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Mittwoch
20 Mar 2019
10:30 - 11:15
DGAUM
Eröffnungspressekonferenz
Raum: Joseph Meyer (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 56)
Mittwoch
20 Mar 2019
09:00 - 11:00
Arbeitsgruppen
Forum der AG Arbeitsphysiologie
"Arbeitsphysiologische Aspekte bei der Arbeit mit digitalen Assistenzsystemen"
Forum der AG Arbeitsphysiologie mit anschließender Sitzung der Mitglieder
Raum: Carl-Zeiss-Saal rechts (EG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 335)
Vorsitz 1: Irina Böckelmann | Vorsitz 2: André Klußmann | Vorsitz 3: Benjamin Steinhilber
Die Rolle und Einordnung digitaler Assistenzsysteme in der Arbeit 4.0 (Irina Böckelmann, Annemarie Minow, Annette Bergmüller, Eric Mewes, Sabine Darius, Rüdiger Mecke)
Kurzfassung:
Die weiter fortschreitende Digitalisierung der Arbeit 4.0 führt zur Zunahme des Einsatzes von digitalen Assistenzsystemen. Diese besitzen ein großes Potenzial sowohl zur Unterstützung und Entlastung der Beschäftigten als auch zur Prozessoptimierung und zur Verbesserung der Arbeitsorganisation im Betrieb.

Unter digitalen Assistenzsystemen versteht man eine Vielzahl von innovativen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sowie Anwendungen, die Beschäftigte bei ihrer Arbeit – z. B. bei regelbasierten Prozessen in der Fertigungsplanung, bei der Herstellung komplexer Anlagen, in der industriellen Montage, bei Produktions- und Logistikprozessen oder bei der Instandhaltung und Wartung – unterstützen.

Mit der Entwicklung und Einführung neuer IKT-basierter Assistenzsysteme steht die Arbeitsmedizin vor neuen Herausforderungen. Die Systeme sollten so gestaltet sein, dass sie den Kriterien der menschengerechten Arbeit entsprechen und von den Nutzern akzeptiert werden. Außerdem muss sich die Risikoeinschätzung nicht nur auf das Gerät selbst, sondern auch auf den konkreten Anwendungsfall bzw. auf die Gesundheit des Nutzers beziehen. Aus arbeitsphysiologischer Sicht ist insbesondere die Einschätzung der physischen und psychischen Beanspruchung beim Einsatz der digitalen Assistenztechnologien von Bedeutung.

Basierend auf der Einordnung von Assistenzsystemen hinsichtlich verschiedener Klassifikationskriterien (Ort, Art und Grad der Unterstützung) wird deren arbeitsphysiologische Einordnung in Anlehnung an die Grundlagen der Klassifikation der Arbeit nach Rohmert (1983) vorgenommen. Je nach dem, um welchen Typ der Arbeit (energetische oder informatorische) bzw. um welche Art der Arbeit (mechanische, motorische, reaktive, kombinative oder kreative) es sich handelt, sind verschiedene Beanspruchungen (physische, kombinierte oder psychische) zu erwarten.

Bereits bei der Entwicklung dieser Assistenzsysteme soll die Arbeitsphysiologie begleitend in die humanzentrierte ergonomische Gestaltung dieser Technologien einbezogen werden. Es sind Empfehlungen zur Gestaltung der Arbeit und zum optimalen Einsatz dieser Assistenzsysteme entsprechend der individuellen Leistungsfähigkeiten und Voraussetzungen des Nutzers auszusprechen. Die Einbeziehung arbeitsmedizinischer Subdisziplinen ist bei den heutigen Anforderungen der körperbezogenen und kognitiven Ergonomie sowie der Organisationsergonomie im Betrieb unabdingbar.
Frau Prof. Dr. med. Irina Böckelmann
Bereich Arbeitsmedizin, Medizinische Fakultät, Otto-von-Guericke Universität Magdeburg
Empfehlungen für Forschung und Praxis zu Nutzerakzeptanz, Usability und User Experience bei der Entwicklung und beim Einsatz digitaler Assistenzsysteme (Annemarie Minow, Irina Böckelmann)
Kurzfassung:
Nehmen wir an: Ein Unternehmen schafft, ohne Kosten und Mühen zu scheuen, neue digitale Assistenzsysteme (z. B. Head-Mounted Displays) für ihre Mitarbeiter an. Nach kurzer Zeit wird jedoch festgestellt: Die Systeme werden nicht genutzt und/oder bringen nicht die gewünschten positiven Effekte. Was ist passiert?

Um digitale Assistenzsysteme in Zeiten der Industrie 4.0 so zu entwickeln und einzusetzen, dass sie Mitarbeiter tatsächlich bei ihrer Tätigkeit unterstützen, sind fachliche und methodische Kenntnisse der Nutzerakzeptanz, Usability und User Experience für beteiligte Entwickler, Unternehmer und Betriebsärzte unersetzlich.

Frühzeitig, d. h. bereits in Forschungs- und Entwicklungsprojekten und bei der ersten Implementierung derartiger Systeme in Unternehmen, sollten Mitarbeiter als Experten für ihre Arbeitsplätze einbezogen werden und aktiv an dem Design und an den Steuerungsfunktionen des unterstützenden Systems teilhaben. Damit fördert die Partizipation (z. B. durch Workshops, Interviews oder schriftlicher Befragungen) eine gute Nutzerakzeptanz. Diese ist zudem von den individuellen Merkmalen einer Person (z. B. Einstellung gegenüber einer Innovation) geprägt und stets auf eine konkrete Technologie bezogen. Dabei hat aber nicht nur die ergonomische Ausgestaltung der Assistenzsysteme, sondern auch der soziale Prozess (Kommunikation z. B. mit Vorgesetzten und Kollegen) sowie die Abwägung von „pro“ und „kontra“ dieser Innovationstechnologie an sich einen entscheidenden Einfluss darauf, ob der Beschäftigte die Innovation annimmt oder ablehnt.

Weiterhin wirkt sich die Usability (dt. Gebrauchstauglichkeit) des Produkts auf die Nutzerakzeptanz aus. Sie beschreibt nach DIN EN ISO 9441-11 „das Ausmaß, in dem ein Produkt durch bestimmte Benutzer in einem bestimmten Nutzungskontext genutzt werden kann, um bestimmte Ziele effektiv, effizient und zufriedenstellend zu erreichen“. Doch auch die individuellen und emotionalen Nutzererfahrungen und
Erlebnisse bei der Interaktion mit einem System sind zu beachten. Für die Messung dieser User Experience existieren zahlreiche Methoden, die in Abhängigkeit der Technologie und des Anwendungsbereichs ausgewählt werden müssen.

Nur, wenn bei der Entwicklung und beim Einsatz gebrauchstauglicher digitaler Assistenten die individuellen Merkmale und Erfahrungen von Nutzern beachtet werden, werden diese Innovationen akzeptiert und genutzt und können ihre Potenziale für gesellschaftliche und wirtschaftliche Ziele entfalten.
Frau Annemarie Minow
Otto-von-Guericke Universität Magdeburg (Bereich Arbeitsmedizin der Medizinischen Fakultät)
Objektive Beanspruchung bei der Arbeit mit optischen digitalen Assistenzsystemen: Ein systematischer Überblick (Annette Bergmüller, Annemarie Minow, Sabine Darius, Irina Böckelmann)
Kurzfassung:
Hintergrund: Die betriebliche Nutzung optischer digitaler Assistenzsysteme, wie etwa Smartphones, Tablets oder Datenbrillen nimmt in der Produktions- und Dienstleistungsbranche zu. Der Zusammenhang zwischen der Nutzung dieser Assistenzsysteme im Arbeitskontext und den gesundheitlichen Konsequenzen für die Nutzer/innen wurde bisher zumeist auf subjektiver Ebene untersucht und fußt seltener auf objektiven gesundheitsbezogenen Outcomes. Ziel dieses Reviews ist es, die Forschungslandschaft über die psychophysiologischen Konsequenzen, die auf Grund der Nutzung optischer digitaler Assistenzsysteme entstehen, abzubilden.
Methode: Die Recherchestrategie umfasst die systematische Suche nach empirischen Studien mittels vordefinierter deutsch- und englischsprachiger Suchterme in internationalen medizinischen bzw. psychologischen Datenbanken PubMed und PubPsych, in der computerwissenschaftlichen Datenbank dblp sowie in den interdisziplinären Datenbanken Web of Science und Scopus. Das Durchsuchen von Referenzlisten und die Recherche in einschlägigen Projektdatenbanken erweitert die Suche nach potentiellen Studien. Alle Rechercheergebnisse, welche die vorab festgelegten Einschlusskriterien erfüllen, werden sowohl quantitativ als auch qualitativ ausgewertet.
Ergebnisse: Es sind kaum Studien vorhanden, die die psychophysiologischen Effekte bei der Nutzung von digitalen Assistenzsystemen im Arbeitskontext untersuchen. Thematisch lassen sich die wenigen Ergebnisse in objektive visuelle, kardiologische, muskuläre und kognitive Beanspruchungen unterteilen. Dabei unterscheiden sich die Ergebnisse nach der Anforderungsart des jeweiligen digitalen Assistenzsystems. Da im Rahmen dieses Reviews digitale Assistenzsysteme optischer Technologieart im Fokus stehen, liegt die Vermutung nahe, dass vor allem das Auge und die Sehleistung beeinflusst werden. Dieser Effekt konnte bisher bei Untersuchungen zu Head Mounted Displays (HMDs) nicht bestätigt werden. Auch die Herzratenvariabilität (HRV) scheint bei der Verwendung von HMDs unverändert zu bleiben.
Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse zeigen einen hohen Forschungsbedarf auf. Vor allem im Arbeitskontext existieren wenige bis keine Ergebnisse zu diesem Bereich. Die objektiven Parameter sind jedoch wichtig, da sie die subjektiven Beanspruchungsdaten validieren können. Die Erkenntnisse aus der Forschung zur objektiven Beanspruchung sollen zukünftig in die ganzheitliche Gefährdungsbeurteilung 4.0 einfließen.
Frau Annette Bergmüller
Otto-von-Guericke-Universität Medizinische Fakultät Bereich Arbeitsmedizin
Muskuläre und mentale Beanspruchung sowie Komfortbedingungen bei der Nutzung eines Head-Mounted Display (Nils Darwin Abele)
Kurzfassung:
Im Zuge des Forschungsprojekts „Cyberrüsten 4.0“ wird ein Cyber-Physisches-System (CPS) entwickelt, das zur Unterstützung von Maschineneinrichtern beim Rüstvorgang an Umform- bzw. Biegemaschinen im industriellen Kontext eingesetzt werden kann. Dazu werden dem Nutzer relevante Informationen kontextabhängig und prozessbegleitend aufbereitet. Die Einbettung der Unterstützungssystematik in die betriebliche Infrastruktur bedingt eine Verbesserung der Prozesseffizienz, u.a. durch die Einsparung von Rüstzeit. Die Entwicklung des CPS erfolgt mithilfe eines nutzerzentrierten Designansatzes. Im Rahmen einer Designfallstudie wird zunächst das Handlungsfeld des Anwendungsgebietes empirisch analysiert. Diese Analyse bildet die Basis für die Konzeption eines innovativen Tools, das durch praxisnahe Anwender wiederholend evaluiert und somit hinsichtlich des industrienahen Einsatzes im Nutzungsfeld reflektiert wird.
Der Umgang mit CPS, beispielsweise in Form von Head-Mounted Displays (HMD), wirft die Fragestellung auf, welche belastungs- und beanspruchungsrelevanten Parameter daraus resultieren können. In diesem Zusammenhang wurden Untersuchungen durchgeführt, die räumliche und gewichtsbezogene Ausprägungen einer Datenbrille („HoloLens“ von Microsoft) auf etwaige ergonomische Limitierungen überprüft haben.
Der Einsatz der Oberflächen-Elektromyographie ermöglichte diesbezüglich die objektive Erfassung muskulärer Beanspruchungen im Schulter-Nacken-Bereich, d.h. insbesondere der muskulären Aktivität des M. sternocleidomastoideus und des M. trapezius pars descendens, die für die Nutzung eines HMD insbesondere von Relevanz sind. Mithilfe von Wärmebildaufnahmen wurden zudem Komfortbeeinträchtigungen im Kopfbereich lokalisiert. Standardisierte und qualitative Befragungen verhalfen darüber hinaus zur Evaluierung der subjektiv empfundenen Beanspruchungen sowie der kognitiven Wahrnehmung durch die Interaktion mit der Datenbrille. In der Studie wurden insgesamt 12 Probanden (MW 26,8 J. alt) untersucht.
Anhand der erhobenen Ergebnisse können Tendenzen aufgezeigt werden, inwieweit eine nutzerzentrierte und prozesssichere Implementierung des CPS in das Produktionsumfeld realisierbar bzw. umsetzbar ist. Darüber hinaus werden sowohl technologische als auch designspezifische Limitierungen bzw. Defizite deutlich, die wiederum notwendige Gestaltungsempfehlungen bzw. -verbesserungen aufzeigen. Die Erkenntnisse sollen dabei auch in die Konzipierung weiterer praxisbezogener Studien einfließen.
Herr Nils Darwin Abele
Lehrstuhl für Technologiemanagement, Universität Siegen
Mittwoch
20 Mar 2019
14:30 - 16:00
Arbeitsgruppen
Forum der AG Psychische Gesundheit bei der Arbeit
Schwerpunktthema: "Psychische Gesundheit im Gesundheitswesen"
Raum: Christian Reichart mitte+rechts (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 120)
Vorsitz 1: Jessica Lang
Psychische Belastung und Beanspruchung im Studium der Humanmedizin (Thomas Muth, Peter Angerer)
Kurzfassung:
Ausgangssituation
Weltweit finden sich Hinweise auf erhöhte Prävalenzen psychischer Störungen unter Studierenden der Humanmedizin. Insbesondere werden Störungen aus dem affektiven Bereich bis hin zu häufigeren Suizidabsichten beschrieben. Möglicherweise zeigen sich hier Beanspruchungen durch das Studium. Zur Entwicklung präventiver Konzepte ist aufgrund unterschiedlicher Umsetzung der Curricula bzw. örtlicher Gegebenheiten eine lokale Analyse sinnvoll.
Fragestellung
Welcher Zusammenhang zwischen Belastungen und Beanspruchungen findet sich bei Studierenden der Humanmedizin an der Universität Düsseldorf?
Methode
Studierende der Jahrgänge 2012 und 2013 werden mit jährlichen online-Befragungen durch ihr Studium begleitet, ergänzend werden Themen im Rahmen von Fokusgruppen vertieft. Belastungen werden mit einer Liste von Tätigkeitsmerkmalen (TAA) und dem Fragebogen zur Effort-Reward-Imbalance (ERI) erfasst, Beanspruchungen im Bereich der psychischen Gesundheit mit dem Patient Health Questionnaire (PHQ) gemessen.
Aktuelle Ergebnisse
An den meisten Erhebungen nahmen zwischen 200 und 300 Studierende teil, die Teilnahmequote betrug damit ca. 50%-75%. Unter den beschriebenen Belastungen rangieren Aspekte der Studienorganisation weit vorn. Zeitdruck, fehlende/unklare Informationen, organisatorische Mängel, Unvereinbarkeit von Aufgaben u.ä. werden in allen Phasen des Studiums hervorgehoben – typisch medizinische Belastungen wie Infektionsgefahren o.ä. spielen in der Wahrnehmung der Studierenden keine Rolle. Das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag (ERI) im Studium liegt für die Hälfte der Befragten im ungünstigen Bereich (ERR > 1). Die Prävalenz psychischer Probleme im depressiven Bereich (PHQ-9 > 10) steigt rasch auf fast 30%, um im Verlauf des Studiums etwas abzusinken und auf hohem Niveau zu stagnieren.
Diskussion & Ausblick
Ähnlich wie in anderen Arbeiten finden sich bei Studierenden der HHU klare Hinweise auf Fehlbeanspruchungen durch die Belastungen im Studium der Humanmedizin. Ansätze für Verbesserung der Arbeitsbedingungen liegen vor allem in den Bereichen Arbeitsorganisation, Kommunikation und Wertschätzung. Wo die Gestaltung des Studiums (Verhältnisprävention) an die Grenzen stößt, sind zusätzliche, niedrigschwellige Angebote zur Unterstützung, zum Aufbau von Ressourcen und zur Krisenintervention sinnvoll
Herr Dr. Thomas Muth
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Belastungen und Belastungsfolgen bei Notärzten im Raum Magdeburg (Sabine Darius, Benjamin Balkaner, Irina Böckelmann)
Kurzfassung:
Hintergrund und Zielstellung
Die Tätigkeit als Notarzt ist mit hohen physischen und psycho-emotionalen Belastungen im Arbeitsalltag verbunden. Mögliche Folgen sind unter anderem eine gestörte Work-Life-Balance und darüber hinaus ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung gesundheitlicher Störungen. Ziel der Studie war es zu klären, in welchem Maß Notärzte Belastungen ausgesetzt sind und inwieweit daraus tatsächlich gesundheitliche Beeinträchtigungen resultieren.

Methodik
An der Studie nahmen 33 Notärzte (14 Frauen, 19 Männer) im Alter von 38,2 ± 7,2 Jahren aus Magdeburg und Umgebung freiwillig teil. Sie waren im Durchschnitt 10,4 ± 7,7 Jahre berufstätig. Die Belastungsfaktoren während ihrer Tätigkeit wurden mit einem selbst entwickelten Fragebogen in Anlehnung an Rudow (2001) erhoben. Die Work-Life-Balance und das gesundheitliche Befinden wurden mittels standardisierter Fragebögen (GHQ-12, MBI, PSQI, ERI u. a.) ermittelt.

Ergebnisse
Als subjektiv häufig empfundene Belastungsfaktoren wurden neben räumlicher Enge im Rettungswagen, unvorsichtigen Autofahrern und Belanglosigkeit des Einsatzes hauptsächlich Faktoren auf kommunikativer sowie der organisationalen Seite des Rettungsdienstes genannt. Mit der Zeit für Familie/Partner waren 30 % der Notärzte unzufrieden. Nur teilweise bzw. gar nicht zufrieden waren die Notärzte mit der Zeit für Freunde, Freizeit, Sport oder Hobbys. Bei 16 % der Notärzte war die psychische Gesundheit bereits beeinträchtigt, 31 % klagten über Schlafstörungen und 37,5 % wiesen einige Burnout-Symptome wie emotionale Erschöpfung auf. Fehlende Kraft, die Freizeit zu genießen, korrelierte negativ mit psychischer Gesundheit (r = -.645, p < 0,001), mit dem Burnout-Risiko (r = -.726, p < 0,001) sowie mit Schlafstörungen (r = -.42, p < 0,01). Schlechte Schlafqualität wiederum korrelierte mit beeinträchtigter psychischer Gesundheit (r = ,56; p < 0,01) und mit emotionaler Erschöpfung (r = ,46; p < 0,01).

Schlussfolgerung
Aufgrund erhöhter Belastung bei Notärzten und teilweiser Unzufriedenheit mit der Work-Life-Balance ist die psychische Gesundheit bei ihnen gefährdet. In dieser kleinen Stichprobe fanden sich bereits gesundheitliche Beeinträchtigungen. Etwa ein Drittel klagt über Schlafstörungen und vermehrte emotionale Erschöpfung.
Präventive Maßnahmen wie Verbesserung der Kommunikationsstrukturen sowie der Organisation können sinnvoll sein, um gesundheitliche Beeinträchtigungen zu vermeiden bzw. zumindest einzudämmen.
Frau Dr. med. Sabine Darius
Bereich Arbeitsmedizin, Medizinische Fakultät, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Arbeitsstress in der Akutversorgung und Qualität der Patientenversorgung: Eine Interventionsstudie in einer interdisziplinären Notaufnahme (Matthias Weigl, Anna Schneider)
Kurzfassung:
Hintergrund: Das Personal in Notaufnahmen ist mit hohen Arbeitsbelastungen und einem erhöhten Risiko psychischer Fehlbeanspruchungen konfrontiert. Gleichwohl sind keine geeigneten Interventionen für die Gestaltung gesundheits- und leistungsförderlicher Arbeitsbedingungen der Arbeitsumgebung berichtet; schon gar nicht mit Einbezug von Effekten für die Qualität der Patientenversorgung. Ziel der in dem Beitrag vorgestellten Interventionsstudie war, die systematische Durchführung und Evaluation einer beteiligungsorientierten Intervention für Effekte der psychosozialen Arbeitsbelastungen, psychischen Fehlbeanspruchung sowie der Patientenversorgung.
Methoden: Ein multi-methodales Interrupted-Time-Series Design wurde durchgeführt (Zeitraum 15 Monate). In einer interdisziplinären Notaufnahme wurden Ärzte, Pflegekräfte sowie Verwaltungsmitarbeiter vor und nach der Intervention mit standardisierten Instrumenten befragt. Zugleich beurteilten Patienten die Krankenversorgung und es wurden Tätigkeitsbeobachtungen durchgeführt. Es wurden mit den Beschäftigten zehn interdisziplinäre Gesundheitszirkel zu Problemen und Maßnahmen der Arbeitsbelastungen und –organisation durchgeführt.
Ergebnisse: 149 Mitarbeiter- und 1418 Patientenfragebögen gingen in die Auswertung ein, mit 41 Mitarbeitern die an beiden Befragungszeitpunkten sich beteiligten. Bedeutsame psychosoziale Arbeitsbelastungen waren Arbeitsunterbrechungen, Zeitdruck und geringe Partizipationsmöglichkeiten. Positive Veränderungen nach der Intervention zeigten sich beim Tätigkeitsspielraum und den reduzierten Überstunden. Das soziale Klima verschlechterte sich hingegen. Das Niveau psychischer Fehlbeanspruchung war hoch und ein negativer Trend bei Arbeitszufriedenheit und Kündigungsabsichten wurde beobachtet. Mit der Intervention einhergehend wurde eine verbesserte Zufriedenheit der Patienten mit der Organisation sowie mit kürzeren Wartezeiten beobachtet.
Diskussion: Erstmalig liegen systematische Ergebnisse zur Gestaltung von Arbeitsbedingungen in einer Notaufnahme vor – mitsamt einhergehenden Effekten für die Versorgungsqualität. Auch wenn inkonsistente Ergebnisse beobachtet wurden, lassen sich Rahmenbedingungen für eine gesundheitsförderliche Gestaltung der Arbeitsumgebung und psychischen Gesundheit für die Beschäftigten identifizieren. Die Studie liefert wichtige Impulse, um weitere arbeitsmedizinische Evidenz zur Gestaltung soziotechnischer Arbeits- und Versorgungssysteme in Notaufnahmen zu generieren.
Herr PD Dr. Matthias Weigl
Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München
Die Perspektive von ärztlichen und pflegerischen Führungskräften im Krankenhaus auf die psychische Beanspruchung der Mitarbeiter: Eine qualitative Interviewstudie im Rahmen der SEEGEN Studie (Britta Worringer, Melanie Genrich, Andreas Müller, Peter Angerer)
Kurzfassung:
Zielsetzung
Die Studie Seelische Gesundheit am Arbeitsplatz Krankenhaus (SEEGEN) hat als Ziel im Rahmen eines vierjährigen Projektes, eine komplexe Intervention basierend auf verhaltens- und verhältnispräventiven Maßnahmen zu entwickeln, in die Anwendung zu bringen und ihre Wirksamkeit zu prüfen. Das hier berichtete Teilprojekt befasst sich mit der Sensibilisierung oberer Führungskräfte (FK), leitende Ärzte und Pflegekräfte, für das betriebliche Gesundheitsmanagement in der Klinik, da Ansätze zur betrieblichen Gesundheitsförderung nur dann erfolgreich und nachhaltig sind, wenn es gelingt, FK für verhältnis- und verhaltensbezogene Interventionen als Unterstützer zu gewinnen. Dies erfordert neben einer Sensibilisierung der FK, dass Interventionen ihren Bedarf berücksichtigen. Als Grundlage für eine partizipativ zu entwickelnde Qualifizierungsmaßnahme wurden die o.g. oberen FK eines Krankenhauses zu diesen Themen interviewt.

Methoden
Durchführung einer halbstandardisierten qualitativen Interviewstudie mit oberen Führungskräften im Krankenhaus zum Thema „Gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung im Krankenhaus“ (N=35, davon 14 Chefärzte, 8 Oberärzte, 14 Stationsleitungen). Strukturierende inhaltsanalytische und softwaregestützte Auswertung nach Mayring unter Einbezug der Theorie des geplanten Verhaltens (Aijzen) und den Leitlinien psychischer Gefährdungsbeurteilung (Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie) mit deduktiv-induktiver Herangehensweise.

Ergebnisse
Vorläufige Ergebnisse weisen darauf hin, dass Führungskräfte im Krankenhaus grundsätzlich für die Relevanz des Themas psychische Gesundheit bei der Arbeit sensibilisiert sind. Es herrscht jedoch eine hohe Variabilität bezüglich des wahrgenommenen Stellenwertes des Themas am Klinikum sowie der Gestaltungsmöglichkeiten hinsichtlich der Stärkung der psychischen Gesundheit der Mitarbeiter. Als häufig vorkommende Belastungsfaktoren der Mitarbeiter wurden von den FK insbesondere Personalmangel, Zeitdruck, wenig Pausenzeiten, kommunikative Schwierigkeiten und emotionale Inanspruchnahme genannt. Als mögliche Beanspruchungsfolge nannten die FK eine verschlechterte Arbeitsatmosphäre, Zunahme von Fehlern, Zunahme von krankheitsbedingten Fehltagen bis hin zu Kündigungen.

Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise für die Entwicklung von Interventionen, die das Ziel haben Führungskräfte in betriebliche Maßnahmen zur Stärkung der psychischen Gesundheit aktiv einzubinden.
Frau M.Sc. Britta Worringer
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Perspektivwechsel und Wertesensibilität - Entwicklung und Evaluation eines Trainings zur Verbesserung der Arbeits- und Betreuungssituation in der ambulanten (Alten-)Pflege (Britta Herbig, Tobias Filmer)
Kurzfassung:
Vortrag im Forum der AG Psychische Gesundheit bei der Arbeit

Zielsetzung: In der ambulanten Pflege finden sich vielfältige Belastungskonstellationen, bei denen sich v.a. das Konfliktpotenzial deutlich von der stationären Pflege unterscheidet – aufgrund des „Gaststatus“ der Pflegekraft in der Privatsphäre des Gepflegten werden Unterschiede in Wertvorstellungen, Einstellungen und Perspektiven relevanter und können die Pflegesituation für Pflegekräfte und Patienten erschweren. Ambulante Pflegekräfte benötigen daher entsprechende persönliche und kommunikative Kompetenzen, um die Versorgungsqualität zu erhöhen und die eigene Beanspruchung zu reduzieren. Ein Training zur Vermittlung dieser Kompetenzen wurde entwickelt und dessen Auswirkungen auf mehreren Ebenen evaluiert.
Methoden: Neben unmittelbaren Effekten auf Teilnehmerzufriedenheit wurden in einem multimethodalen (teil)kontrolliertem Prä-Post-Test-Design das Wissen zu Wertesensibilität durch einen eigens entwickelten Wissenstest mit Fallvignetten sowie die Interaktionskompetenz der Pflegekräfte in Schichtbeobachtungen ermittelt. Des Weiteren wurden u.a. die Fähigkeit zur Perspektivübernahme der Pflegekräfte mit dem Interpersonal Reactivity Index sowie die Zufriedenheit der Patienten mit dem Münchner Instrument zur Patientenbefragung erhoben.
Ergebnisse: Insgesamt beteiligten sich 214 Pflegekräfte (48.5 ± 9.6 Jahre, 87.9 % weiblich) aus 10 Pflegediensten an der Befragung, davon nahmen 88 an der Intervention teil. Neben einem deutlichen Wissenszuwachs von 12.5% (p = .008), zeigen sich positive Veränderungen in der beobachteten Interaktion mit den Patienten (z.B. iniitierte Kommunikation mit Patienten, p =.003) sowie (tendenziell) in selbstberichteter Reflexionsfähigkeit (Interaktionseffekt F = 4.98, p = .029) und Perspektivübernahme (F = 3.08, p = .084). Die Patientenzufriedenheit ändert sich nicht und verblieb auf einem sehr hohen Niveau.
Schlussfolgerungen: Vor dem Hintergrund der ermutigenden Ergebnisse wird diskutiert, ob Trainings der vorgestellten Art geeignet sind, als Türöffner für verhältnispräventive Maßnahmen zu dienen. Da die Relevanz ambulanter Pflege in der Zukunft weiter zunehmen wird, sollten ihre speziellen Rahmenbedingungen und Probleme mehr in den Fokus von Forschung und Prävention gerückt werden.
Frau PD Dr. Britta Herbig
Klinikum der Universität München
Mittwoch
20 Mar 2019
09:00 - 10:30
Arbeitsgruppen
Forum der AG Gefahrstoffe
Raum: Heinrich Erhardt (1. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 96)
Vorsitz 1: Dirk Walter
Kanzerogenität von Schweißrauchen und UV-Strahlung: Aktuelle IARC-Einstufung - Hintergründe, Folgerungen für Prävention und BK-Bereich (Wolfgang Zschiesche, Thomas Brüning)
Kurzfassung:
Neubewertung der Kanzerogenität von Schweißrauchen durch die IARC 2017
Schweißrauche waren durch die IARC bisher als „möglicherweise krebserzeugend“ beim Menschen (Gruppe 2B) eingestuft worden. 2017 erfolgte eine Neueinstufung aller Schweißrauche als humankanzerogen (Gruppe 1), ebenso für UV-Strahlung beim Schweißen.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Es liegen mittlerweile zahlreiche Kohorten- und Fallkontrollstudien zur Mortalität und Morbidität bei Schweißern vor. Diese zeigen großenteils eine Überhäufigkeit von Lungenkarzinomen bei Schweißern in der Größenordnung um 20 bis 40 %. Confounder wie Asbestbelastungen und Tabakrauchen erklären das Excess-Risiko nicht vollständig. Eine jüngste Meta-Analyse von Studien mit Asbest- und Rauchadjustierung zeigt eine Risikoerhöhung um etwa 10 %. In einigen epidemiologischen Studien wurden erhöhte Risiken für Uvealmelanome bei Schweißern, z. T. mit Angaben von Keratokonjunktivits photoelectrica; nachgewiesen.
Diskussion
Die Studien ermöglichen insgesamt keine Ableitung gesicherter Dosis-Risikobeziehungen für Lungenkrebs. Die Mehrzahl der Ergebnisse liegt für das Schweißen von unlegierten und legierten Stählen vor, für die sich keine Unterschiede im Lungenkrebs-Risiko zeigen. Dies ist v. a. durch die Metallrauchstruktur erklärbar. Daten zu anderen Werkstoffen sind limitiert. Auffällig sind z. T. rel. hohe Risiken für Gasschweißer, für die in einigen Studien Fehlklassifikationen vorgelegen haben können. Die Ergebnisse sind insgesamt am ehesten als Partikeleffekt erklärbar. Bzgl. Uvealmelanomen ist zu berücksichtigen, dass UV-Strahlung praktisch vollständig durch die Augenlinse absorbiert wird, so dass plausibel nur eine Risikoerhöhung im Bereich der vorderen Augenabschnitte (Iris, Ciliarkörper) erklärt werden kann.
Schlussfolgerungen
Derzeit liegt für Schweißrauche in der EU wie in Deutschland keine Kanzerogenitäts-Einstufung von Schweißrauchen vor. Unter präventiven Gesichtspunkten besteht angesichts der derzeitigen niedrigen Grenzwerte und Beurteilungsmaßstäbe für Gefahrstoffe bereits jetzt quasi ein „Minimierungsgebot“. Eine BK-Anerkennung ist derzeit nur beim Vorliegen spezifischer Schweißrauchkomponenten (Cr(VI), Ni-Verbindungen, Thorium) möglich. Inwieweit künftig eine Legaleinstufung von Schweißrauch allgemein als kanzerogen erfolgt, bleibt angesichts der vergleichsweise geringen Risikoerhöhungen abzuwarten. Im Hinblick auf Aderhautmelanome war die BK-Reife in Deutschland erst kürzlich verneint worden.
Herr Wolfgang Zschiesche PD Dr. med.
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA
Mitglied der DGAUM
Umgang und Belastungen mit Arzneimitteln bei Pflege-kräften im Krankenhaus (Bernd Roßbach)
Kurzfassung:
Schätzungen zufolge wenden Pflegekräfte in Krankenhäusern etwa 25% ihrer Arbeitszeit für Tätigkeiten mit Arzneimitteln auf. In punkto Arbeitsschutz ggf. relevante Gefahrstoffeigenschaften von Fertigarzneimitteln sind für die Beschäftigten mangels entsprechender Kennzeichnung oftmals nicht ersichtlich. Ziel der beschriebenen experimentellen und epidemiologischen Untersuchungen war es, detaillierte Informationen zu Belastungen durch den Umgang mit Arzneimitteln in der stationären Krankenpflege zu gewinnen.
Elf in der Krankenpflege typische Arbeitsabläufe mit Arzneimitteln (u. a. Tätigkeiten mit Infusionen oder nicht überzogenen Tabletten) wurden unter standardisierten Bedingungen wiederholt durch Probanden simuliert. Dabei auftretende Substanzkontaminationen der Arbeitsfläche sowie an den Händen der Probanden wurden durch Fluoreszenz visualisiert sowie instrumentell-analytisch (HPLC/FD) quantifiziert. Daten zu Art und Häufigkeit von Arzneimitteltätigkeiten in der Krankenpflege wurden zwischen Oktober 2016 und Januar 2017 mit Hilfe der einer deutschlandweiten Onlinebefragung in Form einer explorativen, nicht-kontrollierten Querschnittserhebung ermittelt.
In den Experimenten konnten bei der überwiegenden Zahl der simulierten Arbeitsschritte Arzneimittelkontaminationen sowohl im Bereich der Hände als auch auf der Arbeitsfläche nachgewiesen werden. Die freigesetzten Mengen an Arzneimittelformulierung lagen dabei zumeist im 1- bis 2-stelligen µg- bzw. µl-Bereich (Medianwerte) und in der Regel deutlich unterhalb von 1% der Ausgangmenge an Arzneimittelformulierung. Basierend auf Daten von n=910 Pflegebediensteten aus Krankenhäusern (Alter: 17 bis 65 Jahre, Median 37,0) waren die häufigsten Tätigkeiten das Ausblistern von Tabletten sowie die Vorbereitung/Gabe wirkstoffhaltiger Infusionen. Bei hoher interindividueller Variabilität ergaben sich Tätigkeitsumfänge von im Median 100 auszublisternden Tabletten bzw. 25 zu richtenden/zu verabreichenden Infusionen pro Woche. Jeweils über 85% der Befragten gaben an, dabei zumindest „manchmal“ Hautkontakt mit den zuvor genannten Arzneiformen zu haben.
Die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, dass bei vielen Tätigkeiten mit Arzneimitteln mit einer Freisetzung von Arzneimittelbestandteilen auf Arbeitsflächen, aber auch auf die Hände von Beschäftigten gerechnet werden muss. Die oftmals über viele Jahre wiederholte Ausführung entsprechender Tätigkeiten könnte bei Beschäftigten zu relevanten Expositionen gegenüber Arzneimittelbestandteilen führen. Eine Stärkung des Gefährdungsbewusstseins der Pflegekräfte in Bezug auf den Umgang mit Arzneimitteln erscheint daher wünschenswert.
Herr Dr. rer. nat. Bernd Roßbach
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Mittwoch
20 Mar 2019
09:00 - 10:30
Arbeitsgruppen
Forum der AG Umweltmedizin
Raum: Ernst Abbe (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 86)
Vorsitz 1: Klaus Schmid
Innenraumallergene in privaten und öffentlichen Bereichen (Monika Raulf)
Kurzfassung:
Der überwiegende Aufenthalt in Innenräumen gehört zum so genannten „Western Lifestyle“, d.h. Arbeits-, Lebens- und Wohnbedingungen, die mit der Zunahme allergischer Erkrankungen assoziiert werden. Zu den häufigsten Allergenquellen in Innenräumen, die ursächlich für die Reaktionen an den oberen und tieferen Atemwegen verantwortlich sind, gehören in Europa Hausstaubmilben sowie Katzen und Hunde. Deutlich seltener ist eine Sensibilisierung gegen Schimmelpilze. In einer bevölkerungsbezogenen Untersuchung in Deutschland zur Prävalenz von Sensibilisierung gegen Inhalations- und Nahrungsmittelallergene unter Erwachsenen (18- bis 79-Jährige) konnte mittels spezifischer IgE-Bestimmung eine Sensibilisierungsprävalenz von 15,9% gegen die Hausstaubmilbe Dermatophagoides pteronyssinus und gegen Hundeschuppen bzw. Katzenepithelien von jeweils 7% nachgewiesen werden. Gegen die Schimmelpilze Aspergillus fumigatus und Cladosporium herbarum wiesen 2,3% bzw. 1,3% der 7025 getesteten Seren spezifische IgE-Antikörper aus. Damit belegt auch diese Untersuchung die bedeutende Rolle der Hausstaubmilben als Innenraumallergenquelle. In den USA stellen die Schaben Blattella germanica und Periplaneta americana oder auch Maus- und Rattenallergene relevante Allergenquellen in Innenräumen dar. Immunologische Methoden basierend auf poly- bzw. monoklonalen Antikörpern eignen sich zum Nachweis und zur Quantifizierung von Innenraumallergen und erlauben auch das Aufdecken von „Verschleppungen“. So zeigen Studien zur Exposition gegenüber tierischen Allergenen, dass Allergene ubiquitär vorkommen, unabhängig vom Vorhandensein der Tiere. Auf die sensibilisierenden Eigenschaften von Innenraumallergenen, ihre Verbreitung und Detektions- und Quantifizierungsmöglichkeiten wird im Vortrag eingegangen.
Frau Prof. Dr. Monika Raulf
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA),
Elektronisches Polleninformationsnetzwerk in Bayern (ePIN) und systematischer Literaturreview zu Maßnahmen zur Minderung von aeroallergen bedingten allergischen Beschwerden (LiMA) (Alisa Weber, Paul Schutzmeier, Nadine Steckling-Muschak, Hanna Mertes, Susanne Kutzora, Athanasios Damialis, Michael Kabesch, Claudia Traidl-Hoffmann, Karl-Christian Bergmann, Stephan Böse-O´Reilly, Dennis Nowak, Jose Oteros, Jeroen Buters, Caroline Herr, Stefanie Heinze)
Kurzfassung:
Hintergrund:
In Bayern wird derzeit durch das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Kooperation mit dem Zentrum für Allergie und Umwelt der TU München/Helmholtz Zentrum München ein elektronisches Polleninformationsnetzwerk (ePIN) mit acht elektronischen Pollenmonitoren an acht Standorten in Bayern aufgebaut. Zur Gestaltung der Webseite des LGL zur Darstellung der aktuellen Pollenexposition aus ePIN sollen im Vorfeld evidenzbasierte Ergebnisse zur Minderung von aeroallergen bedingten allergischen Beschwerden (Projekt LIMA) erarbeitet werden.
Methodik:
Seit kurzem sind neue Techniken mit automatisierter Pollenzählung und -charakterisierung verfügbar. Statt manuell Daten aus der mikroskopischen Analyse einzuspeisen (Arbeitsweise konventioneller Pollenfallen), können diese elektronisch in kurzen Intervallen zur Verfügung gestellt werden.
Im Projekt LIMA wird ein systematischer Literaturreview unter Einbezug internationaler Literatur durchgeführt. Dabei werden bisherige Ergebnisse zu Maßnahmen zur Minderung von aeroallergen bedingten allergischen Beschwerden systematisch recherchiert und unter Einbeziehung wissenschaftlich ausgewiesener Experten evaluiert.
Ergebnisse:
Mit ePIN werden die Pollendaten schneller verfügbar sein. Die Bevölkerung kann sich auf der Webseite des LGL über den aktuellen Pollenflug informieren.
Für LIMA ergab die Suche nach Begriffen für Exposition, allgemeiner Intervention und gesundheitlichem Outcome 494 Treffer bei Pubmed, von denen 45 Publikationen durch das Abstractscreening eingeschlossen werden konnten. Die bisher gefundenen Maßnahmen umfassen ein breites Spektrum von individuellen bis hin zu räumlichen Maßnahmen. Es ist zu erwarten, dass sich die Anzahl projektrelevanter Studien nach Abschluss des Schneeballverfahrens und Volltextscreenings weiter erhöht.
Ausblick:
Die Erkenntnisse aus dem Projekt LIMA sollen für die Webseite des LGL zur Darstellung der Pollendaten aus dem elektronischen Polleninformationsnetzwerk in Bayern genutzt werden. Zusätzlich werden derzeit im Projekt LUPO symptom-relevante Konzentrationen von aerogenen Pollen erarbeitet.

ePIN: Finanziert durch das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege und durch das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz
LIMA: Finanziert durch das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege
Frau Alisa Weber
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
Mittwoch
20 Mar 2019
08:00 - 11:30
Bundeswehr
Fortbildungsveranstaltung der arbeitsmedizinisch tätigen Ärzte und Ärztinnen der Bundeswehr
geschlossene Veranstaltung
Raum: Christian Reichart mitte+rechts (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 120)
Mittwoch
20 Mar 2019
09:00 - 11:00
Arbeitsgruppen
Forum der AG Lehre
Raum: Adam Ries (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 66)
Vorsitz 1: Sibylle Hildenbrand
Arbeits- und sozialmedizinische Projektarbeiten – frühe wissenschaftliche Sichtbarkeit des Fachs durch Durchführung von curricular verpflichtenden Forschungsarbeiten mit Studierenden der Humanmedizin (Sibylle Hildenbrand, Achim Siegel, Benjamin Steinhilber)
Kurzfassung:
Zielsetzung
In den Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Weiterentwicklung des Medizinstudiums wurde darauf hingewiesen, dass die Wissenschaftlichkeit im Humanmedizinstudium gefördert werden soll. Die medizinische Fakultät in Tübingen hat ein „Längsschnittcurriculum Wissenschaftlichkeit“ für das Humanmedizinstudium entwickelt. Im Sommersemester 2018 nahm das Fach Arbeitsmedizin, Sozialmedizin bei der ersten Durchführung der verpflichtenden studentischen Forschungsarbeiten teil.

Methoden
Das Längsschnittcurriculum basiert auf verschiedenen Lehrformaten. Im 1., 3. und 5. Semester finden vorbereitende Vorlesungen statt. Im 5. Semester fertigt jeder Studierende eine wissenschaftliche Projektarbeit an, die entsprechend der knappen Zeit und angepasst an die Kenntnisse, kleinschrittig von den Betreuern vorbereitet wurde.

Ergebnisse
Im Fach Arbeitsmedizin, Sozialmedizin wurden folgende drei Forschungsarbeiten aus dem Bereich Arbeitsphysiologie bzw. Versorgungsforschung durchgeführt: „Analyse von Kniegelenksgeräuschen nach langem Stehen - Explorative Datenauswertung“ und „Kleinräumige regionale Unterschiede in der Lebenserwartung in Baden-Württemberg bzw. in Nordrhein-Westfalen - Beschreibung und Erklärung anhand sozialer, ökonomischer und versorgungsstruktureller Variablen“. Auf Dozentenseite lag die Herausforderung darin, eine kurze Forschungsarbeit zu planen, so dass sie in 70 Stunden durchzuführen ist. Dies wurde so umgesetzt, dass die Studierenden eine Einführung in die Auswertesoftware (z.B. SPSS) bekamen, bereits generierte Forschungsdaten entsprechend der Fragestellungen auswerteten, die Ergebnisse zusammenfassten und präsentierten.
Das neue Lehrformat hat für das Fach die Vorteile, dass es sich früh im Studium mit seinen Forschungsinhalten den Studierenden präsentieren kann und dass Ergebnisse der Projektarbeiten ggf. gewinnbringend für die Forschung des Instituts verwendet werden können. Auch besteht die Möglichkeit, Studierende für Dissertationen kennenzulernen.

