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Mittwoch
02 Sep
10:00 - 11:00
DGAUM
Eröffnungspressekonferenz
Raum: Hörsaal 7
Mittwoch
02 Sep
11:30 - 13:30
DGAUM
Eröffnungsveranstaltung
1. Begrüßung (Prof. Hans Drexler)
2. Grußworte
  • Dr. Erich Pospischil, Präsident der ÖGA
  • Dr. Klaus Stadtmüller, Präsident der SGARM
  • Prof. Simone Schmitz-Spanke und Prof. Jessica Lang, Tagungsleitung
3. Preisverleihungen (Prof. Hans Drexler)
  • Franz-Koelsch-Medaille
  • Rutenfranz-Medaille
  • DGAUM-Innovationspreis
  • ASU Best Paper Award
4. Festvortrag: "5 Jahre Präventionsgesetz" (Dr. Thomas Steffen, Staatssekretär des Bundesministeriums für Gesundheit)
5. Bewegtes Schlusswort (Prof. Simone Schmitz-Spanke, PD Dr. Pavel Dietz)
Raum: Hörsaal 6
Mittwoch
02 Sep
18:00 - 20:00
DGAUM
Mitgliederversammlung der DGAUM
Geschlossene Veranstaltung nur für DGAUM-Mitglieder
Raum: Hörsaal 6
Samstag
05 Sep
09:00 - 16:30
Seminar S0
Neues über Berufskrankheiten – Refresherkurs „Arbeitsmed. Zusammenhangsbegutachtung“
-- Aktualisierung des Refresherkurses vom 01.02.2019 in München --
  • Seminarleitung: Prof. Dr. med. Dennis Nowak, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
  • Teilnahmevoraussetzung: Erfolgreiche Teilnahme am DGAUM-Lehrgang "Arbeitsmedizinische Zusammenhangsbegutachtung" Block A-C
  • Teilnehmeranzahl: max. 30 Personen

9:00 – 9:15 Begrüßung und Einführung (Prof. Drexler)
Teil 1: Beratungen beim Ärztlichen Sachverständigenbeirat „Berufskrankheiten“ über mögliche neue Berufskrankheiten (Liste laut Homepage BMAS)
9:15 – 10:00 Der Ärztliche Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten – Aufgabe, Selbstverständnis
Prof. Hallier
10:00 – 10:30 Coxarthrose durch Tragen und Heben schwerer Lasten (Prof. Bolm-Audorff=
10:30 – 11:00 COPD durch Quarzstaub (Prof. Nowak)
11:00 – 11:30 Lungenkrebs durch Passivrauch (Prof. Bolm-Audorff)
11:30 – 12:00 Muskel-Skelett-Erkrankungen der Schulter (Läsionen der Rotatorenmanschette) (Prof. Bolm-Audorff)
12:00 – 12:45 Pause
Teil 2: Interaktion Medizin – Jurisprudenz
12:45 – 13:30 Weiterentwicklung des Berufskrankheitenrechts: Vorschläge der Arbeitgeber und Versicherten (Prof. Brandenburg)
13:30 – 14:15 Öffnungsklausel des §9 (2) SGB VII: Anforderungen an die Begutachtung, Beispiele (Prof. Brandenburg)
14:15 – 15:00 Gutachterliche Überlegungen zum Wegfall des Unterlassungszwangs (Prof. Drexler)
15:00 – 15:30 Pause
Teil 3: Update Begutachtungsempfehlungen
15:30 – 15:50 Silikose (Bochumer Empfehlung), Asbestkrankheiten (Falkensteiner Empfehlung)
(Prof. Nowak)
15:50 – 16:10 Hautkrankheiten (Bamberger Empfehlung) (Prof. Drexler)
16:10 – 16:30 Fragen, Diskussion
Raum: Hörsaal 5
Vorsitz: Dennis Nowak
Samstag
05 Sep
09:00 - 12:00
Seminar S1
Nacht- und Schichtarbeit
  • Seminarleitung: PD Dr. Johannes Gärtner, CEO XIMES GmbH, Wien
  • Teilnahmevoraussetzung: keine
  • Teilnehmeranzahl: max. 30 Personen

Agenda:
  • Zentrale Wirkungsmechanismen der Arbeitszeit
  • Aktuelle Empfehlungen zur Gestaltung der Arbeitszeit & Abschätzung von Unfallrisiken
  • Ein mögliches Arbeitszeitmodell der Zukunft
  • Diskussion von Fragen der TeilnehmerInnen zur Gestaltung von Arbeitszeiten
Raum: Hörsaal 7
Samstag
05 Sep
09:00 - 12:00
Seminar S3
Reisemedizin und Impfen im Betrieb
Seminarleitung: Prof. Dr. med. Dirk-Matthias Rose, Universitätsmedizin Mainz, Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
Teilnahmevoraussetzung: keine

09:00 – 09:15      Impfen als Betriebsarzt, Spagat zwischen SGB V und SGB VII
                               Univ.-Prof. Dr. med. Dirk-Matthias Rose, stellv. Direktor Institut für Arbeits-,
                               Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

09:15 – 09:30      DGAUM Selekt und Einsatz im Betrieb: Was geht und was geht (noch) nicht?
                               Markus Götz, MSc., Helmsauer-Curamed Managementgesellschaft  für Selektivverträge GmbH

09:30 – 10:00      Schutzimpfungen durch Betriebsärzte am Arbeitsplatz: Wer trägt die Kosten bei
                               beruflichen Indikationen?

                               Donata Gräfin von Kageneck, Rechtsanwältin und Mediatorin, Fachanwältin für Medizinrecht,
                               Fachanwältin für Sozialrecht, BDO Legal Rechtsanwaltsgesellschaft mbH

10:00 – 10:30      Die Risikobewertung als Grundlage für >Präventionsmaßnahmen für die Entsendung
                               von Mitarbeitern ins Ausland

                               Dipl.-Min. Silvester Siegmann, MSc. BSM, Institut für Arbeits- und Umweltmedizin der Heinrich-
                               Heine Universität Düsseldorf

10:30 – 11:00      Einsatz von RABiT (Risk Analysis for Business Travel) als web-basierte Online-Checkliste für
                               Auslandsaufenthalte

                               Dr. med. Eva Dahlke, Institut für Lehrergesundheit am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umwelt-
                               medizin der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

11:00 – 11:45      Neues zum Infektionsschutz und Impfen für beruflich Reisende
                               Prof. Dr. med. habil. Michael Pietsch, Leiter der Impfambulanz der Abt. Hygiene der
                               Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
                         
11:45 – 12:00      Diskussion mit allen Referenten


Referenten:
  • Dr. med. Eva Dahlke, Institut für Lehrergesundheit am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
  • Dipl.-Min. Silvester Siegmann, MSc. BSM, Institut für Arbeits- und Umweltmedizin der Heinrich-HeineUniversität Düsseldorf
  • Donata Gräfin von Kageneck, Rechtsanwältin und Mediatorin, Fachanwältin für Medizinrecht, Fachanwältin für Sozialrecht, BDO Legal Rechtsanwaltsgesellschaft mbH
  • Markus Götz, MSc., Helmsauer-Curamed Managementgesellschaft  für Selektivverträge GmbH

     
Raum: Hörsaal 2
Vorsitz: Dirk-Matthias Rose
Samstag
05 Sep
13:00 - 16:00
Seminar S6
Vorschläge zum medizinischen Vorgehen bei chemietypischen Verletzungen
  • Seminarleitung: Dr. med. Bernd Herber, Infraserv GmbH & Co. Höchst KG, Arbeits- und Gesundheitsschutz
  • Teilnahmevoraussetzung: keine
  • Teilnehmeranzahl: max. 30 Personen
Raum: Hörsaal 2
Vorsitz: Bernd Herber
„Vorschläge zum medizinischen Vorgehen bei chemietypischen Verletzungen“ (Bernd Herber)
Man kann den Umgang mit Chemikalien oder chemischen Zubereitungen im Rahmen der beruflichen Tätigkeit, wie auch bei Freizeitbeschäftigungen als ubiquitär ansehen. Neben der sicher als an der Spitze stehenden chemischen Industrie, werden auch in anderen Gewerken durchaus aggressive Chemikalien verwendet. Weiterhin werden Chemikalien im Rahmen einer „lean produktion“ bzw. beim Onlinehandel auch im großen Maßstab transportiert, so dass es auch immer wieder zu Transportunfällen kommen kann. Ebenso sind auch betriebliche Unfälle mit erheblichen Folgen nicht vollständig auszuschließen.
Darüber hinaus muss prinzipiell auch mit einer absichtlichen Freisetzung von Chemikalien im Rahmen von Vandalismus, kriminellen Handlungen (z. B. „Ätzgraffiti“ mit Flusssäure oder absichtlicher Freisetzung von Pfefferspray) bis hin zu Terroranschlägen gerechnet werden.
Aufgrund der eher geringen Ereignisfrequenz und der hiermit verbunden geringeren Routine stellen Einsätze mit chemietypischen Verletzungen im Regelrettungsdienst und auch für (freiwillige) Feuerwehren eine besondere Herausforderung dar. Ähnliche Fragestellungen ergeben sich auch für Notaufnahmen und Ambulanzen wenn es zur Selbsteinweisung von entsprechend verunfallten Personen kommt.
Im Seminar werden Ihnen grundlegende Maßnahmen vorgestellt, die aus Erfahrungen von chemietypischen Arbeitsunfällen in einem Industriepark mit ca. 22.000 Beschäftigten abgeleitet wurden. Diese sind als Algorithmen auch für den Regelrettungsdienst bzw. Notaufnahmen im Rahmen eines Unfalls mit Chemikalienbeteiligung umsetzbar und sollen dazu dienen das Ausmaß bzw. die Schwere einer Verletzung beim Patienten zu begrenzen. Ebenso wird auf Aspekte der Arbeitssicherheit eingegangen um eine Kontamination der Einsatzkräfte und/oder die Verschleppung eines Gefahrstoffs bis in eine Notaufnahme zu vermeiden, bzw. allen beteiligten Einsatzkräften eine adäquate arbeitsmedizinische Nachbereitung zu ermöglichen.
Im Rahmen von Unfallbeispielen wird auf Verletzungsbilder von speziellen Substanzen eingegangen, die als Grundchemikalien in der chemischen Industrie weite Verwendung finden, die jedoch auch potentiell missbräuchlich zu kriminellen oder terroristischen Zwecken eingesetzt werden könnten. In diesem Zusammenhang wird auch die Verwendung substanzspezifischer Dekontaminationsmittel erläutert und demonstriert.
Herr Bernd Herber
Donnerstag
03 Sep
08:30 - 09:45
Vorträge
Psychische Belastung und Beanspruchung I
Raum: Hörsaal 6
Vorsitz: Petra Maria Gaum und Luis Carlos Escobar Pinzon
Mentale Anforderungen am Arbeitsplatz – der Zusammenhang zwischen Zeitsouveränität, Entwicklungsmöglichkeiten und Depressivität (Felix Hussenoeder, Ines Conrad, Steffi G. Riedel-Heller, Francisca S. Rodriguez)
Hintergrund: Die Self-Determination-Theory benennt Autonomie und Kompetenz als zwei psychologische Bedürfnisse, deren Erfüllung am Arbeitsplatz dazu beitragen kann, die psychische Gesundheit von Mitarbeitern zu schützen. Unsere Studie untersucht, ob mentale Anforderungen am Arbeitsplatz (MAAs), welche Autonomie und Kompetenz adressieren, Personen gegen Depressivität schützen können. Methoden: Wir legten 346 arbeitenden Personen eine selbst entwickelte Itemliste vor und extrahierten mit Hilfe der Hauptkomponentenanalyse die MAAs Zeitsouveränität und Entwicklungsmöglichkeiten. Wir nutzen multivariate Regressionsanalysen (SPSS), um die Auswirkung der MAAs auf Depressivität zu untersuchen sowie Mediationsanalysen (PROCESS) um zu untersuchen, inwiefern diese Auswirkung durch die wahrgenommene Übereinstimmung zwischen Person und Job mediiert wird. Ergebnisse: Sowohl Zeitsouveränität als auch Entwicklungsmöglichkeiten wiesen einen signifikant negativen Zusammenhang mit Depressivität auf. Dieser Zusammenhang wurde im Fall von Entwicklungsmöglichkeiten durch die wahrgenommene Passung zwischen Person und Job mediiert. Diskussion: Unsere Ergebnisse zeigen, dass es sich lohnt, Zeitsouveränität auch unabhängig vom weitverbreiteten Konzept der „Job Control“ zu betrachten, und betonen die Bedeutung der Passung zwischen Person und Job. Außerdem stellen wir mit Entwicklungsmöglichkeiten ein mitarbeiterseitiges, progressives Konzept vor, welches als Ergänzung zu traditionellen Konzepten, wie „skill variation“, verstanden werden kann.
Herr Dr Felix Hussenoeder
Universität Leipzig
Are social conflicts at work associated with depressive symptomatology? Results from the population-based LIFE-Adult-study (Andrea Zülke, Susanne Röhr, Matthias L. Schroeter, A. Veronica Witte, Andreas Hinz, Christoph Engel, Cornelia Enzenbach, Joachim Thiery, Markus Löffler, Arno Villringer, Steffi G. Riedel-Heller)
Background: Conflicts at work can be detrimental to mental health. Existing studies, however, differ in the assessment of social conflicts, i.e. as individual- or job-level characteristics. Here, we investigated the association between conflicts at work assessed as objective job characteristics, and depressive symptomatology, using data from a large population-based sample. Additionally, we investigated gender differences and the impact of personality traits and social resources.
Methods: We used data from the population-based LIFE-Adult-Study from Leipzig, Germany. Information on conflicts at work, assessed as job characteristics, were drawn from the Occupational Information Network, depressive symptoms were assessed via the Centre for Epidemiological Studies Depression Scale. Multilevel linear regression models with individuals and occupations as levels of analysis were applied to investigate the association between conflict at work and depressive symptoms.
Results: Our sample included 2,164 employed adults (age: 18-65 years, mean: 49.3) in 65 occupations. No association between conflictual contacts at work and depressive symptomatology was found (men: b = -0.14 95% CI: -0.98; 0.69, women: b = 0.17, 95% CI: -0.80; 1.14). Risk for depression was mostly explained by individual-level factors like e.g. neuroticism or level of social resources. The model showed slightly higher explanatory power in the female subsample.
Conclusion: Conflicts at work, assessed as objective job characteristics, were not associated with depressive symptoms. Possible links between conflictual contacts and impaired mental health might rather be explained by subjective perceptions of social stressors and individual coping styles.
Frau Andrea Zülke
Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP), Universität Leipzig
Major Depressive Syndrome (MDS) and its association with time of residence among Spanish speaking au-pairs living in Germany - a cross-sectional study (Bernarda Espinoza Castro, Tobias Weinmann, Rossana Mendoza López, Katja Radon)
The number of au-pairs in Germany is on the rise. In 2017, about 13,500 au-pairs were living in German families, almost half of them originating from non-EU countries and many of them from Spanish speaking countries. Knowledge about mental health among au-pairs in Germany is limited. Therefore, the main objective of this study was to assess the prevalence of Major Depressive Syndrome (MDS) and its potential association with time of residence among Spanish speaking au-pairs living in Germany.
A cross-sectional study was carried out, which included a sample of 409 Spanish speaking au-pairs living in Germany. We classified the au-pairs into those who lived less than three weeks in Germany (newcomer au-pairs) and those who arrived two to ten months prior to the survey (experienced au-pairs). The participants were recruited by an online survey (Facebook and Instagram) from August 2018 to June 2019. Socio-demographic characteristics, time of residence in Germany and the level of education were assessed. MDS was assessed by the Patient Health Questionnaire depression module (PHQ-9). Poisson regression models were calculated to evaluate the association between time of residence in Germany and prevalence of MDS.
Most of the participants were female (91%). Almost half of them came from Colombia (48%) and were in the age range between 22-24 years (40%). Prevalence of MDS was 8% among newcomers and 19% among experienced au-pairs (p=0.002). Differences remained statistically significant after adjustment for potential confounders (age, level of education and time of residence in Germany) (Prevalence Ratio 2.25; 95% Confidence Interval: 1.22-4.14). In conclusion, au-pairs may develop mental symptoms during their time abroad. Future prospective studies should aim at identifying potential risk factors and preventive measures.
Keywords: Au-pairs, migrants, time of residence, mental health, Major Depressive Syndrome.
Frau Bernarda Espinoza Castro
Ludwig Maximilians Universität München
Arbeitsbedingte Risikofaktoren für Schlafprobleme (Ulrich Bolm-Audorff, Gabriela Petereit-Haack, Joachim Hirt, Birgitt Krapp, Ingrid Werner, Dieter Zapf)
Methodik:
In eine Querschnittstudie wurden 1.958 Probanden einbezogen, darunter 670 Call Center-Beschäftigte, 179 Lehrkräfte, 142 Bahnbeschäftigte, 99 Busfahrer, 87 Beschäftigte in der Kranken- und Altenpflege, 48 Kliniksärztinnen und –ärzte sowie 733 Kontrollprobanden, bei denen es sich um eine Zufallsstichprobe der Erwerbsbevölkerung handelt. Bei den Probanden erfolgte eine standardisierte Befragung zu psychischen Arbeitsbelastungen mit dem ISTA. Ferner wurden Fragen zur Dauer der Arbeitszeit und des Arbeitsweges sowie zur Schicht- und Nachtarbeit gestellt. Schließlich wurden Schlafprobleme und Müdigkeit am Tage mit dem Instrument von Mohr und Müller (2005) sowie die Einnahme von Schlafmitteln erfasst. Mit Hilfe der Pupillometrie wurde die Schläfrigkeit in einer Teilstichprobe von 457 Probanden gemessen.
Der Zusammenhang zwischen den o.g. arbeitsbedingten Belastungen und häufigen, fast täglichen Schlafproblemen (Ein- und/oder Durchschlafschwierigkeiten) wurde mit Hilfe von Prävalenzratios (PR) berechnet, die für Alter und Geschlecht mit der Coxregression unter Verwendung von SPSS 25 der Fa. IBM adjustiert wurden.

Ergebnisse:
Es fand sich ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen folgenden psychischen Arbeitsbelastungen und dem Risiko für häufige, fast tägliche Schlafprobleme. Verglichen wurde dabei jeweils das oberste und das unterste Tertil: soziale Stressoren am Arbeitsplatz, z.B. Konflikte (PR=3,0 [95%-Perzentil: 2,0-4,4]), hohe Konzentrationsanforderungen (PR=2,1 [95%-Perzentil: 1,4-2,9]), geringer Handlungsspielraum (PR=1,8 [95%-Perzentil: 1,2-2,8]), unklare Anweisungen (PR=1,6 [95%-Perzentil: 1,2-2,3]), geringe persönliche Autonomie (PR=1,6 [95%-Perzentil: 1,1-2,3]), schlechte Arbeitsorganisation (PR=1,5 [95%-Perzentil: 1,1-2,1]) und hoher Zeitdruck (PR=1,5 [95%-Perzentil: 1,1-2,1]).
Ferner fanden sich folgende signifikante Zusammenhänge zwischen den Arbeitsbedingungen und dem Risiko für häufige, fast tägliche Schlafprobleme: lange Arbeitszeit von über 43 Stunden pro Woche inkl. Überstunden (Median: 47, 90%-Perzentil: 62) (PR=1,8 [95%-Perzentil: 1,2-2,7]), Schicht- und Nachtarbeit (PR=1,5 [95%-Perzentil: 1,1-2,1]) und Dauer des Arbeits- und Heimwegs über 90 Minuten pro Tag (Median: 120, 90%-Perzentil: 220) (PR=1,9 [95%-Perzentil: 1,2-2,7]).
Probanden mit häufigen, fast tägliche Schlafproblemen fühlen sich im Vergleich zu Probanden ohne Schlafprobleme signifikant häufiger am Tag müde und zerschlagen (36,0 versus 3,2 %), nehmen häufiger Schlafmittel ein (10,9 versus 1,7 %) und weisen in der Pupillometrie häufiger Zeichen der ausgeprägten Schläfrigkeit auf (12,2 versus 7,3 %).
Herr Prof. Dr. med. Ulrich Bolm-Audorff
Regierungspräsidium Darmstadt, Abteilung Arbeitsschutz und Umwelt, Dezernat Landesgewerbearzt
Psychosomatische und psychotherapeutische Fort- und Weiterbildung für Arbeits- und Betriebsmediziner: Sinnvoll, relevant, wirksam? (Simone Braun, Elena Schwarz, Harald Gündel, Michael Hölzer, Eva Rothermund)
Einleitung
In Betrieben spielen psychosomatische Themen häufig eine Rolle. Demgegenüber finden Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in der Ausbildung von Arbeits- und Betriebsmedizinern (A-&BM) kaum Beachtung. Spezifische Fort- und Weiterbildungsangebote wie eine „Psychosomatische Grundversorgung für A-&BM“ (PSGV) oder vertiefend eine „Psychotherapie fachgebunden für A-&BM“ (PTFG) könnten helfen, diese Lücke zu schließen. Dieser Beitrag geht der Frage nach, inwiefern PSGV und PTFG für A-&BM relevant, wirksam und sinnvoll sind und inwiefern der Umgang mit der eigenen psychischen Gesundheit beeinflusst wird.

Methoden
Teilnehmer (TN) jeweils eines Kurses PSGV und PTFG wurden mündlich und schriftlich befragt. Die schriftlichen Befragungen erfolgten zum Umgang mit psychischer Gesundheit. In qualitativen Experteninterviews wurden Leitfäden (PSGV+PTFG) sowie eine explorative Fragetechnik (PTFG) angewendet. Inhalte waren Motivation, Erwartungen, berufliche Relevanz, Rolle von Führung, Einfluss der Weiterbildung auf die berufliche Praxis sowie die eigene Entwicklung. Die Ergebnisauswertung erfolgte deskriptiv bzw. qualitativ.

Ergebnisse
Eine vorläufige Auswertung der n=27 schriftlichen Befragungen, n=20 Leitfadeninterviews und n=8 explorativen Interviews zeigt, dass A-&BM in Betrieben häufig psychosomatisch belasteten Mitarbeitern begegnen. Führungskräfte in Sandwichpositionen wurden als Risikogruppe benannt. Gleichzeitig wurden Unsicherheiten im Umgang mit Belasteten berichtet, v.a. hinsichtlich der Gesprächsführung. Fallbesprechungen und Balintgruppenarbeit als Teil der PSGV und PTFG wurden als hilfreich empfunden. Ihre Fortschritte sahen TN v.a. in den Bereichen Gesprächsführung, Sicherheit bzw. Selbstvertrauen sowie in der Fähigkeit, sich und eigene Beziehungen zu reflektieren. Der Wunsch nach Erlernen einer Kurzzeittherapie sowie nach einer stärkeren Verankerung der Psychosomatischen Medizin in der Arbeits- und Betriebsmedizin wurde benannt, die Vorteile eines niederschwelligen Beratungsangebots durch A-&BM betont.

Diskussion
Das Interesse am Fort- und Weiterbildungsangebot war hoch. Die Ergebnisse sind vielschichtig und unterstreichen die Relevanz und Sinnhaftigkeit von Fort- und Weiterbildungen für A-&BM im Bereich Psychosomatische Medizin.

Schlussfolgerung
Kurse der PSGV und PTFG werden von A-&BM als sinnvoll, relevant und wirksam erlebt. Eine stärkere Verankerung der Psychosomatischen Medizin in der Arbeits- und Betriebsmedizin ist zu diskutieren.
Frau Dr. Simone Braun
Kompetenzzentrum Ulm für seelische Gesundheit am Arbeitsplatz (Leadership Personality Center Ulm, LPCU), Universität Ulm
Donnerstag
03 Sep
10:15 - 11:30
Vorträge
Psychische Belastung und Beanspruchung II
Raum: Hörsaal 6
Vorsitz: Petra Maria Gaum und Luis Carlos Escobar Pinzon
Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen: Ein wirksamer Weg zur Verbesserung der Arbeitssituation? (Sarah Engler, Miriam Reffet-Siersdorfer, Tobias Rethage, Martin Kern)
Zielsetzung: Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen hat zum Ziel, Belastungen zu erfassen, sodass Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitssituation abgeleitet werden können. In diesem Beitrag werden die Ergebnisse einer Follow-up-Befragung zu durchgeführten Gefährdungsbeurteilungen in einem Unternehmen der chemischen Industrie vorgestellt. Ziel ist es aufzuzeigen, in welchem Umfang Maßnahmen abgeleitet und umgesetzt wurden und wie die Wirksamkeit dieser hinsichtlich der Verbesserung der Arbeitssituation eingeschätzt wurde.

Methode: Die Gefährdungsbeurteilung wurde in 44 Abteilungen/Betrieben durchgeführt. Als Grundlage der Bewertung dienten die in Merkblatt A017 beschriebenen Arbeitsmerkmale der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie. Nach einem Zeitraum von ein bis drei Jahren wurden in einer Follow-up-Befragung alle Arbeitsmerkmale betrachtet, deren Bewertungen „gelb - Maßnahmen erarbeiten und durchführen“ oder „rot - Maßnahmen unverzüglich einleiten“ ausgefallen waren und folgende Fragen gemeinsam mit den Abteilungen/Betrieben beantwortet:
  • Konnten zu den ermittelten Handlungsfeldern Maßnahmen abgeleitet und umgesetzt werden?
  • Waren die Maßnahmen wirksam, d.h. konnte die Belastung reduziert werden?

Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen auf, bei wieviel Prozent der identifizierten Handlungsfelder Maßnahmen erfolgt sind, aber auch welche Schwierigkeiten sich ggf. bei der Ableitung oder Umsetzung von Maßnahmen ergeben haben. Zudem werden Ergebnisse zur Wirksamkeit der erfolgten Maßnahmen aufgezeigt, d.h. in welchem Maße Belastungen reduziert werden konnten.

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Gefährdungsbeurteilung einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Arbeitssituation leisten kann. Auch wenn sich nicht alle identifizierten Handlungsfelder direkt in den „grünen Bereich“ verändern lassen, hilft das Verfahren durch die Kontinuität und Fortschreibung Belastungsschwerpunkte im Auge zu behalten und dauerhaft nach Lösungen zu suchen.
Frau Dr. Sarah Engler
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG
Die MeToo-Debatte in der Gefährdungsbeurteilung. Ein Erfahrungsbericht zur Erfassung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz mit dem COPSOQ (Hans-Joachim Lincke, Nicola Häberle, Alexandra Lindner, Inga Nolle, Martin Vomstein, Ariane Haug, Matthias Nübling)
HINTERGRUND
Die MeToo-Debatte hat auf die Verbreitung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und auf die Folgen aufmerksam gemacht. Sexuelle Belästigung ist damit auch verstärkt zum Thema in der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen geworden. Eine Mitarbeiterbefragung kann für Betriebe die Gelegenheit sein, sich unter Wahrung der Anonymität der/des Einzelnen mit dem Phänomen zu befassen.
METHODE
Der Copenhagen psychosocial questionnaire (COPSOQ) ist ein etablierts Instrument zur Analyse psychischer Arbeitsbelastungen. Seit 2018/2019 hat die FFAW ihren Kunden bei Befragungen mit dem COPSOQ ein Zusatzmodul zur Erfassung von Formen und Folgen sexueller Belästigung angeboten, das auf einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aufbaut. Es umfasst 9 Fragen zu verbaler, non-verbaler und körperlicher Belästigung (vom sexuell konnotierten Witz bis zum tätlichen Übergriff) und 4 Fragen zu Reaktionen der Betroffenen. Die Antwortmöglichkeiten sind „nie, selten, manchmal, oft“ (0-100 skaliert), bezogen auf Ereignisse in den letzten 12 Monaten.
ERGEBNISSE
Insgesamt liegen der FFAW derzeit die Angaben von 772 Beschäftigten aus 8 Betrieben vor. Antwortverteilungen und Mittelwerte zeigt bei allen 13 Fragen ausgeprägte Bodeneffekte (Mittelwerte zwischen 0,5 und 14,3 Punkte). Dabei ist klar eine absteigende Frequenz von verbalen zu non-verbalen bzw. körperlichen Formen der Belästigung zu erkennen. Unterschiede nach Strukturmerkmalen wie Alter, Geschlecht und Position treten punktuell auf. Die Dichotomisierung von Antwortkategorien („nie“ vs. „mind. 1 Ereignis“) kann dazu beitragen, Ergebnisse im Sinne einer 12-Monats-Prävalenz anschaulich und vergleichbar zu machen.
DISKUSSION
Inhaltlich betrachtet, sind starke Bodeneffekte zu begrüßen - schließlich ist jedes Ereignis eines zuviel. Die Anforderung der betrieblichen Praxis lautet dennoch, spezifischen Handlungsbedarfe der einzelnen Einheiten ermitteln zu können. Hier sind immer wieder Diskussionen über "die Größe kleiner Abweichungen" und die Gewichtigkeit der verschiedenen Formen der Belästigung zu beobachten. Messtheoretisch müssen Überlegungen zur Bündelung der Fragen in einer einheitlichen Skala kritisch reflektieren werden. Insgesamt folgen die Ergebnisse den Befunden anderer Untersuchungen, wobei auf den nicht-repräsentative Charakter der vorliegenden Stichprobe hinzuweisen ist.
Herr Dr. Hans-Joachim Lincke
Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften FFAW GmbH
Entwicklung einer Kurzskala zur Erfassung von Arbeitsverdichtung (Roman Soucek, Amanda Voss, Paulina Blessing, Hans Drexler, Klaus Moser)
Der Wandel der Arbeitswelt im Zuge voranschreitender Digitalisierung und Vernetzung geht mit tiefgreifenden Veränderungen einher. Diese führen zu neuen Anforderungen, für welche Betriebe und Beschäftigte noch keine wirksamen Strategien zum belastungsgünstigen Umgang entwickelt haben. Diese Entwicklungen werden folgend unter dem Begriff der „Arbeitsverdichtung“ subsumiert. Aus der aktuellen Literaturlage ergibt sich die Notwendigkeit einer konzeptuellen Fundierung und Operationalisierung dieser neuen Formen der Arbeitsverdichtung. Der Beitrag hat das Ziel, neue Formen der Arbeitsverdichtung inhaltlich zu bestimmen und in einen Kurzfragebogen zu überführen.
Auf der Grundlage von Gruppengesprächen mit bisher 25 Beschäftigten verschiedener Branchen und 25 Experten aus der betrieblichen Praxis (z. B. Management, Betriebsrat, Berufsverbände, Betriebsärzte) wurden die Ursachen und Konsequenzen der neuen Formen von Arbeitsverdichtung identifiziert sowie betriebliche und individuelle Strategien zum Umgang damit herausgearbeitet. Die Gruppengespräche haben ergeben, dass die neuen Formen der Arbeitsverdichtug sehr komplex, vielfältig und meist nicht beabsichtigt sind. Arbeitsverdichtung kann z.B. während Digitalisierungsprozessen auftreten, wenn das Tagesgeschäft weiterhin in gleichem Maße zu bearbeiten ist oder bei der Zusammenarbeit mit anderen Unternehmenseinheiten, deren Prozesse noch nicht digitalisiert wurden. In einer anderen Dimension kann sich Arbeitsverdichtung infolge der Entgrenzung der Arbeit und damit verbundener erweiterter Erreichbarkeit manifestieren.
Die Ergebnisse wurden in ein Modell der Arbeitsverdichtung überführt und darauf basierend ein Kurzinventar (AVENUE) entwickelt, welches die neuen Formen von Arbeitsverdichtung in Form eines Fragebogens abbildet. Die Entwicklung von AVENUE beginnt mit einer Sammlung von Items, von denen nach einer Itemanalyse und explorativen Faktorenanalyse jene ausgewählt werden, die zwischen den verschiedenen Formen der Arbeitsverdichtung differenzieren. Die finale Auswahl von Items wird im Rahmen einer konfirmatorischen Faktorenanalyse bestätigt und anhand verschiedener Maße zu Ursachen und Konsequenzen von Arbeitsverdichtung inhaltlich validiert. AVENUE erlaubt damit Beschäftigten sowie betrieblichen Vertretern des Arbeits- und Gesundheitsschutzes eine erste Einschätzung unterschiedlicher Formen der Arbeitsverdichtung und bietet Ansatzpunkte für Interventionen innerhalb des betrieblichen Gesundheitsmanagements.
Herr Roman Soucek
Lehrstuhl für Psychologie, insbes. Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Zufriedenheit am Arbeitsplatz – Welcher Zusammenhang besteht zur Beurteilung von Vorgesetzten und Kollegen? (Wolfgang Fischmann, Amanda Voss, Regina Lösch, Hans Drexler)
Psychische Belastungen am Arbeitsplatz stehen im Fokus von Arbeits- und Gesundheitsschutz. Kommt es zu Belastungen, können die Ursachen unterschiedlichster Natur sein. Im Rahmen von Gefährdungsbeurteilungen werden daher viele Merkmalsbereiche, z.B. Arbeitsinhalte, -umgebung und -organisation analysiert (s. GDA-Empfehlungen). Auch die zwischenmenschlichen Bereiche - zu Vorgesetzten und Kollegen – sind u.a. mit den Ausprägungen soziale Beziehung und fachliche Qualifikation Bestandteile.
Dass diese beiden Personengruppen eine wichtige Rolle bzgl. des Wohlbefindens einnehmen, zeigen insbesondere die vielen Maßnahmen bzgl. Team oder Führung.

Ziel der Untersuchung ist es, herauszufinden, wie das Sozialverhalten und die fachliche Qualifikation - jeweils bezogen auf Vorgesetzte und Kollegen – mit der Zufriedenheit am Arbeitsplatz zusammenhängen.
In 13 mittleren und größeren Unternehmen wurden per Fragebogenerhebung über alle Beschäftigten Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen durchgeführt. Hier wurde bei 4710 Beschäftigten unter anderem die fachliche und soziale Kompetenz von Vorgesetzten und Kollegen, als auch die Zufriedenheit am Arbeitsplatz abgefragt. Die Befragungen erfolgten sowohl online als auch in Papierform. Der Rücklauf betrug n= 2632 (Median=57,9%). Die Analysen erfolgten mit IBM SPSS Statistics 25.

70,6% gaben an, zufrieden oder sehr zufrieden am Arbeitsplatz zu sein. Die soziale und fachliche Kompetenz des Vorgesetzten wurde von 72% bzw. 84,7% als „gut“ oder „sehr gut“ bewertet. Eine gute Zusammenarbeit mit Kollegen wurde von 94,8% mit „meistens“ oder „immer“ beantwortet, die fachliche Qualifikation von 94,1% als „meistens“ oder „immer“ vorhanden.
Der Zusammenhang zwischen Zufriedenheit am Arbeitsplatz und sozialer Kompetenz des Vorgesetzten war mit r=.387 am größten. Danach folgten die Zusammenhänge zur fachlichen Kompetenz des Vorgesetzten (r=.284) und zur Zusammenarbeit mit Kollegen (r=.258). Am kleinsten war der Zusammenhang zur fachlichen Qualifikation der Kollegen (r=.226). Alle Zusammenhänge waren hoch signifikant (p<0.005).

Die Ergebnisse zeigen eine durchaus wichtige Komponente von Vorgesetzten in Bezug auf die Arbeitszufriedenheit. Auch wenn es andere und ggf. größere Einflussfaktoren auf die Zufriedenheit gibt, so muss bei Vorgesetzen weiterhin viel Wert auf deren Sozialkompetenzen gelegt werden.
Weitere Untersuchungen sollten die unterschiedlichen Bestandteile von Sozialkompetenzen oder verschiedene Führungsstile betrachten.
Herr Wolfgang Fischmann
Wie arbeitet die ältere Erwerbsbevölkerung in Deutschland? Erstellung von 5 typischen Arbeitsprofilen mittels LPA. (Hans Martin Hasselhorn, Michael Stiller)
Einleitung
Bei der arbeitsepidemiologischen Betrachtung der Erwerbsbevölkerung werden meist einzelne oder eine Kombination ausgewählter beruflicher Risikoexpositionen betrachtet (variablenzentrierte Herangehensweise). Von Interesse ist aber auch die personenzentrierte Sichtweise, die untersucht, ob bestimmte Konstellationen von Arbeitsmerkmalen in der Erwerbsbevölkerung häufiger vorkommen und sich darauf basierend unterschiedliche Profilgruppen Erwerbstätiger identifizieren lassen. Dies ist Ziel dieses Beitrags.
Methode
Prospektive Daten der lidA-Kohortenstudie (www.lida-studie.de) wurden verwendet. Zur Profilermittlung wurde eine „latente Profilanalyse“ [LPA; Lazarsfeld & Henry, 1968, STATA 15] auf Basis von neun Arbeitsindices in Erhebungswelle-1 durchgeführt (2011, 6277 Erwerbstätige, repräsentativ für sozialversicherungspflichtige ältere Erwerbsbevölkerung). Varianzanalysen mit Messwiederholung zur Prüfung des Verlaufs arbeitsrelevanter Endpunkte erfolgten mit SPSS-Statistics25 (Wellen 1-3, 2011-2018).
Ergebnisse
LPA führte zu einer Fünf-Profil-Lösung. Die mittleren Zuordnungswahrscheinlichkeiten für jedes Profil lagen bei .90-.94 (=hohe Zuverlässigkeit). 18% aller älteren Erwerbstätigen sind Profil A mit ungünstigen Expositionen gegenüber allen neun Arbeitsindices zuzuordnen (s. Abb.). Profil B: 28%, ungünstiger Arbeitsinhalt, geringe Arbeitsintensität, günstiges soziales Milieu, Profil C: 16%, Spiegelbild von Profil B, hohe Arbeitsintensität, Profil D: 35%, Arbeitsindikatoren positiv, Arbeitsintensität leicht erhöht. Profil E: 3%, günstige Arbeitsindikatoren und sehr hohes Einkommen, aber auch hohe Arbeitsintensität. Profil D weist zu allen drei Zeitpunkten beste psychische Gesundheit auf, Profil E: beste körperliche Gesundheit und Arbeitsfähigkeit, Profil B: niedrigster Work-Family-Konflikt.
Diskussion
Die LPA der lidA-Daten ermöglicht es, die ältere Erwerbsbevölkerung in Deutschland in Bezug auf ihre Arbeitssituation besser zu verstehen. Besonders ungünstige Arbeitsprofile finden sich bei 1/3 aller Beschäftigten. Von Relevanz ist insbesondere hier, den Verlauf von Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und Erwerbsteilhabe weiter zu monitoren und ggf. die Politik auf die Risikogruppen hinzuweisen.

