnisse
Die Elimination aller drei spezifischen Metaboliten erfolgte mit zwei Konzentrationsmaxima (cmax1: 1-2 h; cmax2: 5-6 h), wobei deren Ausscheidung nach 24 h nahezu vollständig (98-99%) abgeschlossen war. 5cx-MEPA ist mit einem Dosisanteil von 0,20% im menschlichen Urin der spezifische Hauptmetabolit von DEHA. 5OH-MEHA (0,07%) und 5oxo-MEHA (0,05%) werden in geringerem Umfang gebildet. Mit 10-40% konnte AA als unspezifischer Hauptmetabolit von DEHA identifiziert werden.

Schlussfolgerung
Der Anteil über den Urin ausgeschiedener, spezifischer DEHA-Metaboliten ist vergleichsweise gering. Dennoch konnte gezeigt werden, dass v.a. 5cx-MEPA geeignet ist, als Expositions-Biomarker in Human-Biomonitoring-Studien eine DEHA Exposition empfindlich anzuzeigen. Mit Vorliegen der toxikokinetischen Daten ist jetzt eine Rückrechnung auf die aufgenommene DEHA-Dosis möglich. Zusammen mit dem bereits publizierten Analysenverfahren stehen somit alle wichtigen Werkzeuge für die Expositions- und Risikobewertung von DEHA in umwelt- wie arbeitsmedizinischen Fragestellungen zur Verfügung.
Frau Alexandra Nehring
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Institut der Ruhr-Universität-Bochum (IPA)
Humanbiomonitoring bei Schülern und Beschäftigten einer PCB-belasteten weiterführenden Schule in NRW (Thomas Schettgen, André Esser, Thomas Kraus)
Zielsetzung
Polychlorierte Biphenyle (PCBs) sind hochpersistente organische Verbindungen, die bis Mitte der 1980er Jahre auch als Flammschutzmittel in Gebäuden eingesetzt wurden. In einer weiterführenden Schule in Nordrhein-Westfalen wurde anhand von Luftanalysen eine erhöhte Exposition der Schüler und Beschäftigten gegenüber niedrigchlorierten PCBs festgestellt, die auf die Verwendung von PCB-haltigen Fugendichtmassen beim Bau des Gebäudes zurückzuführen war. Bei diesen Luftmessungen wurde in den Räumen teilweise der derzeit gültige MAK-Wert für PCBs von 3000 ng/m3 überschritten.
Aufgrund der Einstufung der PCBs als humankanzerogen führte diese Exposition zu großer Beunruhigung in der Öffentlichkeit. Dies war der Anlass für eine Biomonitoring-Studie mit dem Ziel, die innere Belastung dieser Personen durch den Aufenthalt in der Schule quantitativ zu erfassen. Dabei wurden sowohl den Schülern, Lehrern und Beschäftigten der Schule als auch abgegangenen Personen die Möglichkeit eines Humanbiomonitorings angeboten.
Methoden
An der Studie nahmen insgesamt n=202 Schüler der Klassenstufen 5 bis 10 sowie n=25 Lehrer/Angestellte und n=23 „Abgänger“ untersucht. Die Plasma-Proben dieser Personen wurden in unserem Labor mittels einer spezifischen GC/MS-Methode auf den Gehalt der 6 Indikator-Kongenere sowie 12 dioxin-ähnlicher Kongenere untersucht. Darüber hinaus wurden noch 3 weitere, niedrigchlorierte Kongenere (PCB 66, PCB 74 und PCB 99) im Plasma quantifiziert.
Ergebnisse
Bei mehr als 80 % der untersuchten Personen konnte im Plasma eine Überschreitung des Biologischen Arbeitsstoff-Referenzwerts (BAR) durch den Aufenthalt im Gebäude nachgewiesen werden. Die Konzentration an PCB 28 im Plasma korrelierte gut mit der anamnestisch erfragten Aufenthaltsdauer im Gebäude. Die Lehrer und Angestellten der Schule wiesen die höchsten inneren Belastungen mit niedrigchlorierten PCBs auf (Median PCB 28: 0.07 µg/L; 95. Perz.: 0,22 µg/L). Dabei zeigte sich eine sehr gute Korrelation zwischen den Messwerten einzelner niedrigchlorierter PCBs (PCB 28, PCB 52, PCB 66, PCB 74) im Plasma. Bei keiner der untersuchten Personen wurden Überschreitungen gesundheitsbasierter Grenzwerte (HBM-I bzw. HBM-II-Wert) festgestellt.
Schlussfolgerungen
In öffentlichen Gebäuden kann es zu erheblichen Expositionen gegenüber PCBs kommen, die u.U. die derzeit gültigen Arbeitsplatzgrenzwerte überschreiten und zu erheblicher Beunruhigung der betroffenen Personen führen. Diese Expositionen spiegeln sich in den im Humanbiomonitoring festgestellten erhöhten Konzentrationen niedrigchlorierter PCBs im Blut. Mit Hilfe des Humanbiomonitorings ist eine individuelle Beratung sowie eine objektive Risikokommunikation möglich.
Herr Dr. rer. nat. Thomas Schettgen
RWTH Aachen
PAK und UV-Strahlung: Synkanzerogenese? (Wobbeke Weistenhöfer, Julia Hiller, Regina Lösch, Simone Schmitz-Spanke, Hans Drexler)
Zielsetzung
Hautkrebs oder zur Krebsbildung neigende Hautveränderungen durch Ruß, Rohparaffin, Teer, Anthrazen, Pech oder ähnliche Stoffe (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK)) können nach Nr. 5102 der BKV als Berufskrankheit anerkannt und entschädigt werden. Ebenso können Plattenepithelkarzinome oder multiple aktinische Keratosen der Haut bei mindestens 40 % zusätzlicher beruflich bedingter UV-Strahlung am Ort der Tumorentstehung nach Nr. 5103 anerkannt werden. Eine Synkanzerogenese zwischen PAKs und UV-Strahlung bei der Entstehung von Hauttumoren wird diskutiert, wurde aber bisher nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht.
Methoden
Es wurde eine systematische Übersichtsarbeit der wissenschaftlichen Literatur zur Frage der Synkanzerogenese von UV-Strahlung und PAK bei der Entstehung von Plattenepithelkarzinomen erstellt. Hierfür wurden deutsch- und englischsprachige Publikationen aus den Datenbanken PubMed, Web of Science und EMBASE berücksichtigt. Neben epidemiologischen Erkenntnissen, sollte dabei, falls ableitbar, auch versucht werden, konkrete Expositions-Risiko-Verhältnisse für bestimmte Personengruppen zu definieren.
Ergebnisse
Unter Verwendung eines Suchalgorithmus zur Erfassung einer Koexposition wurden in Pubmed und Web of Science unter zusätzlicher Berücksichtigung von Querweisen zunächst 248 Abstracts gescreened, von denen 32 Originalarbeiten am Menschen als Volltexte gelesen wurden. Die meisten Studien davon wurden wegen fehlender Daten ausgeschlossen. Einige wenige konnten jedoch grundsätzliche Anhaltspunkte liefern oder in Hinblick auf pathomechanistische Überlegungen berücksichtigt werden, eigneten sich jedoch wegen fehlender Dosis-Wirkungs-Beziehungen bzw. quantitativer Daten nur für eine deskriptive Diskussion.
Schlussfolgerungen
Es liegt bisher keine ausreichende epidemiologische Evidenz für eine synkanzerogene Wirkung von PAK und UV-Licht im Menschen vor. Expositionsverhältnisse für bestimmte Personengruppen waren nicht ableitbar. Sollten sich aus laufenden in-vitro-Untersuchungen konkrete Hinweise auf eine Wirkungsverstärkung ergeben, müsste der Frage einer Kombinationswirkung in entsprechend zu planenden epidemiologischen Studien nachgegangen werden.
Frau Dr. med. Wobbeke Weistenhöfer
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Realbrandtraining als Quelle für eine innere Belastung von Ausbildern der Feuerwehr gegenüber Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) (Bernd Roßbach, Stephan Letzel, Wolfgang Gottschalk, Axel Muttray)
Hintergrund
Bei Durchführung von Trainingseinheiten unter realen Brandbedingungen ist eine Exposition von Ausbildern der Feuerwehr gegenüber Brandemissionen, die u.a. kanzerogene PAK enthalten, unvermeidbar. Eine adäquate Schutzausrüstung und Arbeitshygiene sind daher essentiell, um die Aufnahme von PAK in den Körper und ein sich hieraus ergebendes Krebsrisiko zu minimieren. Ziel der Studie war es, bei einer Gruppe von Feuerwehrausbildern die Aufnahme von PAK im Rahmen des Realbrandtrainings mittels Biomonitoring zu untersuchen und die ggf. auftretenden Belastungen zu bewerten.

Methode
N=6 männliche Feuerwehrausbilder (Alter 25-41, Median 35 Jahre, Nichtraucher) absolvierten in einer holzbefeuerten Realbrandanlage unter Atemschutz jeweils fünf Trainingseinheiten von ca. 2 h Dauer. Alle Studienteilnehmer gaben vor sowie 1, 3, 6, 9, 11 und 18 h nach jedem Training Urinproben ab, die nach Hydrolyse und flüssig-flüssig-Extraktion mittels Gaschromatographie/Tandemmassenspektrometrie auf insgesamt 10 monohydroxylierte Metabolite der PAK Naphthalin, Fluoren, Phenanthren und Pyren untersucht wurden.

Ergebnisse
Bei allen Parametern ergab sich spätestens 3 h nach Trainingsende ein deutlicher Konzentrationsanstieg. Nach dem Durchlaufen eines Maximums, erfolgte ein Konzentrationsrückgang bis 18 h nach Trainingsende, wobei jedoch das Ausgangsniveau vor dem Training nicht wieder erreicht wurde. Zum Zeitpunkt der maximalen Ausscheidung lagen die Konzentrationen der Hydroxynaphthaline (Σ1-, 2-Isomer), -fluorene (Σ2-, 3-, 9-Isomer), -phenanthrene (Σ1-, 2-, 3-, 4-Isomer) und von 1-Hydroxypyren im Median 546 und 933% über dem Ausgangsniveau. Die Biologischen Arbeitsstoffreferenzwerte für Hydroxynaphthalin (35 µg/L, umgerechnet 29,2 µg/g Kreatinin) und 1-Hydroxypyren (0,30 µg/g Kreatinin) wurden hierbei in 32 bzw. 73% der Proben überschritten, wobei die Messwerte bis 133,81 bzw. 1,88 µg/g Kreatinin reichten.

Schlussfolgerungen
Das Realbrandtraining ist für Feuerwehrausbilder mit einer zusätzlichen, höchstwahrschleich dermalen Aufnahme von PAK verbunden. Die resultierenden inneren Belastungen liegen temporär z.T. über der allgemeinen Hintergrundbelastung in der Allgemeinbevölkerung, bewegen sich aber im Literaturvergleich auf einem für Feuerwehrausbilder durchaus üblichen Niveau. Angesichts des Eliminationsverhaltens der untersuchten Parameter sind bei täglicher oder häufigerer Exposition Akkumulationseffekte und damit höhere innere Belastungen zu erwarten.
Herr Dr. rer. nat. Bernd Roßbach
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Donnerstag
12 Mar
16:00 - 17:30
Vorträge
Gefahrstoffe: Metalle
Raum: Hörsaal 5 (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München, Anzahl der Sitzplätze: 164)
Vorsitz: Wobbeke Weistenhöfer und Dirk Walter
Krebsrisiko durch berufliche Cobalt-Exposition - aktueller Stand der epidemiologischen Forschung (Matthias Möhner)
Basierend auf wenigen epidemiologischen Studien, überwiegend aus der Hartmetallindustrie, wurden Cobalt-Metall und Cobalt-Verbindungen 2006 von der IARC als possibly carcinogenic to humans (2B), in Verbindung mit Wolframkarbid sogar als probably carcinogenic to humans (2A) eingestuft. Inzwischen wurden die Ergebnisse mehrerer Kohortenstudien publiziert, welche auch einer gepoolten Analyse unterzogen wurden. Neben Lungenkrebs wurde auch für das Ösophaguskarzinom ein erhöhtes Mortalitätsrisiko ermittelt [SMR = 1,26 (95%CI: 1,15 – 1,38) bzw. SMR = 1,32 (95%CI: 1,00 – 1,71)]. Insbesondere das Fehlen von Informationen zum Tabakkonsum sowie ein möglicher Healthy-Worker-Survivor-Bias reduzieren die Aussagekraft der Studien, jedoch zeigen Analysen zum Einfluss der Expositionsdauer und der Latenzzeit sowie unter Einbeziehung des gesamten Mortalitätsspektrums Parallelen zu älteren Studienauf. Die verschiedenen Bias-Risiken werden diskutiert. Insgesamt ergibt sich aus den neueren epidemiologischen Studien kein Zuwachs an Evidenz für einen kausalen Zusammenhang zwischen Cobalt-Exposition und Krebsrisiko. Dem Vorsorgeprinzip folgend, ist aber angesichts der starken Evidenz aus tierexperimentellen Studien weiterhin auf die Einhaltung der entsprechenden Grenzwerte zu achten.
Herr Dr. Matthias Möhner
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Vergleich gesundheitlicher Effekte nach Inhalation von mikro- oder nanoskaligen Zinkoxidpartikeln beim Menschen (Christian Monsé, Olaf Hagemeyer, Monika Raulf, Birger Jettkant, Vera van Kampen, Benjamin Kendzia, Eike Maximilian Marek, Rolf Merget, Thomas Brüning, Jürgen Bünger)
Fragestellung: Inhalation von Zinkoxidpartikeln (ZnO) in hohen Konzentrationen kann Metallrauchfieber verursachen. In einer früheren Studie [1] konnten wir zeigen, dass es nach der Exposition gegen ZnO-Nanopartikel im Bereich zwischen 0,5 und 2,0 mg/m3 zu einer konzentrationsabhängigen Zunahme von Symptomen, Körpertemperatur, Akute-Phase-Proteinen und Neutrophilen im Blut der Exponierten kam. Ziel der nun vorgestellten experimentellen Studie war es, Änderungen von systemischen und lokalen Effektparametern nachzuweisen und die Effektstärke von ZnO-Partikeln unter Verwendung verschiedener Partikelgrößen aufzuzeigen.
Methoden: 16 nichtrauchende, gesunde Probanden wurden zwei Stunden lang an drei verschiedenen Tagen entweder mit Reinluft oder mit ZnO-Partikeln (mikro- und nanoskalig, jeweils 2,0 mg/m3) exponiert, einschließlich einstündiger, geringer Ergometerbelastung. Effektparameter waren klinische Symptome, Körpertemperatur, Entzündungsmarker im Blut und im induzierten Sputum, sowie Lungenfunktion. Die Effekte wurden vor, unmittelbar nach und etwa 24 h nach jeder Exposition beurteilt. Induziertes Sputum wurde nur etwa 24 h nach jeder Exposition gewonnen.
Ergebnisse: Nach den ZnO-Inhalationen wurden vereinzelt eine Zunahme der klinischen Symptome und der Körpertemperatur, vermehrt aber Erhöhungen von Entzündungsmarkern wie Akute-Phase-Proteine und Neutrophile im Blut festgestellt. Nach der Inhalation mikroskaliger ZnO-Partikel waren die systemischen Effekte signifikant stärker ausgeprägt als bei den nanoskaligen Partikeln.
Schlussfolgerung: Die beobachteten unterschiedlichen Effektstärken lassen sich am besten durch unterschiedliche Depositionsraten der ZnO-Partikel erklären. Mit Hilfe des ICRP-Modells zur Vorhersage von Partikeldepositionsort und -menge konnte gezeigt werden, dass bei gleicher luftgetragener ZnO-Konzentration mehr Masse an mikroskaligen Partikeln in den Atemwegen deponiert wird als bei nanoskaligen Partikeln. Da ZnO relativ schnell im Körper zu Zinkionen umgewandelt werden und diese die negativen gesundheitlichen Effekte auslösen, kann der Effektunterschied nicht durch einen physikalischen Partikeleffekt erklärt werden.
Herr Dr. rer. nat. Christian Monsé
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gestzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Wie gesund ist gesund? – Vergleich von selbst-berichteten Symptomen und Ergebnissen einer medizinischen Untersuchung in Verbindung mit der Rekrutierung von Freiwilligen für eine Humanstudie zu sensorisch-irritativen Effekten. (Kirsten Sucker, Frank Hoffmeyer, Christian Monsé, Vera van Kampen, Monika Raulf, Jürgen Bünger, Thomas Brüning)
Zielsetzung: In einem Positionspapier hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft 2019 die Bedeutung von Humanstudien für die Grenzwertfindung herausgestellt. Kontrollierte Expositionsstudien an Menschen zu sensorischen Reizwirkungen werden normalerweise mit gesunden Probanden durchgeführt. Daher werden in den meisten Studien Voruntersuchungen mit einem Gesundheitsfragebogens und eine ausführliche ärztliche Untersuchung kombiniert. Mit dieser Untersuchung sollte überprüft werden, ob die vom Probanden selbst berichteten Informationen über das Rauchen und den Gesundheitszustand ausreichen oder ob zusätzliche klinische Tests für die erfolgreiche und sichere Rekrutierung gesunder Freiwilliger erforderlich sind.
Methoden: Insgesamt 409 Freiwillige (55% weiblich; 17-57 Jahre; 79% Nichtraucher) füllten einen Gesundheitsfragebogen aus. Die ärztliche Untersuchung umfasste ein Elektrokardiogramm, eine Blut- und Urinuntersuchung sowie einen Geruchsfunktionstest. Der Atopiestatus wurde mittels Pricktest oder spezifische IgE-Tests festgestellt. Zusätzlich wurden ein Lungenfunktions- und ein Methacholin-Provokationstest durchgeführt.
Ergebnisse: An der ausführlichen ärztlichen Untersuchung nahmen insgesamt 107 nicht rauchende Freiwillige (58% weiblich, 19-40 Jahre) teil, die keine Atemwegserkrankungen, Allergien oder chronischen Krankheiten berichteten. Acht Probanden wurden aufgrund eines positiven Cotinin-Tests (Raucherstatus), Blutwerten außerhalb des Referenzbereichs oder eines atypischen Elektrokardiogramms ausgeschlossen. Bei 12 Probanden wurde eine Obstruktion bzw. eine bronchiale Hyperreaktivität diagnostiziert. Unter den verbleibenden 87 gesunden Probanden wurden 26 als atopisch eingestuft und 2 als hyposmisch diagnostiziert.
Schlussfolgerung: Obwohl junge und nicht rauchende Freiwillige aufgrund des Screening-Fragebogens als gesund eingestuft wurden, zeigten fast 20% Anzeichen einer Herz-, Leber- oder Atemwegserkrankung und weitere 24% wurden als atopisch eingestuft. Detailliertere klinische Tests sind erforderlich, um solche Personen sicher auszuschließen, die auf eine kontrollierte Exposition gegenüber sensorischen Reizstoffen mit einer negativen gesundheitlichen Reaktion reagieren könnten.

Frau Dr. Kirsten Sucker
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität-Bochum (IPA)
Analyse des Zusammenhangs zwischen Manganexposition und Feinmotorik bei Schweißern – Ergebnisse der WELDOX II Studie (Anne Lotz, Beate Pesch, Swaantje Casjens, Martin Lehnert, Wolfgang Zschiesche, Dirk Taeger, Benjamin Glaubitz, Chien-Lin Yeh, Tobias Weiß, Tobias Schmidt-Wilcke, Clara Quetscher, Stefan Gabriel, Maria Angela Samis Zella, Dirk Woitalla, Peter H. Kraus, Ulrike Dydak, Christoph van Thriel, Thomas Behrens, Thomas Brüning)
Zielsetzung
Mangan (Mn) ist Bestandteil des Schweißrauchs und kann neurotoxisch wirken. Eine Leistungsminderung der feinmotorischen Fähigkeiten wurde bei beruflich Mn-Exponierten in verschiedenen Studien beobachtet. Die Studie WELDOX II untersuchte bei Schweißern und Kontrollprobanden die Akkumulationen von Mn im Gehirn mittels T1-gewichteter Magnetresonanztomographie (MRT) und setzte diese in Beziehung zu Ergebnissen feinmotorischer Tests.
Methoden
Von 2013-2015 nahmen 48 Schweißer (Rekrutierung über die Betriebe) und 30 Kontrollprobanden (Rekrutierung über Zeitungsannoncen) an der Studie teil. Alle Probanden wurden mit dem motorischen Teil III der Movement-Disorder Society - Unified Parkinson Disease Rating Scale (MDS-UPDRS3) untersucht. Zudem wurden die feinmotorischen Fähigkeiten der Probanden mit der motorischen Leistungsserie (MLS) und Spiralometrie ermittelt. Die 22 Testergebnisse wurden durch eine Faktorenanalyse auf sieben Faktoren reduziert. Zur Ermittlung von Mn-Ablagerungen im Gehirn wurde mit MRT die R1 (=1/T1) Relaxationsrate in Regions of Interest im Globus pallidus und in der Substantia nigra bestimmt. Zudem wurde während einer Arbeitsschicht Mn in der alveolengängigen Partikelfraktion des Schweißrauchs (MnA) gemessen. Der Zusammenhang zwischen der Mn-Exposition am Arbeitsplatz und feinmotorischen Fähigkeiten wurde mit linearen Regressionsmodellen adjustiert nach Alter und Bildungsstatus analysiert.
Ergebnisse
Die Schweißer zeigten normale Motorfunktionen nach MDS-UPDRS3. Bei den feinmotorischen Tests zur Arm-Hand-Beständigkeit (Steadiness) erzielten die Schweißer bessere Ergebnisse als die Kontrollprobanden (p≤0,05). Bei Arm-Hand-Bewegungen waren Schweißer mit höherer Mn-Exposition (MnA ≥20µg/m³, N=23) geringfügig langsamer als die Kontrollprobanden (p=0,056). Es gab keinen Zusammenhang zwischen den Ergebnissen der Feinmotorik und den MRT-Messwerten. Ein niedriger Bildungsgrad und höheres Alter waren dagegen mit schlechteren feinmotorischen Leistungen assoziiert.
Schlussfolgerung
In der WELDOX II Studie, die einen hohen Anteil hochexponierte Schweißer umfasste, fand sich keine Assoziation zwischen Mn-Exposition gemessen mit T1 Relaxationszeit-Messungen im MRT und feinmotorischen Fähigkeiten. Die bessere Leistung in der Arm-Hand-Beständigkeit von Schweißern ist möglicherweise auf Trainingseffekte zurückzuführen. Die feinmotorische Leistung wurde möglicherweise deutlich durch das Alter und den Bildungsstatus der Probanden beeinflusst.
Frau Anne Lotz
Epidemiologische Studie über gesundheitliche Effekte von Langzeitexposition gegenüber Kupferstäuben bei Arbeitern in der Kupferhütte (Lisa-Marie Theis, Thomas Birk, Kenneth A. Mundt, Annette Bachand)
2014 veröffentlichte SCOEL eine Empfehlung über einen Arbeitsplatzgrenzwert für Kupferstäube von 10 µg/m3 als einatembarer Anteil (Cu E-Staub). Dieser wurde mangels Humandaten ausgehend von einer 28-Tage-Inhalationsstudie mit Kupfer(I)-oxid in Ratten, in denen Effekte auf Makrophagen in der Lunge beobachtet wurden, extrapoliert. Der vorgeschlagene Grenzwert ist um ein Vielfaches geringer als die reale Exposition in den meisten kupferverarbeitenden Industrien, gleichzeitig wurden keine erhöhten Inzidenzen von Lungenfunktionseinschränkungen dokumentiert.