Schlussfolgerungen
Alle Studierenden führen in der scheinpflichtigen Veranstaltung eine Projektarbeit durch und werden u.a. damit an das wissenschaftliche Denken und Handeln herangeführt. Allerdings gehen die Projektarbeiten mit einem hohen zeitlichen Engagement auf Seiten der Studierenden und Dozierenden einher. Interessant ist die Frage, ob in Zukunft der Anteil der Studierenden, die eine Dissertation anfertigen und/oder die sich wissenschaftlich engagieren werden, sich erhöhen wird.
Frau Dr. Sibylle Hildenbrand
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Tübingen
Studentisches Gesundheitsmanagement für angehende Medizinerinnen und Mediziner (Thomas Muth, Peter Angerer)
Kurzfassung:
Studentisches Gesundheitsmanagement im Studium der Humanmedizin
Ausgangssituation
Aktuelle internationale Studien und Reviews belegen ebenso wie nationale und lokale Arbeiten die hohe psychische Beanspruchung unter Studierenden der Humanmedizin. Weltweit finden sich nahezu einhellig Hinweise auf erhöhte Prävalenzen psychischer Störungen, insbesondere aus dem affektiven Bereich.
Eigene Erhebungen zeigen, dass - neben spezifischen Persönlichkeits- und individuellen psychosozialen Faktoren - vor allem auch Belastungen durch und rund um das Medizinstudium wesentlich zu dieser problematischen Situation beitragen. Qualitative Forschungsarbeiten vor Ort unterstreichen den engen Zusammenhang.

Fragestellung und Ziel
Es wird ein Projekt vorgestellt, dessen Ziel der Aufbau eines nachhaltigen "betrieblichen" Gesundheitsmanagements für Studierende der Medizin an der HHU ist. Dazu gehören auch Entwicklung und Umsetzung erster Interventionen zur Gesundheitsförderung und zur Prävention psychischer/psychosomatischer Erkrankungen.

Aktuelle Ergebnisse
Ähnlich wie in anderen Untersuchungen nimmt auch unter Studierenden der Medizin in Düsseldorf kurz nach dem Beginn des Studiums die Prävalenz depressiver Symptome deutlich zu. So verdoppelt sich der Anteil betroffener Studierender von etwa 10% auf etwa 20% und mehr - die untersuchten Kohorten unterscheiden sich geringfügig. Häufig benannte tätigkeitsbezogene Belastungen sind Zeitdruck, unklare Kommunikationsstrukturen, organisatorische Mängel, geringer Handlungsspielraum und eine deutlich wahrgenommene geringe Wertschätzung.

Diskussion & Ausblick
Mit Fördermitteln der Fakultät wird in den nächsten 24 Monaten ein Studentisches Gesundheitsmanagement konzipiert und aufgebaut. Eine tragende Rolle sollen dabei die Studierenden selber spielen. Am Ende der Projektlaufzeit von zwei Jahren sollten sich die Strukturen und Prozesse bewährt und etabliert haben. Die Möglichkeiten zur frühzeitigen Problematisierung und Weiterentwicklung des Themas "Gesundheit" für die Prävention in einer "Hochrisikogruppe" sollten deutlich werden.
Herr Dr. Thomas Muth
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Students at Work (S@W): Unterweisungskonzept und erste Erfahrungen (Silvester Siegmann, Patrick Bergmann, Christian Herrmann, Inga Wienand)
Kurzfassung:
1. Ausgangslage
Im Laufe des Studiums der Human- und Zahnmedizin gibt es verschiedene gesetzliche Arbeitsschutzregelungen incl. der verpflichtenden Unterweisungen zu Sicherheit, Gesundheit und Hygiene zu beachten, gerade in der Humanmedizin nicht zu Letzt auch vor dem Hintergrund der EU Datenschutzgrundverordnung zusätzlich der Datenschutz. Mit geringen Ressourcen müssen große Studierendenzahlen „versorgt“ werden.

2. Zielsetzung
Im Studiengang Humanmedizin an der Medizinischen Fakultät der Heinrich Heine Universität Düsseldorf werden die Studierenden in Pflichtveranstaltungen unterwiesen (festgeschrieben in der Studienordnung) und müssen vor Beginn des klinischen Abschnitts zum Betriebsarzt. In einigen Fällen kann bei "Nicht-Teilnahme" an der Unterweisung das Studium dadurch verzögert werden, da sich die Studierenden bei fehlender Unterweisung nicht zum Folgesemester zurückmelden können. Im Rahmen eines Projektes wird ein Gesamt-Unterweisungskonzept erstellt, dass die Unterweisung der Studierenden zeitlich und örtlich flexibler ermöglichen soll und von der Unfallkasse akzeptiert wird.

3. Umsetzung
Die arbeitsschutzrelevanten Grundlagen, aber auch spezifische Vertiefungen werden in interaktiven (Selbst-)Lerneinheiten vermittelt. Weitere Maßnahmen wie die Erweiterung des Internetportals mit einem Wiki, aber auch Präsenzveranstaltungen und die Gründung eines „Runden Tisches“ unter Beteiligung aller Stakeholder incl. der Landesunfallkasse runden das Paket ab.

4. Diskussion
Das mögliche Engagement arbeitsmedizinischer Hochschulinstitute bzgl. Sicherheit und Gesundheit der Studierenden durch interaktive (Selbst-)Lerneinheiten im Rahmen der vorgeschriebenen Unterweisungen bietet die Chance das Fach Arbeitsmedizin (und auch die Arbeitssicherheit) als wichtigen Bestandteil jeder Tätigkeit auszuweisen ohne dafür Dozenten-Ressourcen im größeren Stil aufzuwenden. Dies könnte mittelfristig zu einer auch besseren Wahrnehmung des Faches und Steigerung der Bedeutung bereits bei den Studierenden führen.
Das Portal ist ab dem WS 2018/2019 im Internet frei zugänglich über die Homepage des Studiendekanats der Medizinischen Fakultät der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf zugänglich.

Herr Silvester Siegmann
Medizinische Fakultät Heinrich Heine Universität Düsseldorf
www.linkedin.com
Mittwoch
20 Mar 2019
08:30 - 09:30
Nachwuchs
Aktionsbündnis Arbeitsmedizin: Vorstandssitzung
Raum: Christian Reichart links (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 88)
Vorsitz 1: Stephan Letzel
Mittwoch
20 Mar 2019
09:45 - 11:00
Nachwuchs
Aktionsbündnis Arbeitsmedizin: Mitgliederversammlung
Raum: Christian Reichart links (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 88)
Vorsitz 1: Stephan Letzel
Mittwoch
20 Mar 2019
11:30 - 13:30
DGAUM
Eröffnungsveranstaltung
  • Begrüßung (H. Drexler)
  • Grußworte:
    • Ministerin Heike Werner
      (Thüringer Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie)
    • Dr. Mani Rafii
      (Mitglied des Vorstands der Barmer GEK)
    • S. Schmitz-Spanke und J. Lang
      (Tagungsleitung 2019)
  • Preisverleihungen:
    • Franz-Koelsch-Medaille
    • Rutenfranz-Medaille
    • DGAUM-Innovationspreis
    • ASU Best Paper Award
  • Musikalisches Intermezzo
  • Festvortrag
    • „Die digitale Transformation der Medienwelt und die Folgen für unser Zusammenleben“
      (Prof. Dr. Birgit Stark, Mainz)
  • Schlusswort (J. Lang, S. Schmitz-Spanke)
Raum: Carl-Zeiss-Saal links (EG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 364)
Mittwoch
20 Mar 2019
14:30 - 15:40
DGUV
Arbeitsmedizinisches Kolloqium der DGUV - Teil 1
  • Begrüßung/Einführung
    (E. Höller)
  • Nachgehende Vorsorge: Rechtliche Grundlagen und Rahmenbedingungen
    (M. Hussing)
  • Warum und wann ist nachgehende Vorsorge sinnvoll?
    (T. Kraus)
  • Organisation der nachgehenden Vorsorge - die Unfallversicherung übernimmt Unternehmerpflichten
    (H. Wellhäußer)
Raum: Carl-Zeiss-Saal links (EG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 364)
Vorsitz 1: Thomas Brüning
Nachgehende Vorsorge: Rechtliche Grundlagen und Rahmenbedingungen (Marcus Hussing)
Kurzfassung:
Arbeitsbedingte Erkrankungen oder Berufskrankheiten frühzeitig zu erkennen und im besten Fall zu verhüten ist ein wesentliches Ziel der arbeitsmedizinischen Vorsorge. Gleichzeitig können die im Rahmen der Vorsorge gewonnen Erkenntnisse eine wichtige Informationsquelle zur Beurteilung der Wirksamkeit der sich aus der Gefährdungsbeurteilung ergebenden Arbeitsschutzmaßnahmen sein.

Häufig treten arbeitsbedingte Erkrankungen oder Berufskrankheiten jedoch erst einige Zeit nach der Tätigkeit mit bestimmten Gefahrstoffen auf. Es ist daher möglich, dass Betroffene diese Tätigkeit längst aufgegeben haben oder aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, wenn bei Ihnen eine Erkrankung festgestellt wird. Aus diesem Grund hat der Arbeitgeber eine sogenannte „Nachgehende Vorsorge“ als spezielle Art der arbeitsmedizinischen Vorsorge anzubieten. Diese Verpflichtung kann der Arbeitgeber nach Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses mit Einwilligung der Betroffenen auf den zuständigen Unfallversicherungsträger übertragen. Arbeitsmedizinische Vorsorge (und damit auch die nachgehende Vorsorge) ist damit zugleich auch ein in der Arbeitsschutzrahmenrichtlinie der Europäischen Union festgeschriebenes Recht der Beschäftigten.

Nachgehende Vorsorge bietet die Möglichkeit, gesicherte Erkenntnisse über die Wirkung von Gefahrstoffen zu gewinnen, auf dieser Basis die Effektivität von Schutzsystemen zu prüfen und Präventionsmaßnahmen weiterzuentwickeln. Dies gilt aber nicht uneingeschränkt. So erwähnt die Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge lediglich bestimmte Tätigkeiten mit Exposition gegenüber krebserzeugenden bzw. keimzellmutagenen Stoffen und Gemischen als Anlässe für nachgehende Vorsorge. Zugleich handelt es sich um einen sensiblen Bereich im Arbeitsschutz. Die Offenlegung des Gesundheitszustands und der Gesundheitsrisiken eines Menschen ist eine höchstpersönliche Angelegenheit, die einen geschützten Raum benötigt. Datenschutzaspekte sind ebenso zu berücksichtigen wie eine sorgfältige Interessenabwägung zwischen dem Recht auf Schutz der Menschenwürde und der körperlichen Unversehrtheit der Betroffenen einerseits und den Zielen der arbeitsmedizinischen Vorsorge andererseits.

In dem Vortrag werden die rechtlichen Grundlagen und Rahmenbedingungen der Nachgehenden Vorsorge vorgestellt.
Herr Marcus Hussing
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV)
Mittwoch
20 Mar 2019
16:00 - 17:30
DGUV
Arbeitsmedizinisches Kolloqium der DGUV - Teil 2
  • Das LD-HRCT-Angebot - nachgehende Vorsorge zur Früherkennung asbestverursachter Lungentumoren
    (V. Harth)
  • Biomarkerforschung für die nachgehende Vorsorge
    (T. Brüning)
  • Round-Table-Gespräch mit Referenten und Auditorium
    (H. Käfferlein)
  • Schlusswort
    (T. Brüning)
Raum: Carl-Zeiss-Saal links (EG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 364)
Vorsitz 1: Thomas Brüning
Das LD-HRCT-Angebot - nachgehende Vorsorge zur Früherkennung asbestverursachter Lungentumoren (Volker Harth)
Kurzfassung:
Lungenkrebs ist in Deutschland die dritthäufigste Krebserkrankung sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Neben dem Tabakrauch als Hauptrisikofaktor sind verschiedene lungenkanzerogene Stoffe, insbesondere Asbest, als Kausalfaktoren aus der Arbeitswelt bekannt.

In Deutschland besteht seit 1993 ein Verbot für das Inverkehrbringen von Asbest und asbesthaltigen Materialien. Aufgrund der langjährigen Latenzzeit treten aber auch 25 Jahre nach dem Asbestverbot weiterhin asbestassoziierte Tumoren auf. Der National Lung Screening Trial (sog. NLST-Studie) evaluierte das Low-Dose-Volumen-HRCT (LD-HRCT) als radiologisches Verfahren für die Früherkennung von Lungenkrebs bei (Ex-)Rauchern. Dabei zeigte sich eine ca. 20 %ige relative Mortalitätsreduktion gegenüber der Kontrollgruppe, die mittels Röntgen-Thorax-Übersichtsaufnahme untersucht wurde.

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) hat auf Grundlage der NLST-Studie ein erweitertes differenziertes Vorsorgeangebot zur Früherkennung asbestbedingter Lungentumoren durch LD-HRCT etabliert. Dabei richtet sich das erweiterte Vorsorgeangebot an Versicherte, die folgende Kriterien erfüllen: mindestens 10 Jahre Asbestexposition (Beginn der Asbeststaubgefährdung vor 1985) oder eine anerkannte BK-Nr. 4103 („Asbeststaublungenerkrankung (Asbestose)/Asbeststaub verursachte Erkrankung der Pleura"), Alter von mindestens 55 Jahren und Zigarettenkonsum von mindestens 30 Packungsjahren. Dazu werden Versicherte von der Gesundheitsvorsorge (GVS) oder ihrem zuständigen Unfallversicherungsträger eingeladen und ärztlicherseits zu den Vor- und Nachteilen der LD-HRCT-Untersuchung beraten. Das Vorsorgeangebot umfasst dabei sowohl ein individuelles „Case-Management“ als auch allgemeine Module zur Qualitätssicherung.

Ehemals Asbest-exponierte Versicherte haben nach der Arbeitsmedizinischen Vorsorgeverordnung (ArbMedVV) die Möglichkeit, regelmäßig an Untersuchungen im Rahmen der nachgehenden Vorsorge teilzunehmen. Das auf Basis der NLST-Studie entwickelte Untersuchungsangebot erweitert die arbeitsmedizinische Vorsorge für Versicherte mit einem besonders erhöhten Lungenkrebsrisiko qualifiziert, leitlinienorientiert und qualitätsgesichert.
Herr Volker Harth
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)
Biomarkerforschung für die nachgehende Vorsorge (Thomas Brüning)
Kurzfassung:
Trotz des Verbots von Asbest Anfang der 90er Jahre werden weiterhin hohe Zahlen an asbestbedingten Berufskrankheiten wie Lungenkrebs und Mesotheliome verzeichnet. Dies liegt im Wesentlichen an der langen Latenzzeit von 20 bis 50 Jahren, die für beide Krebsarten typisch ist. Trotz verbesserter Diagnose und Therapiemöglichkeiten ist die Prognose dieser Krebserkrankungen aufgrund der häufig späten klinischen Diagnose schlecht. Im Rahmen der Sekundärprävention bieten die Unfallversicherungsträger exponierten Versicherten bereits seit Anfang der 70er Jahre die nachgehende arbeitsmedizinische Vorsorge an. Ziel der Sekundärprävention ist es Krankheiten so frühzeitig zu erkennen, dass sie kurativ therapiert oder in ihrer Schwere abgemildert werden können. Neue Forschungsansätze (z.B. Immuntherapien) geben Hoffnung auf eine aussichtsreichere kurative Behandlung.
Biomarker sind natürliche körpereigene Substanzen, die sich leicht in Körperflüssigkeiten wie Blut, Urin oder Speichel nachweisen lassen. Veränderte Konzentrationen können auf Erkrankungen wie Krebs hinweisen.
Derzeit stehen für die nicht-invasive Krebsfrüherkennung im Rahmen der Sekundärprävention vor allem bildgebende Methoden zur Verfügung. Radiologische Verfahren führen aber zu einer Strahlenbelastung und haben eine Sensitivität und Spezifität, die nicht optimal ist.
Die Entwicklung geeigneter Biomarker stellt somit eine vielversprechende, minimalinvasive und nicht strahlenbelastende Alternative dar, die die Therapieoptionen bei möglichst früher Erkennung dieser Tumoren potentiell verbessern kann.
Eine Kombination von Bildgebung und Biomarkern würde die Effizienz weiter verbessern und die Zahl belastender Untersuchungen reduzieren.
Die Entwicklung von Biomarkern zur Krebsfrüherkennung sollte dabei auf verschiedenen Stufen erfolgen: 1. Die Identifizierung potentiell geeigneter Markerkandidaten im Rahmen von klinischen Querschnittstudien, 2. deren Verifizierung in unabhängigen Patientenpopulationen, und 3. die Validierung dieser Marker in einer Längsschnittstudie mit zu Beobachtungsbeginn nicht erkrankten Personen.
Das IPA führt seit mehreren Jahren Studien auf allen Entwicklungsebenen durch von der Identifizierung und Verifizierung bis zur prospektiven Validierung. Im Fokus stehen Biomarker und Multimarker-Panels für die Krebsfrüherkennung von Mesotheliomen, Lungentumoren und Harnblasentumoren. Parallel dazu werden die Projekte durch die IPA-Biobank unterstützt, in der Proben prospektiv asserviert werden und somit auch zukünftig für die Erforschung von neuen Biomarkern und neuartigen diagnostischen Verfahren zur Verfügung stehen werden.
Herr Prof. Dr. med. Thomas Brüning
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung - Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Mittwoch
20 Mar 2019
18:00 - 20:00
DGAUM
Mitgliederversammlung der DGAUM
geschlossene Veranstaltung nur für DGAUM-Mitglieder
Raum: Carl-Zeiss-Saal links (EG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 364)
Mittwoch
20 Mar 2019
20:00 - 22:00
DGAUM
Get-Together DGAUM
Raum: Panoramasaal (3. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 554)
Mittwoch
20 Mar 2019
14:30 - 16:00
Vorträge
Methodische Aspekte
Raum: Heinrich Erhardt (1. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 96)
Vorsitz 1: Regina Stoll | Vorsitz 2: Alexandra Marita Preisser
Paralleltestreliabilität des Corporal Plus zur Prüfung der Fahreignung (Axel Muttray, Natalie Löb, Alicia Poplawski, Heiko Hecht, Till Beutel, Dirk-Matthias Rose)
Kurzfassung:
Zielsetzung
In der betriebsärztlichen Praxis kommt es immer wieder vor, dass psychometrische Fahreignungstests wiederholt werden müssen. Dafür existieren parallele Testverfahren. Es war nicht bekannt, ob die Standard- und Paralleltests des Corporal Plus äquivalent sind. Unsere Fragestellung lautete, wie hoch die Paralleltestreliabilität ist.

Methoden
Je 25 gesunde Männer und Frauen im Alter von 18 bis 35 Jahren mit einem PKW-Führerschein absolvierten die Standardtests des Corporal Plus (Reaktionsfähigkeit visuell, Reaktionsfähigkeit visuell & auditiv, Konzentration, Aufmerksamkeit, Orientierung, Aufmerksamkeitsbelastbarkeit und Arbeitsgedächtnis) und am Folgetag die jeweiligen Paralleltests. Zielgrößen waren die Leistungskennwerte der einzelnen Tests, die sich aus den T-Werten (McCall) für Reaktionszeit und Zahl der richtigen Antworten ergeben (Verhältnis 1:2). Der Grad der Übereinstimmung zwischen Standard- und Paralleltests wurde mit Bland-Altman-Diagrammen untersucht. Das Design wurde von der zuständigen Ethikkommission positiv bewertet.

Ergebnisse
Die Bland-Altman-Diagramme zeigen große Streuungen der Differenzen der Leistungskennwerte. Dies entspricht geringen Graden an Übereinstimmung. Bereits einzelne Fehler bewirken eine deutliche Abnahme des T-Werts für die richtigen Antworten. Die Definition des Leistungskennwerts, nach der Fehler stärker gewichtet werden, ist eine wesentliche Ursache für die geringe Reliabilität. Einige Probanden hatten Probleme, die Orientierungstests zu verstehen.

Schlussfolgerungen
Es wird empfohlen, bei der Berechnung der Leistungskennwerte die Reaktionszeit stärker zu gewichten, weil sich schon einzelne Fehler sehr negativ auf die Reliabilität auswirken. Möglicherweise lässt sich die Fehlerzahl durch eine neue Probandeninstruktion reduzieren, die stärker auf die Vermeidung von Fehlern fokussiert. In der Praxis sollte sich der Anwender bei der Beurteilung von Orientierungstests der Tatsache bewusst sein, dass auch gesunde, kooperative PKW-Fahrer Probleme bei diesen Tests haben können.

Danksagung
Die Studie wurde von der Vistec AG gefördert. Einige Daten wurden der med. Diss. von N. Löb entnommen.
Herr Prof. Dr. med. Axel Muttray
Erfassung von Gesundheit in Befragungen: Die Wahl des Konstrukts kann entscheidend sein – Ergebnisse der lidA-Studie (Hans Martin Hasselhorn, Marieke-Marie Dettmann, Jean-Baptist du Prel)
Kurzfassung:
Zielsetzung
An der Public Health Forschung wurde kritisiert, dass sie bei der Auswahl der Gesundheitsindikatoren häufig unkritisch vorgehe und hier verschiedene Konstrukte oft als austauschbar ansehe (Wikman et al. 2005). Hier bietet sich lidA-Studie an, um die Arbeit-Gesundheit Assoziation und deren Abhängigkeit von der Auswahl des Gesundheitskonstrukts – zunächst im Querschnitt – zu untersuchen.
Methoden
Die Analysen basieren auf den Daten von 5468 der 6585 Teilnehmenden der lidA(leben in der Arbeit)-Kohortenstudie des Jahres 2011 (CAPI Erhebung, www.lida-studie.de) nach listwise deletion. Die Daten sind repräsentativ für die sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigen der Jahrgänge 1959 und 1965.
Zunächst wurden identische multiple Regressionsanalysen mit soziodemografischen Variablen sowie Arbeitsfaktoren für sechs unterschiedliche Gesundheitsindikatoren (GI) durchgeführt. Zur Frage, ob ein Arbeitsfaktor mit zwei GI unterschiedlich assoziiert ist, wurden Tests auf Signifikanz der statistischen Effekt-Unterschiede (beta-Werte) erfolgten „net regression“ Analysen nach Cohen et al. (2003).
Ergebnisse
Acht von neun Arbeitsfaktoren waren einerseits (hoch-)signifikant mit einigen GI assoziiert und andererseits gar nicht mit anderen GI (Ausn. ERI: mit allen). Alle körperlichen Expositions-Variablen waren mit SF-12 Physical Health assoziiert, aber kaum mit anderen GI und nicht mit SF-12 Mental Health. Zu den – auf den ersten Blick – unerwarteten Befunden gehörte, dass hohe Wochenarbeitszeit (>45 h) nur mit guter Gesundheit assoziiert war (signif. bei vier GI). Signifikante Effektunterschiede wurden bei 18 von 36 Effektvergleichen zwischen den Gesundheitsindikatoren der Konzepte illness, disease und sickness gefunden, bei 26 von 36 Effektvergleichen zwischen dem „objektiven“ Maß Hand-Greifkraft und einerseits und illness, disease und sickness andererseits, und in 10 von 12 Vergleichen zwischen der SF-12 Mental Health Scale und der SF-12 Physical Health Scale.
Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse legen nahe, dass – wie von Wikman et al. postuliert – die unterschiedlichen GI nicht nur unterschiedlich mit Arbeit assoziiert sind, sondern damit auch unterschiedliche Konzepte darstellen. Die Auswahl der Indikatoren in Studien muss demzufolge bewusst stattfinden. Zu berücksichtigen sind nicht nur der genaue Gegenstand des GI, sondern auch dessen Anfälligkeit für Selektionseffekte, reverse und reziproke kausale Beziehungen und Confounding.
Herr Prof. Hans Martin Hasselhorn
Bergische Universität Wuppertal, Fachgebiet Arbeitswissenschaft
Hans Martin Hasselhorn ist Facharzt für Arbeitsmedizin und seit September 2015 Inhaber des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Er hat in Freiburg und Göteborg Humanmedizin studiert, von 1992 bis 1997 am Universitätsklinikum Freiburg gearbeitet und ist von 1997 bis 1999 als Marie-Curie-EU-Stipendiat am Karolinska Institute in Stockholm in der Arbeitsstressforschung tätig gewesen. Von 1999 bis 2009 war er an der Bergischen Universität Wuppertal im Bereich Arbeitsmedizin tätig, danach leitete er den Forschungsfachbereich „Arbeit und Gesundheit“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist heute der Themenkomplex „Arbeit, Alter, Ge-sundheit und Erwerbsteilhabe“. Zu den von ihm initiierten Forschungsprojekten zählen die Europäischen NEXT-Studie (www.next-study.net) sowie die deutsche Alterskohortenstudie lidA („leben in der Arbeit“, www.lidA-studie.de). Von 2014 - 2015 koordinierte er das internationale Projekt “Understanding Employment Participation of Older Workers”, JPI UEP (http://www.jp-demographic.eu/about/fast-track-projects/understanding-employment).
Work Engagement. Eine neue Skala im COPSOQ zur Beurteilung psychischer Belastungen bei der Arbeit (Hans-Joachim Lincke, Ariane Haug, Alexandra Lindner, Inga Nolle, Martin Vomstein, Matthias Nübling)
Kurzfassung:
Hintergrund
Für die aktuelle Forschung zu psychischen Arbeitsfaktoren sind insbesondere solche Faktoren von Interesse, die sich zum einen auf das Wohlbefinden von Beschäftigten als arbeitenden Menschen und zum anderen auf deren Leistungsfähigkeit in der Arbeitsorganisation auswirken. Neben der Zufriedenheit mit der Arbeit und der Verbundenheit mit dem Arbeitsplatz wird Work Engagement als wichtiger Faktor diskutiert.
Methode
Der Copenhagen psychosocial questionnaire (COPSOQ) wurde deshalb im Jahr 2017 um die Skala „Work Engagement“. Die drei skalenbildenden Items wurden von Schaufeli und Bakker 2003 übernommen (Antworten fünfstufig Likert-skaliert mit Punktwerten zwischen 0 - 100). Es wurden Angaben von 44.200 Befragten aus der COPSOQ-Datenbank der Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften (FFAW) ausgewertet.
Ergebnisse
Die Skala zum Work Engagement zeigt ein Cronbach’s alpha von 0,85 für die drei Items und ist somit hoch reliabel. In der Regression mit 20 COPSOQ-Skalen kann Work Engagement als Beanspruchung mit einem R2 von 0,47 durch die fünf Belastungsfaktoren statistisch erklärt werden. Das sind u.a. die Bedeutung der Arbeit, die Vereinbarkeit mit dem Privatleben und die Rollenklarheit. Gegenüber anderen Beanspruchungsfaktoren zeigt sich die Skala ambivalent: relativ stark mit der Zufriedenheit verbunden (aber nicht identisch) und z.B. kaum mit dem Präsentismus als „ungesundem Engagement“ verbunden (Pearson’s r = 0,59 bzw. -0,14).
Diskussion
Work Engagement zeigt eine Relation zu anderen psychischen Faktoren als die Zufriedenheit. Naheliegend ist, dass in höherem Maße die Motivlage der Beschäftigten bei der Verrichtung der Arbeit als die Bewertung ihrer (Gesamt-)Situation zum Ausdruck kommt. Vertiefende Analysen und die praktischen Bewertungen der Ergebnisse werden zeigen, inwieweit Work Engagement eine persönliche und/oder betriebliche gestaltbare Ressource darstellt.
Herr Dr. Hans-Joachim Lincke
Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften FFAW GmbH
Ein Vergleich zweier Verfahren für die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen - Pilotprojekt an einem Universitätsklinikum -* (Klaus Schmid, Adrian Brandt, Wolfgang Fischmann, Amanda Voss, Hans Drexler)
Kurzfassung:
Zielsetzung:
Ziel dieser Arbeit ist der Vergleich zweier etablierter Vorgehensweisen zur Erstellung einer Beurteilung psychischer Belastungen an einem Universitätsklinikum.
Methoden:
Das Beschäftigtenkollektiv setzt sich aus zwei Kliniken eines Universitätsklinikums zusammen. Zuerst wurde, unter beratender Funktion einer Expertengruppe (Arbeitssicherheit, Betriebsarzt, Personalrat), durch die Führungskräfte der einzelnen Bereiche eine standardisierte Checkliste zur psychischen Gefährdung ausgefüllt. Im Anschluss wurde eine Mitarbeiterbefragung mittels eines an die Klinikbedingungen angepassten standardisierten Fragebogens mit offenen und geschlossenen Fragen durchgeführt. Im Rahmen einer Sekundäranalyse wurden unter Mitwirkung zweier Fachärzte für Arbeitsmedizin, eines Psychologen und einer Soziologin 14 inhaltlich vergleichbare Fragen aus beiden Methoden ausgewählt. Diese wurden, getrennt für Pflegekräfte und Ärzte, einander gegenübergestellt.
Ergebnisse
Insgesamt wurden in den zwei Pilotkliniken im Rahmen der Begehungen 19 psychische Gefährdungsbeurteilungen für verschiedene Bereiche erstellt.
Bei der Mitarbeiterbefragung betrug in Klinik 1 die Rücklaufquote aller Mitarbeiter (n=260) 31,92 %, in Klinik 2 55,8 % (bei insges. 163 Mitarbeitern).
Während in einigen Themenbereichen mit beiden Methoden ähnliche Ergebnisse erzielt wurden (z.B. Regelung der Verantwortlichkeiten, Störungen des Arbeitsflusses, Höhe der Arbeitsmenge, Hilfen/Absprachen im Team), zeigten sich bei anderen Themenfeldern (z.B. angemessene Einarbeitung, emotionale Inanspruchnahme der Arbeit, Einhalten der Pausen, Verhältnis zu Vorgesetzten) Unterschiede.
Schlussfolgerungen
Einen Goldstandard zur Erstellung einer psychischen Gefährdungsbeurteilung gibt es zum aktuellen Zeitpunkt nicht, jedoch verschiedene etablierte Methoden mit unterschiedlichen Herangehensweisen und hieraus resultierenden Stärken und Schwächen. Eine in die allgemeine Gefährdungsbeurteilung integrierte Checkliste zur Erfassung psychischer Belastungen erfüllt zwar die gesetzlichen Mindestanforderungen, kann jedoch dazu führen, dass relevante Probleme nicht erkannt und folglich keine adäquaten Maßnahmen abgeleitet werden. Daraus lässt sich die vorläufige Empfehlung ableiten, bei der psychischen Gefährdungsbeurteilung neben einer Checkliste ergänzend stets auch eine Mitarbeiterbefragung durchzuführen.

*In diese Arbeit sind Teile der Ergebnisse der 2018 vorgelegten Dissertation von Adrian Brandt eingegangen.
Herr Prof. Dr. Klaus Schmid
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg
Zur Evaluation der Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) (Heidi Wegner, Andreas Glatz)
Kurzfassung:
Zielsetzung:
Die Maßnahmen der BG ETEM zum Arbeits- und Gesundheitsschutz im eigenen Hause sollen daraufhin analysiert werden, auf welcher Grundlage sie durchgeführt werden. Außerdem soll bewertet werden, wie hoch die Anteile an Verhältnis- bzw. Verhaltensprävention/ Gesundheitsförderung jeweils sind.
Methoden:
Es wurden Aktenanalysen vorgenommen. Auf dieser Basis wurde der Maßnahmencharakter anhand der Beschreibungen eingeschätzt.
Ergebnisse:
Zwischen 07.2016 und 09.2018 wurden von der BG ETEM im Bereich Arbeits- und Gesundheitsschutz 2062 Maßnahmen im eigenen Hause durchgeführt.
Zur Herkunft: 2016 resultierten 100% der Maßnahmen aus der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GBU Psych), 2017 stammten lediglich 35,0% aus der GBU Psych, 19,8% wurden von Gesundheitskoordinatoren und 45,2 von der BGM-Leitung angestoßen (44,1% initiiert durch Analysen aus dem Gesundheitsbericht und 1,1% aufgrund akuten dringlichen Bedarfs). 2018 stammte keine Maßnahme aus der GBU Psych, 4,5% kamen von den Gesundheitskoordinatoren und 95,4% wurden von der BGM-Leitung mit Blick auf den Gesundheitsbericht beauftragt.
Zur Bewertung: Bezogen auf alle Maßnahmen können 36,3% als reine Verhältnispräventionen, 61,3% als reine Verhaltenspräventionen/ Gesundheitsförderungsmaßnahmen und 2,4% als Mischung bewertet werden. Im Detail zeigt sich: bei Maßnahmen, die aus der GBU Psych resultieren, sind 88,1% reine Verhältnisprävention, 6,2% reine Verhaltensprävention/ Gesundheitsförderung und 5,7% eine Mischung. Maßnahmen, die von Gesundheitskoordinatoren angestoßen wurden, sind in keinem Fall reine Verhältnispräventionen, in 99,3% reine Verhaltenspräventionen/ Gesundheitsförderungen und in 0,7%, eine Mischung. Maßnahmen, die von der BGM-Leitung mit Blick auf den Gesundheitsbericht beauftragt wurden sind zu 100% reine Verhaltenspräventionen/ Gesundheitsförderungen.
Schlussfolgerungen:
Reine Verhältnisprävention kommt lediglich bei Maßnahmen vor, die aus der GBU Psych stammen. Mit wenigen Ausnahmen gilt dies auch für gemischte Maßnahmen. Einige Zeit nach der GBU Psych werden daher fast ausschließlich verhaltenspräventive/ gesundheitsförderliche Maßnahmen durchgeführt. Um mehr verhältnisbezogene Maßnahmen realisieren zu können, sollten die Abstände zwischen den GBU Psych kürzer sein.
Frau Master of Arts Heidi Wegner
Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse
Herr Andreas Glatz
Universität zu Köln, Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation
Erfassung von Arbeitszeiten bei Gymnasiallehrern - ein Methodenvergleich (Steffi Kreuzfeld, Christoph Felsing, Regina Stoll, Reingard Seibt)
Kurzfassung:
Zielsetzung: Seit Jahrzehnten ist die Arbeitszeit von Lehrkräften (LK) Gegenstand berufspolitischer und arbeitsmedizinischer Überlegungen. Die Ermittlung der wöchentlichen Arbeitszeit wird bei LK dadurch erschwert, dass neben einem Pflichtanteil an Unterrichtsstunden ein flexibler, sich ständig erweiternder Anteil an außerunterrichtlichen Tätigkeiten zu berücksichtigen ist. Ziel der Untersuchung war es, zwei unterschiedliche Erfassungsmethoden hinsichtlich der ermittelten Wochenarbeitszeit und des Umfangs außerunterrichtlicher Tätigkeiten zu vergleichen.
Methoden: Über einen Online-Fragebogen (FB) wurden soziodemographische Daten erfasst und der zeitliche Arbeitsumfang (Unterrichtsstunden und Zeiten für definierte Tätigkeiten) in einer durchschnittlichen Schulwoche geschätzt. Anschließend dokumentierten die LK über einen Zeitraum von 4 Wochen täglich alle beruflichen Aktivitäten in ein vorgegebenes Arbeitszeitprotokoll (AZP). Analysiert wurden 147 vollständige Datensätze gymnasialer LK in Mecklenburg-Vorpommern (82 % Lehrerinnen, Durchschnittsalter 46 Jahre, 53 % in Vollzeit). Der Vergleich der beiden Methoden erfolgte über Korrelationsanalysen sowie Kovarianzanalysen unter Berücksichtigung von Beschäftigungsumfang (Vollzeit – VZ vs. Teilzeit – TZ) und Geschlecht.
Ergebnisse: Die beiden Methoden unterscheiden sich signifikant (p <.001) hinsichtlich der ermittelten wöchentlichen Arbeitszeit (FB: VZ= 44,5 h, TZ= 38,8 h vs. AZP: VZ= 42,6 h, TZ= 38,3 h). Geschlecht und Beschäftigungsumfang haben keinen signifikanten Einfluss auf dieses Ergebnis. Unterschiede zwischen beiden Methoden finden sich sowohl hinsichtlich der unterrichten Stundenzahl (FB: VZ= 25 Std., TZ= 21 Std. vs. AZP: VZ= 21 Std., TZ= 18 Std.; p <.001) als auch im Umfang der außerunterrichtlichen Tätigkeiten. Deren Anteil an der Gesamtarbeitszeit variiert in Abhängigkeit von Methode und Beschäftigungsumfang zwischen 51% und 60%. Tätigkeiten wie „Vor- und Nachbereiten des Unterrichts“ und „Korrigieren und Benoten“ stellen in beiden Methoden den größten Anteil innerhalb der außerunterrichtlichen Aufgaben dar; für den ermittelten Zeitumfang finden sich jedoch nur moderate Zusammenhänge zwischen FB und AZP (r²= .69 und .65).
Schlussfolgerungen: Zur Ermittlung der tatsächlichen Arbeitszeit bei LK ist ein AZP über 4 Wochen unverzichtbar, da nur damit der Umfang der Teiltätigkeiten exakt zu ermitteln ist. Die einmalige Schätzung der Wochenarbeitszeit (FB) unterliegt Schätzfehlern (Über-/ Unterschätzung).
Frau Dr. med. Steffi Kreuzfeld
Institut für Präventivmedizin Universitätsmedizin Rostock
Mittwoch
20 Mar 2019
16:15 - 17:45
Sitzung
Leitlinien in der Arbeits- und Umweltmedizin
Raum: Heinrich Erhardt (1. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 96)
Vorsitz 1: Monika A. Rieger
Entwurf einer neuen S2k – Leitlinie „Arbeit unter Blei und seinen Verbindungen“ (Oliver Ackermann, Hans Drexler)
Kurzfassung:
Zielsetzung: Die geplante Leitlinie soll die veraltete S1-Leitlinie ersetzen und den aktuellen Stand bezüglich Diagnostik und Indikation für eine spezifische Therapie einer Bleibelastung widerspiegeln und eine Anleitung im Umgang mit arbeitsmedizinischen Fragestellungen darstellen.
Exposition: Blei kommt in geringer Konzentration in der Erdkruste vor. Blei ist ubiquitär nachweisbar, aufgrund des menschlichen Einflusses durch industrielle Nutzung und Verarbeitung. In den letzten Jahrzehnten ist die Bleibelastung stark rückläufig.
Nachweis: Die bevorzugte Aufnahme im beruflichen Bereich erfolgt auf inhalativem Wege. Für Blei liegt kein Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) vor. Luftmesswerte zu Blei konnten nur unzureichend direkt mit Wirkungsdaten korreliert werden. Dem Biomonitoring kommt demnach eine besonders wichtige Bedeutung zu. Das beste Maß zur Abbildung der Belastung stellt demnach die aktuelle Blutbleikonzentration dar. Blei ist als Kanzerogen der Gruppe 2 eingeordnet und einzelne Bleiverbindungen sind als „krebsverdächtig“ notifiziert. Die HBM-Werte wurden vor dem Hintergrund auch des krebserzeugenden Potenzials ausgesetzt.
Arbeitsmedizinische Vorsorge: Eine arbeitsmedizinische Pflichtvorsorge ist erforderlich bei Überschreitung des Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) für Bleitetraethyl und Bleitetramethyl und für Tätigkeiten mit Blei und anorganische Bleiverbindungen.
Klinische Symptomatik: Blei wirkt als chronisches oder kumulierendes Toxin. Akute Effekte treten in der Regel nur nach kurzzeitiger Exposition gegenüber hohen Konzentrationen auf. Klinische Symptome sind meist gastrointestinal. Umweltmedizinisch spielen chronische Wirkungen im Niedrigdosisbereich auf das Nerven- und Blutbildungssystem und auf die Nieren eine Rolle. Messbare Effekte auf Funktionen des peripheren und autonomen Nervensystems bei Blutbleikonzentrationen werden im Bereich von 300 bis 500 µg/L als möglich beschrieben, Wirkungen, die hinsichtlich ihrer Ausprägung als advers zu bezeichnen sind, traten allerdings erst bei Blutbleispiegeln oberhalb von 600 bis 700 µg/L konsistent auf. Therapie: Bezüglich der Indikation zur Einleitung einer spezifischen Therapie bei akuten bzw. chronischen Bleiintoxikationen existiert eine Vielzahl internationaler Publikationen. Insbesondere der Chelatbildnereinsatz bei Bleiintoxikationen mit subklinischer Beschwerdesymptomatik und Blutbleiwerten unterhalb 700µg/l bleibt kontrovers zu diskutieren.
Herr Dr. med. Oliver Ackermann
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Mittwoch
20 Mar 2019
14:30 - 16:00
Vorträge
Prävention und allgemeine Gesundheitsförderung
Raum: Ernst Abbe (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 86)
Vorsitz 1: Thomas Behrens | Vorsitz 2: Pavel Dietz
Sind Präventionsempfehlungen zur körperlichen Aktivität gemäß der aktuellen Leitlinien durch berufliche Tätigkeit oder Hausarbeit im Vergleich zu sportlichen Tätigkeiten für Frauen umsetzbar? (Ulrike Brückner, MPH)
Kurzfassung:
Sind Präventionsempfehlungen zur körperlichen Aktivität gemäß der aktuellen Leitlinien durch berufliche Tätigkeit oder Hausarbeit im Vergleich zu sportlichen Tätigkeiten für Frauen umsetzbar?

U. Brückner, S. Schneider-Lauteren, I. Gießer, S. Laux, J. Schneider

Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der Justus-Liebig Universität Gießen am UKGM, Gießen

Zielsetzung: Ein inaktiver Lebensstil ist ein Merkmal modernen Kulturen, der Übergewicht, Hypertonie, KHK, Diabetes, Osteoporose und Krebserkrankungen begünstigt. Die Zunahme des Energieverbrauches von 1000 kcal/Woche oder eine Steigerung um 1 MET (“Metabolisches Equivalent”) führt zu einer Abnahme der Gesamtmortalität um 12%. Die Leitlinien (LL) der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, der AHA und der WHO empfehlen 150 min körperliche Aktivität pro Woche auf mittlerer Belastungstufe.

Methoden: Im standardisierten berufspezifischen Parcour (Kassiertätigkeit, Einräumen, Gehen, Bodenwischen und Treppensteigen mit Gewichten), in Feldtests an Arbeitsplätzen und bei sportlichen Aktivitäten (Fahrradfahren, Nordic-Walking) wurden insgesamt 455 verschiedene Tätigkeiten bei 54 weiblichen Probandinnen eines Universitätsklinikums evaluiert. Für jede Tätigkeit wurde mittels indirekter Kalorimetrie (VO2, RER) der durchschnittliche Energieverbrauch in kcal/min bestimmt. Ein Vergleich erfolgte mit der standardisierten Spiroergometrie unter maximaler Belastung.
Ergebnisse: Die in den Leitlinien zur körperlichen Aktivität geforderten zusätzlichen 1000 kcal in 150 Minuten pro Woche sind durch Tätigkeiten nur in 27% zu erreichen. Von keiner Probandin wurde es durch Kassiertätigkeiten, Arbeiten im Büro, Gehen am Arbeitsplatz, pflegerische Arbeiten, physiotherapeutische Maßnahmen und einfache Reinigungs- und Hebearbeiten erreicht. Unter standardisierten Bedingungen wurden die Kriterien in 4 bzw. 7% beim Bodenwischen und Einräumen erreicht. Für dynamische Tätigkeiten (6-Min-Gehtest, Nordic Walking oder Treppensteigen) sind dies 13,3%; 25% bzw. 87%. Selbst unter erschöpfender Belastung in der Ergometrie erreichten lediglich 77,4% die WHO Kriterien.
Schlussfolgerungen: Berufsspezifische Tätigkeiten oder Hausarbeiten eignen sich nicht zum Erreichen der Empfehlungen nach LL. Selbst bei Nordic Walking wird dies nur bei ¼ der Probandinnen erreicht. Die erschöpfende Ergometerbelastung ist nicht über 150 Min durchführbar. In unserem Kollektiv erwiesen sich die Kriterien der LL für Frauen in der Regel als unerfüllbar.
Frau Dr.med. Ulrike Brückner, MPH
Institut und Poloklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der Justus-Liebig Universität Gießen am UKGM
Entwicklung und Evaluation eines internetbasierten Achtsamkeitstrainings für Beschäftigte im Gesundheitswesen (Susanne Buld, Christina Zahn, Andrea Kübler)
Kurzfassung:
Zielsetzung
Ziel der vorliegenden Studie war es, ein achtsamkeitsbasiertes Programm zur Stressreduktion zu entwickeln und evaluieren, das sowohl inhaltlich als auch strukturell an die Bedürfnisse von Berufstätigen in Gesundheitsberufen angepasst ist. Um möglichst viel Flexibilität bei der Bearbeitung der Kursinhalte (Stichwort Schichtbetrieb) zu gewährleisten, wurde ein internetbasiertes Programm, bestehend aus vier Wochenmodulen, entwickelt. Die Kursmaterialien bestehen aus Themenvideos, Audiodateien und einem Arbeitsheft.