Herr Prof. Hans Martin Hasselhorn
Bergische Universität Wuppertal, Fachgebiet Arbeitswissenschaft
Hans Martin Hasselhorn ist Facharzt für Arbeitsmedizin und seit September 2015 Inhaber des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Er hat in Freiburg und Göteborg Humanmedizin studiert, von 1992 bis 1997 am Universitätsklinikum Freiburg gearbeitet und ist von 1997 bis 1999 als Marie-Curie-EU-Stipendiat am Karolinska Institute in Stockholm in der Arbeitsstressforschung tätig gewesen. Von 1999 bis 2009 war er an der Bergischen Universität Wuppertal im Bereich Arbeitsmedizin tätig, danach leitete er den Forschungsfachbereich „Arbeit und Gesundheit“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist heute der Themenkomplex „Arbeit, Alter, Ge-sundheit und Erwerbsteilhabe“. Zu den von ihm initiierten Forschungsprojekten zählen die Europäischen NEXT-Studie (www.next-study.net) sowie die deutsche Alterskohortenstudie lidA („leben in der Arbeit“, www.lidA-studie.de). Von 2014 - 2015 koordinierte er das internationale Projekt “Understanding Employment Participation of Older Workers”, JPI UEP (http://www.jp-demographic.eu/about/fast-track-projects/understanding-employment).
Donnerstag
03 Sep
13:30 - 14:45
Vorträge
Schichtarbeit
Raum: Hörsaal 6
Vorsitz: Volker Harth
Einfluss von Nachtarbeit auf die Schlafqualität in der IPA-Feldstudie zu Schichtarbeit (Sylvia Rabstein, Katarzyna Burek, Martin Lehnert, Alexandra Beine, Jörg Walther, Dirk Pallapies, Thomas Behrens, Thomas Brüning)
Zielsetzung: Häufige Wechsel in Schlaf-Wach-Rhythmen aufgrund von Schichtarbeit und damit verbundene Auswirkungen auf die circadianen Rhythmen des Körpers sind Gegenstand vieler Untersuchungen. Jedoch gibt es keine Studien an Schichtarbeitern, die die Schlafqualität mittels objektiver Messmethoden und ohne Beeinflussung des üblichen Schlafverhaltens im Feld untersucht haben. Ziel der vorliegenden Studie ist es, die Rolle mehrerer Nachtschichten hintereinander für die Schlafqualität bei Frauen zu beschreiben und Subgruppen zu identifizieren, deren Schlafqualität durch Nachtarbeit besonders beeinflusst wird.
Methoden: In der „IPA-Feldstudie zu Schichtarbeit“ wurden insgesamt 75 Mitarbeiterinnen des BG Klinikums Bergmannsheil in einem dreitägigen Nachtschichtdienst und einem zweitägigen Tagschichtdienst im Längsschnitt untersucht. Weitere 25 Frauen ohne Nachtdienste wurden im zweitägigen Tagdienst beobachtet. Ein mobiles Schlaf-Apnoe-Screening wurde mittels EasyScreenPro vor den Untersuchungsphasen zur Klärung von obstruktiven Schlaf-Apnoe-Syndromen (OSAS) durchgeführt. Die Schlafqualität des Hauptschlafs nach Tag- bzw. Nachtschichten in den Untersuchungsphasen wurde mit mobilen Schlafuhren zur Aufzeichnung von EEG, EOG und EMG anhand von 7 Elektroden gemessen (SOMNOwatchTM, Modul Rechtschaffen & Kales). Schlafstadien wurden in 30-Sekunden-Epochen von einem Schlafexperten bewertet und in einer Stichprobe (n = 40) durch einen weiteren qualitätsgesichert. Weiterhin wurde die Ableitungsqualität jedes Schlafs bewertet. Kumulative logit Modelle wurden zur Analyse der Einflussfaktoren für OSAS angewandt, gemischte lineare Modelle für die Untersuchung der Schlafqualität.
Ergebnisse: Bei insgesamt 8% der Probandinnen lag ein moderates bis schweres OSAS vor. Dieses war hier insbesondere mit Alter und BMI assoziiert. Insgesamt konnten n = 333 Schlafmessungen mit ausreichender Qualität der Elektroden-Ableitung für die Analysen eingesetzt werden. Vorläufige Analysen zur Schlafqualität zeigen, dass insbesondere der Tagschlaf nach der ersten Nacht kurz ist und einen geringeren Tiefschlafanteil aufweist. Weiterhin hat das Vorliegen von OSAS einen signifikanten Einfluss auf die Schlafqualität.
Schlussfolgerungen: Auf Grundlage der vorläufigen Analysen, könnten Schlaf-Apnoe-Screenings bei Schichtarbeitern mit Nachtarbeit sinnvoll sein. Detaillierte Ergebnisse werden im Rahmen des Vortrags vorgestellt.
Frau Dr.rer.medic. Sylvia Rabstein
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Forschung zu Schichtarbeit und gestörter Chronobiologie: Analogie zum Rauchen zeigt signifikante Dosis-Fallstricke durch Informationsbias (Thomas C. Erren, Philip Lewis, Peter Morfeld)
Hintergrund: Forschungsergebnisse und arbeitsmedizinische Erfahrungen weisen darauf hin, dass Schichtarbeit – und besonders Nachtarbeit – die Gesundheit durch „gestörte Chronobiologie“ beansprucht. Überaschenderweise gibt es trotz zahlreicher Studien zu verschiedenen Krankheitsendpunkten aber keine Berufskrankheit, die spezifisch mit „Arbeiten gegen innere Uhren“ assoziiert ist. 1950 trug eine Meilensteinstudie von Doll & Hill 1950 (1) entscheidend dazu bei, Rauchen – an Arbeitsplätzen und Umweltbereichen – als starken Risikofaktor für Lungenkrebs zu identifizieren. In Analogie zum Rauchen wurde seit 2017 die Hypothese entwickelt, dass gestörte Chronobiologie [Chronodisruption; Cirkadiane Disruption] – an Arbeitsplätzen und in Umweltbereichen – in Dosisabschätzungen integriert werden muss (2,3).
Zielsetzung: Quantitative Abschätzung von Risiko-Szenarien, falls die genannte Fall-Kontroll-Studie1 allein das Rauchen am Arbeitsplatz erfasst hätte.
Methoden: Wir explorieren die Effekte auf Risikoschätzer für unterschiedliche Szenarien mit nicht-differentiellem [für Fälle und Kontrollen gleich] oder mit differentiellem [für Fälle und Kontrollen unterschiedlich] Informationsbias, in denen irrtümlicherweise allein das Rauchen an Arbeitsplätzen als biologisch relevant eingestuft würde.
Resultate: Das Erfassen von Rauchgewohnheiten an Arbeitsplätzen allein hätte zu signifikant verzerrten Risikoabschätzungen führen können. Quantitativ kann ein Fokus auf Arbeitsplatz-expositionen allein nicht nur die Risikohöhe sondern auch die Risikorichtung unvorhersehbar beeinflussen. Ein Beispiel: Ein leichtgradiger differentieller Informationsbias kann statt des tatsächlichen Odds Ratio von 2.25 [95% KI: 1.67 – 3.04] für die Noxe am Arbeitsplatz + im Umweltbereich (1) ein signifikant irreführendes OR von 0.59 [95% KI: 0.21 – 1.54] für die Noxe am Arbeitsplatz allein ergeben.
Schlussfolgerung: Forschung zu einer Vielzahl von chronobiologisch plausiblen Effekten gestörter Chronobiologie sollte kumulative Dosen aus Arbeits- und Umweltbereichen integrieren. Bis zum Nachweis der Unschädlichkeit gestörter Chronobiologie im Umweltbereich ist dies eine conditio sine qua non, um einen möglicherweise signifikanten Informationsbias bezüglich des ubiquitären und potentiell starken Risikofaktors „gestörte Chronobiologie“ zu vermeiden.
Herr Univ.-Prof. Dr. med. Thomas C. Erren M.P.H.
Uniklinik Köln
Food and Exercise as Zeitgebers May Be Beneficial Against Shiftwork-Associated Disturbed Chronobiology (Philip Lewis, Thomas C. Erren)
Background: Shiftwork that causes disturbed chronobiology can result in poor cognitive and physical performance and feeling unwell in the short-term and is associated with myriad diseases and disorders in the long term. Light exposure at inappropriate times, acting as a zeitgeber, can push or pull phases of circadian rhythms out of synch with each other. Research from animal models suggests that exercise and meal timing may also be zeitgebers.
Aim: Despite regular reference to exercise and meal timing being zeitgebers for humans in the literature, a synthesis of the evidence was lacking. Our goal was to address this gap.
Method: Thus, we carried out systematic reviews and syntheses of the literature to compare the evidence from human studies against zeitgeber criteria put forward by Jürgen Aschoff in the 1950s (1-3)
Results: Supporting evidence for an exercise zeitgeber is strong with many studies demonstrating phase-shifting effects of central rhythms. One study assessing meal-timing effects on peripheral clock circadian gene expression fulfils an Aschoff criterion. Further studies suggest compatible evidence for a meal-timing and meal-composition zeitgeber effects but none that can be concluded to fulfil any Aschoff criteria.
Conclusion: Exercise- and meal-timing may be beneficial towards Zeitgeber hygiene in performance and disease contexts associated with disturbed chronobiology.
Herr Philip Lewis
Uniklinik Köln
Beobachtungen im Rahmen einer Schichtplanumstellung im Polizeidienst: Eine Quantifizierung zur Beurteilung des Schlafverhaltens bei Schichtarbeit (IT-ASPf) (J. Valérie Groß, Martin Hellmich, Andreas Pinger, Ursula Wild, Thomas C. Erren)
Hintergrund: Nacht- und Schichtarbeit kann zu Veränderungen des individuellen Schlafverhaltens und chronobiologischen Beanspruchungen führen. Das Integrieren und Quantifizieren dieser Veränderungen – insbesondere unter Einbeziehung des individuellen Chronotyps und verschiedener Determinanten des Schlafverhaltens – stellt in epidemiologischen Studien eine Herausforderung dar.
Zielsetzung: Entwicklung und Erprobung eines mathematischen Ausdrucks zur Erfassung des Schlafverhaltens bei Schichtarbeit unter Berücksichtigung des individuellen Chronotyps, des Schlaftimings (in Bezug auf die biologische Nacht und den biologischen Tag) und der Schlafdauer. Erste Anwendung der Formel und Untersuchung eines möglichen Zusammenhangs mit kurzfristigen Auswirkungen von Schichtarbeit.
Methode: Datenerhebung im Rahmen einer Beobachtungsstudie zur Schichtplanumstellung im Polizeidienst. Entwicklung der Internal Time-Adjusted Sleep Percentage (IT-ASPf; Innenzeit-adjustierte Schlafeffektivität): Die neue Messgröße kombiniert und quantifiziert Schlaftiming und Schlafdauer unter Berücksichtigung des individuell präferierten Schlafverhaltens (abgeleitet aus dem „Perfekten Tag“-Ansatz); Annahme: Die Effektivität von Schlaf während der biologischen Nacht und während des biologischen Tages unterscheidet sich um einen Faktor f. Die Müdigkeit vor und nach spezifischen Nachtschichten wird mit der Stanford Sleepiness Scale (SSS) sowie einer Visuellen Analogskala (VAS) erfasst. Mögliche Anwendungen des IT-ASPf werden dargestellt.
Ergebnisse: Es zeigten sich Unterschiede des IT-ASPf zwischen verschiedenen Schichten und Schichtsystemen. Neben hohen Korrelationen zwischen der SSS und der VAS ergaben sich Hinweise auf eine mögliche Assoziation zwischen dem IT-ASPf und Müdigkeit vor und nach einer Nachtschicht.
Schlussfolgerung: Der IT-ASPf stellt eine neue Herangehensweise zur Abschätzung der Schlafeffektivität bei Schichtarbeit dar. Durch das Zusammenführen von Schlaftiming und Schlaflänge in einer intra- und interindividuell vergleichbaren Messgröße, könnte der IT-ASPf einen Mehrwert gegenüber der häufig ausschließlich genutzten Untersuchung der Schlaflänge allein bieten. Zukünftige Studien sollten untersuchen, inwieweit der IT-ASPf Beanspruchungen durch Schichtarbeit messen kann und präventiv bezüglich kurz-, mittel- und langfristiger Auswirkungen sowie der Gestaltung von Schichtplänen zielführend einsetzbar ist.
Frau Dr. J. Valérie Groß
Uniklinik Köln
Welche Schichtarbeitsübergänge verursachen eine höhere chronobiologische Beanspruchung? (Serra Kurt, Philip Lewis, Thomas C. Erren)
Hintergrund: Schichtarbeit ist bei Dienstleistungen z.B. in Krankenhäusern, Polizeistationen und Feuerwachen von entscheidender Bedeutung. Dass das Personal rund um die Uhr verfügbar sein muss, kann aber aufgrund von gestörter Chronobiologie für Leistung und Gesundheit schädlich sein. Schichtwechsel von der Nacht- zu Morgenarbeit können im Vergleich zu anderen Übergängen zu einer höheren chronobiologischen Beanspruchung führen, da die Zeiten zwischen den Schichten kürzer sind. Falls dies der Fall ist, kann dies wichtig für die Entwicklung von Schichtarbeitsplänen sein: Mehr und spezifischere chronobiologische Beratung exponierter Personen kann zielführend sein, um Belastungen und Beanspruchungen zu reduzieren.
Zielsetzung: Unser Ziel war es, auf der Grundlage veröffentlichter Evidenz festzustellen, ob Übergänge von Nacht- zu Frühschichten chronobiologisch stärker beanspruchen als andere Schichtübergänge.
Methoden: Wir haben die Literatur zu chronobiologischen Beanspruchungen durch unterschiedliche Schichtübergänge in einem Systematischen Review synthetisiert .
Resultate: Insgesamt gab es nur wenige Studien, aus denen angemessene Schlussfolgerungen abgeleitet werden konnten. Da viele Arbeitsgruppen Effekte eines gesamten Schichtplans (z.B. Morgen-, Abend- und Nachtschichten) untersucht haben, waren die Auswirkungen eines bestimmten Schichtwechsels schwer zu erkennen. Begrenzte Hinweise darauf, dass rückwärts rotierende Schichten (Morgen- → Nachtarbeit gesundheitsschädlicher sein können als vorwärts rotierende Schichten (Nacht- → Morgenarbeit), standen im Widerspruch zu unserer Prädiktion.
Schlussfolgerung: Es besteht Forschungsbedarf zu chronobiologischen Beanspruchungen durch unterschiedliche Schichtwechsel. Solche Informationen sind für die Erstellung von Schichtplänen wichtig, die auf die Verbesserung der Gesundheit von Schichtpersonal abzielen.
Frau Serra Kurt
Uniklinik Köln
Donnerstag
03 Sep
16:15 - 17:30
Vorträge
Maritime Medizin
Raum: Hörsaal 7
Vorsitz: Elke Ochsmann und Frank Heblich
Gesundheitszustand und Tagesschläfrigkeit von Seeleuten (Marcus Oldenburg, Dorothee Dengler, Nicola Westerhoff, Lukas Belz, Thomas von Münster, Jan Heidrich, Stefanie Mache, Felix Neumann, Birgit-Christiane Zyriax, Volker Harth)
Zielsetzung
Angesichts außerordentlich hoher arbeitsbedingter Belastungen in der Schifffahrt ist ein erhöhtes Risiko für eine psychophysische Erschöpfung bis hin zu manifesten Erkrankungen von Seeleuten anzunehmen. Es soll der kardiopulmonale Gesundheitszustand und der Erschöpfungsgrad in Gestalt einer Tagesschläfrigkeit von Seeleuten abgeschätzt werden.

Methoden
Im Rahmen des Projekts e-healthy ship (Drittmittel-finanziert durch dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und der Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz) erfolgten 3 Forschungs-Seereisen auf Containerschiffen. Dabei wurden insgesamt 65 Seefahrer mit einem Durchschnittalter von 39 Jahren an Bord klinisch untersucht (Blutdruckmessung, Spirometrie, Blutanalyse, Pupillometrie, Polysomnographie). Als Erhebungsinstrumente kamen u.a. der COPSOQ (allgemeine Gesundheitseinschätzung) und die Epworth Sleepiness Scale (ESS) zum Einsatz.

Ergebnisse
Subjektiv bewerteten die Seeleute ihren Gesundheitszustand als durchschnittlich (2,3 (SD 0,8)). Bei der klinischen Untersuchung (n=52) ergaben sich keine Hinweise für eine Überhäufigkeit kardiopulmonal auffälliger Befunde (5,8% arterielle Hypertonie, 4,5% obstruktive Ventilationsstörung). Laborchemisch wiesen 43,5% von 64 Probanden (insbesondere im Maschinenraum) erhöhte Triglyceride und 15,6% einen erhöhten Hämatokrit auf.
Im Hinblick auf die psychophysische Erschöpfung schätzten 33,8% der befragten 65 Seeleute ihre Tagesschläfrigkeit gemäß ESS als überhöht ein. Pupillometrisch wiesen 29,9% von 44 untersuchten Besatzungsmitgliedern einen deutlich erhöhten Pupillen-Unruheindex auf und wurden folglich der Bewertungskategorie „unfit for duty“ zugeordnet. Anamnestisch ergab sich bei 8 von 36 Untersuchten (22,2%) ein mittleres bis hohes Risiko für ein obstruktives Schlafapnoesyndrom. Im Rahmen der 19 durchgeführten polysomnographischen Untersuchungen an Bord wurde bei 8 Probanden (42,1%) ein erhöhtes bis stark erhöhtes Schafapnoesyndrom objektiviert.

Schlussfolgerungen
Die erhöhten Blutfette könnten Ausdruck einer wiederholt beschriebenen zu fettreichen Ernährung an Bord sei. Außerdem weisen die Untersuchungen zur Tagesschläfrigkeit auf eine nicht unerhebliche psychophysische Erschöpfung der Seeleute hin. Trotz Fehlens manifester Gesundheitsstörungen sind daher präventiv-medizinische Maßnahmen in der Schifffahrt dringlich erforderlich.
Herr PD Dr. Marcus Oldenburg PD Dr.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Bedarfsermittlung zur Gesundheitsprävention in der Schifffahrt (Marcus Oldenburg, Dorothee Dengler, Nicola Westerhoff, Lukas Belz, Thomas von Münster, Jan Heidrich, Stefanie Mache, Felix Neumann, Birgit-Christiane Zyriax, Volker Harth)
Zielsetzung
Der Beruf des Seemanns ist durch zahlreiche psychophysische Belastungen geprägt. Angesichts dieser hohen Belastungen sind Maßnahmen zur Gesundheitsprävention an Bord indiziert. Es soll im Rahmen des Drittmittel-finanzierten Projekts e-healthy ship der entsprechende Bedarf von Seeleuten erhoben werden.

Methoden
Mittels eines elektronischen Fragebogens wurden 1.692 Seeleute einer deutschen Reederei zu ihrem Bedarf und Präferenzen an Gesundheitspräventions-Maßnahmen befragt. 599 Probanden auf 94 Schiffen beteiligten sich an dieser freiwilligen, anonymen Befragung (Teilnahmequote 35,4%). Das multikulturelle Untersuchungskollektiv setzte sich aus 35,4% Europäern und 64,6% Nicht-Europäern zusammen.

Ergebnisse
Bezüglich der Gesundheitsthemen bestand das größte Interesse an Sport-Übungsanleitungen und an Informationen zur Ernährung (jeweils mehr als 70%). Das Interesse war dabei unter Nicht-Europäern signifikant stärker ausgeprägt (p<0,001). Wenngleich Europäer nach subjektiver Einschätzung stärker von Müdigkeit an Bord betroffen waren (p=0,015), bekundeten Nicht-Europäer signifikant häufiger Interesse an einer gezielten Anleitung zur Vermeidung von Übermüdung.
Mehr als 90% antizipierten einen Benefit durch ein Sportprogramm an Bord. Als wesentliche Maßnahmen zur Steigerung der Sport-Motivation wurden bessere Fitnessraum-Ausstattungen (32%), mehr Freizeit (31%) und Organisation von Sportevents (23%) bewertet. Hinsichtlich der Bordverpflegung bestand vornehmlich Bedarf an detaillierten Informationen zur gesunden Ernährung (45%) und einfachen Schemata zur Bewertung der angebotenen Verpflegung (26%). Als besonders wichtig wurde von beiden Kulturgruppen der Geschmack und der Gehalt/ die Menge der Verpflegung eingeschätzt. Für die nicht-europäischen Besatzungsmitglieder war die Essensaufnahme außerdem signifikant häufiger wichtig zur Pflege sozialer Kontakte. In Bezug auf Entspannungstechniken wurden Angebote in Form von Gebeten (38%, insbesondere Nicht-Europäer), Atemtechniken (16%), Meditationsübungen (12%), Yoga (9%) und Musik (8%) gewünscht.

Schlussfolgerungen
Insgesamt ist ein hohes Interesse von Seeleuten an Maßnahmen zur Gesundheitsförderung an Bord feststellbar. Die vorliegende Erhebung erlaubt Einblicke in die Präferenzen von Interventionsmaßnahmen. Dabei stellt sich heraus, dass Unterschiede bezüglich der kulturellen Gruppen an Bord bestehen und bei zielgruppenspezifischer Konzeptionierung eines optimierten Gesundheitsmanagements an Bord zu berücksichtigen sind.
Herr PD Dr. Marcus Oldenburg PD Dr.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Regenerationsfähigkeit von Seeleuten während ihrer Freizeit an Bord (Marcus Oldenburg, Hans-Joachim Jensen)
Zielsetzung
Die Kompensations- und somit auch die Entspannungsmöglichkeiten von Seeleuten hängen maßgeblich u.a. von den Freizeitangeboten an Bord ab. In dieser Studie sollen Nutzung, Möglichkeiten und Bedürfnisse einer Freizeitgestaltung an Bord von Kauffahrteischiffen erhoben und Stress-Copingstrategien Besatzungsgruppen-spezifisch erfasst werden.

Methoden
An Bord von 22 Containerschiffen wurde die gesamte Mannschaft untersucht (323 Seeleute; Teilnahmequote 88,5%). Dabei erfolgte während der Frei- und Schlafzeit an Bord eine Erhebung des Energieverbauchs mittels SenseWear® Armbandmonitor und der Herzfrequenz(-variabilität) mittels Polaruhr RS 800. Weiterhin wurden die Seeleute zu Nutzung und Bedarf von Freizeiteinrichtungen an Bord sowie zu ihren Copingstrategien befragt.

Ergebnisse
Gemäß Tagesprotokoll verbrachten die Seeleute während der Seereisen durchschnittlich 28,2% als Freizeit und 32,6% als Schlafzeit. Im Vergleich der drei Berufsgruppen war während der Freizeit ein signifikant höherer Kalorienverbrauch unter der Deckmannschaft im Vergleich zum Maschinenpersonal und den nautischen Offizieren feststellbar. Die Herzfrequenzvariabilität war während der Schlafzeit bei allen drei Berufsgruppen kleiner als während der Freizeit. Die am häufigsten an Bord genutzten Freizeitaktivitäten waren das Fernsehen (100%), Sporttreiben im Fitnessraum (23,8%) und die Nutzung einer Sauna (22,6%). Etwa knapp die Hälfte der befragten Seeleute (44,1%) gab an, überhaupt Sport zu treiben. Nach Aussagen der Seeleute sind ein gut ausgestatteter Fitnessraum sowie eine ausreichend lange Freizeit ein wichtiger Anreiz, um mehr Sport zu treiben. Als wesentliche Verbesserungsvorschläge der Freizeitbedingungen an Bord wurden kostenfreie und häufigere Telekommunikationsmöglichkeiten, kürzere Einsatzzeiten an Bord und ein stärkerer Zusammenhalt der Besatzung an Bord genannt. Als Entspannungsstrategien standen „sich abregen“ (41,9%), Kontaktaufnahme mit der Familie (32,0%) und Ausruhen/ Schlafen (30,4%) im Vordergrund. Die nicht-europäische Besatzungsgruppe nannte das „Beten“ als zweithäufigstes Verhalten zur Stressbewältigung.

Schlussfolgerungen
Die relativ eingeschränkte Herzfrequenzvariabilität während der Schlafenszeit spricht für eine reduzierte Schlafqualität. Bei den Entspannungsformen an Bord zeigt sich eher ein passives Verhalten wie Fernsehen, Ausruhen, Schlafen oder Musik hören, wobei kulturspezifische Unterschiede zu konstatieren sind.
Herr PD Dr. Marcus Oldenburg PD Dr.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Physikalische Belastungen in der Seeschifffahrt (Marcus Oldenburg, Christian Felten, Jörg Hedtmann, Hans-Joachim Jensen)
Zielsetzung
Während einer Seereise sind die Schiffsbesatzungen permanent gegenüber physikalischen Belastungen durch Lärm, Vibration und Hitze ausgesetzt. In der vorliegenden Studie soll das Ausmaß und die dadurch ausgelösten Beanspruchungen infolge der physikalischen Einwirkungen an Bord von Containerschiffen dargestellt werden.

Methoden
Bis zu vier wissenschaftliche Untersucher/Innen begleiteten 6 Seereisen auf Containerschiffen unter deutschem Management. Die Mannschaften an Bord wurden zu Beanspruchungen interviewt. Weiterhin erfolgten arbeitsplatzbezogen Lärm-, Vibrations- und Klimamessungen.

Ergebnisse
Die befragten Seeleute gaben in abnehmender Rangfolge eine psychische Beanspruchung durch Vibration, Lärm und deutlich geringer gegenüber Hitze am Arbeitsplatz an. Eine Lärmbeanspruchung war besonders häufig unter dem Maschinenpersonal ausgeprägt.
Im Rahmen der ortsbezogenen physikalischen Messungen bestanden Betriebszustands-unabhängig die höchsten Lärmbelastungen im Maschinenraum (bis 110 dB (A), in der Werkstatt (bis 87 dB (A)) und an Deck (bis 83 dB (A)). In den Erholungsbereichen wurden vereinzelt Grenzwert-Erhöhungen nachgewiesen. Bei den Vibrationsmessungen waren alle erhobenen Messwerte unterhalb der maßgeblichen Richtwerte - mit den höchsten Werten im Maschinenraum gefolgt von der Werkstatt und dem Maschinenkontrollraum. Die Vibrationen waren während der Revier- und Seefahrt deutlich stärker ausgeprägt als während des Hafenaufenthaltes. Bezüglich der thermischen Behaglichkeit unterschied sich keiner der gemessenen Klimaparameter signifikant zwischen den Betriebszuständen.
Die personenbezogene Lärmbelastung war besonders unter dem Maschinenpersonal mit einem durchschnittlichen energetischen Mittelungspegel von 96 dB (A) ausgeprägt (oftmals im Rahmen von Reinigungs-, Streich- und Reparaturarbeiten). Die Deckmannschaft und die nautischen Wachoffiziere waren am Arbeitsplatz einem Mittelungspegel von 83 dB (A) bzw. 77 dB (A) ausgesetzt.

Schlussfolgerungen
Eine unerwartet hohe Beanspruchung aufgrund der physikalischen Belastungen war in der vorliegenden Studie nicht nachweisbar. Da Schiffsbesatzungen ganztägig und an 7 Tagen pro Woche den physikalischen Einwirkungen an Bord ausgesetzt sind und diesbezüglich bis dato keine Grenzwerte vorliegen, besteht hier weiterer Forschungsbedarf, um die gesundheitlichen Langzeit-Auswirkungen auf Seeleute bei einer ganztägigen Exposition bewerten zu können.
Herr PD Dr. Marcus Oldenburg PD Dr.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Schiffsarzt an Bord von Kreuzfahrtschiffen - Welche Zusatzausbildungen sind notwendig ? (Berthold Petutschnigg)
Schiffarzt an Bord von Kreuzfahrtschiffen – Welche Zusatzausbildungen sind notwendig?
B.Petutschnigg12,
1 TUI Cruises 2 Medizinische Universität Graz, Chirurgische Klinik
Background
Kreuzfahrten – einst nur für wohlhabendes Publikum finanzierbar, erfreuen sich diese Urlaubsfahrten immer größerer Beliebtheit. Es werden jährlich mehr als 20 Schiffe neu in Dienst gestellt! Folglich mehr Passagiere. Wo mehr Menschen, dort vermehrt Unfälle, zunehmend Krankheitsfälle.
Weltweit sind an die 450 Kreuzfahrtschiffe unterschiedlicher Größe und unterschiedlicher Passagierzahl unterwegs. Diese Reisen sind auch finanziell nicht mehr nur einem gutzahlendem Publikum vorenthalten! Durch die verbesserte Ausstattung der Bordhospitäler, zusätzliche Qualifikationen für die Bordärzte, wird den Passagieren auch eine größere Sicherheit im Falle eines Erkrankung oder eines Unfalles vermittelt. Die Bordhospitäler der Kreuzfahrtschiffe sind meist besetzt mit mindestens 2 Ärztinnen und Ärzten unterschiedlicher Fach Disziplin und damit auch unterschiedlicher Berufserfahrung.

Methods
Müssen die Ärzte und Ärtztinnen Zusatzqualifikationen für diese Tätigkeit erlangen? Wie sind die Bordhospitäler ausgestattet, um diesen hohen Ansprüchen gerecht werden zu können. Gibt es Leitungsstrukturen wie in einem landseitigen Krankenhaus?. Zusätzlich zur medizinischen Ausbildung werden fachübergreifende Qualifikationen erforderlich sein. Sind die Bordärzte auch in den sicherheitsnautischen Bereich eingebunden?. Ebenso das diplomierte Pflegepersonal wird für die Funktion an Bord weiterführende Qualifikationen erlangen müssen. Die Faszination der Kreuzfahrtmedizin basiert auf der Erfahrung, dass Medizin nach aktuellen Richtlinien auf sehr hohem Niveau auf sehr engem Raum durch ein sehr kleines Team durchgeführt an verschiedenen Destinationen werden muss. Welche Maßnahmen kann das Hospitalteam in verschiedenen Situationen an Bordeinleiten und durchführen? Ist eine Ausschiffung jederzeit und überall möglich?

Results
Existieren Curricula zur Ausbildung von Schiffsärzten und wer definiert diese? Gibt es dafür Organisationen oder Gremien? Welchen Gesetzen unterliegen diese Strukturen? Kann man sich diese Fertigkeiten im Rahmen von Kursen für Kreuzfahrtmedizin aneignen?

Conclusions
Zusätzliche Qualifikationen für zusätzliche Tätigkeiten müssen erlangt werden! Damit werden die Bordärzte sicherer und einheitlicher für ihren Auftrag vorbereitet, die Passagiere können sich auf eine einheitliche Versorgung an Bord verlassen. Informationen zu den Ausbildungen und zur Tätigkeit eines Schiffsarztes erfolgen im Vortrag!
Herr Prof.Dr. Berthold Petutschnigg
Deutsche Gesellschaft für Kreuzfahrtmedizin
Donnerstag
03 Sep
13:30 - 15:15
Vorträge
Umwelt
Raum: Hörsaal 4
Vorsitz: Astrid Rita Regina Heutelbeck und David Groneberg
Cluster von berylliumassoziierten Erkrankungen bei Beschäftigten ohne entsprechende Exposition am Arbeitsplatz (Caroline Quartucci, Björn Christian Frye, Stefan Rakete, Reto Gieré, Joachim Müller-Quernheim, Gernot Zissel)
Einleitung
Bei einem Beschäftigten eines Bauhofes wurde bei entsprechender Klinik zunächst eine Sarkoidose diagnostiziert. Durch den Nachweis einer Berylliumsensibilisierung konnte die Diagnose chronische Berylliose (CBD) gesichert werden. Freiwillige Umgebungsuntersuchungen von 20 weiteren Beschäftigten im selben Betrieb ergaben fünf Sensibilisierte ohne Nachweis einer CBD. Alle Sensibilisierten leben in einem Umkreis von 4 km um ihren Arbeitsplatz.
Es ergab sich kein Anhalt für eine Beryllium-Exposition am Arbeitsplatz. Auch in den benachbarten Betrieben wurde kein Beryllium verarbeitet. Beryllium-Luftmessungen am Arbeitsplatz ergaben Werte unterhalb der Bestimmungsgrenze von 0,030-0,033 µg/m3, in sechs von sieben im Außenbereich des Bauhofes entnommenen Wischproben konnte jedoch Beryllium nachgewiesen werden. Es wurde eine nicht primär durch Arbeitsstoffe hervorgerufene Ursache für die Sensibilisierungen vermutet. In der näheren Umgebung befindet sich ein Betonwerk, von welchem möglicherweise Staub auf die umliegenden Betriebsgelände gelangt.

Methoden
Sensibilisierungen gegenüber Beryllium wurden leitliniengerecht mittels zweimalig positivem Beryllium-Lymphozytentransformationstest in der Klinik für Pneumologie der Universitätsklinik Freiburg nachgewiesen. Es wurden Staubproben vom Bauhof, aus der umgebenden Region und Vergleichsproben aus ganz Deutschland im Labor der Arbeitsmedizin in München analysiert. Beryllium wurde hierbei .nach einem Mikrowellenaufschluss mittels GF-AAS analysiert.

Ergebnisse
Es findet sich ein lokales Cluster berylliumsensibilisierter Beschäftigter. Der Berylliumgehalt in den Staubproben des Bauhofes war 7-fach höher als der von Vergleichsproben. In der Umgebung des Betonwerks zeigte sich in den Staubproben ein 3-fach höherer Berylliumgehalt als in den Vergleichsproben. Insgesamt konnten heterogene Berylliumkonzentrationen im Staub verschiedener Regionen in Deutschland nachgewiesen werden.

Diskussion
Unsere Ergebnisse zeigen, dass Betonstaub Beryllium enthalten kann. Studien zeigen Vorkommen von Beryllium an einer Vielzahl von Arbeitsplätzen außerhalb der üblichen Industriezweige (1). In zukünftigen Studien soll die Rolle von Staub in der Umwelt auf ihren Einfluss auf berylliumassoziierte Erkrankungen untersucht werden
Frau Dr. Caroline Quartucci
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Klinikum der Universität, LMU München
Einsatz von Chelatbildnern bei Diagnostik und Therapie von Bleiintoxikationen (Annette Greiner, Hans Drexler)
Der Einsatz von Chelatbildnern zur Diagnostik und Therapie gilt als mögliche Maßnahme bei der Bleivergiftung des Erwachsenen. Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Kenntnisstand zu den verschiedenen Komplexbildnern und den mit ihrer Anwendung verbundenen klinischen Effekten.
Es wurde eine strukturierte Literaturrecherche mit Kombinationen der Suchbegriffe „lead“, „Pb“, „Chelation“ und weiteren Begriffen in den Datenbanken Pubmed und Web of Science durchgeführt. Weitere Literaturstellen, die über Querverweise identifiziert wurden, wurden ebenfalls eingeschlossen. Es wurden deutsch- und englischsprachige Originalarbeiten der letzten 10 Jahre einbezogen.
Es wurden zunächst 592 Titel/Abstracts gesichtet, von denen 142 Volltexte auf verwertbare Informationen zu überprüfen waren. Die identifizierten Studien lassen sich untergliedern in Tierversuche, Fallberichte, Humanstudien und Experimente auf Zellebene. In Tierversuchen wurden verschiedene, zum Teil neuentwickelte Chelatbildner hinsichtlich ihrer Potenz zur Steigerung der Bleiausscheidung evaluiert. Einige Studien führten weitere Endpunkte an, z.B. zu Effekten am Knochen oder zum Lernverhalten. Neuere Studien beschäftigen sich auch mit Kombinationen verschiedener Therapien. In Fallberichten wurde über die Anwendung seit längerem bekannter Chelatbildner wie CaNa2EDTA, D-Penicillamin und DMSA berichtet, wobei methodenbedingt meist kein Vergleich mit einem Verlauf ohne Chelattherapie möglich war. Vergleichende Studien am Menschen sind rar.
Bezüglich des Einsatzes von Chelatbildnern zur Diagnostik in Form von sog. Provokationstests wurden keine wesentlichen Vorteile identifiziert. Da zudem Nebenwirkungen möglich sind, kann der Einsatz zur Diagnostik nicht empfohlen werden.
Der Einsatz von Chelatbildnern in der Therapie wird intensiv beforscht. Welche Maßnahmen das klinische Outcome am meisten verbessern und intoxikierten Patienten nicht zusätzlich schaden, sollte weiter evaluiert werden.
Frau Annette Greiner
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Schillerstraße 25/29 91054 Erlangen
Vergleich der Katzen- und Hundeallergenkonzentration auf Passivsammlern in Büros und Haushalten (Ingrid Sander, Anne Lotz, Ulrich Sauke-Gensow, Christina Czibor, Eva Zahradnik, Angelika Flagge, Marlies Förster, Dagmar Husert, Joachim Dreyer, Nico Fritsch, Wolf Schmidt, Jens Petersen, Thomas Brüning, Monika Raulf)
Hintergrund
Katzen- und Hundeallergene sind nicht nur in den Haushalten der Haustierhalter zu finden, sondern werden auch in Bereiche ohne Haustiere verschleppt. Das Ziel der Studie war es, die Haustierallergenkonzentration zwischen Büroarbeitsplätzen und den Haushalten der Mitarbeiter zu vergleichen.
Methoden
Elektrostatische Staubsammler (EDC) wurden viermal im Jahr in fünf Bürogebäuden in Hamburg und Berlin (67 Räume, 436 EDC) und parallel dazu in den Häusern der Büroangestellten (145 Zimmer, 405 EDC) ausgelegt. Die Proben wurden mit Fluoreszenzenzym-Immunoassays analysiert, die auf monoklonalen Antikörpern gegen das Hauptallergen der Katze (Fel d 1) bzw. des Hundes (Can f 1) basieren. Die untere Nachweisgrenze für diese Allergene auf den EDC Tüchern lag bei 4,8 ng/m² bei 14 Tagen Sammlung; Werte darunter wurden anhand der Standardkurve interpoliert, Werte darüber wurden als positiv gewertet. Die Proben wurden nach Haushalten und Büros mit bzw. ohne Tierbesitzer gruppiert und mit dem Kruskal-Wallis-Test inklusive Dunns Mehrfachvergleich auf signifikante Unterschiede geprüft.
Ergebnisse
In Haushalten mit Katzen oder Hunden enthielten alle Proben Fel d 1 (Median 1365 ng/m², Maximum 198253 ng/m²) bzw. Can f 1 (Med. 842 ng/m², Max. 13493 ng/m²). In Wohnungen ohne Katzen enthielten dennoch 33% der Proben Fel d 1 (Med. 3,8 ng/m²; Max. 175 ng/m²) und in Wohnungen ohne Hunde 23% der Proben Can f 1 (Med. <0,07 ng/m²; Max. 287 ng/m²). In Büros mit Katzenbesitzern waren 72% der Proben positiv für Fel d 1 (Med. 16,5 ng/m²; Max. 561 ng/m²); in Büros mit Hundebesitzern waren 43% der Proben positiv für Can f 1 (Med. 2,3 ng/m², Max. 167 ng/m²). In Büros ohne Katzenbesitzer waren 22% der Proben positiv für Fel d 1 (Med. 2,3 ng/m², Max. 97 ng/m²) und in Büros ohne Hundebesitzer enthielten 12% nachweisbar Can f 1 (Med. <0,07 ng/m², Max. 55 ng/m²). Haushalte mit Tieren unterschieden sich hochsignifikant von allen anderen Gruppen. Zusätzlich wiesen auch Büros mit Haustierbesitzern signifikant höhere Allergenkonzentrationen auf als Wohnungen oder Büros ohne Haustierbesitzer.
Schlussfolgerung
Katzen- und Hundeallergene scheinen von Tierbesitzern in ihre Büros übertragen zu werden. Die Exposition gegenüber diesen Allergenen in Büros erreichte jedoch nicht das Niveau von Haushalten mit Haustieren. Bei entsprechenden allergischen Beschwerden im Büro sollte bei der Anamnese und Diagnostik die Möglichkeit der Kontamination durch Katzen- und Hundeallergene berücksichtigt werden.
Frau Ingrid Sander
Exposition gegenüber tierischen Allergenen im Bereich der Veterinärmedizin (Eva Zahradnik, Ingrid Sander, Olaf Kleinmüller, Frank Hoffmeyer, Thomas Brüning, Albert Nienhaus, Monika Raulf)
Einleitung
Der Umgang mit Haus- und Nutztieren kann allergische Erkrankungen bei sensibilisierten Personen hervorrufen. Insbesondere im veterinärmedizinischen Arbeitsfeld ist mit hohen Expositionen gegenüber diversen tierischen Allergenen und einem Allergentransfer in den häuslichen Bereich zu rechnen. Allerdings liegen über die Höhe der Allergenbelastung keine ausreichenden Daten vor. Deshalb wurden im Rahmen der Querschnittsstudie „AllergoMed“ Allergenmessungen in Tierarztpraxen und in Wohnungen von tiermedizinischen Angestellten (TFA) durchgeführt.
Methoden
Staubproben wurden in verschiedenen Räumen von 38 Kleintier- und 5 Gemischtpraxen (n=353) und in Wohnungen der Studienteilnehmer (n=116) gesammelt. Die Staubsammlung erfolgte mit Hilfe von EDCs (electrostatic dust fall collector), die eine passive Sammlung luftgetragener Allergene auf staubbindenden Tüchern ermöglichen. Der Allergengehalt aller Proben wurde mit Immunoassays gegen die Hauptallergene von Katze (Fel d 1), Hund (Can f 1), Pferd (Equ c 1) und Rind (Bos d 2) sowie gegen häusliche Milben („domestic mites“) bestimmt.
Ergebnisse
In den Praxen wurde Can f 1 in allen Proben mit einem Median von 830 ng/m² und Fel d 1 in 99,7% der Proben mit einem Median von 422 ng/m² nachgewiesen. Obwohl Pferde nur in zwei Praxen behandelt wurden, war Equ c 1 in 89% der Proben nachweisbar (Median 107 ng/m²). Milbenallergene wurden seltener und in geringerer Konzentration detektiert (67%, Median 64 ng/m2). In den Wohnungen von TFA (49% Hunde- und 39% Katzenbesitzer) wurde am häufigsten Can f 1 (91%, Median: 221 ng/m2) nachgewiesen, gefolgt von Milbenallergenen (86%, Median: 148 ng/m2), Equ c 1 (82%, Median: 17 ng/m2) und Fel d 1 (79%, Median: 63 ng/m2). Die Mediankonzentrationen von Can f 1 (1434 ng/m²) bzw. Fel d 1 (1653 ng/m²) waren in den Wohnungen von Hunde- bzw. Katzenhaltern ca. um Faktor 45 bzw. 110 höher als in den Wohnungen ohne entsprechende Haustiere. Bos d 2 war nur in 29% der Praxis-Proben und 25% der häuslichen Staubproben detektierbar.
Schlussfolgerung
Die Ergebnisse der Expositionsmessungen sollen zusammen mit den Daten über Sensibilisierungshäufigkeiten und allergische Beschwerden eine Grundlage zur arbeitsmedizinischen Risikobewertung im tiermedizinischen Bereich liefern.
Frau Eva Zahradnik
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Nachweis von Legionellen in Autowaschanlagen (Mihai Zamfir, Sandra Walser-Reichenbach, Annette Kolk, Bernhard Brenner, Caroline Herr)
Das Einatmen von Legionellen-haltigen biologischen Aerosolen kann beim Menschen Krankheiten verursachen. Bei Autowaschanlagen besteht ein erhebliches Vernebelungspotential. Die Verwendung von recyceltem und zusätzlich oft erwärmtem Wasser kann zu einer Zunahme der Bakterienzahl im Wasser führen. Eine Infektionserkrankung nach Einatmen von Legionellenhaltigem Wasser aus Autowaschanlage wurde in 2016 bei zwei Fällen in Italien und in 2017 bei einem 56-jährigen Nutzer einer Autowaschanlage in Bayern festgestellt.

Bereits 2006 hat das Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) gemeinsam mit dem LGL aus Anlass einer gemeldeten Legionellen-Erkrankung Wasserproben aus Autowaschanlagen untersucht, die z.T. extrem hohe Legionellen-Gehalte aufwiesen. In weiteren Projekten des LGL wurden quantitative und qualitative Methoden als Untersuchungsverfahren etabliert, die eine höhere Sensitivität aufweisen als der Nachweis durch Kultivierung. Es handelt sich dabei um ein qPCR Verfahren zum Nachweis und zur Unterscheidung lebender und toter Zellen sowie um einen Sandwich-Mikroarray-Immunoassay. Beide Verfahren wurden für die Untersuchung von Wasser- und Aerosolproben aus Verdunstungskühlanlagen, Kläranlagen etc. etabliert und in einem Pilotprojekt an Luft- und Wasserproben aus mehreren Autowaschanlagen getestet.

Zur Untersuchung wurden Wasserproben aus der Hochdruckwäsche, der Frischwasserinstallation und dem Vorratsbehälter entnommen. Weiterhin wurden an einer Arbeitsstation vor und nach der Autowäsche Luftproben mit einem Zyklon Luftpartikelsammler genommen. Die Mehrzahl der Proben waren positiv für Legionella spp. Ein Teil der Proben aus Hochdruckwäsche und Vorratsbehälter waren positiv für Legionella pneumophila und Pseudomonas aeruginosa.