Um dieser Diskrepanz auf den Grund zu gehen, wurde im ersten Schritt eine historische Kohortenstudie durchgeführt, in der Daten aus arbeitsmedizinischen Kontrolluntersuchungen von Mitarbeitern einer Kupferhütte erhoben wurden. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Bewertung der Lungenfunktion und deren Entwicklung über die Beschäftigungsdauer hinweg.

Insgesamt wurden die arbeitsmedizinischen Unterlagen von 479 Mitarbeitern der Kupferhütte (Exponierte) und 172 Mitarbeitern der Edelmetall/Blei-Hütte (Kontrollgruppe) betrachtet. Eingeschlossen wurden alle Mitarbeiter, die seit dem 01.01.1990 für mindestens 6 Monate beschäftigt waren.

Für die historische Expositionsabschätzung wurden 193 personenbezogene und 78 stationäre Messungen (Cu E-Staub), welche zwischen 1981 und 2019 durchgeführt wurden, herangezogen. Die kumulative Exposition der Mitarbeiter zum Zeitpunkt der Untersuchung basiert auf 3-Jahres-Mittelwerten dieser Daten, der alveolargänige Anteil des Cu-Staubes (A-Staub) in dem E-Staub-Anteil wurde mit ca. 20% angenommen. Die Grundlage dafür bildeten personenbezogene und stationäre Parallelmessungen von Cu E- und A-Staub aus verschiedenen Arbeitsbereichen.

Für die Bewertung der spirometrischen Daten wurde die Abnahme der Einsekundenkapazität (FEV1) über die Zeit, welche mittels linearer Regressionsanalyse und unter Berücksichtigung von Alter, Größe und Tabakkonsum abgeleitet wurde, gewählt. Außerdem wurden Vergleiche anhand von kumulativen Expositionskategorien durchgeführt.

Die Analysen ergaben keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen der Exposition der Mitarbeiter und einer Beeinträchtigung der Lungenfunktion.
Frau Lisa-Marie Theis
Ramboll Deutschland GmbH
Induktion der Chemotaxis von polarisierten Makrophagen durch Nanopartikel als Modell zur Differenzierung lokaler und systemischer Wirkungen. (Nina Kaiser, Götz Westphal, Nina Rosenkranz, Christian Monsé, Daniel Weber, Georg Johnen, Alexander Brik, Thomas Brüning, Jürgen Bünger)
Ziel: Der im IPA etablierte Chemotaxis-Assay (PICMA, Particle Induced Cell Migration Assay) ist gut geeignet, um Pathomechanismen zu untersuchen, die eine Aktivierung von neutrophilen Granulozyten beinhalten. Diese Aktivierung ist bei lokal entzündlichen (irritativen) und systemischen (pyrogenen) Wirkungen gleichermaßen zu beobachten. Unklar ist, wie sich diese Wirkungen in vitro unterscheiden lassen. Hierzu wurden fast unlösliches, amorphes SiO2 (Silika) und lösliches Zinkoxid (ZnO) vergleichend in polarisierten, pro-inflammatorischen M1-Makrophagen und regenerativen M2‑Makrophagen untersucht.

Methoden: NR8383 Alveolarmakrophagen wurden zunächst mit Lipopolysaccharid und Interferon‑γ in pro-inflammatorische M1-Makrophagen und mit Interleukin(IL)-4 und IL-13 in regenerative M2‑Makrophagen polarisiert und dann mit den ZnO- und Silika-Partikeln für 16 h inkubiert. Die Zell‑ und Partikelüberstände wurden gewonnen und im PICMA unter Verwendung von differenzierten HL-60-Zellen als Modell für neutrophile Granulozyten untersucht.

Ergebnisse: Die gewonnenen Überstände von ZnO-exponierten undifferenzierten Makrophagen induzierten starke chemotaktische Wirkungen auf die dHL-60 Zellen, die bei Verwendung von M1‑ und M2-polarisierten Makrophagen noch verstärkt auftraten. Die stärkste Chemotaxis wurden von Überständen M1-polarisierter Zellen verursacht. Die Polarisation hatte keinen Einfluss auf die durch SiO2 induzierte Chemotaxis.

Schlussfolgerungen: Die stärkere ZnO-induzierte Chemotaxis unter Verwendung von Zellüberständen von M1- und M2-Makrophagen im Vergleich zu SiO2 deutet auf einen Einfluss der Differenzierung von Makrophagen bei pyrogenen Partikeleffekten hin. Die Pathomechanismen von lokalen Reizstoffen und reinen Pyrogenen lassen sich mit dem PICMA differenziert untersuchen.
Frau Nina Kaiser
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV, Institut der Ruhr-Universität Bochum
Donnerstag
12 Mar
11:30 - 12:30
Posterdiskussion
Posterdiskussion
  • Biomonitoring (Vortragende: A. Schäferhenrich, J. Hiller, S. Koslitz, R. Feltes, T. Jäger, O. Henschel, T. Göen, A. Seidel, S. Bäcker, C. Fischer, W. Weistenhöfer)
  • Haut und andere Epithelien (Vortragende: K. Golka, C. Steiner, S. Mini Vijayan, G. Jordakieva)
  • Infektionen (Vortragende: R.S. Görtz, J.F. Kersten, A.C. Kordsmeyer, S. Kutzora)
  • Belastung und Beanspruchung in verschiedenen Berufen (Vortragende: G. Güzel-Freudenstein, K. Diekmann, C.B. Hohmann, F. Jung, S. Mache, B. Thielmann, T. Wirth, K. Zub, A.C. Kordsmeyer, D. Jung, M. Claus, H. Schuhmann)
  • Belastung und Beanspruchung im Rettungsdienst (Vortragende: H. Schuhmann, C. Cortes, M. Tymbota, M. Stytsenko)
Raum: Glasbau (UG) (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München)
2,6-Difluorbenzoesäure als sensitiver Biomonitoringparameter einer beruflichen Belastung gegenüber 2,6-difluorsubstituierten Benzoylharnstoffinsektiziden (Anja Schäferhenrich, Emir Taghikhani, Thomas Göen)
Einleitung
Benzoylphenylharnstoffderivate werden als Insektizide weltweit eingesetzt, wobei von den zahlreichen Vertretern dieser Wirkstoffgruppe nur fünfzehn Verbindungen kommerzielle Bedeutung erlangt haben. Von diesen weisen zwölf eine 2,6‑Difluorsubstitution am Benzoylring auf, so auch das Diflubenzuron, das unter dem Handelsnamen DimilinTM auf dem Markt ist. Aus Tierversuchen ist bekannt, dass die 2,6‑Difluorbenzoesäure (2,6‑DFBA) einen relevanten Metaboliten der 2,6‑difluorsubstituierten Benzoylphenylharnstoffderivate darstellt. Da in der wissenschaftlichen Literatur bislang keine Methode zu Bestimmung der 2,6‑DFBA in Urin publiziert wurde und keine Daten zur 2,6‑DFBA-Ausscheidung beim Menschen vorliegen, wurde eine sensitive Methode zur Quantifizierung von 2,6‑DFBA in Urin entwickelt.
Methode
Zur Bestimmung der 2,6‑DFBA wurden Urinproben mit 5‑Brom‑2‑fluorbenzoesäure als Internem Standard versetzt, mit verdünnter Salzsäure angesäuert und mittels SPE aufgereinigt. Das Eluat wurde zur Trockne abgeblasen und der Rückstand mit 10 µl MTBSTFA aufgenommen. Die Proben wurden für eine Stunde bei 80°C derivatisiert. Nach Zugabe von 990 µL Toluol wurde der Anlytgehalt in den Proben mittels GC‑MS bestimmt. Mit der umfassend validierten Methode wurden die 2,6‑DFBA-Gehalte im Urin von drei Beschäftigten nach Handhabung und Sprühausbringung von DimilinTM Bestimmt. Insgesamt wurden 34 Urinproben vermessen.
Ergebnisse
Bei Aufarbeitung von 2 mL Urin lag die Bestimmungsgrenze bei 1,3 µg/L. Die Präzision in der Serie wurde zu 7,7%; 4,2% bzw. 2,9% bei einer dotierten Konzentration von 2,5; 20 bzw. 100 µg 2,6‑DFBA pro Liter Urin (n=5) bestimmt. Bei denselben Analytkonzentrationen lag die Präzision von Tag zu Tag bei 8,9%, 2,1% bzw. 3,8% (n=5). Die Wiederfindungsrate lag im Bereich von 93-106%. Ein Einfluss der Matrix auf die Messergebnisse wurde nicht festgestellt. In den Urinproben der DimilinTM-Anwender wurden im Mittel 42,1 ± 47,2 µg 2,6‑DFBA/L Urin quantifiziert (Median 12,8 µg/L; Bereich 0,786-151 µg/L).
Schlussfolgerungen
Die von uns entwickelte und umfassend validierte Methode zur Bestimmung der 2,6‑DFBA in Urin wurde erfolgreich eingesetzt, um die innere Belastung von Arbeitern nach Umgang mit DimilinTM erstmalig nachzuweisen. Die 2,6‑Difluorbenzoesäure erscheint dabei als geeigneter Parameter, um eine berufliche Belastung gegenüber 2,6‑difluorsubstituierten Benzoylphenylharnstoffinsektiziden zu erfassen.
Frau Dr. Anja Schäferhenrich
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Systemische Beryllium-Belastung nach Arbeitsunfall im Zeitverlauf (Julia Hiller, Dominik Naglav-Hansen, Thomas Göen, Hans Drexler)
Einleitung
Beryllium ist ein Leichtmetall, welches z.B. in der Elektronikindustrie eingesetzt wird, aber auch vielfältige andere industrielle Verwendung findet. Dadurch kann es zu beruflichen Belastungen mit Beryllium kommen. Neben akuten und chronischen Belastungen sind auch Arbeitsunfälle ein Thema und erfordern ggf. eine arbeitsmedizinisch-toxikologische Beurteilung.

Methodik
Im Rahmen eines Arbeitsunfalls mit Explosionstrauma war es bei einem 28-jährigen Mann zu einer schweren Verletzung der linken Hand mit ausgeprägtem Weichteilschaden und Einsprengungen unbekannter Mengen von Berylliumverbindungen in Thorax und Gesicht gekommen. Eine zusätzliche inhalative Belastung ist ebenfalls nicht auszuschließen. Während der klinischen Nachbetreuung wurde wiederholt Beryllium im Urin sowie im Blut mittels ICP-MS bestimmt. Der Nachbeobachtungsverlauf umfasst Biomonitoringuntersuchungen über mehr als 3 Jahre nach dem Unfall.

Ergebnisse
Beryllium im Urin lag initial (7 Tage nach dem Unfall) mit 4,48 µg/L fast 100-fach über dem Referenzwert (0,05 µg/l). Im ersten Jahr zeigte sich ein deutlicher Rückgang der Berylliumkonzentration im Urin, allerdings bei weiterhin über dem Referenzwert liegenden Werten. Erst 3 Jahre nach dem Unfall wurden erstmals wieder Konzentrationen unterhalb des Referenzwertes gemessen. Beryllium im Blut wurde erstmals knapp 5 Monate nach dem Unfall bestimmt und lag dabei mit 1,41 µg/L ebenfalls um etwa Faktor 100 über dem Referenzwert (0,015 µg/L). Bis zuletzt, mehr als 3 Jahre nach dem Unfall, lag eine erhöhte Beryllium Konzentration im Blut vor (0,03 µg/L).

Diskussion
Die natürliche Umweltbelastung mit Beryllium ist sehr gering. Beryllium ist allerdings ist als krebserzeugend im Menschen eingestuft, zusätzlich besteht die Gefahr einer Sensibilisierung von Haut und Atemwegen und einer Berylliose. Grenzwerte zur Beurteilung einer gesundheitlichen Gefährdung aufgrund der Kanzerogenitätseinstufung liegen aktuell nicht vor. Aufgrund der Einsprengungen mit vermutlich intra- bzw. subkutan verbliebenem Material und der unklaren Expositionssituation entspricht der lange Ausscheidungsverlauf keiner einfachen, gleichförmigen Eliminationskinetik einer akuten Belastung. Eine über längere Zeit fortbestehende systemische Belastung mit Beryllium muss in Betracht gezogen werden.
Frau Dr. med. Julia Hiller
Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg
Bestimmung von Benzo[a]pyren-Tetrol und 1-Hydroxypyren im Urin nach beruflichen PAK-Expositionen (Stephan Koslitz, Holger M. Koch, Ralph Hebisch, Michael Hagmann, Thomas Brüning, Tobias Weiß)
Einleitung: Gemische polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe (PAK) sind als humankanzerogen eingestuft. Während Benzo[a]pyren (BaP) in der Arbeitsplatzluft als Leitkomponente einer PAK-Einwirkung dient, ist im Biomonitoring seit mehreren Dekaden 1-Hydroxypyren im Urin (1-OHP), ein Metabolit des nicht kanzerogen PAK Pyren, etabliert. Da das Verhältnis zwischen Pyren und BaP je nach Ursprung des PAK-Gemisches unterschiedlich ausfallen kann, sollte neben dem 1-OHP auch ein neu etablierter Biomarker Benzo[a]pyren-Tetrol (BaP-Tetrol) vergleichend in Proben von PAK-Exponierten und Nicht-Exponierten bestimmt werden.
Methoden: Für die Bestimmung des BaP-Tetrols wird Urin mit internem Standard (13C6-BaP-Tetrol) und Glucuronidase zur Hydrolyse versetzt. Anschließend wird das BaP-Tetrol mittels Festphasenextraktion angereichert und von störenden Matrixbestandteilen abgetrennt. Nach Derivatisierung (BSTFA/TMCS) erfolgt die Quantifizierung mittels Gaschromatographie und Tandem-Massenspektrometrie (LVI-GC-NCI-MS/MS). BaP-Tetrol und 1-OHP wurden in Urinproben von 10 Rauchern und 24 Nichtrauchern aus der Allgemeinbevölkerung, in 10 Nachschichtproben von PAK-belasteten Beschäftigten aus der Recyclingindustrie sowie in vier Urinproben eines Feuerwehrmannes nach Aufenthalt in einer Brandsimulationsanlage bestimmt.
Ergebnisse: Es konnte in allen Proben BaP-Tetrol nachgewiesen werden. Der Median der Personen aus der Allgemeinbevölkerung (N=34) lag bei 0,07 ng/g Krea (0,01 – 0,66), Raucher und Nichtraucher unterscheiden sich nicht signifikant. Die Beschäftigten der Recyclingindustrie wiesen mit einem Median von 1,03 ng/g Krea (0,54 – 1,89) signifikant höhere Konzentrationen auf. Beim durch PSA (inkl. Atemschutz) geschützten Feuerwehrmann fanden sich im Maximum 2,12 ng/g Krea zwei Stunden nach Exposition. Während das BaP-Tetrol nach etwa 10 h den Wert vor Expositionsbeginn erreichte, fiel das 1-OHP erst nach 17 Stunden wieder auf den Ausgangswert.
Schlussfolgerungen: Der neu vorgestellte PAK-Biomarker BaP-Tetrol ist hinreichend diagnostisch empfindlich, um berufliche Expositionen von der ubiquitären Hintergrundbelastung differenzieren zu können. Während 1-OHP beim Feuerwehrmann eine vergleichsweise moderate PAK-Belastung anzeigte, ergab das Biomonitoring anhand von BaP-Tetrol, dass er zu den höher Exponierten zählte. Für eine quantitative Risikoabschätzung bei Expositionen gegenüber unterschiedlichen PAK-Gemischen erscheint das BaP-Tetrol somit besser geeignet.
Herr Stephan Koslitz
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gestzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Systematisches Review über Selenkonzentrationen in verschiedenen biologischen Medien weltweit (Ruth Feltes, Annette Greiner, Hans Drexler)
Selen ist ein essenzielles Spurenelement, welches jedoch in höheren Dosen toxisch wirkt. Die Selenversorgung verschiedener Bevölkerungen variiert stark, da sie u.a. abhängig vom Selengehalt der Böden, dem Import von selenhaltigen Lebensmitteln und regionalen Ernährungsgewohnheiten ist. Ziel des systematischen Review war es, die aktuelle Selenversorgung der Normalbevölkerungen weltweit abzubilden.
Es wurde eine systematische Literaturrecherche in den Datenbanken „PubMed“ und „Cochrane Library“ durchgeführt, um eine aktuelle Übersicht über Biomonitoring-Werte zu erhalten. In einer Pilotphase wurden verschiedene Suchbegriffe evaluiert und anhand der Ergebnisse wurde als Suchbegriff „selenium AND human AND healthy AND (urine OR plasma OR serum)“ gewählt. Der Suchzeitraum wurde auf die letzten 10 Jahre begrenzt. Studien mit Kollektiven, die nur aus Kindern, Schwangeren, Kranken oder alten Menschen bestanden, wurden ausgeschlossen. Sofern mehrere Studien für ein Land vorlagen, wurde ein gewichtetes arithmetisches Mittel gebildet.
Studien aus 41 Ländern konnten in die Auswertung einbezogen werden. In 149 Artikeln wurde der Selenwert im Blut (Plasma/Serum n=144, Vollblut n=12, Erythrozytengehalt n=7) gemessen. Es ergaben sich für Plasma/Serum Mittelwerte bzw. gewichtete Mittel zwischen 58,7 µg/l (Tschechien) und 162,1 µg/l (Taiwan). Für Europa lagen die Ergebnisse aus 14 Ländern zwischen 58.7 µg/l (Tschechien) und 130,3 µg/l (Bulgarien). Unter europäischen Nachbarländern zeigte das Länderdreieck Italien (92,33 µg/l), Österreich (103µg/l), Schweiz (98,4 µg/l) die geringsten Unterschiede im Selenstatus auf. Es wurden 5 deutsche Studien eingeschlossen, die ein gewichtetes Mittel von 89,64 µg/l ergaben. Auch in Vollblut und Erythrozyten zeigte sich weltweit betrachtet eine erhebliche Spannweite.
Beim Biomonitoring von Selen und seiner Beurteilung sowie bei der Evaluation von Studienergebnissen zu Selen müssen regionale Unterschiede in der Selenversorgung bedacht werden. Nur im Vergleich mit einem geeigneten Referenzkollektiv unter Beachtung der zahlreichen Einflussfaktoren lassen sich Biomonitoring-Ergebnisse für Selen korrekt einordnen. Bei der Interpretation des deutsches BAT-Wert von 150 m/l muss dies berücksichtigt werden, wenn sich der Arbeitsplatz nicht in Deutschland befindet.
Frau Annette Greiner
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Schillerstraße 25/29 91054 Erlangen
Entwicklung und Validierung eines LC-MS/MS-Verfahrens für das Human Biomonitoring von Bisphenol A, Bisphenol F und Bisphenol S im Urin (Thomas Jäger, Michael Bader)
Einleitung
Bisphenole sind eine Gruppe von chemischen Substanzen, die sich aus der Grundstruktur von zwei über einen Kohlenstoff, Schwefel oder Benzolring verbundenen p-Hydroxyphenylgruppen ableiten. Bisphenole werden unter anderem zur Herstellung polymerer Kunststoffe wie Polycarbonate, Polyepoxidharze und Polyethersulfone eingesetzt. Bisphenol A (BPA; CAS-Nr. 80-05-7), Bisphenol F (BPF; CAS-Nr. 620-92-8) und Bisphenol S (BPS; CAS 80-09-1) wurden von der europäischen Human Biomonitoring Initiative HBM4EU auf die Liste zu bearbeitender Stoffe gesetzt mit dem Ziel, bestehende HBM-Methoden zu harmonisieren und Expositionsdaten zu generieren. Zur berufsbedingten Exposition liegen derzeit nur wenige (BPS) oder keine (BPF) Erkenntnisse vor.

Material und Methoden
Zur quantitativen Bestimmung von BPA, BPF und BPS in Urin wurde ein Verfahren auf Basis der Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS) mit isotopenmarkiertem internem Standard entwickelt, das sowohl die Bestimmung der unkonjugierten Bisphenole als auch deren Gesamtkonzentration ermöglicht. Die Probenvorbereitung besteht aus einer enzymatischen Hydrolyse sowie einer dispersiven flüssig/flüssig-Mikroextraktion.

Ergebnisse
Die Bestimmungsgrenze der analytischen Methode wurde gemäß DIN 32645 ermittelt und liegt bei 0,25 µg/L (BPA), 0,1 µg/L (BPF) und 0,05 µg/L (BPS). Die Präzision in der Serie (n = 10) und von Tag zu Tag (n = 6) beträgt für dotierte Urinproben (c = 0,25 – 20 µg/L) 1,7 – 12,2 % bzw. 2,7 – 15,3 %. Die mittlere relative Wiederfindung in zehn verschiedenen Urinproben liegt bei einer dotierten Konzentration von 2 µg/L im Bereich von 92,2 - 105,8 % und im Bereich von 88,9 - 102,8 % bei einer Konzentration von 10 µg/L. Im Zuge der Methodenentwicklung haben sich bei dem Parameter BPF gravierende Matrixeffekte gezeigt, die durch den Einsatz eines isotopenmarkierten internen Standards und einer Optimierung der Elutionsbedingungen kompensiert werden konnten. Mit der beschriebenen Methode wurde mit allen drei Parametern erfolgreich an den Interlaborvergleichen des HBM4EU-Projektes teilgenommen.

Schlussfolgerung
Mit dem neu etablierten Verfahren lässt sich die Konzentration der drei Bisphenole im Urin spezifisch und empfindlich bestimmen. Es ermöglicht sowohl die Untersuchung der Hintergrundbelastung der Allgemeinbevölkerung als auch berufsbedingter Expositionen am Arbeitsplatz.
Herr Thomas Jäger
Evaluierung der inhalativen Gefahrstoffexposition in chemischen Laboratorien – Erkenntnisse für die Gefährdungsbeurteilung (Oliver Henschel, Michael Bader)
Einleitung
Zur industriellen Produktion von Chemikalien gehören neben Syntheseanlagen, Transport- und Lagereinrichtungen auch Laboratorien, in denen Forschungsarbeiten, Materialprüfungen sowie Qualitäts- und Produktkontrollen durchgeführt werden. Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung wird in der Regel davon ausgegangen, dass in diesen Fällen keine unzulässig hohe Exposition gegenüber Gefahrstoffen auftritt, wenn nach den Kriterien der TRGS 526 (Laboratorien) fachkundiges Personal nach den einschlägigen Vorschriften und dem Stand der Technik unter laborüblichen Bedingungen arbeitet. Zur praktischen und quantitativen Prüfung dieser Annahme wurde an einem Großstandort der chemischen Industrie eine Auswertung von Arbeitsplatzmessungen aus den Jahren 2010 bis 2018 durchgeführt.