Methoden
An der Studie nahmen 44 Beschäftigte verschiedener Berufsgruppen des Universitätsklinikums Würzburg teil. Vor Beginn des Kurses, nach jeder Kurswoche und nach Abschluss des Trainings wurden Online-Befragungen durchgeführt. Messparameter waren der wahrgenommene Stress nach der Percieved-Stress Scale, vor und nach dem Kurs sowie unterschiedliche Eigenschaften der Stichprobe, die Adhärenz der Teilnehmer, Gründe für mangelnde Adhärenz und die Beurteilung inhaltlicher und struktureller Bestandteile des Kurses.

Ergebnisse
Der wahrgenommene Stress reduzierte sich signifikant (p < .01) über den Kurszeitraum hinweg. Es zeigte sich, dass das Programm sowohl inhaltlich als auch strukturell auf Bedürfnisse von Beschäftigten im Gesundheitswesen eingeht. Gerade die Kombination aus internetbasierter Vermittlung der Inhalte und der gleichzeitigen Möglichkeit zur Verwendung des gedruckten Arbeitsheftes und der CD wurde positiv bewertet. Trotz des reduzierten zeitlichen Umfanges des Trainings zeigte sich, dass der zeitliche Aufwand weiterhin eine Schwierigkeit und ein Grund für mangelnde Adhärenz darstellt. Auch schien es eine Herausforderung der selbstständigen Durchführung zu sein, das Gelernte zu behalten und im Alltag umzusetzen.

Schlussfolgerungen
Die Studie erweitert die bisherige Forschung zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion, indem sie zeigt, dass auch kurze, weniger intensive Trainings, die spezifisch auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten sind, zu einer deutlichen Stressreduktion führen können. Sie zeigt auch, dass sich das Internet als Medium zur Vermittlung von Achtsamkeitstrainings eignet und weist darauf hin, dass insbesondere die Kombination mehrerer Vermittlungsmodalitäten die Adhärenz verbessern kann.
Weitere experimentelle Forschung sollte sich unter anderem damit beschäftigen, langfristige Effekte des Trainings zu untersuchen.
Frau Dr. Susanne Buld
Universitätsklinikum Würzburg
Gesund mit Erfahrung- Ein Mentorenprogramm zur partizipativen Gesundheitsförderung (Ronja Scharschmidt, Anja Buder, Magdalena Frohberg, Ulrich C. Smolenski, Steffen Derlien)
Kurzfassung:
Hintergrund:
Das Innovationsnetzwerk VorteilJena untersuchte den Zusammenhang von Gesundheit, Selbstwirksamkeit und Partizipation. In dem Teilprojekt "Gesund mit Erfahrung" standen Beschäftigte ab 55 Jahren mit Bildschirmarbeitsplätzen im Vordergrund.

Methoden:
Zweiunddreißig Beschäftigte 55+ nahmen an einer Mentorenschulung zur Prävention im Setting Arbeit teil, setzten erarbeitete Maßnahmen für sich um und standen anschließend im Unternehmen als Experten zur Verfügung. Gemessen wurden allgemeine Aspekte psychosozialer Gesundheit, Gesundheit und gesundheitsgerechtes Verhalten, psychische und physische Arbeitsfähigkeit, psychosozialen Belastungen und Ressourcen sowie psychische und körperliche Lebensqualität.

Ergebnisse:
Gesundheitsbezogene Verhaltensänderungen sowie eine gesteigerte Selbstwirksamkeit waren bei den Mentoren festzustellen nachdem sie das vermittelte Wissen selbstständig für sich umsetzen und im Unternehmen anwenden konnten. Ebenfalls konnten diese Effekte für das Kollegium festgestellt werden. Iterativ erarbeitete Praxishilfen sind für den Ausgleich der Beanspruchungen an Bildschirmarbeitsplätzen konzipiert. Diese Hilfen fördern die Interaktion mit dem Kollegium und die Reduktion von Sitzzeiten.

Schlussfolgerungen/Diskussion:
Kernpunkt des Konzeptes sind die Förderung von Selbstwirksamkeit und Teilhabe an einem bewegungsfördernden Alltag. Die Vorbildfunktion der Mentoren, der kollegiale Austausch und die situationsbezogenen Anregungen aus dem eigenen Umfeld scheinen ein Mittel darzustellen, um gesundheitsbezogenes Verhalten im Unternehmen zu verbessern. Das Erweitern dieses Konzeptes auf andere Settings ist zu erproben.
Frau Ronja Scharschmidt
Universitätsklinikum Jena
Führungskräfte-Typen im Umgang mit Psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz (Elena Schwarz, Birgitta Schiller, Kathrin Mörtl, Marlene Eisele, Falko Papenfuß, Michael Hölzer, Harald Gündel)
Kurzfassung:
Einführung. Der Einfluss des Arbeitsplatzes und der Arbeitsbedingungen auf die Psychische Gesundheit der Mitarbeiter wird in den letzten Jahren immer häufiger thematisiert und untersucht. Seit Erweiterung der Gefährdungsbeurteilungen im Arbeitsschutzgesetz um die Psychische Belastung, stehen vor allem auch Führungskräfte immer mehr in der Verantwortung, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Darüber hinaus konnte der Einfluss von Führungsverhalten auf die Gesundheit der Mitarbeiter schon in vielen wissenschaftlichen Untersuchungen gezeigt werden. Die Unterstützung und gezielte Schulung von Mitarbeitern mit Personalverantwortung stellt daher einen wichtigen Schritt in der Prävention und Früherkennung von Psychischen Erkrankungen dar.
Methode. Seit Januar 2016 werden bei einem großen deutschen Unternehmen spezifische Führungskräfteschulungen angeboten. Diese sollen nicht nur Wissen über psychische Erkrankungen vermitteln, sondern auch Hilfestellung geben für den Umgang mit auffälligen Mitarbeitern. Zurückgegriffen wird dabei zunächst auf Informationsvermittlung (Psychoedukation), sowie Selbstwahrnehmungsübungen zu eigenen Stresssymptomen der Führungskräfte. Im weiteren Verlauf werden gemeinsam aktuelle Fälle aus dem Arbeitsalltag der Führungskräfte betrachtet und anhand dieser Beispiele Handlungsmöglichkeiten und Kommunikationstechniken vermittelt. Evaluiert werden die Schulungen mittels Fragebögen zu Wissen und Einstellungen bezüglich Psychischer Erkrankungen (z.B. Mental Health Knowledge Questionnaire), eigener Gesundheit (z.B. Short-Form Health Survey) und Arbeitsbedingungen (z.B. Effort-Reward-Inventory). Zusätzlich werden die Führungskräfte gebeten, an qualitativen Interviews teilzunehmen, welche die Akzeptanz und die Auswirkungen der Schulungen erfragen.
Ergebnisse. Erste Analysen quantitativer Daten zeigten bei den Teilnehmern sowohl kurzfristig (3 Monate follow-up) also auch langfristig (12 Monate follow-up) Verbesserungen der Einstellungen in Bezug auf Psychisch Erkrankte. Auch eigene Gesundheitsparameter verbesserten sich in der untersuchten Stichprobe. Bei der Analyse der qualitativen Daten zeigten sich unter anderem zwei Typen von Führungskräften, welche mit unterschiedlichen Bedürfnissen mit der Thematik in Kontakt treten. Im Rahmen der Jahrestagung möchten wir diese beiden Typen vorstellen und diskutieren, welche Implikationen für Interventionen zu Psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz daraus abgeleitet werden können
Frau M.Sc. Elena Schwarz
Universitätsklinikum Ulm
Integration von Gesundheitsförderung in die ärztliche Facharztweiterbildung - Eine qualitative Studie zu Unterstützungsbedarf und -möglichkeiten der psychischen Gesundheitsförderung (Julia Schorlemmer, Johanna Ludwig, Anne-Kathrin Paape, Marlen Kaminsky, Susanne Völther-Mahlknecht)
Kurzfassung:
Hintergrund
Assistenzärztinnen und -ärzte sind an ihrem Arbeitsplatz besonders hohen psychosozialen Arbeitsanforderungen ausgesetzt: z. B. übermäßig hohe Arbeitszeiten, Zeitmangel für die medizinische Patientenversorgung und fehlende Wertschätzung durch Vorgesetzte. Beanspruchungsfolgen gehen zu Lasten der eigenen Gesundheit, mindern die Attraktivität des Arztberufs und verschlechtern die Versorgungsqualität.
Ziele
Evidenzbasiertes Wissen zu Unterstützungsbedarf und –möglichkeiten liegt kaum vor. Daher wurden u.a. folgende Aspekte untersucht: Welche Unterstützung brauchen Assistenzärztinnen und –ärzte im Krankenhaus, um adäquat mit psychischen Anforderung umgehen zu können? Wie kann die psychische Gesundheitsförderung in die ärztliche Weiterbildung auf institutioneller und individueller Ebene integriert werden?
Methode
Auf Basis qualitativer halbstandardisierter Interviews mit Assistenzärztinnen und –ärzten, sowie Weiterbildungsverantwortlichen (N = 10) unterschiedlicher Fachrichtungen wurde eine qualitative Inhaltsanalyse unter Berücksichtigung kommunikativer Validierung durchgeführt.
Ergebnisse
Bei der Datenauswertung konnten drei zentrale Aspekte der psychischen Gesundheitsförderung bestätigt werden: 1) Relevanz der jeweiligen Facharztrichtung und Arbeitskultur für psychosoziale Anforderungen und Beanspruchungsfolgen, 2) Mangel an Prävention und psychischer Gesundheitsförderung in allen Facharztdisziplinen und 3) Diskrepanz zwischen Wissen um die Notwendigkeit psychischer Gesundheitsförderung und praktischer Umsetzung dieses Wissens. Herausgearbeitet wurden verschiedene Kategorien für mögliche Interventionsbereiche: Supervisionen, Gewährleistung der Teilhabe an Fortbildungen durch Vorgesetzte, Ermöglichung der Teilnahme an Maßnahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements sowie formal organisierter Austausch zwischen Assistenzärztinnen und –ärzten.
Schlussfolgerungen
Durch die gebildeten Kategorien konnten Handlungsfelder für Verhaltens- und Verhältnisprävention in der ärztlichen Weiterbildung aufgezeigt werden: 1) transparente und unterstützende Arbeitskultur im Krankenhaus bezüglich des Umgangs mit emotionaler Beanspruchung sowie 2) nachhaltige Verankerung von Gesundheitsförderung in die Weiterbildungsordnung im Sinne der Qualitätssicherung und der Sicherung des ärztlichen Nachwuchses. Die Ergebnisse fließen im Rahmen eines größeren Forschungsprojektes in die Entwicklung von weiteren qualitativen und quantitativen Befragungen ein.
Frau Dr. Julia Schorlemmer
Institut für Arbeitsmedizin Charité Universitätsmedizin
Die berufsbezogenen Veränderungswünsche von Medizinischen Fachangestellten: Ergebnisse einer Fragebogenstudie (Jessica Scharf, Patricia Vu-Eickmann, Andreas Müller, Stefan Wilm, Peter Angerer, Adrian Loerbroks)
Kurzfassung:
Hintergrund:
Medizinische Fachangestellte (MFAs) sind im ambulanten Sektor oft erste Ansprechpartner für die Anliegen von Patienten und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Patientenzufriedenheit sowie -sicherheit. Die Arbeitssituation der MFAs ist jedoch u.a. geprägt von niedrigen Löhnen, unvorhergesehenen Ereignissen und hohen Arbeitsbelastungen. Die Arbeitsbedingungen von MFAs sind sowohl für ihre eigene Gesundheit als auch für die Qualität der von ihnen geleisteten Versorgung sowie für ihre Berufsentscheidung von großer Relevanz. Daher sollen mögliche Veränderungswünsche zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie die mögliche Abhängigkeit dieser Wünsche von soziodemographischen und arbeitsbezogenen Faktoren untersucht werden.

Methoden:
Zwischen September 2016 und April 2017 fand eine bundesweite Fragebogenstudie (postalisch/online) unter MFAs statt. Berufsbezogene Veränderungswünsche wurden mittels 20 Fragen erhoben, die aus einer vorangegangenen qualitativen Befragung abgeleitet wurden. Drei Antwortkategorien standen den Befragten zu Wahl: „Ja, das wünsche ich mir“; „Dieser Wunsch wurde bereits erfüllt“; „Nein, das brauche ich nicht“. Neben deskriptiven Analysen zur Darstellung von Prävalenzen wurde eine explorative Faktorenanalyse mit Varimax Rotation zur Itemreduktion durchgeführt. Mögliche Assoziationen der Veränderungswünsche mit soziodemografischen und arbeitsbezogenen Variablen wurden anhand von ordinal logistischen Regressionsmodellen (teilw. mit Rückwärtsselektion) untersucht.

Ergebnisse:
Von den in die Analysen eingeschlossenen 887 berufstätigen MFAs haben 97,3% mindestens einen Veränderungswunsch geäußert. Die Befragten gaben am häufigsten folgende drei Wünsche an: mehr Gehalt (87,0%), weniger Dokumentationsaufwand (76,0%) sowie Fortbildungen für die Vorgesetzten zur Mitarbeiterführung (75,1%). Die Faktorenanalyse ermittelte vier Faktoren (12 Items): Arbeitsbedingungen, Anerkennung, tätigkeitsbezogene Selbstständigkeit und Betriebsklima. Die ordinal logistische Regression mit Rückwärtsselektion zeigte, dass lediglich der Veränderungswunsch nach „tätigkeitsbezogener Selbstständigkeit“ bei MFAs mit längerer Berufserfahrung und mit einer Führungsposition stärker ausgeprägt war.

Schlussfolgerungen:
Insgesamt ergaben sich für alle Veränderungswünsche hohe Prävalenzen, aber nur sehr wenige bedeutsame Assoziationen bzgl. der untersuchten Variablen. Daher sollten sich Interventionen zur Verbesserung der Arbeitssituation an alle MFAs richten.
Frau Jessica Scharf
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Medizinische Fakultät Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Universitätsstraße 1 40225 Düsseldorf
Mittwoch
20 Mar 2019
14:30 - 17:30
Nachwuchs
Nachwuchssymposium der DGAUM
  • Die DGAUM stellt sich vor
    Prof. Dr. Stephan Letzel, Vizepräsident DGAUM, Mainz
    Dr. Thomas Nesseler, Hauptgeschäftsführer DGAUM, München
  • Karrierewege in der Arbeitsmedizin; die Beispiele werden anhand des wissenschaftlichen Hintergrundes der Nachwuchswissenschaftler ausgewählt
    Wie sehen die Anforderungen und Möglichkeiten in der wissenschaftlichen Arbeitsmedizin aus? (Moderation durch die Betreuer/innen der nachfolgenden Kleingruppen)
  • Arbeit in  Parallelgruppen mit Mentoren
    Vorstellung der Mentees
    Kurze Diskussion mit den Mentees über Karriereplanung/berufliche Aussichten in der Arbeitsmedizin
    Vorstellung der Poster und Diskussion anhand einer Checkliste

    Anregungen für die mündliche Präsentation
  • Vorstellung der 3 besten Poster und Auszeichnung der Preisträger
  • informelles Zusammensein
 
Die Poster werden anschließend auf der allgemeinen Tagung präsentiert.
Raum: Adam Ries (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 66)
Vorsitz 1: Simone Schmitz-Spanke
Mittwoch
20 Mar 2019
14:30 - 23:59
Posterausstellung
Posterausstellung
Raum: Panoramasaal (3. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 554)
Donnerstag
21 Mar 2019
08:30 - 11:30
GAIT
Aus dem Modellvorhaben \\'Gesund arbeiten in Thüringen\\': Telemedizin in der Praxis


 
 
Raum: Carl-Zeiss-Saal links (EG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 364)
Arbeitsmedizinische Betreuung mittels telemedizinischer Verfahren – Ergebnisse einer Studie zur Einstellung von Arbeitgebern (Nadja Amler, Christine Quittkat, Sabine Sedlaczek, Wolfgang Fischmann, Thomas Nesseler, Stephan Letzel, Hans Drexler)
Kurzfassung:
Hintergrund: Längst hat die Digitalisierung auch in der Medizin Einzug gehalten. Nebst zahlreichen Risiken, ergeben sich durch die Entwicklungen der letzten Jahre aber auch ganz neue Möglichkeiten. Durch die Nutzung telemedizinischer Strukturen etwa offenbaren sich ganz neue Chancen, insb. im Hinblick auf die Sicherstellung einer nachhaltigen, arbeitsmedizinischen Versorgung im ländlichen Raum. Unklar ist bislang u. a. welche Einstellung Arbeitgeber zu einer arbeitsmedizinischen Betreuung mittels telemedizinischer Verfahren haben.
Zielsetzung und Methoden: Ziel des Beitrags ist die Analyse der Einstellung von Arbeitgebern zur arbeitsmedizinischen Betreuung mittels telemedizinischer Verfahren, um die Einsatzmöglichkeiten solcher Verfahren in kleinen und mittelständischen Betrieben in ländlichen und strukturschwachen Regionen zu eruieren. Die online-gestützte Befragung ist Teil des Modellvorhabens „Gesund arbeiten in Thüringen“. Befragt wurden Thüringer Betriebe über alle Wirtschaftszweige und Unternehmensgrößen hinweg. Die Daten wurden mittels deskriptiver Statistik in SPSS® bzw. mit verschiedenen Methoden der qualitativen und quantitativen Sozialforschung ausgewertet.
Ergebnisse: Rund die Hälfte der befragten Unternehmer gab an, dass sie sich eine ergänzende arbeitsmedizinische Versorgung mittels telemedizinischer Verfahren vorstellen kann. Den Haupteinsatzbereich sehen die Unternehmen dabei bei der Beratung. Knapp 60% der befragten Unternehmen gaben an, dass sie sich die Nutzung telemedizinischer Verfahren in Form eines webbasierten Portals mit der Möglichkeit Fragen an Spezialisten zu stellen, vorstellen können. Gegenüber einer Teilnahme des Betriebsarztes an ASA-Sitzungen bzw. sonstigen Besprechungen aus der Distanz sind die Unternehmen hingegen weniger offen. Der Großteil der Unternehmen, die sich eine arbeitsmedizinische Betreuung mittels telemedizinischer Verfahren nicht vorstellen können, steht der Telemedizin im Allgemeinen kritisch gegenüber. Rund 30% der befragten Unternehmen befürchten, dass es seitens der Beschäftigten Bedenken bzw. Widerstände geben könnte. Eine unzureichende technische Ausstattung führten 19% der befragten Betriebe als Grund an, warum sie sich eine arbeitsmedizinische Betreuung mittels telemedizinischer Verfahren nicht vorstellen können.
Schlussfolgerungen und Fazit: Die Ergebnisse zeigen, dass die Thüringer Unternehmen neuen Möglichkeiten einer arbeitsmedizinischen Betreuung im Hinblick auf die Nutzung telemedizinischer Strukturen durchaus offen gegenüberstehen. Vor allem interaktive (Beratungs-)Angebote werden positiv bewertet. Die Bedenken der Arbeitgeber sollten beim Auf-/Ausbau telemedizinischer Angebote berücksichtigt werden.
Frau Dr. Nadja Amler
Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e. V. (DGAUM)
"Anleitung" zur Durchführung der Telemedizin (Tobias Rethage, Kai Kötter, Martin Kern)
Kurzfassung:
Hintergrund: Es herrscht Einigkeit darüber, dass die telemedizinische Sprechstunde das Potential hat, die arbeitsmedizinische Betreuung sinnvoll zu ergänzen. Die Integration einer telemedizinischen Sprechstunde in bestehende Praxisabläufe stellt aber eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar.

Methode: Das Arbeitsmedizinische Zentrum von Infraserv Höchst hat im Rahmen eines Projekts die telemedizinische Sprechstunde eingeführt. Das Poster stellt die Schritte bis zur Einführung dar.

Ergebnisse: Ein Projektteam aus Mitarbeitern aus dem ärztlichen Bereich, der IT, des Betriebsrates, der Rechtsabteilung und des Einkaufs definierte zunächst technische und inhaltliche Anforderungen und wählte dann einen Dienstleister aus. Zudem wurden erforderliche Informationen für Teilnehmer an der Sprechstunde erstellt (FAQs, Informationsbroschüren). Für die Akzeptanz in den betreuten Unternehmen musste über den Nutzen informiert (insbesondere ortsunabhängige Betreuung) und für Problemfelder Lösungen aufgezeigt werden (insbesondere technische, organisatorische Probleme). Auch für die Integration in das betriebsärztliche Praxismanagement mussten Prozesse neu definiert werden.

Schlussfolgerungen: Aus Sicht der Autoren stellt der durchgeführte Prozess ein gutes Beispiel dar, wie eine telemedizinische Sprechstunde in die arbeitsmedizinische Betreuung integriert werden kann. Die Telearbeitsmedizin wird sich auf die Weise als ein sinnvolles, ergänzendes Angebot zur klassischen betriebsärztlichen Betreuung etablieren können.
Herr Dr. Tobias Rethage
Arbeitsmedizinisches Zentrum, Infraserv GmbH & Co. Höchst KG
Arbeitsmedizin im digitalen Wandel - Bericht über ein Pilotprojekt zur Telemedizin (Christoph Oberlinner, Wolfgang Frosch, Dirk Schiffers, Andreas Halbgewachs, Daniel Schiffmann)
Kurzfassung:
Zielsetzung

Beim 121. Deutschen Ärztetage haben die Delegierten einer Änderung der ärztlichen (Muster-)Berufsordnung (MBO) zugestimmt und das bisher geltende berufsrechtliche Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung gelockert. Damit könnte die Tele­medizin in Deutschland einen Schub erhalten. Gleichzeitig ergeben daraus auch sehr vielversprechende Einsatzgebiete für die Arbeitsmedizin in einem modernen betrieblichen Gesundheitsmanagement.

Methoden

Die Abteilung Corporate Health Management der BASF SE hat im Rahmen einer firmeninternen Initiative „BASF4.0“ mögliche Themen identifiziert, die einen Wertbeitrag durch Digitalisierung erbringen können. In einem Workshop (INNORATE©) wurde ein Team aus Experten und fachfremden Mitarbeitern zu Ihren Vorstellungen und Wünschen einer digitalen Gesundheitswelt befragt. Daran anschließend wurde eine auf die Bedürfnisse des Unternehmens zugeschnittene IT-Lösung (telemedizinische Anwendung und smarte elektronische Gesundheitsakte) entwickelt.

Ergebnisse

Die telemedizinische Anwendung und die smarte elektronische Patientenakte wurden in einem Pilotprojekt in verschiedenen „Settings“ (Standorte des Unternehmens in Deutschland, Europa und global) getestet. Sie erfüllten dabei die wichtigen Grundvoraussetzungen wie beispielsweise Datenschutz, Anwenderfreundlichkeit und Performance.

Schlussfolgerungen

Für die Abteilung Corporate Health Management bietet sich bei erfolgreicher Implementierung in der Zukunft die Möglichkeit, die am Standort Ludwigshafen bestehende Expertise (Arbeitsmedizin, Humantoxikologie, Industrial Hygiene, …) als Beratungsleistungen auch anderen Standorten online zur Verfügung zu stellen. Bei zunehmendem Dienstreiseaufkommen besteht weiterhin eine Option in der Beratung von Dienstreisenden und Delegierten bei gesundheitlichen Fragestellungen.
Herr Prof. Dr. med. Christoph Oberlinner
Corporate Health Management, BASF SE
Telematik in der Arbeitsmedizin (Hanns Wildgans, Melanie Mohnke, Michael Téglás)
Kurzfassung:
Telemedizin bezeichnet die Verwendung von Technologien aus Telekommunikation und Informatik – kurz auch Telematik genannt – um Diagnostik, Therapie und Vorsorge im Gesundheitswesen zu verbessern. Ausgehend von berufsrechtlichen Grundlagen und weiteren rechtlichen Rahmenbedingungen werden unter Einbeziehung der Erfahrungen aus der kurativen Medizin die Möglichkeiten dargestellt, die Telematik auch auf die Arbeitsmedizin zu übertragen.
Nach dem Beschluss des 121. Deutschen Ärztetages 2018 in Erfurt können Ärzte Kommunikationsmedien unterstützend einsetzen und dürfen im Einzelfall auch ausschließlich über diese Medien beraten und behandeln, wenn dies ärztlich vertretbar und die erforderliche ärztliche Sorgfalt gewahrt ist. Gegenstand des Vortrages sind die erforderlichen Kriterien, die hierfür im Rahmen der Befunderhebung, Beratung, Übertragung sowie Dokumentation beachtet werden müssen und wie Unternehmen und Proband hierzu ergänzend aufgeklärt werden müssen.
In der arbeitsmedizinischen Diagnostik werden heute bereits viele Befunde IT-basiert erfasst und über eine geeignete Software dokumentiert. Die zusätzliche Herausforderung, Befunde im Rahmen der Telediagnostik vor Ort im Unternehmen zu erheben und zum Arzt in die Praxis zu übertragen, liegt in der sicheren Verschlüsselung der Daten und der Einhaltung des Datenschutzes und der vertraulichen Kommunikation zwischen Arzt und Proband durch geeignete Videotechnik und Räumlichkeiten in Praxis und Unternehmen. Eine Lösung wird im Vortrag dargestellt und die Probleme der Netzabdeckung beschrieben. Die Möglichkeiten der Bildtelefonie und Videokonferenzen erweitern den Rahmen des Betriebsarztes mit der Teilnahme an Arbeitsschutzausschusssitzungen und Unterweisungen bis hin zu Teleteachings und der Verarbeitung medizinischer Themen in e-learning-Modulen.
Schlußfolgerung: Chancen für die Telematik in der Arbeitsmedizin liegen in der Erhöhung der Beratungs- und Betreuungskapazität des Arztes durch Reduktion seiner Reisezeiten, was zu einer Erhöhung der Versorgungsquote und –qualität auch für KMU führen kann. Die Unternehmer schätzen die geringeren Ausfallzeiten der Mitarbeiter durch die kurzen Wege bei Vorsorge vor Ort und begrüßen die Zeit- und Kostenersparnis sowie die einfache organisatorische Abwicklung.
Hinweis: Sollte bis zum Vortragszeitpunkt die Freigabe des Projektförderers vorliegen, wird ein Pilotprojekt mit begleitend durchgeführter Zufriedenheitsbefragung bei Unternehmern und Probanden vorgestellt.

Herr Dr. med. Hanns Wildgans
ias Aktiengesellschaft
Potential der Teledermatologie in Kooperation mit der Arbeitsmedizin für die Gesetzliche Unfallversicherung (Peter Elsner)
Kurzfassung:
Telemedizin mit der besonderen Anwendung Teledermatologie (e-Health) ist der Einsatz von Telekommunikationstechnologien zum Austausch medizinischer Informationen für Diagnostik, Konsultation, Therapie und Lehre [1]. Mittels “Künstlicher Intelligenz” (KI) können Maschinen lernen und so unter wechselnden Umweltbedingungen flexibel eingesetzt werden. Teledermatologie und durch KI unterstützte mobile Bildanalyse-Systems als Teil von e-Health dürften für Prävention, Diagnostik, Therapieadhärenz und Nachsorge von Patienten mit (drohenden) Berufskrankheiten der Haut ein erhebliches Potential zu einer Verbesserung der Versorgung besitzen [2]. Ein dermatologisches Telekonsil könnte Arbeitsmediziner und Betriebsärzte bei der Arbeitsmedizinischen Vorsorge in hautbelastenden Berufen, aber auch beim Hautkrebsscreening von Outdoorworkern unterstützen und so zu rascherer Prävention oder Anerkennung einer Berufskrankheit beitragen. Mittels moderner von KI-Technologien unterstützter mobiler Smartphone-Apps könnten auch das Selbst-Monitoring von Beschäftigten in Risikoberufen, die frühzeitige arbeitsmedizinische Intervention und die dermatologische Therapiebegleitung verbessert werden [3].

Literatur

1. Düker I, Elsner P. [Dermatology in telemedicine. Possibilities and limits]. Hautarzt. 2002; 53(1):11–17.
2. Elsner P, Fischer M, Schliemann S, Tittelbach J. Teledermatologie und künstliche Intelligenz. Trauma und Berufskrankheit [Internet]. 2018; . Available from: https://doi.org/10.1007/s10039-018-0362-2
3. Elsner P, Bauer A, Diepgen TL, et al. Position paper: Telemedicine in occupational dermatology - current status and perspectives. J Dtsch Dermatol Ges [Internet]. 2018; . Available from: http://dx.doi.org/10.1111/ddg.13605
Herr Prof. Dr. Peter Elsner
Hautklinik Universitätsklinikum Jena
Prof. Dr. Peter Elsner studierte Medizin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg von 1974-81. Nach seinem Wehrdienst als Truppenarzt erfolgte die Weiterbildung in Dermatologie und Allergologie an der Universitäts-Hautklinik Würzburg. 1987 erhielt er die Facharztanerkennung und wurde habilitiert. 1988-89 war er mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft Visiting Research Dermatologist am Dept. of Dermatology, UCSF, San Francisco. 1991 wurde er zum Leitenden Arzt an der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich berufen. 1997 folgte er einem Ruf als Professor und Ordinarius für Dermatologie an die Friedrich-Schiller-Universität Jena. Prof. Elsner hat mehr als 600 wissenschaftliche Arbeiten und über 20 Bücher publiziert. Seine wissenschaftlichen Hauptinteressen sind das Kontaktekzem, die evidenzbasierte Dermatologie, die Dermatoepidemiologie, Dermatotoxikologie und nichtinvasive Messverfahren in der Dermatologie. Er ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Fachgesellschaften, Präsidiumsmitglied der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, der International Society for Dermatology in the Tropics und ehemaliger langjähriger Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Berufs- und Umweltdermatologie (ABD).
Donnerstag
21 Mar 2019
09:00 - 10:00
Arbeitsgruppen
Sitzung der deutschen ICOH Sektion
Raum: Ernst Abbe (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 86)
Donnerstag
21 Mar 2019
08:30 - 10:00
Vorträge
Arbeitsphysiologie - Teil 1
Raum: Christian Reichart links (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 88)
Vorsitz 1: André Klußmann | Vorsitz 2: Bernd Hartmann
Grundsätze für die Methodenentwicklung zur Beurteilung von Körperzwangshaltungen bei der Arbeit (Bernd Hartmann, Andre Klussmann, Felix Brandstädt, Hansjoachim Gebhardt, Falk Liebers, Marianne Schust, Patrick Serafin)
Kurzfassung:
Hintergrund: Körperzwangshaltungen (KZH) sind auf Grund subjektiver Angaben der Beschäftigten nach der Handhabung schwerer Lasten die zweithäufigste physische Belastung bei der Arbeit.
Ziel: In der Gefährdungsbeurteilung von KZH sollten physiologisch und psychophysisch begründete, praxisgerechte Methoden eingesetzt werden.
Methodik: Auf der Grundlage von Empfehlungen in der arbeitswissenschaftlichen Literatur sollen Grundsätze für die Gestaltung der Gefährdungsbeurteilung aufgestellt werden. Wichtige Referenzmethoden sind OWAS, LUBA, REBA und PATH sowie die ISO 11226.
Ergebnisse: Aus der Recherche verfügbarer Methoden werden folgende Grundsätzen abgeleitet:
KZH wirken in der Regel lokal in den Körperregionen. Es gibt keine globale Zwangshaltung des gesamten Körpers. Deshalb müssen Beurteilungen getrennt wenigstens nach den Funktionsbereichen des Rumpfes / des Rückens, der Schultern und Arme und der unteren Extremitäten vorgenommen werden. Weitere Differenzierungen z. B. für Nacken und Halsregion sowie für Hände und Unterarme sind möglich.
Biomechanische Wirkungen durch Teilmassen des Körpers und durch äußere Lasten kommen bei allen KZH vor, die internen Kräfte in Körperstrukturen können aber derzeit nur mit speziellen Tools wie digitale Menschmodelle von Experten bestimmt werden.
KZH beruhen überwiegend auf statischer Muskelarbeit und sind nicht mit Kriterien der Arbeitsschwere, insbesondere des Energiestoffwechsels, zu beurteilen.
Körperhaltungen sind bei allen körperlichen Belastungsarten relevant. Es gilt, sie von Körperbewegungen abzugrenzen, wenn sie als Zwangshaltungen beurteilt werden sollen. Entscheidend ist dafür die Mindestdauer einer Haltung von 4 s bei wiederholten bzw. von min. 10 s bei vereinzelt auftretenden Haltungsbelastungen.
Für erkannte KZH ist die Ermittlung der zeitlichen Dauer einzelner und aufeinander folgender Haltungsbelastungen sowie die Gesamtbelastung in einer Arbeitsschicht entscheidend für die Bewertung der jeweiligen KZH.
Für die subjektive Beurteilung von KZH werden Diskomfort, Anstrengung, aber auch Schmerzangaben verwendet. Angaben zum Anstrengungsempfinden sind bei KZH sensibler als Schmerzangaben.Schlussfolgerungen: Es fehlen umfassende Praxismethoden, die eine Beurteilung von KZH in allen Körperregionen erlauben. Die Kriterien der Beurteilung sind den Erfordernissen der Praxis anzupassen. Es fehlen u.a. gesicherte Erkenntnisse über das Belastungs-/Erholungszeit-Verhältnis.
Herr Prof. Dr. med. Bernd Hartmann
ArbMedErgo Beratung
Weiterentwicklung der Leitmerkmalmethode Manuelle Arbeitsprozesse (LMM MA) (André Klußmann, Hansjürgen Gebhardt, Patrick Serafin, Andreas Schäfer, Bernd Hartmann, Falk Liebers, Marianne Schust)
Kurzfassung:
Hintergrund: Zu den sechs Belastungsarten des Gefährdungsfaktors „physische Belastungen/Arbeitsschwere“ (vgl. z.B. www.baua.de/gefährdungsbeurteilung) gehören auch Manuelle Arbeitsprozesse (MA). Hierzu wurde im Jahr 2007 zunächst ein Arbeitsentwurf und im Jahr 2011 eine validierte Leitmerkmalmethode (LMM MA) veröffentlicht. Im MEGAPHYS-Projekt wurden weitere Entwürfe von Leitmerkmalmethoden zu weiteren Belastungsarten entwickelt bzw. weiterentwickelt. Dazu war eine Anpassung und erneute Validierung der LMM MA erforderlich.
Ziel: Vorgestellt wird der Entwicklungsprozess der LMM MA mit ersten Ergebnissen zur Überprüfung ausgewählter Gütekriterien.
Methodik: Die Weiterentwicklung der Methode erfolgte in sechs Schritten:
1) Analyse anderer Verfahren zur Bewertung von MA,
2) Simulation der Ergebnisse der Methode auf Grundlage von rund 3.000 durchgeführten Tätigkeitsbewertungen mit der LMM MA aus dem Jahr 2011,
3) Abgleich des Bewertungsmodells mit den anderen fünf Belastungsarten
4) Erprobung des Entwurfes in einer Feldstudie unter > 200 Praxisanwendern,
5) Erneuter Abgleich mit den anderen fünf Belastungsarten,
6) „Einfrieren“ dieses Entwurfes 2017/18 und Anwendung in Feld- und Laborstudien sowie Anwenderworkshops zur Ermittlung der Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität.
Iterativ erfolgte nach jedem Schritt eine Modifikation des Methodenentwurfes. Parallel wurden auch die Entwürfe für die anderen fünf Belastungsarten angepasst und Handlungsanleitungen entwickelt.
Ergebnis: Im aktuellen Entwurf besteht die LMM MA aus vier Seiten (Deckblatt mit Einordnung der Belastungsart gefolgt von einem zweiseitigen Formblatt und einer einseitigen Kurz-Handlungsanleitung). Zudem wurde eine Langfassung der Handlungsanleitung erarbeitet. Konvergenzbetrachtungen mit 50 Tätigkeiten zeigen eine hohe Übereinstimmung der Ergebnisse mit der LMM MA 2011 (r²-links= 0,96 und r²-rechts=0,98) und eine gute Übereinstimmung mit dem OCRA-Index (r²-links=0,67 und r²-rechts=0,61).
Diskussion: Die bisherige Betrachtung der Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität (vgl. auch Vortrag von Liebers et al. zur Kriteriumsvalidität der LMM MA) zeigte zufriedenstellende Ergebnisse. Eine Revision der Methode unter Berücksichtigung der Evaluationsergebnisse aus Schritt 6 steht noch aus.
(MEGAPHYS ist ein Kooperationsprojekt von BAuA und DGUV. Zielsetzung und Projektpartner: siehe www.baua.de/DE/Aufgaben/Forschung/Forschungsprojekte/f2333.html)
Herr Prof. Dr.-Ing. André Klußmann M.Sc., Eur.Erg.
Institut für Arbeitsmedizin, Sicherheitstechnik und Ergonomie e.V. - ASER, Wuppertal
Kriteriumsvalidität einer überarbeiten Version der Leitmerkmalmethode Manuelle Arbeitsprozesse (Falk Liebers, André Klußmann, Hansjürgen Gebhardt, Bernd Hartmann, Felix Brandstädt, Marianne Schust)
Kurzfassung:
Hintergrund: Manuelle Arbeitsprozesse stellen ein Risiko für arbeitsbedingte Erkrankungen der oberen Extremitäten dar (z.B. Karpaltunnelsyndrom). Eine valide Gefährdungsbeurteilung ist dabei ein Basiselement der Primärprävention. Im Projekt MEGAPHYS* wurde hierzu u.a. die Leitmerkmalmethode Manuelle Arbeitsprozesse (LMM MA) angepasst und validiert.
Ziel: Vorgestellt werden Ergebnisse zur Kriteriumsvalidität einer überarbeiteten Version der LMM MA (Entwicklungsversion 2017/2018).
Methodik: Validierungsstudie im Querschnittsdesign. Validiert wird die Zuordnung von Arbeitsplätzen zur einer von vier Risikokategorie (RK) für manuelle Arbeitsprozesse (RK1 – nicht/gering (= Referenz), RK2 – mäßig erhöht, RK3 – wesentlich erhöht, RK4 – hoch belastet) basierend auf dem über Einzeltätigkeiten kumulierten Gesamtpunktwert. Betrachtet wurden 192 Arbeitsplätze in Deutschland mit verschiedenen Arten und Intensitäten physischer Belastungen. 808 hier beschäftigte Personen wurden zu Beschwerden und Erkrankungen im Muskel-Skelett-System befragt und ärztlich untersucht. Zielparameter waren Unterschiede in der Prävalenz von Handgelenkbeschwerden sowie klinischen Hinweisen auf ein Karpaltunnelsyndrom zwischen den vier Risikokategorien der LMM MA. Effektschätzer sind Prävalenzratios (PR) basierend auf adjustierten log-linearen Poisson-Regressionsmodellen.
Ergebnisse: 152 der 192 Arbeitsplätze wurden hinsichtlich manueller Arbeitsprozesse bewertet. Hier arbeiteten 598 Beschäftigte (40,5 +- 11,3 Jahre, 15% Frauen). 257 Probanden (44,6%) waren nicht oder gering, 42 (7,0%) mäßig erhöht, 174 (29,1%) wesentlich erhöht und 115 (19,2%) hoch belastet exponiert. Die rohe Monatsprävalenz an Handgelenksbeschwerden lag bei 16%, 14%, 22% und 39%. Dies entspricht im voll adjustierten Modell Prävalenzratios von 1,46 (CI: 0,61 - 3,50), 1,97 (CI:1,16 - 3,36) und 2,41 (CI: 1,50 - 3,86) für die Risikokategorien 2 bis 4. Es fanden sich zudem in den beiden oberen Risikokategorien 3,19fach (CI:0,68 - 15,02) bzw. 8,47fach (CI:2,00 - 35,90) häufiger klinische Hinweise auf ein Karpaltunnelsyndrom.
Diskussion: Die überarbeitete LMM MA Version 2017/2018 erscheint analog zur vorherigen Version LMM MA 2011 valide hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen der Risikobewertung und der tatsächlichen Prävalenz spezifischer Beschwerden und Erkrankungen.
(* MEGAPHYS ist ein Kooperationsprojekt von BAuA und DGUV. Zielsetzung und Projektpartner: www.baua.de/DE/Aufgaben/Forschung/Forschungsprojekte/f2333.html)
Herr Dr. med. Falk Liebers MSc.
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Aktualisierte Auswertung von Ex-vivo-Messungen zur Kompressionsfestigkeit lumbaler Segmente: Ableitung der „Revidierten Dortmunder Richtwerte” (Matthias Jäger)
Kurzfassung:
Beeinträchtigungen und Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems treten häufig im Bereich des unteren Rückens auf und betreffen vorrangig Personen in Tätigkeitsfeldern mit hohen physischen Belastungen. Mit dem Ziel einer arbeitsmedizinisch angemessenen Arbeitsgestaltung sind Kriterien zur Unterscheidung von Belastung und Überlastung erforderlich. Inzwischen hat sich ein biomechanischer Bewertungsansatz etabliert, bei dem die Druckkraft beispielsweise auf die lumbosakrale Bandscheibe mit der lumbalen Kompressionsfestigkeit verglichen wird. Dazu wurden 2001 die „Dortmunder Richtwerte” als Empfehlungen zur maximalen Kompressionsbelastung beim Handhaben von Lasten entwickelt. Aufgrund zwischenzeitlich durchgeführter Erhebungen sollte die zugrundeliegende Datenbasis aktualisiert und eine eventuelle Richtwertanpassung geprüft werden.

In 2013 und 2014 sowie ergänzend 2017 wurde eine standardisierte Literatursuche anhand von 15 Begriffen wie Festigkeit oder Versagenslast sowie der englischen Entsprechungen durchgeführt. Nach Prüfung der Titel wurden bei nichtverworfenen Quellen die Abstracts geprüft, danach ggf. die Volltexte; dies wurde 3fach wiederholt. Aktuell wurden 83 prinzipiell nutzbare Literaturquellen zusammengetragen (36 zusätzlich zu 2001er Erhebung), von denen aufgrund von Nebenbedingungen wie die Präparatgröße nur 36 Quellen (11 zusätzlich) Werte der humanen lumbalen (quasi)statischen Kompressionsfestigkeit enthalten (1192 Werte, plus 416). Mit einem Spenderalter von ≥20 Jahren sind 541 Werte verbunden (plus 39). Auf Basis geschlechtsspezischer Altersregressionen – jeweils vermindert um den Wert einer Standardabweichung – variieren die „Revidierten Dortmunder Richtwerte” zwischen 5,4 und 2,2 kN für Männer von 20 bzw. ab 60 Jahren sowie zwischen 4,1 und 1,8 kN für Frauen entsprechenden Alters.

Die vorgestellte Vorgehensweise fokussiert auf biomechanische Zusammenhänge und dient als „Surrogatansatz”, der nicht als physiologisch umfassende Beurteilung der Beanspruchung des unteren Rückens missinterpretiert werden sollte und der nicht die zumeist multifaktorielle Genese von Veränderungen oder Erkrankungen erklären kann; gleichwohl scheint eine Anwendung angemessener als eine Nichtberücksichtigung.