Die Messungen im Rahmen des Pilotprojekts zeigten, dass das Standardkulturverfahren im Vergleich zu molekularen Methoden neben der langen Untersuchungsdauer auch zu einer deutlichen Unterschätzung des Vorkommens von Legionellen führt. Weitere Untersuchungen sind geplant, um das Risiko für Verbraucher und Beschäftigte, das von Autowaschanlagen im Hinblick auf eine Legionellen-Infektion ausgeht, besser beurteilen zu können.
Herr Mihai Zamfir
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, München
Gefährdungen durch Biostoffe beurteilen - Die neue TRBA 400 (Stefan Mayer)
Biostoffe, wie Bakterien, Pilze oder Viren sind allgegenwärtig und können insbesondere an Arbeits­plätzen in höheren Konzentrationen vorkommen und können eine sensibilisierende, toxische oder infektiöse Gefährdung darstellen. Darüber hinaus können bei Tätigkeiten mit Biostoffen auch psychische Belastungen auftreten. Für keine dieser Gefährdungen gibt es gesundheitsbasierte Grenzwerte, die eine einfache Beurteilung der Gefährdung ermöglichen würden. Dennoch ist der Arbeitgeber verpflichtet, die Gefährdungen zu beurteilen. Mit der Neufassung der Technischen Regel für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA) 400 liegt nun erstmals eine konkrete Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung und für die Unterrichtung der Beschäftigten bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen vor.
Besonders großer Bedarf an Hilfestellungen bestand für die Beurteilung luftgetragener Exposition gegenüber sensibilisierend und toxisch wirkenden Biostoffen wie Schimmelpilzen und Endotoxinen bei Tätigkeiten, die keiner Schutzstufe zugeordnet werden müssen. Kernelement sind die Konventionen, auf deren Basis die Höhe, Dauer und Häufigkeit einer Exposition beurteilt werden können und auf deren Basis die Gefährdung abgestuft beurteilt werden kann. Den unterschiedlichen Gefährdungsstufen werden allgemeine Anforderungen an Schutzmaßnahmen gegenüber gestellt.
Auch für die Beurteilung von Tätigkeiten mit infektiöser Gefährdung wurden entsprechend Konventionen festgelegt, auf deren Basis der Anwender unterscheiden kann, ob eine tätigkeitsbedingte Infektionsgefährdung vorliegt, und welche allgemeinen Anforderungen an Schutzmaßnahmen in den unterschiedlichen Fällen zu stellen sind.
Der Vortrag informiert ebenso über die Fallgestaltungen, bei denen es zu psychischen Belastungen durch Tätigkeiten mit Biostoffen kommen kann und welche Besonderheiten bei der Beurteilung zu berücksichtigen sind. Ergänzt werden diese Informationen mit Hinweisen, wie das Sicherheitsbewusstsein der Beschäftigten gestärkt werden kann.

Herr Dr. Stefan Mayer
HBM-Studie zur Überprüfung von Benzol-Belastungen in der Nachbarschaft von Erdgas-/Erdölförderstätten (Thomas Göen, Kerstin Zethner, Kristina Zethner, Klaus-Michael Wollin)
In einer Region Norddeutschlands, in der Erdgas-/Erdölförderstätten (EEF) in hoher Zahl angesiedelt sind, trat eine überzufällige Häufung hämatologischer Krebsformen auf. Da deren erhöhte Inzidenz durch erhöhte Benzol-Belastungen begründet werden könnte, stellte sich die Frage, ob Anwohner in unmittelbarer Nähe zu EEF gegenüber Benzol aktuell in erhöhtem Maße exponiert sind.
Zur Klärung der Frage wurden 110 Anwohner (73 Nichtraucher und 37 Raucher) der Region mit hoher EEF-Dichte (Untersuchungsgruppe) und 84 Bewohner (nur Nichtraucher) desselben Landkreises ohne EEF (Kontrollen) rekrutiert. Die äußere Benzol-Belastung wurde in der Außen-/Innenraumluft und personengebunden über 14 Tage mit Passivsammlern erfasst. Im gleichen Zeitraum wurden von den Teilnehmern an vier Tagen 24h-Sammelurine gewonnen und darin der Benzol-Biomarker S-Phenylmerkaptursäure (S-PMA) sowie die Parameter Cotinin und Kreatinin bestimmt. Die Probenahmen in der Untersuchungsgruppe erfolgten im Sommer und Herbst 2018 und die in den Kontrollen zeitgleich im Herbst 2018.
In der Untersuchungsgruppe lagen bei Rauchern im Vergleich zu den Nichtrauchern sowohl personengebunden (Median: 1,98 vs. 1,02 µg/m3) als auch im Innenraum (1,55 vs. 0,88 µg/m3) höhere Benzolbelastungen vor. Die Nichtraucher der Untersuchungsgruppe und der zeitgleich untersuchten Kontrollgruppe unterschieden sich bzgl. der Benzol-Luftbelastung weder personengebunden (1,02 vs. 0,91 µg/m3) noch im Innenraum (0,88 vs. 0,82 µg/m3) sowie in der Außenluft (0,50 vs. 0,49 µg/m3) dagegen nicht. Die S-PMA-Ausscheidung war ebenfalls bei den Rauchern höher als bei den Nichtrauchern der Untersuchungsgruppe (2,23 vs. 0,11 µg/g Kreatinin). Allerdings fand sich kein Unterschied zwischen den Nichtrauchern der Untersuchungsgruppe und den Kontrollen (0,11 vs. 0,12 µg/g). Der Vergleich der Untersuchungszeiträume zeigte signifikant höhere Werte für die Außenluft als auch für die S-PMA-Ausscheidung der Bewohner im Herbst im Vergleich zum Sommer.
Die Ergebnisse der Studie konnten keine Evidenz für die Hypothese einer erhöhten Benzol-Belastung von Anwohnern in der unmittelbaren Nähe von EEF zeigen. Dabei erwiesen sich sowohl das Luftmonitoring als auch das Biomonitoring als ausreichend sensitiv, um Unterschiede in der jeweiligen Expositionssituation erfassen zu können.
Herr Prof. Dr. rer. nat. Thomas Göen
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen
Donnerstag
03 Sep
16:15 - 17:30
Vorträge
Lunge
Raum: Hörsaal 6
Vorsitz: Dennis Nowak
Prädiktoren für Erwerbstätigkeit nach Lungentransplantation bei Patienten mit Mukoviszidose: eine monozentrische Querschnittsstudie (Holger Dressel, Thomas Radtke, André Königs, Julia Braun, Xijin Chen, Christian Benden)
Einleitung
Lungentransplantation (LTx) ist eine etablierte Therapieform bei ausgewählten Patienten mit fortgeschrittener Lungenerkrankung bei Mukoviszidose (zystische Fibrose, CF). Eine Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit nach LTx wird im Allgemeinen unterstützt, wobei Berufsstätige im Vergleich zu nicht berufstätigen Patienten eine bessere Lebensqualität aufweisen. In der Schweiz gibt es bisher keine Daten zur langfristigen Erwerbstätigkeit nach LTx bei Patienten mit CF.

Methoden
In einer monozentrischen Querschnittsstudie an einem Universitätsspital wurden Daten von lungentransplantierten Patienten mit CF im Zeitraum von Januar 1996 und Dezember 2016 retrospektiv analysiert. Der Einfluss von potentiellen prä-transplantären Faktoren (Alter, Geschlecht, Lungenfunktion, Body Mass Index, 6-Minuten Gehstrecke, Ausbildung, Beziehungsstatus, Wohnsituation, Wartezeit auf der LTx-Liste, Erwerbstätigkeit während der Wartezeit zur LTx) und post-transplantäre Faktoren auf die Erwerbsstätigkeit nach LTx [chronische Allograftdysfunktion, Dialysepflicht, Krebsdiagnose (ausser Hautkrebs)] wurden mittels gemischten logistischen Regressionsmodellen mit zufälligen Effekten untersucht. Deskriptive Analysen in Bezug auf Erwerbstätigkeit wurden für verschiedene Zeiträume nach LTx (>1, 1-3, 3-5, 5-10, >10 Jahre) durchgeführt.

Ergebnisse
99 Patienten (35±10 Jahre; 49.5% weiblich) wurden in die Studie aufgenommen. Die mittlere Wartezeit auf der LTx-Liste betrug 42±39 Wochen. Die Erwerbstätigkeit für den Zeitraum <1 (n=93), 1-3 (n=90), 3-5 (n=68), 5-10 (n=53) und >10 (n=32) Jahre nach LTx betrug 35%, 68%, 79%, 72% und 78%. Die prä-transplantäre Erwerbstätigkeit (OR 32.16, 95% CI 9.48 – 177.09, p<0.0001), berufliche Ausbildung (akademisch vs. nicht-akademisch, OR 4.40, 95% CI 1.07 – 20.55, p=0.04) und die Zeit nach LTx (log Skala) OR 4.94, 95% CI 2.95 – 9.38 , p<0.0001) waren die wesentlichen Einflussfaktoren für die post-transplantäre Erwerbsfähigkeit. Klinische Faktoren, wie die chronische Allograftdysfunktion, hatten keinen Einfluss auf die Erwerbstätigkeit nach LTx.

Schlussfolgerung
Die prä-transplantäre Erwerbstätigkeit ist der dominierende Einflussfaktor für die Berufstätigkeit nach LTx bei Patienten mit CF. Patienten auf der Warteliste sollten ermutigt werden, wenn gesundheitlich möglich, mindestens Teilzeit noch einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Die berufliche Re-Integration nach erfolgreicher LTx sollte interdisziplinär durch das LTx Team unterstützt werden.
Herr Holger Dressel
Abteilung für Arbeits- und Umweltmedizin, EBPI, Universität Zürich und Universitätsspital Zürich
Sind zirkulierende microRNAs für die Früherkennung von malignen Mesotheliomen geeignet? Ergebnisse einer eingebetteten Fall-Kontroll-Studie. (Daniel Weber, Alexander Brik, Swaantje Casjens, Katarzyna Burek, Martin Lehnert, Beate Pesch, Dirk Taeger, Peter Rozynek, Georg Johnen, Thomas Brüning, M oMar Studiengruppe)
Zielsetzung
Das maligne Mesotheliom weist weiterhin hohe Neuerkrankungsraten auf. Inzwischen wurden für die Früherkennung dieses asbest-assoziierten Krebs die beiden Biomarker Calretinin und Mesothelin etabliert, die bei einer festgelegten hohen Spezifität von 98% eine Sensitivität von 42% erreichen. Eine Erweiterung dieses Panels um zusätzliche Biomarker könnte die Sensitivität, bei gleichbleibender Spezifität, noch erhöhen. Dazu bieten sich insbesondere Biomarker aus anderen molekularen Klassen an. Ziel dieser Studie war die Validierung von microRNAs (miRNAs), die in bisherigen Fall-Kontroll-Studien als potentielle Biomarker bezüglich ihrer Eignung zur Früherkennung von malignen Mesotheliomen identifiziert wurden.

Methoden
Zwischen 2008 und 2018 wurden in der prospektiven MoMar-Studie insgesamt 2769 Patienten mit einer anerkannten BK4103 rekrutiert. Die Probanden nahmen an einer jährlichen Untersuchung inklusive Blutabnahme teil. Die potentiellen Biomarker miR-132-3p, miR-126-3p und miR-103a-3p wurden unter Anwendung eines eingebetteten Fall-Kontroll-Designs im Plasma von 17 Mesotheliom-Patienten und 34 gematchten Kontrollen gemessen. Die Marker-Performance wurde mittels receiver operating characteristic (ROC) Analyse ermittelt.

Ergebnisse
Die 17 prä-diagnostischen Plasma-Proben wurden im Median 8,9 Monate vor der klinischen Diagnose eines Mesothelioms gesammelt. Die miRNAs miR-132-3p, miR-126-3p und miR-103a-3p konnten im Plasma zwar prinzipiell nachgewiesen werden, bei einer vorgegebenen Spezifität von 98% weisen alle drei miRNAs allerdings sowohl einzeln als auch in Kombination eine Sensitivität von 0% auf.

Schlussfolgerungen
Die analysierten Biomarker eignen sich nicht für eine Früherkennung von malignen Mesotheliomen. Die drei zirkulierenden miRNAs könnten aber möglicherweise als prognostische oder prädiktive Biomarker zur Einschätzung des Krankheitsverlaufs und der Wirkung einer Therapie geeignet sein. Diese Fragestellungen müssten allerdings noch in entsprechend geeigneten Studie vertieft werden.
Herr Daniel Weber
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Atemanhaltezeit und Inspirationsvolumen haben Einfluss auf DLCO, DLCO/VA und DLNO; Vergleich an verschiedenen Patientenkollektiven (Luisa Diener, Robert Herold, Volker Harth, Alexandra Marita Preisser)
Hintergrund:
Die Kohlenstoffmonoxid (CO)-Diffusionsmessung (DLCO) wird zur Beurteilung des pulmonalen Gasaustauschs eingesetzt; sie kann durch die simultane Messung der Stickstoffmonoxid (NO)-Diffusion (DLNO) ergänzt werden, wodurch sich pulmonaler Gasaustausch und Lungendurchblutung separat beurteilen lassen, bedingt durch die höhere Bindungsaffinität des NO zu dem pulmonal-kapillären Hämoglobin.
Methode:
Bei 359 Probanden (Ø 57,3 Jahre, SD 16,6) der arbeitsmedizinischen Poliklinik erfolgte kombiniert die Bestimmung von DLCO und DLNO (single-breath), von denen 258 (Ø 57,9 Jahre, SD 16,4) die Qualitätskriterien (QK) der DLCO erreichten (inspiratorisches Volumen (VIN) > 85% der individuellen Vitalkapazität (VC) und Atemanhaltezeit ≥ 8 s). Ergänzt wurden Anamnese und Untersuchung, Spirometrie und Bodyplethysmographie. Das, die QK erfüllende, Kollektiv wurde 5 Diagnosegruppen zugeteilt: Lungengesunde (n=160), obstruktive Atemwegs(AW)-Erkrankung (n=32), restriktive AW-Erkrankung (n=15), obstr./restr.-gemischte AW-Erkrankung (n=6) und Lungenemphysem (n=45). Die Abhängigkeit von DLCO und DLNO von QK VIN und QK Atemanhaltezeit sowie das Verhältnis DLNO/DLCO wurden untersucht.
Ergebnisse:
Patienten mit einer VIN > 85% VC (n=315) erreichten höhere Mittelwerte jeweils in DLCO und DLNO als Patienten mit einer VIN ≤ 85% VC (n=44) (7,74 und 6,90 bzw. 27,8 und 32,6 mmol/min/kPa, beide p<0,05). Die Werte der DLCO/VA und auch der DLCO lagen bei den Probanden, die das QK Atemanhaltezeit nicht erfüllten (n=64), höher als bei denen mit einer Atemanhaltezeit ≥ 8 s (n=295) (1,52 und1,38 bzw. 8,11 und 7,53 mmol/min/kPa, p<0,01 bzw. n.s.); DLNO und DLNO/VA zeigten keine signifikante Beeinflussung durch die Atemanhaltezeit. DLNO/DLCO wurde hingegen bei einer Atemanhaltezeit ≥ 8 s höher bestimmt (p<0,01). In der, beide QK erfüllenden, Gruppe betrug DLNO/DLCO für Lungengesunde im Mittel 4,25 (SD 0,37), für die obstruktive Gruppe 4,48 (SD 0,53), für die restriktive Gruppe 4,07 (SD 0,58), für die gemischte Patientengruppe 4,28 (SD 0,09) und für die Patienten mit Lungenemphysem 4,43 (SD 0,45) (p=0,005).
Schlussfolgerungen:
Das QK Atemanhaltezeit wirkt sich auf DLCO/VA besonders stark aus, während VIN auf DLNO und DLCO einen signifikanten Einfluss hat. Im Vergleich zu Lungengesunden zeigten die Gruppen mit Lungenerkrankungen signifikant verschiedene Quotienten der Diffusionskapazitäten, die den Einfluss der verschiedenen Krankheitsentitäten auf die pulmonale Perfusion widerspiegeln.
Frau PD Dr. med. Alexandra Marita Preisser
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Frau Luisa Diener
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Asbestbedingte Lungen- und Pleuraerkrankungen: Sensitivität und Spezifität radiologischer Befund im Vergleich zu den Sektionsbefunden (Alexandra Marita Preisser, Theresa Hempel, Ute Lockemann, Friedrich Schulz, Jan Sperhake, Klaus Püschel, Volker Harth)
Hintergrund:
Die Asbest-bedingten Berufskrankheiten (BK) Nrn. 4103, 4104, 4105 und 4114 zeigen seit einigen Jahren anhaltend hohe Zahlen in den DGUV-Statistiken. Die radiologischen Untersuchungsmethoden mit konventionellem Röntgen und Computertomographie (CT) des Thorax stellen eine wesentliche Säule in der Erkennung dieser Berufskrankheiten dar. Zur Sicherung oder Ausschluss einer Asbest-bedingten BK wird dennoch in vielen Fällen nach dem Tod des/der Versicherten eine Sektion im Auftrag der Berufsgenossenschaften durchgeführt.
Methode:
Es wurden 536 Fälle (hiervon 532 männlich) mit Verdachtsanzeige auf eine asbestbedingte BK aus dem Sektionsgut des Institutes für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf aus den Jahren 2010-2017 retrospektiv ausgewertet, von denen in 333 Sektionsfällen (62%) sich die Gutachter für die Anerkennung einer BK aussprachen (BK 4103: n=182, 34%; BK 4104: n=289, 53,9%; BK 4105: n=182, 11,9%; BK 4103: n=1, 0,2%). Die Häufigkeiten asbesttypischer Veränderungen (Pleuraplaques/Thoraxwandschatten, Asbestose/Lungenfibrose, Tumor) wurden anhand der Sektionsprotokolle ausgewertet. Die fachradiologischen Befunde konventioneller Röntgenuntersuchungen (n=226) und der CT (n=272), vor dem Ableben der Versicherten vorgenommen, wurden aus den Akten und im Vergleich zu den Sektionsbefunden ausgewertet (Vier-Felder-Tafeln, Accuracy). Die Fälle mit Minimalasbestose (n=23) wurden hier im Vergleich bezüglich der Erkennung einer Fibrose ausgeschlossen, da definitionsgemäß diese nur histologisch erkennbar sind.
Ergebnisse:
Die Erkennung von Pleuraplaques zeigte im Vergleich zum Sektionsbefund im konventionellen Röntgen eine Sensitivität (Sens.) von 56%, eine Spezifität (Spez.) von 97% (accuracy 0,75), die CT eine Sens. von 58% und Spez. von 93% (accuracy 0,75). Die Asbestose/Lungenfibrose wurde in Röngten und CT mit einer Sens. von 37% bzw. 56% erkannt, die Spez. lag bei 93% bzw. 92% (acc. 0,79 bzw. 0,82); ein Tumor wurde mit einer Sens. von 87% bzw. 97% und einer Spez. von 100% bzw. 98% erkannt (acc. 0,91 bzw. 0,97).
Schlussfolgerungen:
In dieser Untersuchung zeigt sich nur für die Erkennung eines Tumors eine gute Sensitivität, insbesondere in der CT. Für die Pleuraveränderungen und die Lungenfibrose durch Asbest zeigen die Sensititivitäten, auch für die CT, ein nur mäßig gutes Erkennen der asbesttypischen Veränderungen. Eine spezifische Auswertung der radiologischen Untersuchungstechniken, -situationen und Befunde wird angestrebt.
Frau PD Dr. med. Alexandra Marita Preisser
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Die digitale PCR zum Nachweis des Onkogens MYC in Gewebe – Ein Biomarker für Lungenkrebs (Alexander Brik, Daniel Weber, Swaantje Casjens, Peter Rozynek, Swetlana Meier, Thomas Behrens, Matthias Altmayer, Georgios Stamatis, Kaid Darwiche, Dirk Theegarten, Barbara Sitek, Klaus Gerwert, Georg Johnen, Thomas Brüning)
Zielsetzung: Lungenkrebs ist die häufigste Krebstodesursache in Deutschland. Im Gewebe von Lungenkrebspatienten ist die Vermehrung des Onkogens MYC (v-myc avian myelocytomatosis viral oncogene homolog) häufig nachweisbar. Der Nachweis der Kopienzahl von Genen mittels qPCR (quantitative polymerase chain reaction) ist vergleichsweise aufwendig, da für die Durchführung der Einsatz von Standardkurven oder Kalibratoren notwendig ist. Die dPCR (digitale PCR) hingegen ist eine einfach durchführbare und sensitivere Methode, die auch einen zukünftigen Nachweis in Blut zwecks Früherkennung ermöglichen könnte. Das Ziel dieser Studie war die Etablierung einer dPCR-Methode zur Bestimmung der MYC-Kopienzahl bei Lungenkrebspatienten.

Methoden: Das Studienkollektiv umfasste Tumor- und Nicht-Tumorproben von insgesamt 101 Lungenkrebspatienten. Die Kopienzahl von MYC wurde mittels qPCR und dPCR in den Gewebeproben bestimmt. Dazu wurde die gDNA (genomische DNA) aus den Gewebeproben isoliert und MYC sowie RNase P als Referenz mittels der beiden Methoden gemessen.

Ergebnisse: Für den Nachweis von MYC in Gewebeproben wurde die dPCR-Methode etabliert. Für eine erfolgreiche Durchführung ist eine Behandlung der gDNA vor der PCR nicht notwendig. Die erzielten Ergebnisse zeigen eine gute Korrelation zwischen qPCR und dPCR. In den Tumorproben betrug die MYC Kopienzahl im Median 2.08 (Interquartile range (IQR) 1.95 - 2.34) und in den Nicht-Tumorproben 1.98 (IQR 1.93 - 2.03). Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war statistisch signifikant (p < 0.0001). Bei nur einem falsch-positiven Test konnte bei 42 Patienten eine Erhöhung der MYC-Kopienzahl im Tumorgewebe im Vergleich zum Normalgewebe nachgewiesen werden. Die Sensitivität von MYC als Biomarker betrug somit 42% und die Spezifität 99%.

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die dPCR eine präzise und verlässliche Methode für die Bestimmung der MYC-Kopienzahl in Gewebeproben ist. Die Methode vereinfacht die molekulare Charakterisierung von Lungenkrebs und unterstützt somit die Entscheidungen zur Auswahl geeigneter Therapien. Weiterhin ist die empfindliche dPCR eine gute Basis für einen zukünftigen Bluttest, der andere blutbasierte Marker zur Lungenkrebsfrüherkennung ergänzen könnte.
Herr Dr. Alexander Brik
Institut für Pravention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Donnerstag
03 Sep
08:30 - 09:15
Vorträge
Gefährdung Arbeitsplatz Krankenhaus I
Raum: Hörsaal 2
Vorsitz: Albert Nienhaus
Aktuelle Erkenntnisse zum sicheren Arbeiten mit Anästhesiegasen im Gesundheitsdienst (Johannes Gerding, Udo Eickmann)
Einleitung
Inhalationsanästhetika sind fester Bestandteil der modernen medizinischen Versorgung. Die Abwesenheit nationaler Grenzwerte für viele gängige Anästhesiegase bietet immer wieder Anlass zur Diskussion der Frage, ob von diesen Verbindungen eine Gesundheitsgefahr für beruflich exponierte Personen ausgehen kann (z. B. beim Mutterschutz). Auf Basis einer umfassenden Literaturrecherche beschreibt dieser Beitrag aktuelle Expositionsszenarien bei gesundheitsdienstlichen Tätigkeiten mit Anästhesiegasen und nennt geeignete Schutzmaßnahmen [1].

Methoden
Aktuelle Expositionsdaten gesundheitsdienstlicher Tätigkeiten mit Anästhesiegasen wurden der Fachliteratur im Rahmen einer selektiven Literaturrecherche entnommen. Ergänzend wurde eine Auswertung von Messinformationen der Unfallversicherungsträger vorgenommen, um Arbeitsbereiche mit potentiell erhöhter Anästhesiegasexposition zu identifizieren und geeignete Schutzmaßnahmen abzuleiten. Die Recherche umfasste Tätigkeiten in Operationssälen, Aufwachräumen, Langzeitsedierungen auf Intensivstationen sowie die Lachgassedierung in Zahnarztpraxen.

Ergebnisse
Die Anästhesiegasexposition von Mitarbeitern in Krankenhäusern liegt bei vielen Tätigkeiten bereits heute unterhalb der nationalen und internationalen Grenzwerte. Erhöhte Expositionen können bei Tätigkeiten auftreten, bei denen besonders viel Narkosegas freigesetzt wird, etwa bei Maskeneinleitung oder Lachgassedierungen in Zahnarztpraxen. Wirksamen Schutz vor erhöhter Anästhesiegasbelastung bieten eine geeignete Anästhesiegasabsaugung sowie eine leistungsstarke raumlufttechnische Anlage.

Diskussion
Zusammenfassend zeigt sich, dass in der Praxis bereits heute eine erhöhte Anästhesiegasbelastung durch geeignete Schutzmaßnahmen wirksam vermieden werden kann, wenn die im technischen Regelwerk (TRGS 525) empfohlenen technischen Schutzmaßnahmen umgesetzt werden. Ebenso wichtige Schutzmaßnahmen sind der bewusste, geschulte Umgang mit Inhalationsanästhetika und die Berücksichtigung emissionsfreier Alternativen, wie etwa der totalintravenösen Anästhesie, durch die verantwortlichen Mediziner.
Herr Dr. Johannes Gerding
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)
Chirurgischer Rauch – Gefährdungswahrnehmung und Umsetzung von Schutzmaßnahmen im OP (Martina Michaelis, Albert Nienhaus, Udo Eickmann)
Chirurgische Rauchgase entstehen bei Laser- oder Elektrochirurgie durch intensive thermische Einwirkung auf menschliches Gewebe. Die Einzelstoffe können übelriechend, akut und chronisch schädigend und Träger für Infektionserreger sein.
In der Technischen Regel für Gefahrstoffe (TRGS) 525 "Gefahrstoffe in medizinischen Einrichtungen" wurde Ende 2014 ein Kapitel zu entsprechenden Schutzmaßnahmen für exponierte Beschäftigte im OP formuliert.
Bislang war unbekannt, in welchem Ausmaß der empfohlene Arbeits- und Gesundheitsschutz in deutschen OPs eingehalten wird und welche Barrieren in der betrieblichen Praxis evtl. eine angemessene Umsetzung verhindern. Eine Befragung exponierter Berufsgruppen sollte diese Fragen beantworten und ermitteln, wie die Gefährdung durch chirurgische Rauchgase von den Beschäftigten wahrgenommen wird.

Methoden: Der Link zu einer selbst operationalisierten Online-Befragung wurde Ende 2018 per E-Mail an 7.089 Chirurgen aus ausgewählten Fachbereichen im stationären und ambulanten Sektor versendet. Der Stichprobenzugang erfolgte mittels eines kommerziellen Adressanbieters. Zusätzlich wurden zwei Berufsverbände pflegerischen OP-Assistenzpersonals um Weitergabe des Links an ihre Mitglieder (Gesamt n= 219) gebeten.
Unterschiede zwischen Sektoren bzw. Berufsgruppen wurden mit bivariaten Testmethoden (Chi2-/Mann-Whitney U-Test) ermittelt.

Ergebnisse: Der Fragebogenrücklauf bei Chirurgen betrug insgesamt 5,1% (n=356) und beim Assistenzpersonal 65% (n=142). Letzteres zeigte sich im Hinblick auf Gesundheitsgefahren vergleichsweise deutlich besorgter. Die Hälfte der Chirurgen sah geringe/keine Gesundheitsgefahren durch CR ohne Schutzmaßnahmen und achtet beim Operieren nicht auf ihre Vermeidung; häufigste Gründe für eine Nichtachtung sind Fatalismus und Gedankenlosigkeit. 11% der Beschäftigten aus Krankenhäusern berichteten über spezielle technische Schutzmaßnahmen zur Rauchabsaugung.

Diskussion: Angesichts geringer Rücklaufraten ist zu vermuten, dass die Ergebnisse eine Überschätzung positiver Ergebnisse der antwortenden Chirurgen beinhalten; sie sollten deshalb mit Vorsicht interpretiert werden.
Schlussfolgerung: Das Gesundheitsbewusstsein bei OP-Personal und die Umsetzung ausreichender Schutzmaßnahmen sollte verstärkt durch Maßnahmen der Organisationsentwicklung unterstützt werden.
Frau Dr. Martina Michaelis
Freiburger Forschungsstelle Arbeits- und Sozialmedizin (FFAS)
Gefahrstoffe in der Pathologie: Der Fokus liegt auf Formaldehyd! (Wolfgang Wegscheider)
Hintergrund: Pathologien verwenden für Prozessabläufe Chemikalien, denen die Beschäftigten ausgesetzt sein können. Untersuchungen aus der Vergangenheit zeigten Grenzwertüberschreitungen für die inhalative Formaldehydexposition, insbesondere bei manuellen Tätigkeiten mit 4 %-iger Formaldehydlösung wie Zuschneiden von Gewebeproben, Umfüllen von Formaldehydlösung und Entsorgen der Asservate. Die aktuelle Expositionssituation wurde in 54 Pathologien mit subjektiv guten Arbeitsplatzausstattungen durch ein Gemeinschaftsprojekt aus Unfallversicherungsträgern und Ländermessstellen ermittelt.
Methode: Expositionsmessungen im Atembereich der Beschäftigten nach einer standardisierten Messstrategie dienten zur Ermittlung der Lösemittel- und Formaldehydbelastung. Die teilnehmenden Pathologien mussten technische Mindeststandards zum Schutz vor inhalativer Exposition vorweisen, zum Beispiel technische Absaugungen bei manuellen Tätigkeiten.
Ergebnisse: Für Ethanol, Ethylbenzol, 2-Propanol und Xylol wurden alle Grenzwertbedingungen ausnahmslos eingehalten. Für Formaldehyd überschritten die Schichtmittelwerte beim Zuschnitt unter der Annahme einer achtstündigen Expositionsdauer in 37 % der ermittelten Fälle den zulässigen Arbeitsplatzgrenzwert nach TRGS 900 von 0,37 mg/m3. Bei kurzzeitigen Tätigkeiten mit Formaldehydlösung wie dem Umfüllen und Entsorgen wurde die zulässige Kurzzeitwertdauer in 50 % der Fälle und in 23 % der Fälle die zulässige Kurzzeitwerthöhe von 0,74 mg/m3 überschritten.
Schlussfolgerungen: Die Lösemittelkonzentrationen stellten keine relevante inhalative Gefährdung dar. Die erhöhten Formaldehydkonzentrationen entstanden immer dann, wenn die belastenden Tätigkeiten außerhalb des Wirkungsbereichs der Absaugungen durchgeführt wurden. Teilweise waren die Absaugungen nicht ausreichend leistungsfähig, teilweise wurden die Arbeiten aus organisatorischen Gründen zu weit von Absaugungen entfernt durchgeführt. Weitere Emissionsquellen, zum Beispiel Mülleimer mit formaldehydgetränkten Zellstofftüchern oder Abwurfbehälter mit entleerten offenen Probengefäßen führten zu einer zusätzlichen Formaldehydbelastung der Raumluft. Wirksame Lösungsansätze können die Vermeidung oder Reduzierung von Emissionsquellen, die Verbesserung der Arbeitsabläufe und der Arbeitsplatzhygiene und die Verbesserung der Wirksamkeit der Arbeitsplatzabsaugungen sein.

Herr Dipl.-Ing. Wolfgang Wegscheider
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)
Donnerstag
03 Sep
10:00 - 10:45
Vorträge
Gefährdung Arbeitsplatz Krankenhaus II
Raum: Hörsaal 2
Vorsitz: Uta Ochmann
Review zur Untersuchung der berufsbedingten latenten Tuberkuloseinfektion (LTBI) mit Interferon-Gamma Release Assays (IGRA) bei Gesundheitspersonal (Claudia Peters, Agnessa Kozak, Albert Nienhaus, Anja Schablon)
Hintergrund
Beschäftigte im Gesundheitsdienst haben aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit ein erhöhtes Infektionsrisiko gegenüber einer latenten Tuberkuloseinfektion (LTBI). Seit mehreren Jahren sind die Interferon-Gamma Release Assays (IGRAs) zur Diagnostik im Einsatz und ersetzen meist den Tuberkulin-Hauttest (THT). Bis zur Einführung der IGRAs erfolgte die Beschreibung des beruflichen Risikos überwiegend mit dem THT. Ziel dieser Studie ist es, die neu gewonnenen Erkenntnisse durch das Screening mit IGRAs zum berufsbedingten Infektionsrisiko von LTBI bei Beschäftigten in Niedriginzidenzländern zu untersuchen.
Methoden
Mit einer systematischen Suche wurden relevante epidemiologische Studien aus mehreren elektronischen Datenbanken nach den folgenden Einschlusskriterien identifiziert: (1) Land mit geringer Tuberkulose-(TB)-Inzidenz (<40 TB-Fälle/100.000 Einwohner); (2) Mitarbeiter medizinischer Einrichtungen, die mit IGRAs auf LTBI untersucht wurden und (3) Informationen über Alter, Beruf und/oder Arbeitsplatz bereitstellen. Für die Studien erfolgte eine methodische Qualitätseinschätzung.
Ergebnisse
Insgesamt 58 Studien wurden eingeschlossen, von denen 33 in Europa, 5 in Amerika, 9 in der Westpazifischen Region und 11 Studien in Ländern des östlichen Mittelmeeres durchgeführt wurden. Die Untersuchungen fanden überwiegend im Krankenhausbereich statt. Die meisten Studien waren Querschnittsuntersuchungen und 32 wurden als methodisch sehr gut eingestuft. Die Prävalenz der LTBI über alle Studien lag zwischen 0,9 und 85,5%. Die kombinierten Häufigkeiten für Europa und Amerika betrugen 16,2 bzw. 16,5%, für die Regionen des Westpazifiks 4,8 und 17,3% für das östliche Mittelmeer. Die deutschen Studien zeigten meist Häufigkeiten unter 10%. Bei der Metaanalyse waren für Ärzte, Pflege- und Laborpersonal keine und nur für administratives Personal erhöhte Risiken zu sehen.
Fazit
Die Prävalenzraten sind sehr unterschiedlich. In Deutschland ist die LTBI eine der häufigsten Infektionen bei medizinischem Personal. Die Anwendung von Schutzmaßnahmen bei Verdacht oder Kontakt mit TB-Patienten oder Material helfen das Infektionsrisiko zu reduzieren.
Frau Dr. Claudia Peters MPH
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Hepatitis C bei Beschäftigten im Gesundheitswesen: Follow-Up-Analyse der Therapien mit direkt antiviral wirksamen Medikamenten (Claudia Westermann, Dana Wendeler, Albert Nienhaus)
Hintergrund: Hepatitis-C-Infektionen (HCV) sind blutübertragbar, verlaufen überwiegend chronisch und sind mit erhöhter Morbidität und Mortalität assoziiert. Ziel dieser Studie ist es, die Therapieergebnisse mit den direkt antiviral wirksamen Medikamenten (direct-acting antiviral agents, DAAs) bei Beschäftigten im Gesundheitswesen (BiG) zu beschreiben.
Methoden: Die Auswertung der Behandlungsergebnisse der DAA-Regime basieren auf Routinedaten der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Untersucht wurden die Therapien, die bei BiG mit einer als Berufskrankheit anerkannten HCV-Infektion zwischen dem 01.01.2014 und dem 30.12.2018 durchgeführt wurden. Die untersuchten Endpunkte waren die Erfolgskontrollen zwölf und 24 Wochen nach Therapieende (SVR12, SVR24), die Nebenwirkungen und die Ergebnisse der Begutachtung der Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) nach erfolgter Therapie. Zusammenhänge zwischen Behandlungserfolg (SVR12) und Therapiestatus (naiv/erfahren), Zirrhose (ja/nein) und Geschlecht wurden univariat, Prädiktoren für SVR12 wurden multivariat untersucht.
Ergebnisse: Die Studienpopulation (n = 305) umfasste hauptsächlich BiG mit einer Genotyp-1-Infektion. Das Durchschnittsalter lag bei 63 (SD 10) Jahren, 76 % waren Frauen. Zwei Drittel der BiG hatte eine Fibrose bzw. eine Zirrhose und knapp 70 % waren behandlungserfahren. Männer hatten statistisch signifikant häufiger eine Zirrhose als Frauen (51 % gegenüber 21 %, p<0,00). Die Erfolgsraten zwölf und 24 Wochen nach Therapieende betrugen 98 %. Als Prädiktor für eine statistisch signifikant verminderte Erfolgsrate erwies sich die Leberzirrhose (OR 0,08; 95% CI 0,01-0,80, p = 0,03). Nach der Therapie wurde eine Begutachtung der MdE bei 255 (84 %) Versicherten durchgeführt. Eine Herabstufung der MdE fand bei 184 (72 %) der begutachteten BiG, eine Heraufstufung bei 14 (5 %) statt.
Schlussfolgerung: Im untersuchten Kollektiv wurden hohe Erfolgsraten mit positiven Auswirkungen auf die MdE der Versicherten erreicht. Eine frühe HCV-Therapie scheint wegen der besseren Therapierbarkeit der Infektion sinnvoll.
Frau Dr. Claudia Westermann
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Berufsrisiko der Übertragung von humanem Papillomavirus (HPV) während Ablationsverfahren: ein Überblick der Evidenz. (Galateja Jordakieva, Richard Crevenna)
Hintergrund
Humane Papillomaviren (HPV) sind hoch ansteckende Krankheitserreger die je nach Genotyp mit der Entwicklung von Warzen (z. B. Condylomata acuminata) und Karzinomen assoziiert sind. Es bestehen Bedenken, ob infektiöse Partikel während Ablationsverfahren zur Abtragung von HPV-Läsionen über die Luft auf medizinisches Personal übertragen werden können.

Methoden
Systematische Analyse der wissenschaftlichen Literatur in Hinblick auf das Berufsrisiko einer HPV-Übertragung während etablierten Ablationsverfahren bei HPV-assoziierten Läsionen (Laserbehandlung, elektrochirurgische Exzision [LEEP], Kryochirurgie) und etwaige Präventionsmaßnahmen.

Ergebnisse
In den letzten Jahrzehnten ist die Persistenz und Verteilung von HPV Partikeln im Ablationsrauch von LEEP und Laserverfahren zunehmend belegt worden. Auch „high-risk“ HPV-Genotypen, übereinstimmend mit den Genotypen der behandelten Läsionen, wurden in der Nasenschleimhaut von medizinischem Personal nach solchen Verfahren beschrieben und einzelne Berichte von HPV assoziierten Karzinomen des Oropharynx werden auf LEEP und Laserbehandlungen zurückgeführt. Im Sinne der Arbeitssicherheit und Prävention ist ein Einsatz geeigneter lokaler Rauchgasabsaug- und Filtersysteme, persönlicher Schutzausrüstung, sowie entsprechende Hygiene- und Schulungsmaßnahmen erforderlich, um die HPV-Kontamination und ein etwaiges Infektionsrisiko zu minimieren.

Zusammenfassung
Es liegen einzelne Berichte über HPV-Infektionen und damit verbundener Krankheitsentwicklung bei medizinischem Personal vor, welches gegenüber chirurgischem Rauch aus Laser- und LEEP ausgesetzt war. Durch einfache Schutzmaßnahmen wird die Gefahr einer HPV Kontamination während Ablationsverfahren bereits erheblich verringert.
Frau Dr. med. univ. Galateja Jordakieva PhD
Medizinische Universität Wien
Donnerstag
03 Sep
13:30 - 15:00
Vorträge
Gefahrstoffe: PAK, Weichmacher und PCB
Raum: Hörsaal 5
Vorsitz: Gabriele Leng und Bernd Roßbach
Das Krebsrisiko von Feuerwehrleuten im Zeittrend: Ein systematisches Review und Metaanalyse epidemiologischer Studien (Dirk Taeger, Swaantje Casjens, Thomas Brüning)
Zielsetzung
Die berufliche Exposition von Feuerwehrleuten wurde durch die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) als möglicherweise krebserregend beim Menschen (Gruppe 2B) eingestuft. Frühere Metaanalysen zeigten ein allgemeines Krebsrisiko, das vergleichbar mit der Allgemeinbevölkerung ist. Für einige Krebsarten wurden jedoch erhöhte Krebsrisiken berichtet. Allerdings berücksichtigen diese Analysen nicht die Verbesserung der Schutzausrüstungen oder die Veränderungen der Baumaterialen über die Jahrzehnte. Mit dieser Metaanalyse ermitteln wir das Krebsrisiko von Feuerwehrleuten im zeitlichen Verlauf.

Methoden
Mittels einer PubMed-Recherche wurden Kohortenstudien bzgl. Krebsrisiko und Brandbekämpfung, die standardisierte Inzidenzratios oder standardisierte Mortalitätsratios berichten und bis zum 31.12.2018 in englischer Sprache publiziert wurden, ermittelt. Es flossen die Ergebnisse von 25 Studien in die Metaanalyse ein. Eine Klassifikation der Studien in „alt“, „mittel“ und „jung“ basierte auf dem Beschäftigungsbeginn mit den Cutoffs 1950 und 1970. Die meta-relativen Risikoschätzer (mSIR, mSMR) und die entsprechenden 95% Konfidenzintervalle (KI) stammen von Metaanalysen mit zufälligen Effekten.

Ergebnisse
Im Zeitverlauf reduzierte sich die allgemeine Krebsmortalität von 1,03 (95% KI 0,93 – 1,13, Beginn < 1950, 7 Studien) auf 0,81 (95% KI 0,70 – 0,92, Beginn > 1970, 6 Studien). Für bösartige Melanome der Haut, Prostata- und Hodenkrebs beobachteten wir eine Zunahme der Inzidenz mit spätem Beschäftigungsbeginn. Am Beispiel des Prostatakrebs erhöhte sich das mSIR von 1,03 (95% KI 0,33 – 1,74) bei zwei älteren Studien auf 1,08 (95% KI 1,00 – 1,15) bei drei mittleren Studien und auf 1,18 (95% KI 1,09 – 1,27) bei vier jungen Studien mit einem Beschäftigungsbeginn nach 1970. Für Magenkrebs zeigte sich eine Abnahme der Inzidenz mit späterem Beschäftigungsbeginn. Bei späterem Beschäftigungsbeginn beobachteten wir verringerte mSIRs für Leber-, Lungen- und Hirntumore. Die Analyse weiterer Krebsarten zeigte keinen zeitlichen Trend.