Methoden
Die Laboratorien wurden in drei Kategorien eingeteilt: Forschungslabore (z.B. Synthesen, präparative Arbeiten, n = 85), Qualitäts- und anwendungstechnische Labore (z.B. Produktprüfungen, Verfahrenstests, n = 85) sowie Produktionslabore (z.B. Produktstromkontrolle, n = 62). Personenbezogene Messungen in der Laborraumluft wurden von einer standortinternen akkreditierten Messstelle durchgeführt und als 8-h-Schichtmittelwerte dokumentiert.

Ergebnisse
Insgesamt wurden die Ergebnisse von 4.596 Einzelmessungen für 259 Gefahrstoffe ausgewertet. Zu den am häufigsten untersuchten Stoffen gehörten einfache Alkohole, Ester, Ketone, Aromaten, chlorierte Kohlenwasserstoffe, Nitrile und Acrylate. In allen Laborkategorien lagen mehr als 50 % der Ergebnisse unterhalb der Bestimmungsgrenze des jeweiligen Verfahrens. Auffällige Ergebnisse wurden nur in wenigen Fällen beobachtet, überwiegend bei Stoffen mit niedrigen Bewertungsmaßstäben von < 1 mg/m3 (z.B. Grenzwerte nach TRGS 900, DNEL, etc.). Die gemessenen Konzentrationen waren unabhängig vom Dampfdruck der Gefahrstoffe.

Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse der Untersuchung mit Messdaten aus neun Jahren bestätigen die Annahme, dass bei Einhaltung der Vorgaben der TRGS 526 nicht mit einer unzulässig hohen inhalativen Exposition gegenüber Gefahrstoffen mit einem Bewertungsmaßstab über 1 mg/m3 gerechnet werden muss. Im Fall von Stoffen mit guter Hautresorbierbarkeit oder kanzerogenen Stoffen ohne Schwellenwerte ist es für eine adäquate Gefährdungsbeurteilung allerdings sinnvoll, zusätzliche Kriterien heranzuziehen, z.B. die Ergebnisse von Human-Biomonitoring-Untersuchungen.
Herr Prof. Dr. Michael Bader
BASF SE
Qualitätssicherung für das Biomonitoring von Metall-Spezies am Beispiel der Arsenspezies (Thomas Göen, Barbara Schaller, Hans Drexler)
Für eine belastbare Risikobeurteilung von Metallen und Halbmetallen ist häufig eine Expositionserfassung der konkreten einwirkenden chemischen Struktur notwendig. Dieses kann z.B. durch die differenzierende Analytik der verschiedenen Metallverbindungen (Spezies) im biologischen Material erfolgen. Für Arsenverbindungen ist die Bestimmung der Arsenspezies im Urin durch die Existenz von Beurteilungswerten (BLW, BAR, EKA) und anerkannten Analysenverfahren etabliert. Im Ringversuchsprogramm, welches im Auftrag der DGAUM organisiert wird (GEQUAS), wird zudem eine externe Qualitätssicherung für Arsenspezies seit 20 Jahren angeboten. Im Beitrag soll über die Entwicklung und Ergebnisse dieser Qualitätssicherung für Arsenspezies berichtet werden.
Im GEQUAS wurden seit dem 25. Ringversuch (2000) die Parameter Arsenit (AsIII), Arsenat (AsV), Monomethylarsonsäure (MMA) und Dimethylarsinsäure (DMA) in Urin und seit dem 56. Ringversuch (2015) der Parameter Arsenobetain (AsB) in Urin im arbeitsmedizinischen Belastungsbereich angeboten. Seit dem 57. Ringversuch (2016) wurden alle fünf Parameter zusätzlich auch im umweltmedizinischen Belastungsbereich angeboten.
Die Teilnehmerzahlen an dem Arsenspezies-Parametern im arbeitsmedizinischen Konzentrationsbereich hat sich innerhalb des Zeitraums 2000 bis 2019 von zunächst 8 auf nunmehr 21 Laboratorien deutlich gesteigert. Das Angebot im umweltmedizinischen Konzentrationsbereich nahmen zuletzt 10 Laboratorien war. Der Sollwerte waren für das arbeitsmedizinische Angebot in den Bereichen 1-27 µg/L für AsIII, 2-39 µg/L für AsV, 1-22 µg/L für MMA, 6-113 µg/L für DMA und 55-68 µg/L für AsB und für das umweltmedizinische Angebot 0,08-1,62 µg/L für AsIII, 0,23-1,60 µg/L für AsV, 0,44-3,10 µg/L für MMA, 1,61-25,8 µg/L für DMA und 2,89-127 µg/L für AsB. Während in den ersten Jahren zum Teil auch Erfolgsquoten um 50 % auftraten, sind die Erfolgsquoten in den letzten Jahren auf gleichmäßig hohem Niveau.
Das Qualitätsangebot für die Bestimmung von Arsenspezies in Urin hat sich in der Praxis sowohl für den arbeitsmedizinischen als auch umweltmedizinischen Bereich etabliert. Dabei konnte trotz des Zulaufs neuer Teilnehmer ein Trainingseffekt verzeichnet werden.
Herr Prof. Dr. rer. nat. Thomas Göen
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen
Analysis of 3-hydroxy-BaP and BaP-tetraol in human urine as biomarkers of BaP exposure using GC-APLI-MS (Albrecht Seidel)
Urinary metabolites are valuable biomarkers of human exposure to polycyclic aromatic hydrocarbons (PAH) considered of health concern. Among them, benzo[a]pyrene (BaP) is known as the most investigated carcinogenic PAH. For evaluating exposure to PAH mixtures, 1-hydroxypyrene, a major metabolite of the non-carcinogenic pyrene, has hitherto been established as the routine biomarker. As the ratio of pyrene and BaP can vary substantially in PAH mixtures, BaP metabolites, such as 3-hydroxybenzo[a]pyrene (3-OH-BaP) or BaP-7,8,9,10-tetraols (BaP-tetraol) are regarded as more valuable urinary biomarkers for carcinogenic PAH [1]. The latter not only reflect PAH exposure, but also include the metabolic activation pathway to the ultimate-carcinogenic bay-region diol epoxides [1].
Due to the very low urinary concentrations of BaP metabolites, in particular of BaP-tetraol, a very sensitive method is needed for their analysis. In this work, gas chromatography coupled to atmospheric pressure laser ionization and time-of-flight-mass-spectrometry (GC-APLI-MS) was applied for this purpose. The great potential of GC-APLI-MS has previously been demonstrated in environmental PAH analysis taking advantage of high sensitivity and selectivity due to the APLI-induced ionization mechanism resulting in very low detection limits such as 25 fg/uL for BaP [2].
Method development for 3-OH-BaP analysis included conjugate cleavage, use of an internal standard and antioxidant, optimization of clean-up to minimize the matrix interference, a sufficient derivatization step with methyl iodide, enrichment by SPE and Sephadex LH-20 column, and an appropriate injection mode. An analogous strategy was envisaged for the analysis of BaP-tetraol. Permethylation was the method of choice as persilylation did not allow sensitive detection by APLI.
Our initial results demonstrate that the use of GC-APLI-MS methods provide exceptional sensitivity for quantification of both 3-OH-BaP [3] and BaP-tetraol metabolites [4] in human urine in the lower pg/L range.
Herr Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Albrecht Seidel
Biochemisches Institut für Umweltcarcinogene, Prof. Dr. Gernot Grimmer Stiftung
Human Biomonitoring bei Einsatzkräften der Feuerwehr nach Exposition gegenüber Acrylnitril (Sandra Bäcker, Stefan Webendörfer, Gert Van Bortel, Michael Bader)
Einleitung: Mittels Human Biomonitoring (HBM) lassen sich Gefahrstoffexpositionen nach kurzfristigen Belastungen oder unfallartigen Ereignissen untersuchen. Der Vergleich mit arbeits- und umweltmedizinischen Beurteilungswerten erlaubt eine Bewertung der Gefahrstoffaufnahme, die Identifizierung expositionsgefährdeter Tätigkeiten und eine belastbare Risikokommunikation. Die meist kurzen Halbwertszeiten der Gefahrstoff-Metabolite erfordern eine zeitnahe und möglichst standardisierte Probensammlung.

Methode: An einem Produktionsstandort der chemischen Industrie kam es im Januar 2019 aufgrund einer Behälterreaktion mit Brand und Produktaustritt (Acrylnitril) zum Einsatz der Werkfeuerwehr. Unmittelbar nach Einsatz und am Folgetag wurden im Rahmen eines standardisierten HBM-Programms Urinproben der Feuerwehreinsatzkräfte gesammelt. Mittels UHPLC-MS/MS wurden die Proben auf den Biomarker des Acrylnitrils, Cyanoethylmercaptursäure (CEMA), untersucht (Bestimmungsgrenze der analytischen Methode: 1 µg/L). Die Ergebnisse der Untersuchung wurden anschließend hinsichtlich der Angaben auf den mit der Probe eingereichten Fragebögen ausgewertet.

Ergebnisse: Nach dem Einsatz wurden insgesamt 55 valide Proben für das HBM gesammelt. Anhand der Angaben auf den Fragebögen wurden die Proben in „Proben vom Einsatztag“ (n = 39) und „Proben vom Folgetag“ (n = 16) unterteilt. Weiterhin erfolgte eine Einteilung in Nichtraucher-Proben, Raucher-Proben sowie Proben ohne Angabe zum Raucherstatus. In 32 % der Nichtraucher-Proben wurde eine CEMA-Konzentration oberhalb des Referenzwertes für Nichtraucher (10 µg/g Kreatinin, BAR) festgestellt (Höchstwert: 357 µg/g Kreatinin). Dabei traten die höchsten CEMA-Konzentrationen in Zusammenhang mit der Tätigkeit „Brandwache“ auf (Median 152,6 µg/g Kreatinin). In Proben, die am Folgetag des Einsatzes gesammelt wurden, zeigte sich sowohl bei den Nichtrauchern als auch bei den Rauchern ein Rückgang der Acrylnitril-Belastung.

Fazit: Auf Basis der HBM-Ergebnisse kann im Rahmen des Einsatzes von einer geringen bis moderaten Exposition gegenüber Acrylnitril ausgegangen werden. Bei Nichtrauchern wurden dabei CEMA-Konzentrationen in Höhe typischer Acrylnitril-Belastungen von Tabakrauchern beobachtet. Besondere Beachtung sollte dem Schutz vor Gefahrstoffen während Brandwachen gelten.
Frau Dr. Sandra Bäcker
BASF SE
Identifizierung von in vitro Phase I Metaboliten des phenolischen Benzotriazols UV-327 mit humanen Lebermikrosomen und LC-MS/MS (Corinna Fischer, Edgar Leibold, Thomas Göen)
Einleitung
2,4-Di-tert-butyl-6-(5-chloro-benzotriazol-2-yl)phenol (UV-327) findet Anwendung als UV-Stabilisator in Kunststoffen und wurde bereits in diversen Umweltmatrizes detektiert. Dennoch gibt es bislang kaum Informationen bezüglich humaner Exposition und keine Kenntnisse über den Metabolismus der Substanz. Aus diesem Grund wurden in vitro Versuche mit humanen Lebermikrosomen zur Identifizierung von Phase I Metaboliten durchgeführt.

Methoden
UV-327 wurde mit humanen Lebermikrosomen inkubiert. Zur Detektion von Phase I Metaboliten wurde NADPH als Cofaktor in Form eines NADPH-generierenden Systems hinzugefügt. Nach Abbruch der Enzymreaktion durch Zugabe eines organischen Lösungsmittels wurden die erhaltenen Extrakte mittels LC-ESI-MS/MS analysiert.

Ergebnisse
Es wurden potentielle Metaboliten mit einer Massenverschiebung von +16, +30, +32 und +46 im Vergleich zu UV-327 detektiert. Die folgenden Metaboliten wurden postuliert und als Referenzsubstanzen zur Überprüfung der Ergebnisse synthetisiert: zwei monohydroxylierte Metaboliten (+16), zwei monocarboxylierte Metaboliten (+30), ein dihydroxylierter Metabolit (+32) und zwei Metaboliten mit sowohl einer Hydroxy- als auch Carboxyfunktion (+46).

Schlussfolgerung
In Experimenten mit humanen Lebermikrosomen wurden oxidative Phase I Metaboliten von UV-327 identifiziert, die durch Einfügen von Hydroxy- und Carboxygruppen entstanden sind. Die Metaboliten werden im weiteren Verlauf in die Entwicklung einer Methode zum Human-Biomonitoring in Urin aufgenommen und die Ergebnisse aus den in vitro Experimenten zur Aufklärung der in vivo Biotransformation von UV-327 genutzt.
Frau Corinna Fischer
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, FAU Erlangen-Nürnberg
Antimon-Biomonitoring – Ein Beispiel für die kohärente Arbeitsweise der Arbeitsgruppen der Ständigen Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe (Wobbeke Weistenhöfer, Elisabeth Eckert, Anja Schäferhenrich, Thomas Göen, Hans Drexler, Andrea Hartwig)
Einleitung
Die Ständige Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (MAK-Kommission) bewertet Gefahrstoffe und erarbeitet entsprechende Analysenmethoden für die Prävention von Gesundheitsgefährdungen am Arbeitsplatz. Die Arbeitsgruppen „Aufstellung von Grenzwerten in biologischem Material“ (BAT-AG) und „Analysen in biologischem Material“ (AibM-AG) schaffen zusammen die wissenschaftlich basierten Voraussetzungen für die Durchführung und Bewertung des Biomonitorings.
Methoden und Zielsetzung
Das Halbmetall Antimon (Sb) wird u.a. als Flammschutzmittel in Kunststoffen, aber auch als Zusatzstoff in Sprengstoffzündern und Munition eingesetzt. Es ist als krebserzeugend im Tierversuch eingestuft (Kanzerogenitätskategorie 2). Eine mehrjährige inhalative Exposition gegen Antimonstäube kann zudem bei beruflich Exponierten Nasenbluten, Schäden am Nasenseptum und eine Antimonpneumokoniose (Staublungenerkrankung) hervorrufen. Zum Schutz exponierter Personen sind wissenschaftlich abgeleitete Beurteilungswerte in biologischem Material notwendig. Die Bestimmung der inneren Belastung mit Antimon erfolgt über eine Antimonbestimmung im Urin. Um eine Antimonexposition hinsichtlich ihrer Toxizität besser bewerten zu können, ist eine Speziesbestimmung hilfreich.
Ergebnisse
Im Rahmen der BAT-AG wurden publizierte Studien zur inneren Antimonbelastung ausgewertet. Aus zwei europäischen Studien mit Angabe der 95. Perzentile wurde ein Biologischer Arbeitsstoffreferenzwert (BAR) von 0,2 µg Sb/L Urin abgeleitet, wobei die Probenahme wegen der langsamen Eliminationskinetik bei Langzeitexposition am Schichtende nach mehreren vorangegangenen Schichten erfolgen sollte.
Die AibM-AG hat ein Verfahren für die Bestimmung der Antimonspezies Sb(III) und Sb(V) sowie des positiv geladenen Trimethylantimons (CH3)3Sb2+ im Urin auf Basis der Kopplung von Anionenaustauschchromatographie und ICP-MS-Technik entwickelt, geprüft und publiziert.
Schlussfolgerungen
Der BAR für Antimon und seine anorganischen Verbindungen beschreibt die Hintergrundexposition beruflich nicht gegenüber Antimon exponierter Personen und erlaubt damit die Beurteilung einer möglichen beruflichen Exposition. Die Kommission reagierte mit der Ableitung eines BAR auf die Besorgnis durch Munitionsdämpfe und -stäube beim Schießtraining exponierter Polizeibeamte. Mit der neu entwickelten Analysenmethode ist es möglich, auch unterschiedliche Antimonspezies zu bestimmen.
Frau Dr. med. Wobbeke Weistenhöfer
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Die Berücksichtigung von Schwangerschaftsgruppen bei der Evaluierung von Beurteilungswerten in biologischem Material: Sicherheit und Schutz für das ungeborene Leben (Wobbeke Weistenhöfer, Britta Brinkmann, Gerlinde Schriever-Schwemmer, Sandra Michaelsen, Rüdiger Bartsch, Katrin Klotz, Hans Drexler, Andrea Hartwig)
Zielsetzung
Das ungeborene Kind von schwangeren Beschäftigten kann auch bei Einhaltung von MAK- und BAT-Werten nicht ausreichend geschützt sein, da bei deren Ableitung die fruchtschädigende Wirkung nicht berücksichtigt wird. Zur Einschätzung des Risikos durch die einzelnen Substanzen hat die Ständige Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe vier Schwangerschaftsgruppen (A – D) aufgestellt. Bei Arbeitsstoffen mit Zuordnung zur Schwangerschaftsgruppe B (fruchtschädigende Wirkung bei Einhaltung des MAK‐ oder BAT‐Wertes nicht auszuschließen) wird durch die Kommission geprüft, ob es möglich ist, einen Hinweis zu geben, welche Konzentration des Stoffes der Zuordnung zur Schwangerschaftsgruppe C (fruchtschädigende Wirkung bei Einhaltung des MAK‐ oder BAT‐Wertes nicht anzunehmen) entsprechen würde (Gruppe B mit Hinweis auf Voraussetzung für Gruppe C).
Methoden
Es werden, wenn vorhanden, epidemiologische Studien zur Entwicklungstoxizität, aber überwiegend Daten aus Tierversuchen bei der Evaluierung berücksichtigt.
Ergebnisse
Die Arbeitsgruppe „Aufstellung von Grenzwerten in biologischem Material“ hat für Chlorierte Biphenyle und Dimethylformamid, die in die Schwangerschaftsgruppe B eingestuft wurden, eine Stoffkonzentration im Blut ermittelt, bei der eine fruchtschädigende Wirkung nicht anzunehmen ist (Schwangerschaftsgruppe B mit Hinweis auf Voraussetzung für Gruppe C). Bisher wurden die BAT-Werte von 1,1,1-Trichlorethan, Methanol, Chlorbenzol und Lindan geprüft und die Einstufung in Schwangerschaftsgruppe C bestätigt.
Schlussfolgerungen
Die Evaluierung von MAK- und BAT-Werten hinsichtlich ihrer fruchtschädigenden Wirkung ermöglicht es schwangeren Frauen mit Stoffen der Schwangerschaftsgruppe C oder Schwangerschaftsgruppe B mit Hinweis auf Voraussetzung für Gruppe C ohne Risiko für ihr ungeborenes Kind zu arbeiten. Weitere Evaluierungen werden kontinuierlich durchgeführt.
Frau Dr. med. Wobbeke Weistenhöfer
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Das Harnblasenkarzinom als Langzeitfolge einer unfallbedingten Querschnittlähmung – eine Untersuchung an über 7000 Querschnittpatienten (Klaus Golka, Christian Tiburtius, Kai Fiebag, Birgitt Kowald, Sven Hirschfeld, Roland Thietje, Ines Kurze, Wolfgang Schöps, Michael Zellner, Holger Böhme, Albert Kaufmann, Thura Kadhum, Ralf Böthig)
Fragestellung: Unfallbedingte Querschnittlähmungen infolge von Arbeits- oder Wegeunfällen sind für alle Betroffenen eine Herausforderung. Mit steigender Lebenserwartung für Menschen mit Querschnittlähmung steigt auch das Risiko, an Harnblasenkrebs zu erkranken. In der vorliegenden Studie wird der Frage nachgegangen, wie häufig das Harnblasenkarzinom im untersuchten Patientenkollektiv anzutreffen war und ob es Unterschiede zu Harnblasenkarzinomen in der Allgemeinbevölkerung gibt.
Methodik: Retrospektive Single-Center-Auswertung von konsekutiven Patientendaten mit Querschnittlähmung und Harnblasenkarzinom.
Ergebnis: Vom 01.01.1998 bis 31.12.2018 wurde bei 37 (4 weiblich, 33 männlich) von 7004 Patienten mit Querschnittlähmung ein Harnblasenkarzinom diagnostiziert. Das Durchschnittsalter zum Zeitpunkt der Tumordiagnose lag mit 54,0 Jahren deutlich unter dem in der Allgemeinbevölkerung (männlich: 74, weiblich: 75 Jahre).
Die mediane Latenzzeit zwischen dem Beginn der Querschnittlähmung und der Tumordiagnose betrug 29,5 Jahre. Dauerkatheter-Ableitungen bestanden bei nur 8 Patienten für nur 5,09% (Median: 15,5 Monate) der Gesamt-Latenzzeit. 27 Patienten wiesen ein Urothelzellkarzinom auf, 5 Patienten ein Plattenepithelkarzinom. 30 Patienten hatten zum Zeitpunkt der Diagnose bereits einen muskel-invasiven Tumor ≥ T2. Histologisch lag bei 27 Patienten ein G3-Karzinom vor. Das mediane Überleben für alle Patienten betrug 12 Monate, für Patienten mit Plattenepithelkarzinom nur 4 Monate. Nur bei 2 der 37 Patienten betrug die Latenzzeit zwischen Unfallereignis und Harnblasenkrebsdiagnose weniger als 10 Jahre.
Schlussfolgerung: Das um ca. 20 Jahre jüngere Alter der Tumor-Patienten und die Häufigkeit invasiver, schlecht differenzierter Tumoren bei der Diagnose weisen darauf hin, dass das Vorliegen einer Querschnittlähmung sowohl Risiko als auch Prognose der Harnblasentumor-Erkrankung signifikant beeinflusst. Die Latenzzeit zwischen Lähmungseintritt und Tumorerkrankung scheint ein maßgeblicher Risiko-Faktor zu sein. Ein Screening nach einem Harnblasenkarzinom darf nicht von der Art der Harnentleerung abhängig gemacht werden.
Herr Prof. Klaus Golka
Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund
Beruflich erworbene Allergie auf einen roten Azofarbstoff beim Färben von Wolle (Constanze Steiner, Ingrid Sander, Monika Raulf, Thomas Brüning, Rolf Merget, Christian Eisenhawer)
Hintergrund: Bei einem Textilveredler traten im Rahmen seiner Tätigkeit, dem Färben von Wolle, mehrfach respiratorische und gastrointestinale Beschwerden auf. Während des Färbevorgangs wurde die Wolle mit Farbstoff aufgekocht, und beim Einatmen der aufsteigenden Dämpfe wurde dem Beschäftigten übel, er erbrach sich, außerdem wurde er heiser bis zum Stimmverlust und bekam starke Luftnot. Hier stellte sich nun die Frage nach einer Allergie auf einen der verwendeten Azofarbstoffe. Die Firma hatte eine Liste mit den in Frage kommenden Wollfarbstoffen erstellt.
Methoden: Zum Nachweis einer beruflich verursachten Allergie wurde sowohl eine Prick-Testung der verschiedenen Farbstoffe in unterschiedlichen Verdünnungsstufen, als auch eine spezifische IgE-Testung gegen verschiedene Woll-Reaktivfarbstoffe durchgeführt. Für die spezifische IgE-Testung wurden die Woll-Reaktivfarbstoffe an humanes Serumalbumin (HSA) gekoppelt, und die Konjugate biotinyliert und an Streptavidin-ImmunoCAPs gekoppelt.
Ergebnisse: Der Pricktest zeigte auf alle Verdünnungen des Farbstoffs Reactive Red 65 konzentrationsabhängige Reaktionen, deren Quaddeln ab einer Konzentration von 0,062% auch von Pseudopodien begleitet wurden. Die übrigen getesteten Farbstoffe riefen keine signifikante Reaktion hervor.
Übereinstimmend dazu ergab auch die spezifische IgE-Testung mit dem HSA-Konjugat des Farbstoffs Reactive Red 65 eine Reaktion mit 5,93 kUA/L (CAP-Klasse 3). Für eine Atopie des Patienten gab es anamnestisch keine Hinweise, und auch die Serologie war unauffällig. Das Gesamt-IgE lag bei 45,7 kU/l, der Basistest mittels spezifischem IgE gegen ubiquitäre Inhalationsallergene (sx1) ergab nur eine diskrete Erhöhung (CAP-Klasse 1, 0,48 kUA/L). Die Lungenfunktion und die Methacholinprovokation ergaben einen Normalbefund ohne Anhalt für ein Asthma bronchiale. Die Spezifitätskontrolle mit fünf Seren von vergleichbaren Gesamt-IgE- und sx1-Werten war ein allen Fällen eindeutig negativ.
Schlussfolgerung: In Zusammenschau mit der Klinik diagnostizierten wir eine Allergie auf den Azofarbstoff Reactive Red 65 (CAS-Nr. 70210-40-1). Die klinischen Angaben des Patienten legen eine Rhinokonjunktivitis mit systemischer Reaktion (Schwellung im Larynxbereich: Heiserkeit, Luftnot und gastrointestinaler Reaktion: Erbrechen) nahe. In Zukunft wird der Beschäftigte den Kontakt zu Azofarbstoffen strikt vermeiden und die Anerkennung als Berufskrankheit wurde empfohlen.
Frau Dr. Constanze Steiner
Dr. med. Constanze Steiner Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA) B
Effect of different Calcium Gluconate formulations on Dermal Fluoride Penetration following Hydrofluoric Acid Exposure- an Ex vivo Diffusion Cell Study (Suvarna Mini Vijayan, Thomas Göen, Hans Drexler, Sonja Kilo)
Introduction: Hydrofluoric acid (HF) is widely used in industry and research. Dermal exposure even in low concentrations can cause systemic poisoning. HF penetrates skin tissue and forms an insoluble calcium complex by releasing protons which increases dermal acidification. In an acidic skin tissue, penetration of fluorides can increase. The aim of the study was to analyse the effect of different formulations of calcium gluconate on the reduction of systemic transdermal fluoride penetration.