Die Untersuchungen wurden innerhalb des Kooperationsprojekts „MEGAPHYS: Mehrstufige Gefährdungsanalyse physischer Belastungen”, gefördert durch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sowie die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, durchgeführt.
Herr PD Dr. Matthias Jäger
IfADo – Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund
Entwicklung messwertbasierter biomechanischer Belastungsindikatoren für das Handgelenk (Kai Heinrich, Britta Weber, Ingo Hermanns, David Seidel, Ulrike Hoehne-Hückstädt, Dirk Ditchen, Rolf Ellegast)
Kurzfassung:
Zielsetzung: Arbeitsbedingte biomechanische Überlastungen des Hand-Arm-Komplexes können durch eine ganze Reihe unterschiedlicher Belastungsfaktoren hervorgerufen werden. Obwohl sich messwertbasierte Verfahren für die Bewertung von physischen Expositionen anbieten, sind sie bisher wenig verbreitet. Im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts MEGAPHYS wurden u.a. Bewertungsverfahren für das Messsystem CUELA weiterentwickelt. In diesem Beitrag werden Bewertungsansätze, die das Risiko von muskuloskelettalen Beschwerden und Erkrankungen (MSBE) der Hand - insbesondere das Carpaltunnelsyndrom (CTS) - beschreiben, und deren exemplarische Validierung vorgestellt.
Methode/Ergebnis: Die messwertbasierten Belastungsindikatoren für das Handgelenk orientieren sich an repetitiven Bewegungen, extremen Gelenkstellungen und Kraftaufwand der Hände. Der Repetition-Score berücksichtigt die mittlere Winkelgeschwindigkeit (P50 ωHa), die mittlere Frequenz (P50 MPFHa) und Micro-Pausen. Die Kategorisierung erfolgte in Anlehnung an die verbale Verankerung der Latko-Skala. Der Kinematic Assessment Index (KAIx) wurde ausgehend von den Normen DIN 1005/4 und ISO 11226 gebildet und liefert den Zeitanteil nicht empfohlener Haltungen und Bewegungen. Die Bewertung des Kraftaufwands (P90 %MVC) wurde anhand des 90. Perzentils der %MVC Werte durchgeführt. Ein kombinierter Belastungsindikator wurde aus Repetition-Score und P90 %MVC nach den Hand Activity Level Threshold Limit Values (ACGIH 2018) entwickelt. Alle Belastungsindikatoren werden anhand abgefragter und ärztlich untersuchter MSBE des Hand-Arm Komplexes am Beispiel des CTS validiert.
In der Querschnittsstudie wurden 800 Mitarbeiter aus Betrieben verschiedener Industriesparten in Deutschland berücksichtigt. Die vorliegenden Daten deuten darauf hin, dass körperregionenspezifische Haltungen, neben der Repetition und der Kraft, ein relevanter Faktor ist.
Schlussfolgerungen: Anhand der einzelnen Belastungsindikatoren, die zur Bewertung der Exposition herangezogen wurden, ist es möglich, konkrete Belastungsbewertungen für die Körperregion „Handgelenk/Hand“ zu erhalten, um daraus nachfolgende zielgerichtete Maßnahmen einleiten zu können.
(MEGAPHYS ist ein Kooperationsprojekt von BAuA und DGUV. Zielsetzung und beteiligte Projektpartner: siehe https://www.dguv.de/ifa/fachinfos/ergonomie/megaphys-mehrstufige-gefaehrdungsanalyse-physischer-belastungen-am-arbeitsplatz/index.jsp)
Herr Dr. Kai Heinrich
Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung
Entwicklung eines multidimensionalen Models zur Vorhersage von Gesundheitsrisiken bei Steharbeit (Robert Seibt, Rudolf Wall, Monika A. Rieger, Benjamin Steinhilber)
Kurzfassung:
Hintergrund:
Steharbeit wird mit venösen Erkrankungen in den unteren Extremitäten und Rückenbeschwerden assoziiert. Bei genauerer Betrachtung von Steharbeitsplätzen zeigen sich teilweise starke Unterschiede hinsichtlich Stehdauer, Steh-/Gehanteil und Zykluszeit (Zeit in der zwischen Stehen und Gehen gewechselt wird). Obwohl bekannt ist, dass ein Wechsel zwischen Stehen und Gehen dem Risiko entgegenwirkt, ist unklar, wie das Erkrankungsrisiko für unterschiedliche Steharbeitsplätze eingestuft werden kann und ob Gestaltungsmaßnahmen ergriffen werden sollten.

Zielsetzung:
Ziel ist die Entwicklung eines Vorhersagemodells für venöse Erkrankungen und Beschwerden im unteren Rücken in Abhängigkeit von Stehdauer, Steh-/Gehanteil und Zykluszeit.

Methode:
47 Personen (27 Frauen, 20 Männer) nahmen in randomisierter Reihenfolge an vier zweistündigen Steh-/Gehexpositionen teil: Stehen, Gehen und 2 x Wechsel zwischen Stehen und Gehen (65% und 35% Gehanteil) mit einer Zykluszeit von 10 min. Im Verlauf der zweistündigen Expositionen wurden Surrogatparameter (Ödembildung und Beschwerden) eines erhöhten Risikos für venöse Erkrankungen und Rückenbeschwerden erfasst. Diese Variablen (Ödembildung: Bioelektrische Impedanz und Volumenänderung; Beschwerdeintensität: numerische Ratingskala 0-10) wurden in Abhängigkeit von Stehdauer, Stehanteil und Zykluszeit modelliert und mit den Ergebnissen einer systematischen Literaturrecherche in ein gesundheitliches Risiko übersetzt.

Ergebnisse / Diskussion:
Eine Stehdauer von zwei Stunden führte zu ca. 70% des maximal möglichen Unterschenkelödems und zu etwa 8% der maximal möglichen Beschwerdeintensität im unteren Rücken. Mit zunehmendem Gehanteil wurden das Unterschenkelödem und die Beschwerden signifikant reduziert. Auch für die Zykluszeit konnte ein Einfluss auf das Unterschenkelödem nachgewiesen werden. Diese Zusammenhänge wurden in ein mehrdimensionales Regressionsmodell überführt und mit Hilfe der Erkenntnisse aus der Literaturrecherche (gewichtet gemittelte Risikoerhöhung für venöse Erkrankungen aus Längs- und Querschnittsstudien mit hohen Probandenzahlen bei verschiedenen Tätigkeiten) in ein Gesundheitsrisiko bei Steharbeit transformiert. Das entwickelte Vorhersagemodell erlaubt es Praktikern, durch Messen oder Abschätzen von Stehdauer, Stehanteil und Zykluszeit an einem konkreten Steharbeitsplatz das resultierende Gesundheitsrisiko zu berechnen und ggf. Gestaltungsmaßnahmen zu ergreifen.
Herr Robert Seibt
Donnerstag
21 Mar 2019
10:15 - 11:30
Vorträge
Arbeitsphysiologie - Teil 2
Raum: Christian Reichart links (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 88)
Vorsitz 1: Irina Böckelmann | Vorsitz 2: Benjamin Steinhilber
Visuelle Ermüdung, Motivations- und Beanspruchungslage sowie Usability bei modellierten Montageprozessen (Annemarie Minow, Irina Böckelmann)
Kurzfassung:
Hintergrund
In Zeiten der Industrie 4.0 werden zunehmend digitale Assistenztechnologien im Montagebereich eingesetzt. Aufgabe von Arbeitsmedizinern und -wissenschaftlern, wie im BMBF-geförderten Verbundvorhaben „3D-Montageassistent“ (FKZ: 03ZZ0441E), ist es, bei dem begleitenden Prozess der Entwicklung und beim späteren Einsatz dieser Systeme sicherzustellen, dass Belastungs- und Beanspruchungsfaktoren des Nutzers und die Gebrauchstauglichkeit des Assistenzsystems beachtet werden. Im Rahmen einer Vorstudie wurden die arbeitspsychologischen/-physiologischen Verfahren zunächst unter Laborbedingungen getestet.
Methode
In zwei randomisierten Durchläufen haben 24 freiwillige Probanden (⌀ 25,2 ± 5,65 Jahre) Montageaufgaben mithilfe einer Papieranweisung bzw. wortgleichen digitalen Liste durchgeführt. Eingesetzte Methoden zur Erfassung der Beanspruchung waren der Fragebogen zur visuellen Ermüdung (VFQ) und die Eigenzustandsskala (EZ) nach Nitsch. Zur Messung der Gebrauchstauglichkeit wurde die System Usability Scale (SUS) verwendet.
Ergebnisse
Zwischen der Anwendung der Papierliste und der digitalen Arbeitsanweisung zeigen sich keine signifikanten Unterschiede in der visuellen Ermüdung sowie der Motivations- und Beanspruchungslage. Die geistige Ermüdung war jedoch vor dem Versuch geringer als nach der Ausführung der Arbeitsaufgaben. Statistisch sicher bestätigt werden konnte dieses Ergebnis nur bei der digitalen Liste (p = 0,032). Die Motivation (MOT), Aktivation (AKT), Anstrengungsbereitschaft (ANBE) und Kontaktbereitschaft (KON) waren vor dem Versuch größer als nach Absolvierung beider Varianten, wobei diese Unterschiede bei der Papierliste in den Kategorien MOT (p = 0,044), AKT (p = 0,031) sowie ANBE (p = 0,009) und bei der digitalen Liste in der Kategorie KON (p = 0,026) statistisch signifikant sind. Die Ergebnisse aus der SUS zeigen ähnliche Werte bei beiden Varianten (für die Papierliste 71,4 ± 15,18 Punkte und die digitale Variante 69,1 ± 20,42 Punkte; p > 0,05).
Schlussfolgerung
Im kurzfristigen Einsatz scheinen digitalisierte Arbeitsanweisungen im Vergleich zu Papieranweisungen nicht zu einer höheren Beanspruchung beim Nutzer beizutragen. Die Gebrauchstauglichkeit beider Hilfestellungen wird ähnlich gut eingeschätzt. Die verwendeten Fragebögen können im weiteren Projektverlauf zu Untersuchungen am Modellarbeitsplatz und im Feldversuch eingesetzt werden.
Frau Annemarie Minow
Otto-von-Guericke Universität Magdeburg (Bereich Arbeitsmedizin der Medizinischen Fakultät)
Muskuläre Ermüdung während simultaner physischer und kognitiver Belastung (Florestan Wagenblast, Helena Schittenhelm, Jonas Winter, Robert Seibt, Monika A. Rieger, Benjamin Steinhilber)
Kurzfassung:
Hintergrund: Viele Arbeitsplätze sind geprägt von gleichzeitig auftretenden physischen und kognitiven Arbeitsanforderungen. Grundlagenstudien konnten zeigen, dass physische und kognitive Belastung miteinander in Interaktion treten können und zu einer erhöhten Einbuße der motorischen Kontrolle und muskulären Ermüdung führen.

Zielsetzung: In diesem Laborexperiment wir das muskuläre Ermüdungsverhalten und Aspekte der motorischen Kontrolle bei simultaner physischer und kognitiver Belastung untersucht.

Methode: Für die Studie werden insgesamt 30 Probanden rekrutiert (15♂, 15♀). An 2 Messtagen wird von jedem Probanden jeweils zweimal eine Tracking-Aufgabe (intermittierende isometrische Kontraktion der Dorsalextensoren des Handgelenks mit unterschiedlichen Kraftstufen) durchgeführt, wobei gleichzeitig ein n-back-Test (Gedächtnisaufgabe) gestellt wird. Beide Aufgaben werden bei 2 unterschiedlichen Kraftniveaus (Tracking bei 5 und bei 10% der Maximalkraft (MVC)) und Stufen der kognitiven Belastung (n-back: 0-back und 2-back) absolviert, sodass sich 4 Kombinationen ergeben. Die muskuläre Ermüdung wird mittels isometrischen MVC-Messungen (vorher zu nachher) sowie Parametern der Muskelaktivität (Medianfrequenz und elektrische Aktivität) des M. extensor digitorum erhoben. Die Quantifizierung der motorischen Kontrolle erfolgt durch Berechnung der Präzision während der Tracking-Aufgabe. Zusätzlich beurteilen die Probanden ihre geistige und muskuläre Anstrengung mittels einer 11-stufigen Rating-Skala.

Ergebnisse / Diskussion: Die Ergebnisse aus einer Pilotmessung mit 4 Probanden lassen vermuten, dass sich für die Ermüdung, gemessen anhand einer MVC-Abnahme (vorher zu nachher) sowie einer Zunahme der geistigen Anstrengung, eine Interaktion zwischen physischer und kognitiver Belastung zeigt. Für die Parameter der Muskelaktivität und das muskuläre Anstrengungsempfinden konnte diese Tendenz, wie auch für die motorische Kontrolle (Präzision bei der Tracking-Aufgabe), nicht erkannt werden. Auf der Konferenz sollen die Ergebnisse der Hauptstudie präsentiert werden.
Herr Florestan Wagenblast
Universitätsklinikum Tübingen
Comparing work break effectiveness for preventing work-related musculoskeletal symptoms – a Cochrane Protocol & Review (Tessy Luger, Chris G. Maher, Monika A. Rieger, Benjamin Steinhilber)
Kurzfassung:
Background: Repetitive and monotonous work is very common in modern industrial operations, leading to an increased risk of musculoskeletal disorders. Appropriate intervention preventing or counteracting such hazardous work tasks may include work breaks. A work break can be defined as any scheduled work-interruption that is not related to work, which includes the following characteristics: frequency (amount, timing), duration, or type (active, passive).
Objectives: In this Cochrane Review we aim to assess and compare the effectiveness of different work break schedules for preventing or decreasing work-related musculoskeletal symptoms in workers.
Methods: We searched the literature for randomized, quasi-randomized, and cluster-randomized studies including adult workers without musculoskeletal symptoms that evaluated a work break intervention. A total of 10,642 records were identified after the literature search from which 2,368 duplicates were discarded. Two review authors (TL, BS) independently screened the final 8,274 records and excluded another 8,191. Eighty-seven full-texts were independently assessed for eligibility (TL, BS), of which 80 were excluded.
Results: The seven final records referred to six studies and were included for the quantitative synthesis. The studies assessed different types of breaks and / or break frequencies. The primary outcomes that were evaluated in the studies and compliant with the requirements as specified in the Cochrane Protocol included participant-reported discomfort, fatigue or pain and work performance or productivity. All six studies have a high risk of bias.
Discussion: There are limited randomized controlled studies about different work break schedules in terms of break frequency and break type. Moreover, high quality studies about different work break durations are missing completely. These findings point out that we are still rather uncertain about the true effectiveness of work break interventions in the field, which may lead to the recommendation of evaluating field implementations of work break interventions in the future. However, in this Cochrane Review, results coming from laboratory studies have been excluded, but might of course be considered when judging whether work breaks interventions could be effective in the field or not.
Frau Tessy Luger Ph.D.
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung
Analyse der Wirksamkeit von Exoskeletten beim Einsatz an industriellen Arbeitsplätzen (Ulrich Glitsch, Ines Bäuerle, Lisa Hertrich, Kai Heinrich, Martin Liedtke)
Kurzfassung:
In jüngster Zeit werden vermehrt Exoskelette (ES) speziell für den Einsatz an industriellen Arbeitsplätzen angeboten, die einen Entlastungseffekt durch Reduktion der Muskel-Skelett-Belastungen bewirken und damit langfristig Muskel-Skelett-Beschwerden (MSB) vorbeugen sollen. In diversen Laborstudien konnten einzelne Wirkeffekte durch die ES nachgewiesen werden [1]. Ob diese Effekte allerdings ausreichen, um einen nachhaltigen Entlastungseffekt zu erzeugen, um MSB zu verringern bzw. deren Entstehung vorzubeugen, bleibt bisher weitgehend unbeantwortet.

In einer kombinierten Markt- und Literaturrecherche wurden marktreife ES hinsichtlich technischer Funktionsweise und nachgewiesene Wirkeffekte kategorisiert und tabellarisch aufbereitet. Mit Hilfe eines komplexen biomechanischen Mess- und Modellierungsansatzes, der neben der Elektromyographie (EMG) die Drehmomentunterstützung des ES und die damit verbundene Krafteinwirkung auf die zu unterstützenden Körperbereiche betrachtet, wurde exemplarisch an ausgewählten ES deren Wirkungseffekt analysiert.

Die marktreifen ES für den industriellen Einsatz decken meist nur einzelne Körperbereiche (Hüft- /Schulter-/Knieregion) ab. Nur wenige Systeme sind modular kombinierbar und umspannen mehrere Körperregionen. Die überwiegende Mehrzahl der ES zählt zu den passiven Systemen. Hier erfolgt die Unterstützung durch Speicherung von elastischer Energie während der Beugung und deren teilweise Rückgewinnung während der Streckung. Bisher gibt es nur wenige aktive Systeme, die durch mechanische Antriebe (elektrisch/pneumatisch) eine Drehmomentunterstützung liefern. Alle als marktreif gefundenen Systeme unterstützen primär nur anteilig das Schwerkraftmoment des betreffenden Körpersegments. Bei der Lasthandhabung muss das zusätzliche Gewicht weiterhin durch das Muskel-Skelett-System kompensiert werden.

Schlussfolgerungen: Der im IFA entwickelte Mess- und Modellierungsansatz erlaubt die weitgehend standardisierte Beurteilung der Unterstützungswirkung von ES. Durch die Kombination von Labor- und Feldmessung am Arbeitsplatz kann die effektive erreichte Unterstützungswirkung wesentlich realitätsnäher als bisher beurteilt werden. Wichtige weitere Aspekte sind außerdem die sorgfältig durchzuführende Gefährdungsbeurteilung [2] und die Beobachtung möglicher Nebenwirkungen durch den Langzeitgebrauch von ES.

Literatur:
de Looze et al. (2016): Ergonomics, 671-681
Liedtke, Glitsch (2018): sicher ist sicher, 3, 110-113
Herr PD Dr. Ulrich Glitsch
Präarthrotische Deformität im Vergleich zu beruflichen Risikofaktoren (Heben von Lasten). Ergebnisse eines systematischen Review. (Gunter Spahn)
Kurzfassung:
Zielstellung.
In den letzten Jahren wurde eine Reihe systematische Reviews/Metaanalysen zur Ermittlung beruflicher Faktoren bei der Entstehung der Koxarthrose durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass schwere körperliche Tätigkeit allgemein und vor allem das Heben von Lasten einen möglichen Risikofaktor für die Koxarthrose darstellt.
Unumstritten ist, die Koxarthrose bei jüngeren Männern ist in nahezu allen Fällen signifikant assoziiert mit dem vorliegen von präarthrotischen Deformierungen, vor allem Störungen im Bereich des Hüftkopf-Schenkelhals-Übergangs (Cam Impingement).

Methode:
Zum Stichtag 01.02.2018 wurde eine systematische Recherche in den Datenbanken PubMed, Medline, Cochrane, EMBASE und Web-of-Science durchgeführt.
Einschlusskriterien: ausschließlich Längsschnittuntersuchungen, Risiko adjustiert auf das Vorliegen eines radiologisch nachgewiesenen Cam-Impingement.
Ausschlusskriterien: Querschnittsuntersuchungen, therapeutische Studien.
Die statistische Auswertung zur Bestimmung des Risikos erfolgte mit StatsDirect (Ltd
Cambridge, UK (3.0/187).

Ergebnisse:
Von ursprünglich 595 gefundenen Artikeln wurden 111 im Volltext gelesen und schließlich 6 Arbeiten in die Metaanalyse einbezogen. In 5 dieser Arbeiten wurde die Cam-Deformierung durch die Messung des Alphawinkels bestimmt. In einer Arbeit erfolgte die Cam-Diagnostik durch Messung einer 16-Punkte-Kurve entlang des Hüftkopfes. Die Inter-Observer-Realität in den Untersuchungen betrug 0,64 bis 0,97.
Die Pooled odds ratio (Random effects (DerSimonian-Laird)) betrug = 3,9 (95% CI = 2,5 to 5,9). I2 (inconsistency) = 61,3%. p=0,010.

Schlussfolgerungen:
Die Ergebnisse der Literaturrecherche bestätigen die Vermutung, dass eine Cam-Deformierung im Bereich der Hüfte ein signifikantes Risiko für eine spätere Koxarthrose ist. Inwieweit Belastungen des Hüftgelenkes durch zusätzliche Faktoren wie Sport, Beruf, Übergewicht bei Vorliegen solcher Deformierungen zusätzlich eine Rolle spielen bleibt unklar. Die höhere Prävalenz eines Cam bei Männern auch mit asymptomatischen Hüften mag eine Erklärung für die erhöhte Arthroserate jüngerer männlicher Patienten sein.
Vor allem liegen die Effektstärken für das Koxarthrose Risiko bei vorliegendem Impingement eindeutig weit unter den ermittelten Effektstärken für berufliche Belastungsfaktoren, insbesondere für das Heben von Lasten.
Insofern ist es derzeit nicht möglich, eine Begründung für das Vorliegen einer BK Koxarthrose durch Heben von Lasten zu definieren.
Herr Prof. Dr. med. habil. Gunter Spahn
Praxisklinik für Unfallchirurgie und Orthopädie Eisenach. Universitätsklinikum Jena
Donnerstag
21 Mar 2019
08:30 - 11:30
Seminar
Seminar Gesundheitsförderung in Betrieben und an Hochschulen: sportmedizinische Evidenz und juristische Rahmenbedingungen
  • Einführung – Gesundheitsförderung in den Lebenswelten: ein neues Feld für die Arbeitsmedizin?
    (P. Dietz)
  • Ist Sitzen wirklich das neue Rauchen: aus dem Stuhl kommen mittels „short-term exercises“
    (P. Dietz)
  • Praxis zu „short-term exercises“ mit Schwerpunkt Kräftigung
    (P. Dietz)
  • Der Einfluss von körperlicher Aktivität in der Schwangerschaft auf die Gesundheit der Mutter, des Fötus und des Neugeborenen
    (M. van Poppel)
  • Praxis zu „short-term exercises“ mit Schwerpunkt Mobilisation
    (P. Dietz)
  • Juristische Aspekte von Gesundheitsförderung in Betrieben: was darf man und was gilt es zu beachten?
    (NN)
  • Diskussion mit allen TeilnehmerInnen und ReferentInnen
    (P. Dietz und S. Weiler)
Raum: Christian Reichart mitte+rechts (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 120)
Vorsitz 1: Pavel Dietz | Vorsitz 2: Stephan Weiler
Donnerstag
21 Mar 2019
13:30 - 16:30
Seminar
Seminar Gefahrstoffe und Biomonitoring
Raum: Christian Reichart mitte+rechts (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 120)
Vorsitz 1: Bernd Herber
Donnerstag
21 Mar 2019
10:30 - 13:15
Workshop
Forschungsverbünde zur Gesundheit in der Arbeitswelt - Teil 1 (öffentlich)
  • Begrüßung
    (M. Rieger, H. Drexler)
  • Förderinitiative „Gesund – ein Leben lang“
    (Herr Tim Lücken, BMBF)
  • Forschungsverbünde zur Gesundheit in der Arbeitswelt
    (Dr. Michael Ebert, DLR Projektträger)
  • Projekte zur Gesundheit in der Arbeitswelt in den Förderinitiativen des BMBF zur Gesundheitsforschung und Arbeitsforschung
    (Dr. Michael Ebert, DLR Projektträger; Dr. Alexander Lucumi, PTKA Projektträger Karlsruhe)
  • Vorstellung der Forschungsverbünde
     
Raum: Joseph Meyer (2. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 56)
Vorsitz 1: Monika A. Rieger | Vorsitz 2: Hans Drexler
Forschungsverbünde zur Gesundheit in der Arbeitswelt – welche Fragestellungen stehen im Zentrum der neuen BMBF-geförderten Projekte? (Monika A. Rieger)
Kurzfassung:
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) startete Ende 2015 die Förderinitiative „Gesund – ein Leben lang“. In dieser sollen jeweils unter Berücksichtigung der Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen, im Alter, bei arbeitenden Menschen und bei Männern und Frauen neue und wirkungsvolle Konzepte zur Gesundheitsförderung, Prävention und Versorgung entwickelt werden.

Mit Blick auf die Gesundheit in der Arbeitswelt erfolgte im Sommer 2016 die Ausschreibung einer spezifischen Forschungsförderung für Forschungsverbünde, die sich mindestens einem von vier Themengebieten widmen:
- Präventionsforschung zur Vermeidung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz
- Entwicklung kultursensibler Konzepte der betrieblichen Gesundheitsförderung
- Betriebliche Gesundheitsförderung in einer vernetzten Arbeitswelt
- Implementationsforschung zum betrieblichen Gesundheitsmanagement von KMU

Laut Ausschreibung ist die Beteiligung „arbeitsmedizinischer und/oder arbeitsepidemiologischer (…) Abteilungen oder Institute“ in den Verbünden ebenso wesentlich wie die enge Zusammenarbeit mit Betrieben und die Beteiligung von Beschäftigten bzw. von Beschäftigtenvertretern. Die Arbeit in den Verbünden soll inter- und transdisziplinär gestaltet werden.

Im Jahr 2017 wurden die ersten drei Forschungsverbünde genehmigt, Ende 2018 folgte dann die Genehmigung von vier weiteren Forschungsprojekten. Der Förderzeitraum für die in der Regel sehr umfangreich angelegten Projekte reicht bis ins Jahr 2021.

Die Vertreterinnen und Vertreter dieser sieben aktuellen und innovativen wissenschaftlichen Projekte mit Fokus auf die Gesundheit in der Arbeitswelt stellen die zu beantwortenden Fragestellungen und angewandten Methoden erstmals zusammengefasst im Rahmen einer Veranstaltung vor, die eingebettet in die 59. DGAUM-Jahrestagung in Erfurt durchgeführt wird. Das Symposium dient hierbei nicht nur der Präsentation der (geplanten) Arbeit, sondern auch der Diskussion und dem Gedankenaustausch zwischen den Mitgliedern der Verbünde, weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie der betrieb(särzt)lichen Praxis.

Link zur Darstellung der Verbünde auf der Homepage des BMBF: https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/gesundheit-in-der-arbeitswelt-6724.php
Frau Prof. Dr. med. Monika A. Rieger
Universitätsklinikum Tübingen
Donnerstag
21 Mar 2019
11:30 - 12:30
Posterdiskussion
Posterdiskussion
  • Gefahrstoffe I - Stäube, Rauche, Fasern
    (Vortragende: P. Ziegler, A.M. Preisser, J. Bleidorn, N. Verma, A.S. Schulze)
  • Gefahrstoffe II - Biomonitoring
    (Vortragende: T. Göen, J. Hildebrand, E. Eckert, T, Jäger, S. Bäcker, L. Fuhrländer, J. Dassow, A. Schäferhenrich, H. Denghel)
  • Gefahrstoffe III
    (Vortragende: M. Conzelmann, C.E. Ziener, K. Sucker, D. Taeger, B. Thielmann, D. Walter, U. Eickmann, B. Roßbach, J. Gerding, Y. König, S. Mini Vijayan)
  • Gefahrstoffe IV - Metalle
    (Vortragende: A. Kraft, W. Weistenhöfer, E. Burek, R. Nowak; K. Deering)
  • Gesundheit am Arbeitsplatz
    (Vortragende: D. Losch, M. Finell, A. Claus, P.M. Gaum, M. Riechmann-Wolf, M. Heide, S. Groth, S. Robelski, V. Ehegartner, C. Knobloch, B. Thielmann)
  • Schichtarbeit
    (Vortragende: C. Brendler, M. Betz, E. Ochsmann)
  • Preisträger "Forum Arbeitsphysiologie"
    (Vortragende: A. Minow, T. Luger; L. Stieler, S. Scholz)
Raum: Panoramasaal (3. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 554)
Herzfrequenzvariabilität bei Bankangestellten mit und ohne beeinträchtigte psychische Gesundheit (Beatrice Thielmann, Nele Wehner†, Stefan Sammito, Corinna Wernecke, Irina Böckelmann)
Kurzfassung:
Zielsetzung: Psychische Belastungen stellen einen Risikofaktor für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) dar und können auch unter Bankangestellten zu Gesundheitsbeeinträchtigung bis hin zur Arbeitsunfähigkeit führen. Die Arbeitsmedizin nutzt die Herzfrequenzvariabilität (HRV) als ergänzenden Parameter zur Beurteilung des HKE-Risikos und zur Prognose der HKE als Indikator der kardiovaskulären Regulationsfähigkeit und der autonomen Balance der sympatho-vagalen Aktivität. Die HRV spiegelt das Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus als Modulatoren der Herzaktivität wider. Ziel der Studie bestand in der Analyse der HRV bei Bankangestellten mit subjektiv angegebener beeinträchtigter psychischer Gesundheit.

Methode: Bei 102 Bankangestellten (davon 75 Frauen und 26 Männer) aus verschiedenen Banken in Sachsen-Anhalt wurde ein 24h-EKG aufgezeichnet und anschließend die HRV in zwei Gruppen (mit und ohne psychische gesundheitliche Beeinträchtigung nach General Health Questionnaire GHQ-12) analysiert.

Ergebnisse: Die beiden GHQ-Gruppen (GHQ klassifiziert bei 23 Probanden und nicht klassifiziert bei 78) sind bezüglich des Alters (41,22 ± 9,5 vs. 43,28 ± 9,3 Jahre; p = 0,704) und der Verteilung der Geschlechter (p = 0,56) innerhalb der Gruppe vergleichbar. Es zeigten sich in den Parametern HF nu, LF nu sowie DFA2 signifikante Unterschiede. So haben die Bankangestellten mit eingeschätzter psychischer Beeinträchtigung beispielhaft signifikant (p = 0,044) niedrigere HF nu (26,6 ± 7,9) im Vergleich zu der Gruppe mit guter psychischen Gesundheit (31,2 ± 13,3).

Diskussion/Schlussfolgerungen: Einige Parameter zeigten eine Reduktion der HRV bei den Bankangestellten mit subjektiv angegebenen Beeinträchtigungen psychischer Gesundheit. Dies deutet auf ein verringertes Anpassungsvermögen des autonomen Nervensystem an Belastungen hin und kann einen Risikofaktor für die Entstehung von HKE darstellen.
Frau Dr. med. Beatrice Thielmann
Bereich Arbeitsmedizin, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Medizinische Fakultät
Lungenfunktionsveränderungen in Korrelation zu computertomographischen Befunden bei ehemals Asbest-Exponierten (Alexandra Marita Preisser, Katja Schlemmer, Robert Herold, Azien Quitzke, Claudia Terschüren, Volker Harth)
Kurzfassung:
Hintergrund
Asbest-bedingte Berufskrankheiten stehen sowohl in Anzahl als auch Kosten betreffend an der Spitze der Statistiken. Untersucht wurde, ob zur verbesserten Detektion einer Lungenfibrose als Folge früherer Asbestfaserstaub-Exposition die Ergebnisse der Lungenfunktionsprüfung (Spirometrie und CO-Diffusionsmessung (DLCO), Hb-korrigiert) in Kombination mit der Computertomographie des Thorax (TCT) eine geeignete Beurteilungsgrundlage darstellen.

Methode
Die Befunde von 111 ehemals Asbest-exponierter Personen aus 2013 bis 2016 des Institutes wurden gesichtet. Personen mit erheblichen Begleiterkrankungen (kardial, Malignom, Silikose) wurden ausgeschlossen. Spirometrie, DLCO und TCT mussten vorliegen. Von den verbliebenen 67 Patienten wurden 15 aufgrund eines Lungenemphysems (Lungenüberblähung und/oder TCT-Befund) ausgeschlossen, da dieses, ebenso wie die Asbestose, zu einer Diffusionsstörung führen kann. Es wurden 41 männliche Patienten (69,8 J ±6,9) ausgewertet. Die TCT-Veränderungen wurden nach ICOERD fachradiologisch kodiert und hieraus versch. Punkte-Scores definiert. Korrelationen (r), Cohens κ und Accuracy wurden berechnet.

Ergebnisse
Die Vitalkapazität (VCmax in % des Solls) zeigte meist nur geringe Einschränkungen (Ø 96,5 ±18,0 %). Die DLCO (in % d. Solls) war etwas vermindert (Ø 76,4 ±16,6 %; median 80,1 %); der Alveolarvolumen-bezogene Wert (DLCO/VA) hingegen nicht (Ø 102 ±22 %). Im TCT zeigten 27 Pat. pleurale asbestbedingte Befunde, 23 pulmonale Verdichtungen, davon einer honey-combing. Es fanden sich geringe Korrelationen von VC (r = -0,18) bzw. mäßige von DLCO (-0,35, p<0,05) jeweilig mit der pleuralen Plaqueausdehnung. Der Score der pulmonalen Fibroseausdehnung mit einer max. Punktzahl von 19 (1 Punkt für jedes Feld plus honeycombing) korrelierte mit der VC gering (0,10), mit der DLCO mäßig (-0,23); die DLCO hatte hier die höchste Accuracy mit 71 % und Cohens κ von 0,40. DLCO/VA zeigte keine Korrelationen zum TCT.

Schlussfolgerungen
Die Korrelationen von Lungenfunktionsveränderungen und TCT-Befund waren am höchsten, wenn die DLCO verwendet wurde und im TCT neben der pleuralen Plaqueausdehnung besonders auch parenchymale Banden, subpleurale kurvlineare Linien, Rundatelektasen und Pleuraerguss berücksichtigt wurden. Auch bei dem Vergleich zum pulmonalen Befund zeigte die DLCO die höchste Genauigkeit, VC zeigte schwächere Korrelationen: in Screening-Untersuchungen ehemals Asbest-Exponierter sollten beide Methoden zum Einsatz kommen.
Frau PD Dr. med. Alexandra Marita Preisser
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Kupfer- und zinkhaltige Schweißrauche: Der pro-inflammatorische Stimulus durch Inhibition der PTP1B im Vollblutassay (Johannes Bleidorn, Hanif Alamzad-Krabbe, Benjamin Gerhards, Thomas Kraus, Peter Brand, Christian Martin, Julia Krabbe)
Kurzfassung:
Zielsetzung: Erst kürzlich zeigten Expositionsversuche mit Probanden eine asymptomatische systemische Inflammation nach Exposition mit zink- und kupferhaltigen Schweißrauchen, welche als eine milde Form des Schweißrauchfiebers gesehen werden kann. Da chronisch leicht erhöhte Entzündungsparameter mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einhergehen, ist es von vorrangiger Bedeutung sowohl Ausmaß, als auch den Pathomechanismus der Entzündungsreaktion bei Schweißern zu untersuchen.
Methoden: Vollblutproben von 7 gesunden, männlichen Probanden wurden zusammen mit LPS-freien, zink- und kupferhaltigen Schweißrauchpartikeln für 24 Stunden inkubiert. Anschließend wurden zahlreiche Zytokine im Überstand gemessen, um ein ausführliches Inflammationsprofil zu erstellen. Humane lebende Lungenschnitte (precision-cut lung slices, PCLS) wurden mit den gleichen Schweißpartikelkonzentrationen für 24 Stunden inkubiert. Die gemessenen Zytokinerhöhungen wurden anschließend verglichen. Als möglicher Pathomechanismus der Inflammationsinduktion im Blut wurde der Einfluss der Schweißpartikel auf das Enzym Protein Tyrosin Phosphatase 1B (PTP1B) untersucht.
Ergebnisse: Nach Inkubation von Vollblut mit zink- und kupferhaltigen Schweißrauchpartikeln zeigte sich ein pro-inflammatorischer Effekt mit signifikantem Anstieg von Interleukin (IL)-6, IL-8, Tumornekrosefaktor α und IL-1β im Überstand. Dies deutet sowohl auf eine Induktion der Akute-Phase-Reaktion, als auch die Beteiligung des Inflammasoms hin. Eine klassisch allergische, sowie intrazelluläre Abwehrreaktion hingegen war nicht nachweisbar. Im Gegensatz dazu zeigte sich in den lebenden Lungenschnitten keine entzündliche Wirkung. Als zugrundeliegender Pathomechanismus für die Entzündungsreaktion im Blut konnte die signifikante Inhibition der PTP1B identifiziert werden.
Schlussfolgerungen: Zink- und kupferhaltige Schweißrauchpartikel lösen eine akute Immunreaktion im Blut aus. Im Vergleich zur Entzündungsreaktion im Lungengewebe scheint das Blut der Hauptschauplatz für die Entstehung und Weiterleitung der systemischen Entzündung des Schweißrauchfiebers zu sein. Als zugrunde liegender Pathomechanismus konnte die Inhibition der PTP1B mit dadurch erhöhter Zytokinausschüttung identifiziert werden. Es konnte gezeigt werden, dass das Vollblutassay eine verlässliche Methode für weitere Untersuchungen der Effekte von Schweißrauchpartikeln ist und außerdem eine mögliche Alternative zu Tier- oder Expositionsstudien mit Probanden bietet.
Herr Johannes Bleidorn
RWTH Aachen University
Possible role of calmodulin-regulated mitogen activated protein kinase (MAPK) in ultrafine carbon black nanoparticles induced lung toxicity (Nisha Verma, Mario Pink, Simone Schmitz-Spanke)
Kurzfassung:
Introduction: The modulation of intracellular calcium (Ca2+) and oxidative stress upon ultrafine carbon black (CB) nanoparticles has been observed in several studies. Increasing evidence suggests a mutual interplay between calcium and ROS signaling systems upon exposure to CB nanoparticles, however, the relevant pathways that contribute to such interplay remain poorly understood. In our previous studies involving systematic use of cell-based measurements of Ca2+ and ROS measurements in presence and absence of Ca2+ pump inhibitors/chelators and antioxidants, it was shown that Ca2+ and by its regulated protein calmodulin effect ROS levels, indicating its role in CB mediated oxidative stress.

Results and Discussion: To determine the role of calmodulin in CB mediated oxidative stress, we explored the gene-expression patterns related to oxidative stress, antioxidant defense, and ROS metabolism in A549 lung cell line exposed to 125 µg/mL CB for 24 h, with and without the calmodulin inhibitor W7 (CB+W7). Analysis of 85 oxidative stress–related genes was performed by real-time PCR. The comparison of CB (group 1) to control showed an increased expression (Fold change >1.5) of 36 genes, while 29 genes were enriched in group 2 (CB+W7). Among group 1 and 2 as compared to control, 20 genes were common pointing toward the genes involved in oxidative stress upon CB exposure, whereas 9 genes were specific for group 2, comprising of genes regulated by Ca2+ or more precisely by calmodulin. STITCH (‘search tool for interactions of chemicals’) analysis of the regulated genes highlighted the pathway involved in peroxidase activity and nitric oxide generation hence indicating towards the possible radical species generated upon CB exposure. A comparison between group 1 and group 2 directly (FC >1.5 in CB exposed cells and a FC <1.5 in CB+W7 group) identified a set of 9 transcripts, which bioinformatics analysis related to the MAPK pathway as one of the important signal transduction pathway activated due to CB exposure.
Conclusion: The present data suggest that CB stimulated increase in ROS, is exerted by modulation of intracellular Ca2+. Further the detailed gene expression analysis of CB exposed and CB+W7 exposed cells highlighted that calmodulin may be involved in regulating the trafficking of the MAPK. MAPKs are components of the signaling cascades known to initiate responses such as inflammation, as well as production of pro-inflammatory cytokines. The activation of this pathway may explain the known responses for CB mediated toxicity.
Frau Nisha Verma
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg
Untersuchung der Aufnahme von Lacto-N-tetraose-funktionalisierten CdTe/ZnS-Quantum Dots (Nanopartikel) in humane SH-SY5Y-Zellen (Anne Sophie Schulze, Sabine Kuntz, Silvia Rudloff, Mathias S. Wickleder)
Kurzfassung:
Aufgrund ihrer vielfältigen Anwendungsgebiete haben Nanopartikel (NP) in den letzten Jahrzehnten eine große Bedeutung erlangt. Eine besondere Klasse der NP stellen die Quantum Dots (QDs) dar. Dabei handelt es sich um 2 bis 10 nm große Halbleiter-NP. Sie besitzen besondere optische Eigenschaften, die abhängig von der Größe, der Form und der Zusammensetzung der Partikel sind. Dadurch sind sie u. a. für die Farbumsetzung von LEDs und Laser interessant. Auch in medizinischer Hinsicht können sie Anwendung als Fluoreszenzmarkierung in vitro und in vivo finden, denn sie besitzen viele Vorteile gegenüber herkömmlichen organischen Fluorophoren. Ihr größter Nachteil ist jedoch, dass sie häufig auf Schwermetallen, wie Cadmium, basieren. Durch den Austritt von Cd2+-Ionen können zytotoxische Effekte auftreten. Dies kann entweder durch eine Polymerbeschichtung oder durch eine Beschichtung der QDs mit einem Material mit einer größeren Bandlücke, wie ZnS, verhindert werden.
In dieser Arbeit sollten QDs als Fluoreszenzmarkierung dienen, um die Aufnahme und Verteilung des Oligosaccharids Lacto-N-tetraose (LNT) in Nervenzellen zu untersuchen. Oligosaccharide, auch LNT, kommen in der menschlichen Muttermilch vor. Bei diesen wird vermutet, dass sie einen Einfluss auf die Gehirnentwicklung von Säuglingen haben könnten.[1]
Um einen möglichen Einfluss von LNT auf Nervenzellen nachzuweisen, wurde es an CdTe/ZnS-QDs gebunden. CdTe-QDs wurden zunächst in einem wässrigen Medium mittels einer Mikrowellen-unterstützten Synthese hergestellt und anschließend mit einer ZnS-Schale passiviert um den Austritt von Cd2+-Ionen zu verhindern. Daraufhin wurden die CdTe/ZnS-QDs mit LNT funktionalisiert.
Als in vitro-Modell für neuronale Zellen wurden humane SH-SY5Y-Zellen verwendet. Es erfolgte zunächst die Untersuchung der Zytotoxizität von den funktionalisierten und unfunktionalisierten Partikeln als Kontrolle. Darüber hinaus wurden erste Untersuchungen zur Aufnahme der QDs in die Zellen durchgeführt.

[1] C. Kunz, S. Rudloff, W. Baier, N. Klein, S. Strobel, Annu. Rev. Nutr. 20 (2000) 699-722.
Frau Dr. rer. nat. Anne Sophie Schulze
Gefahrstofflaboratorien Chemie und Physik, Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin, Justus-Liebig-Universität, Aulweg 129, 35392 Gießen
Präferenz und Qualität von Biomonitoringlaboratorien in Deutschland (Thomas Göen, Barbara Schaller, Hans Drexler)
Kurzfassung:
In Deutschland hat der Einsatz des Biomonitorings in der Arbeitsmedizin eine lange Tradition. In den letzten Jahren wurde die Motivation zur Durchführung des Biomonitorings mit der Veröffentlichung der ArbMedVV, der AMR 6.2 und der Arbeitsmedizinischen Leitlinie Biomonitoring weiter erhöht. Für ein im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge durchzuführendes Biomonitoring stellt sich die Frage nach dem Parameterangebot in leistungsfähigen Laboratorien. Um die Qualität der Biomonitoringuntersuchungen zu sichern, wurde bereits 1982 von der DGA(U)M ein entsprechendes Ringversuchsprogramm (GEQUAS) initiiert. In der aktuellen Studie wurde das Spektrum an Parametern, welche von deutschen Laboratorien im GEQUAS-Angebot genutzt werden, sowie die diesbezüglichen Ergebnisse analysiert.
In die Auswertung wurden die Teilnehmerzahlen des aktuellen GEQUAS-Ringversuches (RV61) herangezogen. Dazu wurden die Teilnahmeraten deutscher Laboratorien an den verschiedenen angebotenen Stoffgruppen (Metalle in Blut, Urin und Plasma; flüchtige Lösemittel in Blut und Urin; Metaboliten organischer Arbeitsstoffe in Urin (MOA); Amine und phenolische Metaboliten in Urin (Ph&A); Merkaptursäuren in Urin (MAU); persistente Organohalogenverbindungen in Serum (POV); Hb-Addukte) ausgewertet. Darüber hinaus wurden exemplarisch die Erfolgsquoten für die Parameter Blei in Blut (Pb), Zink in Plasma (Zn), Nickel (Ni), Methylhippursäuren (MHA), o-Kresol (oC), Methanol (MeOH) in Urin ermittelt.
Insgesamt nahmen 47 deutsche Laboratorien am RV61 teil. Die Parametergruppen, die von ihnen am häufigsten genutzt wurden, waren Metalle in Blut (24) und Urin (28) sowie Lösemittel in Urin (27). Mit deutlichem Abstand folgen die Parametergruppen MOA (17), Ph&A (17), Metalle in Plasma (16) und Aromaten in Blut (15). Sehr geringe deutsche Teilnehmerzahlen ergaben sich für CKW in Blut (9), MAU (8), POV (7), Aromaten in Urin (6) und Hb-Addukte (4). Die Erfolgsquoten für die ausgewählten Parameter waren mit 67% (MHA), 78% (Pb), 83% (MeOH), 88% (Ni) und 92% (Zn und oC) überdurchschnittlich hoch.
Trotz der Bemühungen, den Einsatz des Biomonitoring in der arbeitsmedizinischen Praxis zu forcieren, ist die Abdeckung Deutschlands mit Laboratorien, die ein qualitätsgesichertes Biomonitoring anbieten können, für bestimmte Arbeitsstoffe weiterhin sehr gering. Unklar ist, ob dies auf eine geringe Nachfrage aus der arbeitsmedizinischen Praxis beruht oder aus einer privatwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Abwägung resultiert.
Herr Prof. Dr. rer. nat. Thomas Göen
Universität Erlangen-Nürnberg
Instabile und stabile Lagerungsbedingungen von Urinproben zur Bestimmung von Selenozucker 1 (Jörg Hildebrand, Annette Greiner, Thomas Göen, Hans Drexler)
Kurzfassung:
Zielsetzung
Im Rahmen einer arbeitsmedizinischen Studie hat sich die Konzentration des Selenozuckers (SeSug) 1 im Urin als vielversprechender Parameter für das biologische Belastungsmonitoring dargestellt. Allerdings ist bei der Bestimmung derartiger Metallspezies immer sicherzustellen, dass keine Umwandlung zwischen den Spezies erfolgt. Darüber hinaus veranlassten Hinweise aus der Literatur (Juresa 2006) uns dazu, die Stabilität des Parameters unter verschiedenen Lagerbedingungen zu überprüfen sowie mögliche Zerfallsprodukte zu identifizieren.