Schlussfolgerungen
Zeitliche Trends für bestimmte Krebserkrankungen wurden beobachtet. Die Risikoerhöhungen sind eher moderat. Bessere persönliche Schutzausrüstungen sowie ein größeres Gefahrenbewusstsein haben vermutlich im Laufe der Zeit ein sichereres und gesünderes Arbeitsumfeld von Feuerwehrleuten geschaffen, was insbesondere zu einer Reduzierung der allgemeinen Krebsmortalität führte.
Herr Dr. Dirk Taeger
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Weichmacher-Exposition durch Medizinprodukte im Krankenhaus – Pilotstudie zur inneren Belastung von Patienten der Kinderkardiologie (Elisabeth Eckert, Frank Münch, Christine Höllerer, Johannes Müller, Hans Drexler, Thomas Göen, Robert Cesnjevar)
Einleitung
Medizinprodukte aus Plastik, wie z.B. Infusionsbeutel, blutführende Schläuche und Blutbeutel, sind aus dem Klinikalltag nicht mehr wegzudenken und werden aufgrund ihrer günstigen Eigenschaften (Flexibilität, Bruchsicherheit, Preis, etc.) vielfältig eingesetzt. Allerdings enthalten Medizinprodukte aus PVC in der Regel hohe Gehalte an Weichmachern (bis 40%). Da die Weichmacher im Plastikprodukt chemisch nicht gebunden vorliegen, können diese leicht in Kontaktflüssigkeiten, wie z.B. Blut übergehen. Besonders intensiver Kontakt mit Medizinprodukten, wie Blutschläuchen und –beuteln, besteht im Rahmen von operativen Eingriffen.
Methoden
In einer Pilotstudie wurde die innere Belastung mit Weichmachern von 21 Kindern untersucht, die sich im Zeitraum zwischen 2014 und 2016, einer Herzoperation unter Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine unterziehen mussten. Besonderheit der Studie war, dass die Behandlung aller Patienten mit einem Schlauchset erfolgte, das als Weichmacher Tri-2-ethylhexyltrimellitat (TEHTM) statt wie üblich Di-2-ethylhexylphthalat (DEHP) enthielt. Zur Beurteilung der inneren Exposition wurden Blut- und Urinproben der Patienten vor und nach der Herzoperation auf ihren Gehalt an den Weichmachern DEHP und TEHTM bzw. deren Metaboliten untersucht. Hierfür wurden speziell entwickelte Humanbiomonitoringverfahren auf Basis der LC-MS/MS-Technik eingesetzt.
Ergebnisse
Der Weichmacher TEHTM, der in den verwendeten Blutschläuchen enthalten war, konnte vor der Herzoperation in keiner der Blutproben nachgewiesen werden. Nach der OP konnten moderat erhöhte Gehalte an TEHTM im Blut der operierten Kinder bestimmt werden. Die Gehalte an dem Weichmacher DEHP und dessen Metaboliten im Blut und im Urin der Patienten waren demgegenüber nach der Herz-OP erheblich erhöht und sind offenbar auf die Verabreichung von Erythrozyten-Konzentraten, die in DEHP-haltigen Blutbeuteln gelagert waren, zurückzuführen.
Schlussfolgerungen
Im Rahmen der Pilotstudie konnte gezeigt werden, dass operative Eingriffe zu einer erhöhten inneren Belastung der Patienten mit Weichmachern führen. Im Hinblick auf die bekannten toxischen Eigenschaften von DEHP sind die gefunden inneren Gehalte der operierten Kleinkinder als durchaus kritisch einzustufen, obwohl die Exposition zu DEHP durch die Verwendung TEHTM-haltiger Blutschläuche schon effektiv reduziert werden konnte. Eine Belastung des Klinikpersonals mit Weichmachern aus Medizinprodukten ist ebenso denkbar und sollte überwacht werden.
Frau Dr. Elisabeth Eckert
Universität Erlangen-Nürnberg
Expositions-Biomonitoring für den alternativen Weichmacher Di(2-ethylhexyl)adipat (Alexandra Nehring, Daniel Bury, Benedikt Ringbeck, Rainer Otter, Hans-Willi Kling, Tobias Weiß, Thomas Brüning, Holger M. Koch)
Einleitung
Der Weichmacher Di(2-ethylhexyl)adipat (DEHA; CAS-Nummer: 103-23-1) wird als Ersatz für reproduktionstoxische Phthalate eingesetzt. Mit einer neu entwickelten analytischen Methode konnten wir bereits spezifische DEHA-Metaboliten (5-Carboxy-2-ethylpentyladipat (5cx-MEPA), 2-Ethyl-5-hydroxyhexyladipat (5OH-MEHA) und 2-Ethyl-5-oxohexyladipat (5oxo-MEHA)) im menschlichen Urin nachweisen und quantifizieren. So wurden in ersten Pilotpopulationen aus Brasilien und Deutschland in 43,2% bzw. 9,4% der untersuchten Urine ein oder mehrere dieser Metaboliten quantifiziert. Außerdem konnten diese DEHA-Metaboliten in allen Urinproben nach dem Verzehr von in DEHA-haltiger Frischhaltefolie verpackten Lebensmitteln bestimmt werden.[1] Um zukünftig die Gehalte der DEHA-Metaboliten in einem toxikologischen Kontext beurteilen zu können, wurde ihre Bildung und Ausscheidung in einer Humanmetabolismusstudie nach oraler Dosis quantitativ untersucht.

Methoden
Vier gesunde Probanden erhielten einmalig eine orale Dosis von 10 mg DEHA. Einzelurinproben wurden vollständig über 48 h gesammelt. Die Urinproben wurden mittels online-SPE-LC-MS/MS analysiert und die spezifischen Metaboliten, sowie auch der unspezifische Metabolit Adipinsäure (AA) über Stabilisotopenverdünnungsanalyse quantifiziert.

Ergebnisse
Die Elimination aller drei spezifischen Metaboliten erfolgte mit zwei Konzentrationsmaxima (cmax1: 1-2 h; cmax2: 5-6 h), wobei deren Ausscheidung nach 24 h nahezu vollständig (98-99%) abgeschlossen war. 5cx-MEPA ist mit einem Dosisanteil von 0,20% im menschlichen Urin der spezifische Hauptmetabolit von DEHA. 5OH-MEHA (0,07%) und 5oxo-MEHA (0,05%) werden in geringerem Umfang gebildet. Mit 10-40% konnte AA als unspezifischer Hauptmetabolit von DEHA identifiziert werden.

Schlussfolgerung
Der Anteil über den Urin ausgeschiedener, spezifischer DEHA-Metaboliten ist vergleichsweise gering. Dennoch konnte gezeigt werden, dass v.a. 5cx-MEPA geeignet ist, als Expositions-Biomarker in Human-Biomonitoring-Studien eine DEHA Exposition empfindlich anzuzeigen. Mit Vorliegen der toxikokinetischen Daten ist jetzt eine Rückrechnung auf die aufgenommene DEHA-Dosis möglich. Zusammen mit dem bereits publizierten Analysenverfahren stehen somit alle wichtigen Werkzeuge für die Expositions- und Risikobewertung von DEHA in umwelt- wie arbeitsmedizinischen Fragestellungen zur Verfügung.
Frau Alexandra Nehring
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Institut der Ruhr-Universität-Bochum (IPA)
PAK und UV-Strahlung: Synkanzerogenese? (Wobbeke Weistenhöfer, Julia Hiller, Regina Lösch, Simone Schmitz-Spanke, Hans Drexler)
Zielsetzung
Hautkrebs oder zur Krebsbildung neigende Hautveränderungen durch Ruß, Rohparaffin, Teer, Anthrazen, Pech oder ähnliche Stoffe (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK)) können nach Nr. 5102 der BKV als Berufskrankheit anerkannt und entschädigt werden. Ebenso können Plattenepithelkarzinome oder multiple aktinische Keratosen der Haut bei mindestens 40 % zusätzlicher beruflich bedingter UV-Strahlung am Ort der Tumorentstehung nach Nr. 5103 anerkannt werden. Eine Synkanzerogenese zwischen PAKs und UV-Strahlung bei der Entstehung von Hauttumoren wird diskutiert, wurde aber bisher nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht.
Methoden
Es wurde eine systematische Übersichtsarbeit der wissenschaftlichen Literatur zur Frage der Synkanzerogenese von UV-Strahlung und PAK bei der Entstehung von Plattenepithelkarzinomen erstellt. Hierfür wurden deutsch- und englischsprachige Publikationen aus den Datenbanken PubMed, Web of Science und EMBASE berücksichtigt. Neben epidemiologischen Erkenntnissen, sollte dabei, falls ableitbar, auch versucht werden, konkrete Expositions-Risiko-Verhältnisse für bestimmte Personengruppen zu definieren.
Ergebnisse
Unter Verwendung eines Suchalgorithmus zur Erfassung einer Koexposition wurden in Pubmed und Web of Science unter zusätzlicher Berücksichtigung von Querweisen zunächst 248 Abstracts gescreened, von denen 32 Originalarbeiten am Menschen als Volltexte gelesen wurden. Die meisten Studien davon wurden wegen fehlender Daten ausgeschlossen. Einige wenige konnten jedoch grundsätzliche Anhaltspunkte liefern oder in Hinblick auf pathomechanistische Überlegungen berücksichtigt werden, eigneten sich jedoch wegen fehlender Dosis-Wirkungs-Beziehungen bzw. quantitativer Daten nur für eine deskriptive Diskussion.
Schlussfolgerungen
Es liegt bisher keine ausreichende epidemiologische Evidenz für eine synkanzerogene Wirkung von PAK und UV-Licht im Menschen vor. Expositionsverhältnisse für bestimmte Personengruppen waren nicht ableitbar. Sollten sich aus laufenden in-vitro-Untersuchungen konkrete Hinweise auf eine Wirkungsverstärkung ergeben, müsste der Frage einer Kombinationswirkung in entsprechend zu planenden epidemiologischen Studien nachgegangen werden.
Frau Dr. med. Wobbeke Weistenhöfer
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Realbrandtraining als Quelle für eine innere Belastung von Ausbildern der Feuerwehr gegenüber Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) (Bernd Roßbach, Stephan Letzel, Wolfgang Gottschalk, Axel Muttray)
Hintergrund
Bei Durchführung von Trainingseinheiten unter realen Brandbedingungen ist eine Exposition von Ausbildern der Feuerwehr gegenüber Brandemissionen, die u.a. kanzerogene PAK enthalten, unvermeidbar. Eine adäquate Schutzausrüstung und Arbeitshygiene sind daher essentiell, um die Aufnahme von PAK in den Körper und ein sich hieraus ergebendes Krebsrisiko zu minimieren. Ziel der Studie war es, bei einer Gruppe von Feuerwehrausbildern die Aufnahme von PAK im Rahmen des Realbrandtrainings mittels Biomonitoring zu untersuchen und die ggf. auftretenden Belastungen zu bewerten.

Methode
N=6 männliche Feuerwehrausbilder (Alter 25-41, Median 35 Jahre, Nichtraucher) absolvierten in einer holzbefeuerten Realbrandanlage unter Atemschutz jeweils fünf Trainingseinheiten von ca. 2 h Dauer. Alle Studienteilnehmer gaben vor sowie 1, 3, 6, 9, 11 und 18 h nach jedem Training Urinproben ab, die nach Hydrolyse und flüssig-flüssig-Extraktion mittels Gaschromatographie/Tandemmassenspektrometrie auf insgesamt 10 monohydroxylierte Metabolite der PAK Naphthalin, Fluoren, Phenanthren und Pyren untersucht wurden.

Ergebnisse
Bei allen Parametern ergab sich spätestens 3 h nach Trainingsende ein deutlicher Konzentrationsanstieg. Nach dem Durchlaufen eines Maximums, erfolgte ein Konzentrationsrückgang bis 18 h nach Trainingsende, wobei jedoch das Ausgangsniveau vor dem Training nicht wieder erreicht wurde. Zum Zeitpunkt der maximalen Ausscheidung lagen die Konzentrationen der Hydroxynaphthaline (Σ1-, 2-Isomer), -fluorene (Σ2-, 3-, 9-Isomer), -phenanthrene (Σ1-, 2-, 3-, 4-Isomer) und von 1-Hydroxypyren im Median 546 und 933% über dem Ausgangsniveau. Die Biologischen Arbeitsstoffreferenzwerte für Hydroxynaphthalin (35 µg/L, umgerechnet 29,2 µg/g Kreatinin) und 1-Hydroxypyren (0,30 µg/g Kreatinin) wurden hierbei in 32 bzw. 73% der Proben überschritten, wobei die Messwerte bis 133,81 bzw. 1,88 µg/g Kreatinin reichten.

Schlussfolgerungen
Das Realbrandtraining ist für Feuerwehrausbilder mit einer zusätzlichen, höchstwahrschleich dermalen Aufnahme von PAK verbunden. Die resultierenden inneren Belastungen liegen temporär z.T. über der allgemeinen Hintergrundbelastung in der Allgemeinbevölkerung, bewegen sich aber im Literaturvergleich auf einem für Feuerwehrausbilder durchaus üblichen Niveau. Angesichts des Eliminationsverhaltens der untersuchten Parameter sind bei täglicher oder häufigerer Exposition Akkumulationseffekte und damit höhere innere Belastungen zu erwarten.
Herr Dr. rer. nat. Bernd Roßbach
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Humanbiomonitoring bei Schülern und Beschäftigten einer PCB-belasteten weiterführenden Schule in NRW (Thomas Schettgen, André Esser, Thomas Kraus)
Zielsetzung
Polychlorierte Biphenyle (PCBs) sind hochpersistente organische Verbindungen, die bis Mitte der 1980er Jahre auch als Flammschutzmittel in Gebäuden eingesetzt wurden. In einer weiterführenden Schule in Nordrhein-Westfalen wurde anhand von Luftanalysen eine erhöhte Exposition der Schüler und Beschäftigten gegenüber niedrigchlorierten PCBs festgestellt, die auf die Verwendung von PCB-haltigen Fugendichtmassen beim Bau des Gebäudes zurückzuführen war. Bei diesen Luftmessungen wurde in den Räumen teilweise der derzeit gültige MAK-Wert für PCBs von 3000 ng/m3 überschritten.
Aufgrund der Einstufung der PCBs als humankanzerogen führte diese Exposition zu großer Beunruhigung in der Öffentlichkeit. Dies war der Anlass für eine Biomonitoring-Studie mit dem Ziel, die innere Belastung dieser Personen durch den Aufenthalt in der Schule quantitativ zu erfassen. Dabei wurden sowohl den Schülern, Lehrern und Beschäftigten der Schule als auch abgegangenen Personen die Möglichkeit eines Humanbiomonitorings angeboten.
Methoden
An der Studie nahmen insgesamt n=202 Schüler der Klassenstufen 5 bis 10 sowie n=25 Lehrer/Angestellte und n=23 „Abgänger“ untersucht. Die Plasma-Proben dieser Personen wurden in unserem Labor mittels einer spezifischen GC/MS-Methode auf den Gehalt der 6 Indikator-Kongenere sowie 12 dioxin-ähnlicher Kongenere untersucht. Darüber hinaus wurden noch 3 weitere, niedrigchlorierte Kongenere (PCB 66, PCB 74 und PCB 99) im Plasma quantifiziert.
Ergebnisse
Bei mehr als 80 % der untersuchten Personen konnte im Plasma eine Überschreitung des Biologischen Arbeitsstoff-Referenzwerts (BAR) durch den Aufenthalt im Gebäude nachgewiesen werden. Die Konzentration an PCB 28 im Plasma korrelierte gut mit der anamnestisch erfragten Aufenthaltsdauer im Gebäude. Die Lehrer und Angestellten der Schule wiesen die höchsten inneren Belastungen mit niedrigchlorierten PCBs auf (Median PCB 28: 0.07 µg/L; 95. Perz.: 0,22 µg/L). Dabei zeigte sich eine sehr gute Korrelation zwischen den Messwerten einzelner niedrigchlorierter PCBs (PCB 28, PCB 52, PCB 66, PCB 74) im Plasma. Bei keiner der untersuchten Personen wurden Überschreitungen gesundheitsbasierter Grenzwerte (HBM-I bzw. HBM-II-Wert) festgestellt.
Schlussfolgerungen
In öffentlichen Gebäuden kann es zu erheblichen Expositionen gegenüber PCBs kommen, die u.U. die derzeit gültigen Arbeitsplatzgrenzwerte überschreiten und zu erheblicher Beunruhigung der betroffenen Personen führen. Diese Expositionen spiegeln sich in den im Humanbiomonitoring festgestellten erhöhten Konzentrationen niedrigchlorierter PCBs im Blut. Mit Hilfe des Humanbiomonitorings ist eine individuelle Beratung sowie eine objektive Risikokommunikation möglich.
Herr Dr. rer. nat. Thomas Schettgen
RWTH Aachen
Donnerstag
03 Sep
16:00 - 17:30
Vorträge
Gefahrstoffe: Metalle
Raum: Hörsaal 4
Vorsitz: Wobbeke Weistenhöfer und Dirk Walter
Krebsrisiko durch berufliche Cobalt-Exposition - aktueller Stand der epidemiologischen Forschung (Matthias Möhner)
Basierend auf wenigen epidemiologischen Studien, überwiegend aus der Hartmetallindustrie, wurden Cobalt-Metall und Cobalt-Verbindungen 2006 von der IARC als possibly carcinogenic to humans (2B), in Verbindung mit Wolframkarbid sogar als probably carcinogenic to humans (2A) eingestuft. Inzwischen wurden die Ergebnisse mehrerer Kohortenstudien publiziert, welche auch einer gepoolten Analyse unterzogen wurden. Neben Lungenkrebs wurde auch für das Ösophaguskarzinom ein erhöhtes Mortalitätsrisiko ermittelt [SMR = 1,26 (95%CI: 1,15 – 1,38) bzw. SMR = 1,32 (95%CI: 1,00 – 1,71)]. Insbesondere das Fehlen von Informationen zum Tabakkonsum sowie ein möglicher Healthy-Worker-Survivor-Bias reduzieren die Aussagekraft der Studien, jedoch zeigen Analysen zum Einfluss der Expositionsdauer und der Latenzzeit sowie unter Einbeziehung des gesamten Mortalitätsspektrums Parallelen zu älteren Studienauf. Die verschiedenen Bias-Risiken werden diskutiert. Insgesamt ergibt sich aus den neueren epidemiologischen Studien kein Zuwachs an Evidenz für einen kausalen Zusammenhang zwischen Cobalt-Exposition und Krebsrisiko. Dem Vorsorgeprinzip folgend, ist aber angesichts der starken Evidenz aus tierexperimentellen Studien weiterhin auf die Einhaltung der entsprechenden Grenzwerte zu achten.
Herr Dr. Matthias Möhner
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Vergleich gesundheitlicher Effekte nach Inhalation von mikro- oder nanoskaligen Zinkoxidpartikeln beim Menschen (Christian Monsé, Olaf Hagemeyer, Monika Raulf, Birger Jettkant, Vera van Kampen, Benjamin Kendzia, Eike Maximilian Marek, Rolf Merget, Thomas Brüning, Jürgen Bünger)
Fragestellung: Inhalation von Zinkoxidpartikeln (ZnO) in hohen Konzentrationen kann Metallrauchfieber verursachen. In einer früheren Studie [1] konnten wir zeigen, dass es nach der Exposition gegen ZnO-Nanopartikel im Bereich zwischen 0,5 und 2,0 mg/m3 zu einer konzentrationsabhängigen Zunahme von Symptomen, Körpertemperatur, Akute-Phase-Proteinen und Neutrophilen im Blut der Exponierten kam. Ziel der nun vorgestellten experimentellen Studie war es, Änderungen von systemischen und lokalen Effektparametern nachzuweisen und die Effektstärke von ZnO-Partikeln unter Verwendung verschiedener Partikelgrößen aufzuzeigen.
Methoden: 16 nichtrauchende, gesunde Probanden wurden zwei Stunden lang an drei verschiedenen Tagen entweder mit Reinluft oder mit ZnO-Partikeln (mikro- und nanoskalig, jeweils 2,0 mg/m3) exponiert, einschließlich einstündiger, geringer Ergometerbelastung. Effektparameter waren klinische Symptome, Körpertemperatur, Entzündungsmarker im Blut und im induzierten Sputum, sowie Lungenfunktion. Die Effekte wurden vor, unmittelbar nach und etwa 24 h nach jeder Exposition beurteilt. Induziertes Sputum wurde nur etwa 24 h nach jeder Exposition gewonnen.
Ergebnisse: Nach den ZnO-Inhalationen wurden vereinzelt eine Zunahme der klinischen Symptome und der Körpertemperatur, vermehrt aber Erhöhungen von Entzündungsmarkern wie Akute-Phase-Proteine und Neutrophile im Blut festgestellt. Nach der Inhalation mikroskaliger ZnO-Partikel waren die systemischen Effekte signifikant stärker ausgeprägt als bei den nanoskaligen Partikeln.
Schlussfolgerung: Die beobachteten unterschiedlichen Effektstärken lassen sich am besten durch unterschiedliche Depositionsraten der ZnO-Partikel erklären. Mit Hilfe des ICRP-Modells zur Vorhersage von Partikeldepositionsort und -menge konnte gezeigt werden, dass bei gleicher luftgetragener ZnO-Konzentration mehr Masse an mikroskaligen Partikeln in den Atemwegen deponiert wird als bei nanoskaligen Partikeln. Da ZnO relativ schnell im Körper zu Zinkionen umgewandelt werden und diese die negativen gesundheitlichen Effekte auslösen, kann der Effektunterschied nicht durch einen physikalischen Partikeleffekt erklärt werden.
Herr Dr. rer. nat. Christian Monsé
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gestzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Wie gesund ist gesund? – Vergleich von selbst-berichteten Symptomen und Ergebnissen einer medizinischen Untersuchung in Verbindung mit der Rekrutierung von Freiwilligen für eine Humanstudie zu sensorisch-irritativen Effekten. (Kirsten Sucker, Frank Hoffmeyer, Christian Monsé, Vera van Kampen, Monika Raulf, Jürgen Bünger, Thomas Brüning)
Zielsetzung: In einem Positionspapier hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft 2019 die Bedeutung von Humanstudien für die Grenzwertfindung herausgestellt. Kontrollierte Expositionsstudien an Menschen zu sensorischen Reizwirkungen werden normalerweise mit gesunden Probanden durchgeführt. Daher werden in den meisten Studien Voruntersuchungen mit einem Gesundheitsfragebogens und eine ausführliche ärztliche Untersuchung kombiniert. Mit dieser Untersuchung sollte überprüft werden, ob die vom Probanden selbst berichteten Informationen über das Rauchen und den Gesundheitszustand ausreichen oder ob zusätzliche klinische Tests für die erfolgreiche und sichere Rekrutierung gesunder Freiwilliger erforderlich sind.
Methoden: Insgesamt 409 Freiwillige (55% weiblich; 17-57 Jahre; 79% Nichtraucher) füllten einen Gesundheitsfragebogen aus. Die ärztliche Untersuchung umfasste ein Elektrokardiogramm, eine Blut- und Urinuntersuchung sowie einen Geruchsfunktionstest. Der Atopiestatus wurde mittels Pricktest oder spezifische IgE-Tests festgestellt. Zusätzlich wurden ein Lungenfunktions- und ein Methacholin-Provokationstest durchgeführt.
Ergebnisse: An der ausführlichen ärztlichen Untersuchung nahmen insgesamt 107 nicht rauchende Freiwillige (58% weiblich, 19-40 Jahre) teil, die keine Atemwegserkrankungen, Allergien oder chronischen Krankheiten berichteten. Acht Probanden wurden aufgrund eines positiven Cotinin-Tests (Raucherstatus), Blutwerten außerhalb des Referenzbereichs oder eines atypischen Elektrokardiogramms ausgeschlossen. Bei 12 Probanden wurde eine Obstruktion bzw. eine bronchiale Hyperreaktivität diagnostiziert. Unter den verbleibenden 87 gesunden Probanden wurden 26 als atopisch eingestuft und 2 als hyposmisch diagnostiziert.
Schlussfolgerung: Obwohl junge und nicht rauchende Freiwillige aufgrund des Screening-Fragebogens als gesund eingestuft wurden, zeigten fast 20% Anzeichen einer Herz-, Leber- oder Atemwegserkrankung und weitere 24% wurden als atopisch eingestuft. Detailliertere klinische Tests sind erforderlich, um solche Personen sicher auszuschließen, die auf eine kontrollierte Exposition gegenüber sensorischen Reizstoffen mit einer negativen gesundheitlichen Reaktion reagieren könnten.

Frau Dr. Kirsten Sucker
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität-Bochum (IPA)
Analyse des Zusammenhangs zwischen Manganexposition und Feinmotorik bei Schweißern – Ergebnisse der WELDOX II Studie (Anne Lotz, Beate Pesch, Swaantje Casjens, Martin Lehnert, Wolfgang Zschiesche, Dirk Taeger, Benjamin Glaubitz, Chien-Lin Yeh, Tobias Weiß, Tobias Schmidt-Wilcke, Clara Quetscher, Stefan Gabriel, Maria Angela Samis Zella, Dirk Woitalla, Peter H. Kraus, Ulrike Dydak, Christoph van Thriel, Thomas Behrens, Thomas Brüning)
Zielsetzung
Mangan (Mn) ist Bestandteil des Schweißrauchs und kann neurotoxisch wirken. Eine Leistungsminderung der feinmotorischen Fähigkeiten wurde bei beruflich Mn-Exponierten in verschiedenen Studien beobachtet. Die Studie WELDOX II untersuchte bei Schweißern und Kontrollprobanden die Akkumulationen von Mn im Gehirn mittels T1-gewichteter Magnetresonanztomographie (MRT) und setzte diese in Beziehung zu Ergebnissen feinmotorischer Tests.
Methoden
Von 2013-2015 nahmen 48 Schweißer (Rekrutierung über die Betriebe) und 30 Kontrollprobanden (Rekrutierung über Zeitungsannoncen) an der Studie teil. Alle Probanden wurden mit dem motorischen Teil III der Movement-Disorder Society - Unified Parkinson Disease Rating Scale (MDS-UPDRS3) untersucht. Zudem wurden die feinmotorischen Fähigkeiten der Probanden mit der motorischen Leistungsserie (MLS) und Spiralometrie ermittelt. Die 22 Testergebnisse wurden durch eine Faktorenanalyse auf sieben Faktoren reduziert. Zur Ermittlung von Mn-Ablagerungen im Gehirn wurde mit MRT die R1 (=1/T1) Relaxationsrate in Regions of Interest im Globus pallidus und in der Substantia nigra bestimmt. Zudem wurde während einer Arbeitsschicht Mn in der alveolengängigen Partikelfraktion des Schweißrauchs (MnA) gemessen. Der Zusammenhang zwischen der Mn-Exposition am Arbeitsplatz und feinmotorischen Fähigkeiten wurde mit linearen Regressionsmodellen adjustiert nach Alter und Bildungsstatus analysiert.
Ergebnisse
Die Schweißer zeigten normale Motorfunktionen nach MDS-UPDRS3. Bei den feinmotorischen Tests zur Arm-Hand-Beständigkeit (Steadiness) erzielten die Schweißer bessere Ergebnisse als die Kontrollprobanden (p≤0,05). Bei Arm-Hand-Bewegungen waren Schweißer mit höherer Mn-Exposition (MnA ≥20µg/m³, N=23) geringfügig langsamer als die Kontrollprobanden (p=0,056). Es gab keinen Zusammenhang zwischen den Ergebnissen der Feinmotorik und den MRT-Messwerten. Ein niedriger Bildungsgrad und höheres Alter waren dagegen mit schlechteren feinmotorischen Leistungen assoziiert.
Schlussfolgerung
In der WELDOX II Studie, die einen hohen Anteil hochexponierte Schweißer umfasste, fand sich keine Assoziation zwischen Mn-Exposition gemessen mit T1 Relaxationszeit-Messungen im MRT und feinmotorischen Fähigkeiten. Die bessere Leistung in der Arm-Hand-Beständigkeit von Schweißern ist möglicherweise auf Trainingseffekte zurückzuführen. Die feinmotorische Leistung wurde möglicherweise deutlich durch das Alter und den Bildungsstatus der Probanden beeinflusst.
Frau Anne Lotz
Epidemiologische Studie über gesundheitliche Effekte von Langzeitexposition gegenüber Kupferstäuben bei Arbeitern in der Kupferhütte (Lisa-Marie Theis, Thomas Birk, Kenneth A. Mundt, Annette Bachand)
2014 veröffentlichte SCOEL eine Empfehlung über einen Arbeitsplatzgrenzwert für Kupferstäube von 10 µg/m3 als einatembarer Anteil (Cu E-Staub). Dieser wurde mangels Humandaten ausgehend von einer 28-Tage-Inhalationsstudie mit Kupfer(I)-oxid in Ratten, in denen Effekte auf Makrophagen in der Lunge beobachtet wurden, extrapoliert. Der vorgeschlagene Grenzwert ist um ein Vielfaches geringer als die reale Exposition in den meisten kupferverarbeitenden Industrien, gleichzeitig wurden keine erhöhten Inzidenzen von Lungenfunktionseinschränkungen dokumentiert.

Um dieser Diskrepanz auf den Grund zu gehen, wurde im ersten Schritt eine historische Kohortenstudie durchgeführt, in der Daten aus arbeitsmedizinischen Kontrolluntersuchungen von Mitarbeitern einer Kupferhütte erhoben wurden. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Bewertung der Lungenfunktion und deren Entwicklung über die Beschäftigungsdauer hinweg.

Insgesamt wurden die arbeitsmedizinischen Unterlagen von 479 Mitarbeitern der Kupferhütte (Exponierte) und 172 Mitarbeitern der Edelmetall/Blei-Hütte (Kontrollgruppe) betrachtet. Eingeschlossen wurden alle Mitarbeiter, die seit dem 01.01.1990 für mindestens 6 Monate beschäftigt waren.

Für die historische Expositionsabschätzung wurden 193 personenbezogene und 78 stationäre Messungen (Cu E-Staub), welche zwischen 1981 und 2019 durchgeführt wurden, herangezogen. Die kumulative Exposition der Mitarbeiter zum Zeitpunkt der Untersuchung basiert auf 3-Jahres-Mittelwerten dieser Daten, der alveolargänige Anteil des Cu-Staubes (A-Staub) in dem E-Staub-Anteil wurde mit ca. 20% angenommen. Die Grundlage dafür bildeten personenbezogene und stationäre Parallelmessungen von Cu E- und A-Staub aus verschiedenen Arbeitsbereichen.

Für die Bewertung der spirometrischen Daten wurde die Abnahme der Einsekundenkapazität (FEV1) über die Zeit, welche mittels linearer Regressionsanalyse und unter Berücksichtigung von Alter, Größe und Tabakkonsum abgeleitet wurde, gewählt. Außerdem wurden Vergleiche anhand von kumulativen Expositionskategorien durchgeführt.

Die Analysen ergaben keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen der Exposition der Mitarbeiter und einer Beeinträchtigung der Lungenfunktion.
Frau Lisa-Marie Theis
Ramboll Deutschland GmbH
Induktion der Chemotaxis von polarisierten Makrophagen durch Nanopartikel als Modell zur Differenzierung lokaler und systemischer Wirkungen. (Nina Kaiser, Götz Westphal, Nina Rosenkranz, Christian Monsé, Daniel Weber, Georg Johnen, Alexander Brik, Thomas Brüning, Jürgen Bünger)
Ziel: Der im IPA etablierte Chemotaxis-Assay (PICMA, Particle Induced Cell Migration Assay) ist gut geeignet, um Pathomechanismen zu untersuchen, die eine Aktivierung von neutrophilen Granulozyten beinhalten. Diese Aktivierung ist bei lokal entzündlichen (irritativen) und systemischen (pyrogenen) Wirkungen gleichermaßen zu beobachten. Unklar ist, wie sich diese Wirkungen in vitro unterscheiden lassen. Hierzu wurden fast unlösliches, amorphes SiO2 (Silika) und lösliches Zinkoxid (ZnO) vergleichend in polarisierten, pro-inflammatorischen M1-Makrophagen und regenerativen M2‑Makrophagen untersucht.

Methoden: NR8383 Alveolarmakrophagen wurden zunächst mit Lipopolysaccharid und Interferon‑γ in pro-inflammatorische M1-Makrophagen und mit Interleukin(IL)-4 und IL-13 in regenerative M2‑Makrophagen polarisiert und dann mit den ZnO- und Silika-Partikeln für 16 h inkubiert. Die Zell‑ und Partikelüberstände wurden gewonnen und im PICMA unter Verwendung von differenzierten HL-60-Zellen als Modell für neutrophile Granulozyten untersucht.

Ergebnisse: Die gewonnenen Überstände von ZnO-exponierten undifferenzierten Makrophagen induzierten starke chemotaktische Wirkungen auf die dHL-60 Zellen, die bei Verwendung von M1‑ und M2-polarisierten Makrophagen noch verstärkt auftraten. Die stärkste Chemotaxis wurden von Überständen M1-polarisierter Zellen verursacht. Die Polarisation hatte keinen Einfluss auf die durch SiO2 induzierte Chemotaxis.

Schlussfolgerungen: Die stärkere ZnO-induzierte Chemotaxis unter Verwendung von Zellüberständen von M1- und M2-Makrophagen im Vergleich zu SiO2 deutet auf einen Einfluss der Differenzierung von Makrophagen bei pyrogenen Partikeleffekten hin. Die Pathomechanismen von lokalen Reizstoffen und reinen Pyrogenen lassen sich mit dem PICMA differenziert untersuchen.
Frau Nina Kaiser
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV, Institut der Ruhr-Universität Bochum
Freitag
04 Sep
08:30 - 09:15
Vorträge
Gesundheitsförderung und Prävention im Studium I
Raum: Hörsaal 2
Vorsitz: Pavel Dietz und Volker Harth
Sozialer Status als Puffer für Depressivität aufgrund Belastungen im Studium bei Human- und Zahnmedizinstudierenden (Petra Maria Gaum, Nora Kappner, Anne Berthold, Jessica Lang)
Zielsetzung: Medizinstudierende in Deutschland sind etwa Zehn Mal mehr von Majorer Depression betroffen als Gleichaltrige (Seliger & Bräher, 2007). Eine Ursache für diese erhöhte Prävalenz können Belastungen im Studium sein, welche bereits positiv mit Depression assoziiert wurden (Dahlin et al., 2005). Als protektiver Gesundheitsfaktor haben Befunde das Prestige eines Berufes identifizieren können. So ist das Ansehen aufgrund des Berufes ein Prädiktor für mehr berichtete Gesundheit (Fujishiro et al., 2010). Ziel der vorliegenden Studie ist es daher an Human- und Zahnmedizinstudierende zu prüfen, , ob der wahrgenommene soziale Status ein Puffer für den Zusammenhang von Belastungen im Studium mit Depression ist.
Methoden: In einer Onlinebefragung wurden 87 Human- [Alter: M(SD) = 22,0 (3,1);16% männlich] und 154 Zahnmedizinstudierende [Alter: M(SD) = 23,8 (3,9); 32,5% männlich] befragt. Belastungen im Studium wurden mit der Subskala Studienanforderungen des „Professional Student Environmental Stress Survey“ (Murphy et al., 2008), Depressivität mit dem PHQ9 (Löwe et al., 2002) und Status auf einer linearen 100-stufigen Antwortskala mit einem Single-Item erfasst. Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurden lineare Regressionen berechnet. Für die Moderationsanalyse wurde das SPSS-Macro PROCESS (Hayes, 2017) verwendet.
Ergebnisse: Sowohl bei den Human- (β = .40, p<.001) als auch bei den Zahnmedizinstudierenden (β = .46, p<.001) gab es einen Zusammenhang zwischen Belastungen im Studium und Depressivität. Der wahrgenommene soziale Status ist bei Humanmedizinstudierenden ein Puffer für Depressivität bei Belastungen im Studium (β = -.19, p = .04). Das bedeutet, dass es bei hohem wahrgenommenem Status keinen Zusammenhang zwischen Studienbelastung und Depressivität gibt. Bei Zahnmedizinstudierenden zeigte sich dieser puffernde Effekt nicht.
Schlussfolgerungen: Der wahrgenommene soziale Status des gewählten Studienfaches kann einen vorteilhaften Effekt auf die Gesundheit der Studierenden haben. Jedoch könnte dies auch daran liegen, dass Humanmedizinstudierende sich selbst mehr Status zuschreiben, als Zahnmedizinstudierende. Des Weiteren ist möglich, dass das Ansehen des Berufsbildes eines Arztes bereits schon bei der Wahl des Studienganges eine Rolle spielt und der zukünftige Berufsstatus, aber auch aktuelle Status des Studienfaches eine erhöhte Identifikation mit dem Fach und dadurch zu einem erhöhten Durchhaltevermögen bei studienbedingten Anforderungen führt.
Frau Dr. rer. medic. Petra Maria Gaum M.Sc.
RWTH Aachen University
Psychische Beanspruchung und personale Gesundheitsressourcen von Lehramtsstudierenden – Welche Rolle spielen Geschlecht, Lehramtstyp, Regelstudienzeit und Wunschstudium? (Jana Felicitas Bauer)
Hintergrund
Berufliche Belastungen gelten als wichtige Ursache von chronischem Stress, der ein bedeutsamer Risikofaktor für die Entstehung nichtübertragbarer Krankheiten ist. Dabei wird der Lehrer*innenberuf als besonders stressreich angesehen und es wird diskutiert, dass präventive Maßnahmen bereits im Lehramtsstudium ansetzen sollten. Da hier bisher kaum ressourcenorientierte Forschung vorliegt, fokussiert die vorliegende Studie auf personale Gesundheitsressourcen und positive und negative psychische Beanspruchung bei Lehramtsstudierenden (Bauer, 2019). Dabei wird auch untersucht, inwiefern sich Studierende mit unterschiedlichen (studiumsbezogenen) Charakteristika hinsichtlich ihrer Beanspruchung und ihrer Ressourcen unterscheiden.
Methode
In einer Querschnittsstudie wurden N =779 Lehramtsstudierende online zu personalen Gesundheitsressourcen (Selbstwirksamkeitserwartung, Ungewissheitstoleranz und Achtsamkeit), psychischer Beanspruchung (Irritation und Lebenszufriedenheut) und (studiumsbezogenen) Charakteristika befragt. Die Daten wurden mittels t-Tests, Varianzanalysen und multipler linearer Regressionsanalysen ausgewertet.
Ergebnisse
Es zeigten sich zahlreiche erwartungskonforme signifikante Unterschiede zwischen den verschiedenen Subgruppen Lehramtsstudierender (gruppiert nach Geschlecht, Lehramtstyp, Regelstudienzeit, Wunschstudium) hinsichtlich ihrer subjektiven positiven (Lebenszufriedenheit) und negativen (Irritation) Beanspruchung sowie ihrer personalen Gesundheitsressourcen. Jedoch wurden auch einige Unterschiede erwartungswidrig nicht signifikant und andere Unterschiede lagen genau entgegen der erwarteten Richtung. Bis auf zwei mittlere Effekte, entsprachen die Unterschiede kleinen Effekten. In einer hierarchischen multiplen Regression konnten die drei Ressourcenvariablen zusammen ca. 30 Prozent der Varianz von Irritation und gut 20 Prozent der Varianz von Lebenszufriedenheit aufklären. Während die (studiumsbezogenen) Charakteristika für Irritation keinen bedeutsamen zusätzlichen Erklärungsbeitrag leisteten, deutet sich an, dass für Lebenszufriedenheit das Geschlecht und das Wunschstudium bedeutsame zusätzliche Prädiktoren sein könnten.
Diskussion
Die Untersuchung liefert wichtige Hinweise auf die Rolle personaler Gesundheitsressourcen für die psychische Beanspruchung im Lehramt, die Ansatzpunkte für Präventionsmaßnahmen in der Lebenswelt Hochschule bilden können. Weitere Forschung, insbesondere zu den erwartungswidrigen Ergebnissen, ist nötig.
Frau Dr.' Jana Felicitas Bauer
Universität zu Köln
Pharmakologisches Neuroenhancement bei Studierenden der Universität Mainz: Identifizierung potenzieller Risikogruppen und Implikationen zur Prävention (Sebastian Heller, Jennifer Reichel, Antonia Werner, Markus Schäfer, Ana Nanette Tibubos, Nicole Deci, Dennis Edelmann, Daniel Pfirrmann, Thomas Rigotti, Stephan Letzel, Pavel Dietz)
Einleitung
Hochschulen bilden, als wichtige bildungspolitische Institutionen Deutschlands, die Lebenswelt für Studierende. Bereits im Jahr 1997 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dem Setting Universität bzw. Hochschule verschiedenartige Möglichkeiten zugesprochen, die gesundheitlichen Anliegen von Studierenden mitprägen zu können. Im Wintersemester 2018/2019 waren deutschlandweit knapp 2,9 Millionen Studierende an den 429 deutschen Hochschulen eingeschrieben.
Pharmakologisches Neuroenhancement (PN) ist definiert als der Gebrauch von illegalen Drogen oder verschreibungspflichtigen Medikamenten durch gesunde Personen, mit dem Ziel der Verbesserung kognitiver Leistungen. Dabei ist der Konsum von PN, je nach Dosierung, mit verschiedenen akuten und chronischen Auswirkungen auf die physische und mentale Gesundheit assoziiert. Empirische Studien zur Prävalenz von PN unter Studierenden liefern heterogene Ergebnisse. Zudem existiert eine enorme Wissenslücke zu potenziellen Determinanten von PN sowie zu Risikokollektiven im Klientel der Studierenden.
Im Rahmen des Modellvorhabens „Healthy Campus Mainz – gesund studieren“ (HCM-Projekt) wird dieses Dunkelfeld adressiert.
Methoden
Im Sommersemester 2019 wurde eine Gesundheitsbefragung unter Mainzer Studierenden durchgeführt (Onlinebefragung, Vollerhebung), in deren Rahmen u. a. die Prävalenz von PN sowie soziodemografische Merkmale und Determinanten erhoben wurden.
Ergebnisse
Insgesamt beantworteten 4.351 Studierende den Fragebogen. Der Rücklauf lag somit bei 13,6%. Die Lebenszeitprävalenz von PN bei Studierenden betrug 15,03%. Präsentiert werden Ergebnisse zu unterschiedlichen Determinanten und der Vergleich verschiedener Risikogruppen.
Diskussion
PN scheint unter Studierenden keine Seltenheit zu sein. Wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Determinanten und Risikogruppen unter Studierenden bezüglich Studienfach und Studienverlauf erscheinen essenziell, um zukünftig Präventionsmaßnahmen zielgerichtet entwickeln und in die Hochschullandschaft implementieren zu können.
Herr Sebastian Heller
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Freitag
04 Sep
10:00 - 11:00
Vorträge
Gesundheitsförderung und Prävention im Studium II
Raum: Hörsaal 2
Vorsitz: Pavel Dietz
Arbeits- und Wegeunfälle von Studierenden der Universität Mainz: Identifizierung potenzieller Risikogruppen und Implikationen für Prävention (Pavel Dietz, Jennifer Reichel, Antonia Werner, Stephan Letzel)
Einleitung
Als wichtigste bildungspolitische Institution Deutschlands bilden Hochschulen die Lebenswelt des Studierens [1]. Schon im Jahr 1997 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dem Setting Hochschule vielfältige Möglichkeiten zugesprochen, auf die gesundheitlichen Belange von Studierenden einzuwirken. Im Wintersemester 2018/19 waren deutschlandweit knapp 2,9 Mio. Studierende an den 429 Hochschulen eingeschrieben [2].
Aufgrund ihrer erheblichen Konsequenzen für die Gesundheit, stellen Unfälle eine zentrale Herausforderungen für das Gesundheitssystem dar [3]. Allein in Deutschland finden in der Allgemeinbevölkerung jährlich rund 10 Mio. Unfälle statt [4]. Trotz steigender Studierendenzahlen stellen Unfälle von Studierenden ein epidemiologisches Dunkelfeld dar. Zudem liefern die wenigen bekannten Studien heterogene Ergebnisse [5–7].
Das im Rahmen des Präventionsgesetzes geförderte Modellvorhaben „Healthy Campus Mainz – gesund studieren“ adressiert dieses Dunkelfeld.
Methoden
Retrospektive Analyse aller an die Unfallkasse Rheinland-Pfalz (UKRLP) gemeldeten Unfälle von Studierenden der Universität Mainz zwischen 12/2012 und 12/2018. Inferenzstatistische Verfahren wurden verwendet, um zu überprüfen, ob sich die relative Häufigkeit von Arbeits- und Wegeunfällen stratifiziert nach Fachbereichen von der relativen Unfallverteilung auf Arbeits- und Wegeunfälle der Gesamtanzahl an gemeldeten Unfällen, signifikant unterscheidet.
Ergebnisse
Insgesamt wurden 1.285 Unfälle gemeldet, davon waren 71,8% (n=922) Arbeitsunfälle. Studierende der Fakultät 04–Medizin (p=0,003), der Fakultät 09–Chemie, Pharmazie, Geographie und Geowissenschaften (p<0,001) sowie Teilnehmer*innen des Allg. Hochschulsports (p<0,001) erlitten signifikant häufiger einen Arbeitsunfall als einen Wegeunfall. Häufigste Ursache für einen Arbeitsunfall an der medizinischen Fakultät waren Nadelstichverletzungen mit 66,5%.
Die meisten der 363 Wegeunfälle fanden mit dem Fahrrad (n = 226; 40.5%) statt und lediglich zwölf (3,3%) passierten beim Treppengehen innerhalt eines Universitätsgebäudes.
Diskussion
An der Universität Mainz haben sich drei Bereiche mit einem erhöhten Risiko für Arbeitsunfälle herauskristallisiert. Nadelstichverletzungen bei Medizinstudierenden scheinen von besonderer Relevanz zu sein. Die Ursachen für diese Unfälle auf Personen- und Bedingungsebene gilt es im Rahmen von Folgestudien zu untersuchen, um mittels gezielter Präventionsmaßnahmen das Unfallrisiko reduzieren zu können.

