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Friday
09 Mär 2018
14:00 - 16:00

DGAUM/VDSI-Symposium

DGAUM/VDSI-Symposium: Konzentration der Kräfte! Wie die arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Betreuung in der Zukunft gestalten?

Moderation: Dr. Thomas Nesseler, HGF DGAUM, München

Uhrzeit Inhalt
14:00 Verleihung der Poster-Preise DGAUM 2018
(Prof. Dr. Hans Drexler, Präsident DGAUM, Erlangen; Prof. Dr. med. Peter Angerer, Tagungspräsident 2018, Düsseldorf)
14:20 Einführung I: Arbeitsschutz und betriebliche Gesundheitsförderung heute aus der Sicht der Arbeitsmedizin
(Prof. Dr. Hans Drexler, Präsident DGAUM, Erlangen)
14:30 Einführung II: Arbeitsschutz und betriebliche Gesundheitsförderung heute aus der Sicht der Arbeitssicherheit
(Prof. Dr. Rainer v. Kiparski, Vorsitzender VDSI)
14:40 Arbeitsschutz und betriebliche Gesundheitsförderung der Zukunft: Erwartungen und Aktivitäten der DGUV
(Dr. Walter Eichendorf, stv. HGF DGUV, St. Augustin)
14:50 Arbeitsschutz und betriebliche Gesundheitsförderung der Zukunft: Erwartungen und Aktivitäten des BMAS
(Rita Janning, Leiterin Referat III b 1, Arbeitsmedizin, Arbeitsschutzrecht, BMAS, Bonn)
15:00 Konzentration der Kräfte: Grundbetreuung und betriebsspezifische Betreuung neu gestalten?
(Prof. Dr. Arno Weber, Ressort Qualifizierung, Vorstand VDSI, Furtwangen)
15:10 Arbeitsschutz und betriebliche Gesundheitsförderung der Zukunft: Zwischen Kooperation, Delegation und Substitution arbeitsmedizinischer und sicherheitstechnischer Leistungen?
(Prof. Dr. Dipl.-Ing. Stephan Letzel, Vizepräsident DGAUM, Mainz; Vorsitzender des Ausschusses für Arbeitsmedizin (AfAMed) beim BMAS)
15:20 Diskussion mit dem Auditorium
15:50 Kongressverabschiedung: Übergabe Kongressschlüssel vom Tagungspräsidenten München 2018 an Tagungspräsidenten Erfurt 2019
(Prof. Dr. med. Hans Drexler, Prof.  Dr. med. Peter Angerer, Prof. Dr. Dipl.-Ing. Stephan Letzel)
16:00 Veranstaltungsende

Room: Hörsaal 3
Wednesday
07 Mär 2018
14:30 - 17:45

Kolloquium DGUV

Arbeitsmedizinisches Kolloquium DGUV

Das Arbeitsmedizinische Kolloquium 2018 wird von der DGUV durchgeführt. Es findet im Rahmen der 58. wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin statt, die in der Zeit vom 07. - 09. März 2018 im Hörsaalgebäude Großhadern des Klinikums der Universität München, Marchionistr. 15 ausgerichtet wird.

Die Teilnahme am Kolloquium ist kostenfrei.
 

Programm: VISION ZERO. Fehler sind nicht vermeidbar. Schwere Unfälle schon.
Uhrzeit Inhalt
14:30 Die Vision Zero (Dr. Walter Eichendorf)
14:55 Zahlen und Fakten zur Vision Zero (Dr. Stefan Gravemeyer)
15:15 Vision Zero in der Praxis - Unfälle (Helmut Ehnes)
15:40 Pause
16:00 Vision Zero in der Praxis – BK (Prof. Ernst Hallier)
16:25 Vision Zero in der Praxis – Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren (Prof. Stephan Brandenburg)
16:50 Vision Zero – ein Ziel – viele Wege. Round-Table-Gespräch mit Referenten und Auditorium. (Moderation: Prof. Thomas Brüning)
17:30 Schlusswort (Dr. Walter Eichendorf)