Methods: A static diffusion cell model was employed in this study. Freshly excised human skin (0.9 mm thickness) was exposed to 30% HF (100µl/0.64 cm2 exposure area) for 1 or 3 min ex vivo and removed by means of dry cotton swab (n=1). Different calcium gluconate (CaGlu) formulations 0.128mval (2.5%)gel, 0.128mval (2.84%) and 0.45mval (10%) solution with or without buffer were used as cleaning agents. The skin was cleaned with 4 cotton swabs consecutively dipped in decontaminating agents followed by 10 mins exposure to the same agent (removed by 4 cotton swabs). Samples were taken from the receptor solution at 0, 1, 4, 6, 12 and 24 hrs and analysed by Fluoride electrode.

Results: The results demonstrate that CaGlu gel showed ~25% higher decontamination capacity when compared with CaGlu solution (both 0.128 mval). Compared to unbuffered CaGlu, CaGlu with tricine reduced the cumulative penetrated fluoride amount slightly, and with HEPES by ~23%. It was also observed that 10% (0.45 mval) CaGlu showed ~25% higher efficacy in decontamination of fluoride compared with 2.84% (0.128 mval) CaGlu.

Conclusion: It can be concluded that efficacy of CaGlu to decontaminate skin exposed to HF depends on the formulations used. Also controlling the pH of the skin by using buffer solutions seems to influence the fluoride penetration. Taken together decontamination potency of CaGlu as cleaning agent for HF exposure might be facilitated by adding buffers.
Frau Suvarna Mini Vijayan
Institute and Polyclinic for Occupational, Social and Environmental Medicine of the University of Erlangen-Nürnberg Henkestraße 9-11 91054 Erlangen
Gastric acid disruption as a potential risk factor for workplace-related allergic symptoms (Galateja Jordakieva, Michael Kundi, Eva Untersmayr-Elsenhuber, Isabella Pali-Schöll, Berthold Reichard, Erika Jensen-Jarolim)
A connection between gastric acid suppression and promotion of allergy has been described in animal models and observational studies in human subjects. In order to determine whether gastric pH modulation increases the prevalence of allergic symptoms, prescriptions of anti-allergic medication (antihistamines, allergen immunotherapy) and acid-inhibiting drugs (proton pump inhibitors, H2-blockers, sucralfate, prostaglandin E2) were assessed in an Austrian-wide analysis. Rate ratios for antiallergic drugs following gastric acid inhibitor prescriptions were 1.96 (95%CI1.95-1.97) in the country-wide and 3.07 (95%CI2.82-3.27) in a regional (Burgenland) analysis. This epidemiological relationship was particularly pronounced in women and in older adults (>60a). These findings should be considered in occupational health consultations and carry implications for workers with occupational allergen exposure.
Frau Dr. med. univ. Galateja Jordakieva
Institut für Arbeitsmedizin Universitätsklinik für Innere Medizin II Medizinische Universität Wien
Ein alltäglicher Fall? Dengue-Fieber als Berufskrankheit nach Dienstreise (Rüdiger Stephan Görtz, Jozsef Adam, Holger Wentzlaff)
Die Kasuistik handelt von einer 28-jährigen Mitarbeiterin einer großen, international tätigen Firma, die an Dengue-Fieber nach einer 10-tägigen Dienstreise nach Vietnam und Kambodscha erkrankte. Die BK-Verdachtsanzeige wurde nach 2,5 Monaten vom Betriebsmediziner nach eigenmotivierter Vorstellung der Mitarbeiterin gemeldet, und die BK 3104 schließlich anerkannt.
Jeder Arzt sollte an eine BK bei Erkrankungen nach Dienstreisen denken und den V.a. eine BK entsprechend melden. Eine systematische Planung der Pflichtvorsorge vor einer Dienstreise (sowie Angebotsvorsorge bei Rückkehr) in Absprache mit dem Arbeitsgeber ist sinnvoll und verpflichtend (s. ArbMedVV). Bei Beratungen zur Reise-Pflichtvorsorge muss auf Mücken-übertragbare, nicht-impfpräventable Erkrankungen und Mückenschutz (Kleidung, Repellentien, Netz) hingewiesen werden. Arbeitsmedizinische Vorsorge vor Dienstreisen in die Tropen ist mehr als reine Impfberatung. Entsprechende Zeitkontingente sind einzuplanen.

Tabelle 1 Berufskrankheit (BK) 3104: durch Infektionserreger oder Parasiten verursachte Tropenkrankheiten
Jahr
2005
2010
2015
2016
2017

Gemeldet
332
344
327
365
329

Anerkannt
nn
176
153
179
129
Herr PD Dr. Rüdiger Stephan Görtz
BAD Gesundheitszentrum Erlangen
Risikobetrachtung der Latenten Tuberkuloseinfektion bei Beschäftigten im Gesundheitsdienst im Vergleich zu Beschäftigten aus anderen Branchen (Jan Felix Kersten, Lisa Hermes, Albert Nienhaus, Anja Schablon)
Einleitung
Eine Latente Tuberkulose-Infektion (LTBI) stellt ein arbeitsbedingtes Risiko im Gesundheitswesen dar. Mit dem Rückgang der TB-Inzidenz dürfte das LTBI-Infektionsrisiko für die Beschäftigten im Gesundheitsdienst (BIG) ebenfalls sinken. In Niedriginzidenzländern scheint auch weiterhin ein arbeitsbedingtes Risiko bestehen zu bleiben. Tuberkulose ist weiterhin die häufigste Infektionskrankheit bei BIG. Vergleichszahlen zur LTBI-Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung fehlen, da nur im Rahmen einer Ausbruchssituation getestet wird. Als Vergleichsgruppen dienen oft Beschäftigte ohne Patientenkontakt aber aus demselben Setting wie z.B. Verwaltungspersonal innerhalb des Krankenhauses. Ziel der Studie ist es, zu untersuchen, ob BIG ein höheres LTBI-Risiko besitzen als Beschäftigte aus anderen Branchen.
Methode
Die Untersuchung basiert auf zwei Stichproben: zum einen auf einem Datensatz von BIG, die durch das Betriebsärzte Netzwerk (2006 bis 2017) mit dem IGRA untersucht wurden. Der zweite Datensatz besteht aus klassischen Beschäftigten (nBIG) aus Hamburg, die keine beruflichen Berührungspunkte mit dem Gesundheitssystem hatten und im Rahmen einer Studie mit dem IGRA getestet wurden. Ein Propensity Score (PS) Matching wurde durchgeführt um eine bessere Vergleichbarkeit der Gruppen zu gewährleisten. Die Unterschiede in den Prävalenzen von positiven Testergebnissen des IGRAs wurden mittels univariaten und multivariaten Analysen untersucht.
Ergebnisse
Nach dem PS Matching von 1:10 blieben 100 Probanden in der nBIG Gruppe und 1000 BIG als Analyse-Kollektiv erhalten. BIG wiesen tendenziell deutlich höhere IGRA-Werte auf als die nBIG. Die Prävalenz für einen positiven IGRA lag in der nBIG-Gruppe bei 2,0% und bei den BIG bei 7,3%. In der univariaten Analyse zeigte sich für die BIG ein Odds Ratio (OR) von 3,86 (95%-KI: [1,0; 32,9], p=0,057) hinsichtlich eines positiven Testergebnisses. Die multivariate Analyse ergab ein OR von 3,92 (95%-KI: [1,1; 34,7]; p=0,039) für die in Deutschland geborenen BiG. Für die nicht in Deutschland geborenen zeigte sich ebenfalls ein erhöhtes Risiko für eine LTBI, dieser Effekt war in der multivariaten Analyse für BIG und nBIG unterschiedlich, wenn auch nicht statistisch signifikant.
Zusammenfassung
Trotz sinkender Tuberkuloseinzidenz zeigt sich beim Vergleich mit einer Nicht-Exponierten Berufsgruppe bei Beschäftigten im Gesundheitsdienst ein erhöhtes Risiko für LTBI. Vorsorgeuntersuchungen scheinen weiterhin angezeigt.
Frau Dr. P.H. Anja Schablon
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Adaptives Resilienz Management im Hafen (ARMIHN) – Analyse vergangener Ausbrüche von Infektionserkrankungen auf (Passagier-)Schiffen (Ann-Christin Kordsmeyer, Jan Heidrich, Lukas Belz, Hans-Joachim Jensen, Thomas von Münster, Julian Heuser, Angelina Klein, Sinan Bakir, Esther Henning, Axel Ekkernkamp, Lena Ehlers, Jens de Boer, Martin Krassa, Mathias Kalkowski, Martin Dirksen-Fischer, Anita Plenge-Bönig, Volker Harth, Marcus Oldenburg)
Hintergrund: Durch den international wachsenden Schiffs- und Reiseverkehr ist in den vergangenen Jahren die Gefahr gestiegen, dass sich schwerwiegende Infektionskrankheiten auf diesem Wege ausbreiten. In einer geschlossenen Umgebung auf (Passagier-)Schiffen können sich durch engen Personenkontakt vielfältige Erreger unter den Crewmitgliedern und Passagieren ausbreiten. Ziel der vorliegenden Studie ist es, vergangene Ausbrüche von Infektionserkrankungen auf (Passagier-)Schiffen zu erfassen.

Methoden: Ausgehend von einer systematischen Literaturrecherche in medizinischen Datenbanken wurde eine Übersicht über vergangene Ausbrüche von Infektionserkrankungen auf (Passagier-)Schiffen erstellt. Der Einschluss identifizierter Publikationen aus dem Zeitraum von 2000 bis 2019 erfolgte anhand vorab festgelegter Ein- und Ausschlusskriterien. Zusätzlich wurden der Verlauf des Ausbruchgeschehens, das Ausbruchmanagement sowie infektionsbezogene Probleme und Empfehlungen analysiert.

Ergebnisse: In den identifizierten 58 Publikationen wurden Ausbrüche aufgrund von gastrointestinalen (n = 317 Ausbrüche), Atemwegs- (n = 24 Ausbrüche, 1 Cluster und 2 Einzelfälle) und impfpräventablen Viruserkrankungen (n = 218 Ausbrüche, 8 Cluster und 2 Fallserien) sowie durch Lebensmittel übertragbare Erkrankungen (n = 3 Ausbrüche), Hepatitis-Erkrankungen (n = 1 Ausbruch), neurologische (n = 1 Einzelfall) oder Hauterkrankungen (n = 1 Cluster) beschrieben. Die meisten Ausbrüche traten auf Kreuzfahrtschiffen auf, wobei besonders gastrointestinale Erkrankungen (n = 303 Ausbrüche) - wie z. B. aufgrund von Noroviren - eine Rolle spielten. Insgesamt mussten 159 Personen im Krankenhaus (an Land) weiterbehandelt werden und es wurden neun Todesfälle dokumentiert. Weiterhin zeigt sich, dass der Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure bei der Ausbruchsbewältigung von Infektionserkrankungen auf (Passagier-)Schiffen und im Hafen eine entscheidende Rolle zukommt.

Schlussfolgerungen: Insgesamt wird deutlich, dass Infektionserkrankungen an Bord und das Setting Hafen im Rahmen des Ausbruchmanagements eine besondere Herausforderung darstellen. Die eingeschlossenen Studien zu infektiologischen Ausbruchgeschehnissen auf Schiffen/im Hafen enthalten hilfreiche Informationen, die bei der Planung zukünftiger Trainings- und Notfallkonzepte genutzt werden können.
Frau Ann-Christin Kordsmeyer
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Berufsbedingte Tuberkuloseerkrankungen im Gesundheitswesen - eine Sekundärdatenanalyse der Daten der Deutschen Unfallversicherung von 2002-2017 (Jan Felix Kersten, Albert Nienhaus, Stephanie Schneider, Anja Schablon)
Hintergrund
Tuberkulose (TB) ist nach wie vor die tödlichste Infektionskrankheit weltweit. Aktuelle TB-Zahlen in Europa zeigen, dass sich in 2017 noch 30 Menschen pro Stunde mit Tuberkulose infizierten. Für Beschäftigte im Gesundheitsdienst besteht ein besonderes Risiko sich durch den Patientenkontakt mit der Erkrankung zu infizieren. TB ist die zweithäufigste arbeitsbedingte Infektionskrankheit beim deutschen Gesundheitspersonal. Mit den Routinedaten der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) soll die Entwicklung der TB Berufserkrankungen näher betrachtet werden, speziell die Entwicklung der Fälle nach Unfallversicherungsträgern in Deutschland, die Verteilung auf unterschiedliche Berufsfelder sowie Latenzzeit des Erstkontaktes mit der Infektionserkrankung und deren Anerkennung als Versicherungsfall.

Methode
Es handelt sich bei der Auswertung um eine longitudinale Sekundärdatenanalyse der Anerkennungsjahre 2002-2017. Die Daten wurden zunächst deskriptiv ausgewertet. Die Verläufe über die Zeit werden für verschiedene Versicherungsträger dargestellt. Die Latenzzeiten bis zur Anerkennung als Versicherungsfall werden auf Jahresbasis aggregiert. Für die Untersuchung von Unterschieden in der relativen Zunahme zwischen den einzelnen Versicherungsträgern wurden varianzanalytische Modelle eingesetzt.

Ergebnisse
Über den betrachteten Zeitraum wurden 4.619 TB Fälle als Berufskrankheit, die vom Menschen übertragen wurden (BK 3101), anerkannt. In 2002 wurden genau 60 Fälle dieser BK 3101 anerkannt. Mehr als eine Verachtfachung der anerkannten Fälle fand bis zum Jahr 2013 statt. Seit 2013 pendelte sich das Niveau bei etwa 500 anerkannten Fällen pro Jahr ein. Über die Zeit ließ sich zwischen den Versicherungsträgern ein Unterschied in der Entwicklung nicht statistisch signifikant nachweisen. Die nachfolgenden drei Arbeitsfelder stellten zusammen den Hauptteil der anerkannten Tuberkulosefälle (88,5 %): Die Alten- und Krankenpflege, sonstige Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie Ärzte.