Herr PD Dr. phil. Dipl.-Sportwiss. Pavel Dietz
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Challenge accepted! Eine kritische Reflexion zur Durchführung einer Gesundheitsbefragung unter Studierenden – ein empirisches Beispiel der Universität Mainz (Jennifer Reichel, Thomas Rigotti, Antonia Werner, Ana Nanette Tibubos, Markus Schäfer, Dennis Edelmann, Daniel Pfirrmann, Nicole Deci, Manfred Beutel, Perikles Simon, Birgit Stark, Stephan Letzel, Pavel Dietz)

Einleitung
Laut der Okanagan Charter repräsentieren Universitäten ein wichtiges Setting der Gesundheitsförderung [1]. Das im Rahmen des Präventionsgesetzes [2] geförderte Modellvorhaben Healthy Campus Mainz – gesund studieren hat zum Ziel, die Gesundheit der 32.000 Studierenden der Universität Mainz zu fördern. Dabei sollen evidenzbasierte Erkenntnisse zur Identifizierung von gesundheitlichen Risikogruppen gewonnen werden. Im Zuge dessen galt es, eine Gesundheitsbefragung zu entwickeln. Bisher herrscht kein Konsens darüber, wie eine solche Befragung durchgeführt werden soll, insbesondere im Hinblick auf die adäquate Auswahl der Befragungsinhalte und des -umfangs, der Erhebungsmethodik sowie der Rekrutierung. Anhand eines empirischen Beispiels werden diese Aspekte kritisch reflektiert, um abschließend Empfehlungen ableiten zu können.

Methoden
Eine Onlinebefragung mit holistischer Perspektive auf Gesundheit und folgenden Schwerpunkten, bestehend aus knapp 250 Items, wurde entwickelt: Gesundheitszustand und -verhalten und deren Determinanten sowie Bedingungen. Zur systematischen Rekrutierung wurden verschiedene Kommunikationskanäle wie Emails über das Universitätsportal (Vollerhebung), Lehrveranstaltungen und Social Media genutzt. Als Incentives dienten eine Spende an eine gemeinnützige Organisation und Gutscheinverlosungen. Deskriptive Analysen zur Stichprobenbeschreibung wurden durchgeführt.

Ergebnisse
5.006 Teilnehmende besuchten die Startseite des Onlinefragebogens (mittlere Bearbeitungszeit = 43,5 min), wovon 4.714 den Fragebogen weiterbearbeiteten. Nach manueller Datenbereinigung betrug die finale Fallzahl 4.351, was einen Rücklauf von 13,6% der Grundgesamtheit entspricht. Die Mehrheit der Teilnehmenden (n = 3.065; 70,5%) waren weiblich, 28,6% (n = 1.246) männlich und 0,9% (n = 39) divers.

Diskussion
Die Planung einer Studierendenbefragung sollte die Rahmenbedingungen der jeweiligen Universität sowie die projektspezifischen Zielstellung berücksichtigen. Die Auswahl einer Onlinebefragung erscheint für die Zielgruppe der Studierenden adäquat. Für die Rekrutierung von Teilnehmenden ist es empfehlenswert, möglichst viele Kommunikationskanäle zu nutzen. Auch die Auswahl von gemischten Incentives ist vielversprechend.

Schlussfolgerung
Zukünftige Forschungsvorhaben sollten anstreben, Strategien zielgruppenspezifischer Rekrutierungsmethoden weiter zu verbessern, insbesondere im Hinblick auf bisweilen unterrepräsentierte Zielgruppen, wie männliche Studierende.
Frau Jennifer Reichel
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
Ganzheitliche Übersicht beeinflussbarer Gesundheitsfaktoren und gesundheitsförderlicher Maßnahmen bei Studierenden: ein Umbrella-Review (Laura Eisenbarth, Pavel Dietz, Jennifer Reichel, Dennis Edelmann, Stephan Letzel, Perikles Simon, Daniel Pfirrmann)
Einleitung
Universitäten stellen eine wichtige Lebenswelt zur Gesundheitsförderung dar [1, 2]. Insbesondere unmittelbar beeinflussbare Gesundheitsfaktoren [3] sowie Maßnahmen zu deren Beeinflussung demonstrieren dabei einen wichtigen Ansatzpunkt. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, eine ganzheitliche Sammlung systematischer Übersichtsarbeiten und Metaanalysen zu unmittelbar beeinflussbaren Gesundheitsfaktoren bei Studierenden sowie zu den Maßnahmen zu deren Beeinflussung zu gewinnen. Zudem sollen Risikogruppen und wissenschaftliche Dunkelfelder hinsichtlich Studienfach und -land identifiziert werden.

Methodik
Systematische Recherche [4] in den Datenbanken Pubmed, Chochrane Reviews Library und Web of Science. Potenzielle Treffer wurden nach dem Vier-Augen-Prinzip hinsichtlich der folgenden a priori formulierten Einschlusskriterien überprüft: i) systematische Übersichtsarbeit oder Meta-Analyse, ii) im Kollektiv von Studierenden iii) zu mindestens einem unmittelbar beeinflussbaren Gesundheitsfaktor und/oder iv) zur Wirkung einer Maßnahme zur Beeinflussung mindestens eines Aspektes eines unmittelbar beeinflussbaren Gesundheitsfaktors, v) publiziert in einem peer-reviewed Journal vi) in deutscher oder englischer Sprache. Zur Qualitätsprüfung der eingeschlossenen Arbeiten wurde das AMSTAR-2-Tool [5] verwendet.

Ergebnisse
Die Suche ergab 10.726 potenzielle Treffer, von denen nach systematischer Reduktion 81 Arbeiten die Einschlusskriterien erfüllten. 39 Arbeiten hatten einen Fokus auf Epidemiologie und 42 auf Maßnahmen. Die Themen der Arbeiten ließen sich den folgenden Kategorien zuordnen: Substanzkonsum, Psychische Gesundheit und Wohlbefinden, Ernährung, Physische Aktivität, Schlafhygiene und Medienkonsum. Insgesamt beinhaltet die Analyse der 81 Übersichtsarbeiten über 1.200 Einzelstudien von denen eine Vielzahl aus den USA, Großbritannien und China stammen und sich häufig auf Medizin- und Pflegestudierende fokussieren. In Deutschland scheint das Thema noch defizitär beforscht zu werden.

Diskussion und Schlussfolgerung
Dieses Umbrella-Review liefert eine ganzheitliche Übersicht zur Gesundheitsförderung von Studierenden und identifiziert zudem wissenschaftliche Dunkelfelder. Folgestudien gilt es durchzuführen, die diese Dunkelfelder adressieren.
Frau Laura Eisenbarth
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
Physische Aktivität und Sitzverhalten von Studierenden an der Johannes Gutenberg-Universität (Dennis Edelmann, Pavel Dietz, Jennifer Reichel, Antonia Werner, Markus Schäfer, Ana Nanette Tibubos, Nicole Deci, Stephan Letzel, Perikles Simon, Daniel Pfirrmann)
Einleitung
Unzureichende physische Aktivität [PA] stellt einen erheblichen Risikofaktor für Sterblichkeit dar [1]. Zudem spielt das Sitzverhalten eine signifikante Rolle für die Gesundheit, denn ein hohes Ausmaß an sitzender Tätigkeit ist assoziiert mit negativen Effekten für die Gesundheit, die durch PA nicht mehr kompensiert werden können [2].
Im Rahmen des Präventionsgesetzes geförderten Modellvorhabens „Healthy Campus Mainz – gesund studieren“ wurden u. a. Aktivitäts- und Sitzverhalten von Studierenden erhoben, sowie der Einfluss von Geschlecht, Studiengang und Studienabschluss auf diese Variablen untersucht.
Methoden
Mittels Onlinebefragung wurde u. a. das Bewegungs- und Sitzverhalten mittels „short last 7 days self-administered“ Version des International Physical Activity Questionnaire (IPAQ) erfasst, welcher eine Klassifizierung in die PA-Level High, Moderate und Low zulässt und zur Berechnung der metabolic equivalent of task (MET)-minutes per week dient [3]. Mit der Nutzung interferenzstatistischer Verfahren wurde überprüft, ob die Variablen Geschlecht, Studienfach oder angestrebter Studienabschluss signifikante Effekte auf die PA oder das Sitzverhalten haben.
Ergebnisse
Die finale Fallzahl beträgt 4.351, was einer Rücklaufquote von 14% entspricht. Insgesamt können 54,4% der Studierenden der Kategorie High zugeordnet werden. Die männlichen Studierenden erzielen einen signifikant höheren Mittelwert der MET-minutes per week als die weiblichen (p<0,001) und die diversen Studierenden (p<0,05). Die mittlere Sitzzeit von Studierenden pro Tag liegt bei 7,5h. Es existiert ein signifikanter Effekt des Studienfaches auf die PA (MET-minutes/week) und das Sitzverhalten. Studierende des Faches Physik sind negativ hervorzuheben mit einer durchschnittlichen Sitzzeit von 9,3h pro Tag und im Vergleich geringer PA (M=2960 MET-minutes/week).
Diskussion
Studierende verbringen einen großen Teil ihrer Zeit im Sitzen. Gleichzeitig erreicht nur eine knappe Mehrheit der Studierenden ein gesundheitsförderliches Level an PA. Hierbei scheinen studienfachspezifische Bedingungen wie das Physikstudium eine Rolle zu spielen. Darum sollten die Förderung von PA, sowie die Reduktion bzw. die Unterbrechung von sitzenden Tätigkeiten, zentrale Punkte der Gesundheitsförderung an Universitäten darstellen [4].
Schlussfolgerung
Ziel ist es die Ursachen für die unzureichende PA zu identifizieren und mithilfe von gezielten Präventionsmaßnahmen die Risikofaktoren zu reduzieren.
Herr Dennis Edelmann
Freitag
04 Sep
08:30 - 09:45
Vorträge
Ergonomie I
Raum: Hörsaal 5
Vorsitz: Elke Ochsmann und André Klußmann
Häufigkeit des Stehens während der Arbeit und Prävalenz von Schmerzen in den Beinen (Claudia Brendler, Falk Liebers)
Hintergrund und Ziel: Langes Stehen während der Arbeit ist ein bekannter Risikofaktor für Beschwerden des Muskel-Skelett-Systems und des Venensystems der Beine. Schmerzen in den Beinen können eine Folge sein. Ziel des Vortrags ist es die Prävalenz von häufigem beruflichen Stehen sowie den Zusammenhang zu Schmerzen in den Beinen zu beschreiben. Als Grundlage dient die BiBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018 (ETB2018), eine repräsentative telefonische Querschnitterhebung von 20.024 Erwerbstätigen in Deutschland.

Methodik: Im Rahmen der ETB2018 wurden Selbstangaben zur Häufigkeit (nie/selten/manchmal/häufig) beruflichen Stehens sowie von Schmerzen in den Beinen als 12-Monatsprävalenz erfragt. Die Expositions- und die Beschwerdeprävalenzen werden deskriptiv beschrieben. Als Effektschätzer für den Zusammenhang zwischen beruflichem Stehen und Beschwerden werden Prävalenzratios verwendet (log-lineare Poisson-Regressionsmodelle; adjustiert für Alter, Geschlecht, tatsächliche Wochenarbeitszeit, weitere berufliche und psychosoziale Faktoren). Analysepopulation sind Vollzeit-Erwerbstätige (≥35h/Woche) im Alter unter 67 Jahren.

Ergebnisse: Von den 8860 in Vollzeit erwerbstätigen Männern und 5529 Frauen stehen 45% häufig während der Arbeit. Gut ein Viertel empfindet dies als belastend. 15% der Männer und 19% der Frauen berichten von Schmerzen in den Beinen/Füßen. Die Prävalenz von Schmerzen in den Beinen/Füßen ist bei häufig stehenden Erwerbstätigen 1,61fach (KI: 1,34 - 1,93) höher als bei denen, die nie stehen. Bei Frauen treten Schmerzen in den Beinen 1,39fach (KI: 1,29 - 1,49) häufiger auf als bei Männern. Es findet sich keine Interaktion zwischen den Selbstangaben zum beruflichen Stehen und dem Geschlecht in Bezug auf die Prävalenz an Scherzen in den Beinen/Füßen.

Diskussion/Schlussfolgerungen: Der dargestellte Zusammenhang zwischen den Selbstangaben zur Belastung durch Stehen und gesundheitlichen Beschwerden zeigt Präventionsbedarfe im beruflichen Setting z.B. durch Reduktion der Stehzeiten und Pausengestaltung auf. Notwendig sind die Objektivierung der Selbstangaben der Stehzeiten und Längsschnittbeobachtungen.
Frau Claudia Brendler
Häufigkeit des beruflichen Sitzens sowie Zusammenhänge zu Beschwerden im Muskel-Skelett-System auf Basis der BiBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018 (Falk Liebers, Claudia Brendler)
Hintergrund / Ziel: Zusammenhänge von langen Sitzzeiten mit Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen sind bekannt [1]. Dies wird auch für berufliches Sitzen diskutiert [2]. Angaben zur Assoziationen zu Muskel-Skelett-Beschwerden sind widersprüchlich [3, 4]. Zielsetzung ist, die Prävalenz des beruflichen Sitzens sowie dessen Zusammenhang zu Beschwerden im Muskel-Skelett-System anhand der BiBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018 (ETB2018), einer repräsentativen telefonischen Querschnitterhebung von 20.024 Erwerbstätigen in Deutschland, zu beschreiben.

Methodik: Im Rahmen der ETB2018 wurden die Häufigkeit (nie/selten/manchmal/häufig) beruflichen Sitzens länger als 1 Stunde sowie die 12-Monatsprävalenz von Beschwerden im Muskel-Skelett-System erfragt. Expositions- und Beschwerdeprävalenzen werden deskriptiv beschrieben. Als Effektschätzer für den Zusammenhang zwischen beruflichem Sitzen länger als 1 Stunde und Beschwerden im Muskel-Skelett-System (Hände, Arme, Nacken/Schulter, Rücken, Hüften, Knie, Beine/Füße) werden adjustierte Prävalenzratios berichtet (robuste log-lineare Poisson-Regression, blockweise adjustiert für Alter, Geschlecht und tatsächliche Wochenarbeitszeit, physische Belastungen und psychosoziale Beanspruchungen). Eingeschlossen wurden Vollzeit-Erwerbstätige (≥35h/Woche) im Alter <67 Jahren.

Ergebnisse: Die Analysepopulation umfasst 14.414 Personen (8875 Männer, 5539 Frauen) im Alter von 46,67 (11,15) Jahren. 13,9% sitzen nie länger als 1 Stunde, 11,0% selten, 11,2% manchmal und 63,9% häufig. Nur für Beschwerden im Schulter/Nackenbereich (Gesamtprävalenz 51,6%) ist bei Probanden, die angeben häufig länger als 1 Stunde pro Tage bei der Arbeit zu sitzen, im voll adjustieren Modell eine um den Faktor 1,07 (CI: 1,01 - 1,13) höhere Prävalenz als in der Referenzgruppe („nie“) nachweisbar. Berücksichtigt man Interaktionen zwischen Sitzen und Geschlecht, betrifft dies Frauen. Für alle anderen Gelenkregionen existieren keine bzw. nur negative Assoziationen zwischen beruflichem Sitzen und der 12-Monats-Prävalenz an Muskel-Skelett-Beschwerden.

Diskussion/Fazit: Lediglich für Schulter/Nackenbeschwerden, insbesondere bei Frauen kann eine Assoziation zu beruflichem Sitzen nachgewiesen werden. Ansonsten ist berufliches Sitzen eher mit einer geringeren Prävalenz an Muskel-Skelett-Beschwerden verbunden. Die Einordnung beruflichen Sitzens als Risikofaktor für Muskel-Skelett-Beschwerden muss daher differenziert erfolgen.
Herr Dr. med. Falk Liebers MSc.
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Studium Humanmedizin an der Humboldt-Universität zu Berlin (Charité) 1985-1991 Facharztausbildung und Promotion am Institut für Arbeitsmedizin der Charité (1991-1996) Facharzt für Arbeitsmedizin in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Berlin seit 1996 Master of Science in Epidemiology an der Berlin School of Public Health (Charité) 2015
Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Selbstanhaben zur Häufigkeit manueller Arbeitsprozesse und Beschwerden im Bereich der Arme in der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018 (Charlotte Müller, Falk Liebers)
Einleitung
Manuelle Arbeitsprozesse sind eine der häufigsten Formen physischer Belastungen in der Arbeitswelt. Ein Zusammenhang von manuellen Arbeitsprozessen und Erkrankungen im Hand-Arm-Bereich gilt als belegt. So kann es z.B. durch hoch repetitive und kraftbetone manuelle Tätigkeiten im Bereich des Ellenbogens zu Sehnenansatzentzündungen kommen (Epicondylitis medialis und lateralis). Ziel der Auswertung ist, die Expositionsprävalenz dieser Belastungsart für die deutsche Erwerbstätigenbevölkerung abzuschätzen. Zudem soll die Dosis-Wirkungsbeziehung zwischen Armbeschwerden und der Intensität der Exposition aufgezeigt werden.

Methoden
Die Untersuchung ist eine Sekundärdatenanalyse der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018. In die Analyse wurden 14.414 Erwerbstätige im Alter zwischen 15-67 Jahren mit einer tatsächlichen Wochenarbeitszeit von mindestens 35 Stunden eingeschlossen. Die Selbstangaben zur Häufigkeit manueller Arbeitsprozesse (nie, selten, manchmal, häufig) werden stratifiziert nach Geschlecht und Berufsgruppe ausgewertet. Als Effektschätzer für den Zusammenhang zwischen der Häufigkeit manueller Arbeitsprozesse und Beschwerden in den Armen in den letzten 12 Monaten werden adjustierte Prävalenzratios berichtet (robuste log-lineare Poisson-Regression). Hierbei wurde für die Faktoren Alter, Geschlecht, tatsächliche Wochenarbeitszeit, psychosoziale Arbeitsbelastung und weitere physische Expositionen adjustiert.

Ergebnisse
Von den Erwerbstätigen, die angaben häufig manuelle Arbeitsprozesse auszuführen, arbeiten 28,6% der Frauen in Semiprofessionen und 30,7% der Männer in qualifizierten manuellen Berufen. Es zeigt sich eine positive Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen manuellen Arbeitsprozessen und Armbeschwerden. Im Vergleich zur Referenzgruppe, die angaben „nie“ in der Exposition zu arbeiten, weisen im volladjustieren Modell Erwerbstätige, die „manchmal“ unter der Exposition arbeiten, ein 1,16-fach höheres Risiko (KI: 1,014-1,33) für Beschwerden in den Armen auf. Bei Erwerbstätigen, die angaben „häufig“ in der Exposition zu arbeiten, ist ein 1,73-fach erhöhtes Risiko (KI: 1,55-1,92) nachweisbar.

Schlussfolgerung
Das Risiko in den letzten 12 Monaten Beschwerden im Bereich des Armes anzugeben, steigt mit der selbst angegebenen Häufigkeit manueller Arbeitsprozesse. Besonders betroffen sind manuelle Berufe und Semiprofessionen. Ein besonderer Präventionsbedarf ist bei Erwerbstätigen mit derartigen Belastungen zu beachten.
Frau Charlotte Müller
Berlin School of Public Health
Association between awkward working postures, in particular overhead work and arm pain in the context of the „BIBB/BAuA Labour Force Survey 2017/2018“ (Julia Barthelme, Falk Liebers)
Background:
Musculoskeletal disorders are the leading cause of sick leave and incur substantial costs. According to previous studies, exposure to awkward postures, such as overhead work, is associated with inducing musculoskeletal problems. With the aging of our society, the problem is exacerbating and prevention is becoming increasingly important. Data analysis may help gaining insights for developing specific prevention programs for employed people, who are exposed to awkward working postures. This study aimed to determine the current prevalence of employees working in awkward postures, specifically over head and to analyse associations between awkward working postures, in particular overhead work and arm pain.

Methods:
The study is based on secondary data from the German „BIBB/BAuA Labour Force Survey 2017/2018“ and includes information from 14404 employees aged between 15 and 67 years who worked at least 35 days per week. Classification of participants in occupational groups was based on job code by Blossfeld. Frequency of working in awkward postures is based on self ratings (never, seldom, sometime, often). The emploees were asked for occurance of arm pain in the last 12 month as outcome. The multivariate analysis was conducted using Poisson regression model with robust variance estimators. Prevalence ratios are reported as effect estimates due to the frequency of working in awkward posture compared “never” as reference.

Results:
12,7% of the participants indicated that they are frequently exposed to awkward postures at work. Therefrom 39,4% said they were often doing overhead work. The majority of these employees are working in semiprofessions (females) and qualified manual professions (males), while in general, men are more often exposed to the mentioned postures. A linear dose-response relationship has been found between frequently working in awkward postures and the ocurrence of arm pain. The relative risk of arm pain working often in awkward postures is 1,38 (CI: 1,22 – 1,56). The analysis also presented an association between frequent overhead work and arm pain (PR: 1,21; CI: 1,05 – 1,38).

Conclusion:
Working in awkward postures, respectively overhead work, are risk factors for obtaining musculoskeletal disorders in the arms. Development of prevention strategies should focus on the workforce in semi- and qualified manual profession.

Frau Julia Barthelme
Assoziation von Heben und Tragen schwerer Lasten als berufliche Exposition und Rückenschmerzen - Themenspezifische Auswertung der BIBB/BAuA Erwerbstätigenbefragung 2018 (Martha Sauter, Falk Liebers)
Hintergrund und Ziel:
Heben und Tragen schwerer Lasten (HT) ist eine häufige berufliche Exposition, die eine Gefährdung für das Muskel-Skelett-System darstellt. Unter anderem gehört HT zum Spektrum der Risikofaktoren für Beschwerden im Rückenbereich, welche in der deutschen Bevölkerung insgesamt eine hohe Prävalenz aufweisen. Ziel dieser Arbeit ist, die Häufigkeit von HT und den Zusammenhang zwischen HT als berufliche Exposition und der Prävalenz an Rückenschmerzen durch Analyse der BIBB/BAuA Erwerbstätigenbefragung 2018 (ETB 2018) darzustellen.

Methode:
Der aus einem Telefonsurvey stammende Datensatz wurde auf vollzeitarbeitenden Personen (>35 h/Woche) und auf unter 67-Jährige beschränkt und deskriptiv ausgewertet. Die Assoziation zwischen HT und der 12-Monats-Prävalenz an Rückenbeschwerden wird über Prävelenzratios unter Verwendung von loglinearen Poisson-Regressionsmodellen berechnet (robuste Varianzschätzer, adjustiert nach Geschlecht, Alter, Arbeitszeit und physischen und psychosozialen Arbeitsbelastungen). Basierend auf den Regressionsanalysen wurden die Beschwerdeprävalenzen für die Belastungskategorien adjustiert geschätzt.

Ergebnisse:
In die Analyse (‚complete case analysis‘) sind n=14.237 Personen eingegangen (61,6% Männer, 38,4% Frauen, medianes Alter 49 Jahre), wovon 52,8% HT als berufliche Exposition angeben. Im volladjustieren Modell zeigt sich, dass Personen, die im Erwerbsalltag ‚häufig‘ schwere Lasten heben oder tragen, 36,6% häufiger Rückenschmerzen angeben als Personen, die ‚nie‘ schwere Lasten heben (PR=1,37, KI: [1,28 - 1,46]). Auch die Personen, die angeben ‚manchmal‘ schwere Lasten zu heben, zeigen im Gegensatz zur Vergleichsgruppe (‚nie‘ HT) eine um den Faktor 1,17 (KI: [1,09 - 1,25]) höhere Prävalenz an Rückenbeschwerden. Die adjustierte Prävalenz an Beschwerden im unteren Rücken wird für die Antwortkategorie ‚nie‘ HT auf 46,2% ansteigend bis zur Antwortkategorie ‚häufig‘ HT mit 63,2% geschätzt.

Schlussfolgerung:
Die ETB 2018 bestätigt, dass Heben und Tragen schwerer Lasten als berufliche Exposition unter Erwerbstätigen in Deutschland auch aktuell häufig ist. Die Selbstangaben zu dieser physischen Belastungsart zeigen unabhängig von Alter, Geschlecht, Arbeitszeit und anderen physischen und psychosozialen Arbeitsbelastungen einen deutlichen Zusammenhang mit der Prävalenz an Rückenschmerzen. Präventionsmaßnahmen zur Vermeidung von HT im Arbeitsalltag sind weiterhin zu verfolgen und auszubauen.
Frau Martha Sauter
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Freitag
04 Sep
10:00 - 10:45
Vorträge
Ergonomie II
Raum: Hörsaal 5
Vorsitz: Bernd Hartmann
Ergonomische Belastungen und muskuloskelettale Beschwerden von Beschäftigten in der deutschen Offshore-Windindustrie (Marcial Velasco Garrido, Janika Mette, Stefanie Mache, Volker Harth, Alexandra M. Preisser)
Zielsetzung: Die Arbeit in der Offshore-Windindustrie stellt hohe körperliche Anforderungen an die Beschäftigten, insbesondere an die Techniker. Diese müssen für die Wartung und Instandhaltung mehrmals täglich auf die Anlagen klettern und dort in engen Räumen mit schweren Equipment arbeiten. Das Ziel dieser Studie war zu untersuchen, ob dies zur Häufung muskuloskelettaler Beschwerden führt.
Methoden: Es wurde eine Onlinebefragung unter Beschäftigten der Offshore-Anlagen der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone durchgeführt. Die körperlichen Beschwerden wurden mit dem subjective health complaints inventory (SHC) erhoben, der einen Zeithorizont von vier Wochen hat. Der Zusammenhang zwischen Tätigkeit, ergonomischen Belastungsfaktoren und Beschwerden wurde mittels logistischer Regression untersucht.
Ergebnisse: 268 männliche Teilnehmer der Befragung hatten regelmäßige Offshore-Einsätze und wurden in die weiteren Analysen eingeschlossen. Der größte Anteil war jünger als 50 Jahre (88,8 %), deutscher Staatsangehörigkeit (89,3 %) und hatte mehr als drei Jahre Offshore-Erfahrung (64,4 %). 54 % berichteten Rücken-, 50,4 % Nacken-, 40,3 % Kreuz-, 35,5 % Schulter-, 23,3 % Arm- und 22,1 % Beinschmerzen. Techniker hatten im Vergleich zu anderen Offshore-Beschäftigten mehr Arm- (OR 3,13 95 % KI 1,58-6,19), Rücken- (OR 1,97 95 % KI 1,15-3,39), Schulter- (OR 1,94 95 % KI 1,11-3,40) und Nackenbeschwerden (OR 1,89 95 % KI 1,11-3,22). Heben und Tragen schwerer Gegenstände war assoziiert mit allen Beschwerden außer mit den Beinschmerzen. Das Tragen von PSA, Überkopfarbeiten und Arbeiten in Hypertorsion bzw. Hyperflexion des Oberkörpers waren mit Schulter-, Rücken- und Armschmerzen assoziiert. Für das Klettern zeigten sich keine statistisch signifikante Assoziationen mit muskuloskelettale Beschwerden.
Schlussfolgerungen: Die Teilnehmer der Befragung berichteten häufig über muskuloskelettale Beschwerden. Insbesondere die Arbeit als Techniker ist mit dem Auftreten muskuloskelettaler Beschwerden assoziiert. Schweres Equipment, Werkzeuge und Schutzausrüstung, sowie Überkopfarbeiten und andere unergonomische Körperhaltungen können das erhöhte Risiko in dieser Gruppe von Beschäftigten erklären. Vor diesem Hintergrund erscheinen spezifische Unterweisungen und systematische Ergonomietrainings erforderlich.
Förderung: Studie gefördert vom BMBF (KIT-02L14A050ff)
Herr Marcial Velasco Garrido M.P.H.
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Handlungsleitfaden für das betriebliche Rettungspersonal für den Umgang mit arbeitsmedizinischen Notfallsituationen bei der Nutzung von Exoskeletten (Ralph Hensel, Stephan Weiler, Bruno Mücke)
Industrieunternehmen versuchen mit vielfältigen Applikationsszenarien, sich das Potenzial von Exoskeletten als ergonomische Assistenzsysteme zu erschließen, um Arbeitsbelastungen der Mitarbeiter zu reduzieren oder Mitarbeiter mit Leistungseinschränkungen zu unterstützen. Dem Arbeitsschutzgesetz folgend ist der Arbeitgeber verpflichtet, Maßnahmen zur Ersten Hilfe von Beschäftigten zu treffen, wobei Ausbildung und Ausrüstung des Fachpersonals des betrieblichen Rettungswesens die besonderen betrieblichen Gefahren berücksichtigen müssen, die sich aufgrund der im Unternehmen verwendeten Technologien und Prozesse ergeben. Aus dem Einsatz von Exoskeletten resultieren zusätzliche Gefährdungen, die in Notfallsituationen Auswirkungen auf die Durchführung von Erste-Hilfe-, Rettungs- und Transportmaßnahmen haben können. Obgleich sich die berufsgenossenschaftliche Fachwelt bereits mit Präventionsmaßnahmen, wie der Gefährdungsbeurteilung im Rahmen der Arbeitssicherheit, befasst und ausführliche Leitfäden zur Verfügung stellt, existiert kein Handlungsleitfaden, der sowohl Ersthelfern, als auch Betriebsärzten und betrieblichem Rettungspersonal Hilfestellung in Notfallsituationen mit Exoskelett-tragenden Patienten gibt.
Diese Lücke soll der Beitrag schließen und für unterschiedliche Exoskelette Verhaltensweisen und Abläufe in Notfällen mit deren Nutzern grafisch unterstützt festlegen. Hierfür werden betriebliche Notfallsituationen in Fertigung und Logistik von Automobilherstellern diskutiert und hinsichtlich der Auswirkungen analysiert, die Exoskelette auf Erstversorgung, Notfallversorgung (Diagnostik und Therapie) sowie Lagerung und Transport verunfallter oder erkrankter Patienten durch das Rettungspersonal haben. Daraus werden Konsequenzen für rettungsdienstliche Notfallmaßnahmen abgeleitet und für verschiedene passive Exoskelette, zur Beinunterstützung, Rückenunterstützung und Unterstützung bei Überkopftätigkeiten, sowie ein aktives Exoskelett zur Kraftunterstützung, in einem modularen Maßnahmenkatalog zusammengestellt.
Diese differenziert zwischen allgemeinen Notfallsituationen durch Erkrankungen von Mitarbeitern und bereichsspezifischen Unfallsituationen und adressiert alle Phasen der Rettungskette. Ergänzt um ein Trainingskonzept für alle involvierten Beteiligten soll der Maßnahmenkatalog Handlungssicherheit beim Umgang mit Patienten geben, die Exoskelette tragen, um deren fachgerechte, wie auch schonende Behandlung, Betreuung und Beförderung sicherzustellen.
Herr PD Dr. med. Stephan Weiler
AUDI AG Ingolstadt
Prävalenz von Muskel-Skelett-Beschwerden in der minimalinvasiven Chirurgie (Benjamin Steinhilber, Elisabeth Karle, Joana Schmidt, Ralf Rothmund, Martina Michaelis, Monika A. Rieger, Bernhard Krämer)
Hintergrund
Bei minimalinvasiven chirurgischen Eingriffen sind die Beschäftigten langanhaltenden statischen Muskelbeanspruchungen, unergonomischen Körperhaltungen und langem Stehen ausgesetzt. Dies wird mit einer erhöhten Prävalenz von Muskel-Skelett-Beschwerden (MSB) in Verbindung gebracht. Die in der Literatur beschriebenen hohen MSB Prävalenzen beziehen sich überwiegend auf minimalinvasiv tätige Operateure und es gibt kaum einen Vergleich mit anderen Berufsgruppen. In dieser Studie wird daher die MSB Prävalenz von verschiedenen an minimalinvasiven chirurgischen Eingriffen beteiligten Berufsgruppen (Operateuren, Assistenzärzten und Pflegepersonal) erfasst sowie die MSB Prävalenz von Verwaltungsangestellten im Sinne einer Kontrollgruppe. Ergänzend wird nach arbeitsbedingten Faktoren gesucht, die für eine hohe MSB Prävalenz verantwortlich sein könnten.
Methoden
Die MSB Prävalenz von 360 Personen wird mit dem Nordischen Fragebogen erfasst (180 Operateure, Assistenzärzte, Pflegepersonal und 180 Verwaltungsangestellte). Zusätzlich werden verschiedene Aspekte der Arbeitsbedingungen wie z.B. muskuloskelettale oder mentale Belastungen während minimalinvasiver Eingriffe mittels selbst entwickeltem Fragebogen abgefragt. Die Rekrutierung findet in gynäkologischen Abteilungen verschiedener Krankenhäuser sowie in einer lokalen Stadtverwaltung statt.
Ergebnisse
Vorläufige Ergebnisse von 95 Beschäftigten aus dem Bereich der minimalinvasiven Chirurgie und 180 Verwaltungsangestellten deuten darauf hin, dass die höchsten 12 Monatsprävalenzen für alle Beschäftigtengruppen in den Bereichen Schulter, Nacken und unterer Rücken vorliegen. Dabei scheinen Operateure und Assistenzärzte eine ähnliche hohe MSB Prävalenz zu haben wie Verwaltungsangestellte. Beim Pflegepersonal scheint die 12 Monatsprävalenz etwas geringer zu sein. Die wahrgenommenen mentalen und physischen Anforderungen bei minimalinvasiven Eingriffen scheinen mit der Häufigkeit von MSB im Bereich der Schulter und des unteren Rückens assoziiert zu ein.
Diskussion
In der minimalinvasiven Chirurgie scheinen die Beschäftigten häufig von MSB in den Bereichen Schulter, Nacken und unterer Rücken betroffen zu sein. Diese scheinen vergleichbar mit denen von Verwaltungsangestellten. Arbeitsgestaltungsmaßnahmen, die die wahrgenommenen mentalen und physischen Belastungen bei minimalinvasiven Eingriffen reduzieren, könnten zur MSB Prävention in der minimalinvasiven Chirurgie beitragen.
Herr Dr. Benjamin Steinhilber
Universitätsklinikum Tübingen
Freitag
04 Sep
08:30 - 09:45
Vorträge
Herausforderungen der Digitalisierung
Raum: Hörsaal 6
Vorsitz: Christoph Oberlinner
Manuelle Montage mit Pick-to-Light oder Augmented-Reality-Konturen – Vergleich der Beanspruchung anhand einer experimentellen Untersuchung (Annemarie Minow, Stefan Stüring, Irina Böckelmann)
Hintergrund
In vielen Industriebereichen (z. B. der Montage) steigen die Kundenwünsche hinsichtlich Produktindividualisierung und -komplexität an. Die Fertigung der „Losgröße 1“ stellt dabei jedoch hohe Anforderung an die kognitive Leistungsfähigkeit der Beschäftigten. Digitale Assistenzsysteme sollen die Mitarbeiter in diesem Zusammenhang bei ihrer Aufgabenerledigung unterstützen. Im Rahmen des BMBF-geförderten Verbundvorhabens „3D-Montageassistent“ (FKZ: 03ZZ0441E) wurde eine Cross-over-Studie durchgeführt, um die subjektive und objektive Beanspruchung bei der Anwendung dieser neuen Technologien (Pick-to-Light-Systems (PtL) und Augmented-Reality(AR)-Konturen) vergleichend zu beurteilen.
Zielsetzung
Ziel der experimentellen Studie war es u. a. herauszufinden, wie sich der Einsatz eines PtL bzw. AR-Konturen auf die subjektive und objektive Beanspruchung der Probanden auswirkt. Die Systemvarianten wurden dabei mithilfe einer VR-Brille (HTV Vive) simuliert.
Methode
25 freiwillige Probanden (⌀ 26,8 ± 8,93 Jahre) haben in zwei randomisierten Durchläufen (PtL bzw. AR-Konturen) Wegeventile und geometrische Figuren zusammengebaut. Zur Beurteilung der subjektiven Beanspruchung wurden die Eigenzustands(EZ)-Skala (Nitsch 1976) und die Rating Scale Mental Effort (RSME) (Doorn, van & Zijlstra 1985) eingesetzt. Für die Messung der objektiven Beanspruchung wurden Parameter der Herzfrequenzvariabilität (HRV) herangezogen.
Ergebnisse
Zwischen der Nutzung des PtL und der AR-Konturen zeigen sich durch die EZ-Skala keine bedeutsamen Unterschiede in der Motivations- und Beanspruchungslage. Die RSME macht jedoch eine signifikant höhere Beanspruchung bei den AR-Konturen verglichen mit dem PtL (47,8 ± 37,11 vs. 37,9 ± 22,64 Punkte; pWilcoxon = 0,004) deutlich. Für die objektive Beanspruchung ist lediglich beim HRV-Parameter HF nu ein Unterschied zwischen den Systemvarianten erkennbar. Dieser Parameter spricht für eine höhere Beanspruchung im Umgang mit den AR-Konturen verglichen mit dem PtL.
Diskussion
Für Personen ohne Montageerfahrung scheint das Pick-to-Light-System eine größere Unterstützung darzustellen als die AR-Konturen. Wesentliche Unterschiede in der objektiven Beanspruchung bei den zwei Assistenzsystemen konnten für den kurzen Untersuchungszeitraum nicht festgestellt werden. Weitere Studien mit montageerfahrenen Personengruppen und einer längeren Montagedauer sind zur umfassenden Beanspruchungsbeurteilung nötig.
Frau Annemarie Minow
Otto-von-Guericke Universität Magdeburg
Auswirkungen der Bildschirmtypografie eines Smartphones auf die subjektive Beanspruchung und Leistung bei mobiler Arbeit (Annemarie Minow, Annette Bergmüller, Simon Adler, Irina Böckelmann)
Hintergrund
Bei mobiler Arbeit im technischen Service (z. B. Instandhaltung, Wartung und Prüfung) müssen Informationen direkt und schnell vor Ort an der Anlage verfügbar sein. Mobile digitale Assistenzsysteme wie z. B. Smartphones können die Mitarbeitenden hier bedarfsgerecht unterstützen. Es ist jedoch nötig, die Auswirkungen unterschiedlicher Typografien (z. B. Schriftart und -farbe, Zeichenhöhe und -abstand sowie Zeilenabstand) auf Smartphones zu erforschen, um einen ergonomischen Umgang mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien zu gewährleisten.
Zielsetzung
Ziel der experimentellen Cross-Over-Studie im Rahmen des FuE-Projekts ArdiAS (FKZ: 02L15A031) war es u. a. herauszufinden, wie sich verschiedene Darstellungsarten eines kognitiven Aufmerksamkeitstests auf dem Smartphone auf die subjektive Beanspruchung und Leistung der Versuchspersonen auswirkt.
Methode
23 freiwillige Proband/-innen (⌀ 30,8 ± 10,90 Jahre) haben in vier randomisierten Durchläufen einen d2-Test mit zwei unterschiedlichen Bildschirmtypografien im Sitzen und Stehen absolviert. Zur Beurteilung der subjektiven Beanspruchung wurde der NASA-TLX eingesetzt. Bei dem d2-Test wurden Bearbeitungsgeschwindigkeit und -sorgfalt, Auslassungs- und Verwechslungsfehler und die Konzentrationsleistung zwischen den beiden Typografien sowie Körperhaltungen verglichen.
Ergebnisse
In der subjektiven Beanspruchung und den objektiven Leistungsdaten wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen den Bildschirmtypografien und Körperhaltungen sichtbar. Im zeitlichen Verlauf – unabhängig der Typografie und Haltung – zeigten sich jedoch eine deutlich erhöhte Bearbeitungsgeschwindigkeit, weniger Auslassungsfehler und eine verbesserte Konzentrationsleistung. Zusammenhänge zwischen der subjektiven Beanspruchung und einzelnen Leistungsparametern konnten ermittelt werden.
Diskussion
Für die Versuchspersonen schienen die unterschiedlichen Darstellungsarten des d2-Tests auf dem Smartphone zumindest für die kurze Bearbeitungszeit (4 x 5 min.) keine deutlichen Unterschiede in der subjektiven Beanspruchung hervorzurufen. Auch zeigten die Typografien und Körperhaltungen keine Einflüsse auf die objektiven Leistungsdaten. Ob sich diese Ergebnisse durch eine erhöhte Zeitdauer verändern, ist in Folgestudien zu prüfen.
Frau Annemarie Minow
Otto-von-Guericke Universität Magdeburg
Telearbeitsmedizin - Ein Modellprojekt der VBG (Esther Hofstädter, Jens Petersen, Vera Stich-Kreitner, Julia Hiller, Regina Stange-Bopp, Amanda Voss, Hans Drexler)
Einleitung Telemedizin ist ein Sammelbegriff für ärztliche Versorgungskonzepte, in denen medizinische Leistungen über räumliche Entfernungen oder zeitlichen Versatz hinweg unter Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien erbracht werden. Die Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung haben Rahmenbedingungen und Kriterien für die Umsetzung definiert (1). Auch in der Arbeitsmedizin werden derzeit Einsatzmöglichkeiten geprüft und vereinzelt bereits in der betriebsärztlichen Betreuung angewendet (2).
Die VBG hat ein Modellprojekt aufgelegt, in dem eine telearbeitsmedizinische Betreuung in einem Modellbetrieb praktisch erprobt und Prozessstandards für die betriebsärztliche Betreuung entwickelt werden sollen.