Room: Hörsaal 3
Die Vision Zero (Walter Eichendorf)
Abstract:
Nach der in der DGUV mit den BGen und UKen üblichen Definition ist Vision Zero die Vision einer Welt ohne Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen. Höchste Priorität hat dabei die Vermeidung tödlicher und schwerer Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten. Eine umfassende Präventionskultur hat die Vision Zero zum Ziel und genau das ist eine der Zielsetzungen der am 18. Oktober 2017 gestarteten Kampagne zur Kultur der Prävention unter dem Titel kommmitmensch.

Bereits 2008 hat die gesetzliche Unfallversicherung in Deutschland in ihrer Präventionsstrategie das Ziel verankert, Arbeits- und Lebenswelten so zu gestalten, dass niemand mehr getötet oder so schwer verletzt wird oder beruflich bedingt erkrankt, dass ein Schaden entsteht. Damit die Vision Zero aber eines Tages Wirklichkeit wird, muss die Präventionsarbeit immer wieder neu auf dieses Ziel ausgerichtet werden. Dieser breite und vernetzte Ansatz verlangt die Mitwirkung aller gesellschaftlichen Akteure.

Grundmaxime sind
  • Leben ist nicht verhandelbar!
  • Menschen machen Fehler
  • Toleranzgrenzen sind die körperlichen Belastungsgrenzen des Menschen
  • Menschen haben ein Grundrecht auf eine sichere Arbeitsumgebung
Wenn Leben nicht verhandelbar ist und Menschen Fehler machen, dann ist es ethisch nicht akzeptabel, für Fehler mit dem Tod oder schweren Verletzungen zu bezahlen.

Die Vision Zero ist ein strategischer, umfassender und qualitativer Ansatz,
• bei dem Ziele formuliert und vereinbart werden,
• der sich an Gefährdungen orientiert und
• bei dem alle Umstände der Entstehung von Unfällen bei der Arbeit und im Straßenverkehr, von Berufskrankheiten und von arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren betrachtet werden.

Das Ziel von Null Unfällen mag schwierig erscheinen, aber es ist das einzige ethisch richtige Ziel. Die Vision Zero bietet hierfür die Strategie. Tatsächlich gibt es etliche auch größere Betriebe, die durch erfolgreiche Umsetzung der Strategie das Ziel der Vision Zero bereits erreicht haben. Dies gilt (mit Blick auf tödliche Unfälle) auch für den Straßenverkehr wie die DEKRA auf ihrer Vision-Zero-Webseite darstellt: www.dekra-vision-zero.com/

Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit sind unter der Vision Zero Werte, die in den Unternehmen, in Organisationen und der Gesellschaft anerkannt und angestrebt werden – und genau das ist wiederum die Kernbotschaft der Kampagne kommmitmensch.