Schlussfolgerung
Der Aufwärts-Trend in der Entwicklung der anerkannten Verdachtsfälle für eine BK 3101 der vergangenen Jahre, ist in weiten Teilen auf besseren diagnostischen Tests begründet. Als wirksamer Schutz vor TB gilt das konsequente Anwenden der arbeitsmedizinischen Schutzmaßnahmen und das frühe Erkennen und Behandeln von Latenten Tuberkuloseinfektionen.
Herr Jan Felix Kersten
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Projekt ZooM - Zoonotische Bedeutung von multiresistenten Erregern (MRE): FAQs an der Schnittstelle Veterinär/Humanmedizin (Susanne Kutzora, Robin Köck, Jörg Fritzemeier, Caroline Herr, Stefanie Heinze, Stefan Hörmansdorfer, Ulla Kandler, Ute Teichert, Nicoletta Wischnewski, Valeria Landesberger)
Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Infektionen durch multiresistente Erreger (MRE) zu.
Die wichtigsten Erreger mit Antibiotikaresistenzen sind dabei multiresistente gramnegative
Erreger (MRGN) wie Extended-Spektrum β-Lactamase bildende Enterobakterien (ESBL), sowie Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA). Der Aspekt der zoonotischen Bedeutung von MRE spielt auch im privaten Bereich eine zunehmend größere Rolle, wird jedoch in bisherigen Empfehlungen wenig adressiert. Zudem erwerben viele Menschen (z.B. Landwirte, Tierärzte und deren Familienmitglieder) MRE durch den Kontakt zu Nutztieren.
Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) am Robert Koch-Institut oder die Technischen Regeln für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA) haben den Fokus auf der Formulierung von Empfehlungen für Gesundheitseinrichtungen zur Prävention nosokomialer Infektionen bzw. Prävention beruflicher Infektionsrisiken. Empfehlungen für den privaten Bereich oder für nichtmedizinische Einrichtungen fehlen.
Ziel des Projekts ZooM ist es zunächst, die für den ÖGD (Human- und Veterinärmedizin) arbeitsrelevanten, offenen Fragen im Bereich der zoonotischen Bedeutung von MRE an der Schnittstelle Veterinär-/Humanmedizin zu identifizieren. Danach sollen gesundheitsbezogene Informationen zu möglichen Übertragungswegen von MRE zwischen Mensch und Tier in Form von FAQs dargestellt werden.
Um die FAQs zu generieren, wurden leitfadengestützte Experteninterviews durchgeführt. Hierfür wurden zu fünf verschiedenen Erhebungszeitpunkten Interviews durchgeführt und zielgruppenspezifische Informationsbedürfnisse identifiziert. Aus dem entstanden Fragenpool wurden übergreifende Hauptfragen gebildet und diese mithilfe der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur und eines interdisziplinären Expertengremiums beantwortet.
Im Anschluss daran sollen die FAQs im weiteren Projektverlauf disseminiert und hinsichtlich ihrer Tauglichkeit für den Arbeitsalltag des ÖGD (Human- und Veterinärbereich) evaluiert werden.
Das Projekt ZooM wird gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Forschungsnetzwerks Zoonotische Infektionskrankheiten.
Frau Susanne Kutzora
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
Arbeitsbezogenes Belastungs- und Beanspruchungserleben der Beschäftigten bei Gewalt am Arbeitsplatz in hessischen Notaufnahmen – Eine gendersensible Betrachtung der Gefährdung (Gamze Güzel-Freudenstein, Margit Christiansen, Nicola Rieder, Anja Bergmann, Olga Koch, Michael Faßbender)
Hintergrund: Beschäftigte in Notaufnahmen können physischen sowie psychischen Belastungen und Beanspruchungen durch Gewaltereignisse ausgesetzt sein. In diesem Kontext ist es für die Arbeitsmedizin von besonderem Interesse, die Unterschiede in den verschiedenen Beschäftigtengruppen zum persönlichen Erleben und der persönlichen Bewertung auch geschlechterbezogen herauszustellen, um diese in Handlungsempfehlungen zu Unterstützungsangeboten und Präventionsmaßnahmen einfließen zu lassen.
Methoden: Es wurde bei den Beschäftigten in 51 hessischen Notaufnahmen eine Online-Befragung durchgeführt. 354 Fragebögen (Rücklauf 25%) wurden zu Art und Häufigkeit der Gewaltereignisse, Verhalten, Belastungserleben, Beanspruchungsfolgen sowie zu Unterstützungs- und Präventionsmaßnahmen ausgewertet.
Ergebnisse: Über drei Viertel der Studienteilnehmer*innen (76,6%) finden Gewalt in der Notaufnahme normal. 97% haben in den letzten 12 Monaten mindestens eine Form verbaler Gewalt, 76% mindestens eine Form körperlicher und 52% sexualisierter Gewalt erlebt. Männer berichteten häufiger von verbalen und körperlichen, Frauen von sexualisierten Gewaltereignissen. Insbesondere nachts fühlen sich viele Beschäftigte an ihrem Arbeitsplatz nicht sicher (39,2%), davon Frauen mit 47,8% signifikant häufiger als Männer (p< 0.001). Pflegekräfte sind von Gewalt stärker betroffen als andere in Notaufnahmen tätige Berufsgruppen. Nach Gewaltereignissen treten Ärger (80,5%), Wut (58,1%), aber auch Gefühle der Hilflosigkeit (42%), der Angst (36,3%) sowie Enttäuschung (36%) bei den Beschäftigten auf. Vor allem die weiblichen Beschäftigten empfinden nach erlebter Gewalt häufiger als Männer Hilflosigkeit (p< 0,05) und Angst (p< 0,001) und fühlen sich insgesamt durch Gewaltereignisse stärker belastet (23,8%) als ihre männlichen Kollegen (9,7%). Langfristig fühlen sich 43,7% der Studienteilnehmer*innen durch Gewaltereignisse gereizt, haben eine gedrückte Stimmung (36,2%), sind abgestumpft (34,4%), verlieren die Freude am Beruf (32,1%) oder wollen gar zu 26,5% den Beruf wechseln (m 22,8%; w 27,2%).
Schlussfolgerungen: Das Ausmaß von Gewaltereignissen in hessischen Notaufnahmen, deren Auswirkungen und geschlechterbezogene Unterschiede in Art, Erleben, Verarbeitung sowie bei den kurz- und langfristigen Folgen von Gewaltereignissen, geben Hinweise auf die Notwendigkeit einer zielgruppenspezifischen und gendersensiblen Betrachtung im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung und der Ableitung von Maßnahmen.
Frau Prof. Dr. Gamze Güzel-Freudenstein
Hochschule Fulda Leipziger Str. 123 36037 Fulda
Psychische Gesundheit und Burnout-Symptome bei Personen mit psychisch belastenden Berufen (Katharina Diekmann, Sabine Darius, Irina Böckelmann, Beatrice Thielmann)
Zielsetzung: In der Arbeitswelt beeinträchtigen zunehmend psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz die Beschäftigten. Psychische Erkrankungen sind die am stärksten zunehmende Ursache für Arbeitsunfähigkeit und Rentenzugang. Sie sind für etwa 17,1 % der Arbeitsunfähigkeitstage verantwortlich und lagen damit an zweiter Stelle der Ursachen für den Krankenstand 2016. Ziel dieser Studie war es, die psychische Gesundheit und Burnout-Symptome bei psychisch belasteten Berufen zu vergleichen.
Methode: Es wurden 346 Daten ausgewertet. Es erfolgte ein Berufsgruppenvergleich zwischen Bankangestellten (BA), Lehrkräften (LK), Medizinischen Fachangestellten (MFA) und Pflegepersonal (PP). Es wurden die Fragebögen General Health Questionnaire (GHQ-12) nach Goldberg et al. 1978 (dt. Übersetzung Linden et al. 1996) zur Erfassung der psychischen Beeinträchtigungen und Maslach Burnout Inventory (MBI) nach Maslach & Jackson 19981 bzw. nach Kalimo et al. 2003 ausgewertet und verglichen.
Ergebnisse: Eine beeinträchtigte psychische Gesundheit kam tendenziell häufiger bei den PP vor (38,8 %), die niedrigste bei den BA (20,0 %). Zwischen den LK und BA fand sich ein signifikanter Unterschied in der MBI-Dimension Emotionale Erschöpfung (p = 0,006), wobei die Lehrkräfte die höchsten Werte boten. Für den Zynismus fanden sich einige statistisch sichere Unterschiede: MFA vs. LK (p = 0,046), MFA vs. PP (p = 0,042), BA vs. LK (p = 0,042) und BA vs. PP (p = 0,05). Für die reduzierte Leistungsfähigkeit konnten signifikante Unterschiede zwischen MFA vs. LK (p = 0,030) und PP vs.LK (p = 0,010) erzielt werden. Das höchste Burnout-Risiko fand sich mit 7,5 % bei den PP (ohne Signifikanz zwischen den Gruppen, VCramer = 0,132). Medizinische Vorkenntnisse zeigten schwache bis mittlere Effekte auf die Ergebnisse beider Fragebögen. Die Korrelationsanalyse ergab teilweise starke Zusammenhänge zwischen MBI-Dimensionen und GHQ-Summe in den verschiedenen Berufsgruppen.
Schlussfolgerungen: Es fanden sich unterschiedliche Ausprägungen von MBI-Dimensionen und psychischer Gesundheit zwischen den verschiedenen Berufsgruppen. Medizinische Vorkenntnisse von Personen können Einfluss auf die psychische Gesundheit und Stressempfinden haben. Möglicherwiese sind Personen mit medizinischen Vorkennnissen sensibilisiert bezüglich Symptome und inneren Zeichen und nehmen eine Dysbalance des Organismus früher wahr als andere. Diese Erkenntnisse sollten bei der arbeitsmedizinischen Betreuung berücksichtigt werden.
Frau Katharina Diekmann
Bereich Arbeitsmedizin, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Medizinische Fakultät
Psychische Belastungsfaktoren und gesundheitliche Auswirkungen bei Erzieherinnen in Kindertagesstätten – ein Altersgruppenvergleich (Christina Barbara Hohmann, Lydia Siegel, Sabine Darius, Irina Böckelmann)
Hintergrund und Zielstellung
Das Berufsbild der Erzieherin hat sich im Laufe der Jahre grundlegend gewandelt. Durch die steigende Arbeitsbelastung kommt es immer häufiger zu Langzeit-Arbeitsunfähigkeit und vorzeitiger Berentung. Vor allem psychische Faktoren spielen dabei eine Rolle. Ziel der Studie war die Erfassung der Hauptbelastungsfaktoren, um altersabhängige Zusammenhänge zur psychischen Gesundheit bei Erzieherinnen festzustellen.
Methodik
An der Studie nahmen 200 Erzieherinnen im Alter von 43,6 ± 12,6 Jahren aus Magdeburg und Umgebung freiwillig teil. Die Probanden wurden in vier Altersgruppen (AG) eingeteilt: AG I <31 Jahre (n=51), AG II 32 bis 46 Jahre (n=50), AG III 47 bis 55 Jahre (n=51) und AG IV ≥ 56 Jahre (n=48). Die Hauptbelastungsfaktoren wurden mittels der Prüfliste psychischer Belastungen bei Erzieherinnen nach Rudow bestimmt. Die Verausgabungsbereitschaft (Overcommitment, OC) wurde mittels Effort-Reward-Imbalance-Questionnaire (ERI-Q) erhoben. Für die Erfassung des Burnout-Risikos wurde das Maslach-Burnout-Inventory (MBI) verwendet.
Ergebnisse
Als Hauptbelastungsfaktoren konnten die Bewältigung vieler Arbeitsaufgaben (96 %), der hohe Lärmpegel (95 %) und hohe Kinderzahlen (91 %) identifiziert werden. Nur 20 % der AG I zeigten ein höheres Burnout-Risiko im Vergleich zu den anderen AG (jeweils ca. 50 %, pχ2 < 0,05). Insbesondere konnte ein signifikanter Alterseffekt für die Subskala „Emotionale Erschöpfung“ (EE) zwischen den AG III und I (2,4 ± 1,5 vs. 1,6 ± 1,1 Punkte; p = 0,012) festgestellt werden. Für das OC zeigte sich ebenfalls ein Alterseffekt zwischen AG I und III (14,1 ± 3,5 vs. 16,4 ± 3,1 Punkte; p = 0,006) bzw. AG I und AG IV (17,4 ± 3,6 Punkte; p<0,001) sowie zwischen AG IV und AG II (15,4 ± 3,5; p=0,026). In der AG IV zeigten 47 % ein erhöhtes OC im Vergleich zu den AG I (12 %), II (20 %) und III (25 %). Die hohe Kinderzahl in den Gruppen korreliert positiv mit EE (r = 0,36, p < 0,001) und viele Arbeitsaufgaben mit dem Burnout-Risiko insgesamt (r = 0,36, p < 0,001). Der hohe Lärmpegel korreliert mit erhöhter EE sowie mit dem Burnout-Risiko (jeweils r = 0,36 bei p < 0,001).
Schlussfolgerung
Die älteren Erzieherinnen zeigten im Vergleich zu den jüngeren Kolleginnen eine erhöhte emotionale Erschöpfung sowie ein erhöhtes OC mit daraus resultierendem erhöhten Burnout-Risiko. Insbesondere die hohe Kinderzahl in den Gruppen sowie der hohe Lärmpegel müssen reduziert werden, um die Gesundheit der Erzieherinnen zu erhalten.
Frau Christina Barbara Hohmann
Bereich Arbeitsmedizin, Medizinische Fakultät, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Stadt vs. Land: Arbeitszufriedenheit und –belastung von jungen Ärzten (Franziska Jung, Susanne Röhr, Tobias Deutsch, Steffi G. Riedel-Heller)
Ärztemangel und eine damit verbundene Unterversorgung der Patienten bedroht besonders ländliche, strukturschwache Regionen. Bisherige Studien konzentrieren sich auf Faktoren, die die Niederlassungsentscheidung auf dem Land begünstigen oder verhindern. Über Faktoren wie Arbeitszufriedenheit und Arbeitsbelastung und geographisch bedingte Unterschiede in Deutschland ist bisher wenig bekannt. Ziel der Studie war es diese Faktoren einem detaillierten Stadt-Land-Vergleich zu unterziehen. Hierfür konnten Daten von 1813 praktizierenden Ärzten in Sachsen, welche postalisch kontaktiert wurden, analysiert werden. Die Ergebnisse zeigen, dass sich hinsichtlich der Arbeitszufriedenheit lediglich akzentuierte Unterschiede feststellen lassen. In Bezug auf Arbeitsbelastung lassen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Ärzten, die auf dem Land oder in der Stadt tätig sind, finden.
Frau Dr. Franziska Jung
Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin & Public Health, Med. Fakultät, Universität Leipzig
Betriebliche Gesundheitsförderung und Unterstützungsangebote in der Sozialen Arbeit mit geflüchteten und wohnungslosen Menschen (Stefanie Mache, Tanja Wirth, Nafiseh Ezadpanah, Julia Lengen, Albert Nienhaus, Volker Harth, Stefanie Mache)
Zielsetzung: Beschäftigte in der Sozialen Arbeit mit geflüchteten und wohnungslosen Menschen bieten Betreuungs- und Beratungsleistungen für Menschen in prekären Lebenslagen an. Sie können dabei mit einer Vielzahl an psychischen Belastungsfaktoren konfrontiert sein, die einen Einfluss auf negative gesundheitliche Beanspruchungsfolgen haben können.
Ziel der Studie war es, bestehende Gesundheitsförderungsmaßnahmen zu eruieren und Bedarfe der Beschäftigten hinsichtlich Unterstützungsangeboten und betrieblichen Gesundheitsförderungsmaßnahmen in der Sozialen Arbeit abzubilden.
Methoden: In einer Querschnittsstudie wurde 2019 eine Onlinebefragung mit Beschäftigten in der Wohnungslosen- und Geflüchtetenhilfe durchgeführt. Dabei wurden Beschäftigte in Erstaufnahmeeinrichtungen, betreuten Einrichtungen, Wohnheimen, Beratungsstellen und Tagesstätten befragt. Themenfelder beinhalteten unter anderem Angaben zur Arbeitstätigkeit, zu bestehenden Unterstützungsangeboten im Arbeitskontext und zur betrieblichen Gesundheitsförderung sowie entsprechend relevante Bedarfe.
Ergebnisse: Insgesamt nahmen 243 Personen an der Onlinebefragung teil. 68,8 % der Befragten waren weiblich und 31,2 % männlich. Die meisten waren zwischen 25-34 Jahre alt. Fast die Hälfte der Befragten arbeitete in der Wohnungslosenhilfe (49,6 %). Vorhandene betriebliche Gesundheitsförderungsangebote bezogen sich auf Suchtprävention (21,5 %), Entspannung (28,6 %), Bewegung (29,6 %) und Ernährung (12,7 %). Betriebliche Unterstützungsangebote im Umgang mit täglichen beruflichen Herausforderungen umfassten Fortbildungen (92,9 %), kollektive Fallberatung (81,3 %) Gruppensupervision (77,8 %) und Einzelsupervision (38 %). Bedarfe wurden u.a. im Bereich einer kontinuierlichen Supervision, Fort- und Weiterbildung sowie weiteren Gesundheitsförderungsangeboten (Entspannung, Bewegung, Ernährung) dargestellt.
Schlussfolgerungen: Beschäftigte in der Sozialen Arbeit mit geflüchteten und wohnungslosen Menschen verfügen bereits teilweise über betriebliche Gesundheitsförderungsangebote insbesondere im Bereich der Verhaltensprävention. Bedarfe bestehen vor allem im Bereich der Verhältnisprävention.
Frau Julia Lengen
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Zusammenhang von psychischem Befinden und Overcommitment bei Medizinischen Fachangestellten (Beatrice Thielmann, Irina Böckelmann)
Zielsetzung: Der Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen, beruflichen Belastungen sowie Arbeitszufriedenheit und psychischer Gesundheit rückte in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus der Wissenschaft. Psychische Erkrankungen im Gesundheits- und Sozialwesen sind für etwa 15 % der AU-Tage verantwortlich. Ziel dieser Studie war es, den Zusammenhang von psychischen Befinden und Overcommitment bei Medizinischen Fachangestellten zu ermitteln.

Methode: Es wurden die Antworten von 44 Medizinischen Fachangestellten (MFA) aus Arztpraxen, (Altersdurchschnitt: 42,5 ± 10,2 Jahre), aus den Fragebögen General Health Questionnaire (GHQ-12) und der Subskala Overcommitment (OC) aus dem Effort-Reward-Imbalance-Questionnaire (ERI-Q) auf den Zusammenhang analysiert. Die Teilnehmer wurden anhand ihres OC-Summenscores in Gruppen mit normalem OC0 und erhöhtem OC1 eingeteilt (Cutoff ≥ 18).

Ergebnisse: 22,7 % der MFA wurden der Gruppe OC1 zugeordnet. In beiden Berufsgruppen fanden sich signifikante Unterschiede zwischen den beiden OC-Gruppen im GHQ-Summenwert (OC0 10,1 ± 4,5 Punkte vs. OC1 19,7 ± 6,5 Punkte; p < 0,001). In der OC1-Gruppe bestanden für 70 % der MFA (n = 7) Hinweise auf beeinträchtigte psychische Gesundheit; in der OC0-Gruppe betraf das 11,8 % (n = 4). Zwischen den OC- und GHQ-12-Skalen bestanden geringe bis mittlere Zusammenhänge (ρ = 0.11 bis 0.37). Es bestand nur ein geringer Altersgruppeneffekt unter Berücksichtigung der OC-Gruppen (VCramer = 0,125). Ebenso fanden sich keine signifikanten Altersgruppenunterschiede bei GHQ-Summenscore und OC-Summe.

Schlussfolgerungen: Die Verausgabungsbereitschaft bei MFA ist als erhöht, im Vergleich zu anderen Berufsgruppen aus der gleichen Region, zu deuten. Frühere Studien der Arbeitsgruppen fanden bei Bankangestellten ein erhöhtes Overcommitment von 11 % und bei Lehrkräften von 33 %. Anstrengungen zur präventiven Betreuung müssen verstärkt werden, um die MFA langfristig aktiv und psychisch gesund im Beruf zu halten. Für die MFA spielt im Vergleich zu den Bankangestellten und Lehrkräften ein schlechteres Grundgehalt eine große Rolle. Berufsspezifischen Fehlbelastungen sollten entgegengewirkt werden und individuelle psychische Ressourcen (u. a. Stressbewältigungskurse, Stärkung von Coping-Strategien, Angebote zur Supervision) gestärkt werden.
Frau Dr. med. Beatrice Thielmann
Bereich Arbeitsmedizin, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Medizinische Fakultät
Onlinebefragung zur psychosozialen Belastung und Beanspruchung von Beschäftigten in der Sozialen Arbeit mit geflüchteten und wohnungslosen Menschen (Tanja Wirth, Janika Mette, Albert Nienhaus, Volker Harth, Stefanie Mache)
Einleitung
Deutschland erlebte in den letzten Jahren eine hohe Fluchtzuwanderung und steigende Wohnungslosenzahlen. Beschäftigte in der Sozialen Arbeit leisten wichtige Aufgaben in der Betreuung und Beratung von geflüchteten und wohnungslosen Menschen, jedoch ist wenig über ihre Arbeitsbedingungen bekannt. Das Ziel der vorliegenden Querschnittsstudie war es, die Art und Höhe der arbeitsbezogenen Belastungen und Ressourcen sowie gesundheitlichen Beanspruchungen von Beschäftigten in der Geflüchteten- und Wohnungslosenhilfe zu untersuchen.
Methoden
Von Mitte Februar bis Ende Mai 2019 wurde eine Onlinebefragung in Einrichtungen der Geflüchteten- und Wohnungslosenhilfe in Hamburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein durchgeführt. Der Fragebogen enthielt, unter anderem, validierte Skalen aus dem Copenhagen Psychosocial Questionnaire (COPSOQ). Diese wurden mittels deskriptiver Analysen ausgewertet.
Ergebnisse
Insgesamt nahmen 253 Beschäftigte an der Onlinebefragung teil. Die Mehrheit der Befragten war weiblich (69 %), verfügte über eine Qualifikation in der Sozialarbeit/Sozialpädagogik (64 %) und war in Gemeinschaftsunterkünften/Wohnheimen (41 %), ambulanten Beratungsstellen (23 %) oder im betreuten Wohnen (20 %) tätig. Knapp ein Viertel war befristet angestellt und 41 % arbeiteten in Teilzeit. Die Beschäftigten bewerteten ihre emotionalen Anforderungen (MW = 66) sowie ihre Belastung durch das Verbergen von Emotionen (MW = 51) und Rollenkonflikte (MW = 50) vergleichsweise hoch. Dagegen lagen in der Bedeutung der Arbeit (MW = 81) und der sozialen Unterstützung (MW = 73) wichtige Ressourcen für die Beschäftigten. Rund 49 % der Befragten wiesen einen hohen Burnout-Wert (MW ≥50) auf. Burnout korrelierte positiv mit den genannten Belastungen und negativ mit den Ressourcen der Beschäftigten (alle p <0.01).
Schlussfolgerung
Beschäftigte in der Sozialen Arbeit mit geflüchteten und wohnungslosen Menschen erleben hohe psychosoziale Belastungen und Beanspruchungen in ihrer Arbeit. Die Studienergebnisse unterstreichen den Bedarf zur Entwicklung gesundheitsfördernder Maßnahmen für die Berufsgruppe und bieten die notwendige Grundlage zur Identifizierung relevanter Ansatzpunkte.
Frau Tanja Wirth
Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP), Competenzzentrum Epidemiologie und Versorgungsforschung bei Pflegeberufen (CVcare), Universitätsklinikum Hamburg-Epp
Measurement of the risk of burnout syndrome development and work-related behavior and experience patterns among university teachers depending on gender (Kseniia Zub, Kateryna Tretiakova, Myroslav Tymbota, Igor Zavgorodnii, Valeriy Kapustnyk, Olga Lalymenko, Sabine Darius, Irina Böckelmann)
Professional burnout among university employees has not been studied enough yet. The purpose of this study was to determine the risk of professional burnout among employees of higher educational institutions and evaluate the difference of the results depending on gender.
The study involved 105 university teachers (44.7 ± 12.73 years old; 21 men, 84 women). In order to study occupational burnout, standardized the MBI-GS (Maslach Burnout Inventory), DSI (Differentielles Stress Inventar), General Health Questionnaire (GHQ) and the questionnaire of work-related behaviour and experience patterns (AVEM) were used.
According to Kalimo classification, 77.3% of women and 22.7% of men did not express burnout symptoms; 36.9% of women and 23.8% of men had some symptoms of burnout; a significant risk of burnout was noted in 2.4% of women and 4.8% of men. AVEM-Type B is more pronounced in men than in women (33.3% and 23.8%). However, Type A is prevalent in women (40.5%), contributing to the fact that women could be classified as a risk group with the likelihood of a fairly rapid development of burnout syndrome. Type G is approximately equally common in both women and men (23.8% and 28.6%), and Type S prevails in women (11.9% vs. 4.8% in men). It is worth noting that 35.3% of the questioned subjects were referred to the risk group; such result is considered as a fairly high indicator. When processing the data obtained from the DSI, it was noted that stressors did not significantly affect 20.2% of women and 14.3% of men. 20.2% of women and 14.3% of men were burned out; low stress level was seen in 11.9% of women and 23.8% of men; 9.5% of women and 4.8% of men experienced extremely negative reaction to stress.
On the basis of data obtained via GHQ, it can be noted that the prevalent number of men and women (76.2% and 77.4%) did not show any psychological health problems. No significant differences were found between the study groups. The rest of the study participants had a violation of psychological health, which may be due to the influence of stress factors within the work environment and irrational workload distribution.
The GHQ and AVEM allowed determining fairly good mental health indicators, though a small group of workers with the violation of mental health was identified. Such indicators did not vary in both genders. In addition, a significant number of employees noted a decrease in their ability to with stand stress and mental stress.
Frau Kseniia Zub
Frau Kateryna Tretiakova
Herr Myroslav Tymbota
Herr Igor Zavgorodnii
Analyse arbeitsbedingter Belastungsfaktoren und Ressourcen von Beschäftigten in Inklusionsbetrieben sowie Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung – Ein Scoping Review (Ann-Christin Kordsmeyer, Swantje Robelski, Janika Mette, Volker Harth, Stefanie Mache)
Zielsetzung: Inklusionsbetriebe bieten Menschen mit einer Schwerbehinderung die Möglichkeit einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Mit der Gesetzesänderung im SGB IX (§§ 215-218) vom 01.01.2018 sind Inklusionsbetriebe in Deutschland dazu verpflichtet, Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung vorzuhalten. Ziel der Studie ist es, einen systematischen Überblick über die wissenschaftliche Literatur in Bezug auf arbeitsbedingte Belastungen und Beanspruchungen, Ressourcen, Coping Strategien und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung in Inklusionsbetrieben zu erstellen.
Methoden: Anhand eines Scoping Reviews wurde die Studien- und Datenlage zu arbeitsbedingten Belastungsfaktoren, Ressourcen und Beanspruchungen, Coping-Strategien sowie zum Stand der betrieblichen Gesundheitsförderung in Inklusionsbetrieben aufgearbeitet. Die Studienauswahl erfolgte anhand vorab festgelegter Ein- und Ausschlusskriterien. Es wurden die Datenbanken PubMed, MEDLINE, PsycINFO, PSYNDEX, CINAHL und Web of Science im Zeitraum zwischen 2000 und 2019 einbezogen. Darüber hinaus wurde die Qualität eingeschlossener Studien in einem standardisierten Verfahren bewertet.
Ergebnisse: Das Review beinhaltete sowohl Studien mit quantitativen, qualitativen und Mixed-Method-Designs. Es wurden verschiedene arbeitsbezogene Belastungsfaktoren und Ressourcen von Beschäftigten in Inklusionsbetrieben in den Bereichen Arbeitsaufgaben, Arbeitsorganisation, soziale Beziehungen und Arbeitsumgebung ermittelt. Zudem wurden Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung erläutert. Aufbauend auf den Analyseergebnissen konnten Empfehlungen zur betrieblichen Gesundheitsförderung in Inklusionsbetrieben abgeleitet werden. Weitere Ergebnisse werden in Kürze zur Verfügung stehen.
Schlussfolgerungen: Aus wissenschaftlicher Sicht konnten neue arbeits- und organisationspsychologische Erkenntnisse über die Arbeits- und Gesundheitssituation von Beschäftigten in Inklusionsbetrieben gewonnen werden. Es besteht weiterer Forschungsbedarf im Rahmen der Gestaltung von betrieblichen Gesundheitsförderungsmaßnahmen in Inklusionsbetrieben.
Frau Ann-Christin Kordsmeyer
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Klärung der Verantwortung als Hilfe zur Problemlösung im Betrieb (Detlev Jung, Gregor Wichert)
Kurzfassung
Nach Klärung des Begriffs der Verantwortung im betrieblichen Kontext wird anhand von praktischen Beispielen der Nutzen einer klaren Zuordnung von Verantwortung veranschaulicht.
Schlüsselwörter:
Verantwortung; psychische Belastung.
Einleitung
Übernahme von Verantwortung im Betrieb ist notwendig, aber auch mit emotionaler Belastung (1;2) verbunden. Daher wird sie immer wieder nicht oder inadäquat wahrgenommen. Die Begriffsklärung und rationale Zuordnung der Verantwortung sollen zur Belastungsminderung und zur Ökonomisierung des betrieblichen Ablaufs beitragen.
Methoden
Der Begriff der Verantwortung im Spannungsfeld von Macht und Pflicht (3;4) wurde im Literaturrückgriff geklärt. Eine Sammlung von Praxisbeispielen wurde bzgl. der Zuordnung von Verantwortung bearbeitet.
Ergebnisse
Auf der Basis der Definition von Verantwortung (“Macht und Pflicht sind die Voraussetzungen, aus denen Verantwortung entsteht. Entfällt eine davon, entfällt die Verantwortung. Beide Voraussetzungen gemeinsam sind aber auch hinreichend.”) und der Zuordnung der Verpflichtung zur Verantwortungs-übernahme im betrieblichen Kontext werden praktische Beispiele von Problemkonstellationen (1. ad hoc-Entscheidung, 2. Vertretungssituation - Was darf ich/was muss ich tun?-, 3. Kooperation, 4. Verwaltungsvorgänge, 5. Teamverantwortung - Gibt es eine gemeinsame (Team-)verantwortung? -) und deren Lösungsmöglichkeiten dargestellt.
Diskussion
Eine allgemeine Zuordnung von Verantwortung reicht im Betrieb oft nicht aus. Ihre Lokalisation bleibt im konkreten Fall oft im Ungewissen. Sie muss dann aktiv zugeordnet und auch angenommen werden.
Schlussfolgerung
Es lohnt sich sowohl für die einzelnen Personen im Betrieb wie auch für dessen reibungsarmen Ablauf zu definieren, wo die Pflicht und wo die Grenzen der Übernahme von Verantwortung liegen. Klarheit in der Zuordnung sollte zu einer Verminderung der psychischen Belastung führen.
Herr Dr. Detlev Jung
Zusammenhang von Arbeitsfähigkeit (WAI) und Betriebsklima bei Mitarbeitern eines Großunternehmens der chemischen Industrie (Matthias Claus, Michael Schuster, Stefan Webendörfer, Christoph Oberlinner)