Methoden
Ausgehend von drei Einzelurinen wurden Proben sowohl unbehandelt als auch unter Zugabe verschiedener Mengen Natriumazid (NaN3) gekühlt bei 4°C sowie eingefroren bei -20°C gelagert. Die Kontrollmessungen fanden zunächst in den ersten Tagen und anschließend in längeren Intervallen (bis zu 4 Wochen) statt. Zur Quantifizierung von SeSug 1 sowie weiterer Selenspezies wurde eine Kopplung aus ICP-MS und HPLC-Trennverfahren eingesetzt.

Ergebnisse
Die Bildung einer neuen Selenspezies, die als Methylselenige Säure (MeSeA) identifiziert wurde, ist bei allen Urinproben bereits nach Tagen quantifizierbar. Gleichzeitig wurde ein Abfall von SeSug1 in den Proben festgestellt. Die entstandene Menge an MeSeA war von den Lagerungsbedingungen abhängig und bei 4°C gekühlten und unbehandelten Proben am größten, während MeSeA bei -20°C gelagerten und mit den größten Mengen NaN3 dotierten Urinproben nur im Spurenbereich detektiert wurde.

Schlussfolgerungen
Die gewonnenen Daten deuten darauf hin, dass es sich bei MeSeA um ein Abbauprodukt von SeSug1 handelt. Die bakterizide Wirkung von NaN3 trägt zur Stabilisierung von SeSug1 bei. Zur adäquaten Messung von SeSug1 wird daher ein Zusatz von NaN3 bei der Probennahme empfohlen. Für nicht adäquat oder länger gelagerte Proben könnte möglicherweise ein Summenparameter aus SeSug1 und MeSeA als Marker verwendet werden.
Herr Jörg Hildebrand
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Bestimmung von Merkaptursäuren des Isoprens in Humanurin (Elisabeth Eckert, Jana Diedrich, Thomas Göen)
Kurzfassung:
Einleitung
Das Monomer Isopren ist als Industriechemikalie zur Herstellung von synthetischem Kautschuk (weltweite Produktionsmenge 1,3 Mio. t pro Jahr) von großer Bedeutung. Zudem liegt die Substanz endogen vor, da Isopren im humanen Stoffwechsel vermutlich als Nebenprodukt des Cholesterinstoffwechsels gebildet wird. Isopren wurde von der DFG-Arbeitsstoffkommission als Kanzerogen der Kategorie 5 eingestuft und auch die IARC sieht Isopren als wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen an (Gruppe 2B). Daher besteht ein dringender Bedarf an Verfahren zur Expositionserfassung der Isopren-Belastung am Arbeitsplatz sowie in der Allgemeinbevölkerung. Aufgrund der strukturellen Ähnlichkeit zu 1,3-Butadien wird eine Metabolisierung von Isopren zu Merkaptursäuren (MA) angenommen, die für ein Humanbiomonitoring geeignet sein dürften.
Methoden
Basierend auf den Erfahrungen mit 1,3-Butadien wurden die vier potentiellen MA 2-Hydroxy-2-methyl-3-butenyl-MA (2,2-HMBMA), 2-Hydroxy-3-methyl-3-butenyl-MA (2,3-HMBMA), 3,4-Dihydroxy-2-methylbutyl-MA (2-DMBMA) sowie 3,4-Dihydroxy-3-methylbutyl-MA (3-DMBMA) synthetisiert, die als spezifische Isopren-Metabolite im humanen Stoffwechsel gebildet werden könnten. Die Bestimmung erfolgte in Humanurin nach online-Anreicherung mittels LC-MS/MS. Die ermittelten Nachweis­grenzen lagen im Bereich von 1,8 (2,2-HMBMA) bis 11,5 µg/L (3-DMBMA).
Ergebnisse
Bei der Anwendung des Verfahrens auf 20 Urinproben der Allgemeinbevölkerung (10 Raucher, 10 Nichtraucher) waren die beiden Dihydroxy-MA (2-DMBMA und 3-DMBMA) in keiner der Proben nachweisbar. Die Merkaptursäure 2,2-HMBMA konnte dagegen in 55 % der Proben und 2,3-HMBMA in 40 % der Proben nachgewiesen werden. Die ermittelten Gehalte lagen aber mit einem Median von 2,8 µg/L für 2,2-HMBMA bzw. 8,5 µg/L für 2,3-HMBMA nur knapp über der ermittelten jeweiligen Nachweisgrenze. Ein signifikanter Unterschied zwischen Rauchern und Nichtrauchern war nicht feststellbar.
Schlussfolgerung
Es liegt erstmals ein analytisches Verfahren vor, mit dem potentielle Merkaptursäuren des kanzerogenen Arbeitsstoffes Isopren im menschlichen Urin bestimmt werden können. Die Anwendung des Verfahrens auf Urinproben der Allgemeinbevölkerung zeigte recht geringe Hintergrundwerte an. Für weitere Studien sollten deshalb die Nachweisgrenzen weiter gesenkt werden und eine Überprüfung der Validität der Biomarker an einem beruflich belasteten Kollektiv erfolgen.
Frau Dr. Elisabeth Eckert
Universität Erlangen-Nürnberg
Entwicklung eines LC-MS/MS-Verfahrens zur Bestimmung von Thiodiessigsäure im Urin als Biomarker für Vinylchlorid und Ergebnisse einer Stichprobenuntersuchung zur Hintergrundbelastung (Thomas Jäger, Sandra Bäcker, Michael Bader)
Kurzfassung:
Einleitung
Vinylchlorid (VC) wird in der chemischen Industrie zur Herstellung von Polymeren eingesetzt. Im Jahr 2018 wurde der Arbeitsplatzgrenzwert für VC von 3 ppm auf 1 ppm abgesenkt. Thiodiessigsäure (TDAA) ist neben 2-Hydroxyethylmerkaptursäure ein Metabolit des VC, der aber auch aus anderen Arbeits- und Arzneistoffen gebildet wird. Die DFG-Arbeitsgruppe „Analysen in biologischem Material“ hat 1982 ein GC-MS-Verfahren für die Bestimmung von TDAA im Urin publiziert, das eine Derivatisierung mit dem als Kanzerogen der Kategorie 1B (CLP) eingestuften und laborseitig selbst zu synthetisierenden Diazomethan vorsieht. Das Ziel dieser Arbeit war die Entwicklung einer analytischen Methode zur Bestimmung von TDAA im Urin ohne Derivatisierung sowie die Analyse von Spontanurinproben von Personen ohne beruflichen Umgang mit VC.
Material und Methoden
Zur quantitativen Bestimmung von TDAA in Urin wurde ein Verfahren auf Basis der Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS) entwickelt. Der Einsatz eines isotopenmarkierten internen Standards ermöglicht die direkte Messung der Proben nach Verdünnung. Mit diesem Verfahren wurden 50 Spontanurinproben von Personen ohne beruflichen Umgang mit VC untersucht (62 % Männer, 38 % Frauen).
Ergebnisse
Die Bestimmungsgrenze (BG) der analytischen Methode wurde gemäß DIN 32645 ermittelt und liegt bei 0,09 mg/L (Nachweisgrenze 0,03 mg/L). Die Präzision in der Serie und von Tag zu Tag beträgt für dotierte Urinproben (c = 0,2 – 10 mg/L) 2,6 – 5,8 % bzw. 2,7 – 6,5 %. Die relative Wiederfindung liegt bei 96,0 ± 10,9 % für die niedrige Konzentration (0,2 mg/L) und bei 99,2 ± 2,6 % für die hohe Konzentration (10 mg/L). TDAA wurde in 88 % der untersuchten Proben gefunden, der Median beträgt 0,21 mg/L (Bereich: < BG – 0,84 mg/L; 95. Perzentil: 0,41 mg/L) bzw. 0,20 mg/g Kreatinin (Bereich: <BG – 0,50 mg/g Kreatinin; 95. Perzentil: 0,43 mg/g Kreatinin). Alle Ergebnisse liegen deutlich unterhalb des Biologischen Arbeitsstoff-Referenzwertes von 1,5 mg TDAA/L Urin.
Schlussfolgerung
Das aufwändige und aus Arbeits- und Gesundheitsschutzaspekten ungünstige Verfahren zur Bestimmung der TDAA im Urin mit einer Diazomethan-Derivatisierung konnte durch das neu etablierte LC-MS/MS-Verfahren ersetzt werden. Die Methode ermöglicht die einfache und sensitive Bestimmung von TDAA im Urin sowohl im umweltbedingten als auch im arbeitsmedizinisch relevanten Konzentrationsbereich.
Herr Thomas Jäger
Human Biomonitoring bei Einsatzkräften nach einem Unfallereignis mit Gefahrstoffaustritt (Sandra Bäcker, Michael Bader, Thomas Jäger, Gert Van Bortel, Stefan Webendörfer, Christoph Oberlinner, Stefan Lang)
Kurzfassung:
Einleitung: Human-Biomonitoring (HBM) ist ein geeignetes Instrument zur Messung und Bewertung von Gefahrstoffexpositionen im Rahmen von kurzfristigen Belastungen oder unfallartigen Ereignissen. Obgleich es derzeit keine toxikologisch begründeten Beurteilungswerte für diese Fälle gibt, erlaubt der Vergleich mit arbeitsmedizinisch etablierten Grenz- und Vergleichswerten eine Abschätzung der Gefahrstoffaufnahme, die Identifizierung besonders expositionsgefährdeter Tätigkeiten sowie eine belastbare Risikokommunikation.

Methode: An zwei Produktionsstandorten der chemischen Industrie wurde ein standardisiertes HBM-Programm für Einsatzkräfte etabliert. Wesentliche Bestandteile des Programms sind eine Auswahlliste mit HBM-geeigneten Gefahrstoffen, ein optimierter Fragebogen und eine im Vorfeld festgelegte Probenahme- und Probentransportkette. Im Jahr 2016 wurde das Programm nach einem Großschadensfall in der Praxis umgesetzt. Dabei wurden Urinproben von Einsatzkräften der Werkfeuerwehr, externen Rettungskräften sowie von Firmenmitarbeitern gesammelt. In den Proben wurden Biomarker einer Exposition gegenüber Benzol, Toluol und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAKs) bestimmt.

Ergebnisse: Die HBM-Ergebnisse für Benzol lagen weitgehend im Bereich der allgemeinen Hintergrundbelastung, jedoch wiesen die Nichtraucher leicht erhöhte Konzentrationen bis in den typischen Raucherbereich hinein auf. Eine signifikante Exposition gegenüber Benzol (> 25 µg S-Phenylmercaptursäure/g Kreatinin) wurde nur in Einzelfällen bei den Feuerwehrkräften beobachtet. Dabei waren Proben, die nach der Brandwache gesammelt wurden, im Mittel höher belastet als Proben unmittelbar nach der Brandbekämpfung. Die Ergebnisse für den Toluol-Biomarker ortho-Kresol waren unauffällig. Entgegen häufigen Berichten über einen Anstieg der PAK-Belastung nach Feuerwehreinsätzen wurde kein erhöhter Wert des Biomarkers 1-Hydroxypyren festgestellt. Dieses Ergebnis ist aufgrund der nahezu vertikalen Rauchausbreitung im Brandverlauf plausibel.

Fazit: Einsatzkräfte der Feuerwehr sind in der Regel gut vor einer erhöhten Exposition gegenüber Brandgasen und Chemikalien geschützt. Die Aufdeckung unerwarteter Expositionen (hier: nach Brandwache) mit Hilfe des HBM kann bei künftigen Einsätzen zur Optimierung der Schutzmaßnahmen beitragen. Die Durchführung eines HBM nach Großschadensfällen setzt jedoch eine entsprechende Vorausplanung und Etablierung einfacher Ablaufprozesse voraus.
Frau Dr. Sandra Bäcker
BASF SE
Trichloressigsäure im Urin: Pilotstudie zur Hintergrundbelastung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (Liliane Fuhrländer, Nina Baranowski, Chris-Elmo Ziener)
Kurzfassung:
Zielstellung: Trichloressigsäure (TCA) ist ein Metabolit von Trichlorethen (TRI) und wird als Biomarker für die TRI-Exposition Beschäftigter verwendet. Der zur Feststellung einer berufsbedingten TRI-Exposition herangezogene Biologische Arbeitsstoff-Referenzwert (BAR) beruht auf einer Studie aus dem Jahr 1986 und beträgt 70 µg TCA/L Urin. Aufgrund von veränderten Umwelt- und Ernährungsbedingungen und des rückläufigen Einsatzes von TRI in der Industrie soll überprüft werden, ob diese Hintergrundkonzentration von TCA im Urin der Bevölkerung noch aktuell ist.

Methode: An der nicht repräsentativen Studie nahmen 21 Personen im erwerbsfähigen Alter teil. Mittels eines Fragebogens wurde eine berufsbedingte Exposition gegenüber chlorierten Lösungsmitteln ausgeschlossen und eine mögliche private Exposition der Untersuchten gegenüber chlorierten Verbindungen erfasst. Um regionale Einflüsse, z. B. die Luft- und Trinkwasserqualität, zu berücksichtigen, wurden Personen aus zwei Regionen Deutschlands (NRW und Berlin/Brandenburg) untersucht. Basierend auf der SPME-GC/MS-Technik wurde ein analytisches Verfahren entwickelt, mit dem die erwarteten TCA-Konzentrationen in den Urinproben bestimmt werden konnten. Die Ergebnisse wurden mit den Messwerten verglichen, die als Grundlage für die Ermittlung des BAR dienten. Als Maß für die Urinverdünnung wurde die Kreatininkonzentration β der Urinproben bestimmt (0,3 g/L ≤ βsoll ≤ 3,0 g/L).

Ergebnisse: Das entwickelte Analyseverfahren erfasst TCA im Urin mit einer Bestimmungsgrenze von 0,04 µg/L. Zwei der 21 Proben wurden aufgrund ihres niedrigen Kreatiningehalts (β < 0,3 g/L) nicht zur Auswertung herangezogen. Die gemessenen TCA-Konzentrationen im Urin der untersuchten Personen lagen im Bereich von < 0,04–3,2 µg/L (N = 19; GM: 0,1 µg/L; 95. Perzentil: 1,3 µg/L). Im Vergleich dazu lagen die TCA-Konzentrationen, die 1986 in der Referenzstudie im Urin von Personen aus NRW gemessen wurden, zwischen 0,9 µg/L und 209,1 µg/L (N = 94; GM: 6,4 µg/L; 95. Perzentil: 64,5 µg/L).

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse der Pilotstudie geben Hinweise auf eine deutlich rückläufige Belastung der Bevölkerung mit TCA. Eine Überprüfung der Daten von 1986 an einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe ist deshalb gerechtfertigt. Eine aktuelle TCA-Hintergrundkonzentration, die deutlich unter dem BAR läge, hätte zur Folge, dass die Belastung von Beschäftigten, deren TCA-Konzentration im Urin aufgrund einer TRI-Exposition untersucht wird, unterschätzt würde.
Frau Liliane Fuhrländer
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Vorgehen bei Verdacht auf Schadstoffbelastungen an Schulen – Prozesshilfe für rheinlandpfälzische Schulen (Jonas Dassow, Klaus Schöne, Dirk-Matthias Rose, Stephan Letzel)
Kurzfassung:
Einleitung
Der Umgang mit einer aufkommenden Schadstoffproblematik ist für Schulen keine Alltagssituation. Oftmals fehlt der Schulleitung, aber auch dem Schulträger, die Fachkompetenz und Erfahrung bei der Bewältigung solcher Ausnahmezustände. In der Regel wird schnell reagiert, Messungen veranlasst – jedoch z. T. ohne einen durchdachten Aktionsplan.
In diesem Beitrag soll ein neu entwickelter / abgestimmter Prozessablauf vorgestellt werden.

Methode
Das IfL hat in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium RLP, der Unfallkasse RLP, der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) und Schulträgern einen strukturierten Prozess entwickelt, um künftig betroffenen Schulen von Anfang an eine zielgerichtete Handlungsoption aufzuzeigen. Diese Prozesshilfe soll der Schulleitung dabei helfen, die gesamten Herausforderungen systematisch und unter Beteiligung aller Entscheider und Interessensgruppen zu bewältigen.

Ergebnisse
Die Prozesshilfe soll rheinlandpfälzische Schulen aufzeigen, dass sie sich bei einem Verdacht auf Schadstoffbelastung im Schulgebäude, an die im Prozess genannten Institutionen, je nach Zuständigkeitsbereich, wenden sollten. Nach Kontaktaufnahme durch z. B. die Schulleitung, führen die genannten Institutionen eine verpflichtende Absprache untereinander durch. Erhärtet sich der Verdacht oder lässt sich dieser nicht ausschließen, folgt ein Beratungs- und Begehungstermin mit der Schule, an dem alle involvierten Institutionen teilnehmen. Weitere Prozessschritte sind u. a.: Bewertung aller erlangten Informationen, Vereinbarung des weiteren Vorgehens, Maßnahmendefinierung sowie Informationsveranstaltungen.
Die Erfahrungen des IfL zeigen, dass allein der bloße Verdacht auf eine mögliche Schadstoffbelastung im Schulgebäude zu einer Verunsicherung der Schulgemeinschaft führen und eine große Belastung für alle Beteiligten darstellen kann.

Schlussfolgerung
Getroffene Maßnahmen, die sich schlussendlich als nicht zielführend bzw. problemlösend herausstellen, können die bereits bestehende Komplexität der Problematik zusätzlich erhöhen. Dazu zählen z. B. analytische Messverfahren, deren Ergebnisse aus medizinischer Sicht nicht bewertbar sind. Verunsicherung führt zu steigender Emotionalität, wodurch sich der Druck auf die Schulleitung erhöhen kann. Ein zusätzliches Ziel ist u. a. Kosten vermeidbarer Schadstoffmessungen einzusparen. Die frühzeitige Einbindung von Fachkompetenz soll Schulen helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Herr Jonas Dassow
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Institut für Lehrergesundheit am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
Erfassung der potenziellen dermalen Belastung beim Versprühen und Verschäumen von Bioziden (Anja Schäferhenrich, Monika Krug, Urs Schlüter, Katharina Blümlein, Katharina Schwarz, Hans Drexler, Thomas Göen)
Kurzfassung:
Biozidprodukte müssen entsprechend der Verordnung (EU) Nr. 528/2012 zugelassen werden. Dabei kann für Produkte, die zur Desinfektion eingesetzt werden, die Ausbringung per Sprüh- oder Schaumanwendung beantragt werden. Sowohl beim Versprühen als auch beim Verschäumen ist von einer dermalen Belastung der Anwender auszugehen. Bislang standen jedoch keine detaillierten Informationen über die Expositionssituation und die daraus resultierende Belastung der Biozidanwender zur Verfügung.
Ziel der Arbeit war die Erfassung der potenziellen Hautbelastung von Beschäftigten beim Ausbringen von Desinfektionsmitteln, die quartäre Ammoniumverbindungen (QAV) enthalten. Dabei wurden kleinflächige und großflächige Desinfektionsmaßnahmen beprobt, wobei unterschiedliche Produkte, Produktmengen und Geräte zum Einsatz kamen.
Overalls aus Polyethylen und Handschuhe aus Baumwolle wurden zur repräsentativen Erfassung der dermalen Belastung genutzt. Bislang liegen Daten zu sieben Anwendungsszenarien vor, wobei die Desinfektionsmittel jeweils versprüht und verschäumt wurden (n=14).
Bei der Desinfektion kleiner Flächen mit Handsprüh- und Handschaumgeräten (n=6) wurde weniger Wirkstoff ausgebracht als bei der Desinfektion großer Flächen mit Standgeräten (n=8). Im Gegensatz dazu lag die absolute QAV-Belastung der Hände nach Applikation mit Handsprüh- und Handschaumgeräten deutlich über der Belastung nach Applikation mit Standgeräten. Die absolute QAV-Belastung der Overalls bei der Desinfektion kleiner und großer Flächen war vergleichbar. Auf die ausgebrachte Wirkstoffmenge bezogen lag die QAV-Belastung nach der Desinfektion mit Handsprüh- und Handschaumgeräten auf den Handschuhen und auf den Overalls deutlich über der Belastung nach der Desinfektion mit Standgeräten.
Die hohe Belastung bei der Desinfektion kleiner Flächen mit Handsprüh- und Handschaumgeräten dürfte vor allem auf das händische Nachwischen zurückzuführen sein, das bei den großflächigen Anwendungen entfällt.
Es wurden erstmalig vergleichende Daten zur potenziellen dermalen Belastung beim Versprühen und Verschäumen von Biozidprodukten erhoben, die zeigen, dass es je nach Anwendungsszenario zu deutlichen Unterschieden in der potenziellen dermalen Belastung kommt.
Die Studie wird von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin finanziell gefördert (Projekt F2366).
Frau Dr. Anja Schäferhenrich
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Oxidativer Phase I Metabolismus des Kunststoffadditivs Tinuvin 328 im humanmikrosomalen in vitro Modell (Heike Denghel, Edgar Leibold, Thomas Göen)
Kurzfassung:
Zielsetzung: Bei Tinuvin 328 (2-(2H-Benzotriazol-2-yl)-4,6-di-tert-pentylphenol) handelt es sich um einen UV-Absorber, der in Kunststoffen und Lacken eingesetzt wird, um die physikalischen Eigenschaften des Trägermaterials vor schädlichen Umwelteinflüssen zu schützen. Jedoch liegen für diese Substanz nur wenige Daten zu humaner Exposition, Metabolismus und Kinetik in Blut und Urin vor. Zur Aufklärung des menschlichen Stoffwechsels wurden Inkubationsversuche mit humanen Lebermikrosomen durchgeführt. Oxidative Phase I- Metabolite wurden qualitativ abgeleitet und die entsprechenden Referenzsubstanzen synthetisiert. Anschließend wurde die Bildung der postulieren Metabolite im in vitro Modell quantitativ untersucht, um deren Relevanz als Human-Metabolite abzuschätzen.

Methode: Humane Lebermikrosomen wurden mit Tinuvin 328 in phosphatgepufferter Lösung bei 37 °C präinkubiert. Anschließend wurden enzymatische Umsetzungen durch die Zugabe eines NADPH- generierenden Systems initiiert. Oxidative Reaktionen wurden zu definierten Endpunkten zwischen 0 und 24 Stunden durch eiskaltes Acetonitril abgebrochen. Nach Zusatz eines Extraktionsstandards wurde die organische Phase mit übersättigter Natriumchlorid-Lösung ausgesalzen und anschließend mittels LC-ESI-MS/MS vermessen.

Ergebnisse: Ein erstes Screening lieferte Hinweise auf die Bildung von Metaboliten mit Hydroxy- (OH) und/ oder Oxo-Funktion (CO) im in vitro Assay. Entsprechend wurden die Referenzsubstanzen für Tinuvin 328-Benzotriazol-OH (I), Tinuvin 328-4/3-OH (II), Tinuvin 328-6/3-OH (III), Tinuvin 328-4/3-CO (IV), Tinuvin 328-6/3-CO (V) und Tinuvin 328-4/3-CO-6/3-OH (VI) synthetisiert. Die anschließende Verifizierung und quantitative Untersuchung der Analyte ergab, dass Metabolit (III) am stärksten ausgebildet wurde, gefolgt von (II) und (VI). Für (IV) und (V) wurden deutlich geringere Konzentrationen gemessen. (I) wurde im in vitro Assay nicht detektiert.

Schlussfolgerungen: Das in vitro Modell weist auf die enzymatische, überwiegend CYP-basierte Umsetzung von Tinuvin 328 im menschlichen Phase I- Stoffwechsel hin. Fünf der sechs postulierten möglichen oxidativen Phase I- Humanmetaboliten wurden im mikrosomalen Ansatz gefunden, wobei (III), (II) und (VI) als relevanteste Parameter erscheinen. Zur weiteren Aufklärung des Metabolismus wird eine Verifizierung der Ergebnisse in vivo benötigt, wobei mögliche Phase II- Reaktionen für die renale Ausscheidung berücksichtigt werden müssen.
Frau Heike Denghel
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial und Umweltmedizin Universität Erlangen - Nürnberg
Die humantoxikologische Informationszentrale der BASF (Michael Conzelmann, Heinz Busch, Stephanie Dobsa, Christoph Oberlinner)
Kurzfassung:
Potentielle Gesundheitsgefährdungen durch Stoffe und Produkte müssen in einem chemischen Großunternehmen sorgfältig überwacht werden. Es besteht insbesondere die Verpflichtung, auf eine unbeabsichtigte Freisetzung von Stoffen optimal vorbereitet zu sein um zeitnah und kompetent reagieren zu können.
Die humantoxikologische Informationszentrale (HI) der BASF ist zuständig für weltweite, interne und externe Anfragen zu Gesundheitsstörungen beim Menschen im Umgang mit chemischen Stoffen und Produkten und berät zu medizinischen Maßnahmen nach deren Einwirkung. Die medizinische und humantoxikologische Expertise der Einheit wird durch die enge interdisziplinäre Vernetzung mit den Kollegen des Human-Biomonitorings, der Industrial Hygiene sowie der Epidemiologie komplettiert. Diese Organisationsstruktur garantiert die sachkundige, qualifizierte und zeitnahe Beratung zu möglichen Gesundheitsstörungen beim Umgang mit den chemischen Stoffen und Produkten der BASF.
Bei Anfragen hat die HI Zugriff auf eine umfangreiche Dokumentation von produktspezifischen, toxikologischen und medizinischen Unterlagen (Sicherheitsdatenblätter, toxikologische Fallberichte, eigene Ambulanzfälle, Studien, Bibliothek mit Fachliteratur u.a.). Für behördliche Meldungen und Registrierungen von Substanzen werden Studien und Berichte über Erfahrungen am Menschen und Behandlungsempfehlungen nach Einwirkung zusammengestellt. Ebenso berät die Einheit Fachstellen der BASF bei der Erstellung der Erste-Hilfe-Maßnahmen in den Sicherheitsdatenblättern.
Für 42 chemische Stoffe existieren ausführliche „BASF Chemical Emergency Medical Guidelines“, die allen Standorten, aber auch über das Internet jedermann kostenfrei zur Verfügung stehen. Im Rahmen des Störfallmanagements der BASF koordiniert die Einheit zudem die Organisation und den Ablauf des humantoxikologischen Bereitschaftsdienstes der Abteilung Corporate Health Management, durch den eine schnelle Information und Beratung bei Emissions- bzw. Schadensereignissen rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr gewährleistet wird.
Im Fokus der humantoxikologische Informationszentrale steht die zeitnahe Information und kompetente Beratung zu möglichen Gesundheitsstörungen beim Umgang mit chemischen Stoffen und Produkten der BASF. Die Organisationstruktur der Einheit garantiert eine gezielte, Beratung und Empfehlungen von medizinischen Maßnahmen nach Chemikalien-Einwirkung sowie eine schnelle und fundierte medizinische Information bei Emissionsereignissen.
Herr Dr. med. Michael Conzelmann
BASF SE Corporate Health Management Ludwigshafen am Rhein
Trichlorethen-Belastung von Bystandern im Asphaltlabor – Ein Fallbericht (Chris-Elmo Ziener, Susann Wothe, Nina Baranowski, Peter Kujath)
Kurzfassung:
Zielstellung: Die Verwendung von Trichlorethen (TRI), ein 1B-Karzinogen, ist gemäß Anhang XIV der REACH-Verordnung zulassungspflichtig. Im August 2018 wurde, auf Antrag der Industrie, TRI für die Extraktion von Bitumen in der Asphaltanalyse zugelassen. Für die erwartete Überprüfung der Zulassung soll die – vom Antragsteller unabhängige – Datengrundlage verbessert werden. Aufgrund der hohen Flüchtigkeit von TRI ist auch mit einer Exposition von Bystandern zu rechnen. Die vorliegende Untersuchung sollte durch Biomonitoring ermitteln, ob für diese Personengruppe eine arbeitsschutzrelevante TRI-Belastung bestehen kann.
Methode: In einem größeren Asphaltprüflabor, das TRI für die Bitumen-Extraktion einsetzt, wurde bei 5 Labor-Beschäftigten, die selbst keinen eigenen Umgang mit TRI hatten (Bystander), Biomonitoring hinsichtlich ihrer TRI-Belastung durchgeführt. Die Untersuchten arbeiteten in Räumen ohne TRI-Arbeiten in bis zu 25 m Entfernung zur TRI-Quelle. Das Biomonitoring bestand in der Bestimmung der Konzentration des TRI-Metaboliten Trichloressigsäure (TCA) im Spontanurin und von TRI in der endexspiratorischen Ausatemluft. Die Probenahmen erfolgten am 3. Arbeitstag der Woche zum Schichtende (Urin, Ausatemluft), am 4. Arbeitstag vor der Schicht (Ausatemluft) und nach der Schicht (Urin, Ausatemluft) sowie am 5. Arbeitstag und nach dem arbeitsfreien Wochenende jeweils vor der Schicht (Ausatemluft).
Ergebnisse: Am 3. Arbeitstag erreichten bzw. überschritten die TCA-Konzentrationen im Urin bei 3 der 5 Bystander (Bereich 0,024–0,78 mg/L; Median 0,070 mg/L) und am 4. Arbeitstag bei 4 der 5 Bystander (0,027–0,97 mg/L; 0,074 mg/L) den Biologischen Arbeitsstoff-Referenzwert von 0,07 mg/L. Die TRI-Konzentration in der Ausatemluft nahm bei allen Untersuchten über die Schicht zu (4. Arbeitstag) und mit der arbeitsfreien Zeit ab (vom Schichtende 3. und 4. Arbeitstag zu Schichtbeginn am jeweiligen Folgetag); die geringsten Konzentrationen wurden nach dem arbeitsfreien Wochenende gemessen.
Schlussfolgerung: Bei der Verwendung von TRI zur Bitumenextraktion in der Asphaltanalyse können Bystander tätigkeitsbedingte TRI-Belastungen aufweisen – auch dann, wenn sie in von der TRI-Verwendung separierten Räumen arbeiten. Mögliche TRI-Expositionen von Bystandern in Asphaltlaboren sollten bei der Planung und Überprüfung des Arbeitsschutzes berücksichtigt werden. Biomonitoring kann in Asphaltlaboren zur Aufdeckung von Bystander-Expositionen beitragen.
Herr Chris-Elmo Ziener
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Naphthalin - Reizwirkung auf die Atemwege, bewertet durch chemosensorische Ratings und nicht-invasive Methoden (Kirsten Sucker, Wolfgang Zschiesche, Monika Raulf, Thomas Hummel, Dietmar Breuer, Dirk Pallapies, Jürgen Bünger, Thomas Brüning)
Kurzfassung:
Zielsetzung
In Deutschland wurde der Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) für Naphthalin im Jahr 2011 um den Faktor 100 auf 0,5 mg/m³ (0,1 ppm) gesenkt, basierend auf in Tierversuchen beobachteten irritativen und entzündlichen Effekten. Aussagekräftige Ergebnisse aus epidemiologischen Studien fehlten.

Methoden
2014 haben wir eine Querschnittstudie an Arbeitsplätzen in der Schleifmittelproduktion, in der Naphthalin die einzige relevante chemische Belastung darstellt, durchgeführt. Unter Verwendung eines Cross-Week-Designs wurden irritative und inflammatorische Effekte am Montag vor Schichtbeginn und am Donnerstag nach Schichtende erfasst. Dazu wurden chemosensorische Ratings und nicht-invasive Methoden verwendet, wobei zelluläre und lösliche Mediatoren in der Nasenspülflüssigkeit (NALF) und im induzierten Sputum (IS) untersucht wurden.

Ergebnisse
40 Naphthalin-exponierte Arbeiter wurden mit einer Referenzgruppe von 23 Arbeitern aus den gleichen Betrieben verglichen. Alle Teilnehmer waren gesund und Nichtraucher. Akute sensorische Reizwirkungen an Nase und Augen wurden nur bei der Handhabung von Naphthalin berichtet. Der Naphthalingeruch wurde als intensiv und unangenehm beschrieben. Gewöhnungseffekte wurden nicht beobachtet. Signifikante Unterschiede zwischen Naphthalin-exponierten Arbeitern und der Referenzgruppe wurden nicht gefunden. Ebenso konnten keine signifikanten Veränderungen in den oberen und unteren Atemwegen, erfasst mit Hilfe von NALF und IS-Analysen, im Verlauf der Arbeitswoche nachgewiesen werden.

Schlussfolgerung
Insgesamt zeigt das Muster der Ergebnisse, dass die Exposition gegenüber Naphthalin akute sensorische Reizeffekte, aber keine (sub-)chronischen Entzündungen in der Nasenhöhle oder in den Atemwegen verursacht. Auf Basis dieser Ergebnisse wurde ein neuer AGW von 2 mg/m³ (0,4 ppm) abgeleitet, der auch durch tierexperimentelle Daten gestützt wird. Kurzzeitig sind Überschreitungen um den Faktor 4 zulässig.
Frau Dr. Kirsten Sucker
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität-Bochum (IPA)
Externe und interne PAK-Exposition nach realen Brandeinsätzen von Feuerwehreinsatzkräften in Deutschland (Dirk Taeger, Stephan Koslitz, Heiko Udo Käfferlein, Thomas Brüning)
Kurzfassung:
Hintergrund: In Deutschland versehen 40.000 hauptamtliche und 1,3 Millionen ehrenamtliche Feuerwehreinsatzkräfte ihren Dienst. Diese sind bei ihren Einsätzen einer Vielzahl von Gefährdungen ausgesetzt, insbesondere Brandrauch, der krebserzeugende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten kann. Die Ergebnisse der bisherigen epidemiologischen Studien weisen allerdings eine große Heterogenität hinsichtlich eines erhöhten Krebsrisikos auf und weisen zusätzlich starke Einschränkungen bei der Expositionserfassung auf. Es ist nicht zu erwarten, dass zusätzliche epidemiologische Studien für weitere Aufklärung sorgen können. Biomonitoring-Studien können die tatsächlich von der Einsatzkraft aufgenommene Menge an Gefahrstoffen quantifizieren und so die weiterhin offenen ätiologischen Fragestellungen beantworten.

Methoden: In dieser Querschnittstudie wird bei Feuerwehreinsatzkräfte die Exposition gegenüber PAK bei realen Brandeinsätzen erfasst. Dazu wird im Urin mittels Biomonitoring die Menge an 1-Hydroxypyren vor und nach dem Einsatz bestimmt. Zudem tragen einige der Einsatzkräfte Baumwollwäsche unter ihrer persönlichen Schutzausrüstung, um die Kontamination der Haut zu erfassen. Stanzen der Baumwollwäsche werden auf 17 schwerflüchtige PAK untersucht. Über die Ergebnisse der Pilotstudie wird berichtet.

Ergebnisse: Insgesamt haben sich 23 Feuerwehreinsatzkräfte bereiterklärt an der Pilotstudie teilzunehmen. Von diesen hatten dann sieben einen Brandeinsatz (5 Wohnungsbrände, 2 Brände im Freien). Die mittlere 1-OHP Konzentration lag zu Baseline bei 0,06 µg/g Kreatinin und stieg auf 0,15 µg/g Kreatinin 6-8 Stunden nach Rückankunft auf der Wache. Drei der Einsatzkräfte trug Baumwollunterwäsche während des Brandeinsatzes. Auf fast allen Kleidungsstücken war die Konzentration der schwerflüchtigen PAK unter der Nachweisgrenze. Werte einzelner PAK über der Nachweisgrenze lagen weit unter einer Konzentration vom 1 mg/kg Stoff. Der höchste gemessene Wert lag bei 0,1 µg Phenanthren pro kg Stoff.

Schlussfolgerungen: Die vorliegenden Ergebnisse der Pilotstudie zeigen, dass die gewählte Methodik geeignet ist, die Exposition an PAK von Feuerwehreinsatzkräften nach realen Brandeinsätzen zu bestimmen. Für valide Aussagen über die PAK Exposition verschiedenartiger Brandeinsätze müssen die Ergebnisse der Hauptstudie abgewartet werden. In dieser werden dann bis zu 250 Einsatzkräfte mit realen Brandeinsätzen untersucht.
Herr Dr. Dirk Taeger
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Kombinierte Wirkung von Methyl-tert-butylether und Kälte auf innere Organe von Versuchstieren (Beatrice Thielmann, Igor Zavgorodnii, Valeriy Kapustnyk, Ruslan Batschinskij, Yana Batschinskaja, Irina Böckelmann)
Kurzfassung:
Zielsetzung: Methyl-tert-butylether (MTBE) wird überwiegend als Mischkomponente bei Ottokraftstoffen zur Erhöhung der Klopffestigkeit verwendet. Es ist bekannt, dass MTBE eine Verschmutzung der Umwelt (Luft, Grundwasser und Boden) bewirken kann. Auch an Arbeitsplätzen stellt MTBE ein Belastungsfaktor mit potenziellem Gesundheitsrisiko dar. Erfolgt die Exposition von MTBE unter Kältebedingungen, kann sich die Wirkung durch den kombinierten Einfluss von chemischem und physikalischem Belastungsfaktor ändern. Kältearbeitsplätze kommen vor allem in Produktionsstätten von z.B. Chemie- o. Bauindustrie häufig vor. Vorherige Untersuchungen ergaben eine Toxizität von MTBE auf das männliche Reproduktionssystem von Ratten. Ziel dieser Untersuchungen war die histologische Untersuchung der inneren Organe von Ratten sowohl unter thermischer Behaglichkeit als auch unter Kälte.
Methoden: Diese toxikologischen Experimente erfolgten an 4 Gruppen zu je 6 geschlechtsreifen WAG-Ratten-Männchen. Den beiden Testgruppen wurden 30-mal MTBE mit der Dosis 1/10 LD50 (500 mg/kg des Tiergewichts) in den Magen appliziert. Die beiden Kontrollgruppen erhielten eine äquivalente Menge destilliertes Wasser. Anschließend wurden die Gruppen Temperaturen der thermischen Behaglichkeit (25±2 °C) oder Kälte (4±2 °C) für 4 Stunden ausgesetzt. Am 30. Tag erfolgten Gewebeproben und histologische Untersuchungen.
Ergebnisse: Unsere Ergebnisse bestätigen die toxische Wirkung von MTBE auf innere Organe (z.B. Leber, Nieren inkl. Nebennieren, Lungen, Milz, Schilddrüse), die unter Kälteexposition deutlich verstärkt waren. Insgesamt fanden sich in den Organen Entzündungsreaktionen (z. B. Glomerulonephritis, Hepatitis, Bronchitis), Dystelektasen oder Emphyseme in der Lunge, Zytolysezeichen der Hepatozyten. Die Schilddrüse bot das Bild im Sinne einer Hypothyreose und die Milz das Bild einer reaktiven Hyperplasie. Die Grenzzonen der Nebennieren waren kaum abgrenzbar bei Abnahme der funktionellen Aktivität der Kerne von endokrinen Zellen.
Schlussfolgerungen: Die ständige Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe stuft MTBE als krebserzeugendein. Unsere histologischen Untersuchungen ergaben ein ausgeprägtes toxisches Potential von MTBE, welche durch Kältebedingungen deutlich verstärkt wurden. Eine Übertragbarkeit auf den Menschen ist denkbar, da MTBE bei Menschen einen ähnlichen Abbauprozess hat wie bei Ratten. Daher sollten auf Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz besonders geachtet werden.
Frau Dr. med. Beatrice Thielmann
Bereich Arbeitsmedizin, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Medizinische Fakultät
Laborexperimentelle Untersuchungen zur thermischen Stabilität von Peroxiden aus der Kautschukproduktion (Dirk Walter, Natalia Haibel, Thomas Rauschmann)
Kurzfassung:
Für die Vernetzung moderner Kautschukmischungen werden u. a. Peroxide unterschiedlichster Zusammensetzung eingesetzt. Um die Frage zu klären, welche der verschiedenen kommerziell verfügbaren Peroxidprodukte bei ihrer Handhabung in der Kautschukproduktion ein Gefährdungspotential für die Arbeitnehmer darstellen, wurden neunzehn verschiedene Produkte aus fünf verschiedenen Gruppen bezüglich ihrer thermischen Stabilität mittels Differential Scanning Calorimetry (DSC) und Thermogravimetrie (TG) charakterisiert. Es fällt auf, dass sich sowohl die Zersetzungstemperaturen als auch die Umwandlungsenthalpien innerhalb einer Produktgruppe zum Teil erheblich unterscheiden (Abbildung). Ferner durchlaufen einige Produkte unterhalb von 50°C eine irreversible endotherme Umwandlung, die jedoch auf die eigentliche Peroxidzersetzung keinen Einfluss hat.

Auf Grund der erhaltenen Ergebnisse unterscheiden sich die einzelnen Peroxide bei der Zersetzungsreaktion erheblich in ihren Umwandlungsenthalpien (als Maß für die Reaktivität der explosiven Verbindungen). Ferner wurden die Emissionsgase aus der Zersetzung organischer Peroxide auf ihr toxisches Potenzial hin untersucht, um aus den Ergebnissen präventiv Arbeitsschutz Maßnahmen im Umgang mit den Peroxiden vorzuschlagen.
Herr Prof. Dr. rer. nat. Dr. biol. hom. Dirk Walter
Universitätsklinikum Gießen
Einfluss der Viruswirksamkeit auf die chemischen Gesundheitsgefahren von Desinfektionsmitteln (Udo Eickmann, Renate Knauff-Eickmann)
Kurzfassung:
Häufig werden Desinfektionsmittel in Berufskrankheitenverfahren als BK-auslösende Gegenstände genannt: eine Auswertung der BGW-Daten für 2013 bis 2017 kommt auf ca. 40 % aller Fälle der BK-Nummern 5101 (Haut) und 4301/4302 (Atemwege). Aufgrund dokumentierter Kasuistiken über erhöhte Unverträglichkeiten von viruziden (Hände-)Desinfektionsmitteln stellt sich die Frage, welchen Einfluss die Viruswirksamkeit auf die chemischen Gesundheitsgefahren von Desinfektionsmitteln hat.