Herr Dr. Walter Eichendorf

Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung

Zahlen und Fakten zur Vision Zero (Stefan Gravemeyer)
Abstract:
Zur Umsetzung der Strategie Vision Zero über alle gewerblichen Berufsgenossenschaften und Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand hinweg ist eine Operationalisierung der Leitidee notwendig. Voraussetzung hierfür ist eine Identifizierung sowie Priorisierung der relevanten Schwerpunkte und Handlungsfelder, damit die vorhandenen Ressourcen der DGUV und ihrer Mitglieder für die Prävention wirksam und effizient eingesetzt werden. Diese trägerübergreifende Schwerpunktbildung soll die DGUV und ihre Mitglieder bei der Ableitung eigener operationaler Ziele im Präventionsbereich unterstützen und eine gemeinsame Handlungsbasis der gesetzlichen Unfallversicherung schaffen.
Neben dem Risikoobservatorium der DGUV mit seiner vorausschauenden Sicht auf kommende Entwicklungen, ist eine intensive Betrachtung und Analyse der historischen Entwicklung der Unfälle und Berufskrankheiten in der Arbeits- und Bildungswelt notwendig. Einen Beitrag hierzu leistet das Projekt „Schwerpunktsetzung nach den Kriterien der Vision Zero“ der DGUV.
Grundlage für die Vorgehensweise im Projekt sind statistische Auswertungen vorhandener Daten der DGUV in Kombination mit fachlicher Expertise und Erfahrungen aus den Reihen der Unfallversicherungsträger. Kernelemente sind ein statistisches Rangordnungsverfahren gefolgt von einem fachlichen Überprüfungs- und Entscheidungsprozess in Form von Expertenrunden. Kriterien, wie beispielsweise Zahl der Renten und Todesfälle, Gesamtkosten des Falles, Latenzzeit bis zur Ausbildung des Krankheitsbildes oder die mittlere Minderung der Erwerbsfähigkeit fließen in das Verfahren ein und erlauben eine Priorisierung auf objektiver Grundlage.

Herr Stefan Gravemeyer

Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV)

Vision Zero in der Praxis – Null Unfälle (Helmut Ehnes)
Abstract:
Jeder Mensch hat das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Allerdings belegen die dramatischen Bilanzen zur Situation im Straßenverkehr und aus der Arbeitswelt, dass wir weltweit noch immer weit davon entfernt sind, um diesem humanitären Anspruch in der Arbeitswelt gerecht zu werden. Ein neuer erfolgversprechender Ansatz ist die Präventionsstrategie „VISION ZERO“, die in diesem Vortrag vorgestellt wird. Die VISION ZERO hat das Ziel, eine Welt ohne Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen zu erreichen. Höchste Priorität hat dabei die Vermeidung von tödlichen und schweren Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten. Eine umfassende Präventionskultur hat die VISION ZERO zum Ziel.
Die Selbstverwaltung der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) beschloss 2014 die systematische Umsetzung der VISION ZERO-Strategie. Im Rahmen der zunächst auf 10 Jahre angelegten Initiative hat sich die BG RCI mit der VISION ZERO-Strategie sieben konkrete Ziele gesetzt, und zwar neben Qualitätszielen erstmalig auch quantitative Ziele, die bis 2024 durch gezielte Maßnahmen erreicht werden sollen:

Ziel 1: Senkung des Arbeitsunfallrisikos bis 2024 um 30 %
Ziel 2: Senkung der neuen Arbeitsunfall-Rentenfälle um 50 %
Ziel 3: Senkung der tödlichen Arbeitsunfälle um mindestens 50 %
Ziel 4: Senkung der Berufskrankheiten
Ziel 5: Erhöhung der Anzahl der unfallfreien Betriebe
Ziel 6: Engere Ausrichtung der Präventionsangebote am Bedarf
Ziel 7: Nutzung der Präventionsangebote steigern

Der VISION ZERO-Leitfaden der BG RCI, der sich vornehmlich an Unternehmer und Führungskräfte richtet, soll die 35.000 Mitgliedsunternehmen dabei unterstützen, die VISION ZERO Strategie in den Betrieben umzusetzen. Der Leitfaden definiert die 7 Erfolgsfaktoren, die für eine erfolgreiche Implementierung einer wirksamen Präventionskultur entscheidend sind:
Leben Sie Führung
  1. Gefahr erkannt – Gefahr gebannt
  2. Ziele definieren – Programm aufstellen
  3. Gut organisiert – mit System
  4. Maschinen, Technik, Anlagen – aber sicher
  5. Wissen schafft Sicherheit
  6. Motivieren durch Beteiligung
Zu jedem dieser „Erfolgsfaktoren“ enthält der Leitfaden eine kurze Einführung und eine Checkliste, in der Empfehlungen zusammengestellt sind, die sich in der Praxis als wirksam erwiesen haben. Damit lässt sich für das gesamte Unternehmen, aber auch für einzelne Verantwortungsbereiche feststellen, was im Betrieb bereits erfolgreich umgesetzt wird oder wo noch Verbesserungspotential besteht.