Einleitung: Die vorliegende Auswertung zielt darauf ab, den Zusammenhang zwischen Arbeitsfähigkeit und Betriebsklima bei Mitarbeitern eines Großunternehmens der chemischen Industrie zu untersuchen.
Methoden: Es werden Querschnittsdaten aus einem freiwilligen betriebsinternen Gesundheitscheck verwendet, die zwischen 2011 und 2014 in Ludwigshafen erhoben wurden. Der Gesundheits-Check beinhaltet u.a. eine Blutentnahme, eine körperliche Untersuchung und Anamnese durch den Betriebsarzt sowie einen Fragebogen. Die Arbeitsfähigkeit wurde mithilfe des „Work-Ability-Index“ (WAI) ermittelt und den Vorgaben entsprechend in die Kategorien „kritisch“ (7-27 Punkte), „mäßig“ (28-36), „gut“ (37-43) und „sehr gut“ (44-49) eingeteilt. Das subjektiv empfundene Betriebsklima konnte auf einer 5-stelligen Skala von sehr gut bis sehr schlecht bewertet werden. Assoziationen zwischen Betriebsklima und (dichotomisiertem) WAI wurden mit logistischen Regressionsanalysen untersucht
Ergebnisse: Insgesamt nahmen 17.351 Personen am Gesundheits-Check teil, wobei bei 15.565 Teilnehmern vollständige Angaben bzgl. des WAI und des Betriebsklimas vorlagen. Die Teilnehmer waren im Durchschnitt 43,5 Jahre alt (SD: 9,7) und mehrheitlich männlich (79,2%). Dem WAI zufolge ergab sich für 1,6% eine kritische, für 13,5% eine mäßige, für 51,6% eine gute und für 33,3% eine sehr gute Arbeitsfähigkeit. Das Betriebsklima wurde von 7,5% als (sehr) schlecht, 33,5% als durchschnittlich und 59,0% als (sehr) gut eingeschätzt. Dabei war die Arbeitsfähigkeit im Falle eines (sehr) guten Betriebsklimas bei 90,5% ebenfalls (sehr) gut. Dieser Anteil lag mit jeweils 79,9% und 62,9% bei Personen mit durchschnittlichem bzw. (sehr) schlechtem Betriebsklima deutlich niedriger. Im logistischen Regressionsmodell waren die (adjustierten) Odds einer guten/sehr guten Arbeitsfähigkeit bei Personen mit einem durchschnittlichen Betriebsklima um 2,49 (95%-KI: 2,16-2,88) höher und bei solchen mit einem (sehr) guten Betriebsklima um 5,21 (95%-KI: 4,50-6,03) höher als bei Teilnehmern mit einem (sehr) schlechten Betriebsklima.
Diskussion: Die Untersuchung hat ergeben, dass ein positiver Zusammenhang zwischen Betriebsklima und Arbeitsfähigkeit vorhanden ist. Aufgrund des Querschnittscharakters der Daten sind keine kausalen Schlüsse zulässig. Analysen von Längsschnittdaten müssen zeigen, inwiefern eine Veränderung des Betriebsklimas tatsächlich eine Verbesserung/Verschlechterung der Arbeitsfähigkeit bewirken kann.
Herr Dr. Matthias Claus
Corporate Health Management, BASF SE
Beruflichen Belastungen von Pflegekräften mit und ohne Kinder im Haushalt (Heiko Schumann, York Brentrup, Mareen Oberschmidt, Irina Böckelmann)
Hintergrund
In Zeiten des demografischen Wandels, des Fachkräftemangels und der stetig sinkenden Zahl der Erwerbstätigen wächst die Bedeutung der organisationalen Struktur- und Rahmenbedingungen in der Pflege. Die beruflichen Belastungen werden zusätzlich durch familiäre Rahmenbedingungen verstärkt. Dabei ist das Ausmaß der Belastungen und Beanspruchungen aus dem beruflichen Alltag der Pflegekräfte, im Vergleich zu anderen Berufsgruppen, besonders hoch. Das Erleben von Arbeitsplatzbelastungen wird von Pflegenden unterschiedlich wahrgenommen und kann bei langfristigen negativen Einflüssen zu diversen Gesundheitsbeeinträchtigungen und Krankheiten führen.

Fragestellung
Welche beruflichen Belastungen haben Pflegekräfte mit Kindern und ohne Kinder?

Probanden / Methode
In einer quantitativen Querschnittsstudie wurden 62 Pflegekräfte (Alter: 39,31 ± 9,61 Jahre; Stichprobe mit Kindern N 34 und ohne Kinder N25) einer Universitätsklinik mittels standardisierten Fragebogen zum arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmuster (AVEM 44) befragt. Des Weiteren erfolgte eine Zuordnung der Pflegekräfte in die Gruppen mit Gesundheitsrisiko (A, B) und mit gesundheitsförderlichem Verhalten (G, S).

Ergebnisse
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Pflegekräfte mit Kindern im Haushalt signifikant niedrigere Stanine-Werte zur Bedeutsamkeit der Arbeit (p = 0,037*, 4,32 ± 1,902 vs. 5,40 ± 1,915), zum Erleben sozialer Unterstüzung (p = 0,021*, 4,65 ± 1,704 vs. 5,72 ± 1,720) und tendenziell zum beruflichen Ehrgeiz (p = 0,051, 4,00 ± 2,118 vs. 5,00 ± 1,732) erreichen als Pflegekräfte ohne Kinder im Haushalt. In Bezug auf die AVEM-Gruppenzuordnungen der Gesamtstichprobe der Pflegekräfte zeigte sich, dass 47,7 % der Pflegekräfte ein gesundheitsgefährdendes Verhalten (Risikomuster A – Risiko i. S. der Selbstüberforderung oder Risikomuster B – Risiko i. S. von Resignation und Depression) aufweisen. Bei 31,8 % der Pflegekräfte liegt ein Verhalten i.S. von Schonung vor und lediglich 20,5 % der Pflegekräfte haben gesundheitsförderliches Verhalten.

Diskussion
Die Verhaltens- und Erlebensmerkmale gehen als persönliche Ressourcen in die Auseinandersetzung mit den beruflichen Anforderungen ein. Aus der Ableitung der Ergebnisse zu den Belastungen und Beanspruchungen von Pflegekräften mit und ohne im Haushalt lebender Kinder wird der Handlungsbedarf deutlich, der sich aus der Betrachtung der organisationalen Belastungsfaktoren und Ressourcen ergibt. Besorgniserregend in diesem Kontext ist, dass bei 48 Prozent der Pflegekräfte eine Intervention in Bezug auf den Gesundheitsaspekt erforderlich ist. Um langfristigen (Fehl-)Beanspruchungsfolgen vorzubeugen, ist eine Stärkung gesundheitsförderlicher Muster erforderlich.
Herr Dr. Heiko Schumann
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Medizinische Fakultät Bereich Arbeitsmedizin Leipziger Straße 44 (Haus 20) 39120 Magdeburg
Arbeitsbezogener Erholungs- und Belastungszustand bei Einsatzkräften der Hilfsorganisationen und der Berufsfeuerwehren im Rettungsdienst (Heiko Schumann, Kathrin Stoltze, Irina Böckelmann)
Hintergrund / Zielsetzung
Im Rettungsdienst ist eine stetige Zunahme der Einsatzzahlen zu beobachten. Darüber hinaus steigen die Anforderungen an die Einsatzkräfte seit Jahren kontinuierlich an. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie es gelingt, die Belastungen, die aus den Arbeitsbedingungen entstehen, so zu adaptieren, dass sowohl die Gesundheit als auch die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten im Rettungsdienst erhalten bleibt. Auf dieser Grundlage verfolgte die Studie das Ziel, den aktuellen Grad der Erholung und Beanspruchung der Einsatzkräfte zu ermitteln.

Methoden
Im Rahmen einer quantitativen Querschnittsstudie wurde zur Erhebung des Erholungs- Beanspruchungszustand der standardisierte EBF Fragebogen (25 Items) verwendet. Dabei konnten insgesamt 276 Fragebögen (Rücklaufquote 32,5%) von Einsatzkräften im Rettungsdienst in die statistische Analyse einfließen.

Ergebnisse
Die Ergebnisse zum Erholungs- und Beanspruchungszustand verdeutlichen, dass Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen signifikant höhere Werte zur Erholung angeben als Einsatzkräfte der Berufsfeuerwehren im Rettungsdienst. Das betrifft die Hauptskale: Erholung (p ≤ 0,001***) sowie die Subskalen: körperliche Erholung (p = 0,010*), allgemeine Erholung und Wohlbefinden (p ≤ 0,001***) sowie den erholsamen Schlaf (p = 0,003**). Des Weiteren zeigt sich, dass Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen niedrigere Werte zu den Beanspruchungen angeben als Einsatzkräfte der Berufsfeuerwehren. Dieses Ergebnis verdeutlicht die Hauptskale der Beanspruchung (p ≤ 0,001***) als auch die Subskalen emotionale Belastung (p = 0,006**), ungelöste Konflikte – Erfolgslosigkeit (p = 0,026*), Übermüdung und Zeitdruck (p ≤ 0,001***).

Schlussfolgerungen
Es wird deutlich, dass die beiden zu vergleichenden Organisationen den optimalen Bereich des Erholungszustandes nicht erreichen. Daraus ableitend ist ersichtlich, dass für beide Organisationen entscheidendes Verbesserungspotential besteht. Demzufolge werden durch Beanspruchungen Ressourcen verbraucht, die sich bei steigender Belastung völlig erschöpfen können. Somit führt eine Beeinträchtigung der Erholungsphase zu einem veränderten psychophysischen Gesamtzustand. Aufgrund der Ergebnisse scheinen beide Organisationen Zielgruppen mit notwendigem Handlungsbedarf für betriebliche Präventions- und Gesundheitsförderungsprogramme zu sein.
Herr Dr. Heiko Schumann
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Medizinische Fakultät Bereich Arbeitsmedizin Leipziger Straße 44 (Haus 20) 39120 Magdeburg
Subjektive Schlafqualität von Rettungsdienstpersonal im Geschlechtervergleich (Carmen Cortes, Heiko Schumann, Jutta Schürmann-Lipsch, Kathleen Süß, Christiane Löffler, Irina Böckelmann)
Einleitung
Schlafstörungen präsentieren sich als eine Beeinträchtigung der Schlaftiefe als auch der Schlafdauer, wodurch die Regeneration und damit auch die Erholung des Organismus verringert werden.
Besonders Schichtarbeiter leiden häufiger unter Schlafstörungen. Diese Störungen lassen sich jedoch erschwert mit Hilfe von dokumentierten Arbeitsunfähigkeiten nachweisen.
Die meisten Fehltage aufgrund einer Insomnie werden von jungen Frauen in Anspruch genommen. Ferner haben Frauen eine höhere Inzidenz für eine Insomnie und sind zweimal häufiger an Schlafstörungen betroffen bzw. bewerten ihre Schlafqualität insgesamt schlechter als Männer. Ziel dieser Studie ist die Analyse des Schlafverhaltens von Rettungsdienstpersonal im Geschlechtervergleich.

Methodik
In einer quantitativen Querschnittsstudie wurden 719 Einsatzkräfte (594 Männer, 125 Frauen, 18 - 62 Jahre)aus dem Rettungsdienst in Deutschland mittels standardisierten Fragebogens zur Schlafqualität (PSQI) retrospektiv befragt. Die Einsatzkräfte wurden anhand der aus 7 Komponenten ermittelten Gesamtscore in gute- und schlechte Schläfer (Cut-off-Wert = 5) eingeteilt. Für eine differenzierte Auswertung wurden die chronischen Schlafstörungen, als Teil der schlechten Schläfer ebenfalls separat betrachtet.

Ergebnisse
Anhand des PSQI konnten die Probanden in „Gute Schläfer“ (n = 298) und in „Schlechte Schläfer“ (n = 405) unterteilt werden, sodass sich nach Ausschluss von nicht eindeutiger Gruppenzugehörigkeit eine Probandenzahl von 703 ergab. Hier wiesen weiblichen Einsatzkräfte eine schlechtere Schlafqualität auf als die männlichen Kollegen (PSQI-Gesamtpunktzahl 7,19 vs. 6,44 Punkte; p = 0,016*).
Bei der weiteren Differenzierung in Gruppen „Schlechte Schläfer“ und „Chronische Schläfer“ dominieren weibliche Probanden in diesen deutlich gegenüber den männlichen Probanden. Bei Frauen treten häufiger Schlafstörungen auf und es ist eine höhere Tagesmüdigkeit nachzuweisen.

Schlussfolgerungen
Das Ergebnis zeigt eine deutliche Dominanz der negativen Schlafqualität unter dem Rettungsdienstpersonal, die genderspezifische Unterschiede aufweist. Die Befragung der Einsatzkräfte im Rettungsdienst zeigt deutlich, dass standardisierte Verfahren zur subjektiven Einschätzung der Schlafqualität neben Analysen der dokumentierten Arbeitsunfähigkeiten von hoher Relevanz sind, um frühzeitig die betroffenen Mitarbeiter zu beraten und ihnen Präventionsmaßnahmen anzubieten.
Frau Carmen Cortes
The study of burnout among ambulance service employees in different gender groups (Myroslav Tymbota, Igor Zavgorodnii, Valeriy Kapustnyk, Viktor Zabashta, Olga Lalymenko, Beatrice Thielmann, Irina Böckelmann)
Nowadays there is an insufficient research on the development of burnout among ambulance service employees. The purpose of the study was to determine the risk of emotional burnout and work-related behavior and experience patterns among ambulance service employees of different gender.
The study involved 85 people: 28 men and 57 women. The middle age was 44±13.4 year. All participants were ambulance workers, working also as general practitioners (37 participants) and paramedics (48 participants). In order to study emotional burnout the Maslach Burnout Inventory (MBI) and the questionnaire of work-related behavior and experience patterns (AVEM) were used.
In accordance with the burnout classification established by Kalimo et al. the participants showed the following results: 21.4% of men and 47.7% of women had no burnout symptoms; 71.4% of men and 50.9% of women had some burnout symptoms; 7.1% of men and 1.8% of women experienced severe burnout symptoms. The differences between gender groups was significant (PChi-Quadrat nach Pearson = 0.046). Men have a higher level of emotional burnout than women as well as a higher risk of burnout occurrence. It is also worth noting that there is a tendency of burnout risk among the majority of the participants (57.6% of respondents had some burnout symptoms).
According to the data captured from the AVEM questionnaire, the following results were determined: 35.7% of men and 31.6% of women are assigned to A-pattern, 21.4% of men and 12.3% of women to B-pattern, 17.9% of men and 40.4% of women to G-pattern, 25% of men and 15.8% of women to S-pattern. No significant difference between the groups was identified (PChi-Quadrat nach Pearson = 0.183). 49.2% of all participants assign to the risk group.
According to the gathered results, surprisingly, men have a higher level of emotional burnout development. Such notions may be due to the fact that male ambulance service employees have a higher rank, and therefore a grader responsibility than women, which may affect the development of emotional burnout of male participants. In order to reduce the risk of developing burnout, it is recommended to take measures to improve the emotional status of ambulance service employees, as well as establish general measures to prevent the occurrence of burnout.
Herr Myroslav Tymbota
The study of stress inventory and the risk of neurosis among ambulance workers (Maksym Stytsenko, Myroslav Tymbota, Igor Zavgorodnii, Valeriy Kapustnyk, Olga Lalymenko, Beatrice Thielmann, Irina Böckelmann)
Nowadays studies of stress level and the development of neurosis among ambulance workers are unsatisfactory. The purpose of this study was to determine the risk of neurosis and stress resistance among ambulance workers in Ukraine and evaluate it in dependence of gender.
The study involved 85 people: 28 men and 57 women. The middle age was 41 ± 13.4 years. All participants were ambulance workers, working as doctors (37 participants) and paramedics (48 participants). To study neurosis, “Der Beschwerdefragebogen” (BFB) was used and to study stress inventory “Differentielles Stress Inventar” (DSI) method was used.
According to the BFB questionnaire, it was found that about 3/4 of all respondents (77.6 %) have no signs of neurosis (75 % in men and 78.9 % in women). 10.6% of all respondents have some signs of neurosis (10.7 % in men, 10.5 % in women), 11.8 % of respondents are of the neurotic type (14.3 % in men, 10.5 % in women). There was no significant difference between the groups according to BFB questionnaire (pChi-Quadrat nach Pearson = 0,876)
According to the DSI questionnaire, half of the all participants are assigned to type III (50.0 % in men and 50.9 % in women). Type IV was expressed exclusively in women (15.8 %). Type I and type II were more pronounced in men (25.0 % and 17.9 % compared to women 15.8 % and 8.8 %). Type V was equally present in both gender groups (7.1 % in men and 8.8 % in women). However, there was no significant difference between the groups according to DSI questionnaire (pChi-Quadrat nach Pearson = 0,156).
To sum up, more than a half or the participants have bad consequences under the influence of the stress. Most of them avoiding stress, but they also can’t use coping against the stress. However, women have special group with good coping, but it’s small group. Both genders mostly haven’t got any symptoms of the neurosis, which is a good sign. In the future, it is planned to study the influence of individual factors on the development of emotional burnout, as well as the development of measures to reduce its risk.
Herr Maksym Stytsenko
Lehrstuhl für Hygiene und Ökologie № 2, Charkower Nationale Medizinische Universität
Herr Myroslav Tymbota
Herr Valeriy Kapustnyk
Lehrstuhl für Innere- und Berufskrankheiten, Charkower Nationale Medizinische Universität
Donnerstag
12 Mar
15:00 - 16:00
Posterdiskussion
Posterdiskussion
  • Biomonitoring (Vortragende: A. Schäferhenrich, J. Hiller, S. Koslitz, R. Feltes, T. Jäger, O. Henschel, T. Göen, A. Seidel, S. Bäcker, C. Fischer, W. Weistenhöfer)
  • Haut und andere Epithelien (Vortragende: K. Golka, C. Steiner, S. Mini Vijayan, A. De Rentiis, G. Jordakieva)
  • Infektionen (Vortragende: R.S. Görtz, J.F. Kersten, A.C. Kordsmeyer, S. Kutzora)
  • Belastung und Beanspruchung in verschiedenen Berufen (Vortragende: G. Güzel-Freudenstein, K. Diekmann, C.B. Hohmann, F. Jung, S. Mache, B. Thielmann, T. Wirth, K. Zub, A.C. Kordsmeyer, D. Jung, M. Claus, H. Schuhmann)
  • Belastung und Beanspruchung im Rettungsdienst (Vortragende: H. Schuhmann, C. Cortes, M. Tymbota, M. Stytsenko)
Raum: Glasbau (UG) (Standort: Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81337 München)
2,6-Difluorbenzoesäure als sensitiver Biomonitoringparameter einer beruflichen Belastung gegenüber 2,6-difluorsubstituierten Benzoylharnstoffinsektiziden (Anja Schäferhenrich, Emir Taghikhani, Thomas Göen)
Einleitung
Benzoylphenylharnstoffderivate werden als Insektizide weltweit eingesetzt, wobei von den zahlreichen Vertretern dieser Wirkstoffgruppe nur fünfzehn Verbindungen kommerzielle Bedeutung erlangt haben. Von diesen weisen zwölf eine 2,6‑Difluorsubstitution am Benzoylring auf, so auch das Diflubenzuron, das unter dem Handelsnamen DimilinTM auf dem Markt ist. Aus Tierversuchen ist bekannt, dass die 2,6‑Difluorbenzoesäure (2,6‑DFBA) einen relevanten Metaboliten der 2,6‑difluorsubstituierten Benzoylphenylharnstoffderivate darstellt. Da in der wissenschaftlichen Literatur bislang keine Methode zu Bestimmung der 2,6‑DFBA in Urin publiziert wurde und keine Daten zur 2,6‑DFBA-Ausscheidung beim Menschen vorliegen, wurde eine sensitive Methode zur Quantifizierung von 2,6‑DFBA in Urin entwickelt.
Methode
Zur Bestimmung der 2,6‑DFBA wurden Urinproben mit 5‑Brom‑2‑fluorbenzoesäure als Internem Standard versetzt, mit verdünnter Salzsäure angesäuert und mittels SPE aufgereinigt. Das Eluat wurde zur Trockne abgeblasen und der Rückstand mit 10 µl MTBSTFA aufgenommen. Die Proben wurden für eine Stunde bei 80°C derivatisiert. Nach Zugabe von 990 µL Toluol wurde der Anlytgehalt in den Proben mittels GC‑MS bestimmt. Mit der umfassend validierten Methode wurden die 2,6‑DFBA-Gehalte im Urin von drei Beschäftigten nach Handhabung und Sprühausbringung von DimilinTM Bestimmt. Insgesamt wurden 34 Urinproben vermessen.
Ergebnisse
Bei Aufarbeitung von 2 mL Urin lag die Bestimmungsgrenze bei 1,3 µg/L. Die Präzision in der Serie wurde zu 7,7%; 4,2% bzw. 2,9% bei einer dotierten Konzentration von 2,5; 20 bzw. 100 µg 2,6‑DFBA pro Liter Urin (n=5) bestimmt. Bei denselben Analytkonzentrationen lag die Präzision von Tag zu Tag bei 8,9%, 2,1% bzw. 3,8% (n=5). Die Wiederfindungsrate lag im Bereich von 93-106%. Ein Einfluss der Matrix auf die Messergebnisse wurde nicht festgestellt. In den Urinproben der DimilinTM-Anwender wurden im Mittel 42,1 ± 47,2 µg 2,6‑DFBA/L Urin quantifiziert (Median 12,8 µg/L; Bereich 0,786-151 µg/L).
Schlussfolgerungen
Die von uns entwickelte und umfassend validierte Methode zur Bestimmung der 2,6‑DFBA in Urin wurde erfolgreich eingesetzt, um die innere Belastung von Arbeitern nach Umgang mit DimilinTM erstmalig nachzuweisen. Die 2,6‑Difluorbenzoesäure erscheint dabei als geeigneter Parameter, um eine berufliche Belastung gegenüber 2,6‑difluorsubstituierten Benzoylphenylharnstoffinsektiziden zu erfassen.
Frau Dr. Anja Schäferhenrich
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Systemische Beryllium-Belastung nach Arbeitsunfall im Zeitverlauf (Julia Hiller, Dominik Naglav-Hansen, Thomas Göen, Hans Drexler)
Einleitung
Beryllium ist ein Leichtmetall, welches z.B. in der Elektronikindustrie eingesetzt wird, aber auch vielfältige andere industrielle Verwendung findet. Dadurch kann es zu beruflichen Belastungen mit Beryllium kommen. Neben akuten und chronischen Belastungen sind auch Arbeitsunfälle ein Thema und erfordern ggf. eine arbeitsmedizinisch-toxikologische Beurteilung.