Dazu wurde die aktuelle Desinfektionsmittel-Datensammlung DESINFO 2018 der BGW nach geeigneten Produkten durchsucht. Um einheitliche Bewertungsstandards anlegen zu können, wurden nur die Produkte berücksichtigt, deren Viruzidie nach den Regeln der DVV/RKI belegt sind. Es wurden insgesamt 722 Konzentrate, gebrauchsfertige Lösungen und Desinfektionstücher in die Betrachtungen einbezogen. Diese Gruppen wurden verglichen mit 70 Produkten, die keinerlei Hinweise/Nachweise auf viruzide Eigenschaften besitzen. Die Bewertung der akuten sowie chronischen Gesundheitsgefahren der Produkte erfolgte nach dem GHS-Spaltenmodell 2017 der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) durch produktbezogene Analysen der Gefahrstoff-Einstufungen und Kennzeichnungen, insbesondere der H-Sätze. Dabei zeigten sich u.a. folgende Zusammenhänge:
  • Viruzide Produkte weisen gegenüber begrenzt viruziden bzw. nicht viruziden Produkten tendenziell höhere Gefahren auf, z.B. der Haut- bzw. Atemwegssensibilisierung (H317, H334) oder kanzerogener, mutagener oder reproduktionstoxischer Art (H340, H341, H350, H351, H360, H361).
  • Viruzide Hände-/Hautdesinfektionsmittel besitzen teils extrem hohe Alkoholkonzentrationen, die zu ausgeprägten Brand- und Explosionsgefahren führen können.
  • Gebrauchsfertige Desinfektionslösungen besitzen grundsätzlich deutlich geringere Gesundheitsgefahren als Konzentrate. Dennoch sind diese Gefahren bei viruziden Produkten tendenziell erhöht.
  • Schließt man im Rahmen einer Substitutionsprüfung Produkte mit den im ersten Spiegelstrich genannten H-Sätzen aus, bleiben immer noch diverse Produkte übrig, um die gesamte Wirksamkeitspalette (viruzid, begrenzt viruzid, nicht viruzid) abdecken zu können, ohne die Beschäftigten übermäßig zu belasten.
Herr Prof. Dr. Udo Eickmann
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)
Der Patient – Ausgangspunkt für dermale Arzneimittelexpositionen bei Beschäftigten im Gesundheitswesen? (Bernd Roßbach, Renate Kimbel, André Heinemann, Stephan Letzel)
Kurzfassung:
Dermale Arzneimittelexpositionen bei Beschäftigten im Gesundheitswesen werden bereits seit vielen Jahren intensiv beforscht. Als ein möglicher Ausgangspunkt für dermale Belastungen stehen hierbei oftmals Oberflächenkontaminationen des Arbeitsplatzes (z.B. des Inventars) mit Zytostatika im Fokus. Bisher kaum untersucht wurde dagegen, inwiefern auch Arzneistoffbelastungen auf der Haut von Patienten, hervorgerufen durch eine dermale Exkretion von Wirkstoffen, eine Expositionsquelle für Beschäftigte darstellen können. Ziel der Studie war es daher, Informationen zum möglichen Auftreten sowie zur Höhe patientenseitiger Hautbelastungen mit Arzneistoffen zu gewinnen.

Im Rahmen einer Literaturrecherche wurden Studien identifiziert, die sich mit der Thematik der dermalen Ausscheidung systemisch aufgenommener Fremdstoffe befassten. Die Auswertung der Arbeiten erfolgte u.a. mit Blick auf das zu erwartende Substanzspektrum und mögliche Einflussgrößen auf die resultierenden Hautbelastungen. Quantitative Angaben zum Auftreten pharmakologisch aktiver Substanzen auf der Haut wurden dazu genutzt, die Bedeutung der dermalen Exkretion als Expositionsquelle einzuschätzen.

Die Recherche ergab 75 Arbeiten, die Hinweise auf eine dermale Exkretion für 44 pharmakologisch aktive Substanzen lieferten. Die Substanzen repräsentieren dabei einen weiten Bereich in Bezug auf Molekulargewicht (Mr von 135 bis 706) und Polarität (log KO/W zwischen -2,5 und 7,0). Aufgrund zahlreicher potentieller Einflussgrößen wie z.B. stoffspezifisch unterschiedlicher Ausscheidungsmechanismen oder variierender Hautbeschaffenheit ist eine hohe intra- und interindividuelle Variabilität der Ausscheidung zu erwarten. Quantitative Betrachtungen ergaben für ein Spektrum von 18 Verbindungen Hautbelastungen zwischen 0,06 und 780 ng/cm². Bei einem Gesamtmedian von 4,4 ng/cm² bildeten Oberflächenkonzentrationen unter 0,5 ng/cm² eher eine Ausnahme.

Nach den Ergebnissen der Recherche dürften viele niedermolekulare Arzneimittelwirkstoffe auch dermal ausgeschieden werden. Angesichts eines Orientierungswertes von < 0,1 ng/cm² für Flächenverunreinigungen mit Zytostatika und zu erwartenden patientenseitigen Hautbelastungen mit Arzneimitteln im unteren ng/cm²-Bereich sollte entsprechenden Belastungen als Expositionsquelle für Beschäftigte weiter nachgegangen werden. Besondere Beachtung sollten hierbei Tätigkeiten wie z.B. manuelle Therapiemaßnahmen finden, die einen längerfristigen Hautkontakt mit Patienten beinhalten
Herr Dr. rer. nat. Bernd Roßbach
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Gefahrstoffrechtliche Einstufung und Kennzeichnung von antineoplastischen und immunmodulierenden Arzneimitteln (Johannes Gerding, Gabriele Halsen, Irene Krämer, Udo Eickmann)
Kurzfassung:
Hintergrund:
Viele Wirkstoffe von antineoplastischen und immunmodulierenden Arzneimitteln haben krebserzeugende, keimzellmutagene oder reproduktionstoxische Eigenschaften. Arzneimittel unterliegen bekanntermaßen nicht den Einstufungs- und Kennzeichnungspflichten der CLP-Verordnung (Verordnung (EG) 1272/2008). Ob von den Wirkstoffen dieser Arzneimittel Gefahren für die Gesundheit der Beschäftigten des Gesundheitsdienstes ausgehen, ist daher oft nicht ohne weiteres ersichtlich. Zur Unterstützung der betrieblichen Gefährdungsbeurteilung wurden die gefährlichen Stoffeigenschaften von in Deutschland verkehrsfähigen antineoplastischen und immunmodulierenden Arzneimitteln (ATC Codes L01, L02, L04) in Form der gefahrstoffrechtliche Einstufung und Kennzeichnung zusammengestellt.

Methodik:
Die gefahrstoffrechtliche Einstufung und Kennzeichnung der Wirkstoffe erfolgte auf Basis der Angaben in den Sicherheitsdatenblättern der Hersteller. Es wurden wenn immer möglich Sicherheitsdatenblätter verschiedener Hersteller und ergänzend herstellerunabhängige Stoffbewertungen herangezogen. Hierunter fallen neben Veröffentlichungen der Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) und des National Institute for Occupational Safety and Health (NIOSH) die Angaben in den öffentlichen Beurteilungsberichten für Humanarzneimittel der europäischen Arzneimittelagentur. Mit Ausnahme der Bewertungen durch das NIOSH beziehen sich die Angaben auf den Wirkstoff, der zum Beispiel in der Apotheke als Ausgangsstoff für die Rezeptur eingesetzt wird, und nicht auf das Fertigarzneimittel. Bei uneinheitlicher Datenlage wird für den Arzneistoff in der Regel die höchste angegebene Gefährdungseinstufung ausgewiesen.

Ergebnisse:
Qualität und Umfang der verfügbaren Daten variieren stark in Abhängigkeit von Markteintritt und Anwendungshäufigkeit der Wirkstoffe. Durch kombinierte Auswertung von Sicherheitsdatenblättern und herstellerunabhängigen Daten konnten dennoch valide Daten bezüglich der gefahrstoffrechtlichen Einstufung und Kennzeichnung von antineoplastischen und immunmodulierenden Arzneimitteln gewonnen werden. Die vorliegende Liste kann Arbeitsschutzexperten und Beschäftigte gleichermaßen bei der betrieblichen Gefährdungsbeurteilung und der Ableitung geeigneter Schutzmaßnahmen unterstützen. Unter www.bgw-online.de steht die Liste zum Download bereit.
Herr Dr. Johannes Gerding
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)
Blaulichtgefährdung der menschlichen Gesundheit durch Licht emittierende Dioden (LED) (Yanyan König, Cord Huchzermeyer, Hans Drexler)
Kurzfassung:
Hintergrund: Sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich wird die konventionelle künstliche Beleuchtung vorwiegend durch Licht emittierende Dioden (LED) abgelöst. Diese werden insbesondere auch in Smartphones und Tablets verwendet, welche vom Kindesalter an in kurzer Distanz auf das Auge einwirken. Durch deren höheren Anteil an energiereicherem blauen Licht stellt sich immer wieder die Frage nach der photobiologischen Sicherheit der LED. Eine Reihe von Studien und Stellungnahme der letzten Jahre haben sich mit unterschiedlichen Aspekten dieser Frage befasst.
Methode: Wir führten eine Literaturrecherche mit den Suchbegriffen "blue light" AND "LED" AND ("eye" OR "circadian") durch. Die Suche wurde am 31.07.2018 durchgeführt. Sie ergab 66 Einträge auf Pubmed und 6 Einträge in der Cochrane Library. Wir wählten 46 Einträge von Pubmed und einen Eintrag aus der Cochrane Library aus, die zur Zielsetzung dieser Arbeit passten.
Ergebnisse: In den letzten Jahren wurde in verschiedenen experimenteller Studien und epidemiologischer Untersuchungen untersucht, inwieweit der energiereiche blaue Anteil des sichtbaren Lichts die Netzhaut schädigt und ggf. das Auftreten oder die Progression einer altersbedingten Makuladegeneration (AMD) fördern kann. In epidemiologischen Studien finden sich bislang widersprüchliche Resultate.
Da die intrinsisch-photosensitiven retinalen Ganglienzellen der Netzhaut, welche die Synchronisation der zirkadianen Rhythmen durch Licht vermitteln, eine stärkeren Empfindlichkeit im kurzwelligen Bereich haben, könnte eine Zunahme der Exposition in den Abendstunden auch den zirkadianen Rhythmus beeinträchtigen und potentiell zu langfristigen gravierenden Gesundheitsfolgen wie Krebs oder Übergewicht führen.
Schlussfolgerung: Langzeitwirkungen des blauen Lichtes von LED können gemäß aktuellem Wissensstand nicht abschließend beurteilt werden. Die absolute Zeitdauer der Einwirkung von Licht oder anderen Stressoren können schwer in Zell- und Tierversuchen nachgeahmt werden.
Frau Dr. med. Yanyan König
Effect of Intradermal Skin pH on Dermal Fluoride Penetration following Hydrofluoric Acid Exposure (Suvarna Mini Vijayan, Theresa Hahn, Thomas Göen, Hans Drexler, Sonja Kilo)
Kurzfassung:
Introduction: Occupational inflammatory and other skin diseases have been shown to influence dermal uptake of chemicals. It is well known that in inflamed tissue, pH tends to drop and thus may affect penetration of substances. Hydrofluoric acid (HF) is widely used in industry and research. It has the ability to penetrate skin tissue through exposure and finally leading to systemic poisoning. The aim of this study was to investigate and evaluate the effect of intradermal skin pH on dermal penetration of HF.

Methods: A static diffusion cell model was employed in this study. First, a pilot study using receptor solutions with pH values ranging from 3.0-7.4 was conducted to identify the pH-values in the receptor solution needed to adjust the intradermal pH to certain stable levels. With these data, the intradermal pH was adjusted to pH 6.5 (n=6) and pH 7.2 (n=6) in the main experiments. Percutaneous absorption of fluoride following dermal exposure of 30% HF (100µl/ 0.64 cm2 exposure area) was examined in vivo on freshly excised human skin (0.9 mm thickness). HF was applied to the skin and removed after an exposure period of 3 mins by means of dry cotton swab (n=1). Samples were taken from the receptor solution at intervals of 0, 1, 2, 3, 4 and 8 hrs. Fluoride penetration was determined by measuring fluoride using a fluoride electrode.

Results: The rise in cumulative absorption of fluoride was inversely proportional to the intradermal pH-values. Fluoride absorption increased significantly (regression analysis) by 70% at an intradermal pH-value 6.5 compared to pH 7.2. The maximal flux through the skin (µg/hr) was doubled at pH 6.5 compared to a pH-value of 7.2 and tended to be reached earlier. The lag time of ~30 min as measured by pH 7.2 was shortened by 1/3 at pH 6.5 and calculated to be ~20 min.

Conclusion: In view of the observed results it can be concluded that a decrease in intradermal pH causes an increased dermal absorption of HF. Therefore it seems possible that lowering of the intradermal pH due to inflammation or skin damage can significantly influence dermal penetration of chemical substances.
Frau Suvarna Mini Vijayan
Institute and Polyclinic for Occupational, Social and Environmental Medicine of the University of Erlangen-Nürnberg Henkestraße 9-11 91054 Erlangen
Schwere Kobaltintoxikation durch einen destruierten Metallkopf einer Totalendoprothese der Hüfte (Alexander Kraft, Frederik Lessmann, Volker Harth, Alexandra Marita Preisser)
Kurzfassung:
Einleitung

Im Endoprothesenregister Deutschland sind für 2016 14.334 Folgeoperationen bei Hüftgelenkersatz verzeichnet, davon 7,5 % aufgrund von Verschleiß des Implantats; 1,9 % durch komplettes Versagen einer Implantatkomponente. Wir berichten über einen Krankheitsverlauf, bei dem ein frakturierter Keramik (Ker)-Hüftkopf zu einer schweren Kobalt (Co)- und Chrom (Cr)-Intoxikation führte.

Methoden

Ein 63-jähriger Patient stellte sich im März 2018 in der Umweltmedizinischen Ambulanz des Instituts vor mit Abgeschlagenheit, Konzentrationsstörungen, Hypakusis und metallischem Geschmack seit 2015. Außerdem wurden 2015 eine Myokarditis und 2016 eine Hypothyreose diagnostiziert; 2017 die Atrophie der N. optici bds.

Die Primärimplantation der Totalendoprothese der Hüfte (H-TEP) war 2011 erfolgt mit Ker-Ker-Gleitpaarung. Es wurde bei frakturiertem Keramikkopf 2012 eine Revisions-OP mit Wechsel der H-TEP mit Metall-Polyethylen (PE)-Gleitpaarung durchgeführt; Anfang 2018 Wechsel auf eine H-TEP mit Ker-PE-Gleitpaarung

Ergebnisse

Schmerzen im rechten Hüftgelenk führten Ende 2017 zur Vorstellung in einer fach-orthopädischen Klinik mit Feststellung der Destruktion des Metallkopfes der H-TEP. Im Op-Situs imponierten metallische Infiltrate, welche zuvor im Röntgen als „Verkalkungen“ fehlgedeutet wurden. Ursächlich sind in 2012 verbliebene Keramikfragmente, die sich in das PE-Gleitlager der implantierten H-TEP setzten und den Metallkopf erodierten. Die Freisetzung von insbesondere Co-Ionen führte zur schweren Intoxikation mit den typischen o.g. Folgeerkrankungen mit Blutwerten für Co von 600 µg/L (Nicht-Exponierte < 0,5 µg/L) und für Cr von 240 µg/L (< 0,5 µg/L) sowie Urinwerten für Co von 1120 µg/L (< 1 µg/L) und für Cr von 1160 µg/L (< 0,6 µg/L) (Atomabsorptionsspektroskopie). Aufgrund guter renaler Elimination wurde auf eine Chelat-Therapie verzichtet; es zeigte sich eine Beschwerdebesserung und Zunahme der myokardialen Kontraktilität.

Schlussfolgerungen

Co-Intoxikationen aufgrund von Verschleiß bei H-TEP mit einer Metall-Gleitpaarung sind selten, können aber mit verheerenden Folgen für die Betroffenen einhergehen. Myokarditis, Hypothyreose und Störungen des Hörens und des Sehens sowie des zentralen und peripheren Nervensystems sind typische Folgen. Im Fall unseres Patienten wurden einzelne Beschwerden isoliert durch die einzelnen Fachrichtungen diagnostiziert, jedoch nicht in Zusammenhang gebracht, sodass es zu einer 3-jährigen Verzögerung der Diagnosestellung kam.
Herr Alexander Kraft
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Cobalt am Arbeitsplatz – Beurteilungswerte in biologischem Material (Wobbeke Weistenhöfer, Katrin Klotz, Hans Drexler, Simone Schmitz-Spanke)
Kurzfassung:
Zielsetzung
In der Arbeitswelt werden Cobalt und Cobaltverbindungen vielfältig eingesetzt, u.a. als Farbstoff, in Hartmetall, als Katalysator, Trockner, in Batterien und Akkumulatoren sowie in Prothesen und als Stabilisator in Bierschaum. Als Bestandteil von Vitamin B12 ist Cobalt für den Menschen lebensnotwendig. In höheren Konzentrationen wirkt es jedoch toxisch. In den Medien wurde die Kardiotoxizität bei Implantatträgern diskutiert. Zum Schutz exponierter Personen sind daher wissenschaftlich abgeleitete Beurteilungswerte notwendig.
Methoden
Die Bestimmung der inneren Belastung durch Cobalt kann im Biomonitoring über die Parameter Cobalt im Urin oder Cobalt im Blut erfolgen. Publizierte Studien wurden ausgewertet und ein Biologischer Leitwert (BLW), ein Biologischer Arbeitsstoffreferenzwert (BAR) sowie Expositionsäquivalente für kanzerogene Arbeitsstoffe (EKA) evaluiert.
Ergebnisse
Die Ständige Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft sieht für die Ableitung eines Beurteilungswertes an der systemischen Toxizität die kardiotoxische Wirkung von Cobalt und Cobaltverbindungen als kritischen Endpunkt an. Es wurde ein BLW von 35 µg Cobalt/L Urin festgesetzt. Aus den Daten der Hintergrundbelastung der beruflich nichtexponierten Allgemeinbevölkerung wurde ein BAR von 1,5 µg Cobalt/L Urin abgeleitet. EKA liegen für Expositionen gegenüber Cobalt und Cobaltverbindungen in Höhe von 0,005 bis 0,5 mg/m³ vor. Probenahmezeitpunkt ist jeweils bei Langzeitexposition am Schichtende nach mehreren vorangegangenen Schichten.
Diese sowie andere durch nationale und internationale Gremien aufgestellten Beurteilungswerte werden vorgestellt und diskutiert.
Schlussfolgerungen
Beurteilungswerte im biologischen Material wie BAR, BLW und EKA dienen dem Schutz der Gesundheit am Arbeitsplatz, z.B. im Rahmen ärztlicher Vorsorgeuntersuchungen. Sie ermöglichen aber auch die Einschätzung einer inneren Belastung durch Cobalt und Cobaltverbindungen außerberuflich Exponierter.
Frau Dr. med. Wobbeke Weistenhöfer
Iinstitut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
In-vitro Ergebnisse von Metallgemischen (Christof Burek, Ernst Hallier)
Kurzfassung:

Metalle werden aufgrund ihrer Materialeigenschaften in weiten Bereichen der Industrie, privaten Haushalten und der Landwirtschaft eingesetzt. Durch die vielfältige Nutzung und Anwendung in allen Lebensbereichen kommt es besonders bei umweltoffenem Gebrauch zur Emission in die Umwelt. Je nach Emissionsquelle, z.B. durch belastete Lebensmittel oder Trinkwasser, kann dies zur Exposition beim Menschen führen. Häufig werden mehrere Metalle gleichzeitig aufgenommen, sodass für eine Risikoeinstufung nicht nur die Konzentration der Einzelsubstanzen, sondern auch deren Wechselwirkung untereinander zu berücksichtigen ist.

Zur Ermittlung möglicher Wechselwirkungen in Gemischen wurden mittels eines Zytotoxizitätstests in verschiedenen Zellkulturen lösliche Metallverbindungen von Nickel, Kadmium, Blei, Quecksilber und Zink untersucht. Ausgehend von der Toxizität der Einzelsubstanz wurden binäre, tertiäre und quartäre Gemische auf ihre Wechselwirkung analysiert.

Innerhalb der verwendeten Metallgemische wurden sowohl additive, synergistische und antagonistische Effekte gemessen. Die Ergebnisse weisen auf individuell verlaufende intrazelluläre Vorgänge und erfordern im Einzelfall eine eigenständige Bewertung zur Risikoabschätzung.

Herr Dr. rer. nat. Christof Burek
Institut für Arbeits- Sozial und Umweltmedizin Universitätsklinik Göttingen
Aluminiumbelastung in Crew Meals (Roland Nowak)
Kurzfassung:
Aluminiumgehalt in Crew-Meals - Abstract
Die sogenannten Crew-Meals für das Bordpersonal werden von der Lufthansa Service Gesellschaft hergestellt und in Aluminiumverpackungen zum Verzehr bereitgestellt. Die nach dem Cook&Chill-Verfahren in eine Kühlkette gebrachten Produkte werden in einem Ofen an Bord der Flugzeuge vor der Mahlzeit erhitzt.
Der Europarat empfahl 2013 eine Begrenzung der Aluminiumkonzentration auf 5mg/1 kg Nahrung einzuhalten. Diese Grenze ist nicht medizinisch begründet, sondern „vernünftigerweise technisch erreichbar“ (ALARA-Prinzip). Die empfohlene tolerable wöchentliche Dosis (TWI) der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) beträgt 1 mg Aluminium pro kg Körpergewicht.
Umfangreiche Messreihen der Hygiene- und Lebensmittelsicherheitsabteilungen der Lufthansa Service Gesellschaft (LSG Sky Chefs) ergaben einen Aluminiumgehalt von zumeist ca. 2- max. 5 mg/kg in verschiedenen Speisen. Vorausgegangen war ein Auftauen und ca. 25 min. Erhitzen auf 170 Grad Celsius, - dem üblichen Cook&Chill-Verfahren. Der gemessene Aluminiumgehalt entspricht dem natürlichen Gehalt der Speisen addiert mit der migrierten Aluminiummenge aus den Verpackungen.
In Bezug auf die Arbeitstage von Lufthansa Crews in Vollzeit, (3,5 Arbeitstage pro Woche), ergibt sich bei einem Crew-Meal von 500 g pro Arbeitstag eine Inkorporation von ca. 9 mg pro Woche. Die von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit empfohlene tolerable wöchentliche Dosis (TWI) beträgt für einen 70 kg schweren Arbeitnehmer 70 mg pro Woche.
Fazit: die Crew Meals tragen nur zu ca. 13% zur möglichen tolerablen Belastung durch Aluminium bei.
Der Migrationswert von Verpackungsaluminium kann durch konsequentes Anwenden der Cook&Chill Vorgaben vermindert werden. Zu vermeiden ist ein langes Warmhalten. Die Varianz der Speisenabfolge pro Monat gleicht Spitzenbelastungen einzelner Lebensmittel aus.
Da nur maximal 1 % des ingestierten Aluminiums auch wirklich bioverfügbar ist, kann die Annahme einer schädlichen Mengenaufnahme durch Aluminiumverpackungen vernachlässigt werden.
Im Hinblick auf eine Verminderung der Inkorporation von Aluminium ist der Fokus auf die dermale Resorption zu lenken. Es besteht ein hohes Vermeidungspotential, insbesondere beim Aufbringen von Produkten auf verletzte Haut. Die Erkrankungen durch Aluminiumoxid in der Atemluft sind seit vielen Jahren in der BK 4106 abgebildet und führten zu entsprechenden Sicherheitsvorgaben.

Herr Dr. med. Roland Nowak
Umgebungs- und Humanbiomonitoring von Arsen, Quecksilber und Organochlor-Bioziden am Beispiel einer naturkundlichen Sammlung (Katharina Deering, Elise Spiegel, Christiane Quaisser, Dennis Nowak, Rudolf Schierl, Stephan Böse-O´Reilly, Mercè Gari)
Kurzfassung:
Einleitung
Große Teile musealer Bestände sind früher mit einer Vielzahl von Gefahrstoffen gegen Schadorganismen behandelt worden. Arbeitsmedizinischer Handlungsbedarf resultiert aus dem Einsatz von kanzerogenen, mutagenen und reproduktionstoxischen Verbindungen, denen die Beschäftigten bei Tätigkeiten mit den kontaminierten Objekten im Museum ausgesetzt sein können. Durch den umfassenden Einsatz von Arsen (As), Quecksilber (Hg) und Organochlor-Bioziden (OCB) kann sich auf den Objekten eine bedenkliche Gefahrstoffmischung befinden. Mittlerweile besteht in Fachkreisen ein unspezifisches Problembewusstsein hinsichtlich einer möglichen Gesundheitsgefährdung und damit einhergehend eine große Verunsicherung der Beschäftigten bezüglich ihrer täglichen Arbeit. Aus diesem Umstand heraus ergab sich das Pilotprojekt welches mit Mitteln der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert wurde.
Studiendesign
Die Innenraumbelastung (Staub-, Luft-, Partikelmessungen) sowie die Belastung der Beschäftigten (Blut auf OCB, Urin auf As und Hg) wurden exemplarisch am Museum für Naturkunde Berlin (MfN) bestimmt, um mögliche Expositionspfade zu verstehen und die Gesundheitsrisiken zu erkennen. Für den nichtfachlichen Verwendungszweck wurden die Erkenntnisse interdisziplinär aufbereitet.
Ergebnis
Die Ergebnisse aus dem Umgebungsmonitoring bestätigten die Verwendung von As, Hg und Lindan. Es konnte gezeigt werden, dass eine gesundheitsgefährdende Exposition möglich ist. In dem Human-Biomonitoring konnte jedoch keine arbeitsbedingte Erhöhung der analysierten Substanzen nachgewiesen werden.
Als Hilfestellung für Träger, Arbeitgeber, Beschäftigte und Arbeitsmediziner wurde ein Handlungsleitfaden verfasst. Er enthält unter anderem die Komplexe Gefahrstoffe, Expositionswege, Gefährdungsbeurteilung, Gesetzeslage und Arbeitsmedizin im musealen Bereich. Der Leitfaden gibt eine gezielte Unterstützung für den musealen Bereich im Umgang mit kontaminierten Sammlungen.
Ausblick
Es konnte ein systematischer Vorgang erstellt werden, mit dem eine Beurteilung von Umgebungs- und Mitarbeiterbelastung in einem musealen Betrieb möglich ist. Da jedoch nur eine begrenzte Probandenzahl (n=28) berücksichtigt werden konnte, sind keine statistischen Aussagen über die Beziehung zwischen den vielfältigen arbeitsbedingten Faktoren und den Befunden aus dem Human-Biomonitoring möglich. Um die Beschäftigten an den musealen Einrichtungen gezielter und effektiver schützen zu können wird eine breitere Datenbasis gebraucht.
Frau Katharina Deering M.A.
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Klinikum der Universität München
Gesundheit am Arbeitsplatz Kindertagesstätte (Dorota Losch)
Kurzfassung:
Zielstellung
Diese Ausarbeitung beschäftigt sich mit der Frage, wie ErzieherInnen in Kindertagesstätten ihre gesundheitliche Belastung am Arbeitsplatz selbst einschätzen. Durch die Fokussierung auf die Perspektive der ErzieherInnen ergibt sich ein komplementäres Bild zu den Studien, die die Gesundheit aus rein medizinischer Sicht beurteilen.

Methoden
In dieser Arbeit werden die wesentlichen Ergebnisse aus einer Reihe von Publikationen zum Thema Gesundheit in Kindertagesstätten zusammengefasst. Die Publikationen basieren nicht auf Anamnesen von Personen aus der Zielgruppe, sondern stützen sich auf qualitative und quantitative Analysen von Interviews und Fragebögen der Zielgruppe.

Ergebnisse
Die Mehrheit der ErzieherInnen schätzt, dass sie ihren Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zum Eintritt in das Rentenalter ausüben können. Die zwei größten Belastungsfaktoren sind der Lärm und der Stress. Der Stress wird hauptsächlich durch den Personalmangel verursacht. Die hohe Akzeptanz des Lärms seitens der ErzieherInnen erhöht die Gefahr einer gesundheitlichen Schädigung. Es gibt Wissenslücken bezüglich des Betrieblichen Gesundheitsschutzes. Der Präsentismus im Krankheitsfall ist bei den befragten ErzieherInnen höher als im Durchschnitt. Viele ErzieherInnen können sich zuhause nicht gedanklich von den Problemen bei der Arbeit trennen.

Schlussfolgerungen
Eine Reduzierung der Gruppengröße würde nach Meinung der ErzieherInnen zu einer Verringerung des Lärms und des Stresses führen. Der betriebliche Gesundheitsschutz sollte stärker in der Ausbildung zur ErzieherIn berücksichtigt werden. Die erweiterten Dokumentationspflichten sollten weiterhin wissenschaftlich kritisch untersucht werden. Ein vermehrter Austausch mit ArbeitskollegInnen oder häufigere Supervisionen sollten angestrebt werden, um der psychischen Belastung durch das Grübeln entgegenzuwirken.

Losch D.: Gesundheit am Arbeitsplatz Kindertagesstätte. ASU Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 2018; 53: 193–196
https://www.asu-arbeitsmedizin.com/Archiv/ASU-Heftarchiv/article-809606-110576/gesundheit-am-arbeitsplatz-kindertagesstaette-.html
Frau Dr. Dorota Losch
Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Umweltmedizin, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Gesundheitsaktion zur Krebsprävention in einem Unternehmen der Automobilindustrie (Matthias Finell, Ulrike Elsler, Ute Heinrich, Eva-Maria Dienstdorf, Horst Mann, Andreas Haller)
Kurzfassung:
Hintergrund
Es ist lange bekannt, dass viele Krebserkrankungen auf modifizierbare Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, ungesunde Ernährung, Übergewicht, Bewegungsmangel, Infektionen und/oder Umweltfaktoren zurückzuführen sind. Zuletzt erschien im Deutschen Ärzteblatt eine Reihe von Studien zur Krebslast in Deutschland. Bei 440 000 Krebsneuerkrankungen, die pro Jahr in der Altersgruppe 35–84 Jahre auftreten, sind demnach etwa 165 000 (37,4 %) Risikofaktoren zuzuschreiben, die potenziell vermeidbar wären.

Methodik
Der Audi Gesundheitsschutz konzipierte eine Gesundheitsaktion mit dem Titel „Krebs aktiv begegnen“. Ziel der Gesundheitsaktion war eine Sensibilisierung zu Krebserkrankungen, wobei der Schwerpunkt auf Prävention gelegt wurde.
Die Durchführung erfolgte mit einem Markplatzkonzept, wobei ein begehbarer Darm als „Eyecatcher“ aufgestellt wurde. Dazu gab es Stände von internen und externen Partnern (u.a. Audi BKK, Ernährungsberatung, Deutsche Krebshilfe, Krebsberatungsstellen), sowie Vorträge mit externen und internen Referenten.
Für die taktgebundenen Bereiche, die nicht an der Marktplatzaktion teilnehmen konnten, wurde ein eigener Film und ein Flyer für die Gruppengespräche erstellt.
Insgesamt wurde die Gesundheitsaktion viermal im Zeitraum von 2015 bis 2017 durchgeführt (dreimal in in Ingolstadt, einmal in Neckarsulm).
Zur Evaluation wurde ein eigener Fragebogen verwendet, der an die Teilnehmer der Marktplatzaktion verteilt wurde.

Ergebnisse
Das Interesse und die Beteiligung an der Gesundheitsaktion waren jeweils sehr hoch. Die Aktion wurde so konzipiert, dass sowohl Arbeiter als auch Angestellte teilnehmen konnten.
Beispielhaft wird die Evaluation der Aktion vom Juni 2016 im Produktionsbereich Nord vorgestellt, an der über 600 Mitarbeiter über drei Schichten teilnahmen. 259 Feedbackbögen wurden ausgewertet. Die Inhalte wurden durchgehend als interessant bewertet. 92% der Mitarbeiter waren motiviert, an ihren Risikofaktoren zu arbeiten und 86% wollten an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen. Alle würden die Gesundheitsaktion weiterempfehlen.

Schlussfolgerung
Ein großer Teil der Krebserkrankungen ist der Prävention zugänglich. Durch den demographischen Wandel und Anhebung des Rentenalters werden Krebserkrankungen während des Berufslebens zunehmen. Gesundheitsinformationen zur Genese und Prävention von Tumorerkrankungen im Rahmen von Gesundheitsaktionen stoßen bei den Mitarbeitern auf großes Interesse und helfen, dem Thema Krebs aktiv zu begegnen.
Herr Dr. med. Matthias Finell
AUDI AG Gesundheitsschutz, I/SW-3 85045 Ingolstadt
Erste psychometrische Überprüfung eines Fragebogens zur Arbeitssituation (Annika Claus, Dirk-Matthias Rose, Stefan Sammito)
Kurzfassung:
Hintergrund: Der Fragebogen AIGScreen wurde entwickelt, um die Arbeitssituation und das individuelle Gesundheitsempfinden von Beschäftigten zu erfassen. Er wird seit 2015 im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) eingesetzt. Eine systematische Überprüfung der psychometrischen Güte des Instruments blieb bisher aus.
Fragestellung: Anhand der bisher erhobenen Daten sollen Item- und Reliabilitätsanalysen durchgeführt werden, um erste Aussagen hinsichtlich der psychometrischen Güte des AIGScreens treffen zu können.
Methode: Die Stichprobe umfasst 8.073 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des BMVg, die im Zeitraum Januar bis August 2018 an einer Online- oder Paper-Pencil-Befragung teilnahmen. Die Itemanalyse umfasst die Antwortverteilung und die Ermittlung von Itemtrennschärfe und –schwierigkeit der 32 Items mit einer 4-stufigen Likert-Antwortskala zur Erfassung der Arbeitssituation. Die interne Konsistenz der 4 latenten Konstrukte, Arbeitsanforderungen, Arbeitsmenge, Soziale Aspekte und Umgebungsbedingungen, wurde anhand des Reliabilitätskoeffizientens Cronbachs Alpha überprüft.
Ergebnisse: Mit Ausnahme eines Items wurden alle Arbeitsmerkmale mehrheitlich positiv bewertet, sodass insgesamt eine geringe Schwierigkeit der jeweiligen Items festzustellen ist. Aufgrund der hohen Itemstreuung kann dennoch eine ausreichende bis gute Trennschärfe für alle Merkmale festgestellt werden. Für 3 von 4 Skalen ist eine gute interne Konsistenz (α >.80) festzustellen und auch das heterogene Konstrukt Umgebungsbedingungen erreicht eine Konsistenz von .75. Die Inter-Item-Korrelationen der Skalen Arbeitsanforderungen und Soziales mit jeweils 12 Items variieren erheblich ([.10 - .61] bzw. [.20 - .72]) gegenüber den kleineren Skalen Umgebungsbedingungen und Arbeitsmenge.
Schlussfolgerung: Die Antwortverteilung weißt für einige Items eine zu geringe Schwierigkeit auf, sodass hinsichtlich dieser Merkmale wenig differenziert werden kann. Hier ist zu überprüfen, ob die Items überarbeitet oder die Skala um schwierigere Items ergänzt werden muss. Die vorab definierten Konstrukte weißen eine ausreichende Konsistenz auf und die Trennschärfe-Koeffizienten belegen eine gute prognostische Übereinstimmung zwischen Item und Gesamtskala. Die jeweiligen Inter-Item-Korrelationen legen für die 12-Item-Skalen eine explorative Faktorenanalyse nahe, da eine weitere Differenzierung in Subskalen angemessen sein könnte.
Frau Annika Claus
Institut für Lehrergesundheit am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz
„Intervention + Umsetzung = Prävention“ - Arbeitsplatzbezogene Einflussfaktoren auf die Umsetzung von Präventionsstrategien zur Verhinderung einer erneuten depressiven Episode (Petra Maria Gaum, Franziska Brey, Jessica Lang)
Kurzfassung:
Zielsetzung: Bei einer depressiven Episode werden im Rahmen von Therapie und Rehabilitation Präventionsstrategien erlernt, die helfen, der Entwicklung einer erneuten depressiven Episode vorzubeugen. Wenn Beschäftigte nach einer depressiven Episode wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, sollten sie diese Präventionsstrategien umsetzen, um langfristig arbeitsfähig zu bleiben. Diese Studie untersucht den Zusammenhang von organisationalen (Handlungsspielraum und Arbeitsintensität) und sozialen Arbeitsplatzfaktoren (soziale Unterstützung, sozialer Druck) mit der Umsetzung gelernter Präventionsstrategien.
Methoden: Im Zeitraum von 11.7. bis 22.8.2017 wurde ein Online-Fragebogen deutschlandweit verbreitet. In dieser Studie wurden 112 symptomfreie Teilnehmende (25% Männer; Alter: MW = 42.3, SD = 10.9) untersucht. Alle Variablen wurden jeweils mit standardisierten und z.T. angepassten Skalen erhoben. Es wurden Spearmans Rangkorrelationen und ein Strukturgleichungsmodell (SEM) berechnet, um zu prüfen welcher Arbeitsplatzfaktor den stärkeren Einfluss auf die Umsetzung gelernter Präventionsstrategien hat.
Ergebnisse: Die Umsetzung der erlernten Strategien ist positiv mit sozialer Unterstützung (rs = .22, p<.05) und negativ mit Arbeitsintensität (rs = -.20, p<.05) korreliert. Sozialer Druck und Handlungsspielraum wurden nicht signifikant. Vor allem die Unterstützung durch Kollegen ist mit Umsetzung korreliert (rs = .21, p<.05) und der Zusammenhalt im Team (rs = .25, p<.05). Das SEM zeigt jedoch nur einen Effekt für die Arbeitsintensität (β = -.21, p<.05).
Schlussfolgerungen: Damit einer erneuten depressiven Episode vorgebeugt werden kann, muss die Umsetzung von Präventionsstrategien am Arbeitsplatz möglich sein. Eine Reduzierung der Arbeitsintensität und die Unterstützung im Team wirken sich positiv auf die Umsetzung aus. Jedoch hat bei der gemeinsamen Betrachtung aller Faktoren nur die Arbeitsintensität einen Einfluss. Betroffene sollten daher mit BetriebsärztInnen und Führungskräften ein bewältigbares Arbeitspensum vereinbaren; diese Studie stützt somit die stufenweise Wiedereingliederung. Es besteht zudem die Möglichkeit, das Arbeitsintensität ein Mediator für den Zusammenhang von sozialer Unterstützung und der Umsetzung gelernter Strategien ist. In zukünftigen Studien sollte dieser Mechanismus und auch individuelle Faktoren untersucht werden, die ebenfalls Einfluss auf die Umsetzung von Präventionsstrategien haben können.
Frau Dr. rer. medic. Petra Maria Gaum M.Sc.
RWTH Aachen University
„Bitte, BEM?!“ Betriebliches Eingliederungsmanagement aus Sicht von Lehrkräften und Schulleitungen: eine qualitative Analyse (Merle Riechmann-Wolf, Hajar Bouchabchoub, Ann-Kathrin Jakobs, Dirk-Matthias Rose, Kathrin Bogner)
Kurzfassung:
Ziel: Im rheinland-pfälzischen Schuldienst wurde 2014 gemeinsam von Bildungsministerium, Personalvertretung, Schulen und dem Institut für Lehrergesundheit (IfL) ein strukturiertes Verfahren zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) entwickelt und implementiert. In 2018 begann mit einer qualitativen Studie ein Evaluationsprozess, der zum Ziel hat, das bestehende Verfahren mit Hilfe standardisierter Befragungen hinsichtlich seiner Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität zu überprüfen und evidenzbasiert weiterzuentwickeln.
In diesem Beitrag liegt der Fokus auf dem BEM-bezogenen Begriffsverständnis und den relevanten Zielvorstellungen der Interviewten in ihren unterschiedlichen Rollen. Dies ist v. a. für die Entwicklung von Indikatoren der Ergebnisqualität relevant. Mittels der Abbildung der verschiedenen Perspektiven kann sowohl der Komplexität des BEM-Prozesses als auch einem umfassenden Qualitätsbegriff entsprochen werden.
Methode: Drei wissenschaftliche MitarbeiterInnen des IfL führten leitfadengestützte halbstrukturierte Interviews durch mit 5 SchulleiterInnen (SL) in Rolle der Dienststellenleitung, mit 6 Personen, die ein BEM-Verfahren in Anspruch genommen hatten (5 Lehrkräfte (LK), 1 SL, 1 Studienseminarleitung), sowie mit 1 BEM-Ablehner. Die Interviewten waren an verschiedenen Schularten tätig. Die transkribierten Daten werden zurzeit mittels computergestützter qualitativer Inhaltsanalyse (Maxqda 2018) ausgewertet (Fertigstellung in 12/2018).
Vorläufige Ergebnisse: Ersten Auswertungsergebnissen zufolge beschreiben SL in Rolle der Dienststellenleitung BEM als „formalisiertes Angebot“ sowie als „Chance für Mitarbeiter“ (oftmals) „schrittweise wieder integriert zu werden“ und zugleich als etwas, „das mehr kann als eine bloße Änderung des Stundendeputats“, indem es auch der „Identifikation und Veränderung [verschiedener] Stellschrauben“ dient. Betroffene LK gaben an, dass ihnen der BEM-Begriff zunächst unbekannt gewesen sei, dass BEM ein „Pflichtangebot“ sei, bzw. ein „Angebot an Längererkrankte“, den Arbeitsplatz so zu gestalten, dass trotz Erkrankung im Dienst geblieben werden kann. Es wurde aber auch seine eigentliche Existenz aufgrund mangelnder Umsetzbarkeit aufgrund der „Starrheit des schulischen Systems“ infrage gestellt.
Fazit: Die ersten Analysen zeigen, dass bereits der BEM-Begriff von SL und betroffenen LK vielschichtig und teilweise unterschiedlich wahrgenommen wird. Es lassen sich erste kritische Stellen im BEM-Prozess identifizieren.
Frau Merle Riechmann-Wolf
Netzwerke zur Förderung der Gesundheit und Inklusion im Betrieb: Schwerbehindertenvertretungen als Kooperationspartner (Marie Sophia Heide, Andreas Glatz, Mathilde Niehaus)
Kurzfassung:
Zielsetzung:
Um die Ziele der betrieblichen Gesundheitsförderung und Inklusion bestmöglich zu erreichen, können Kooperationen bedeutend sein (Hodek & Niehaus 2013; Toepler 2008). Kooperationen könnten demnach auch die Arbeit der Schwerbehindertenvertretungen (SBVen) optimieren. Um diesen Aspekt genauer untersuchen zu können, ergeben sich folgende Fragestellungen: Mit welchen inner- und außerbetrieblichen Akteuren arbeiten die SBVen hinsichtlich der betrieblichen Inklusion und Gesundheitsförderung zusammen? Wie lassen sich diese Kooperationsbeziehungen bestmöglich gestalten?
Methoden:
Die Durchführung einer egozentrierten Netzwerkanalyse ermöglicht es, das Netzwerk der SBVen aus egozentrierter Perspektive zu untersuchen. Datengrundlage bilden leitfadengestützte Interviews. Um im Sinne der Multiperspektivität auch die Kooperationspartner_innen der SBVen einzubeziehen, wurden im Anschluss Gruppendiskussionen durchgeführt.
Ergebnisse:
Die SBVen nehmen ihr Netzwerk als besser funktionierend wahr, wenn insbesondere die Kooperationen zu den internen Akteuren (z.B. Inklusionsbeauftragte, SBV-Stellvertretungen) im Vergleich zu den Kooperationen mit externen Partnern als hilfreich für die eigene Arbeit empfunden werden. Damit diese Kooperationsbeziehungen gut funktionieren und somit zum Gelingen des gesamten Netzwerks beitragen können, sind das Vorhandensein von beidseitigem Vertrauen, von fachlichen Kompetenzen sowie die gemeinsame Verantwortungsübernahme und die Zentrierung auf ein gemeinsames Ziel besonders relevant.
Schlussfolgerungen:
In Netzwerken, die als besser funktionierend wahrgenommen werden, nehmen die Inklusionsbeauftragten und die SBV-Stellvertretungen eine hilfreiche Rolle ein. Der Inklusionsbeauftragte kann eine mögliche Schnittstelle zum Arbeitgeber darstellen und somit eine ganzheitlichere Sichtweise ermöglichen. Der informelle Austausch mit den SBV-Stellvertretungen kann eine Unterstützung in Form einer peer-to-peer-Beratung sein. Es gilt die Beziehungen der SBVen weiter zu analysieren und aufbauend passgenau zu stärken, damit die Arbeit der SBVen und die Vertretung der Ziele von schwerbehinderten und ihnen gleichgestellten Menschen bestmöglich gestaltet werden können.
Frau Marie Sophia Heide
Entwicklung einer Mitarbeitendenbefragung als Sensibilisierungsmaßahme für das Thema „Arbeiten, Zusammenarbeiten und Führen mit Behinderung/gesundheitlicher Beeinträchtigung“ (Susanne Groth, Jana Felicitas Bauer, Veronika Chakraverty, Laura Jakob, Mathilde Niehaus)
Kurzfassung:
Zielsetzung
Als Folge der demographischen Entwicklung stehen Unternehmen und Betriebe vor der Herausforderung, dass sie immer mehr Mitarbeitende mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen beschäftigen. Universitäten stellen hier keine Ausnahme dar. An der Universität zu Köln besteht daher eine Zielsetzung im Rahmen des Aktionsplan Inklusion darin, Mitarbeitende aus Wissenschaft, Technik und Verwaltung für das Thema „Arbeiten, Zusammenarbeiten und Führen mit Behinderung/gesundheitlicher Beeinträchtigung“ zu sensibilisieren und Verbesserungsmaßnahmen anzustoßen.
Methoden
Im Rahmen partizipativ ausgerichteter Workshops haben Forschende gemeinsam mit Akteuren aus dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement, dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement, der Diversity-Stabsstelle, der Personalabteilung, dem Personalrat sowie mit der Schwerbehindertenvertretung, dem Inklusionsbeauftragten und Mitarbeitenden mit Beeinträchtigungen eine Sensibilisierungskampagne erarbeitet, der eine Mitarbeitendenbefragung vorausgeht.
Ergebnisse
Partizipativ erarbeitet wurde, dass in einem zweischrittigen Verfahren vorgegangen wird. In einem ersten Schritt wird mit einer Befragung zum Thema „Arbeit mit Behinderung/gesundheitlicher Beeinträchtigung“ erhoben, welche Bedarfe für Mitarbeitende mit langfristigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen/Behinderungen bestehen und welche Hindernisse Personen davon abhalten, eine Schwerbehinderung am Arbeitsplatz anzugeben. Durch Hinweise, Erklärungen und ein eingebautes Wissensquiz sollen die Teilnehmer*innen der Befragung zu dem Thema informiert werden. In einem zweiten Schritt soll eine anschließende Kampange der Sensibilisierung aller Beschäftigten dienen sowie Best Practice Beispiele und Ansatzpunkte zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie zur (Weiter-)Entwicklung von Weiterbildungsmaßnahmen liefern.
Schlussfolgerungen
Da nicht nur die Einbeziehung relevanter Akteure entscheidend ist für die Akzeptanz von Maßnahmen in der Hochschule, wurde sich gemeinsam dazu entschieden, alle Mitarbeitenden zu befragen, um einen umfassenden Eindruck über die Arbeitswirklichkeit an der Hochschule zu erhalten.