Die Internationale Vereinigung für soziale Sicherheit (IVSS) hat die VISION ZERO-Strategie und die 7 Erfolgsfaktoren der BG RCI, die international als 7 Goldene Regeln bezeichnet werden, inzwischen als globalen Ansatz für alle Branchen und alle Länder übernommen. Am 4. September 2017 startete die IVSS auf dem 21. Weltkongress für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit in Singapur die neue Initiative.

Im Rahmen des Vortrages werden konkrete Maßnahmen vorgestellt, die bei der BG RCI und bei der IVSS ergriffen werden, um insbesondere Arbeitsunfälle zu verhindern.

Herr Helmut Ehnes

Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI)

Vision Zero in der Praxis —Berufskrankheiten (Ernst Hallier)
Abstract:
Im Gegensatz zu den Arbeits- und Wegeunfällen handelt es sich bei den Berufskrankheiten um den Endpunkt oftmals langjähriger Einwirkungen am Arbeitsplatz und ebenso langjähriger pathogener Prozesse. Das Ziel einer Reduktion der Anzahl und der Schweregrade von Berufskrankheiten „gegen Null“ kann daher nur durch eine sorgfältige Beobachtung allmählicher Entwicklungen sowohl in der Arbeitswelt als auch im einzelnen Betrieb erreicht werden.
In den letzten Jahrzehnten sind Gefährdungen durch chemische Einwirkungen infolge des Strukturwandels in der Industrie, insbesondere aber auch durch präventive Maßnahmen am Arbeitsplatz, erheblich reduziert worden. Einige Berufskrankheiten, etwa durch Thallium (1106), Vanadium (1107), oder Benzochinon (1313) sind mittlerweile praktisch obsolet geworden. Andere Krankheiten, etwa durch aromatische Amine (1301), Benzol (1318) oder Asbestfaserstäube (4104, 4105) reflektieren aufgrund der erheblichen Latenzzeiten ehemalige Expositionsverhältnisse. Zu beachten ist allerdings die Entwicklung neuer Technologien (z.B. Nanomaterialien) deren Auswirkungen noch nicht hinreichend erforscht sind.
Insgesamt wird sich der Fokus des Arbeitsschutzes umorientieren müssen von großen Arbeitsbereichen mit gleichartigen Arbeitstätigkeiten zu den vielfältigen kleinen Bereichen und zu individuellen oder außergewöhnlichen Tätigkeiten, etwa in Kleinunternehmen und in Handwerksbetrieben. Aber auch in Großunternehmen gibt es individualisierte „exotische“ Arbeitsplätze und Tätigkeiten, deren Risiken weniger mit standardisieren Arbeitsschutz-Algorithmen als mit gut ausgebildeter „Vor-Ort-Expertise“ der Betriebsärzte und der Fachkräfte für Arbeitssicherheit kontrolliert werden können.
Die Individualisierung der Arbeitsplätze und Tätigkeiten stellt auch Herausforderungen an die arbeitsmedizinische Forschung. Mit den klassischen Methoden der Epidemiologie werden heterogene spezialisierte Tätigkeiten ebenso schwer zu erfassen sein wie individuelle und flexible Arbeitszeitmodelle, „home office“ und weltweite Mobilität. Hier sind verfeinerte Auswertungsverfahren und eine verstärkte Gewinnung von Erkenntnissen über die Pathogenese arbeitsbedingter Erkrankungen vonnöten.
In der Liste der Berufskrankheiten rücken „Verschleißkrankheiten“ des Stütz- und Bewegungsapparats auch demographiebedingt zunehmend in den Vordergrund. Da einige orthopädische Krankheitsbilder in der Allgemeinbevölkerung häufig vorliegen, war es in der Vergangenheit schwierig, die im BK-Recht erforderliche gruppentypische Abgrenzung vorzunehmen. Die Verfeinerung der diagnostischen und epidemiologischen Methodik und neue Erkenntnisse zur Pathophysiologie führen aktuell dazu, dass orthopädische Krankheitsbilder präzisiert werden und in die Liste der Berufskrankheiten Aufnahme finden, z.B. die Gonarthrose und das Karpaltunnelsyndrom (CTS).
Mit der Zunahme der Nacht- und Wochenendarbeit infolge der Expansion des Dienstleistungssektors, den wachsenden mentalen Anforderungen durch die Zunahme von Organisations- und Dokumentationsaufgaben und den in vielen Industrieländern (USA, Ostasien) zu beobachtenden Trend zu multiplen Beschäftigungen (Mehrfach-Jobs) rückt die psychische Überforderung bei der Arbeit immer mehr in den Vordergrund. Bislang sind Krankheiten der Psyche in der Liste der Berufskrankheiten noch nicht erfasst, da die Gruppentypik (Welche Berufsgruppen sind besonders gefährdet?) und die Abgrenzung der arbeitsbedingten (Überlastung, Streß, Mobbing, Bossing) von den außerberuflichen Einwirkungen (Beziehungsprobleme, finanzielle Sorgen) noch nicht gelungen ist. Neue Erkenntnisse der neurobiologischen und der psychomedizinischen Forschung werden in Zukunft auch in der Berufskrankheiten-Systematik ihren Niederschlag finden.
Zusammenfassend wird der Wandel der Arbeitswelt die Prävention von Berufskrankheiten vor neuen Herausforderungen stellen. Ein „Vision Zero“ kann nur erzielt werden, wenn der Fokus der Arbeitsmedizin und des technischen Arbeitsschutzes verstärkt auf die Heterogenität und Individualität der Arbeitsanforderungen und Belastungen gerichtet wird. Dazu bedarf es einer Verstärkung der fachlichen Kompetenz und Vor-Ort-Präsenz und einer Umsetzung der im Arbeitssicherheitsgesetz geforderten Erfassung und Auswertung der Ergebnisse der im Betrieb erfolgten Untersuchungen und Beobachtungen.