Methode
Gemeinsam mit der Universität Erlangen-Nürnberg werden in einem Unternehmen der Flachglas-produktion (560 Beschäftigte) mit Schicht- und Hitzearbeit telemedizinische Anwendungen einge-setzt, um telemedizinische Methoden im Hinblick auf Akzeptanz und Benutzerfreundlichkeit in der Praxis zu erproben. Dafür wurden eine arbeitsmedizinische Plattform eingesetzt und Videosprech-stunden durchgeführt.

Ergebnisse
Das Projekt gliedert sich in eine Analyse-, Praxis- und Evaluationsphase. Zunächst wurden ein telemedizinisches Konzept erstellt und die technischen Voraussetzungen für eine telemedizinische Betreuung geschaffen. Daraufhin wurde eine strukturierte Befragung von 6 Arbeitsschutzexperten und 11 Beschäftigten aus der Produktion durchgeführt. Hierbei konnten verschiedene Aspekte in Hinblick auf Chancen und Risiken identifiziert werden. In der anschließenden Praxisphase wurden 20 Beschäftigte mit arbeitsmedizinischen Beratungsanlässen telemedizinisch betreut. In der Evaluationsphase ist eine erneute Befragung der beteiligten Akteure geplant.

Diskussion
Mit dem Ziel der Ergänzung und Verbesserung der arbeitsmedizinischen Versorgung ist die telemedizinische Betreuung von Unternehmen unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen des vorhandenen Arbeitsschutzsystems möglich. Es bestehen allerdings erhebliche technische und organisatorische Herausforderungen. Datenschutz und Vertraulichkeit sind Voraussetzungen für eine sichere Anwendung. Im Hinblick auf die praktische Umsetzung bestehen bei Arbeitsschutzexperten und Beschäftigten unterschiedliche Einschätzungen.

Herr Dr. Jens Petersen
Verwaltungs-Berufsgenossenschaft Hamburg
Spezifische Angst vor digitaler/technologischer Rationalisierung und allgemeine Arbeitsplatzunsicherheit (Matthias Nübling, Alexandra Lindner, Martin Vomstein, Inga Nolle, Ariane Haug, Hans-Joachim Lincke)
Einleitung
Arbeitsplatzunsicherheit hat unterschiedliche Facetten, z.B. die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, die Angst vor drohender technologischer oder digitaler Rationalisierung oder auch die Angst vor Versetzung ohne Mitsprache.
Methoden
Im COPSOQ (Copenhagen Psychosocial Questionnaire) besteht die Skala “Unsicherheit des Arbeitsplatzes” aus 4 Items; eines davon adressiert das im Rahmen von Digitalisierung und Arbeit 4.0 stark diskutierte Thema “Angst vor Arbeitsplatzverlust auf Grund technologischer Entwicklungen”.
An Hand der breiten Datenbasis der COPSOQ-Datenbank (N=280.000) wird geprüft,
a) welche Berufsgruppen diese Befürchtung besonders stark artikulieren und
b) bei welchen Berufsgruppen das relative Gewicht gerade dieser Befürchtung besonders hoch ist.
Ergebnisse
Der Mittelwert der Skala liegt bei 29 Punkten (Bereich: 0-100), der Mittelwert der Technologie-Frage bei 20 Punkten.
Bei der Gesamtunsicherheit weisen z.B. Kunststoff- und Holzberufe (43 Punkte), Reinigungsberufe (38 Punkte), Lebensmittelverarbeitung (37 Punkte) deutlich erhöhte Werte auf, am anderen Ende finden sich Lehrberufe (14 Punkte) und Erziehungsberufe (21 Punkte).
Bei der spezifischen Angst, aufgrund technologischer Entwicklungen arbeitslos zu werden, stehen auch manuelle / industrielle Tätigkeiten an der Spitze, z.B. Kunststoff- und Holzverarbeitung (35 Punkte) oder Papier- und Druckberufe (29 Punkte) und wieder stehen Lehrberufe (5 Punkte) und Erziehungsberufe (8 Punkte) am Ende.
Allerdings rücken hier einige Berufe nach oben, die bei der Gesamtunsicherheit unauffällige oder günstige Werte haben, z.B. Finanzdienstleistungen (25 Punkte für das Technologieitem und 31 für die Skala) oder Informatik-Berufe (19 bzw. 26). In diesen Gruppen hat die Einzelfrage also einen deutlich erhöhten Stellenwert.
Umgekehrt ist z.B. in den Reinigungsberufen die Gesamtunsicherheit zwar hoch (38 Punkte und damit 9 Punkte über Schnitt), die spezifische Sorge wegen Technologisierung aber nur leicht erhöht (22 Punkte, 2 Punkte über Schnitt).

Diskussion und Schlussfolgerungen
Die Unsicherheit des Arbeitsplatzes war immer stark vom Ausbildungsstand abhängig und vor allem im blue-collar Bereich erhöht. Im Zuge der stattfindenden (oder “drohenden”) Digitalisierung sind nun auch verstärkt Berufsgruppen im Dienstleistungsbereich betroffen. In diesen Gruppen hat die wahrgenommene spezifisch technologisch bedingte Arbeitsplatzbedrohung einen besonders hohen Anteil an der Gesamtunsicherheit.

Herr Dr. Matthias Nübling
FFAW: Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften FFAW GmbH
„Das braucht immer noch zwei Augen, zwei Hände und ein bisschen Empathie“. Digitalisierungprozesse in palliativmedizinischen Arbeitswelten (Christine Preiser, Natalia Radionova, Monika A. Rieger)
Hintergrund
Digitalisierungsprozesse transformieren auch im Gesundheitssystem Arbeitswelten. Weitestgehend unerforscht ist die Frage, wie sie sich auf die professionellen Selbstverständnisse der jeweiligen Berufsgruppen auswirken. Wir haben in der qualitativen Teilstudie des Verbundforschungsprojekts „MySUPPORT“ (Leitung: Prof. Dr. Gerhild Becker, Universitätsklinikum Freiburg; Laufzeit: 2016-2019) Ärzt*innen und Pflegende verschiedener palliativmedizinischer Settings zu ihren Erwartungen an eine geplante elektronische Abfrage von patient reported outcomes (PROs) befragt. In einem zweiten Schritt haben wir Professionsverständnisse aus den Daten abgeleitet. In unserem Beitrag gehen wir der Frage nach, welche Transformationen ihrer Arbeitswelten die Befragten durch eine elektronische Abfrage von PROs antizipieren und was dies für die Akzeptanz der betreffenden Innovation bedeutet.

Methoden
Im Rahmen des Teilprojektes wurden Expert*inneninterviews 10 Ärzt*innen und 9 Pflegende geführt und anschließend transkribiert. Alle Interviews wurden zunächst mit der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Schreier (2012) ausgewertet. Basierend auf den Ergebnissen wurden je Berufsgruppe 4 Interviews ausgewählt und mit dem Integrativen Basisverfahren (Kruse 2014) analysiert.

Ergebnisse
Die Befragten berichten, die Bedarfe und Bedürfnisse der Patient*innen bisher in einem flexiblen, situationsangepassten Prozess zu ermitteln, in dem Gespräche, Beobachtungen sowie die eigene beruflicher Expertise zentral sind. Die Selbstauskunft der Patient*innen werde kritisch übergeprüft. Von einer elektronischen Patient*innenselbstauskunft erwarten die Befragten eine Fokussierung und Strukturierung der Abfragen. Ein Teil der Befragten sieht darin die Möglichkeit, Doppelabfragen zu vermeiden und kein Thema zu vergessen. Ein Teil der Befragten befürchtet eine Standardisierung des bisherigen Vorgehens und eine weitreichende Veränderung der Ärzt*in-Patient*in-Beziehung bzw. Pflege-Patient*in-Beziehung. Die Akzeptanz der geplanten digitalen Innovation hängt davon ab, ob Befragte Einschränkungen der eigenen Handlungsmacht und professionellen Autonomie antizipieren.

Diskussion
Ein Teil der Vorbehalte gegenüber einer digitalen Innovation ist bedingt durch bereits bestehende Skepsis gegenüber der Selbstauskunft der Patient*innen. Die Akzeptanz der digitalen Innovation wird davon beeinflusst, wie sehr sie mit dem professionellen Selbstverständnis der Personen interferiert.
Frau Christine Preiser
Universitätsklinikum Tübingen
Freitag
04 Sep
10:00 - 10:45
Vorträge
Haut
Raum: Hörsaal 4
Vorsitz: Manigé Fartasch
Erste Erkenntnisse zum humanen Metabolismus des UV Absorbers 2-(2\'-Hydroxy-3\',5\'-dipentylphenyl)benzotriazol (UV 328) (Heike Denghel, Edgar Leibold, Thomas Göen)
Zielsetzung: Bei UV 328 (2-(2'-Hydroxy-3',5'-dipentylphenyl)benzotriazol) handelt es sich um einen UV-Absorber, der in Kunststoffen und Lacken eingesetzt wird, um die physikalischen Eigenschaften des Trägermaterials vor schädlichen Umwelteinflüssen zu schützen. Jedoch liegen für diese Substanz nur wenige Daten zu humaner Exposition, Metabolismus und Kinetik in Blut und Urin vor. Demnach wurde der humane in vivo Metabolismus in Form einer Pilotstudie an einem freiwilligen Probanden untersucht und geeignete Methoden für das Biomonitoring von Belastungen aus Beruf und Umwelt entwickelt.

Methode: Es erfolgte eine orale Exposition des Probanden mit einer Einmaldosis von 0,3 mg/ kg Körperwicht. Blut- und Urinproben wurden von dem Probanden zunächst vor der Exposition sowie zu verschieden Zeitpunkten in einem Zeitraum von 72 Stunden nach Exposition gewonnen. Es wurde ein Analysenverfahren mittels dispersiver flüssig-flüssig Extraktion und anschließender GC-MS/MS Bestimmung im MRM Modus entwickelt, optimiert und validiert. Anschließend wurden die gesammelten Proben mit und ohne vorherige enzymatische Hydrolyse analysiert.

Ergebnisse: Die Analyse der Urinproben zeigte die Bildung von Metaboliten mit Hydroxy- (OH) und oder Oxo-Funktion (CO). Ein Metabolit mit beiden Modifikationen (UV 328-4/3-CO-6/3-OH) war quantitativ am bedeutsamsten, gefolgt von 2 monohydroxylierten Metaboliten (UV 328-6/3-OH und UV 328-4/3-OH) und einem Metaboliten mit oxo-Funktion (UV 328-4/3-CO). Zwei weitere postulierte Metaboliten (UV 328-6/3-CO und UV 328-BT-OH) wurden nicht detektiert. Unverändertes UV 328 wurde ebenfalls in geringen Mengen in Urin gefunden. Insgesamt wurde ca. 1 % der oral applizierten Menge als UV 328 oder dessen Metabolite wiedergefunden. Dabei wurden die Maximalwerte der renalen Ausscheidungsraten zwischen 6,5 und 13,5 Stunden nach Exposition beobachtet sowie Halbwertszeiten zwischen 17 und 33 Stunden ermittelt.

Schlussfolgerungen: Die im Urin ausgeschiedenen Metaboliten zeigten ein relativ spätes Ausscheidungsmaximum sowie lange Eliminationshalbwertszeiten. Möglichweise wird UV 328 also aufgrund seiner hohen Lipophilie nur langsam resorbiert und zunächst ins Fettgewebe eingelagert und von dort langsam zur Metabolisierung freigesetzt. Zudem wurde nur ein geringer Teil der oral applizierten Menge wiedergefunden, sodass eine geringe Resorption der Substanz bzw. ein alternativer Ausscheidungsweg, z.B. über die Faeces, zu vermuten ist.
Frau Heike Denghel
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial und Umweltmedizin Universität Erlangen - Nürnberg
Der Einfluss von Hautfaktoren auf die transdermale Aufnahme von organischen UV-Filtersubstanzen (Sonja Kilo, Philipp Rauhut, Julia Hiller, Katrin Klotz, Thomas Göen, Hans Drexler)
Hintergrund:
UV-Filtersubstanzen sind in Sonnencremes und in vielen weiteren Hautpflegeprodukten enthalten. Als Sonnencremes werden sie zum Teil mehrmals täglich auf den ganzen Körper aufgetragen, über die Haut aufgenommen und sind systemisch verfügbar. Ob bzw. in welchem Ausmaß diese Aufnahme von individuell verschiedenen hautphysiologischen Parametern abhängig ist wenig bekannt. Ziel dieser Studie war die Erfassung dieser potentiellen Einflussmöglichkeiten auf die dermale Aufnahme von UV-Filtern

Methode:
An einem warmen und sonnigen Tag trugen freiwillige Probanden (11männl. 9 weibl.) definierte Mengen an einer kommerziell erhältlichen Sonnencreme auf (3x, insgesamt 4 mg pro cm² Haut). Anschließend hielten sie sich für 8,5h in Badebekleidung im Freien auf. Danach duschten die Probanden sofort zu Hause. Am Abend und in der Nacht sammelten die Teilnehmer den Urin nach ihren Bedürfnissen. Vor der Feldstudie wurde der transepidermale Wasserverlust (TEWL), die oberflächliche Hydratisierung der Haut (Corneometrie) und die Sebum Menge auf der Haut (Sebumetrie) untersucht. In den Urinproben wurde der UV-Filter Ethylhexylsalicylat (EHS) und Metabolite von UV-Filtern (2-Cyan-3,3-diphenylacrylsäure, CDAA; 2-Ethyl-5-hydroxyhexylsalicylat, 5-OH-EHS) quantifiziert.

Ergebnis:
Insgesamt war der Zusammenhang zwischen UV-Filter/Metabolite mit den gemessenen hautphysiologischen Parametern moderat. Es zeigte sich im Trend, dass sich bei Erhöhung der oberflächlichen Hydratisierung der Haut und des transepidermale Wasserverlusts eine erhöhte CDAA Ausscheidung zeigte. Tendenziell zeigte die oberflächliche Hydratisierung der Haut auch einen direkten Zusammenhang mit der EHS-Ausscheidung. Im Beobachtungszeitraum war keine Korrelation der Sebum Menge mit der UV-Filterausscheidung zu erkennen.

Schlussfolgerung:
Der Zusammenhang der untersuchten Parameter mit der UV-Filterausscheidung scheint gering. Falls UV-Filter im Körper von Enzymen abgebaut werden, die bei verschiedenen Menschen eine unterschiedliches Aktivitätsniveau (slow / fast metabolizer) haben, kann dies zu einer größeren Streuung der Messwerte führen und somit mögliche Effekt der untersuchten Parameter verdecken.
Frau Dr. Sonja Kilo
Aktuelle Herausforderungen und Initiativen zur Verhütung von Berufsekzemen in der Schweiz (Hanspeter Rast)
Kontaktekzeme sind in der Schweiz nach den Berufskrankheiten des Gehörs die häufigste anerkannte Berufskrankheit. Sie führen oft zu sogenannten Nichteignungsverfügungen und in der Folge auch häufiger als andere Berufskrankheiten zu einem Berufswechsel. Die Schweizerische Unfallversicherung Suva hat daher den Hautschutz im beruflichen Umfeld generell als Präventionsaufgabe priorisiert und hat als erstes die Schwerpunkte Hautschutz im Friseurgewerbe, insbesondere beim Haarewaschen, sowie bei den Tätigkeiten mit Kontakt zu Schmiermitteln und zu Epoxidharzen ausgewählt. Die laufenden Präventionsmassnahmen werden näher beleuchtet. Wichtige Merkmale sind fokussierte, gut verständliche und gezielt adressierte Botschaften, Einbezug der Branchen und der Einsatz neuer Kommunikationsmittel. Dabei werden auch spezifische Informationskanäle zu den Berufsschulen und zu den Auszubildenden genutzt. Begleitet werden die branchenspezifischen präventiven Massnahmen auch von neuen Entwicklungen in der arbeitsmedizinischen Vorsorge. Bei allen Hautschutz-Initiativen soll es nicht bei der kurzfristigen Sensibilisierung und Information bleiben, sondern wird unter Einbezug der Spezialisten der Arbeitssicherheit die langfristige Implementierung der präventiven Massnahmen bei den betroffenen Branchen angestrebt.
Herr Dr. med. Hanspeter Rast
Suva
Freitag
04 Sep
13:30 - 14:45
Vorträge
Lehrergesundheit
Raum: Hörsaal 2
Vorsitz: Peter Kegel und Uta Ochmann
Schule als Arbeitsplatz - eine Herausforderung? (Gabriela Petereit-Haack)
Einleitung
Fokus dieser Untersuchung liegt auf psychosozialen Belastungen und Zusammenhängen zu beruflichen Rahmenbedingungen. In vorhergehenden Studien (Petereit-Haack 2018, 2019) konnte gezeigt werden, dass Lärm und Herzfrequenzvariabilität auf erhebliche Belastung hinweisen. Für psychosoziale berufliche Belastungen besteht erhöhtes Risiko zur Entstehung psychischer Störungen (Seidler 2014, Thinschmidt 2016) sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Backé 2012).
Methode
Zwischen 6/2014-11/2019 werden in eine Querschnittsstudie 200 Kontrollen und 200 Lehrkräfte einbezogen (Methodik: Petereit-Haack 2016). (Vorläufige Zwischenauswertung 156 Kontrollen, 150 Lehrkräfte, Responserate 54%, 63%). Zur Ermittlung psychischen Belastung wurde ein Fragebogeninstrument zusammengestellt (CopenhagenPsychosocialQuestionnaire -COPSOQ, EffortRewardImbalanceQuestionnaire -ERI-Q, Maslach Burnout Inventory -MBI-GS, Frankfurter Skalen Emotionsarbeit -FEWS, Fragebogen Allgemeinen Selbstwirksamkeitserwartung -SWE, General HealthQuestionnaire -GHQ-12). Mittelwert-Vergleiche sowie Ableitung von logistischen Regressionsmodellen erfolgen (SPSS 28).
Ergebnisse
Nach Studienabschluss werden jeweils 50 Lehrer aus Grundschule, Sekundarstufe 1, Gymnasium und Berufsschule sein. (Vorläufige Auswertung:) Durchschnittswert: Probandenalter 40 Jahre, Berufstätigkeit 7 Jahre, 2/3 Frauen,1/3 Männer, Klassenstärke 26 Schülern, Unterricht in 4 Klassen, in 3 Fächern. 49% Lehrkräfte unterrichten fachfremde Fächer. 18 Lehrkräfte sind in Integrationsklassen und 23 Lehrkräfte in Leitungsfunktionen.12 Lehrkräfte sind an 2 oder mehr Einsatzorten abgeordnet. 36% der Lehrkräfte führen Sonderaufgaben ohne Anrechnung durch, 4 Lehrkräfte haben eine Schwerbehinderung. COPSOC-Fragebogen: Lehrkräfte haben höhere quantitative und emotionale Anforderungen, bessere Entwicklungsmöglichkeiten, höhere Bedeutung ihrer Arbeit, geringeres Gemeinschaftsgefühl, geringere Arbeitsplatzunsicherheit als Kontrollen. ERI-Q Lehrkräfte hatten mit 1,8 einen höheren Wert als Kontrollen (1,6). MBI zeigte keinen deutlichen Unterschied. Weiteren Auswertungen folgen (Signifikanzen, logistische Regressionsmodelle, Zusammenhang zwischen subjektiven Belastungen - beruflichen Einflussgrößen).
Diskussion
Stress ist beruflicher Belastungsfaktor bei Lehrkräften. Anhand subjektiver Parameter sind berufsspezifische Belastungsparameter erkennbar. Der Zusammenhang zu schulspezifischen Rahmenbedingungen ist für Prävention von großer Bedeutung.
Frau Dr. med. Gabriela Petereit-Haack MPH
Landesgewerbearzt Hessen
Aus der Gutenberg Gesundheitsstudie: Zur Herz-Kreislauf-Gesundheit von Lehrkräften in Rheinland-Pfalz (Merle Riechmann-Wolf, Sylvia Jankowiak, Andreas Schulz, Janice Hegewald, Karla Romero Starke, Falk Liebers, Karin Rossnagel, Alicia Poplawski, Natalie Arnold, Matthias Nübling, Andreas Seidler, Manfred Beutel, Norbert Pfeiffer, Karl Lackner, Thomas Muenzel, Kathrin Bogner, Philipp Wild, Ute Latza, Stephan Letzel)
Hintergrund: Der Lehrerberuf wird assoziiert mit einer interaktiven und emotional fordernden Tätigkeit und mit weiteren Stressoren, bspw. geringe zeitliche Kontrolle oder Mangel an Entscheidungsmöglichkeiten [vgl. 1,2]. Davon ausgehend, dass aufgrund dessen Lehrkräfte ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Erkrankungsrisiko aufweisen könnten, vergleichen wir den kardiovaskulären Gesundheitszustand von Lehrkräften mit dem anderer berufstätiger TeilnehmerInnen der Gutenberg Gesundheitsstudie (GHS).

Methode: Aus der Gutenberg Gesundheitsstudie liegen die Angaben von 8399 berufstätigen TeilnehmerInnen zu Baseline (2007-2012) und von 6510 TeilnehmerInnen im Follow-up (2012-2017) vor. Wir vergleichen stratifiziert nach Geschlecht und Alter die Baseline-Prävalenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) und assoziierten Risikofaktoren bei Lehrkräften (N=261) mit der jeweiligen Baseline-Prävalenz bei Berufstätigen in anderen sozialen Berufen (N=1344) bzw. den übrigen Berufstätigen (N=6794). Wir schätzten für die Lehrkräfte und für die Berufstätigen in anderen sozialen Berufen gegenüber den übrigen berufstätigen GHS-TeilnehmerInnen (Referenzgruppe) das Relative Risiko für selbstberichtete HKE innerhalb des 5-Jahres-Follow-up-Zeitraums über Poisson-Regressionsmodelle unter Einbeziehung verschiedener Confounder-Sets.

Ergebnisse: Es zeigen sich für Lehrkräfte im Vergleich zu den Berufstätigen in anderen sozialen und nicht sozialen Berufen keine deutlichen Unterschiede in der Prävalenz selbstberichteter HKE zu Baseline. Für einzelne Risikofaktoren lassen sich Unterschiede feststellen, allerdings sind diese aufgrund des Problems des multiplen Testens mit gewisser Vorsicht zu interpretieren. Hinsichtlich inzidenter selbstberichteter HKE im 5-Jahres-Follow-up-Zeitraum zeigt sich für Lehrkräfte im Vergleich zur Referenzgruppe ein nicht signifikant verringertes Risiko (RR 0,37; 95% KI: 0,09-1,51).