Frau Susanne Groth
Universität zu Köln
Perspektive Arbeit & Gesundheit (PAG): Evaluation einer unabhängigen Beratungsstelle für Beschäftigte und Betriebe (Swantje Robelski, Ann-Christin Kordsmeyer, Volker Harth, Stefanie Mache)
Kurzfassung:
Die „Perspektive Arbeit & Gesundheit (PAG)“ besteht seit 2016 und ist ein kostenloses und niedrigschwelliges Beratungsangebot in Hamburg. Ziel der Erstanlaufstelle ist es, die psychische Gesundheit und Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten und zu fördern. Das Angebot richtet sich an Beschäftigte in psychisch belastenden Arbeitssituationen sowie an betriebliche Akteure, die mit einer gesundheitsgerechten Gestaltung der Arbeitsbedingungen beauftragt sind. Das Modellvorhaben wird von einer wissenschaftlichen Evaluation begleitet, die darauf abzielt, das Arbeits- und Wirkungsfeld der Anlaufstelle zu analysieren. Zum einen werden Beratungs-anlässe und -umfänge zusammen mit der Umsetzung der angestrebten Lotsenfunktion untersucht. Zum anderen werden Indikatoren für Nutzen und Wirkung der Beratung erfasst.
In der begleitenden wissenschaftlichen Evaluation wurden sowohl quantitative als auch qualitative Untersuchungsmethoden eingesetzt. Neben der Auswertung der Beratungsstatistik wurden eigens entwickelte Fragebögen von ratsuchenden Beschäftigten (n=55) und betrieblichen Akteuren (n=19) beantwortet. Zusätzlich wurden qualitative Interviews mit Kooperationspartnern und betrieblichen Funktionsträgern geführt. Der Evaluationszeitraum von Anfang Januar 2016 bis Ende September 2018 ermöglichte die Durchführung einer Zwischenevaluation im Mai 2017. Die Ergebnisse der gesamten Evaluation werden ab November 2018 zur Verfügung stehen und werden vorgestellt.
Die Daten der Beratungsstatistik werden Aufschluss über die aktuelle Anzahl der Beratungskontakte (Stand Mai 2017: 820 Beratungskontakte) und den Beratungsbedarf der Beschäftigten und der betrieblichen Akteure geben können. Weiterhin können Aussagen über die Branchen der Ratsuchenden getroffen werden. Zudem werden die Ergebnisse Informationen über die Zugangswege und über inhaltliche Aspekte (z.B. Verbesserung der Arbeitssituation und Kompetenzen nach der Beratung) sowie Nutzen und Zufriedenheit mit der Beratung liefern. Darüber hinaus werden Anregungen und Verbesserungsvorschläge der Nutzer/-innen dargestellt.
Die Evaluationsergebnisse werden die Bedarfe von Beschäftigten und betrieblichen Akteuren für eine niedrigschwellige, orientierende Erstberatung mit Lotsenfunktion aufzeigen. Die Daten können als Grundlage für die Ableitung von Handlungs- und Entscheidungsempfehlungen auf dem Gebiet der arbeitsbezogenen Prävention von psychischen Belastungen genutzt werden.
Frau Swantje Robelski
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin
PFLEGEprevent - ein Präventionsprogramm mit Auffrischungstagen für Pflegekräfte. Ergebnisse aus der longitudinalen Interventionsstudie. (Veronika Ehegartner, Dieter Frisch, Michaela Kirschneck, Angela Schuh, Sandra Kus)
Kurzfassung:
Hintergrund
In Pflegeberufen Tätige weisen deutlich über dem Durchschnitt liegende Fehlzeiten auf. Präventionsangebote können dabei helfen die Ressourcen von Pflegekräften zu stärken, um deren Arbeitsfähigkeit und Gesunderhaltung zu sichern. Ziel der Interventionsstudie ist es, die Wirksamkeit [oder Effekte] eines speziell für Pflegekräfte entwickelten Präventionsprogrammes – in dem die Bewältigung von Arbeitsbelastungen und Herausforderungen des beruflichen Alltags im Mittelpunkt stehen – zu untersuchen.

Methodik
Die longitudinale Interventionsstudie wird als zweiarmige, randomisierte kontrollierte Studie mit fünf Nacherhebungszeitpunkten im Wartegruppendesign durchgeführt.
Die Wirksamkeit des Präventionsprogrammes wird in Bezug auf gesundheitsrelevante Aspekte untersucht. Primäre Zielgrößen sind dabei im Bereich „Stress“ der Perceived Stress Questionnaire (PSQ) und die Perceived Stress Scale (PSS), der Work Ability Index (WAI) zur Erhebung der subjektiven Arbeitsfähigkeit und der EBF-Work 27 (Erholungs-Belastungs-Fragebogen) zur Ermittlung der Arbeitsbelastung. Die Daten werden bivariat und multivariat analysiert.

Ergebnisse
Die Daten von 125 Pflegekräften (92 % w), der Interventions- und Kontrollgruppe wurden ausgewertet. Das Durchschnittsalter betrug 46,7 Jahre (± 10,3). Die Teilnehmer waren im Schnitt seit 19,6 Jahren (± 10,3) im Pflegeberuf tätig.
Die Teilnehmer der Interventionsgruppe zeigten zum 1- und 3-Monats Follow-up signifikante Verbesserungen bei der psychischen Belastung und in der subjektiv beurteilten Arbeitsfähigkeit, verglichen (1) mit der Kontrollgruppe und (2) zur Baseline.
Die Ergebnisse der Datenanalyse zum 6- und 9-Monats Follow-up werden Anfang 2019 vorliegen.

Schlussfolgerung
Positive Effekte des Präventionsprogrammes zeigten sich zum 3-Monats Follow-up vor allem auf das Stressempfinden und die Arbeitsfähigkeit der Pflegekräfte. Die beiden Auffrischungstage sollen diese nachhaltig sichern, was mittels der Daten der weiteren Nacherhebungszeitpunkte untersucht werden wird.
Die Studienergebnisse dienen der Ausarbeitung eines Manuals zur Übertragbarkeit des Programmes auf weitere Kurorte und interessierte Einrichtungen.

Förderung: Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege (StMGP).
Frau Veronika Ehegartner
Institut für Medizinische Informationsverarbeitung Biometrie und Epidemiologie (IBE), Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung, Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München
Kenntnisstand, Einstellung und Umgang mit Sonnenschutz – Deutschland und Neuseeland im Vergleich (Carina Knobloch, Julia Hiller, Hans Drexler)
Kurzfassung:
Einleitung
Die Folgen von UV-Strahlung spielen nicht nur in der Arbeitsmedizin, z.B. bei der BK 5103, eine Rolle. Auch das Risiko für andere Krankheiten, wie Melanome oder Katarakt, kann durch persönliches Verhalten und Prävention beeinflusst werden. Sonnenschutz ist damit ein Thema, welches jeden Menschen jeden Tag betrifft. Daher stellt sich die Frage, wie es um den Kenntnisstand, z.B. zur korrekten Anwendung, mögliche Folgen und Risiken bestellt ist und unter welchen Umständen auf Sonnenschutz geachtet wird. Dabei soll die deutsche mit der neuseeländischen Bevölkerung verglichen werden.

Methodik
Die Themengebiete Einstellung und Umgang mit Sonnenschutz, Kenntnisstand sowie Einfluss durch oder auf das soziale Umfeld und persönliche Angaben wurden in einem Fragebogen (48 Fragen) erfasst. Von Juli bis Dezember 2017 wurden ein deutsches (DuF, n=128) und ein neuseeländisches Kollektiv (NZ, n=100) mittels auf Englisch übersetztem Fragebogen befragt. Dies fand größtenteils online statt. Zur Erstellung und Auswertung wurden die Programme SurveyMonkey sowie IBM SPSS Statistics 25 genutzt.

Ergebnisse
Die Probanden waren zwischen 18 und 81 Jahren alt und die Geschlechterverteilung ausgewogen (weiblich:männlich; DuF 50:50; NZ 58:42). Im DuF zeigte sich ein signifikant niedrigerer Wissensstand als im NZ. Dies betrifft sowohl physikalische Hintergründe des UV-Schutzes, als auch medizinische Folgen der UV-Strahlung. Hinzu kommt eine seltenere Anwendung von Sonnencreme: Im NZ wird im Mittel an 97,4 +/- 92,5, im DuF nur an 32,4 +/-39,7 Tagen im Jahr Sonnencreme aufgetragen. Dabei wird im NZ im Vergleich zum DuF auch signifikant häufiger der empfohlene hohe bis sehr hohe Lichtschutzfaktor benutzt. Das sonnenschutzbezogene Gesundheitsverhalten der deutschen Studienteilnehmer wurde bei 75% (n=96) als mäßig eingestuft, ebenfalls weisen beinahe drei Viertel (73%, n=94) im DuF ein bräunungsorientiertes persönliches Schönheitsempfinden auf. In beiden Ländern zeigte sich mit besserem Kenntnisstand auch ein besseres Sonnenschutzverhalten.

Diskussion
Das Wissen über korrekten Sonnenschutz ist in Deutschland weit weniger verbreitet als in Neuseeland, dabei wäre die Prävalenz der durch UV-Strahlenexposition bedingten Krankheiten durch bessere Aufklärung der Bevölkerung möglicherweise zu senken. Zur Verbesserung der Situation wäre ein Blick über den Tellerrand z.B. nach Neuseeland wünschenswert, um erfolgreiche Edukationsmaßnahmen auch in Deutschland zu implementieren.
Frau Carina Knobloch
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg
Schichtarbeit und messbare frühe Gefäßveränderungen (Claudia Brendler, Eva Backé, Ute Latza)
Kurzfassung:
Hintergrund:
Der Einfluss von Schichtarbeit auf das Herz-Kreislauf-System ist bekannt und wurde in Reviews bestätigt. Selektionseffekte durch den Healthy-Worker-Effekt erschweren die Interpretation von Studien, die manifeste Erkrankungen als Zielgröße untersuchen. Hinzu kommt die mögliche Fehlklassifikation der Exposition (z.B. Schichtsystemwechsel). Der Einfluss von Schichtarbeit auf frühe Gefäßveränderungen ist messbar und ggf. im Rahmen von arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen festzustellen.
Methode:
Im Rahmen der Entwicklung einer Leitlinie zum Thema Nacht- und Schichtarbeit wurde für drei Parameter, die funktionelle und strukturelle Gefäßveränderungen beschreiben, ein systematischer Rapid-Review in PubMed durchgeführt. Zum Stichtag 1.8.2018 erfüllten 17 Publikationen Einschlusskriterien (Ausschluss: Review und experimentelle Studien, Einschluss: epidemiologische (Längsschnitt-, Querschnitt- sowie Interventionsstudien) und weitere Studien, deutsch- und englischsprachige Publikationen) und wurden in die Auswertung einbezogen. In einer Studie wurden Ergebnisse zu allen drei Parametern berichtet.
Ergebnisse:
Zu allen untersuchten Parametern liegen Studien vor – Intima-Media-Dicke: n=5 epidemiologische Studien, Pulswellengeschwindigkeit: n=1 epidemiologische und n=3 Feldstudien sowie Endothelfunktion: n=2 epidemiologische und n=8 Feldstudien. Die Ergebnisse von n=6 der 8 epidemiologischen Studien und n=7 der 11 Feldstudien zeigen eine Assoziation zwischen Schichtarbeit und den betrachteten Parametern. Dies gilt sowohl für Untersuchungen von Männern, von Frauen sowie von gemischten Kollektiven. In einigen Studien zeigen sich Dosis-Wirkungsbeziehungen.
Diskussion:
Trotz unterschiedlicher Studiendesigns und -qualität unterstützen die Ergebnisse den Zusammenhang von Schichtarbeit und kardiovaskulärer Morbidität. Frühe funktionelle und strukturelle Gefäßveränderungen können auf eine Beanspruchung des Herz-Kreislauf-Systems durch Schichtarbeit hinweisen und sind nur bedingt reversibel. Eine mögliche Aufnahme dieser Parameter in die arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen von Schichtarbeitern erfordert Erfahrung und zeitliche/finanzielle Ressourcen.
Frau Claudia Brendler
Gesundheitsförderung für Schichtarbeiter – eine Analyse (Manfred Betz, Katharina Lauber, Ulrich Koehler, Alina Preiss, Lars Schirrmacher)
Kurzfassung:
Zielsetzung
In den letzten Jahren entdecken die Gesundheitsförderer die Schichtarbeiter als neue Zielgruppe. Dabei werden meist die Standardkonzepte der Gesundheitsförderung der Zielgruppe übergestülpt, ohne die Besonderheiten (z.B. chronobiologische Auswirkungen von Schichtarbeit) angemessen zu berücksichtigen. Vor diesem Hintergrund gilt es zu klären: Welche Maßnahmen werden angeboten? Ist deren Wirksamkeit belegt? Welche zielgruppenspezifischen Handlungsfelder fehlen?
Methoden
Zunächst wurden mit Google die Gesundheitsförderangebote für Schichtarbeiter im deutschsprachigen Raum erfasst. Zudem wurden die wichtigsten BGM-Dienstleister hinsichtlich ihrer Angebote für Schichtarbeiter gesichtet. Anhand einer umfassenden Literaturrecherche in verschiedenen Datenbanken (ScienceDirect, Google Scholar, PubMed, EMBASE) wurde überprüft, inwieweit die Gesundheitsfördermaßnahmen für die Zielgruppe Schichtarbeiter in ihrer Wirksamkeit belegt sind.
Ergebnisse
Zielgruppenspezifische Präventions- und Gesundheitsförder-Angebote für Schichtarbeiter sind selten. Zudem beschränken sie sich meist auf die traditionellen Handlungsfelder des GKV-Präventionsleitfaden. Chronobiologische Aspekte fehlen weitgehend.
Es gibt nur wenige hochwertige Interventionsstudien, die die Wirksamkeit von Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung bei Schichtarbeitern belegen.
Benötigt werden wirksame Maßnahmen, die die Leistung während der Arbeit (insbesondere in der Nacht) verbessern, die Erholung optimieren und das circadiane System stärken. Wichtige Handlungsfelder hierbei sind: Lichtmanagement am Arbeitsplatz und im privaten Umfeld, arbeitswissenschaftliche und individualisierte Schichtplangestaltung, angemessene pharmakologische Hilfen (z.B. Koffein, Melatonin, Modafinil) und Verhaltensmodifikationen im Sinne einer Lebensstiloptimierung (z.B. Schlafhygiene, körperliches Training, bedarfsgerechte Ernährung).
Maßnahmen zur Leistungsoptimierung und Gesundheitsförderung sind umso wirksamer, je individueller sie sind. Allgemeine Empfehlungen sind meist nur wenig hilfreich.
Bei Schichtarbeit erfolgen häufig Kosten-Nutzen-Abwägungen. So stören beispielsweise Maßnahmen, die die Wachheit während der Nachtschicht fördern, meist das circadiane System.
Schussfolgerungen
Bisherige Gesundheitsfördermaßnahmen gehen auf die Besonderheiten der Schichtarbeiter nur unzureichend ein. Belege zur Wirksamkeit von Interventionen zur Gesundheitsförderung sind rar. Es besteht Handlungsbedarf.
Herr Manfred Betz
Effekte der Umstellung eines Schichtmodells bei einer Polizeidienstelle (Elke Ochsmann, Anne Rybacke, Silke Woelken-Weckmüller)
Kurzfassung:
Einleitung und Zielsetzung: Im vorliegenden Beitrag sollten die Effekte einer Umstellung eines Schichtdienstmodells bei einer Polizeidienststelle untersucht werden.
Methoden: Mit Fragebogenelementen, die u. a. aus dem COSSOQ (Copenhagen Psychosocial Questionnaire) und dem WHO-5-Fragebogen zum Wohlbefinden bestanden wurden 40 freiwillige Teilnehmer eines Polizeireviers vor (T0) und 6 Monate nach (T1) der Umstellung des Schichtdienstmodells befragt.
Ergebnisse: Verschlechterung des Wohlbefindens und der „psychischen Gesundheit“ zwischen T0 und T1. Vor allem Frauen geben schlechteres Wohlbefinden im neuen Schichtmodell an.
Für den Work-Privacy conflict gilt, dass ca. 1/3 der Teilnehmer angibt, dass die Anforderungen der Arbeit das Privat- und Familienleben stören und dass der Zeitaufwand der Arbeit es schwierig macht, privaten Verpflichtungen nachzukommen. Im Gesamtkollektiv gibt es keinen signifikanten Unterschied zwischen dem T0- und dem T1-Modell. Jedoch auffällige Unterschiede, wenn man spezifische Personengruppen betrachtet.
–Für die Altersgruppen 30-39 Jahre und 40-49 Jahre gilt, dass für diese der Work-privacy-conflict zwischen T0 und T1 zunimmt (p=0,014 bzw. p=0,016).
–Im Vergleich zwischen T0 und T1 haben Teilnehmer mit Kindern einen größeren Work-privacy-conflict nach der Schichtumstellung (p=0,033).
Schlussfolgerungen: Die Umstellung des Schichtdienstmodells hat relevante Effekte auf den work-privacy conflict. Für die genaue Betrachtung und weitere Schichtdienstplanung sollten spezifische Gruppen Berücksichtigung finden.
Frau Elke Ochsmann
Vergleich der Motivation und subjektiven Beanspruchung bei simulierten Montageprozessen mit herkömmlichen und digitalen Hilfestellungen (Annemarie Minow, Irina Böckelmann)
Kurzfassung:
Hintergrund
Digitalisierungsprozesse finden zunehmend Eingang in Produktionsumgebungen und bei der Ausführung manueller Montagearbeiten. Die Entwicklung und der Einsatz digitaler Systeme zur Unterstützung von Mitarbeitern sollte jedoch stets unter Berücksichtigung nutzerbezogener Aspekte geschehen. Im Rahmen des BMBF-geförderten Verbundvorhabens „3D-Montageassistent“ (FKZ: 03ZZ0441E) wurde eine Pilotstudie durchgeführt, um die Auswahl der arbeitsphysiologischen Verfahren bzw. Beanspruchungsparameter zuerst unter Laborbedingungen zu betrachten.
Zielsetzung
Ziel der Pilotstudie ist herauszufinden, wie sich der Einsatz digitaler Hilfestellungen bei der Montage auf die Motivation und subjektive Beanspruchung der Probanden auswirkt. Dabei wird ein Vergleich zu herkömmlichen Arbeitsanweisungen (Papier) hergestellt.
Methode
24 freiwillige Probanden (⌀ 25,2 ± 5,65 Jahre) haben in zwei randomisierten Durchläufen (Papieranweisung bzw. wortgleiche digitale Liste) aus verschiedenen Bauteilen geometrische Figuren zusammengebaut. Zur Messung der Motivations- und Beanspruchungslage wurden die EZ-Skala nach Nitsch sowie der NASA-TLX eingesetzt.
Ergebnisse
Zwischen der Anwendung der Papierliste und der digitalen Arbeitsanweisung zeigen sich durch die EZ-Skala keine signifikanten Unterschiede in der Motivations- und Beanspruchungslage. Die Motivation (MOT), die Aktivation (AKT), die Anstrengungsbereitschaft (ANBE) und die Kontaktbereitschaft (KON) waren bei beiden Varianten im Vergleich zu den Werten vor Beginn des Versuchs geringer, wobei bei der Papierliste die Kategorien MOT (p = 0,044), AKT (p = 0,031) und ANBE (p = 0,009) und bei der digitalen Liste die Kategorie KON (p = 0,026) statistisch signifikant ist. Die Ergebnisse aus dem NASA-TLX zeigen ähnliche Beanspruchungen bei beiden Varianten (für die Papierliste 58,4 ± 11,76 Punkte und die digitale Variante 57,4 ± 19,19 Punkte; p > 0,05).
Diskussion
Digitale Hilfestellungen scheinen im kurzfristigen Einsatz nicht zu einer höheren subjektiven Beanspruchung des Nutzers beizutragen als herkömmliche Papierlisten. Die oben beschriebenen Verfahren können im Projektverlauf in nachfolgenden Untersuchungen am Modell- und realen Arbeitsplatz eingesetzt werden.
Frau Annemarie Minow
Otto-von-Guericke Universität Magdeburg (Bereich Arbeitsmedizin der Medizinischen Fakultät)
Handlungswissen, Professionalität und Positionierung – Die Schlüsselvariablen im Umgang mit Opfern und Tätern bei Schutz- und Kriminalpolizisten (Annemarie Minow, Katharina Greiner, Katja Ebenthal)
Kurzfassung:
Hintergrund
Polizeibeamtinnen und -beamte sind in ihrem beruflichen Alltag stärker als andere Berufsgruppen verschiedenen organisationalen und operationalen Belastungen ausgesetzt, die sie mit Hilfe von persönlichen Ressourcen und anderen Strategien bewältigen müssen. Unter organisationalen Belastungen fallen beispielsweise Auseinandersetzung mit Vorgesetzten und Kollegen sowie der Schichtdienst. Die operationalen Anforderungen umfassen u. a. den Umgang mit Gewalt, Opfern und Tätern sowie deeskalierendem Eingreifen. Polizeibeamte gelten als Hochrisikogruppe für die Entwicklung einer Burnout-Symptomatik und posttraumatischen Belastungsstörung.
Zielsetzung
Im Mittelpunkt dieser Arbeit stand das Erleben von Belastungsmomenten von Schutz- und Kriminalpolizisten einer Polizeidirektion in Sachsen-Anhalt. Ziel dieser Arbeit war es, die Entstehung von Belastungsmomenten der Beamten zu erforschen und unter Anwendung der Grounded Theory nach Strauss und Corbin (1990) zu interpretieren.
Methode
Auf Grundlage eines prozessualen Erklärungsmodells und eines Interviewleitfadens wurden acht problemzentrierte Interviews nach Witzel (2000) durchgeführt. Vier Interviews wurden nach den Notationsregeln von Kallmeyer und Schütze (1976) transkribiert und mithilfe der Grounded Theory-Methodologie nach dem Kodierparadigma von Strauss und Corbin (1990) ausgewertet.
Ergebnisse
Aus dem betrachteten Phänomen „Umgang mit Tätern und Opfern“ konnten mithilfe des Axialen Kodierens drei Schlüsselvariablen und deren Zusammenhänge als Hypothesen herausgearbeitet werden. Die Interviews geben Hinweise darauf, dass die Ausprägung des Handlungswissens die subjektive Beanspruchung der Handelnden in der Gewaltsituation beeinflusst und dass ein Zusammenhang zwischen dem Grad der Professionalität und dem routinierten Umgang mit der Gewaltsituation besteht. Zudem wird die Hypothese aufgestellt, dass sich die Positionierung des „Ich“ zum Opfer bzw. Täter auf das Handeln auswirkt.
Diskussion und Ausblick
Für eine inhaltliche Sättigung ist eine umfangreichere Stichprobe nötig. Die aufgestellten Hypothesen sollten mithilfe quantitativer Forschungsmethoden überprüft werden. Zudem eröffnen sich weitere Untersuchungsfelder, z. B. die Ermittlung von Bewältigungsstrategien, der Vergleich der operationalen und organisationalen Belastungen und inwiefern diese die Gesundheit der Beamten und Beamtinnen beeinflussen.
Frau Annemarie Minow
Otto-von-Guericke Universität Magdeburg (Bereich Arbeitsmedizin der Medizinischen Fakultät)
Gefährdungsbeurteilung von Emissionen beim Thermischen Spritzen unter produktionsrelevanten Bedingungen. (Patrick Ziegler, Manfred Möller, Jenny Hoffmann, Kerstin Bobzin, Mehmet Oete, Tim Königstein, Wolfgang Wietheger, Thomas Kraus)
Kurzfassung:
Beim thermischen Spritzen werden geeignete Spritzzusatzwerkstoffe mithilfe einer Wärmequelle an- oder aufgeschmolzen und in Richtung eines zu beschichtenden Materials beschleunigt. Dabei gelangt ein Teil der verspritzten Werkstoffe als feinste Staubpartikel in die Umgebungsluft. In der Industrie werden Anlagenbediener vor diesen Emissionen durch Systeme wie Spritzkabinen, Absaugung mit integrierten Filteranlagen und persönliche Schutzausrüstung geschützt. Dennoch kann bei Umbau- und Reinigungsmaßnahmen sowie beim Umrüsten innerhalb der Spritzkabine durch die Aufwirbelung bereits sedimentierter Stäube für den Anlagenbediener ein Expositions-Risiko entstehen. Deshalb wurde die Bildung ultrafeiner Partikel sowie die Toxizität einzelner Stäube, die beim Thermischen Spritzen innerhalb der Spritzkabine erzeugt werden, untersucht. Zur Erfassung der Partikelzustandsgrößen, der Partikelkonzentrationen und deren Zusammensetzung wurden direktanzeigende Laserphotometer mit unterschiedlichen Messbereichen genutzt, sowie Rasterelektronenmikroskopie (REM), Transmissionselektronenmikroskopie (TEM) und Inductively Coupled Plasma Mass Spectrometry (ICP/MS) . Um möglichst realitätsnah die Toxizität einzelner Stäube zu simulieren, wurde eine humane Lungenepithel (A549) Zelllinie direkt mit der beladenen Luft aus der Beschichtungskammer an der Luft-Flüssigkeits-Grenzschicht mittels „Radial-Flow-Expositionssystems“ (RFS; Cultex™) exponiert. Beim Lichtbogendrahtspritzen mit dem Werkstoff Ni20Cr und beim atmosphärischen Plasmaspritzen mit dem Werkstoff WC-10Co4Cr zeigten sich vergleichbar hohe Partikelkonzentrationen (bis 3x105/cm3) mit Partikeldurchmessern < 100 nm. Auch Feinmikroskopisch ließen sich für beide Werkstoffe und Verfahren Partikelgrößen bis in den einstelligen Nanometerbereich belegen. Die Detektion der Metalle und Sauerstoff in der Elementaranalyse deutet auf die oxidierte Form der Emissionspartikel hin. In der toxikologischen Untersuchung ließ sich bei einer leichten Erhöhung der metabolischen Aktivität durch beide Werkstoffe eine Induktion des Seneszenmarkers Beta-Galaktosidase spezifisch für WC-10Co4Cr nachweisen. Für die untersuchten Werkstoffe ist die ermittelte Partikelkonzentration-und Zusammensetzung prozess-und werkstoffunabhängig ähnlich. Wir postulieren deshalb, dass selbst bei Nanopartikeln nicht die Partikelgröße sondern die chemische Zusammensetzung für die Induktion des Seneszenzmarkers Beta-Galaktosidase maßgeblich ist.

Herr Patrick Ziegler
Psychischer Gesundheitszustand und arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster bei ukrainischen Hochschullehrern (Beatrice Thielmann, Myroslav Tymbota, Igor Zavgorodnii, Sabine Darius, Valeriy Kapustnyk, Irina Böckelmann)
Kurzfassung:
Zielsetzung: Der Gesundheitszustand von Lehrkräften an Schulen wurde viel untersucht. Es finden sich nur wenige Studien speziell zu Hochschullehrern. Eigene Untersuchungen ergaben, dass besonders jüngere Hochschullehrer (bis 35 Jahre) ungünstigere Burnout-Dimensionen boten. Ziel dieser Studie war es, den allgemeinen Gesundheitszustand und die arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmuster von ukrainischen Hochschulkräften zu erfassen.

Methoden: Es nahmen 81 Hochschullehrer (HL) von 2 Universitäten der Ukraine teil. Das Durchschnittsalter lag bei 48,5 ± 13,2 Jahren bei einer durchschnittlichen Berufstätigkeit von 19,0 ± 12,6 Jahren. Für die Fragestellung wurden der General Health Questionnaire (GHQ-12) und der Fragebogen zu arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmuster (AVEM) verwendet. Auf der Grundlage des GHQ-Summenscores wurden die Befragten in eine Gruppe mit beeinträchtigter psychischer (G1; n = 8, 40,9 ± 4,8 Jahre) und stabiler psychischer Gesundheit (G0; n = 73; 49,3 ± 13,0 Jahre) eingeteilt.

Ergebnisse: Bei nur 9,9 % der Befragten wurde eine beeinträchtigte psychische Gesundheit ermittelt. Die GHQ-Summenscores lagen bei G1 um 7,13 ± 1,4 und bei G0 um 0,78 ± 1,1 Punkten. Auffällig war eine deutlich herabgesetzte „Lebenszufriedenheit“ im AVEM bei der Gruppe G1 (2,6 ± 0,7 vs. 4,7 ± 2,6 mit p < 0,001). Weitere signifikante Unterschiede fanden sich in den AVEM-Kategorien „Subjektive Bedeutsamkeit der Arbeit“ (p = 0,024), „Perfektionsstreben“ (p = 0,007) und „Resignationstendenz“ (p = 0,003). Mäßige Korrelationen fanden sich zwischen dem GHQ-Summenscore und der folgenden AVEM-Kategorie: „Resignationstendenz“ (r = 0,496, p < 0,001). Mäßige negative Korrelationen fanden sich in den AVEM-Kategorien „Innere Ruhe/Ausgeglichenheit“ (r = -0,449), „Erfolgsergeben im Beruf“ (r = -0,408) sowie „Lebenszufriedenheit“ (r = -0,469) mit p < 0,001.

Schlussfolgerungen: Die Gruppe mit einer beeinträchtigen psychischen Gesundheit war signifikant jünger als die Gruppe mit stabiler psychischer Gesundheit. Diese wiesen eine reduzierte Lebenszufriedenheit auf, die auch unterhalb des Normbereiches lag. Daneben bot diese Gruppe auch ungünstigere arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster auf. Bei 6 Personen waren sowohl AVEM-Risikomuster als auch eine beeinträchtigte psychische Gesundheit im GHQ nachweisbar. Gezielte gesundheitsförderliche Präventionsmaßnahmen an Hochschulen sind erforderlich, um das psychische Wohlbefinden zu behalten.
Frau Dr. med. Beatrice Thielmann
Bereich Arbeitsmedizin, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Medizinische Fakultät
Der Einfluss von erholsamer Musik auf die Herzfrequenzvariabilität in einer kognitiven Belastungssituation (Sophie Scholz, Sabine Darius, Irina Böckelmann)
Kurzfassung:
Hintergrund und Zielsetzung:
Längst gilt Musik neben dem Hören in der Freizeit auch im Arbeitsalltag als eine an Einfluss gewinnende Größe. Neben naheliegenden Berufsgruppen (z. B. Orchestermusiker, Diskothekenbetreiber, Musiktherapeuten) sehen sich inzwischen auch Arbeitnehmer anderer Berufsfelder mit permanenter Musikbeschallung konfrontiert. Oftmals ist diese selbst gewählt, häufig aber auch durch Kollegen oder höhere Entscheidungsebenen vorgeschrieben (z. B. Verkäufer im Einzelhandel, Kellner).
Ziel der Studie war die Untersuchung des Einflusses von erholsamer Musik auf den Menschen in einer kognitiven Belastungssituation anhand der Beanspruchungsparameter aus der Herzfrequenzvariabilitäts(HRV)-Analyse.

Methoden:
41 Studierende (23,7 ± 2,8 Jahre alt) nahmen freiwillig an der Studie teil. Ausschlusskriterien waren eine Herzfrequenz < 50/min oder > 100/min oder sichtbare Arrhythmien im Elektrokardiogramm (EKG). Die Probanden bearbeiteten psychometrische Aufgaben verschiedener kognitiver Anforderungen in absoluter Stille und mit selbstgewählter erholsamer Musik. Gleichzeitig erfolgte eine EKG-Aufnahme, die später als Grundlage der HRV-Analyse diente. Ausgewertet wurden Hf sowie HRV-Parameter aus dem Zeit- und Frequenzbereich hinsichtlich Veränderungen zwischen der Ruhephase sowie den beiden Belastungsphasen (mit und ohne Musik).

Ergebnisse:
Im Vergleich zur Ruhephase (74,9 ± 9,9 Schläge/min) stieg die Hf in der Belastungsphase ohne Musik signifikant an (77,9 ± 11,2 Schläge/min, p < 0,001). Dies verstärkte sich bei kognitiver Belastung mit Musikeinfluss noch weiter (79,2 ± 11,2 Schläge/min), sodass auch zwischen den einzelnen Belastungsphasen ein signifikanter Unterschied feststellbar war (p = 0,019). Für die HRV ließ sich eine jeweils signifikante Reduzierung während der kognitiven Belastung detektieren, die abgespielte Musik hatte hier jedoch keinen modulierenden Effekt auf diese Beanspruchungsreaktion.

Schlussfolgerungen:
Musik hatte lediglich auf die Hf einen nachweisbaren Einfluss. Die vorhandene Beanspruchungsreaktion auf die kognitive Belastung wurde durch die abgespielte Musik noch verstärkt, was sich in einer weiteren Steigerung der Herzfrequenz äußerte. Das Ausbleiben dieser Beobachtung bei den HRV-Parametern macht weitere Studien an einer größeren Stichprobe notwendig.
Frau Sophie Scholz
Donnerstag
21 Mar 2019
15:00 - 16:00
Posterdiskussion
Posterdiskussion
  • Gefahrstoffe I - Stäube, Rauche, Fasern
    (Vortragende: P. Ziegler, A.M. Preisser, J. Bleidorn, N. Verma, A.S. Schulze)
  • Gefahrstoffe II - Biomonitoring
    (Vortragende: T. Göen, J. Hildebrand, E. Eckert, T, Jäger, S. Bäcker, L. Fuhrländer, J. Dassow, A. Schäferhenrich, H. Denghel)
  • Gefahrstoffe III
    (Vortragende: M. Conzelmann, C.E. Ziener, K. Sucker, D. Taeger, B. Thielmann, D. Walter, U. Eickmann, B. Roßbach, J. Gerding, Y. König, S. Mini Vijayan)
  • Gefahrstoffe IV - Metalle
    (Vortragende: A. Kraft, W. Weistenhöfer, E. Burek, R. Nowak, K. Deering)
  • Gesundheit am Arbeitsplatz
    (Vortragende: D. Losch, M. Finell, A. Claus, P.M. Gaum, M. Riechmann-Wolf, M. Heide, S. Groth, S. Robelski, V. Ehegartner, C. Knobloch, B. Thielmann)
  • Schichtarbeit
    (Vortragende: C. Brendler, M. Betz, E. Ochsmann)
  • Preisträger "Forum Arbeitsphysiologie"
    (Vortragende: A. Minow, T. Luger; L. Stieler, S. Scholz)
Raum: Panoramasaal (3. OG) (Standort: Messe Erfurt, Gothaer Straße 34, 99094 Erfurt, Anzahl der Sitzplätze: 554)
Gefährdungsbeurteilung von Emissionen beim Thermischen Spritzen unter produktionsrelevanten Bedingungen. (Patrick Ziegler, Manfred Möller, Jenny Hoffmann, Kerstin Bobzin, Mehmet Oete, Tim Königstein, Wolfgang Wietheger, Thomas Kraus)
Kurzfassung:
Beim thermischen Spritzen werden geeignete Spritzzusatzwerkstoffe mithilfe einer Wärmequelle an- oder aufgeschmolzen und in Richtung eines zu beschichtenden Materials beschleunigt. Dabei gelangt ein Teil der verspritzten Werkstoffe als feinste Staubpartikel in die Umgebungsluft. In der Industrie werden Anlagenbediener vor diesen Emissionen durch Systeme wie Spritzkabinen, Absaugung mit integrierten Filteranlagen und persönliche Schutzausrüstung geschützt. Dennoch kann bei Umbau- und Reinigungsmaßnahmen sowie beim Umrüsten innerhalb der Spritzkabine durch die Aufwirbelung bereits sedimentierter Stäube für den Anlagenbediener ein Expositions-Risiko entstehen. Deshalb wurde die Bildung ultrafeiner Partikel sowie die Toxizität einzelner Stäube, die beim Thermischen Spritzen innerhalb der Spritzkabine erzeugt werden, untersucht. Zur Erfassung der Partikelzustandsgrößen, der Partikelkonzentrationen und deren Zusammensetzung wurden direktanzeigende Laserphotometer mit unterschiedlichen Messbereichen genutzt, sowie Rasterelektronenmikroskopie (REM), Transmissionselektronenmikroskopie (TEM) und Inductively Coupled Plasma Mass Spectrometry (ICP/MS) . Um möglichst realitätsnah die Toxizität einzelner Stäube zu simulieren, wurde eine humane Lungenepithel (A549) Zelllinie direkt mit der beladenen Luft aus der Beschichtungskammer an der Luft-Flüssigkeits-Grenzschicht mittels „Radial-Flow-Expositionssystems“ (RFS; Cultex™) exponiert. Beim Lichtbogendrahtspritzen mit dem Werkstoff Ni20Cr und beim atmosphärischen Plasmaspritzen mit dem Werkstoff WC-10Co4Cr zeigten sich vergleichbar hohe Partikelkonzentrationen (bis 3x105/cm3) mit Partikeldurchmessern < 100 nm. Auch Feinmikroskopisch ließen sich für beide Werkstoffe und Verfahren Partikelgrößen bis in den einstelligen Nanometerbereich belegen. Die Detektion der Metalle und Sauerstoff in der Elementaranalyse deutet auf die oxidierte Form der Emissionspartikel hin. In der toxikologischen Untersuchung ließ sich bei einer leichten Erhöhung der metabolischen Aktivität durch beide Werkstoffe eine Induktion des Seneszenmarkers Beta-Galaktosidase spezifisch für WC-10Co4Cr nachweisen. Für die untersuchten Werkstoffe ist die ermittelte Partikelkonzentration-und Zusammensetzung prozess-und werkstoffunabhängig ähnlich. Wir postulieren deshalb, dass selbst bei Nanopartikeln nicht die Partikelgröße sondern die chemische Zusammensetzung für die Induktion des Seneszenzmarkers Beta-Galaktosidase maßgeblich ist.

Herr Patrick Ziegler
Lungenfunktionsveränderungen in Korrelation zu computertomographischen Befunden bei ehemals Asbest-Exponierten (Alexandra Marita Preisser, Katja Schlemmer, Robert Herold, Azien Quitzke, Claudia Terschüren, Volker Harth)
Kurzfassung:
Hintergrund
Asbest-bedingte Berufskrankheiten stehen sowohl in Anzahl als auch Kosten betreffend an der Spitze der Statistiken. Untersucht wurde, ob zur verbesserten Detektion einer Lungenfibrose als Folge früherer Asbestfaserstaub-Exposition die Ergebnisse der Lungenfunktionsprüfung (Spirometrie und CO-Diffusionsmessung (DLCO), Hb-korrigiert) in Kombination mit der Computertomographie des Thorax (TCT) eine geeignete Beurteilungsgrundlage darstellen.

Methode
Die Befunde von 111 ehemals Asbest-exponierter Personen aus 2013 bis 2016 des Institutes wurden gesichtet. Personen mit erheblichen Begleiterkrankungen (kardial, Malignom, Silikose) wurden ausgeschlossen. Spirometrie, DLCO und TCT mussten vorliegen. Von den verbliebenen 67 Patienten wurden 15 aufgrund eines Lungenemphysems (Lungenüberblähung und/oder TCT-Befund) ausgeschlossen, da dieses, ebenso wie die Asbestose, zu einer Diffusionsstörung führen kann. Es wurden 41 männliche Patienten (69,8 J ±6,9) ausgewertet. Die TCT-Veränderungen wurden nach ICOERD fachradiologisch kodiert und hieraus versch. Punkte-Scores definiert. Korrelationen (r), Cohens κ und Accuracy wurden berechnet.

Ergebnisse
Die Vitalkapazität (VCmax in % des Solls) zeigte meist nur geringe Einschränkungen (Ø 96,5 ±18,0 %). Die DLCO (in % d. Solls) war etwas vermindert (Ø 76,4 ±16,6 %; median 80,1 %); der Alveolarvolumen-bezogene Wert (DLCO/VA) hingegen nicht (Ø 102 ±22 %). Im TCT zeigten 27 Pat. pleurale asbestbedingte Befunde, 23 pulmonale Verdichtungen, davon einer honey-combing. Es fanden sich geringe Korrelationen von VC (r = -0,18) bzw. mäßige von DLCO (-0,35, p<0,05) jeweilig mit der pleuralen Plaqueausdehnung. Der Score der pulmonalen Fibroseausdehnung mit einer max. Punktzahl von 19 (1 Punkt für jedes Feld plus honeycombing) korrelierte mit der VC gering (0,10), mit der DLCO mäßig (-0,23); die DLCO hatte hier die höchste Accuracy mit 71 % und Cohens κ von 0,40. DLCO/VA zeigte keine Korrelationen zum TCT.