Methodik
Im Rahmen eines Arbeitsunfalls mit Explosionstrauma war es bei einem 28-jährigen Mann zu einer schweren Verletzung der linken Hand mit ausgeprägtem Weichteilschaden und Einsprengungen unbekannter Mengen von Berylliumverbindungen in Thorax und Gesicht gekommen. Eine zusätzliche inhalative Belastung ist ebenfalls nicht auszuschließen. Während der klinischen Nachbetreuung wurde wiederholt Beryllium im Urin sowie im Blut mittels ICP-MS bestimmt. Der Nachbeobachtungsverlauf umfasst Biomonitoringuntersuchungen über mehr als 3 Jahre nach dem Unfall.

Ergebnisse
Beryllium im Urin lag initial (7 Tage nach dem Unfall) mit 4,48 µg/L fast 100-fach über dem Referenzwert (0,05 µg/l). Im ersten Jahr zeigte sich ein deutlicher Rückgang der Berylliumkonzentration im Urin, allerdings bei weiterhin über dem Referenzwert liegenden Werten. Erst 3 Jahre nach dem Unfall wurden erstmals wieder Konzentrationen unterhalb des Referenzwertes gemessen. Beryllium im Blut wurde erstmals knapp 5 Monate nach dem Unfall bestimmt und lag dabei mit 1,41 µg/L ebenfalls um etwa Faktor 100 über dem Referenzwert (0,015 µg/L). Bis zuletzt, mehr als 3 Jahre nach dem Unfall, lag eine erhöhte Beryllium Konzentration im Blut vor (0,03 µg/L).

Diskussion
Die natürliche Umweltbelastung mit Beryllium ist sehr gering. Beryllium ist allerdings ist als krebserzeugend im Menschen eingestuft, zusätzlich besteht die Gefahr einer Sensibilisierung von Haut und Atemwegen und einer Berylliose. Grenzwerte zur Beurteilung einer gesundheitlichen Gefährdung aufgrund der Kanzerogenitätseinstufung liegen aktuell nicht vor. Aufgrund der Einsprengungen mit vermutlich intra- bzw. subkutan verbliebenem Material und der unklaren Expositionssituation entspricht der lange Ausscheidungsverlauf keiner einfachen, gleichförmigen Eliminationskinetik einer akuten Belastung. Eine über längere Zeit fortbestehende systemische Belastung mit Beryllium muss in Betracht gezogen werden.
Frau Dr. med. Julia Hiller
Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg
Bestimmung von Benzo[a]pyren-Tetrol und 1-Hydroxypyren im Urin nach beruflichen PAK-Expositionen (Stephan Koslitz, Holger M. Koch, Ralph Hebisch, Michael Hagmann, Thomas Brüning, Tobias Weiß)
Einleitung: Gemische polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe (PAK) sind als humankanzerogen eingestuft. Während Benzo[a]pyren (BaP) in der Arbeitsplatzluft als Leitkomponente einer PAK-Einwirkung dient, ist im Biomonitoring seit mehreren Dekaden 1-Hydroxypyren im Urin (1-OHP), ein Metabolit des nicht kanzerogen PAK Pyren, etabliert. Da das Verhältnis zwischen Pyren und BaP je nach Ursprung des PAK-Gemisches unterschiedlich ausfallen kann, sollte neben dem 1-OHP auch ein neu etablierter Biomarker Benzo[a]pyren-Tetrol (BaP-Tetrol) vergleichend in Proben von PAK-Exponierten und Nicht-Exponierten bestimmt werden.
Methoden: Für die Bestimmung des BaP-Tetrols wird Urin mit internem Standard (13C6-BaP-Tetrol) und Glucuronidase zur Hydrolyse versetzt. Anschließend wird das BaP-Tetrol mittels Festphasenextraktion angereichert und von störenden Matrixbestandteilen abgetrennt. Nach Derivatisierung (BSTFA/TMCS) erfolgt die Quantifizierung mittels Gaschromatographie und Tandem-Massenspektrometrie (LVI-GC-NCI-MS/MS). BaP-Tetrol und 1-OHP wurden in Urinproben von 10 Rauchern und 24 Nichtrauchern aus der Allgemeinbevölkerung, in 10 Nachschichtproben von PAK-belasteten Beschäftigten aus der Recyclingindustrie sowie in vier Urinproben eines Feuerwehrmannes nach Aufenthalt in einer Brandsimulationsanlage bestimmt.
Ergebnisse: Es konnte in allen Proben BaP-Tetrol nachgewiesen werden. Der Median der Personen aus der Allgemeinbevölkerung (N=34) lag bei 0,07 ng/g Krea (0,01 – 0,66), Raucher und Nichtraucher unterscheiden sich nicht signifikant. Die Beschäftigten der Recyclingindustrie wiesen mit einem Median von 1,03 ng/g Krea (0,54 – 1,89) signifikant höhere Konzentrationen auf. Beim durch PSA (inkl. Atemschutz) geschützten Feuerwehrmann fanden sich im Maximum 2,12 ng/g Krea zwei Stunden nach Exposition. Während das BaP-Tetrol nach etwa 10 h den Wert vor Expositionsbeginn erreichte, fiel das 1-OHP erst nach 17 Stunden wieder auf den Ausgangswert.
Schlussfolgerungen: Der neu vorgestellte PAK-Biomarker BaP-Tetrol ist hinreichend diagnostisch empfindlich, um berufliche Expositionen von der ubiquitären Hintergrundbelastung differenzieren zu können. Während 1-OHP beim Feuerwehrmann eine vergleichsweise moderate PAK-Belastung anzeigte, ergab das Biomonitoring anhand von BaP-Tetrol, dass er zu den höher Exponierten zählte. Für eine quantitative Risikoabschätzung bei Expositionen gegenüber unterschiedlichen PAK-Gemischen erscheint das BaP-Tetrol somit besser geeignet.
Herr Stephan Koslitz
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gestzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Systematisches Review über Selenkonzentrationen in verschiedenen biologischen Medien weltweit (Ruth Feltes, Annette Greiner, Hans Drexler)
Selen ist ein essenzielles Spurenelement, welches jedoch in höheren Dosen toxisch wirkt. Die Selenversorgung verschiedener Bevölkerungen variiert stark, da sie u.a. abhängig vom Selengehalt der Böden, dem Import von selenhaltigen Lebensmitteln und regionalen Ernährungsgewohnheiten ist. Ziel des systematischen Review war es, die aktuelle Selenversorgung der Normalbevölkerungen weltweit abzubilden.
Es wurde eine systematische Literaturrecherche in den Datenbanken „PubMed“ und „Cochrane Library“ durchgeführt, um eine aktuelle Übersicht über Biomonitoring-Werte zu erhalten. In einer Pilotphase wurden verschiedene Suchbegriffe evaluiert und anhand der Ergebnisse wurde als Suchbegriff „selenium AND human AND healthy AND (urine OR plasma OR serum)“ gewählt. Der Suchzeitraum wurde auf die letzten 10 Jahre begrenzt. Studien mit Kollektiven, die nur aus Kindern, Schwangeren, Kranken oder alten Menschen bestanden, wurden ausgeschlossen. Sofern mehrere Studien für ein Land vorlagen, wurde ein gewichtetes arithmetisches Mittel gebildet.
Studien aus 41 Ländern konnten in die Auswertung einbezogen werden. In 149 Artikeln wurde der Selenwert im Blut (Plasma/Serum n=144, Vollblut n=12, Erythrozytengehalt n=7) gemessen. Es ergaben sich für Plasma/Serum Mittelwerte bzw. gewichtete Mittel zwischen 58,7 µg/l (Tschechien) und 162,1 µg/l (Taiwan). Für Europa lagen die Ergebnisse aus 14 Ländern zwischen 58.7 µg/l (Tschechien) und 130,3 µg/l (Bulgarien). Unter europäischen Nachbarländern zeigte das Länderdreieck Italien (92,33 µg/l), Österreich (103µg/l), Schweiz (98,4 µg/l) die geringsten Unterschiede im Selenstatus auf. Es wurden 5 deutsche Studien eingeschlossen, die ein gewichtetes Mittel von 89,64 µg/l ergaben. Auch in Vollblut und Erythrozyten zeigte sich weltweit betrachtet eine erhebliche Spannweite.
Beim Biomonitoring von Selen und seiner Beurteilung sowie bei der Evaluation von Studienergebnissen zu Selen müssen regionale Unterschiede in der Selenversorgung bedacht werden. Nur im Vergleich mit einem geeigneten Referenzkollektiv unter Beachtung der zahlreichen Einflussfaktoren lassen sich Biomonitoring-Ergebnisse für Selen korrekt einordnen. Bei der Interpretation des deutsches BAT-Wert von 150 m/l muss dies berücksichtigt werden, wenn sich der Arbeitsplatz nicht in Deutschland befindet.
Frau Annette Greiner
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Schillerstraße 25/29 91054 Erlangen
Entwicklung und Validierung eines LC-MS/MS-Verfahrens für das Human Biomonitoring von Bisphenol A, Bisphenol F und Bisphenol S im Urin (Thomas Jäger, Michael Bader)
Einleitung
Bisphenole sind eine Gruppe von chemischen Substanzen, die sich aus der Grundstruktur von zwei über einen Kohlenstoff, Schwefel oder Benzolring verbundenen p-Hydroxyphenylgruppen ableiten. Bisphenole werden unter anderem zur Herstellung polymerer Kunststoffe wie Polycarbonate, Polyepoxidharze und Polyethersulfone eingesetzt. Bisphenol A (BPA; CAS-Nr. 80-05-7), Bisphenol F (BPF; CAS-Nr. 620-92-8) und Bisphenol S (BPS; CAS 80-09-1) wurden von der europäischen Human Biomonitoring Initiative HBM4EU auf die Liste zu bearbeitender Stoffe gesetzt mit dem Ziel, bestehende HBM-Methoden zu harmonisieren und Expositionsdaten zu generieren. Zur berufsbedingten Exposition liegen derzeit nur wenige (BPS) oder keine (BPF) Erkenntnisse vor.

Material und Methoden
Zur quantitativen Bestimmung von BPA, BPF und BPS in Urin wurde ein Verfahren auf Basis der Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS) mit isotopenmarkiertem internem Standard entwickelt, das sowohl die Bestimmung der unkonjugierten Bisphenole als auch deren Gesamtkonzentration ermöglicht. Die Probenvorbereitung besteht aus einer enzymatischen Hydrolyse sowie einer dispersiven flüssig/flüssig-Mikroextraktion.

Ergebnisse
Die Bestimmungsgrenze der analytischen Methode wurde gemäß DIN 32645 ermittelt und liegt bei 0,25 µg/L (BPA), 0,1 µg/L (BPF) und 0,05 µg/L (BPS). Die Präzision in der Serie (n = 10) und von Tag zu Tag (n = 6) beträgt für dotierte Urinproben (c = 0,25 – 20 µg/L) 1,7 – 12,2 % bzw. 2,7 – 15,3 %. Die mittlere relative Wiederfindung in zehn verschiedenen Urinproben liegt bei einer dotierten Konzentration von 2 µg/L im Bereich von 92,2 - 105,8 % und im Bereich von 88,9 - 102,8 % bei einer Konzentration von 10 µg/L. Im Zuge der Methodenentwicklung haben sich bei dem Parameter BPF gravierende Matrixeffekte gezeigt, die durch den Einsatz eines isotopenmarkierten internen Standards und einer Optimierung der Elutionsbedingungen kompensiert werden konnten. Mit der beschriebenen Methode wurde mit allen drei Parametern erfolgreich an den Interlaborvergleichen des HBM4EU-Projektes teilgenommen.

Schlussfolgerung
Mit dem neu etablierten Verfahren lässt sich die Konzentration der drei Bisphenole im Urin spezifisch und empfindlich bestimmen. Es ermöglicht sowohl die Untersuchung der Hintergrundbelastung der Allgemeinbevölkerung als auch berufsbedingter Expositionen am Arbeitsplatz.
Herr Thomas Jäger
Evaluierung der inhalativen Gefahrstoffexposition in chemischen Laboratorien – Erkenntnisse für die Gefährdungsbeurteilung (Oliver Henschel, Michael Bader)
Einleitung
Zur industriellen Produktion von Chemikalien gehören neben Syntheseanlagen, Transport- und Lagereinrichtungen auch Laboratorien, in denen Forschungsarbeiten, Materialprüfungen sowie Qualitäts- und Produktkontrollen durchgeführt werden. Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung wird in der Regel davon ausgegangen, dass in diesen Fällen keine unzulässig hohe Exposition gegenüber Gefahrstoffen auftritt, wenn nach den Kriterien der TRGS 526 (Laboratorien) fachkundiges Personal nach den einschlägigen Vorschriften und dem Stand der Technik unter laborüblichen Bedingungen arbeitet. Zur praktischen und quantitativen Prüfung dieser Annahme wurde an einem Großstandort der chemischen Industrie eine Auswertung von Arbeitsplatzmessungen aus den Jahren 2010 bis 2018 durchgeführt.

Methoden
Die Laboratorien wurden in drei Kategorien eingeteilt: Forschungslabore (z.B. Synthesen, präparative Arbeiten, n = 85), Qualitäts- und anwendungstechnische Labore (z.B. Produktprüfungen, Verfahrenstests, n = 85) sowie Produktionslabore (z.B. Produktstromkontrolle, n = 62). Personenbezogene Messungen in der Laborraumluft wurden von einer standortinternen akkreditierten Messstelle durchgeführt und als 8-h-Schichtmittelwerte dokumentiert.

Ergebnisse
Insgesamt wurden die Ergebnisse von 4.596 Einzelmessungen für 259 Gefahrstoffe ausgewertet. Zu den am häufigsten untersuchten Stoffen gehörten einfache Alkohole, Ester, Ketone, Aromaten, chlorierte Kohlenwasserstoffe, Nitrile und Acrylate. In allen Laborkategorien lagen mehr als 50 % der Ergebnisse unterhalb der Bestimmungsgrenze des jeweiligen Verfahrens. Auffällige Ergebnisse wurden nur in wenigen Fällen beobachtet, überwiegend bei Stoffen mit niedrigen Bewertungsmaßstäben von < 1 mg/m3 (z.B. Grenzwerte nach TRGS 900, DNEL, etc.). Die gemessenen Konzentrationen waren unabhängig vom Dampfdruck der Gefahrstoffe.

Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse der Untersuchung mit Messdaten aus neun Jahren bestätigen die Annahme, dass bei Einhaltung der Vorgaben der TRGS 526 nicht mit einer unzulässig hohen inhalativen Exposition gegenüber Gefahrstoffen mit einem Bewertungsmaßstab über 1 mg/m3 gerechnet werden muss. Im Fall von Stoffen mit guter Hautresorbierbarkeit oder kanzerogenen Stoffen ohne Schwellenwerte ist es für eine adäquate Gefährdungsbeurteilung allerdings sinnvoll, zusätzliche Kriterien heranzuziehen, z.B. die Ergebnisse von Human-Biomonitoring-Untersuchungen.
Herr Prof. Dr. Michael Bader
BASF SE
Qualitätssicherung für das Biomonitoring von Metall-Spezies am Beispiel der Arsenspezies (Thomas Göen, Barbara Schaller, Hans Drexler)
Für eine belastbare Risikobeurteilung von Metallen und Halbmetallen ist häufig eine Expositionserfassung der konkreten einwirkenden chemischen Struktur notwendig. Dieses kann z.B. durch die differenzierende Analytik der verschiedenen Metallverbindungen (Spezies) im biologischen Material erfolgen. Für Arsenverbindungen ist die Bestimmung der Arsenspezies im Urin durch die Existenz von Beurteilungswerten (BLW, BAR, EKA) und anerkannten Analysenverfahren etabliert. Im Ringversuchsprogramm, welches im Auftrag der DGAUM organisiert wird (GEQUAS), wird zudem eine externe Qualitätssicherung für Arsenspezies seit 20 Jahren angeboten. Im Beitrag soll über die Entwicklung und Ergebnisse dieser Qualitätssicherung für Arsenspezies berichtet werden.
Im GEQUAS wurden seit dem 25. Ringversuch (2000) die Parameter Arsenit (AsIII), Arsenat (AsV), Monomethylarsonsäure (MMA) und Dimethylarsinsäure (DMA) in Urin und seit dem 56. Ringversuch (2015) der Parameter Arsenobetain (AsB) in Urin im arbeitsmedizinischen Belastungsbereich angeboten. Seit dem 57. Ringversuch (2016) wurden alle fünf Parameter zusätzlich auch im umweltmedizinischen Belastungsbereich angeboten.
Die Teilnehmerzahlen an dem Arsenspezies-Parametern im arbeitsmedizinischen Konzentrationsbereich hat sich innerhalb des Zeitraums 2000 bis 2019 von zunächst 8 auf nunmehr 21 Laboratorien deutlich gesteigert. Das Angebot im umweltmedizinischen Konzentrationsbereich nahmen zuletzt 10 Laboratorien war. Der Sollwerte waren für das arbeitsmedizinische Angebot in den Bereichen 1-27 µg/L für AsIII, 2-39 µg/L für AsV, 1-22 µg/L für MMA, 6-113 µg/L für DMA und 55-68 µg/L für AsB und für das umweltmedizinische Angebot 0,08-1,62 µg/L für AsIII, 0,23-1,60 µg/L für AsV, 0,44-3,10 µg/L für MMA, 1,61-25,8 µg/L für DMA und 2,89-127 µg/L für AsB. Während in den ersten Jahren zum Teil auch Erfolgsquoten um 50 % auftraten, sind die Erfolgsquoten in den letzten Jahren auf gleichmäßig hohem Niveau.
Das Qualitätsangebot für die Bestimmung von Arsenspezies in Urin hat sich in der Praxis sowohl für den arbeitsmedizinischen als auch umweltmedizinischen Bereich etabliert. Dabei konnte trotz des Zulaufs neuer Teilnehmer ein Trainingseffekt verzeichnet werden.
Herr Prof. Dr. rer. nat. Thomas Göen
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen
Analysis of 3-hydroxy-BaP and BaP-tetraol in human urine as biomarkers of BaP exposure using GC-APLI-MS (Albrecht Seidel)
Urinary metabolites are valuable biomarkers of human exposure to polycyclic aromatic hydrocarbons (PAH) considered of health concern. Among them, benzo[a]pyrene (BaP) is known as the most investigated carcinogenic PAH. For evaluating exposure to PAH mixtures, 1-hydroxypyrene, a major metabolite of the non-carcinogenic pyrene, has hitherto been established as the routine biomarker. As the ratio of pyrene and BaP can vary substantially in PAH mixtures, BaP metabolites, such as 3-hydroxybenzo[a]pyrene (3-OH-BaP) or BaP-7,8,9,10-tetraols (BaP-tetraol) are regarded as more valuable urinary biomarkers for carcinogenic PAH [1]. The latter not only reflect PAH exposure, but also include the metabolic activation pathway to the ultimate-carcinogenic bay-region diol epoxides [1].
Due to the very low urinary concentrations of BaP metabolites, in particular of BaP-tetraol, a very sensitive method is needed for their analysis. In this work, gas chromatography coupled to atmospheric pressure laser ionization and time-of-flight-mass-spectrometry (GC-APLI-MS) was applied for this purpose. The great potential of GC-APLI-MS has previously been demonstrated in environmental PAH analysis taking advantage of high sensitivity and selectivity due to the APLI-induced ionization mechanism resulting in very low detection limits such as 25 fg/uL for BaP [2].
Method development for 3-OH-BaP analysis included conjugate cleavage, use of an internal standard and antioxidant, optimization of clean-up to minimize the matrix interference, a sufficient derivatization step with methyl iodide, enrichment by SPE and Sephadex LH-20 column, and an appropriate injection mode. An analogous strategy was envisaged for the analysis of BaP-tetraol. Permethylation was the method of choice as persilylation did not allow sensitive detection by APLI.
Our initial results demonstrate that the use of GC-APLI-MS methods provide exceptional sensitivity for quantification of both 3-OH-BaP [3] and BaP-tetraol metabolites [4] in human urine in the lower pg/L range.
Herr Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Albrecht Seidel
Biochemisches Institut für Umweltcarcinogene, Prof. Dr. Gernot Grimmer Stiftung
Human Biomonitoring bei Einsatzkräften der Feuerwehr nach Exposition gegenüber Acrylnitril (Sandra Bäcker, Stefan Webendörfer, Gert Van Bortel, Michael Bader)
Einleitung: Mittels Human Biomonitoring (HBM) lassen sich Gefahrstoffexpositionen nach kurzfristigen Belastungen oder unfallartigen Ereignissen untersuchen. Der Vergleich mit arbeits- und umweltmedizinischen Beurteilungswerten erlaubt eine Bewertung der Gefahrstoffaufnahme, die Identifizierung expositionsgefährdeter Tätigkeiten und eine belastbare Risikokommunikation. Die meist kurzen Halbwertszeiten der Gefahrstoff-Metabolite erfordern eine zeitnahe und möglichst standardisierte Probensammlung.