Fazit: Das sich andeutende geringere HKE-Risiko bei Lehrkräften könnte in ihrem teilweise positiveren Gesundheitsverhalten begründet sein. Unklar ist, in welchem Ausmaß dies auf die eigentliche Berufstätigkeit als Lehrkraft oder auf allgemeine sozioökonomische Aspekte wie den Bildungsstand zurückzuführen ist. Die Validierung der Ergebnisse anhand klinisch bestätigter Erkrankungsereignisse (z.B. Herzinfarkte) steht noch aus.
Frau Merle Riechmann-Wolf
Wenn Lehrkräfte ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen können – Gesundheitszustand und gesundheitliche Beschwerden (Elisabeth Wischlitzki, Wolfgang Fischmann, Hans Drexler)
Einleitung
Im Rahmen der Lehrergesundheit wurden gesundheitliche Beschwerden bereits beleuchtet. Schlüssig ist jedoch bisher nicht, welche Rolle Selbstkonzepte der Lehrkräfte im Detail spielen. Ziel dieser Forschung ist daher, den Gesundheitszustand sowie gesundheitliche Beschwerden im Hinblick auf die Aussage, den eigenen Ansprüchen genügen zu können, zu untersuchen.
Methoden
In 13 Schulen wurde im Zuge einer GB-Psych eine schriftliche Fragebogenerhebung durchgeführt. Es wurden dabei Belastungen, Beanspruchung und der Gesundheitszustand erhoben.
Das Item „Können Sie den eigenen Ansprüchen an Ihre Arbeit unter den gegebenen Bedingungen genügen?“ wurde 4-stufig abgefragt: immer, meistens, selten, nie. Zur Auswertung der Daten erfolgte eine Dichotomisierung. Chi² Tests wurden mit 45 Items zu Soziodemographie, Belastung, Beanspruchung und dem Gesundheitszustand durchgeführt.
Ergebnisse
Die Stichprobe umfasst n=359 Lehrkräfte (Rücklauf 45%). Ein Viertel der Befragten kann selten oder nie seinen eigenen Ansprüchen genügen. Dabei zeigen sich keine signifikanten Unterschiede bzgl. soziodemographischer Merkmale. Es wird jedoch deutlich, dass ein schlechterer Gesundheitszustand (p<0,001), häufigeres Auftreten körperlicher und psychischer Beschwerden (z.B. Schlafstörungen p<0,001) sowie ein höheres Maß an emotionaler Erschöpfung (p<0,001) mit der Einschätzung einhergehen, den eigenen Ansprüchen nicht genügen zu können. Bzgl. der Arbeitsbedingungen stufen diese Lehrkräfte die pädagogisch-didaktischen Anforderungen sowie Anforderungen im Rahmen der Vermittlung von Sozialkompetenzen seltener als „gerade richtig“ ein (je p<0,001).
Diskussion
Komplexe Ursache-Wirkungs-Beziehungen müssen hier diskutiert werden, da die Einflussgrößen sich wechselseitig bedingen. So kommen sowohl das Selbstkonzept der Lehrkräfte, als auch die Arbeitsbedingungen oder der vorherrschende Gesundheitszustand jeweils als Auslöser und als Mediator in Betracht.
Schlussfolgerung
Den eigenen Ansprüchen nicht genügen zu können, geht mit einer schlechteren gesundheitlichen Situation der Betroffenen einher. Weitere Forschung zu Zusammenhängen ist notwendig, um Auswirkungen von Selbstkonzepten der Lehrkräfte auf ihre gesundheitliche Situation sowie die Rolle der beruflichen Rahmenbedingungen einschätzen zu können.
Betriebsärzte und weitere Ansprechpartner für Lehrkräfte sowie Schulleitungen sollten dennoch sensibel für eine mögliche erhöhte Anspruchshaltung der Lehrkräfte sein und ggf. hierauf eingehen.
Frau Elisabeth Wischlitzki
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) an sächsischen Schulen (Guido Prodehl, Susann Mühlpfordt)
Zielsetzung: Seit 2007 gibt es mit der Dienstvereinbarung zwischen Sächsischen Staatsministerium für Kultus (SMK) und dem Lehrerhauptpersonalrat am SMK unter Beteiligung der Hauptschwerbehindertenvertretung am SMK eine verbindliche und praktikable Regelung zur Umsetzung des BGM nach § 167, Absatz 2, SGB IX an den Schulen in Sachsen. Bei der Entwicklung des Vorgehens war das Zentrum für Arbeit und Gesundheit Sachsen GmbH maßgeblich mit beteiligt. Aktuell wird das BEM im Rahmen einer Ist-Analyse des bestehenden Betrieblichen Gesundheitsmanagements als eine der wesentlichen Säulen ebenfalls evaluiert.
Methoden: Es wird eine Sekundäranalyse der verfügbaren BEM-Statistik vorgenommen. Berücksichtigt werden Daten aus den Schuljahren 2012/13 bis 2018/19, sodass Entwicklungen aufgezeigt werden können. Entsprechend den Empfehlungen von Reuter und Prümper (2015) wird die Evaluation auf drei Ebenen vorgenommen: 1. Rahmenbedingungen, 2. individuelle und 3. betriebliche Ebene.
Ergebnisse: Von den mehr als 32.000 Lehrkräften waren in den letzten Jahren zirka 10 % BEM-berechtigt. Bei 14 % bis 17 % der BEM-Berechtigten wurde ein BEM-Verfahren eingeleitet, davon erfolgten etwa 10 % mit Beteiligung des Betriebsarztes. Schulartenbezogene Unterschiede sind erkennbar. Maßnahmen werden überwiegend aus dem internen schulorganisatorischen Bereich angeboten. Über 93 % der eingeleiteten BEM-Verfahren werden als wirksam in Bezug auf das Ziel, die Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen und zu erhalten, bewertet.
Schlussfolgerung: Das BEM-Vorgehen ist grundsätzlich als praktikabel und wirksam einzustufen. Zu untersuchen ist, ob die Anzahl der eingeleiteten BEM-Verfahren dem tatsächlichen Bedarf entspricht oder gegebenenfalls Lücken in der Umsetzung bestehen. Zu prüfen ist des Weiteren, inwiefern BEM-Verantwortliche dabei unterstützt werden müssen, weitere Maßnahmen, die über die internen schulorganisatorischen Möglichkeiten hinaus gehen, umzusetzen. Die Evaluation liefert eine Basis, um Bilanz zu ziehen und den BEM-Ablauf weiter zu verbessern.
Herr Guido Prodehl
ZAGS-Zentrum für Arbeit und Gesundheit Sachsen GmbH
Quantitative Analyse häufiger Fragestellungen im Setting Arbeitsschutz an Schulen unter besonderer Berücksichtigung des Mutterschutzes (Anna Wolfschmidt, Uta Ochmann, Dennis Nowak, Hans Drexler)
Einleitung
In einem gemeinsamen Forschungsprojekt beraten die arbeitsmedizinischen Institute der FAU Erlangen-Nürnberg und der LMU München seit 2013 Schulleitungen und schwangere Lehrerinnen und Verwaltungsangestellte. Ziel dieser Arbeit ist es, eine strukturierte Übersicht über dabei aufgekommene Fragestellungen zu bieten.
Methoden
Das Forschungsprojekt sieht primär eine Kontaktaufnahme über Kontaktformulare auf der Projekthomepage vor; Kontakt per Telefon oder E-Mail ist ebenfalls möglich. Berücksichtigt wurden alle Kontaktformulare, Anrufe und E-Mail-Anfragen, die zwischen dem 01.01.2018 und dem 27.08.2019 bei den Instituten eingingen. Eine vorläufige quantitative Auswertung spezieller Fragestellungen erfolgte für das nordbayerische Teilkollektiv (Ober-, Mittel- und Unterfranken und Oberpfalz).
Ergebnisse
Insgesamt erreichten uns n=1426 Kontaktformulare, Anrufe und E-Mail-Anfragen. 86% stammten von Schwangeren, 11% von Schulleitungen, 4% von sonstigen Fragestellern. In 85% der Fälle wurde der primär vorgesehene Weg über Kontaktformulare auf der Projekthomepage gewählt, in 10% der Kontakt per Telefon und in 4% der Kontakt per E-Mail.
In der vorläufigen Auswertung spezieller Fragestellungen des nordbayerischen Teilkollektivs verzeichneten wir n=252 Fragestellungen, die nicht die primär vorgesehene Bitte um Beurteilung der individuellen beruflichen Infektionsgefährdung einer schwangeren Lehrkraft oder Verwaltungsangestellten zum Inhalt hatten. 29% dieser Fragen stammten von Schulleitungen, 55% von Schwangeren, 6% von sonstigen Lehrkräften, 2% von Gynäkologen und 4% von Behörden. Thematisch ließ sich die Mehrzahl der Fragestellungen (80%) dem Überbegriff Gefährdungsbeurteilung zuordnen. Weitere häufige Themen waren Homepage, Impfungen und Beschäftigungsverbote.
Diskussion
Die Kontaktaufnahme im Rahmen des Projekts setzt die Kenntnis von dessen Existenz voraus, auf Seiten der Schulleitungen zudem die Kenntnis der eigenen Pflichten im Arbeitsschutz. Es muss daher diskutiert werden, inwiefern die Ergebnisse als repräsentativ für das Setting Arbeitsschutz an Schulen gelten können, da anzunehmen ist, dass nicht alle Schulen trotz mehrfacher Information über das Forschungsprojekt von der Beratungsmöglichkeit Gebrauch gemacht haben.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass im Bereich Arbeitsschutz und insbesondere Mutterschutz an Schulen weiterhin großer Informationsbedarf auf Seiten der Schulen und zum Teil auch auf Seiten von Gynäkologen und Behörden besteht.
Frau Dr. Anna Wolfschmidt
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin FAU Erlangen-Nürnberg
Freitag
04 Sep
13:30 - 15:15
Vorträge
Leitmerkmalmethode
Raum: Hörsaal 4
Vorsitz: Benjamin Steinhilber und Stephan Weiler
Entwicklung und Validierung neuer Leitmerkmalmethoden (André Klußmann, Falk Liebers, Marianne Schust, Felix Brandstädt, Bernd Hartmann, Patrick Serafin, Andreas Schäfer, Hansjürgen Gebhardt)
Die Gefährdungsbeurteilung ist ein Basiselement der Prävention. Ziel des Gemeinschaftsprojektes MEGAPHYS (BAuA, 2019) war die Entwicklung eines validen abgestimmten Methodeninventars für die betriebliche Gefährdungsbeurteilung bei physischen Belastungen. Mit den Screeningmethoden sollten sechs definierte Belastungsarten bewertet werden: manuelles Heben, Halten und Tragen (HHT) sowie Ziehen und Schieben von Lasten (ZS), manuelle Arbeitsprozesse (MA), Ganzkörperkräfte (GK), Körperzwangshaltungen (KH) und Körperfortbewegungen (KB).
Aufbauend auf drei praxisbewährten Leitmerkmalmethoden (Jürgens et al., 2001; Jürgens et al., 2002; Steinberg et al., 2012) wurden Screeningmethoden für die Gefährdungsbeurteilung und Arbeitsgestaltung zu den o.g. sechs Belastungsarten iterativ weiter- und neuentwickelt sowie validiert. Grundlage hierzu bildete u.a. das Validierungskonzept zur LMM-MA (Klussmann et al., 2017a). Betrachtet wurden u.a. Kriteriumsvalidität, Konvergenzvalidität, Objektivität sowie Inter- und Intra-Rater Reliabilität.
Ein Studienprotokoll (Klussmann et al., 2017b) wurde erstellt und folgende Datengrundlagen für die Methodenentwicklung und -validierung gebildet:
  • eine ausführliche Recherche bestehender Methoden
    • > 120 Methoden wurden analysiert
  • eine betriebsepidemiologische Querschnittsstudie mit interner Kontrollgruppe
    • > 190 Arbeitssysteme wurden analysiert und dokumentiert
    • > 800 Beschäftigte wurden interviewt und körperlich untersucht
  • eine Anwendungserprobung der Methoden-Vorentwürfe im Feld
    • > 200 betriebliche Akteure in 40 Betrieben wurden einbezogen
    • > 600 Bewertungen mit den Methodenentwürfen wurden durchgeführt
  • eine standardisierte Expertenbefragung zur Abschätzung der Relevanz der Belastungsarten
    • für rund 300 Berufsgruppen wurde die Relevanz ermittelt
  • die Erstellung einer Datenbank zu phys. Belastungen von Tätigkeiten/Berufen
    • rund 1.700 Datensätze zu phys. Belastungen von Tätigkeiten/Berufen
  • eine Anwendungserprobung der Methodenentwürfe
    • 85 potenzielle Anwender der Methoden
    • > 1.600 Tätigkeitsbewertungen
  • Konvergenzberechnungen für ausgewählte Belastungsarten HHT und MA
    • > 470 Vergleichsberechnungen mit Konvergenzmethoden
Die nun vorliegenden sechs Methodenentwürfe für die o.g. Belastungsarten haben die umfangreiche Prüfung der Gütekriterien durchlaufen und werden zur Anwendung und Testung in der Praxis empfohlen. Die Methoden und einzelne Validierungsergebnisse werden in Einzelbeiträgen vorgestellt.
Herr Prof. Dr.-Ing. André Klußmann M.Sc., Eur.Erg.
Institut für Arbeitsmedizin, Sicherheitstechnik und Ergonomie e.V. - ASER, Wuppertal
Die neue Leitmerkmalmethode "Ganzkörperkräfte" (LMM-GK): Darstellung der Methode und Ergebnisse der Methodentestung (André Klußmann, Falk Liebers, Marianne Schust, Felix Brandstädt, Bernd Hartmann, Patrick Serafin, Andreas Schäfer, Hansjürgen Gebhardt)
Einleitung: Im Rahmen des Projektes MEGAPHYS wurde die LMM „Ganzkörperkräfte“ (LMM-GK) für die Gefährdungsbeurteilung neu entwickelt (BAuA, 2019).Die LMM „Ganzkörperkräfte“ wird einschließlich der Ergebnisse zur Prüfung der Objektivität, der Intra- und Inter-Rater-Reliabilität sowie der Kriteriumsvalidität beschrieben.
Methoden: Kriteriumsvalidität: Validiert wurde die mit Hilfe der LMM vorgenommene Zuordnung der Arbeitsplätze zu einer von vier Risikokategorien (RK): RK0/1 – kein oder geringes Risiko (Referenz), RK2 - erhöhtes Risiko, RK3 – wesentlich erhöhtes Risiko und RK4 – hohes Risiko. Objektivität und Inter- und Intra-Rater-Reliabilität: In einem Workshop bewerteten Anwender ausgewählte, per Video demonstrierte Tätigkeiten und beantworteten Fragen zur Anwendbarkeit der LMM-GK. Die so erhobenen Daten dienten als Grundlage für die Prüfung der Gütekriterien. Weiteres zur Methodik und Methoden: siehe Beschreibungen im ersten Abstract oben sowie im Studienprotokoll (Klussmann et al., 2017).
Ergebnisse: Kriteriumsvalidität: In der Feldstudie konnte die LMM-GK für 172 Arbeitsplätze (AP) mit insgesamt 702 Beschäftigten angewendet werden. Die AP teilten sich wie folgt auf die Risikokategorien (RK) auf: 126 AP in RK0/1, 17 AP in RK2, 4 AP in RK3 und 25 AP in RK4. Eine signifikante Erhöhung der 4-Wochen-Prävalenz für Beschwerden in der Hüftregion im Zusammenhang mit dem bewerteten Risiko mit der LMM-GK konnte nachgewiesen werden: RK0/1: Ref., Prävalenz 3.1% [1.2%-8.3%]; RK2: PR 0,28 (0,02-3.71), RK3: NA aufgrund kleiner Stichprobengröße, RK4: PR 3.06 (1.27-7.35). Objektivität: In 64 der 96 Fälle bewerteten die Workshop-Teilnehmer die Tätigkeiten in Übereinstimmung mit einer konsensbasierten Bewertung von Experten (67%) (ĸ: 0,622 [0,499-0,745], p<.001). Inter-Rater-Reliabilität: In 78 der 96 Fälle stimmte die Bewertung der Teilnehmer mit der durchschnittlichen Bewertung aller Teilnehmer überein (81%) (ICC: 0,782 [0,593-0,922], p<.001). Intra-Rater-Reliabilität: In 65 der 96 Fälle waren die Bewertungen der Teilnehmer beim Wiederholungs-Workshop identisch mit der ersten Bewertung (ICC: 0,665 (0,532-0,766), p<.001).
Diskussion: Die Qualität der LMM-GK nach den getesteten Kriterien ist gut bis befriedigend. Die Limitierungen der untersuchten Studienpopulation und Belastungshöhe in der Feldstudie sind zu diskutieren. Die Methode wird zur Anwendung in der Praxis empfohlen. Die Rückmeldungen werden zu weiteren Entwicklungen und Verbesserungen führen.
Herr Prof. Dr.-Ing. André Klußmann M.Sc., Eur.Erg.
Institut für Arbeitsmedizin, Sicherheitstechnik und Ergonomie e.V. - ASER, Wuppertal
Die neue Leitmerkmalmethode "Manuelle Arbeitsprozesse" (LMM-MA): Darstellung der Methode und Ergebnisse der Methodentestung (Falk Liebers, Marianne Schust, Bernd Hartmann, Patrick Serafin, Andreas Schäfer, Hansjürgen Gebhardt, Felix Brandstädt, André Klußmann)
Einleitung und Zielsetzung: Valide Gefährdungsbeurteilungen sind ein Basiselement der Primärprävention. Anliegen dieses Betrages ist es, den methodischen Ansatz der Feldstudie im Projekt MEGAPHYS (BAuA, 2019) zur Bestimmung der Kriteriumsvalidität der Leitmerkmalmethoden in der Version 2017 am Beispiel der Leitmerkmalmethode Manuelle Arbeitsprozesse (LMM-MA) darzustellen. Als Kriteriumsvalidität wird der Nachweis des Zusammenhangs zwischen dem mit den LMM abgeschätzten Risiko für das Auftreten adverser Gesundheitseffekte und der tatsächlichen Prävalenz an spezifischen Symptomen und Erkrankungen angesehen.
Methode: Durchgeführt wurde eine Feldstudie. Eingeschlossen wurden 192 Arbeitsplätze mit verschiedenen Arten und Intensitäten physischer Belastungen. 808 hier Beschäftigte wurden zu Beschwerden befragt und hinsichtlich Erkrankungen im Muskel-Skelett-System ärztlich untersucht. Validiert wurde die mit Hilfe der LMM vorgenommene Zuordnung der Arbeitsplätze zu einer von vier Risikokategorien (RK): RK0/1 – kein oder geringes Risiko (Referenz), RK2 - erhöhtes Risiko, RK3 – wesentlich erhöhtes Risiko und RK4 – hohes Risiko. Als Zielparameter werden zwischen den vier Risikokategorien der LMM-MA Unterschiede in der Prävalenz von Beschwerden in den Ellenbogen sowie klinische Hinweise einer Epicondylitis dargestellt. Effektschätzer sind adjustierte Prävalenzratios (PR) auf Grundlage robuster log-lineare Poisson-Regressionsmodelle.
Ergebnisse: Insgesamt 808 Beschäftigte (Alter: 41,1[11.4]; 15,5 % Frauen) konnten an 192 Arbeitsplätzen (AP) rekrutiert werden. Die LMM-MA wurde an 151 Arbeitsplätzen angewendet (61 in RK0/1, 10 in RK2, 50 in RK3 und 30 in RK4). Dies entspricht 598 Beschäftigten. Die rohe 4-Wochen-Prävalenz an Beschwerden im Bereich der Ellenbogen/Unterarme lag bei 9,3% in RK0/1, 9,5% in RK2, 11,2% in RK3 und 21,7% in RK4. Dies entspricht einem Risikoanstieg (als PR) im volladjustierten Modell von 1,12 (0,54–2,29) in RK2 über ein PR 1,02 (0,55–1,92) in RK3 auf 2,17 (1,26–3,75) in RK 4. Ähnlich konnte dies auch für Beschwerden im Bereich der Hand/Handgelenke und für Erkrankungen im Bereich der Hände/Unterarme (z.B. Epicondylitis) gezeigt werden.
Diskussion: Die Validität der überarbeiteten Version der LMM-MA ist in Bezug auf das abgeschätzte Risiko für das Auftreten adverser Gesundheitseffekte als gut zu bewerten.
Herr Dr. med. Falk Liebers MSc.
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Studium Humanmedizin an der Humboldt-Universität zu Berlin (Charité) 1985-1991 Facharztausbildung und Promotion am Institut für Arbeitsmedizin der Charité (1991-1996) Facharzt für Arbeitsmedizin in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Berlin seit 1996 Master of Science in Epidemiology an der Berlin School of Public Health (Charité) 2015
Die neue Leitmerkmalmethode "Körperzwangshaltung" (LMM-KH): Darstellung der Methode und Ergebnisse der Methodentestung (Bernd Hartmann, Patrick Serafin, André Klußmann, Andreas Schäfer, Hansjürgen Gebhardt, Falk Liebers, Felix Brandstaedt, Marianne Schust)
Einleitung: Im Rahmen des Projektes MEGAPHYS wurde die LMM „Körperzwangshaltung“ (LMM-KH) für die Gefährdungsbeurteilung neu entwickelt (BAuA, 2019). Die LMM-KH wird einschließlich der Ergebnisse der Validitätsprüfung beschrieben.
Methoden: Auf Grund von Literaturrecherchen vorhandener Beurteilungsmethoden und des wissenschaftlichen Kenntnisstandes wurde die neue LMM-KH entwickelt und schrittweise erprobt. In einer Feldstudie wurden unterschiedliche Arbeitsplätze analysiert. Objektivität, Inter- und Intra-Rater-Reliabilität wurden in Workshops betrachtet. Anwender bewerteten ausgewählte per Video demonstrierte Tätigkeiten und beantworteten Fragen zur Anwendbarkeit. Die erhobenen Daten dienten als Grundlage für die Prüfung der Gütekriterien.
Ergebnisse: Die Methode ermittelt die Zeitanteile definierter belastender Körperhaltungen separat für den Rücken (stehend, aufrecht sitzend, vorgebeugt), die oberen Extremitäten (Arme erhoben, Hände, unter bzw. über Schulterhöhe) und die unteren Extremitäten (Knien, Hocken, langdauerndes Stehen). Sie werden durch besondere Ausführungsbedingungen ergänzt. Punktwerte des Risikos entstehen für jede Körperregion gesondert. Die ungünstigste Bewertung bestimmt die Beurteilung des ganzen Arbeitsplatzes. Objektivität: In 65 der 70 Fälle bewerteten die Workshop-Teilnehmer die Tätigkeiten in Übereinstimmung mit einer konsensbasierten Bewertung von Experten (93%) (ĸ: 0,883, p<.001). Inter-Rater-Reliabilität: In 68 der 70 Fälle stimmte die Bewertung der Teilnehmer mit der durchschnittlichen Bewertung aller Teilnehmer überein (97%) (ICC: 0,931, p<.001). Intra-Rater-Reliabilität: In 67 der 70 Fälle waren die Bewertungen der Teilnehmer beim Wiederholungs-Workshop identisch mit der Erstbewertung (ICC: 0,946, p<.001). Konvergenzvalidität: Die Übereinstimmung mit anderen Beurteilungsverfahren (OWAS, REBA, LUBA, PATH, ISO 11226) wurde exemplarisch geprüft, da die Vergleichsverfahren nicht die Dauer sowie alle Körperregionen einbeziehen.
Diskussion: Die LMM-KH steht zur Anwendung in der Gefährdungsbeurteilung bei Körperzwangshaltungen zu Verfügung. Limitierungen der untersuchten Studienpopulation und Belastungshöhe in der Feldstudie sind zu diskutieren. Sie sollte in weiteren Einsatzbereichen typischer Tätigkeiten (z.B. Instandhalter, Betonbauer, Pflegekräfte, Maler, Installateure, Boden-, Fliesen- oder Estrichleger, Flugzeugabfertiger) erprobt werden. Die Rückmeldungen werden zu weiteren Entwicklungen und Verbesserungen führen.
Herr Prof. Dr. med. Bernd Hartmann
ArbMedErgo Beratung
Die neue Leitmerkmalmethode "Manuelles Ziehen und Schieben von Lasten" (LMM-ZS): Darstellung der Methode und Ergebnisse der Methodentestung (Marianne Schust, Patrick Serafin, André Klußmann, Andreas Schäfer, Hansjürgen Gebhardt, Falk Liebers, Bernd Hartmann, Felix Brandstädt)
Einleitung: Im Rahmen des Projektes MEGAPHYS wurde die LMM-ZS für die Gefährdungsbeurteilung bei physischer Belastung durch Ziehen und Schieben weiterentwickelt. Die LMM wird einschließlich der Ergebnisse zur Prüfung der Objektivität, Intra- und Inter-Rater-Reliabilität sowie der Kriteriumsvalidität beschrieben.
Methoden: In einer Feldstudie wurden unterschiedliche Arbeitsplätze analysiert und die dort beschäftigten interviewt und medizinisch untersucht. Die Punktwerte nach LMM-ZS wurden berechnet und die Risikokategorien bestimmt. In zwei Workshops (WS1 und WS2) bewerteten Anwender ausgewählte, per Video demonstrierte Tätigkeiten und beantworteten Fragen zur Anwendbarkeit der LMM-ZS. Die so erhobenen Daten dienten als Grundlage für die Prüfung der Gütekriterien.
Ergebnisse: Kriteriumsvalidität: In der Feldstudie konnte die LMM-ZS für 173 Arbeitsplätze (AP) mit insgesamt 710 Beschäftigten angewendet werden. Die AP teilten sich wie folgt auf die Risikokategorien (RK) auf: 110 AP in RK0/1, 38 AP in RK2, 20 AP in RK3 und 5 AP in RK4. Wegen des geringen Stichprobenumfangs konnte RK4 in den Auswertungen zur Kriteriumsvalidität nicht berücksichtigt werden. Im Vergleich zur Referenzkategorie RK0/1 zeigten sich in RK2 und RK3 Erhöhungen der Prävalenzratios (PR) für Beschwerden in den Schultern, im oberen und unteren Rücken sowie in den Knien. Für den unteren Rücken war der Effekt in RK3 signifikant: RK0/1 Ref., Prävalenz 24,2% [17,2%-34,0%]; RK2: PR 1,19 (0,83-1,70), RK3: PR 1,52 (1,13-2,04). Objektivität: Die Fragen zur Anwendbarkeit wurden auf einer Skala von 1 bis 5 im Durchschnitt mit 4,1 (gut) beantwortet (WS1 und WS2). Die folgenden Zahlen gelten für WS 2 (Bewertung von 78 Tätigkeiten). Die Ergebnisse für WS1 waren ähnlich. In 68 der 78 Fälle bewerteten die Workshop-Teilnehmer die Tätigkeiten in Übereinstimmung mit einer konsensbasierten Bewertung von Experten (ĸ: 0,850 [0,767-0,933], p<0,001). Inter-Rater-Reliabilität: In 70 der 78 Fälle stimmte die Bewertung der Teilnehmer mit der durchschnittlichen Bewertung aller Teilnehmer überein (ICC: 0,856 [0,728-0,945], p<0,001). Intra-Rater-Reliabilität: In 67 der 78 Fälle waren die Bewertungen der Teilnehmer beim Wiederholungs-Workshop identisch mit der ersten Bewertung (ICC: 0,866 [0,775-0,918], p<0,001).
Diskussion: In Bezug auf die geprüften Gütekriterien ist die Qualität der LMM-ZS als ausreichend bis sehr gut einzuschätzen. Die Limitierungen der untersuchten Studienpopulation und Belastungshöhe in der Feldstudie sind zu diskutieren. Die Methode wird zur Anwendung in der Praxis empfohlen. Die Anwenderrückmeldungen werden in die kontinuierliche Weiterentwicklung der Methode einfließen.
Frau Dr. Marianne Schust
Die neue Leitmerkmalmethode "Manuelles Heben, Halten und Tragen von Lasten" (LMM-HHT): Darstellung der Methode und Ergebnisse der Methodentestung (Patrick Serafin, André Klußmann, Falk Liebers, Marianne Schust, Felix Brandstädt, Bernd Hartmann, Andreas Schäfer, Hansjürgen Gebhardt)
Einleitung: Im Projekt MEGAPHYS wurde die LMM-HHT für die Gefährdungsbeurteilung physischer Belastungen durch das Heben, Halten und Tragen weiterentwickelt (BAuA, 2019). Es werden die Methode „LMM-HHT“ einschließlich der Ergebnisse zur Prüfung ihrer Objektivität, Intra- und Inter-Rater-Validität und Reliabilität sowie der Kriteriumsvalidität beschrieben.
Methoden: Kriteriumsvalidität: Validiert wurde die mit Hilfe der LMM vorgenommene Zuordnung der Arbeitsplätze zu einer von vier Risikokategorien (RK): RK0/1 – kein oder geringes Risiko (Referenz), RK2 - erhöhtes Risiko, RK3 – wesentlich erhöhtes Risiko und RK4 – hohes Risiko. Objektivität und Inter- und Intra-Rater-Reliabilität: In einem Workshop bewerteten Anwender ausgewählte, per Video demonstrierte Tätigkeiten und beantworteten Fragen zur Anwendbarkeit der LMM-HHT. Die erhobenen Daten dienten als Grundlage für die Prüfung der Gütekriterien. Weiteres zur Methodik und Methoden: siehe Beschreibungen im ersten Abstract sowie im Studienprotokoll (Klussmann et al., 2017).
Ergebnisse: Kriteriumsvalidität: In der Feldstudie konnte die LMM-HHT für 173 Arbeitsplätze (AP) mit insgesamt 710 Beschäftigten angewendet werden. Die AP teilten sich wie folgt auf die Risikokategorien (RK) auf: 59 AP in RK 0/1, 27 AP in RK2, 39 AP in RK3 und 48 AP in RK4. Eine signifikante Erhöhung der 4-Wochen-Prävalenz für Beschwerden im oberen Rücken im Zusammenhang mit dem bewerteten Risiko mit der LMM-HHT konnte nachgewiesen werden: RK0/1: Ref., Prävalenz 6,0% [2,9%-12,2%]; RK2: Prävalenz-Ratio (PR) 1,51 (0,76-2,99), RK3: PR 1,92 (0,95-3,88), RK4: PR 2,66 (1,32-5,32). Objektivität: In 90 der 98 Fälle bewerteten die Workshop-Teilnehmer die Tätigkeiten in Übereinstimmung mit einer konsensbasierten Bewertung von Experten (92%) (ĸ: 0,879 (0,804-0,944), p<.001). Inter-Rater-Reliabilität: In 90 der 98 Fälle stimmte die Bewertung der Teilnehmer mit der durchschnittlichen Bewertung aller Teilnehmer überein (92%) (ICC: 0,880 [0,776-0,952], p<.001). Intra-Rater-Reliabilität: In 90 der 95 Fälle waren die Bewertungen der Teilnehmer beim Wiederholungs-Workshop identisch mit der ersten Bewertung (ICC: 0,941 [0,913-0,960], p<.001).
Diskussion: Die Qualität der LMM-HHT nach den getesteten Kriterien ist gut bis befriedigend. Limitierungen der Studienpopulation und Belastungshöhe in der Feldstudie sind zu diskutieren. Die Methode wird zur Anwendung in der Praxis empfohlen. Die Rückmeldungen werden zu weiteren Entwicklungen und Verbesserungen führen.
Herr Patrick Serafin
Institut für Arbeitsmedizin, Sicherheitstechnik und Ergonomie e.V. (ASER)
Die neue Leitmerkmalmethode "Körperfortbewegung" (LMM-KB): Darstellung der Methode und Ergebnisse der Methodentestung (Hansjürgen Gebhardt, André Klußmann, Falk Liebers, Marianne Schust, Felix Brandstädt, Bernd Hartmann, Patrick Serafin, Andreas Schäfer)
Einleitung: Im Rahmen des Projektes MEGAPHYS wurde die LMM „Körperfortbewegung“ (LMM-KB) für die Gefährdungsbeurteilung neu entwickelt (BAuA, 2019). Die LMM „Körperfortbewegung“ wird einschließlich der Ergebnisse zur Prüfung der Objektivität, der Intra- und Inter-Rater-Reliabilität sowie der Kriteriumsvalidität beschrieben.
Methoden: Kriteriumsvalidität: Validiert wurde die mit Hilfe der LMM vorgenommene Zuordnung der Arbeitsplätze zu einer von vier Risikokategorien (RK): RK0/1 – kein oder geringes Risiko (Referenz), RK2 - erhöhtes Risiko, RK3 – wesentlich erhöhtes Risiko und RK4 – hohes Risiko. Objektivität und Inter- und Intra-Rater-Reliabilität: In einem Workshop bewerteten Anwender ausgewählte, per Video demonstrierte Tätigkeiten und beantworteten Fragen zur Anwendbarkeit der LMM-KB. Die so erhobenen Daten dienten als Grundlage für die Prüfung der Gütekriterien. Weiteres zur Methodik und Methoden: siehe Beschreibungen im ersten Abstract oben sowie im Studienprotokoll (Klussmann et al., 2017).
Ergebnisse: Kriteriumsvalidität: In der Feldstudie konnte die LMM-KB für 173 Arbeitsplätze (AP) mit insgesamt 710 Beschäftigten angewendet werden. Die AP teilten sich wie folgt auf die Risikokategorien (RK) auf: 132 AP in RK0/1, 11 AP in RK2, 22 AP in RK3 und 8 AP in RK4. Eine signifikante Erhöhung der 4-Wochen-Prävalenz für Beschwerden in der Hüftregion im Zusammenhang mit dem bewerteten Risiko mit der LMM-KB konnte nachgewiesen werden: RK0/1: Ref., Prävalenz 3,1% [1,2%-8,3%]; RK2: Prävalenz-Ratio (PR) 0.23 (0.02-2.25), RK3: PR 2.38 (1.02-5.57), RK4: PR 1.51 (0.52-4.43). Objektivität: In 70 der 78 Fälle bewerteten die Workshop-Teilnehmer die Tätigkeiten in Übereinstimmung mit einer konsensbasierten Bewertung von Experten (90%) (ĸ: 0,886 [0,811-0,960], p<.001). Inter-Rater-Reliabilität: In 70 der 78 Fälle stimmte die Bewertung der Teilnehmer mit der durchschnittlichen Bewertung aller Teilnehmer überein (90%) (ICC: 0,883 [0,771-0,956], p<.001). Intra-Rater-Reliabilität: In 66 der 78 Fälle waren die Bewertungen der Teilnehmer beim Wiederholungs-Workshop identisch mit der ersten Bewertung (ICC: 0,887 [0,829-0,927], p<.001).
Diskussion: Die Qualität der LMM-KB nach den getesteten Kriterien ist gut bis befriedigend. Die Limitierungen der untersuchten Studienpopulation und Belastungshöhe in der Feldstudie sind zu diskutieren. Die Methode wird zur Anwendung in der Praxis empfohlen. Die Rückmeldungen werden zu weiteren Entwicklungen und Verbesserungen führen.
Herr Hansjürgen Gebhardt
Institut für Arbeitsmedizin, Sicherheitstechnik und Ergonomie e.V. (ASER)
Freitag
04 Sep
13:30 - 15:00
Vorträge
Betriebliches Gesundheitsmanagement
Raum: Hörsaal 5
Vorsitz: Horst Christoph Broding
Impact of an employer-provided migraine coaching program on burden and patient engagement: results from interim analysis (Leonhard Schaetz, Timo Rimner, Purnima Pathak, Juanzhi Fang, Jelena Mueller)
Objective: This study aimed to assess the impact of Migraine Care support program offered by a healthcare company as a complimentary service to medical care for its Swiss based employees and their family members living with migraine
Methods: Of 320 participants with a diagnosis or high probability of migraine who registered to the program till mid-June 2019, 120 enrolled into the study for retrospective analysis of their data collected in the program. All participants received personalized telecoaching by a specialized nurse for up to 6 months supported by an advanced version of the Migraine Buddy smartphone application. The study participants were evaluated through a series of questionnaires including Migraine Disability Assessment (MIDAS), Patient Activation Measure (PAM), and the more commonly used coaching lessons and implemented action plans.
Results: The interim results are presented for 70 participants who completed both baseline and 3-month follow-up assessment, of which 41 reached 6 months. The mean age (SD) at baseline were 38 (8) years with 67% females, 69% had a confirmed diagnosis of migraine, and 51% were not treated by physician despite 73% having MIDAS grade 2 or higher. The total mean (SD) MIDAS score improved from 15.2 (14.3) at baseline to 13.7 (16.9) (p=0.342) at 3 months and to 6.5 (8.1) (p=0.001) at 6 months. The mean (SD) PAM scores also improved from 63.7 (11.0) at baseline to 67.5 (11.6) (p=0.012) at 3 months and to 70.8 (12.1) (p=0.0009) at 6 months. The most used coaching lessons focused on progressive muscle relaxation (75.7%), sleep (57.1%), general disease understanding (50.0%), stress (45.7%) and diet (38.6%). Similarly, the top action plans concentrated on drinking enough (80.0%), sleep (78.6%), diet (52.9%), and daily routine (52.9%), and sports (41.4%).
Conclusion: The study results demonstrate that employer-initiated educational and counseling support can significantly decrease migraine-related disability and promote disease self-management among employees.
Herr Leonhard Schaetz
Novartis Pharma AG
Einstellungen zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) bei Führungskräften in Unternehmen im Landkreis Reutlingen (Achim Siegel, Aileen Hoge, Anna Ehmann, Monika A. Rieger)
Hintergrund und Zielsetzung
Wichtige Elemente des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) sind in vielen Unternehmen nur unzureichend implementiert; in Klein- und Kleinstunternehmen fehlen oft sogar gesetzlich vorgeschriebene Maßnahmen. Kaum bekannt ist, welche Einstellungen Geschäftsführer und andere Führungskräfte zum BGM haben und wie verbreitet die Einstellungen sind. Um Aufschluss darüber zu erhalten, führten die Autoren im Jahr 2017 eine flächendeckende Befragung in Betrieben im Landkreis Reutlingen durch.

Methoden
Ein standardisierter Fragebogen wurde an 903 im Landkreis Reutlingen ansässige Unternehmen verschickt, die zum Befragungszeitpunkt mindestens 10 (Handwerksbetriebe) bzw. 20 Beschäftigte (andere Betriebe) hatten. Die Unternehmensvertreter konnten den ausgefüllten Fragebogen anonym und portofrei an das auswertende Institut senden. Der Fragebogen enthielt u.a. 26 Aussagen, die mögliche Einstellungen von Führungskräften zu verschiedenen Aspekten des BGM widerspiegeln sollten; diesen Aussagen konnten die Befragten auf Basis einer 4-stufigen Likert-Skala mehr oder weniger stark zustimmen. In einer explorativen Faktorenanalyse sollten die 27 Items wenigen Faktoren („Haltungen“) zugeordnet werden. Für diese Faktoren sollten dann Scores gebildet werden, die die Stärke der Zustimmung der Befragten zu den Faktoren abbilden.

Ergebnisse
Insgesamt konnten 222 Fragebögen ausgewertet werden. 53% der Antwortenden waren Geschäftsführer des jeweiligen Unternehmens, weitere 35% in der Personalabteilung tätig. 57% der Antwortenden stammten aus Kleinunternehmen (10 - 50 Beschäftigte), weitere 31% aus Unternehmen mit 51 - 200 Beschäftigten. Aus der explorativen Faktorenanalyse resultierten sechs Faktoren, die jeweils eine bestimmte Haltung widerspiegelten: 1) positive Sicht auf allgemeine Gesundheitsvorsorgeangebote im Betrieb, 2) BGM schafft einen Mehrwert für Betriebe, 3) allgemeine BGM-Skepsis, 4) BGM als ideales Setting für Gesundheitsförderung, 5) positive Sicht auf Arbeitsschutz und 6) positive Sicht auf kleinere medizinische Kontrollen durch den Betriebsarzt. Für Faktor 5) resultierte die im Mittel höchste Zustimmung (7,9 von maximal 10 Punkten), für Faktor 2) die zweithöchste (6,1 Punkte), für Faktor 3) die dritthöchste (5,0 Punkte) und für Faktor 1) die geringste Zustimmung (3,3 Punkte).

Schlussfolgerungen
Die Zustimmungswerte für die sechs Faktoren/Haltungen zeigen insgesamt ein heterogenes Bild. Allein der klassische Arbeitsschutz scheint unstrittig.
Herr Dr. MPH Achim Siegel
Unterstützung des BGM in KMU durch Netzwerke innerhalb eines Forschungsprojekts – Evaluation des Projekts RegioKMUnet (Amanda Voss, Wolfgang Fischmann, Regina Lösch, Katja Böhm, Elisabeth Wischlitzki, Nadja Amler, Hans Drexler)
Bei der Umsetzung eines umfassenden und ganzheitlichen betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) haben kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) nach wie vor Schwierigkeiten, da es ihnen im Vergleich zur Großindustrie an personellen und finanziellen Ressourcen mangelt. Gleichzeitig schließen sich gerade KMU häufig in Verbänden und Netzwerken zusammen, um mögliche Nachteile durch kleine Unternehmensgrößen auszugleichen.
Im Rahmen eines Forschungsprojekts wurden daher in Nordbayern zwei Unternehmensnetzwerke aus je 6 KMU gebildet, in denen unter anderem gemeinsame Herausforderungen beim Etablieren eines nachhaltigen BGM bearbeitet wurden. Dabei stellte sich die Frage, ob und wie weit sich der Aufbau eines BGM im Rahmen eines Forschungsprojekts vorantreiben lässt und ob eine Vernetzung der Unternehmen dabei hilfreich ist.
Während des Projekts wurden im Jahr 2016 mit den Beschäftigten fragebogenbasierte Gefährdungbeurteilungen psychischer Belastungen durchgeführt, daraufhin Maßnahmen abgeleitet und umgesetzt. Im Jahr 2018 fand eine weitere Befragung der Beschäftigten statt. Parallel kamen die teilnehmenden Unternehmen alle 3 Monate zu Netzwerktreffen zusammen. Am Ende der Projektlaufzeit wurden zur Projektevaluation schriftliche Interviews mit den 12 Geschäftsführern der KMU bzw. deren Vertretern für das BGM geführt und ausgewertet.
Hinsichtlich der Projektteilnahme wurde als Hauptgrund die Vernetzung mit weiteren KMU genannt. Weiterhin wurde die Teilnahme am Projekt einstimmig als die richtige Entscheidung angegeben, was sich auch daran zeigt, dass das Netzwerk nach wie vor besteht.
Innerhalb der Unternehmen geben 6 Unternehmensvertreter an, dass ohne die Projektteilnahme keine Gefährdung psychischer Belastungen durchgeführt worden wäre. Insgesamt konnte das Bewusstsein für das Thema Psyche und BGM allgemein erhöht werden und die Befragten gaben überwiegend an, dass sie ein BGM implementieren oder vorantreiben konnten und dies auch weiterhin tun werden. Dies spiegelt sich auch in den Angaben der Beschäftigten wider, von denen in der zweiten Befragung 43 % angaben, in den vergangenen 2 Jahren eine Verbesserung der Gesundheitskultur im Betrieb festgestellt zu haben.
Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl Netzwerke als auch Forschungsprojekte für KMU sinnvoll sein können, um neue Themen wie das BGM oder die Gefährdungsbeurteilung Psychischer Belastungen zu etablieren.
Frau Amanda Voss
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Betriebliche Gesundheitsförderung, Betriebliches Gesundheitsmanagement und Netzwerkarbeit in Kleinst-, kleinen und mittelständischen Unternehmen – Ergebnisse einer Befragung im Rahmen des Modellprojekts „Gesund arbeiten in Thüringen“ (Regina Lösch, Wolfgang Fischmann, Nadja Amler, Anna-Lena Frassek, Amanda Voss, Sabine Sedlaczek, Christine Quittkat, Stephan Letzel, Hans Drexler)
Hintergrund
In den letzten Jahren ist die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) und das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) zunehmend auch in den Fokus von Kleinst-, kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KKMU) gerückt. Allerdings mangelt es an flächendeckenden Konzepten zur praktischen Umsetzung. Um diesem Mangel entgegenzuwirken und den Arbeits- und Gesundheitsschutz zu stärken, wurden im Rahmen des Modellvorhabens „Gesund arbeiten in Thüringen (GAIT)“ 3 Unternehmens-Netzwerke gegründet. Diese bestehen aus 32 Kleinst-, kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KKMU) verschiedener Branchen.

Methode
Die vorliegende Studie stellt die Ergebnisse einer leitfadengestützten, telefonischen Befragung von 32 Geschäftsführern, Personalverantwortlichen bzw. leitenden Angestellten vor. Ziel der Befragung war es, einen umfassenden Überblick zu den Themen Bedarf, Angebot, Evaluation und Herausforderungen im BGF/BGM sowie zur Beurteilung psychischer Belastungen innerhalb der Netzwerke zu erhalten. Darüber hinaus wurden den Teilnehmern gezielte Fragen bezüglich Ihrer Netzwerkteilnahme gestellt. Die Dokumentation der Antworten erfolgte als Protokoll während des jeweiligen Gespräches. Anschließend wurden die Daten mit IBM SPSS Statistics Version 25 ausgewertet. Zur Kodierung der Freitexte wird die manuelle qualitative Datenanalyse genutzt.

Ergebnisse
Die Befragung zeigt, dass 81 % der Firmen ein BGM haben bzw. BGF-Maßnahmen durchführen. Die angebotenen Leistungen im Bereich BGF erstrecken sich von mobiler Massage über ergonomische Arbeitsplätze bis hin zu Gesundheitstagen, Vorträgen und Einzelgesprächen. Als Herausforderungen werden fehlende finanzielle Ressourcen und zeitliche Engpässe sowie mangelndes Wissen bezüglich der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten berichtet. 53 % der Firmen erheben im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung auch die psychischen Belastungen bei Ihren Mitarbeitern. Derzeit erfolgt die Auswertung der Gründe zum Netzwerkbeitritt sowie der Erwartungen und Ziele hinsichtlich der Netzwerkarbeit.

Fazit und Ausblick
Im Rahmen der Netzwerkarbeit wird die Steigerung der Anzahl von Unternehmen, welche die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen erheben, angestrebt. Die Ergebnisse der Erwartungen an die und die Ziele der Netzwerkarbeit werden zukünftig bei der Erstellung von (KKMU)-Netzwerkkonzepten mit einbezogen.
Frau Regina Lösch
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin (IPASUM) der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg
Freitag
04 Sep
10:00 - 10:45
Vorträge
Arbeitsorganisatorische Maßnahmen
Raum: Hörsaal 6
Vorsitz: Albert Nienhaus
Risikofaktor sedentäre Arbeit –ein systematischer Review zum Zusammenhang von langen Sitzzeiten am Arbeitsplatz und kardiometabolischen Veränderungen Ergebnisse aus Fall-Kontroll-und Kohortenstudien (Kathrin Reichel, Eva Backé, Michaela Prigge, Ute Latza)
Hintergrund
Lange, wenig unterbrochene Sitzzeiten werden in Zusammenhang mit Gesundheitsrisiken gesehen. Ein systematischer Review von 2010 (1) zeigte inkonsistente Befunde für den Zusammenhang von langen Sitzzeiten am Arbeitsplatz und gesundheitlichen Risiken, u. a. zu kardiometabolischer Gesundheit. In einer Aktualisierung des Reviews wird gefragt, ob lange Sitzzeiten am Arbeitsplatz mit kardiometabolischen Veränderungen assoziiert sind, und ob sich Männer und Frauen in Bezug auf ihr Risiko unterscheiden.
Methodik
Auf der Grundlage eines Studienprotokolls für ein systematisches Review (PROSPERO) wurde die Literatursuche in 10 Datenbanken für den Zeitraum 2010 bis 2007 mit einem Update bis 02/2019 durchgeführt. Kohorten-, Fall-Kontroll- und Interventionsstudien zum Zusammenhang von sedentärer Arbeit und kardiometabolischen Veränderungen wurden eingeschlossen, Studienqualität und Gender-Bias bewertet.
Ergebnisse
Es wurden 321 Publikationen ausgewählt und 50 Publikationen (41 Studien) eingeschlossen, davon 19 Kohorten- und 5 Fall-Kontroll-Studien mit großer Heterogenität hinsichtlich der Beschreibung der Exposition und der betrachteten Zielgrößen, die eine Meta-Analyse ausschließen. Die Hälfte der prospektiven Studien zeigte Zusammenhänge zwischen beruflichen Sitzzeiten und einem höheren Risiko für ungünstige kardiometabolische Veränderungen. Subgruppenanalysen benennen Personen mit Übergewicht, metabolischem Syndrom oder Hypertonie als Risikogruppen. Die wenigen geschlechterspezifischen Auswertungen zeigen für Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Bezug auf ihr Risiko inkonsistente Befunde und weisen insgesamt auf Gender Bias hin.
Diskussion
Aufgrund hoher Heterogenität belegen die Ergebnisse zwar keine eindeutigen Zusammenhänge zwischen langen Sitzzeiten am Arbeitsplatz und kardiometabolischen Veränderungen, schließen diese jedoch auch nicht aus.
Schlussfolgerungen
In Zukunft sollten standardisierte Instrumente zur Erhebung von Sitzdauer und Sitzunterbrechungen eingesetzt werden. Trotz inkonsistenter Datenlage sollten lange, wenig unterbrochene Sitzzeiten (v.a. bei Büroarbeit), deren Wirkung nur durch ein hohes Maß an körperliche Aktivität (> 6h/Woche) auszugleichen ist (2, 3), durch geeignete präventiver Maßnahmen (4) reduziert werden.
Frau Dr Eva Backé
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Führungskräftetrainings zur Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens der MitarbeiterInnen – Ein Cochrane Systematic Review (Christian Seubert, Andreas Kühnl, Eva Rehfuess, Erik von Elm, Dennis Nowak, Jürgen Glaser)

Zielsetzung

Führungskräften und ihrem Verhalten wird eine entscheidende Rolle bei der Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens ihrer Mitarbeiter zugeschrieben [1,2]. Trainingsprogramme werden häufig eingesetzt, um die Fähigkeiten der Führungskräfte zu verbessern, zu Gesundheit und Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter beizutragen. Bestehende Übersichtsarbeiten zur Wirksamkeit von Führungskräftetrainings bezogen überwiegend querschnittliche und nichtexperimentelle Studiendesigns ein und besitzen daher nur eine begrenzte Aussagekraft. Diese systematische Übersichtsarbeit untersuchte die Effektivität von vier Arten von Führungskräftetrainings zur Verbesserung von psychischem Stress, Fehlzeiten und Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter [3].

Methoden

21 Studien (randomisiert kontrollierte, cluster-randomisiert kontrollierte und kontrollierte Vorher-Nachher-Studien) mit insgesamt 3479 Mitarbeitern wurden eingeschlossen. In 16 Studien wurde die Interaktion zwischen Führungskraft und Mitarbeiter trainiert und in 5 Studien wurde die Gestaltung der Arbeitsumgebung trainiert, jeweils entweder außerhalb des Arbeitsplatzes (off-the-job) oder am Arbeitsplatz (on-the-job). Die 21 Studien verglichen 23 Interventionen mit keinem Training, einem Placebo oder einem anderem Training zu unterschiedlichen Follow-up-Zeiträumen.

Ergebnisse

Es wurden inkonsistente Belege dafür gefunden, dass Führungskräftetrainings im Vergleich zu keinem Training das Wohlbefinden der Mitarbeiter verbessern (2 Studien) oder nicht (7 Studien). Für alle anderen Vergleiche konnten Effekte entweder nicht gefunden oder aufgrund fehlender Daten nicht berechnet werden. Die Qualität der Evidenz war für die meisten Ergebnisse sehr gering.

Schlussfolgerungen

Insgesamt deuten die Daten darauf hin, dass Führungskräftetrainings möglicherweise nicht zu weniger Stress und Fehlzeiten oder zu mehr Wohlbefinden bei den Mitarbeitern führen. Die Diskrepanz zwischen früheren Studienergebnissen und den vorliegenden empirischen Belegen könnte auf schwache Studiendesigns zurückzuführen sein. Rigorosere Designs sind daher notwendig, um zu klären, ob Stress, Fehlzeiten und Wohlbefinden der Mitarbeiter durch Führungskräftetrainings beeinflusst werden können.
Herr Ass.-Prof. Dr. Christian Seubert
Universität Innsbruck
Führungskräfte im Umgang mit psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz: Ein Prozess-Modell (Elena Schwarz, Birgitta Schiller, Isabella Wagner, Kathrin Mörtl, Michael Hölzer, Harald Gündel)
Einführung. Psychische und psychosomatische Erkrankungen sind immer häufiger Grund für Krankschreibungen und lange Fehlzeiten. Spätestens seit Erweiterung des Arbeitsschutzgesetzes um die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen sind vor allem Führungskräfte immer mehr in der Verantwortung, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Darüber hinaus konnte der Einfluss von Führungsverhalten auf die Gesundheit von Mitarbeitern bereits mehrfach wissenschaftlich gezeigt werden.

Methode. Seit 2016 werden in einem großen deutschen Unternehmen spezifische Schulungen für Führungskräfte angeboten. Diese sollen Wissen über psychische Erkrankungen vermitteln, aber auch den Blick auf die eigene Gesundheit und den Umgangmit betroffenen Mitarbeitern schulen. Im Rahmen einer ausführlichen Evaluation der Intervention wurden unter anderem 20 teilnehmende Führungskräfte mittels qualitativem Interview zu ihrem Umgang mit Psychischer Gesundheit befragt. Die Interviews fanden innerhalb des ersten Monats nach der Schulung sowie erneut nach einem Zeitraum von zwölf Monaten statt.

Ergebnisse. Die Auswertung des Interviewmaterials ergab zunächst zwei unterschiedliche Typen von Führungskräften im Umgang mit psychischer Gesundheit, welche als vorläufige Ergebnisse bereits im Rahmen der Jahrestagung der DGAUM im März 2019 vorgestellt wurden (Schwarz et al. 2019). Die Analysen zeigten nun eine weitere Unterteilung der untersuchten Stichprobe. Anhand der von den Führungskräften getroffenen Aussagen konnten Parallelen gezogen werden zu einer aus der Psychotherapieforschung bekannten Skala der Persönlichkeitsentwicklung: Der Heidelberger Umstrukturierungsskala (Rudolf, Grande & Oberbracht 2000). Diese Skala stellt ein Modell der Veränderung in psychoanalytischen Therapien dar. Es zeigte sich, dass die teilnehmenden Führungskräfte in ihrem Umgang mit der Thematik auf unterschiedlichen Stufen standen. Durch die Follow-Up Untersuchung nach zwölf Monaten konnte zudem eine Veränderung der Teilnehmer über die Stufen beobachtet werden.

Diskussion. Die Betrachtung der Führungskräfte anhand eines aus der Psychotherapieforschung bekannten Entwicklungsmodells schafft die Möglichkeit, Rückschlüsse auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Mitarbeiter (mit und ohne Personalverantwortung) zu ziehen.

Schlussfolgerung. In Bezug auf die Implementierung von Maßnahmen zum Umgang mit Psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz könnten Angebote so besser und gezielter ausgerichtet werden.
Frau M.Sc. Elena Schwarz
Universitätsklinikum Ulm
Mittwoch
02 Sep
14:30 - 17:30
Forum
Umweltmedizin
Klimawandel und Gesundheit - aus Sicht von Umwelt- und Arbeitsmedizin:
  1. Erderwärmung, ein Blick auf Deutschland (Dennis Nowak)
  2. Verbundprojekt Klimawandel und Gesundheit am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (Veronika Weilnhammer, Susanne Kutzora, Stefanie Heinze, Caroline Herr)
  3. Auswirkungen von Extremwetterereignissen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen  (Viola Mambrey, Inga Wermuth, Stephan Böse-O’Reilly)
  4. Pollenmessungen in Bayern: ePIN und ePIN-KLIMA (Katharina Heigl, Susanne Kutzora, Stefanie Heinze, Caroline Herr)
  5. Abschlussdiskussion: Perspektive Klimawandel und Gesundheit in der Arbeits- und Umweltmedizin
  6. Treffen der AG Umweltmedizin
Raum: Hörsaal 7
Vorsitz: Caroline Herr und Dennis Nowak
Verbundprojekt Klimawandel und Gesundheit am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (Veronika Weilnhammer, Susanne Kutzora, Christine Korbely, Stefanie Heinze, Caroline Herr)
Verbundprojekt Klimawandel und Gesundheit am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Veronika Weilnhammer1, Susanne Kutzora1, Stefanie Heinze1,2, Caroline Herr1,2

1 Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Arbeits- und Umweltmedizin
2 Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Klinikum der Universität München

Hintergrund:
Die Auswirkungen des Klimawandels sind vielfältig und auch in Bayern sind bereits gesundheitliche Folgen für die Bevölkerung spürbar. Die klimawandelbedingte Zunahme von extremen Witterungsereignissen bzw. die Veränderung des Klimas in Bayern könnten einen zunehmenden Einfluss auf die Morbidität und Mortalität der Bayerischen Bevölkerung haben.
Methoden:
Derzeit wird in Bayern das Verbundprojekt „Klimawandel und Gesundheit“ (VKG) durchgeführt (Finanzierung: StMUV, StMGP; fachliche Begleitung: LfU; Koordinierung: LGL). Als Teil der Klimaschutzstrategie 2050 der Bayerischen Staatsregierung werden die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels in sieben Projekten beforscht. U.a. wird untersucht, welchen Einfluss der Klimawandel auf Blaualgenblüten bzw. die Produktion von Toxinen durch Cyanobakterien in bayerischen Badegewässern hat. Aber auch die Veränderung des Pollenfluges in Bayern und der Allergenität von Pollen (bspw. durch Hitzestress) oder mögliche Vorkommen autochthoner Übertragungen arboviraler Erkrankungen in Bayern durch die Ansiedelung potenter Vektoren werden untersucht.
Im Rahmen von VKG wurde zudem ein systematischer Review zu klimawandelbedingten Folgen (extremen Witterungsereignissen) für die Gesundheit (nicht-infektiöse) Erkrankungen der Europäischen Bevölkerung durchgeführt.
Ergebnis:
Erste Zwischenergebnisse im VKG zeigen mögliche Handlungsfelder für Klimaschutz- und -Anpassungsmaßnahmen auf. Mit Hilfe der Forschungsergebnisse sollen, nach Abschluss von VKG, Empfehlungen für Anpassungsmaßnahen abgeleitet und in die Klimaschutzstrategie der Bayerischen Staatsregierung integriert werden.
In den Review konnten für die qualitative Analyse 24 Studien eingeschlossen werden. Darin wurde der Zusammenhang zwischen extremen Temperaturen, Überschwemmungen, Flächenbränden und Mortalität bzw. Morbidität (je: kardiovaskulär, respiratorisch und gesamte) untersucht. Trotz der heterogenen Studienergebnisse lässt sich ein Trend bzgl. eines positiven Zusammenhang zwischen klimawandelbedingten Extremwetterereignissen und gesundheitlichen Auswirkungen erkennen.
Schlussfolgerung:
Der Klimawandel betrifft bereits in vielen Regionen Europas und Deutschlands die Gesundheit der Bevölkerung. Empfehlungen für Anpassungsmaßnahmen müssen umfassend in politische Programme integriert und konsequent umgesetzt werden, da mit einem Anstieg klimawandelbedingter Extremwetterereignisse und damit verbundenen gesundheitliche Auswirkungen zu rechnen ist.
Frau Veronika Weilnhammer
Auswirkungen von Extremwetterereignissen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (Viola Mambrey, Inga Wermuth, Stephan Böse-O´Reilly)
Im Zuge des Klimawandels ist in Deutschland eine Zunahme von meteorologischen Extremwetterereignissen (EWE), wie Starkniederschlag und Überschwemmungen, zu beobachten. Schwerwiegende EWE können starke Ängste hervorrufen und traumatische Erlebnisse darstellen. Diese Traumata und anhaltender Stress im längeren Verlauf nach dem Ereignis können Ursache für negative psychische Gesundheitsauswirkungen sein. Kinder und Jugendliche gelten als vulnerable Gruppe, da ihnen weniger Bewältigungsstrategien als Erwachsenen zur Verfügung stehen und sie stark von ihrer Umwelt abhängig sind.
Es werden die Prävalenzen von psychischen Erkrankungen nach einem EWE und die in diesem Zusammenhang stehenden Risikofaktoren zusammengefasst, um aussagekräftige Rückschlüsse auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ziehen zu können. Dafür wurde die vorhandene Literatur aus der WHO-Region Europa sowie aus Ländern mit einem ähnlichen Einkommensniveau (u. a. Kanada, Australien, USA) berücksichtigt. Da Überschwemmungen und Starkniederschlag in Deutschland die am häufigsten auftretenden EWE sind, wurde auf diese der Schwerpunkt gelegt.
Nach EWE ist ein Anstieg von Angststörungen, depressiven Symptomen, posttraumatischem Belastungsstress und Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten. Die Literatur gibt jedoch wenig Aufschluss darüber, wie hoch die Prävalenz solcher psychischen Gesundheitseffekte infolge von EWE und deren Auswirkungen ist und welche Risikofaktoren dabei von Bedeutung sind. Es gibt somit international und insbesondere in Deutschland noch erheblichen Forschungsbedarf.
Frau Viola Mambrey
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Klinikum der Universität München, LMU München, Deutschland
Pollenmessungen in Bayern: ePIN und ePIN-KLIMA (Katharina Heigl, Susanne Kutzora, Stefanie Heinze, Caroline Herr)
Hintergrund
Die Anzahl der durch die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) betriebenen manuellen Pollenfallen in Bayern ist in den letzten Jahren immer mehr zurückgegangen. Dies, in Verbindung mit dem Aufkommen neuer Technik, war der Anlass das elektronische Polleninformationsnetzwerk (ePIN) in Bayern aufzubauen. Anzahl und Aufstellorte für die elektronischen Pollenmonitore wurden mittels Vorstudien, die vom Zentrum für Allergie und Umwelt (ZAUM) der Technischen Universität München (TUM) durchgeführt wurden, festgelegt. Ergänzend dazu werden im Projekt ePIN-KLIMA vier konventionelle Pollenfallen weiter betrieben und dadurch historische Daten-Zeitreihen weiter fortgeführt. Des Weiteren werden im Rahmen von ePIN zwei systematische Literaturreviews erstellt. Der Review LUPO behandelt die Fragestellung, ab welcher Konzentration von Pollen in der Luft allergische Symptome berichtet werden. Der Review LIMA behandelt die Fragestellung, welche evidenzbasierten Maßnahmen es zur Verbesserung der allergischen Symptome bei Pollenflug gibt.