Schlussfolgerungen
Die Korrelationen von Lungenfunktionsveränderungen und TCT-Befund waren am höchsten, wenn die DLCO verwendet wurde und im TCT neben der pleuralen Plaqueausdehnung besonders auch parenchymale Banden, subpleurale kurvlineare Linien, Rundatelektasen und Pleuraerguss berücksichtigt wurden. Auch bei dem Vergleich zum pulmonalen Befund zeigte die DLCO die höchste Genauigkeit, VC zeigte schwächere Korrelationen: in Screening-Untersuchungen ehemals Asbest-Exponierter sollten beide Methoden zum Einsatz kommen.
Frau PD Dr. med. Alexandra Marita Preisser
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Kupfer- und zinkhaltige Schweißrauche: Der pro-inflammatorische Stimulus durch Inhibition der PTP1B im Vollblutassay (Johannes Bleidorn, Hanif Alamzad-Krabbe, Benjamin Gerhards, Thomas Kraus, Peter Brand, Christian Martin, Julia Krabbe)
Kurzfassung:
Zielsetzung: Erst kürzlich zeigten Expositionsversuche mit Probanden eine asymptomatische systemische Inflammation nach Exposition mit zink- und kupferhaltigen Schweißrauchen, welche als eine milde Form des Schweißrauchfiebers gesehen werden kann. Da chronisch leicht erhöhte Entzündungsparameter mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einhergehen, ist es von vorrangiger Bedeutung sowohl Ausmaß, als auch den Pathomechanismus der Entzündungsreaktion bei Schweißern zu untersuchen.
Methoden: Vollblutproben von 7 gesunden, männlichen Probanden wurden zusammen mit LPS-freien, zink- und kupferhaltigen Schweißrauchpartikeln für 24 Stunden inkubiert. Anschließend wurden zahlreiche Zytokine im Überstand gemessen, um ein ausführliches Inflammationsprofil zu erstellen. Humane lebende Lungenschnitte (precision-cut lung slices, PCLS) wurden mit den gleichen Schweißpartikelkonzentrationen für 24 Stunden inkubiert. Die gemessenen Zytokinerhöhungen wurden anschließend verglichen. Als möglicher Pathomechanismus der Inflammationsinduktion im Blut wurde der Einfluss der Schweißpartikel auf das Enzym Protein Tyrosin Phosphatase 1B (PTP1B) untersucht.
Ergebnisse: Nach Inkubation von Vollblut mit zink- und kupferhaltigen Schweißrauchpartikeln zeigte sich ein pro-inflammatorischer Effekt mit signifikantem Anstieg von Interleukin (IL)-6, IL-8, Tumornekrosefaktor α und IL-1β im Überstand. Dies deutet sowohl auf eine Induktion der Akute-Phase-Reaktion, als auch die Beteiligung des Inflammasoms hin. Eine klassisch allergische, sowie intrazelluläre Abwehrreaktion hingegen war nicht nachweisbar. Im Gegensatz dazu zeigte sich in den lebenden Lungenschnitten keine entzündliche Wirkung. Als zugrundeliegender Pathomechanismus für die Entzündungsreaktion im Blut konnte die signifikante Inhibition der PTP1B identifiziert werden.
Schlussfolgerungen: Zink- und kupferhaltige Schweißrauchpartikel lösen eine akute Immunreaktion im Blut aus. Im Vergleich zur Entzündungsreaktion im Lungengewebe scheint das Blut der Hauptschauplatz für die Entstehung und Weiterleitung der systemischen Entzündung des Schweißrauchfiebers zu sein. Als zugrunde liegender Pathomechanismus konnte die Inhibition der PTP1B mit dadurch erhöhter Zytokinausschüttung identifiziert werden. Es konnte gezeigt werden, dass das Vollblutassay eine verlässliche Methode für weitere Untersuchungen der Effekte von Schweißrauchpartikeln ist und außerdem eine mögliche Alternative zu Tier- oder Expositionsstudien mit Probanden bietet.
Herr Johannes Bleidorn
RWTH Aachen University
Possible role of calmodulin-regulated mitogen activated protein kinase (MAPK) in ultrafine carbon black nanoparticles induced lung toxicity (Nisha Verma, Mario Pink, Simone Schmitz-Spanke)
Kurzfassung:
Introduction: The modulation of intracellular calcium (Ca2+) and oxidative stress upon ultrafine carbon black (CB) nanoparticles has been observed in several studies. Increasing evidence suggests a mutual interplay between calcium and ROS signaling systems upon exposure to CB nanoparticles, however, the relevant pathways that contribute to such interplay remain poorly understood. In our previous studies involving systematic use of cell-based measurements of Ca2+ and ROS measurements in presence and absence of Ca2+ pump inhibitors/chelators and antioxidants, it was shown that Ca2+ and by its regulated protein calmodulin effect ROS levels, indicating its role in CB mediated oxidative stress.

Results and Discussion: To determine the role of calmodulin in CB mediated oxidative stress, we explored the gene-expression patterns related to oxidative stress, antioxidant defense, and ROS metabolism in A549 lung cell line exposed to 125 µg/mL CB for 24 h, with and without the calmodulin inhibitor W7 (CB+W7). Analysis of 85 oxidative stress–related genes was performed by real-time PCR. The comparison of CB (group 1) to control showed an increased expression (Fold change >1.5) of 36 genes, while 29 genes were enriched in group 2 (CB+W7). Among group 1 and 2 as compared to control, 20 genes were common pointing toward the genes involved in oxidative stress upon CB exposure, whereas 9 genes were specific for group 2, comprising of genes regulated by Ca2+ or more precisely by calmodulin. STITCH (‘search tool for interactions of chemicals’) analysis of the regulated genes highlighted the pathway involved in peroxidase activity and nitric oxide generation hence indicating towards the possible radical species generated upon CB exposure. A comparison between group 1 and group 2 directly (FC >1.5 in CB exposed cells and a FC <1.5 in CB+W7 group) identified a set of 9 transcripts, which bioinformatics analysis related to the MAPK pathway as one of the important signal transduction pathway activated due to CB exposure.
Conclusion: The present data suggest that CB stimulated increase in ROS, is exerted by modulation of intracellular Ca2+. Further the detailed gene expression analysis of CB exposed and CB+W7 exposed cells highlighted that calmodulin may be involved in regulating the trafficking of the MAPK. MAPKs are components of the signaling cascades known to initiate responses such as inflammation, as well as production of pro-inflammatory cytokines. The activation of this pathway may explain the known responses for CB mediated toxicity.
Frau Nisha Verma
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg
Untersuchung der Aufnahme von Lacto-N-tetraose-funktionalisierten CdTe/ZnS-Quantum Dots (Nanopartikel) in humane SH-SY5Y-Zellen (Anne Sophie Schulze, Sabine Kuntz, Silvia Rudloff, Mathias S. Wickleder)
Kurzfassung:
Aufgrund ihrer vielfältigen Anwendungsgebiete haben Nanopartikel (NP) in den letzten Jahrzehnten eine große Bedeutung erlangt. Eine besondere Klasse der NP stellen die Quantum Dots (QDs) dar. Dabei handelt es sich um 2 bis 10 nm große Halbleiter-NP. Sie besitzen besondere optische Eigenschaften, die abhängig von der Größe, der Form und der Zusammensetzung der Partikel sind. Dadurch sind sie u. a. für die Farbumsetzung von LEDs und Laser interessant. Auch in medizinischer Hinsicht können sie Anwendung als Fluoreszenzmarkierung in vitro und in vivo finden, denn sie besitzen viele Vorteile gegenüber herkömmlichen organischen Fluorophoren. Ihr größter Nachteil ist jedoch, dass sie häufig auf Schwermetallen, wie Cadmium, basieren. Durch den Austritt von Cd2+-Ionen können zytotoxische Effekte auftreten. Dies kann entweder durch eine Polymerbeschichtung oder durch eine Beschichtung der QDs mit einem Material mit einer größeren Bandlücke, wie ZnS, verhindert werden.
In dieser Arbeit sollten QDs als Fluoreszenzmarkierung dienen, um die Aufnahme und Verteilung des Oligosaccharids Lacto-N-tetraose (LNT) in Nervenzellen zu untersuchen. Oligosaccharide, auch LNT, kommen in der menschlichen Muttermilch vor. Bei diesen wird vermutet, dass sie einen Einfluss auf die Gehirnentwicklung von Säuglingen haben könnten.[1]
Um einen möglichen Einfluss von LNT auf Nervenzellen nachzuweisen, wurde es an CdTe/ZnS-QDs gebunden. CdTe-QDs wurden zunächst in einem wässrigen Medium mittels einer Mikrowellen-unterstützten Synthese hergestellt und anschließend mit einer ZnS-Schale passiviert um den Austritt von Cd2+-Ionen zu verhindern. Daraufhin wurden die CdTe/ZnS-QDs mit LNT funktionalisiert.
Als in vitro-Modell für neuronale Zellen wurden humane SH-SY5Y-Zellen verwendet. Es erfolgte zunächst die Untersuchung der Zytotoxizität von den funktionalisierten und unfunktionalisierten Partikeln als Kontrolle. Darüber hinaus wurden erste Untersuchungen zur Aufnahme der QDs in die Zellen durchgeführt.

[1] C. Kunz, S. Rudloff, W. Baier, N. Klein, S. Strobel, Annu. Rev. Nutr. 20 (2000) 699-722.
Frau Dr. rer. nat. Anne Sophie Schulze
Gefahrstofflaboratorien Chemie und Physik, Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin, Justus-Liebig-Universität, Aulweg 129, 35392 Gießen
Präferenz und Qualität von Biomonitoringlaboratorien in Deutschland (Thomas Göen, Barbara Schaller, Hans Drexler)
Kurzfassung:
In Deutschland hat der Einsatz des Biomonitorings in der Arbeitsmedizin eine lange Tradition. In den letzten Jahren wurde die Motivation zur Durchführung des Biomonitorings mit der Veröffentlichung der ArbMedVV, der AMR 6.2 und der Arbeitsmedizinischen Leitlinie Biomonitoring weiter erhöht. Für ein im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge durchzuführendes Biomonitoring stellt sich die Frage nach dem Parameterangebot in leistungsfähigen Laboratorien. Um die Qualität der Biomonitoringuntersuchungen zu sichern, wurde bereits 1982 von der DGA(U)M ein entsprechendes Ringversuchsprogramm (GEQUAS) initiiert. In der aktuellen Studie wurde das Spektrum an Parametern, welche von deutschen Laboratorien im GEQUAS-Angebot genutzt werden, sowie die diesbezüglichen Ergebnisse analysiert.
In die Auswertung wurden die Teilnehmerzahlen des aktuellen GEQUAS-Ringversuches (RV61) herangezogen. Dazu wurden die Teilnahmeraten deutscher Laboratorien an den verschiedenen angebotenen Stoffgruppen (Metalle in Blut, Urin und Plasma; flüchtige Lösemittel in Blut und Urin; Metaboliten organischer Arbeitsstoffe in Urin (MOA); Amine und phenolische Metaboliten in Urin (Ph&A); Merkaptursäuren in Urin (MAU); persistente Organohalogenverbindungen in Serum (POV); Hb-Addukte) ausgewertet. Darüber hinaus wurden exemplarisch die Erfolgsquoten für die Parameter Blei in Blut (Pb), Zink in Plasma (Zn), Nickel (Ni), Methylhippursäuren (MHA), o-Kresol (oC), Methanol (MeOH) in Urin ermittelt.
Insgesamt nahmen 47 deutsche Laboratorien am RV61 teil. Die Parametergruppen, die von ihnen am häufigsten genutzt wurden, waren Metalle in Blut (24) und Urin (28) sowie Lösemittel in Urin (27). Mit deutlichem Abstand folgen die Parametergruppen MOA (17), Ph&A (17), Metalle in Plasma (16) und Aromaten in Blut (15). Sehr geringe deutsche Teilnehmerzahlen ergaben sich für CKW in Blut (9), MAU (8), POV (7), Aromaten in Urin (6) und Hb-Addukte (4). Die Erfolgsquoten für die ausgewählten Parameter waren mit 67% (MHA), 78% (Pb), 83% (MeOH), 88% (Ni) und 92% (Zn und oC) überdurchschnittlich hoch.
Trotz der Bemühungen, den Einsatz des Biomonitoring in der arbeitsmedizinischen Praxis zu forcieren, ist die Abdeckung Deutschlands mit Laboratorien, die ein qualitätsgesichertes Biomonitoring anbieten können, für bestimmte Arbeitsstoffe weiterhin sehr gering. Unklar ist, ob dies auf eine geringe Nachfrage aus der arbeitsmedizinischen Praxis beruht oder aus einer privatwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Abwägung resultiert.
Herr Prof. Dr. rer. nat. Thomas Göen
Universität Erlangen-Nürnberg
Instabile und stabile Lagerungsbedingungen von Urinproben zur Bestimmung von Selenozucker 1 (Jörg Hildebrand, Annette Greiner, Thomas Göen, Hans Drexler)
Kurzfassung:
Zielsetzung
Im Rahmen einer arbeitsmedizinischen Studie hat sich die Konzentration des Selenozuckers (SeSug) 1 im Urin als vielversprechender Parameter für das biologische Belastungsmonitoring dargestellt. Allerdings ist bei der Bestimmung derartiger Metallspezies immer sicherzustellen, dass keine Umwandlung zwischen den Spezies erfolgt. Darüber hinaus veranlassten Hinweise aus der Literatur (Juresa 2006) uns dazu, die Stabilität des Parameters unter verschiedenen Lagerbedingungen zu überprüfen sowie mögliche Zerfallsprodukte zu identifizieren.

Methoden
Ausgehend von drei Einzelurinen wurden Proben sowohl unbehandelt als auch unter Zugabe verschiedener Mengen Natriumazid (NaN3) gekühlt bei 4°C sowie eingefroren bei -20°C gelagert. Die Kontrollmessungen fanden zunächst in den ersten Tagen und anschließend in längeren Intervallen (bis zu 4 Wochen) statt. Zur Quantifizierung von SeSug 1 sowie weiterer Selenspezies wurde eine Kopplung aus ICP-MS und HPLC-Trennverfahren eingesetzt.

Ergebnisse
Die Bildung einer neuen Selenspezies, die als Methylselenige Säure (MeSeA) identifiziert wurde, ist bei allen Urinproben bereits nach Tagen quantifizierbar. Gleichzeitig wurde ein Abfall von SeSug1 in den Proben festgestellt. Die entstandene Menge an MeSeA war von den Lagerungsbedingungen abhängig und bei 4°C gekühlten und unbehandelten Proben am größten, während MeSeA bei -20°C gelagerten und mit den größten Mengen NaN3 dotierten Urinproben nur im Spurenbereich detektiert wurde.

Schlussfolgerungen
Die gewonnenen Daten deuten darauf hin, dass es sich bei MeSeA um ein Abbauprodukt von SeSug1 handelt. Die bakterizide Wirkung von NaN3 trägt zur Stabilisierung von SeSug1 bei. Zur adäquaten Messung von SeSug1 wird daher ein Zusatz von NaN3 bei der Probennahme empfohlen. Für nicht adäquat oder länger gelagerte Proben könnte möglicherweise ein Summenparameter aus SeSug1 und MeSeA als Marker verwendet werden.
Herr Jörg Hildebrand
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Bestimmung von Merkaptursäuren des Isoprens in Humanurin (Elisabeth Eckert, Jana Diedrich, Thomas Göen)
Kurzfassung:
Einleitung
Das Monomer Isopren ist als Industriechemikalie zur Herstellung von synthetischem Kautschuk (weltweite Produktionsmenge 1,3 Mio. t pro Jahr) von großer Bedeutung. Zudem liegt die Substanz endogen vor, da Isopren im humanen Stoffwechsel vermutlich als Nebenprodukt des Cholesterinstoffwechsels gebildet wird. Isopren wurde von der DFG-Arbeitsstoffkommission als Kanzerogen der Kategorie 5 eingestuft und auch die IARC sieht Isopren als wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen an (Gruppe 2B). Daher besteht ein dringender Bedarf an Verfahren zur Expositionserfassung der Isopren-Belastung am Arbeitsplatz sowie in der Allgemeinbevölkerung. Aufgrund der strukturellen Ähnlichkeit zu 1,3-Butadien wird eine Metabolisierung von Isopren zu Merkaptursäuren (MA) angenommen, die für ein Humanbiomonitoring geeignet sein dürften.
Methoden
Basierend auf den Erfahrungen mit 1,3-Butadien wurden die vier potentiellen MA 2-Hydroxy-2-methyl-3-butenyl-MA (2,2-HMBMA), 2-Hydroxy-3-methyl-3-butenyl-MA (2,3-HMBMA), 3,4-Dihydroxy-2-methylbutyl-MA (2-DMBMA) sowie 3,4-Dihydroxy-3-methylbutyl-MA (3-DMBMA) synthetisiert, die als spezifische Isopren-Metabolite im humanen Stoffwechsel gebildet werden könnten. Die Bestimmung erfolgte in Humanurin nach online-Anreicherung mittels LC-MS/MS. Die ermittelten Nachweis­grenzen lagen im Bereich von 1,8 (2,2-HMBMA) bis 11,5 µg/L (3-DMBMA).
Ergebnisse
Bei der Anwendung des Verfahrens auf 20 Urinproben der Allgemeinbevölkerung (10 Raucher, 10 Nichtraucher) waren die beiden Dihydroxy-MA (2-DMBMA und 3-DMBMA) in keiner der Proben nachweisbar. Die Merkaptursäure 2,2-HMBMA konnte dagegen in 55 % der Proben und 2,3-HMBMA in 40 % der Proben nachgewiesen werden. Die ermittelten Gehalte lagen aber mit einem Median von 2,8 µg/L für 2,2-HMBMA bzw. 8,5 µg/L für 2,3-HMBMA nur knapp über der ermittelten jeweiligen Nachweisgrenze. Ein signifikanter Unterschied zwischen Rauchern und Nichtrauchern war nicht feststellbar.
Schlussfolgerung
Es liegt erstmals ein analytisches Verfahren vor, mit dem potentielle Merkaptursäuren des kanzerogenen Arbeitsstoffes Isopren im menschlichen Urin bestimmt werden können. Die Anwendung des Verfahrens auf Urinproben der Allgemeinbevölkerung zeigte recht geringe Hintergrundwerte an. Für weitere Studien sollten deshalb die Nachweisgrenzen weiter gesenkt werden und eine Überprüfung der Validität der Biomarker an einem beruflich belasteten Kollektiv erfolgen.
Frau Dr. Elisabeth Eckert
Universität Erlangen-Nürnberg
Entwicklung eines LC-MS/MS-Verfahrens zur Bestimmung von Thiodiessigsäure im Urin als Biomarker für Vinylchlorid und Ergebnisse einer Stichprobenuntersuchung zur Hintergrundbelastung (Thomas Jäger, Sandra Bäcker, Michael Bader)
Kurzfassung:
Einleitung
Vinylchlorid (VC) wird in der chemischen Industrie zur Herstellung von Polymeren eingesetzt. Im Jahr 2018 wurde der Arbeitsplatzgrenzwert für VC von 3 ppm auf 1 ppm abgesenkt. Thiodiessigsäure (TDAA) ist neben 2-Hydroxyethylmerkaptursäure ein Metabolit des VC, der aber auch aus anderen Arbeits- und Arzneistoffen gebildet wird. Die DFG-Arbeitsgruppe „Analysen in biologischem Material“ hat 1982 ein GC-MS-Verfahren für die Bestimmung von TDAA im Urin publiziert, das eine Derivatisierung mit dem als Kanzerogen der Kategorie 1B (CLP) eingestuften und laborseitig selbst zu synthetisierenden Diazomethan vorsieht. Das Ziel dieser Arbeit war die Entwicklung einer analytischen Methode zur Bestimmung von TDAA im Urin ohne Derivatisierung sowie die Analyse von Spontanurinproben von Personen ohne beruflichen Umgang mit VC.
Material und Methoden
Zur quantitativen Bestimmung von TDAA in Urin wurde ein Verfahren auf Basis der Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS) entwickelt. Der Einsatz eines isotopenmarkierten internen Standards ermöglicht die direkte Messung der Proben nach Verdünnung. Mit diesem Verfahren wurden 50 Spontanurinproben von Personen ohne beruflichen Umgang mit VC untersucht (62 % Männer, 38 % Frauen).
Ergebnisse
Die Bestimmungsgrenze (BG) der analytischen Methode wurde gemäß DIN 32645 ermittelt und liegt bei 0,09 mg/L (Nachweisgrenze 0,03 mg/L). Die Präzision in der Serie und von Tag zu Tag beträgt für dotierte Urinproben (c = 0,2 – 10 mg/L) 2,6 – 5,8 % bzw. 2,7 – 6,5 %. Die relative Wiederfindung liegt bei 96,0 ± 10,9 % für die niedrige Konzentration (0,2 mg/L) und bei 99,2 ± 2,6 % für die hohe Konzentration (10 mg/L). TDAA wurde in 88 % der untersuchten Proben gefunden, der Median beträgt 0,21 mg/L (Bereich: < BG – 0,84 mg/L; 95. Perzentil: 0,41 mg/L) bzw. 0,20 mg/g Kreatinin (Bereich: <BG – 0,50 mg/g Kreatinin; 95. Perzentil: 0,43 mg/g Kreatinin). Alle Ergebnisse liegen deutlich unterhalb des Biologischen Arbeitsstoff-Referenzwertes von 1,5 mg TDAA/L Urin.
Schlussfolgerung
Das aufwändige und aus Arbeits- und Gesundheitsschutzaspekten ungünstige Verfahren zur Bestimmung der TDAA im Urin mit einer Diazomethan-Derivatisierung konnte durch das neu etablierte LC-MS/MS-Verfahren ersetzt werden. Die Methode ermöglicht die einfache und sensitive Bestimmung von TDAA im Urin sowohl im umweltbedingten als auch im arbeitsmedizinisch relevanten Konzentrationsbereich.
Herr Thomas Jäger
Human Biomonitoring bei Einsatzkräften nach einem Unfallereignis mit Gefahrstoffaustritt (Sandra Bäcker, Michael Bader, Thomas Jäger, Gert Van Bortel, Stefan Webendörfer, Christoph Oberlinner, Stefan Lang)
Kurzfassung:
Einleitung: Human-Biomonitoring (HBM) ist ein geeignetes Instrument zur Messung und Bewertung von Gefahrstoffexpositionen im Rahmen von kurzfristigen Belastungen oder unfallartigen Ereignissen. Obgleich es derzeit keine toxikologisch begründeten Beurteilungswerte für diese Fälle gibt, erlaubt der Vergleich mit arbeitsmedizinisch etablierten Grenz- und Vergleichswerten eine Abschätzung der Gefahrstoffaufnahme, die Identifizierung besonders expositionsgefährdeter Tätigkeiten sowie eine belastbare Risikokommunikation.

Methode: An zwei Produktionsstandorten der chemischen Industrie wurde ein standardisiertes HBM-Programm für Einsatzkräfte etabliert. Wesentliche Bestandteile des Programms sind eine Auswahlliste mit HBM-geeigneten Gefahrstoffen, ein optimierter Fragebogen und eine im Vorfeld festgelegte Probenahme- und Probentransportkette. Im Jahr 2016 wurde das Programm nach einem Großschadensfall in der Praxis umgesetzt. Dabei wurden Urinproben von Einsatzkräften der Werkfeuerwehr, externen Rettungskräften sowie von Firmenmitarbeitern gesammelt. In den Proben wurden Biomarker einer Exposition gegenüber Benzol, Toluol und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAKs) bestimmt.

Ergebnisse: Die HBM-Ergebnisse für Benzol lagen weitgehend im Bereich der allgemeinen Hintergrundbelastung, jedoch wiesen die Nichtraucher leicht erhöhte Konzentrationen bis in den typischen Raucherbereich hinein auf. Eine signifikante Exposition gegenüber Benzol (> 25 µg S-Phenylmercaptursäure/g Kreatinin) wurde nur in Einzelfällen bei den Feuerwehrkräften beobachtet. Dabei waren Proben, die nach der Brandwache gesammelt wurden, im Mittel höher belastet als Proben unmittelbar nach der Brandbekämpfung. Die Ergebnisse für den Toluol-Biomarker ortho-Kresol waren unauffällig. Entgegen häufigen Berichten über einen Anstieg der PAK-Belastung nach Feuerwehreinsätzen wurde kein erhöhter Wert des Biomarkers 1-Hydroxypyren festgestellt. Dieses Ergebnis ist aufgrund der nahezu vertikalen Rauchausbreitung im Brandverlauf plausibel.

Fazit: Einsatzkräfte der Feuerwehr sind in der Regel gut vor einer erhöhten Exposition gegenüber Brandgasen und Chemikalien geschützt. Die Aufdeckung unerwarteter Expositionen (hier: nach Brandwache) mit Hilfe des HBM kann bei künftigen Einsätzen zur Optimierung der Schutzmaßnahmen beitragen. Die Durchführung eines HBM nach Großschadensfällen setzt jedoch eine entsprechende Vorausplanung und Etablierung einfacher Ablaufprozesse voraus.
Frau Dr. Sandra Bäcker
BASF SE
Trichloressigsäure im Urin: Pilotstudie zur Hintergrundbelastung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (Liliane Fuhrländer, Nina Baranowski, Chris-Elmo Ziener)
Kurzfassung:
Zielstellung: Trichloressigsäure (TCA) ist ein Metabolit von Trichlorethen (TRI) und wird als Biomarker für die TRI-Exposition Beschäftigter verwendet. Der zur Feststellung einer berufsbedingten TRI-Exposition herangezogene Biologische Arbeitsstoff-Referenzwert (BAR) beruht auf einer Studie aus dem Jahr 1986 und beträgt 70 µg TCA/L Urin. Aufgrund von veränderten Umwelt- und Ernährungsbedingungen und des rückläufigen Einsatzes von TRI in der Industrie soll überprüft werden, ob diese Hintergrundkonzentration von TCA im Urin der Bevölkerung noch aktuell ist.

Methode: An der nicht repräsentativen Studie nahmen 21 Personen im erwerbsfähigen Alter teil. Mittels eines Fragebogens wurde eine berufsbedingte Exposition gegenüber chlorierten Lösungsmitteln ausgeschlossen und eine mögliche private Exposition der Untersuchten gegenüber chlorierten Verbindungen erfasst. Um regionale Einflüsse, z. B. die Luft- und Trinkwasserqualität, zu berücksichtigen, wurden Personen aus zwei Regionen Deutschlands (NRW und Berlin/Brandenburg) untersucht. Basierend auf der SPME-GC/MS-Technik wurde ein analytisches Verfahren entwickelt, mit dem die erwarteten TCA-Konzentrationen in den Urinproben bestimmt werden konnten. Die Ergebnisse wurden mit den Messwerten verglichen, die als Grundlage für die Ermittlung des BAR dienten. Als Maß für die Urinverdünnung wurde die Kreatininkonzentration β der Urinproben bestimmt (0,3 g/L ≤ βsoll ≤ 3,0 g/L).

Ergebnisse: Das entwickelte Analyseverfahren erfasst TCA im Urin mit einer Bestimmungsgrenze von 0,04 µg/L. Zwei der 21 Proben wurden aufgrund ihres niedrigen Kreatiningehalts (β < 0,3 g/L) nicht zur Auswertung herangezogen. Die gemessenen TCA-Konzentrationen im Urin der untersuchten Personen lagen im Bereich von < 0,04–3,2 µg/L (N = 19; GM: 0,1 µg/L; 95. Perzentil: 1,3 µg/L). Im Vergleich dazu lagen die TCA-Konzentrationen, die 1986 in der Referenzstudie im Urin von Personen aus NRW gemessen wurden, zwischen 0,9 µg/L und 209,1 µg/L (N = 94; GM: 6,4 µg/L; 95. Perzentil: 64,5 µg/L).

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse der Pilotstudie geben Hinweise auf eine deutlich rückläufige Belastung der Bevölkerung mit TCA. Eine Überprüfung der Daten von 1986 an einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe ist deshalb gerechtfertigt. Eine aktuelle TCA-Hintergrundkonzentration, die deutlich unter dem BAR läge, hätte zur Folge, dass die Belastung von Beschäftigten, deren TCA-Konzentration im Urin aufgrund einer TRI-Exposition untersucht wird, unterschätzt würde.
Frau Liliane Fuhrländer
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Vorgehen bei Verdacht auf Schadstoffbelastungen an Schulen – Prozesshilfe für rheinlandpfälzische Schulen (Jonas Dassow, Klaus Schöne, Dirk-Matthias Rose, Stephan Letzel)
Kurzfassung:
Einleitung
Der Umgang mit einer aufkommenden Schadstoffproblematik ist für Schulen keine Alltagssituation. Oftmals fehlt der Schulleitung, aber auch dem Schulträger, die Fachkompetenz und Erfahrung bei der Bewältigung solcher Ausnahmezustände. In der Regel wird schnell reagiert, Messungen veranlasst – jedoch z. T. ohne einen durchdachten Aktionsplan.
In diesem Beitrag soll ein neu entwickelter / abgestimmter Prozessablauf vorgestellt werden.

Methode
Das IfL hat in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium RLP, der Unfallkasse RLP, der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) und Schulträgern einen strukturierten Prozess entwickelt, um künftig betroffenen Schulen von Anfang an eine zielgerichtete Handlungsoption aufzuzeigen. Diese Prozesshilfe soll der Schulleitung dabei helfen, die gesamten Herausforderungen systematisch und unter Beteiligung aller Entscheider und Interessensgruppen zu bewältigen.

Ergebnisse
Die Prozesshilfe soll rheinlandpfälzische Schulen aufzeigen, dass sie sich bei einem Verdacht auf Schadstoffbelastung im Schulgebäude, an die im Prozess genannten Institutionen, je nach Zuständigkeitsbereich, wenden sollten. Nach Kontaktaufnahme durch z. B. die Schulleitung, führen die genannten Institutionen eine verpflichtende Absprache untereinander durch. Erhärtet sich der Verdacht oder lässt sich dieser nicht ausschließen, folgt ein Beratungs- und Begehungstermin mit der Schule, an dem alle involvierten Institutionen teilnehmen. Weitere Prozessschritte sind u. a.: Bewertung aller erlangten Informationen, Vereinbarung des weiteren Vorgehens, Maßnahmendefinierung sowie Informationsveranstaltungen.
Die Erfahrungen des IfL zeigen, dass allein der bloße Verdacht auf eine mögliche Schadstoffbelastung im Schulgebäude zu einer Verunsicherung der Schulgemeinschaft führen und eine große Belastung für alle Beteiligten darstellen kann.

Schlussfolgerung
Getroffene Maßnahmen, die sich schlussendlich als nicht zielführend bzw. problemlösend herausstellen, können die bereits bestehende Komplexität der Problematik zusätzlich erhöhen. Dazu zählen z. B. analytische Messverfahren, deren Ergebnisse aus medizinischer Sicht nicht bewertbar sind. Verunsicherung führt zu steigender Emotionalität, wodurch sich der Druck auf die Schulleitung erhöhen kann. Ein zusätzliches Ziel ist u. a. Kosten vermeidbarer Schadstoffmessungen einzusparen. Die frühzeitige Einbindung von Fachkompetenz soll Schulen helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Herr Jonas Dassow
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Institut für Lehrergesundheit am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
Erfassung der potenziellen dermalen Belastung beim Versprühen und Verschäumen von Bioziden (Anja Schäferhenrich, Monika Krug, Urs Schlüter, Katharina Blümlein, Katharina Schwarz, Hans Drexler, Thomas Göen)
Kurzfassung:
Biozidprodukte müssen entsprechend der Verordnung (EU) Nr. 528/2012 zugelassen werden. Dabei kann für Produkte, die zur Desinfektion eingesetzt werden, die Ausbringung per Sprüh- oder Schaumanwendung beantragt werden. Sowohl beim Versprühen als auch beim Verschäumen ist von einer dermalen Belastung der Anwender auszugehen. Bislang standen jedoch keine detaillierten Informationen über die Expositionssituation und die daraus resultierende Belastung der Biozidanwender zur Verfügung.
Ziel der Arbeit war die Erfassung der potenziellen Hautbelastung von Beschäftigten beim Ausbringen von Desinfektionsmitteln, die quartäre Ammoniumverbindungen (QAV) enthalten. Dabei wurden kleinflächige und großflächige Desinfektionsmaßnahmen beprobt, wobei unterschiedliche Produkte, Produktmengen und Geräte zum Einsatz kamen.
Overalls aus Polyethylen und Handschuhe aus Baumwolle wurden zur repräsentativen Erfassung der dermalen Belastung genutzt. Bislang liegen Daten zu sieben Anwendungsszenarien vor, wobei die Desinfektionsmittel jeweils versprüht und verschäumt wurden (n=14).
Bei der Desinfektion kleiner Flächen mit Handsprüh- und Handschaumgeräten (n=6) wurde weniger Wirkstoff ausgebracht als bei der Desinfektion großer Flächen mit Standgeräten (n=8). Im Gegensatz dazu lag die absolute QAV-Belastung der Hände nach Applikation mit Handsprüh- und Handschaumgeräten deutlich über der Belastung nach Applikation mit Standgeräten. Die absolute QAV-Belastung der Overalls bei der Desinfektion kleiner und großer Flächen war vergleichbar. Auf die ausgebrachte Wirkstoffmenge bezogen lag die QAV-Belastung nach der Desinfektion mit Handsprüh- und Handschaumgeräten auf den Handschuhen und auf den Overalls deutlich über der Belastung nach der Desinfektion mit Standgeräten.
Die hohe Belastung bei der Desinfektion kleiner Flächen mit Handsprüh- und Handschaumgeräten dürfte vor allem auf das händische Nachwischen zurückzuführen sein, das bei den großflächigen Anwendungen entfällt.
Es wurden erstmalig vergleichende Daten zur potenziellen dermalen Belastung beim Versprühen und Verschäumen von Biozidprodukten erhoben, die zeigen, dass es je nach Anwendungsszenario zu deutlichen Unterschieden in der potenziellen dermalen Belastung kommt.
Die Studie wird von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin finanziell gefördert (Projekt F2366).
Frau Dr. Anja Schäferhenrich
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Oxidativer Phase I Metabolismus des Kunststoffadditivs Tinuvin 328 im humanmikrosomalen in vitro Modell (Heike Denghel, Edgar Leibold, Thomas Göen)
Kurzfassung:
Zielsetzung: Bei Tinuvin 328 (2-(2H-Benzotriazol-2-yl)-4,6-di-tert-pentylphenol) handelt es sich um einen UV-Absorber, der in Kunststoffen und Lacken eingesetzt wird, um die physikalischen Eigenschaften des Trägermaterials vor schädlichen Umwelteinflüssen zu schützen. Jedoch liegen für diese Substanz nur wenige Daten zu humaner Exposition, Metabolismus und Kinetik in Blut und Urin vor. Zur Aufklärung des menschlichen Stoffwechsels wurden Inkubationsversuche mit humanen Lebermikrosomen durchgeführt. Oxidative Phase I- Metabolite wurden qualitativ abgeleitet und die entsprechenden Referenzsubstanzen synthetisiert. Anschließend wurde die Bildung der postulieren Metabolite im in vitro Modell quantitativ untersucht, um deren Relevanz als Human-Metabolite abzuschätzen.

Methode: Humane Lebermikrosomen wurden mit Tinuvin 328 in phosphatgepufferter Lösung bei 37 °C präinkubiert. Anschließend wurden enzymatische Umsetzungen durch die Zugabe eines NADPH- generierenden Systems initiiert. Oxidative Reaktionen wurden zu definierten Endpunkten zwischen 0 und 24 Stunden durch eiskaltes Acetonitril abgebrochen. Nach Zusatz eines Extraktionsstandards wurde die organische Phase mit übersättigter Natriumchlorid-Lösung ausgesalzen und anschließend mittels LC-ESI-MS/MS vermessen.

Ergebnisse: Ein erstes Screening lieferte Hinweise auf die Bildung von Metaboliten mit Hydroxy- (OH) und/ oder Oxo-Funktion (CO) im in vitro Assay. Entsprechend wurden die Referenzsubstanzen für Tinuvin 328-Benzotriazol-OH (I), Tinuvin 328-4/3-OH (II), Tinuvin 328-6/3-OH (III), Tinuvin 328-4/3-CO (IV), Tinuvin 328-6/3-CO (V) und Tinuvin 328-4/3-CO-6/3-OH (VI) synthetisiert. Die anschließende Verifizierung und quantitative Untersuchung der Analyte ergab, dass Metabolit (III) am stärksten ausgebildet wurde, gefolgt von (II) und (VI). Für (IV) und (V) wurden deutlich geringere Konzentrationen gemessen. (I) wurde im in vitro Assay nicht detektiert.

Schlussfolgerungen: Das in vitro Modell weist auf die enzymatische, überwiegend CYP-basierte Umsetzung von Tinuvin 328 im menschlichen Phase I- Stoffwechsel hin. Fünf der sechs postulierten möglichen oxidativen Phase I- Humanmetaboliten wurden im mikrosomalen Ansatz gefunden, wobei (III), (II) und (VI) als relevanteste Parameter erscheinen. Zur weiteren Aufklärung des Metabolismus wird eine Verifizierung der Ergebnisse in vivo benötigt, wobei mögliche Phase II- Reaktionen für die renale Ausscheidung berücksichtigt werden müssen.
Frau Heike Denghel
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial und Umweltmedizin Universität Erlangen - Nürnberg
Die humantoxikologische Informationszentrale der BASF (Michael Conzelmann, Heinz Busch, Stephanie Dobsa, Christoph Oberlinner)
Kurzfassung:
Potentielle Gesundheitsgefährdungen durch Stoffe und Produkte müssen in einem chemischen Großunternehmen sorgfältig überwacht werden. Es besteht insbesondere die Verpflichtung, auf eine unbeabsichtigte Freisetzung von Stoffen optimal vorbereitet zu sein um zeitnah und kompetent reagieren zu können.
Die humantoxikologische Informationszentrale (HI) der BASF ist zuständig für weltweite, interne und externe Anfragen zu Gesundheitsstörungen beim Menschen im Umgang mit chemischen Stoffen und Produkten und berät zu medizinischen Maßnahmen nach deren Einwirkung. Die medizinische und humantoxikologische Expertise der Einheit wird durch die enge interdisziplinäre Vernetzung mit den Kollegen des Human-Biomonitorings, der Industrial Hygiene sowie der Epidemiologie komplettiert. Diese Organisationsstruktur garantiert die sachkundige, qualifizierte und zeitnahe Beratung zu möglichen Gesundheitsstörungen beim Umgang mit den chemischen Stoffen und Produkten der BASF.
Bei Anfragen hat die HI Zugriff auf eine umfangreiche Dokumentation von produktspezifischen, toxikologischen und medizinischen Unterlagen (Sicherheitsdatenblätter, toxikologische Fallberichte, eigene Ambulanzfälle, Studien, Bibliothek mit Fachliteratur u.a.). Für behördliche Meldungen und Registrierungen von Substanzen werden Studien und Berichte über Erfahrungen am Menschen und Behandlungsempfehlungen nach Einwirkung zusammengestellt. Ebenso berät die Einheit Fachstellen der BASF bei der Erstellung der Erste-Hilfe-Maßnahmen in den Sicherheitsdatenblättern.
Für 42 chemische Stoffe existieren ausführliche „BASF Chemical Emergency Medical Guidelines“, die allen Standorten, aber auch über das Internet jedermann kostenfrei zur Verfügung stehen. Im Rahmen des Störfallmanagements der BASF koordiniert die Einheit zudem die Organisation und den Ablauf des humantoxikologischen Bereitschaftsdienstes der Abteilung Corporate Health Management, durch den eine schnelle Information und Beratung bei Emissions- bzw. Schadensereignissen rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr gewährleistet wird.
Im Fokus der humantoxikologische Informationszentrale steht die zeitnahe Information und kompetente Beratung zu möglichen Gesundheitsstörungen beim Umgang mit chemischen Stoffen und Produkten der BASF. Die Organisationstruktur der Einheit garantiert eine gezielte, Beratung und Empfehlungen von medizinischen Maßnahmen nach Chemikalien-Einwirkung sowie eine schnelle und fundierte medizinische Information bei Emissionsereignissen.
Herr Dr. med. Michael Conzelmann
BASF SE Corporate Health Management Ludwigshafen am Rhein
Trichlorethen-Belastung von Bystandern im Asphaltlabor – Ein Fallbericht (Chris-Elmo Ziener, Susann Wothe, Nina Baranowski, Peter Kujath)
Kurzfassung:
Zielstellung: Die Verwendung von Trichlorethen (TRI), ein 1B-Karzinogen, ist gemäß Anhang XIV der REACH-Verordnung zulassungspflichtig. Im August 2018 wurde, auf Antrag der Industrie, TRI für die Extraktion von Bitumen in der Asphaltanalyse zugelassen. Für die erwartete Überprüfung der Zulassung soll die – vom Antragsteller unabhängige – Datengrundlage verbessert werden. Aufgrund der hohen Flüchtigkeit von TRI ist auch mit einer Exposition von Bystandern zu rechnen. Die vorliegende Untersuchung sollte durch Biomonitoring ermitteln, ob für diese Personengruppe eine arbeitsschutzrelevante TRI-Belastung bestehen kann.
Methode: In einem größeren Asphaltprüflabor, das TRI für die Bitumen-Extraktion einsetzt, wurde bei 5 Labor-Beschäftigten, die selbst keinen eigenen Umgang mit TRI hatten (Bystander), Biomonitoring hinsichtlich ihrer TRI-Belastung durchgeführt. Die Untersuchten arbeiteten in Räumen ohne TRI-Arbeiten in bis zu 25 m Entfernung zur TRI-Quelle. Das Biomonitoring bestand in der Bestimmung der Konzentration des TRI-Metaboliten Trichloressigsäure (TCA) im Spontanurin und von TRI in der endexspiratorischen Ausatemluft. Die Probenahmen erfolgten am 3. Arbeitstag der Woche zum Schichtende (Urin, Ausatemluft), am 4. Arbeitstag vor der Schicht (Ausatemluft) und nach der Schicht (Urin, Ausatemluft) sowie am 5. Arbeitstag und nach dem arbeitsfreien Wochenende jeweils vor der Schicht (Ausatemluft).
Ergebnisse: Am 3. Arbeitstag erreichten bzw. überschritten die TCA-Konzentrationen im Urin bei 3 der 5 Bystander (Bereich 0,024–0,78 mg/L; Median 0,070 mg/L) und am 4. Arbeitstag bei 4 der 5 Bystander (0,027–0,97 mg/L; 0,074 mg/L) den Biologischen Arbeitsstoff-Referenzwert von 0,07 mg/L. Die TRI-Konzentration in der Ausatemluft nahm bei allen Untersuchten über die Schicht zu (4. Arbeitstag) und mit der arbeitsfreien Zeit ab (vom Schichtende 3. und 4. Arbeitstag zu Schichtbeginn am jeweiligen Folgetag); die geringsten Konzentrationen wurden nach dem arbeitsfreien Wochenende gemessen.
Schlussfolgerung: Bei der Verwendung von TRI zur Bitumenextraktion in der Asphaltanalyse können Bystander tätigkeitsbedingte TRI-Belastungen aufweisen – auch dann, wenn sie in von der TRI-Verwendung separierten Räumen arbeiten. Mögliche TRI-Expositionen von Bystandern in Asphaltlaboren sollten bei der Planung und Überprüfung des Arbeitsschutzes berücksichtigt werden. Biomonitoring kann in Asphaltlaboren zur Aufdeckung von Bystander-Expositionen beitragen.
Herr Chris-Elmo Ziener
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Naphthalin - Reizwirkung auf die Atemwege, bewertet durch chemosensorische Ratings und nicht-invasive Methoden (Kirsten Sucker, Wolfgang Zschiesche, Monika Raulf, Thomas Hummel, Dietmar Breuer, Dirk Pallapies, Jürgen Bünger, Thomas Brüning)
Kurzfassung:
Zielsetzung
In Deutschland wurde der Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) für Naphthalin im Jahr 2011 um den Faktor 100 auf 0,5 mg/m³ (0,1 ppm) gesenkt, basierend auf in Tierversuchen beobachteten irritativen und entzündlichen Effekten. Aussagekräftige Ergebnisse aus epidemiologischen Studien fehlten.

Methoden
2014 haben wir eine Querschnittstudie an Arbeitsplätzen in der Schleifmittelproduktion, in der Naphthalin die einzige relevante chemische Belastung darstellt, durchgeführt. Unter Verwendung eines Cross-Week-Designs wurden irritative und inflammatorische Effekte am Montag vor Schichtbeginn und am Donnerstag nach Schichtende erfasst. Dazu wurden chemosensorische Ratings und nicht-invasive Methoden verwendet, wobei zelluläre und lösliche Mediatoren in der Nasenspülflüssigkeit (NALF) und im induzierten Sputum (IS) untersucht wurden.

Ergebnisse
40 Naphthalin-exponierte Arbeiter wurden mit einer Referenzgruppe von 23 Arbeitern aus den gleichen Betrieben verglichen. Alle Teilnehmer waren gesund und Nichtraucher. Akute sensorische Reizwirkungen an Nase und Augen wurden nur bei der Handhabung von Naphthalin berichtet. Der Naphthalingeruch wurde als intensiv und unangenehm beschrieben. Gewöhnungseffekte wurden nicht beobachtet. Signifikante Unterschiede zwischen Naphthalin-exponierten Arbeitern und der Referenzgruppe wurden nicht gefunden. Ebenso konnten keine signifikanten Veränderungen in den oberen und unteren Atemwegen, erfasst mit Hilfe von NALF und IS-Analysen, im Verlauf der Arbeitswoche nachgewiesen werden.

Schlussfolgerung
Insgesamt zeigt das Muster der Ergebnisse, dass die Exposition gegenüber Naphthalin akute sensorische Reizeffekte, aber keine (sub-)chronischen Entzündungen in der Nasenhöhle oder in den Atemwegen verursacht. Auf Basis dieser Ergebnisse wurde ein neuer AGW von 2 mg/m³ (0,4 ppm) abgeleitet, der auch durch tierexperimentelle Daten gestützt wird. Kurzzeitig sind Überschreitungen um den Faktor 4 zulässig.