Methode: An einem Produktionsstandort der chemischen Industrie kam es im Januar 2019 aufgrund einer Behälterreaktion mit Brand und Produktaustritt (Acrylnitril) zum Einsatz der Werkfeuerwehr. Unmittelbar nach Einsatz und am Folgetag wurden im Rahmen eines standardisierten HBM-Programms Urinproben der Feuerwehreinsatzkräfte gesammelt. Mittels UHPLC-MS/MS wurden die Proben auf den Biomarker des Acrylnitrils, Cyanoethylmercaptursäure (CEMA), untersucht (Bestimmungsgrenze der analytischen Methode: 1 µg/L). Die Ergebnisse der Untersuchung wurden anschließend hinsichtlich der Angaben auf den mit der Probe eingereichten Fragebögen ausgewertet.

Ergebnisse: Nach dem Einsatz wurden insgesamt 55 valide Proben für das HBM gesammelt. Anhand der Angaben auf den Fragebögen wurden die Proben in „Proben vom Einsatztag“ (n = 39) und „Proben vom Folgetag“ (n = 16) unterteilt. Weiterhin erfolgte eine Einteilung in Nichtraucher-Proben, Raucher-Proben sowie Proben ohne Angabe zum Raucherstatus. In 32 % der Nichtraucher-Proben wurde eine CEMA-Konzentration oberhalb des Referenzwertes für Nichtraucher (10 µg/g Kreatinin, BAR) festgestellt (Höchstwert: 357 µg/g Kreatinin). Dabei traten die höchsten CEMA-Konzentrationen in Zusammenhang mit der Tätigkeit „Brandwache“ auf (Median 152,6 µg/g Kreatinin). In Proben, die am Folgetag des Einsatzes gesammelt wurden, zeigte sich sowohl bei den Nichtrauchern als auch bei den Rauchern ein Rückgang der Acrylnitril-Belastung.

Fazit: Auf Basis der HBM-Ergebnisse kann im Rahmen des Einsatzes von einer geringen bis moderaten Exposition gegenüber Acrylnitril ausgegangen werden. Bei Nichtrauchern wurden dabei CEMA-Konzentrationen in Höhe typischer Acrylnitril-Belastungen von Tabakrauchern beobachtet. Besondere Beachtung sollte dem Schutz vor Gefahrstoffen während Brandwachen gelten.
Frau Dr. Sandra Bäcker
BASF SE
Identifizierung von in vitro Phase I Metaboliten des phenolischen Benzotriazols UV-327 mit humanen Lebermikrosomen und LC-MS/MS (Corinna Fischer, Edgar Leibold, Thomas Göen)
Einleitung
2,4-Di-tert-butyl-6-(5-chloro-benzotriazol-2-yl)phenol (UV-327) findet Anwendung als UV-Stabilisator in Kunststoffen und wurde bereits in diversen Umweltmatrizes detektiert. Dennoch gibt es bislang kaum Informationen bezüglich humaner Exposition und keine Kenntnisse über den Metabolismus der Substanz. Aus diesem Grund wurden in vitro Versuche mit humanen Lebermikrosomen zur Identifizierung von Phase I Metaboliten durchgeführt.

Methoden
UV-327 wurde mit humanen Lebermikrosomen inkubiert. Zur Detektion von Phase I Metaboliten wurde NADPH als Cofaktor in Form eines NADPH-generierenden Systems hinzugefügt. Nach Abbruch der Enzymreaktion durch Zugabe eines organischen Lösungsmittels wurden die erhaltenen Extrakte mittels LC-ESI-MS/MS analysiert.

Ergebnisse
Es wurden potentielle Metaboliten mit einer Massenverschiebung von +16, +30, +32 und +46 im Vergleich zu UV-327 detektiert. Die folgenden Metaboliten wurden postuliert und als Referenzsubstanzen zur Überprüfung der Ergebnisse synthetisiert: zwei monohydroxylierte Metaboliten (+16), zwei monocarboxylierte Metaboliten (+30), ein dihydroxylierter Metabolit (+32) und zwei Metaboliten mit sowohl einer Hydroxy- als auch Carboxyfunktion (+46).

Schlussfolgerung
In Experimenten mit humanen Lebermikrosomen wurden oxidative Phase I Metaboliten von UV-327 identifiziert, die durch Einfügen von Hydroxy- und Carboxygruppen entstanden sind. Die Metaboliten werden im weiteren Verlauf in die Entwicklung einer Methode zum Human-Biomonitoring in Urin aufgenommen und die Ergebnisse aus den in vitro Experimenten zur Aufklärung der in vivo Biotransformation von UV-327 genutzt.
Frau Corinna Fischer
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, FAU Erlangen-Nürnberg
Antimon-Biomonitoring – Ein Beispiel für die kohärente Arbeitsweise der Arbeitsgruppen der Ständigen Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe (Wobbeke Weistenhöfer, Elisabeth Eckert, Anja Schäferhenrich, Thomas Göen, Hans Drexler, Andrea Hartwig)
Einleitung
Die Ständige Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (MAK-Kommission) bewertet Gefahrstoffe und erarbeitet entsprechende Analysenmethoden für die Prävention von Gesundheitsgefährdungen am Arbeitsplatz. Die Arbeitsgruppen „Aufstellung von Grenzwerten in biologischem Material“ (BAT-AG) und „Analysen in biologischem Material“ (AibM-AG) schaffen zusammen die wissenschaftlich basierten Voraussetzungen für die Durchführung und Bewertung des Biomonitorings.
Methoden und Zielsetzung
Das Halbmetall Antimon (Sb) wird u.a. als Flammschutzmittel in Kunststoffen, aber auch als Zusatzstoff in Sprengstoffzündern und Munition eingesetzt. Es ist als krebserzeugend im Tierversuch eingestuft (Kanzerogenitätskategorie 2). Eine mehrjährige inhalative Exposition gegen Antimonstäube kann zudem bei beruflich Exponierten Nasenbluten, Schäden am Nasenseptum und eine Antimonpneumokoniose (Staublungenerkrankung) hervorrufen. Zum Schutz exponierter Personen sind wissenschaftlich abgeleitete Beurteilungswerte in biologischem Material notwendig. Die Bestimmung der inneren Belastung mit Antimon erfolgt über eine Antimonbestimmung im Urin. Um eine Antimonexposition hinsichtlich ihrer Toxizität besser bewerten zu können, ist eine Speziesbestimmung hilfreich.
Ergebnisse
Im Rahmen der BAT-AG wurden publizierte Studien zur inneren Antimonbelastung ausgewertet. Aus zwei europäischen Studien mit Angabe der 95. Perzentile wurde ein Biologischer Arbeitsstoffreferenzwert (BAR) von 0,2 µg Sb/L Urin abgeleitet, wobei die Probenahme wegen der langsamen Eliminationskinetik bei Langzeitexposition am Schichtende nach mehreren vorangegangenen Schichten erfolgen sollte.
Die AibM-AG hat ein Verfahren für die Bestimmung der Antimonspezies Sb(III) und Sb(V) sowie des positiv geladenen Trimethylantimons (CH3)3Sb2+ im Urin auf Basis der Kopplung von Anionenaustauschchromatographie und ICP-MS-Technik entwickelt, geprüft und publiziert.
Schlussfolgerungen
Der BAR für Antimon und seine anorganischen Verbindungen beschreibt die Hintergrundexposition beruflich nicht gegenüber Antimon exponierter Personen und erlaubt damit die Beurteilung einer möglichen beruflichen Exposition. Die Kommission reagierte mit der Ableitung eines BAR auf die Besorgnis durch Munitionsdämpfe und -stäube beim Schießtraining exponierter Polizeibeamte. Mit der neu entwickelten Analysenmethode ist es möglich, auch unterschiedliche Antimonspezies zu bestimmen.
Frau Dr. med. Wobbeke Weistenhöfer
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Die Berücksichtigung von Schwangerschaftsgruppen bei der Evaluierung von Beurteilungswerten in biologischem Material: Sicherheit und Schutz für das ungeborene Leben (Wobbeke Weistenhöfer, Britta Brinkmann, Gerlinde Schriever-Schwemmer, Sandra Michaelsen, Rüdiger Bartsch, Katrin Klotz, Hans Drexler, Andrea Hartwig)
Zielsetzung
Das ungeborene Kind von schwangeren Beschäftigten kann auch bei Einhaltung von MAK- und BAT-Werten nicht ausreichend geschützt sein, da bei deren Ableitung die fruchtschädigende Wirkung nicht berücksichtigt wird. Zur Einschätzung des Risikos durch die einzelnen Substanzen hat die Ständige Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe vier Schwangerschaftsgruppen (A – D) aufgestellt. Bei Arbeitsstoffen mit Zuordnung zur Schwangerschaftsgruppe B (fruchtschädigende Wirkung bei Einhaltung des MAK‐ oder BAT‐Wertes nicht auszuschließen) wird durch die Kommission geprüft, ob es möglich ist, einen Hinweis zu geben, welche Konzentration des Stoffes der Zuordnung zur Schwangerschaftsgruppe C (fruchtschädigende Wirkung bei Einhaltung des MAK‐ oder BAT‐Wertes nicht anzunehmen) entsprechen würde (Gruppe B mit Hinweis auf Voraussetzung für Gruppe C).
Methoden
Es werden, wenn vorhanden, epidemiologische Studien zur Entwicklungstoxizität, aber überwiegend Daten aus Tierversuchen bei der Evaluierung berücksichtigt.
Ergebnisse
Die Arbeitsgruppe „Aufstellung von Grenzwerten in biologischem Material“ hat für Chlorierte Biphenyle und Dimethylformamid, die in die Schwangerschaftsgruppe B eingestuft wurden, eine Stoffkonzentration im Blut ermittelt, bei der eine fruchtschädigende Wirkung nicht anzunehmen ist (Schwangerschaftsgruppe B mit Hinweis auf Voraussetzung für Gruppe C). Bisher wurden die BAT-Werte von 1,1,1-Trichlorethan, Methanol, Chlorbenzol und Lindan geprüft und die Einstufung in Schwangerschaftsgruppe C bestätigt.
Schlussfolgerungen
Die Evaluierung von MAK- und BAT-Werten hinsichtlich ihrer fruchtschädigenden Wirkung ermöglicht es schwangeren Frauen mit Stoffen der Schwangerschaftsgruppe C oder Schwangerschaftsgruppe B mit Hinweis auf Voraussetzung für Gruppe C ohne Risiko für ihr ungeborenes Kind zu arbeiten. Weitere Evaluierungen werden kontinuierlich durchgeführt.
Frau Dr. med. Wobbeke Weistenhöfer
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Das Harnblasenkarzinom als Langzeitfolge einer unfallbedingten Querschnittlähmung – eine Untersuchung an über 7000 Querschnittpatienten (Klaus Golka, Christian Tiburtius, Kai Fiebag, Birgitt Kowald, Sven Hirschfeld, Roland Thietje, Ines Kurze, Wolfgang Schöps, Michael Zellner, Holger Böhme, Albert Kaufmann, Thura Kadhum, Ralf Böthig)
Fragestellung: Unfallbedingte Querschnittlähmungen infolge von Arbeits- oder Wegeunfällen sind für alle Betroffenen eine Herausforderung. Mit steigender Lebenserwartung für Menschen mit Querschnittlähmung steigt auch das Risiko, an Harnblasenkrebs zu erkranken. In der vorliegenden Studie wird der Frage nachgegangen, wie häufig das Harnblasenkarzinom im untersuchten Patientenkollektiv anzutreffen war und ob es Unterschiede zu Harnblasenkarzinomen in der Allgemeinbevölkerung gibt.
Methodik: Retrospektive Single-Center-Auswertung von konsekutiven Patientendaten mit Querschnittlähmung und Harnblasenkarzinom.
Ergebnis: Vom 01.01.1998 bis 31.12.2018 wurde bei 37 (4 weiblich, 33 männlich) von 7004 Patienten mit Querschnittlähmung ein Harnblasenkarzinom diagnostiziert. Das Durchschnittsalter zum Zeitpunkt der Tumordiagnose lag mit 54,0 Jahren deutlich unter dem in der Allgemeinbevölkerung (männlich: 74, weiblich: 75 Jahre).
Die mediane Latenzzeit zwischen dem Beginn der Querschnittlähmung und der Tumordiagnose betrug 29,5 Jahre. Dauerkatheter-Ableitungen bestanden bei nur 8 Patienten für nur 5,09% (Median: 15,5 Monate) der Gesamt-Latenzzeit. 27 Patienten wiesen ein Urothelzellkarzinom auf, 5 Patienten ein Plattenepithelkarzinom. 30 Patienten hatten zum Zeitpunkt der Diagnose bereits einen muskel-invasiven Tumor ≥ T2. Histologisch lag bei 27 Patienten ein G3-Karzinom vor. Das mediane Überleben für alle Patienten betrug 12 Monate, für Patienten mit Plattenepithelkarzinom nur 4 Monate. Nur bei 2 der 37 Patienten betrug die Latenzzeit zwischen Unfallereignis und Harnblasenkrebsdiagnose weniger als 10 Jahre.
Schlussfolgerung: Das um ca. 20 Jahre jüngere Alter der Tumor-Patienten und die Häufigkeit invasiver, schlecht differenzierter Tumoren bei der Diagnose weisen darauf hin, dass das Vorliegen einer Querschnittlähmung sowohl Risiko als auch Prognose der Harnblasentumor-Erkrankung signifikant beeinflusst. Die Latenzzeit zwischen Lähmungseintritt und Tumorerkrankung scheint ein maßgeblicher Risiko-Faktor zu sein. Ein Screening nach einem Harnblasenkarzinom darf nicht von der Art der Harnentleerung abhängig gemacht werden.
Herr Prof. Klaus Golka
Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund
Beruflich erworbene Allergie auf einen roten Azofarbstoff beim Färben von Wolle (Constanze Steiner, Ingrid Sander, Monika Raulf, Thomas Brüning, Rolf Merget, Christian Eisenhawer)
Hintergrund: Bei einem Textilveredler traten im Rahmen seiner Tätigkeit, dem Färben von Wolle, mehrfach respiratorische und gastrointestinale Beschwerden auf. Während des Färbevorgangs wurde die Wolle mit Farbstoff aufgekocht, und beim Einatmen der aufsteigenden Dämpfe wurde dem Beschäftigten übel, er erbrach sich, außerdem wurde er heiser bis zum Stimmverlust und bekam starke Luftnot. Hier stellte sich nun die Frage nach einer Allergie auf einen der verwendeten Azofarbstoffe. Die Firma hatte eine Liste mit den in Frage kommenden Wollfarbstoffen erstellt.
Methoden: Zum Nachweis einer beruflich verursachten Allergie wurde sowohl eine Prick-Testung der verschiedenen Farbstoffe in unterschiedlichen Verdünnungsstufen, als auch eine spezifische IgE-Testung gegen verschiedene Woll-Reaktivfarbstoffe durchgeführt. Für die spezifische IgE-Testung wurden die Woll-Reaktivfarbstoffe an humanes Serumalbumin (HSA) gekoppelt, und die Konjugate biotinyliert und an Streptavidin-ImmunoCAPs gekoppelt.
Ergebnisse: Der Pricktest zeigte auf alle Verdünnungen des Farbstoffs Reactive Red 65 konzentrationsabhängige Reaktionen, deren Quaddeln ab einer Konzentration von 0,062% auch von Pseudopodien begleitet wurden. Die übrigen getesteten Farbstoffe riefen keine signifikante Reaktion hervor.
Übereinstimmend dazu ergab auch die spezifische IgE-Testung mit dem HSA-Konjugat des Farbstoffs Reactive Red 65 eine Reaktion mit 5,93 kUA/L (CAP-Klasse 3). Für eine Atopie des Patienten gab es anamnestisch keine Hinweise, und auch die Serologie war unauffällig. Das Gesamt-IgE lag bei 45,7 kU/l, der Basistest mittels spezifischem IgE gegen ubiquitäre Inhalationsallergene (sx1) ergab nur eine diskrete Erhöhung (CAP-Klasse 1, 0,48 kUA/L). Die Lungenfunktion und die Methacholinprovokation ergaben einen Normalbefund ohne Anhalt für ein Asthma bronchiale. Die Spezifitätskontrolle mit fünf Seren von vergleichbaren Gesamt-IgE- und sx1-Werten war ein allen Fällen eindeutig negativ.
Schlussfolgerung: In Zusammenschau mit der Klinik diagnostizierten wir eine Allergie auf den Azofarbstoff Reactive Red 65 (CAS-Nr. 70210-40-1). Die klinischen Angaben des Patienten legen eine Rhinokonjunktivitis mit systemischer Reaktion (Schwellung im Larynxbereich: Heiserkeit, Luftnot und gastrointestinaler Reaktion: Erbrechen) nahe. In Zukunft wird der Beschäftigte den Kontakt zu Azofarbstoffen strikt vermeiden und die Anerkennung als Berufskrankheit wurde empfohlen.
Frau Dr. Constanze Steiner
Dr. med. Constanze Steiner Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA) B
Effect of different Calcium Gluconate formulations on Dermal Fluoride Penetration following Hydrofluoric Acid Exposure- an Ex vivo Diffusion Cell Study (Suvarna Mini Vijayan, Thomas Göen, Hans Drexler, Sonja Kilo)
Introduction: Hydrofluoric acid (HF) is widely used in industry and research. Dermal exposure even in low concentrations can cause systemic poisoning. HF penetrates skin tissue and forms an insoluble calcium complex by releasing protons which increases dermal acidification. In an acidic skin tissue, penetration of fluorides can increase. The aim of the study was to analyse the effect of different formulations of calcium gluconate on the reduction of systemic transdermal fluoride penetration.

Methods: A static diffusion cell model was employed in this study. Freshly excised human skin (0.9 mm thickness) was exposed to 30% HF (100µl/0.64 cm2 exposure area) for 1 or 3 min ex vivo and removed by means of dry cotton swab (n=1). Different calcium gluconate (CaGlu) formulations 0.128mval (2.5%)gel, 0.128mval (2.84%) and 0.45mval (10%) solution with or without buffer were used as cleaning agents. The skin was cleaned with 4 cotton swabs consecutively dipped in decontaminating agents followed by 10 mins exposure to the same agent (removed by 4 cotton swabs). Samples were taken from the receptor solution at 0, 1, 4, 6, 12 and 24 hrs and analysed by Fluoride electrode.

Results: The results demonstrate that CaGlu gel showed ~25% higher decontamination capacity when compared with CaGlu solution (both 0.128 mval). Compared to unbuffered CaGlu, CaGlu with tricine reduced the cumulative penetrated fluoride amount slightly, and with HEPES by ~23%. It was also observed that 10% (0.45 mval) CaGlu showed ~25% higher efficacy in decontamination of fluoride compared with 2.84% (0.128 mval) CaGlu.

Conclusion: It can be concluded that efficacy of CaGlu to decontaminate skin exposed to HF depends on the formulations used. Also controlling the pH of the skin by using buffer solutions seems to influence the fluoride penetration. Taken together decontamination potency of CaGlu as cleaning agent for HF exposure might be facilitated by adding buffers.
Frau Suvarna Mini Vijayan
Institute and Polyclinic for Occupational, Social and Environmental Medicine of the University of Erlangen-Nürnberg Henkestraße 9-11 91054 Erlangen
Gastric acid disruption as a potential risk factor for workplace-related allergic symptoms (Galateja Jordakieva, Michael Kundi, Eva Untersmayr-Elsenhuber, Isabella Pali-Schöll, Berthold Reichard, Erika Jensen-Jarolim)
A connection between gastric acid suppression and promotion of allergy has been described in animal models and observational studies in human subjects. In order to determine whether gastric pH modulation increases the prevalence of allergic symptoms, prescriptions of anti-allergic medication (antihistamines, allergen immunotherapy) and acid-inhibiting drugs (proton pump inhibitors, H2-blockers, sucralfate, prostaglandin E2) were assessed in an Austrian-wide analysis. Rate ratios for antiallergic drugs following gastric acid inhibitor prescriptions were 1.96 (95%CI1.95-1.97) in the country-wide and 3.07 (95%CI2.82-3.27) in a regional (Burgenland) analysis. This epidemiological relationship was particularly pronounced in women and in older adults (>60a). These findings should be considered in occupational health consultations and carry implications for workers with occupational allergen exposure.
Frau Dr. med. univ. Galateja Jordakieva
Institut für Arbeitsmedizin Universitätsklinik für Innere Medizin II Medizinische Universität Wien
Ein alltäglicher Fall? Dengue-Fieber als Berufskrankheit nach Dienstreise (Rüdiger Stephan Görtz, Jozsef Adam, Holger Wentzlaff)
Die Kasuistik handelt von einer 28-jährigen Mitarbeiterin einer großen, international tätigen Firma, die an Dengue-Fieber nach einer 10-tägigen Dienstreise nach Vietnam und Kambodscha erkrankte. Die BK-Verdachtsanzeige wurde nach 2,5 Monaten vom Betriebsmediziner nach eigenmotivierter Vorstellung der Mitarbeiterin gemeldet, und die BK 3104 schließlich anerkannt.
Jeder Arzt sollte an eine BK bei Erkrankungen nach Dienstreisen denken und den V.a. eine BK entsprechend melden. Eine systematische Planung der Pflichtvorsorge vor einer Dienstreise (sowie Angebotsvorsorge bei Rückkehr) in Absprache mit dem Arbeitsgeber ist sinnvoll und verpflichtend (s. ArbMedVV). Bei Beratungen zur Reise-Pflichtvorsorge muss auf Mücken-übertragbare, nicht-impfpräventable Erkrankungen und Mückenschutz (Kleidung, Repellentien, Netz) hingewiesen werden. Arbeitsmedizinische Vorsorge vor Dienstreisen in die Tropen ist mehr als reine Impfberatung. Entsprechende Zeitkontingente sind einzuplanen.

Tabelle 1 Berufskrankheit (BK) 3104: durch Infektionserreger oder Parasiten verursachte Tropenkrankheiten
Jahr
2005
2010
2015
2016
2017

Gemeldet
332
344
327
365
329

Anerkannt
nn
176
153
179
129