Methoden
Für ePIN wurden insgesamt acht elektronische Pollenmonitore an den folgenden Standorten aufgestellt: Altötting, Feucht, Garmisch-Partenkirchen, Hof, Marktheidenfeld, Mindelheim, München und Viechtach. Im Projekt ePIN-KLIMA werden die bereits bestehenden vier manuellen Pollenfallen in Münnerstadt, Oberjoch, Bamberg und auf der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus (Zugspitze) weiter durch öffentliche Hand betrieben. Für die beiden Übersichtsarbeiten LUPO und LIMA wird derzeit die systematische Literaturrecherche ausgewertet.

Ergebnisse
ePIN stellt online aktuelle Pollenmessdaten für Öffentlichkeit und Forschung zur Verfügung (epin.lgl.bayern.de) und bietet eine qualitativ bessere Datengrundlage für die Erstellung der Pollenflugvorhersagen als zuvor. In ePIN-KLIMA können durch das Fortführen der historische Daten-Zeitreihen neu auftretende, invasive Pollenarten entdeckt und der Klimawandel beobachtet werden. Die Ergebnisse der Reviews LUPO und LIMA stehen noch aus.

Schlussfolgerungen
Die im Rahmen von ePIN und damit assoziierten Projekte ePIN KLIMA, LUPO und LIMA gesammelten Daten und Erkenntnisse sind wichtige Grundlage für die Gesundheits- und Klimaforschung.
Frau Katharina Heigl
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
Mittwoch
02 Sep
09:00 - 10:30
Forum
Atemwege und Lunge
  1. Nutzen verschiedener nicht-invasiver Methoden vor und nach dem arbeitsplatzbezogenen Inhalationstest für die Diagnostik von Berufsasthma (V. van Kampen)
  2. CO-Hb-Konzentration im Blut - Beeinflussung durch Rauchen und DLCO-Bestimmung (M. Korn)
  3. Lungenkrebs durch Passivrauchen (U. Bolm-Audorff)
  4. Der besondere Fall (N. Kotschy-Lang)
  5. Neues in der Leitlinie Diagnostik und Begutachtung asbestbedingter Erkrankungen (T. Kraus)
  6. Mitgliederversammlung der AG Atemwege und Lunge, Wahl der AG-Leitung
Raum: Hörsaal 6
Vorsitz: Alexandra Marita Preisser
Nutzen verschiedener nicht-invasiver Methoden vor und nach dem arbeitsplatzbezogenen Inhalationstest für die Diagnostik von Berufsasthma (Vera van Kampen, Julia Engel, Olaf Hagemeyer, Thomas Brüning, Monika Raulf, Rolf Merget)
Hintergrund: In einer früheren Studie konnte gezeigt werden, dass ein Anstieg des fraktionieren exhalierten Stickstoffmonoxids (FeNO) während des arbeitsplatzbezogenen Inhalationstests (AIT) von ≥13 ppb stark prädiktiv für Berufsasthma ist. In der aktuellen Studie sollte die diagnostische Wertigkeit weiterer Parameter wie der Anstieg des prozentualen Eosinophilen-Anteils im Sputum oder die Zunahme der bronchialen Hyperreagibilität während des AIT überprüft und mit der diagnostischen Wertigkeit der FeNO-Messung verglichen werden.
Methoden: 122 Patienten mit Verdacht auf Berufsasthma unterzogen sich einem AIT mit den vermuteten beruflichen Allergenen. In allen Fällen erfolgten ein Lungenfunktionstest sowie die Messung von FeNO, Sputum-Eosinophilen und der bronchialen Hyperreagibilität vor und nach dem AIT. Der AIT wurde nach zwei verschiedenen Positivkriterien bewertet. Als Positivkriterium 1 galt eine pulmonale Reaktion anhand der Standard-Lungenfunktionskriterien (FEV1, sRt) und/oder eine Erhöhung des FeNO um mindestens 13 ppb nach AIT. Die Ergebnisse wurden mit denen verglichen, die nur mit den Lungenfunktionskriterien als „Goldstandard“ (Positivkriterium 2) erhalten wurden.
Ergebnisse: Mit dem Positivkriterium 1 (Kombination aus Lungenfunktion und FeNO) zeigten 28 von 39 AIT-Positiven (72%), aber auch 20 von 83 AIT-Negativen (24%) einen Eosinophilen-Anstieg im Sputum und/oder der bronchialen Hyperreagibilität nach dem AIT. Wenn nur die Lungenfunktionskriterien als „Goldstandard“ verwendet wurden (Positivkriterium 2), zeigte der Parameter „FeNO-Anstieg“ mit einer Sensitivität von 57% und einer Spezifität von 82% eine etwas höhere Genauigkeit, als ein Anstieg der Sputum-Eosinophilen (Sensitivität 52%, Spezifität 75%) oder der bronchialen Hyperreagibilität (Sensitivität 43%, Spezifität 87%). Weitergehende Analysen legen zwar nahe, dass in einigen wenigen Fällen die Zunahme der Sputum-Eosinophilen oder der bronchialen Überempfindlichkeit wegweisend für die Berufsasthma-Diagnose sein können, generell dominieren hierbei aber falsch-positive Tests.
Schlussfolgerung: Es erscheint sinnvoll, sowohl die Lungenfunktion als auch die Erhöhung von FeNO als primäre Effektparameter bei der AIT-Beurteilung zu verwenden. Eine Zunahme des Eosinophilen-Anteils im Sputum und der bronchialen Hyperreagibilität nach AIT haben einen eher geringen zusätzlichen diagnostischen Wert, können aber in Einzelfällen nützlich sein.
Frau Dr. Vera van Kampen
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
CO-Hb-Konzentration im Blut - Beeinflussung durch Rauchen und DLCO-Bestimmung (Manfred Korn, Constanze Steiner, Alexandra Marita Preisser, Christian Eisenhawer)
Einleitung:
In einem langjährig anhängigen Fall zur Anerkennung eines primären Lungenkarzi­noms als BK fand sich folgende Formulierung bezüglich eines erhöht gemessenen CO-Hb-Gehalts: „Wir unterstellen die Richtigkeit der Angaben des Versicherten bezüglich des Nikotin­konsums, wenngleich wir einen CO-Hb-Wert von 3,8 % ermitteln konnten.“ In der eigenen Stellungnahme wurde der Nichtraucherstatus des Versicherten angezweifelt. Aufgrund seines deutlichen Widerspruchs wurden die Messprotokolle des Fachgutachtens im Einzelnen durchgesehen.
Methoden:
Dabei ergab sich, dass das CO-Hb zweimal bestimmt wurde. Zunächst fanden sich 1,3 Vol-% CO-Hb und dann, ca. 3 Stunden (h) später, 3,8 Vol-% CO-Hb. Dazwischen lag eine DLCO-Messung. Diese erfolgt mit einem Gasgemisch, das eine CO-Kon­zentration von 0,25 – 0,28 Vol-% enthält. In einem Selbst­ver­such wurde die DLCO-Messung bedingte Erhöhung des CO-Hb bestimmt. Die Werte aus dem Gutachten und aus der Selbstmessung wurden mit Literaturdaten verglichen.
Ergebnisse:
Die Diffusionsmessung im Gutachten bewirkte eine Erhöhung des Ausgangswertes um 2,5 Vol-% CO-Hb, dazwischen lagen knapp 3 h. Beim Selbstver­such erfolgten Messungen vor, direkt nach der DLCO-Bestimmung sowie 60 min und 120 min danach. Die Werte für CO-Hb lagen sukzessive bei: 1,4 Vol-% vor, 3,3 Vol-% direkt nach, 2,9 Vol-% ca. 1 h nach und 2,4 Vol-% ca. 2 h nach der DLCO-Messung. Der Anstieg durch die DLCO-Messung lag bei 1,9 Vol-%.
Schlussfolgerungen:
Eine DLCO-Messung vor einer CO-Hb-Bestimmung beeinflusst wesentlich deren Ergebnis, was zu Fehlinterpretationen bzgl. des Raucherstatus führen kann. Im vorliegenden Gutachtenfall lag bei der Erstmessung mit 1,3 Vol-% CO-Hb ein Nichtraucher-, bei der Zweitmessung mit 3,8 Vol-% ein Raucherstatus vor. Die Berücksichtigung der Beeinflussung der CO-Hb-Bestimmung mit einem Anstieg von 1,9 Vol-% durch die DLCO-Messung im Selbstversuch räumt den Verdacht in diesem Fall nicht hinweg. Berücksichtigt man den gemessenen Abfall des CO-Hb im Selbstversuch von 0,4 – 0,5 Vol-% in 70 min (entspricht etwa dem in der Literatur beschriebenen Abfall von 0,5 Vol-%), wäre bei dem Versicherten ein CO-Hb-Wert um die 2,2 Vol-% zum Zeitpunkt der zweiten Bestimmung 2 h und 52 min nach der DLCO-Messung zu erwarten gewesen, tatsächlich fanden sich aber 3,8 Vol-% CO-Hb.
Die Angaben hinsichtlich 1,3 bzw. 1,4 Vol-% CO-Hb als Ausgangswerte an den jeweiligen Messtagen stimmen mit der Basiswertangabe von Zavorsky (2013) von 1,2 Vol-% überein, liegen aber höher als die Normalwertangabe von 0,4 – 0,8 Vol-% CO-Hb in der BAT-Wert-Begründung (1982).
Herr PD Dr. med. Dipl.-Biol. Manfred Korn
Lungenkrebs durch Passivrauchen (Ulrich Bolm-Audorff)
Der ärztliche Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat in diesem Jahr die Empfehlung ausgesprochen, Lungenkrebs nach langjähriger und intensiver Passivrauchexposition am Arbeitsplatz in die Anlage zur Berufskrankheiten-Verordnung aufzunehmen. Die wissenschaftliche Begründung für diese Berufskrankheitenempfehlung wurde kürzlich veröffentlicht.

In dem Beitrag werden die hauptsächlichen beruflichen Gefahrenquellen für eine Passivrauchexposition, die wesentlichen krebserzeugenden Inhaltsstoffe im Passiv­rauch und die vorliegende epidemiologische Evidenz erläutert. Ferner wird dargelegt, dass diese neue Berufskrankheit nur bei Beschäftigten anerkannt werden soll, die selbst nie oder maximal bis zu 400 Zigarettenäquivalente aktiv geraucht haben.
Herr Prof. Dr. med. Ulrich Bolm-Audorff
Regierungspräsidium Darmstadt, Abteilung Arbeitsschutz und Umwelt, Dezernat Landesgewerbearzt
Mittwoch
02 Sep
14:30 - 16:30
Sitzung
Leitlinien in der Arbeits- und Umweltmedizin
14:30 Uhr -- Begrüßung (M. Rieger, U. Latza)
14:40 Uhr -- Aktuelles aus der Leitlinienarbeit der DGAUM (M. Rieger)
15:00 Uhr -- AWMF Leitlinie: Einsatz von Exoskeletten im beruflichen Kontext zur Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention von arbeitsassoziierten muskuloskelettalen Beschwerden (B. Steinhilber)
15:20 Uhr -- Aktualisierung der S2k-Leitlinie „Nutzung der Herzschlagfrequenz und der Herzfrequenzvariabilität in der Arbeitsmedizin und der Arbeitswissenschaft“ (S. Sammito)
15:40 Uhr -- Leitlinienreport und spezifische Aspekte der Entwicklung der S2k-Leitlinie „Arbeitsplatzbezogener Inhalationstest (AIT)“ (J. Heidrich et al.)
16:00 Uhr -- Diskussion mit dem Plenum zur Leitlinienarbeit
Raum: Hörsaal 4
Vorsitz: Monika A. Rieger
Aktuelles aus der Leitlinienarbeit der DGAUM (Monika A. Rieger, Ute Latza)
Auch im Jahr 2019 wurde die Leitlinienarbeit der DGAUM von einer Vielzahl von Mitgliedern aktiv gestaltet – für diese für die Fachgesellschaft sehr wesentliche Arbeit auch an dieser Stelle herzlichen Dank!

In der Leitliniensitzung auf der diesjährigen DGAUM-Jahrestagung werden einerseits aktuelle Entwicklungen aus der Leitlinienarbeit der AWMF und der DGAUM vorgestellt.
Andererseits besteht die Möglichkeit, drei Leitlinien in unterschiedlichen Entwicklungsstadien näher kennenzulernen und mit den Koordinatoren zu diskutieren:
Im Rahmen des derzeitigen Aktualisierungsprozesses für die S2k-Leitlinie „Nutzung der Herzfrequenz und der Herzratenvariabilität in der Arbeitsmedizin und der Arbeitswissenschaft“ (AWMF-Registernummer 002 - 042) wird in der Leitliniensitzung der Stand der Literaturaufarbeitung vorgestellt. Daran anschließend präsentiert die Leitliniengruppe, die die neue, im März 2020 voraussichtlich abgeschlossene S2k-Leitlinie „Einsatz von Exoskeletten im beruflichen Kontext zur Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention von arbeitsassoziierten muskuloskelettalen Beschwerden“ (AWMF-Registernummer 002 – 046) erarbeitet hat, deren Inhalte und Empfehlungen. Abschließend wird die Leitliniengruppe Einblicke in ihren Prozess der Leitlinien-Entwicklung geben, die derzeit für die Leitlinie „Arbeitsmedizinische Eignungsuntersuchung für Arbeitnehmer auf Offshore-Windenergieanlagen und anderen Offshore-Installationen“ (AWMF-Registernummer 002 - 043) die Aktualisierung verbunden mit einem Upgrade auf das Niveau S2k vornimmt.
Am Ende der Sitzung besteht die Möglichkeit zu einer allgemeinen Diskussion der Leitlinienarbeit der DGAUM.

Die Sitzung richtet sich ausdrücklich auch an Personen, die sich (bisher) nicht in der Leitlinienarbeit engagieren, jedoch Einblick in die Leitlinienarbeit erhalten und Anregungen dazu geben wollen.
Frau Prof. Dr. med. Monika A. Rieger
Universitätsklinikum Tübingen
AWMF Leitlinie: Einsatz von Exoskeletten im beruflichen Kontext zur Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention von arbeitsassoziierten muskuloskelettalen Beschwerden (Benjamin Steinhilber)
Exoskelette sind äußere mechanische, direkt am Körper getragene Stützstrukturen, die die physische Leistungsfähigkeit des Nutzers steigern und dadurch biomechanische Belastungen reduzieren sollen. Durch die Anwendung an gewerblichen Arbeitsplätzen soll es zu einer Reduktion arbeitsbezogener körperlicher Belastungen kommen und somit eine verringerte Beanspruchungsreaktion sowie eine Beschwerdelinderung bei den Beschäftigten erreicht werden.
Im Rahmen dieser Leitlinie wurden Studienergebnisse zur Wirkung von Exoskeletten auf das Muskel-Skelett-System systematisch aufgearbeitet sowie durch Erfahrungen von Anwendern aus dem betrieblichen Setting ergänzt. Auf dieser Basis wurden Empfehlungen zur Anwendung von Exoskeletten für die Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention von arbeitsassoziierten muskuloskelettalen Beschwerden abgeleitet. In einer Konsensuskonferenz am 1. Oktober 2019 wurden diese Empfehlungen verabschiedet und werden auf der Tagung vorgestellt. Es besteht ein hoher Forschungsbedarf zur Wirkung von Exoskeletten auf das Muskel-Skelett-System, so dass der Begleitung bzw. Überwachung des Einsatzes von Exoskeletten im betrieblichen Alltag durch Praktiker des Arbeitsschutzes (z.B. Betriebsarzt oder Fachkraft für Arbeitssicherheit) eine zentrale Stellung beigemessen wird.
An der Leitlinie beteiligen sich folgende Fachgesellschaften und Institutionen: Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V.; Gesellschaft für Arbeitswissenschaft e.V.; Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.; Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie e.V.; Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie; Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention; Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.; Berufsgenossenschaft Holz und Metall; Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik; Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation; Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V.; Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin; EFL Akademie.
Herr Dr. Benjamin Steinhilber
Universitätsklinikum Tübingen
Aktualisierung der S2k-Leitlinie „Nutzung der Herzschlagfrequenz und der Herzfrequenzvariabilität in der Arbeitsmedizin und der Arbeitswissenschaft“ (Stefan Sammito)
Die Nutzung evidenzbasierter Leitlinienempfehlungen hat sich in den letzten Jahren in allen medizinischen Fachgesellschaften etabliert. Die Auswertung vorhandener Reviews und Originalarbeiten und die kompakte Zusammenfassung als Leitlinie stellt sowohl für Diagnostik, wie Therapie Handlungssicherheit auf der Basis gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse dar. Dies gilt gleichermaßen auch für die Arbeitsmedizin und die Arbeitswissenschaft.
Die Analyse der Herzfrequenzvariabilität (HRV) hat sich in den vergangenen Jahren ergänzend zur Betrachtung der Herzschlagfrequenz neben dem Einsatz in Forschung und speziellen klinischen Fächern auch im arbeitsmedizinischen Bereich etabliert.
Daher hatte die Deutsche Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin (DGAUM) e.V. eine Erstellung einer entsprechenden Leitlinie beauftragt, die 2014 unter Mitarbeit der Gesellschaft für Arbeitswissenschaften (GfA) e.V. publiziert wurde. Aufgrund des Fortschritts in der wissenschaftlichen Beurteilung und Anwendbarkeit der Herzschlagfrequenz und der HRV sowie der Ausdehnung der Anwendung dieser Methoden durch fortschreitende Miniaturisierung von Messsystemen ist eine Aktualisierung dieser Leitlinie notwendig.
Diese erfolgt derzeit unter Mitarbeit von Experten der DGAUM und der GfA sowie der Deutschen Gesellschaft für Sport- und Präventivmedizin (DGSP) e.V. und der Deutschen Physiologischen Gesellschaft (DPG) e.V. Basierend auf der 2014 publizierten Leitlinie werden mittels aktueller Literaturrecherchen und im Rahmen der Konsensusfindung die Aktualisierung durchgeführt.
Im Rahmen des Vortrages werden Nutzung der bisherigen Leitlinie sowie Vorgehensweise und Schwierigkeiten in der Bearbeitung der Leitlinienaktualisierung dargestellt.
Leitlinien stellen für die (medizinischen) Fachgesellschaften und deren Mitglieder eine hilfreiche Empfehlung zur evidenzbasierten Entscheidungsfindung, sei es in Diagnostik oder Therapie, dar. Jedoch hängt die Erstellung und Aktualisierung aufgrund des hohen Arbeitsaufkommens und der fehlenden Finanzierung in der Arbeitsmedizin derzeit von der Bereitschaft einzelner freiwilliger Experten ab. Hier ist dringender Handlungsbedarf notwendig.
Herr Dr. med. Stefan Sammito
Zentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe / Bereich Arbeitsmedizin, Medizinische Fakultät, Otto-von-Guericke Universität Magdeburg
Leitlinienreport und spezifische Aspekte der Entwicklung der S2k-Leitlinie „Arbeitsplatzbezogener Inhalationstest (AIT)“ (Jan Heidrich, Dirk Koschel, Rolf Merget, Dennis Nowak, Monika Raulf, Alexandra M. Preisser)
Hintergrund
Der AIT ist ein wichtiger Baustein zur Diagnose von allergischem oder immunologisch bedingtem arbeitsplatzbezogenen Asthma; zudem kann der Zusammenhang zwischen Asthma und chemisch-irritativ wirkenden Stoffen durch den AIT, insbesondere unter präventiven Aspekten, verifiziert werden. Der AIT ist in der arbeitsmedizinischen Praxis etabliert und wurde in seiner technischen Umsetzung über die Jahre verfeinert und verbessert. Die Aktualisierung erfolgt auf Grundlage der vorherigen Leitlinienversion „AIT“ von 2005 und einem europäischen Konsensuspapier zur Durchführung des AIT von 2014. Der hier vorgestellte Prozess dieser AWMF S2k-Leitlinie soll die Notwendigkeiten und Herausforderungen der konsentierten Leitlinien (LL)-Erstellung zeigen.

Methoden
Nach Festlegung der beteiligten Fachgesellschaften und Anmeldung des Leitlinienvorhabens bei der AWMF wurde die Zusammensetzung der LL-Gruppe und der Mandatsträger vorgeschlagen bzw. über die Vorstände der beteiligten Fachgesellschaften bestimmt sowie potentielle Interessenkonflikte (IK) dokumentiert . Bereits zur LL-Anmeldung wurden Eingangsfragen diskutiert, an denen sich inhaltlich im LL-Prozess orientiert werden sollte: (1) In welchen Fällen ist die Anamnese durch einen AIT zu überprüfen? (2) In welchen Fällen ist die klinische Relevanz einer Sensibilisierung durch einen AIT zu überprüfen? (3) In welchen Fällen muss die berufliche Verursachung der Erkrankung durch einen AIT gesichert werden? (4) Wie ist der Handlungsablauf und das Prozedere eines AIT? (5) Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, um einen AIT durchführen zu können?

Ergebnisse
Die erarbeiteten Empfehlungen beruhen auf systematischen Literaturrecherchen unter Bewertung von klinischen Studien, Beobachtungsstudien, Fallserien und Einzelfallbeschreibungen, weiter auf anderen Leitlinien, auf experimentellen Untersuchungen, auf Erfahrungen der Teilnehmer, sowie im Einzelfall auf theoretischen Überlegungen. Die IK-Erklärungen der Mitglieder wurden vor Beginn der Texterarbeitung strukturiert diskutiert und am Ende der LL-Entwicklung aktualisiert und erneut bewertet. Nach Abstimmung der Gliederung und Kapitelstruktur wurden einzelne inhaltliche Textentwürfe von den Gruppenmitgliedern erstellt und anschließend durch die Koordinatoren redaktionell zusammengefügt und harmonisiert. Der Entwurf wurde im Gruppenprozess abgestimmt, mehrfach in Präsenztreffen, zusätzlich über Mail-Verteiler. Der finale Text sowie die abgeleiteten Empfehlungen und die Klärung noch offener Entscheidungen werden im Delphi-Verfahren abgestimmt werden. Eine abschließende Bewertung der Empfehlungen und die Messung der Konsensstärke wird im Rahmen einer strukturierten Konsensfindung unter neutraler Moderation diskutiert und abgestimmt werden. Abschließend erfolgt die Verabschiedung der LL durch die beteiligten Fachgesellschaften.

Schlussfolgerungen
Insgesamt stellt sich die Entwicklung auch einer vergleichsweise überschaubaren LL für ein spezifisches diagnostisches Verfahren in der Arbeitsmedizin als aufwändiger, mehrstufiger und mit Herausforderungen versehener Prozess dar, bei dem sich ein strukturiertes, methodenorientiertes und zeitlich möglichst kompaktes Vorgehen als vorteilhaft erwiesen hat.
Herr Dr. Jan Heidrich
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Universitätsklinikum Hamburg
Mittwoch
02 Sep
09:00 - 11:00
Forum
Lehre
Raum: Hörsaal 2
Vorsitz: Sibylle Hildenbrand und Volker Harth
Einstellung und Erfahrungen von Studierenden der Humanmedizin mit Sicherheit und Gesundheit während des Studiums (Silvester Siegmann)
Einleitung
Es gelten für Studierende im Arbeitsschutz die staatlichen Vorschriften unmittelbar und direkt, deren Geltungsbereich im jeweiligen Normtext auf Studierende erweitert sind. Die DGUV Vorschrift 1 „Grundsätze der Prävention“ fordert zusätzlich die Anwendung aller Arbeitsschutzanforderungen auch bei den Studierenden. Regelungen wie das ArbSchG usw. gelten somit mittelbar über die Inbezugnahme in § 2 Abs. 1 Satz 3 der DGUV Vorschrift 1. Über diese Inbezugnahme werden die in staatlichen Arbeitsschutzvorschriften geregelten Sachverhalte zum Gegenstand von Unfallverhütungsvorschriften (UVV‘en) gemacht (Ermächtigungsgrundlage ist der § 15 Absatz 1 SGB VII). Alle staatlichen Vorschiften, die nicht unmittelbar für Studierende gelten, haben somit den Status einer UVV. Der Arbeitsschutz hat somit vollumfänglich Einzug gehalten in das Leben der Studierenden. In diesem Projekt sollte untersucht werden, welche Einstellung und Erfahrung Studierende der Humanmedizin zu Sicherheit und Gesundheit im Studium haben.
Methode
Zu Beginn des Wintersemesters wurde im Rahmen des Projektes eine Evaluation zu Sicherheit und Gesundheit im Studium durchgeführt. Befragt wurden die Teilnehmer der Pflichtunterweisung im 1. Semester. Zum Zeitpunkt der Online-Befragung kannten die Teilnehmer die eLearning-Module der Fakultät zu Sicherheit und Gesundheit (S@W-Module) noch nicht. Eingesetzt wurde ein im Rahmen des Projektes speziell entwickeltes Online-Erhebungsinstrument.
Ergebnis
Insgesamt „nur“ rund 50% der teilnehmenden Studierenden wurden in der Schule oder im Rahmen einer vor dem Studium absolvierten Ausbildung bereits einmal unterwiesen. Für die restlichen Teilnehmer war es die erste Unterweisung. Weniger als 20% hatten vor dem Studium eine Ausbildung absolviert. Die überwiegende Mehrheit hatte bis zum Befragungszeitpunkt noch keine Erfahrung mit einem Arbeits- oder Wegeunfall, überraschender Weise wussten aber über 80% der Teilnehmer, dass sie über die Universität unfallversichert sind. Zu diesem Zeitpunkt war ihnen der Unterschied zwischen der gesetzlichen Krankenkasse und der gesetzlichen Unfallversicherung im Rahmen der Unterweisung bereits erläutert worden. Fast 100% der Teilnehmer finden es wichtig, dass ihre Gesundheit durch das Studium nicht beeinträchtigt wird. Über 90% finden Unterweisungen zu Sicherheit und Gesundheit wichtig. Allerdings wären rund 40% der Teilnehmer bereit eine kleine Verletzung zu riskieren, um eine Aufgabe zu erfüllen.
Herr Silvester Siegmann
Medizinische Fakultät Heinrich Heine Universität Düsseldorf
www.linkedin.com
Neu-Implementierung arbeitsmedizinischer Lernziele und Kompetenzen im Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) (Sibylle Hildenbrand, Volker Harth, Alexandra Marita Preisser)
Zielsetzung
Der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Medizin (NKLM) und die Gegenstandskataloge werden unter der Führung des Medizinischen Fakultätentags (MFT) und des Instituts für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) weiterentwickelt, auch unter Beachtung des Masterplans 2020 (1). Im NKLM werden Lernziele und Kompetenzen aufgelistet, die erste Version wurde 2015 veröffentlich (2). Bei der aktuellen Überarbeitung wird zusätzlich abgestimmt, ob, in welcher Kompetenztiefe und wie häufig die Lernziele bzw. Kompetenzen Prüfungsgegenstände in den Staatsexamina sein sollen. Ziele sind die starke Verortung fachspezifischer Inhalte und eine weiterhin gute fachliche Verortung des Faches Arbeitsmedizin in der universitären Lehre und damit im NKLM.

Methoden
Das Fach Arbeitsmedizin wird bei der Weiterentwicklung des NKLM von mehreren mandatierten Vertreter/innen der DGAUM bearbeitet, die sich in verschiedenen Arbeitsgruppen verteilen. Über eine online-Plattform wird in „Echtzeit“ an der fächerübergreifenden Entwicklung des NKLM im Entwurfsmodus gearbeitet, außerdem werden bei Treffen Absprachen getroffen und Eintragungen in den NKLM über die online-Plattform vorgenommen.

Ergebnisse
Prinzipiell werden folgende Fragen adressiert: Welche Lernziele und Kompetenzen muss die Ärztin/der Arzt am ersten Arbeitstag nach dem Studium wissen/anwenden können? In welchem Kompetenzniveau sollen diese gelehrt werden? Welche fachlichen Inhalte sollen in welchem der Examina, in welchem Kompetenzniveau und wie häufig geprüft werden?
Die Autoren haben u.a. in den Bereichen „VIII.4 Gesundheitsförderung, -beratung und Prävention“, in „VI.4 Respiratorisches System“ und „VI.8 Haut“ mitgewirkt, wo viele arbeitsmedizinische Inhalte verortet sind. Durch Querverweise, Anwendungsbeispiele und Einschätzungen als „entrustable professional activity“ (EPA) wurden die Inhalte vernetzt und gewichtet.

Schlussfolgerungen
Bisher galten die im NKLM gelisteten Lernziele und Kompetenzen als orientierend für die 38 Medizinischen Fakultäten in Deutschland. In der neuen Version soll der NKLM für die Lehre an den Med. Fakultäten verpflichtend sein.
Auch der Gegenstandkatalog des IMPP orientiert sich am NKLM, allerdings ohne dass Lernziele oder Kompetenzen verpflichtend geprüft werden müssen. Insgesamt zeigt dies, dass bei der Weiterentwicklung des NKLM sehr nachhaltig gearbeitet werden muss, da dieser das Studium und die Staatsexamen der Humanmedizin über viele Jahre beeinflussen wird.
Frau Dr. Sibylle Hildenbrand
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Tübingen
Studentische Lehre im Fach Arbeitsmedizin außerhalb des Humanmedizinstudiums (Sibylle Hildenbrand)
Zielsetzung
Lehre mit arbeitsmedizinischen Inhalten wird nicht nur im Humanmedizinstudium angeboten. Auch andere Studiengänge oder Fachbereiche möchten arbeitsmedizinische Lehrinhalte ihren Studierenden vermitteln. So werden arbeitsmedizinische Themen z.B. im Bachelorstudiengang Medizintechnik als Ergänzungsmodul „Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit“ oder in den Masterstudiengängen Biologie und Agrarwissenschaften-Tierwissenschaften im Wahlmodul „Biologische Sicherheit und Gentechnikrecht“ gelehrt.

Methoden
Das Augenmerk auf diese Zielgruppen und Studiengänge zu richten, ist interessant, da daraus für universitäre Institute sich andere Blickwinkel und Möglichkeiten der Vermittlung der Inhalte aber auch der Präsentation der Arbeitsmedizin entwickeln können.

Ergebnisse
In Studium und Lehre sowie in den späteren Tätigkeitsfeldern werden fächerübergreifendes Wissen und Kompetenzen sowie Interdisziplinarität immer wichtiger. Die Darstellung von arbeitsmedizinischen Inhalten in anderen Studiengängen führt dazu, dass arbeitsmedizinisches Fachwissen von Studierenden aktiv kennen gelernt wird bzw. später bei einigen Berufsgruppen vorhanden ist.
Im Idealfall wird dadurch, unter vielem anderen mehr, das Bewusstsein für den eigenen Schutz im Studium und im späteren Arbeitsleben verbessert. Tätigkeitsbedingte Belastungen und Beanspruchungen, die Möglichkeiten der Prävention sowie die Bedeutung der arbeitsmedizinischen Vorsorge können Lehrinhalte sein. Themen wie z.B. „Was sind die Aufgaben der Betriebsärzte/Betriebsärztinnen?“, „Gesetze, die den arbeitsmedizinischen Tätigkeiten zu Grunde liegen“ oder „Pflichten eines Arbeitgebers und Arbeitnehmers im Bereich Arbeitsmedizin“ können den Wissenshorizont der Studierenden aus verschiedenen Fachbereichen deutlich erweitern.
Zu betonen ist, dass die Studierenden, die im späteren Arbeitsleben mit der Arbeitsmedizin meist eher nur kurze oder von außen kommende Berührungspunkte haben, durch die Lehre im Studium einen anderen, eher aktiven Zugang zur Arbeitsmedizin bekommen können.

Schlussfolgerung
Die Vermittlung von arbeitsmedizinischem Wissen auf der einen Seite und die Erhöhung der Transparenz bezüglich arbeitsmedizinischem Handeln auf der anderen Seite, bietet die Möglichkeit bei Studierenden verschiedener Fachrichtungen, das Interesse bezüglich der Arbeitsmedizin zu erweitert und eine höhere Akzeptanz des Fachs Arbeitsmedizin zu erreichen.
Frau Dr. Sibylle Hildenbrand
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Tübingen
Maßnahmen zur gesundheitsförderlichen Gestaltung des Medizinstudiums durch Düsseldorfer Studierende der Medizin (Melina Dederichs, Thomas Muth, Peter Angerer)
Hintergrund
Weltweit tragen Medizinstudierende ein erhöhtes Risiko für bestimmte psychische Erkrankungen. Unsere Universität bildet keine Ausnahme. Eigene Daten zeigen schon lange, dass sich die psychische Gesundheit unserer Studierenden an der medizinischen Fakultät nach Beginn des Studiums dramatisch verschlechtert. Obwohl die Studierenden ihr Studium gesund beginnen, zeigen sich nach einem und drei Jahren erhebliche Zunahmen an Symptomen von affektiven und Angststörungen.

Fragestellung und Ziel
Um dem entgegenzuwirken wird mit dem Projekt HeLD 2 der Aufbau eines studentischen Gesundheitsmanagements angestrebt. Bei der Gestaltung spielen die Studierenden selbst eine zentrale Rolle. Um herauszufinden, was die Studierenden sich für Änderungen an ihrem Studium wünschen und welche Maßnahmen ihnen helfen würden, ihre eigenen Ressourcen zu stärken, wurden umfassende Fokusgruppen durchgeführt. Die herausgearbeiteten Maßnahmen werden allen Studierenden in einer Befragung zur Bewertung vorgelegt und Schritt für Schritt zusammen mit dem Studiendekanat umgesetzt.

Aktuelle Ergebnisse
In den Fokusgruppen wurden zahlreiche Anstöße für Veränderungen gegeben. Mehr Informationen zu psychischer Gesundheit und Hilfsangeboten, Veränderungen im Prozess der Kurswahl oder ein Kursangebot für Lernstrategien sind nur einige davon. Gleichzeitig wurden Maßnahmen aus der Literatur (z.B. ein Mentorenprogramm) diskutiert. Hierbei zeigt sich, dass diese Ergebnisse nur teilweise übertragbar sind. Zum aktuellen Zeitpunkt wurden bereits wichtige Maßnahmen angestoßen. Dazu zählt beispielsweise eine Notfallkarte, auf der alle wichtigen Kontakte für eine Krisensituation angegeben sind, und die den Studierenden zur Verfügung gestellt wird.
Im Fokus steht insbesondere die Verhältnisprävention, denn für die Studierende soll ein gesundheitsförderndes Umfeld geschaffen werden.

Diskussion und Ausblick
Nach einem Jahr Projektlaufzeit ist das Thema „psychische Gesundheit der Medizinstudierenden“ an der Fakultät angekommen. Das psychologische und soziale Netzwerk für Hilfsangebote wurde zugänglicher und bekannter gemacht.
Der Fokus im nächsten Jahr wird auf der Verstetigung nachhaltiger Strukturen liegen, die auch nach Beendigung des Projekts fortgeführt werden können.
Frau Melina Dederichs
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Geplante Änderung der ärztlichen Approbationsordnung (Sibylle Hildenbrand, Volker Harth)
Das Bundesministerium für Gesundheit hat Ende November 2019 einen Arbeitsentwurf der geänderten Approbationsordnung für Ärzte und Ärztinnen (ÄApprO) erstellt und an die Verbände versandt. Im Arbeitsentwurf sollen die Vorgaben des "Masterplans Medizinstudium 2020" umgesetzt werden.

Nach einer Einführung besteht die Gelegenheit zur Diskussion.

Frau Dr. Sibylle Hildenbrand
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Tübingen
Herr Volker Harth
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Donnerstag
03 Sep
13:30 - 15:00
Forum
Psychische Gesundheit bei der Arbeit
Titel: Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung
Raum: Hörsaal 7
Vorsitz: Jessica Lang und Peter Angerer
Eine qualitative Interviewstudie zur Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung in Klein- und Kleinstunternehmen (Valeria Pavlista, Mathias Diebig, Peter Angerer)
Pavlista V., Diebig M., Angerer P.

Einleitung
Das Arbeitsschutzgesetz fordert, seit 2013 explizit, die Berücksichtigung von psychischen Belastungen bei Gefährdungsbeurteilungen. Trotz dieser gesetzlichen Vorgabe gibt es erhebliche Umsetzungsprobleme bei der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung (GBP), insbesondere bei Klein- und Kleinstunternehmen (KKU). Welche Maßnahmen diese Betriebe zur Förderung der Gesundheit umsetzen und welche Einflüsse KKU bei der Durchführung der GBP behindern bzw. fördern, ist bisher kaum erforscht. Ziel dieser Interviewstudie ist es daher zu explorieren, welche gesundheitsförderlichen Maßnahmen in KKU bereits umgesetzt werden und Faktoren zu identifizieren, die die Durchführung einer GBP begünstigen.

Methoden
Es wurden 12 halbstrukturierte, qualitative Interviews mit Inhabern und Verantwortlichen für die Gesundheit aus KKU geführt. Die Interviews wurden aufgezeichnet, transkribiert und inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnisse
Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass Unternehmen in erster Linie aufgrund von Unwissenheit keine GBP durchführen. Es gibt zwar Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit, diese beschränken sich zumeist aber auf die körperliche Gesundheit wie z.B. Sportangebote. Die Problematik von Stress und psychischen Belastungen wird zwar von einigen Interviewten wahrgenommen, jedoch wird nur selten eine systematische Herangehensweise zur Analyse und Verbesserung gewählt. Da es auch an Wissen über psychische Belastungen mangelt, besteht die Gefahr, dass dabei zentrale Bereiche übersehen werden.

Diskussion
Es zeigt sich, dass vereinfachte Verfahren für die GBP notwendig sind, die sowohl mit wenig Vorwissen als auch mit wenig Zeitaufwand in KKU implementiert werden können.

Schlussfolgerung
Die befragten Verantwortlichen der KKU sehen die Notwendigkeit gesundheitsförderlicher Maßnahmen, es fehlen jedoch Kompetenz und andere Ressourcen, um eine GBP speziell mit Bezug auf psychische Belastung im geforderten Sinne durchführen zu können. Inwiefern externe Unterstützung Abhilfe schaffen kann, wird in einem laufenden Forschungsprojekt untersucht.
Frau Valeria Pavlista
Indikation psychosozialer Fehlbelastungen anhand des WHO-5 Well-Being Index (Roman Pauli, Isabell Kuczynski, Jessica Lang)
Zielsetzung: Seit längerem werden Referenzwerte zur Beurteilung psychischer Arbeitsbelastung gefordert, wie sie z.B. für chemische Gefährdungen etabliert sind (Benavides, Benach & Muntaner, 2002). Bis auf wenige Ausnahmen (Mustapha & Rau 2019) fehlen kriteriumsbezogene Grenzwerte, die eine binäre Beurteilung psychischer Belastung erlauben. In diesem Beitrag sollen derartige Grenzwerte psychischer Arbeitsbelastung abgeleitet und hinsichtlich ihrer Eignung zur Beanspruchungsindikation überprüft werden.

Methoden: Von Mai 2018 bis Juni 2019 wurden die psychische Belastung von N = 1842 Hochschulbeschäftigten mit dem Online-Verfahren PsyGesund sowie validierte Beanspruchungsindikatoren erhoben. Der WHO-5 Well-Being Index ist ein geeignetes Maß für den Schweregrad einer Depression (Krieger et al. 2014), das die dichotome Kategorisierung der Beschäftigten in Gruppen mit bzw. ohne depressive Symptomatik erlaubt. Anhand dieser Unterteilung wurden mittels ROC-Analyse Grenzwerte der Belastung abgeleitet. Zur externen Validierung wurde geprüft, ob Beschäftigte unter bzw. über dem Grenzwert signifikant verschiedene Beanspruchungen berichten.

Ergebnisse: Als Mittelwertindex über alle Items umfasst PsyGesund einen Wertebereich von 0 bis 3; niedrigere Werte entsprechen einem höheren Gefährdungspotenzial. Der Stichprobenmittelwert liegt bei M = 2,09 (SD = 0,44). Sollen 95% der Beschäftigten richtig positiv klassifiziert werden (normatives Sensitivitätskriterium), resultiert ein Grenzwert von 1,5 (Spezifität = 56%). Mit AUC = 0,852 (p < 0,01, 95%-CI [0,825; 0,880]) erscheint der WHO-5 Index als geeigneter binärer Klassifikator für psychische Arbeitsbelastung. Beschäftigte unter dem Grenzwert berichten signifikant niedrigere Arbeitszufriedenheit (t(171,924)= -14,006, p < 0,01), mehr affektives Grübeln (t(1711) = 15,217, p < 0,01) und weniger affektive Verbundenheit mit dem Betrieb (t(176,796)= -10,884, p < 0,01). Die ROCs aller acht Subskalen von PsyGesund unterscheiden sich signifikant von der Diagonalen (p > 0,01).

Schlussfolgerungen: Ein PsyGesund Mittelwertindex < 1,5 ist ein Indikator für eine Tätigkeit mit hohem Gefährdungspotenzial. Bei Tätigkeiten unter diesem Grenzwert ist mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Fehlbelastungen und damit einhergehenden negativen Beanspruchungsreaktionen der Beschäftigten zu rechnen.