Herr Prof. Dr. med. Ernst Hallier

Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Universitätsmedizin Göttingen

Vision Zero in der Praxis – Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren (Stephan Brandenburg)
Abstract:
Mit der Einführung des SGB VII im Jahre 1996 wurde der Präventionsauftrag der gesetzlichen Unfallversicherung um die Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren erweitert. Die Abwehr arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren steht dabei gleichrangig neben der Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten.

Anders als bei den Begriffen Arbeitsunfall und Berufskrankheit definiert das Gesetz die arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren nicht näher. Es bedarf daher zunächst einer systematischen Klärung, welche Gesundheitsgefahren überhaupt umfasst werden, um die Prävention der gesetzlichen Unfallversicherung in der Praxis sinnvoll ergänzen zu können. Erfasst werden üblicherweise alle Gesundheitsgefahren, die mit der versicherten Tätigkeit in einem ursächlichen Zusammenhang gebracht werden können. Hierbei handelt es sich insbesondere um Einflüsse, die objektiv geeignet sind, die physische, geistige und soziale Gesundheit negativ zu beeinflussen oder sogar zur Entstehung arbeitsbedingter Erkrankungen beitragen können. Im Gegensatz zur Berufskrankheit muss die schädigende Einwirkung selbst und/oder der Zusammenhang zwischen der arbeitsbedingten Erkrankung und der versicherten Tätigkeit keine bestimmte rechtlich geforderte Qualitätsstufe erreichen. Es reicht vielmehr aus, dass die arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren auch außerberuflich erworbene gesundheitliche Schädigungen mitbeeinflussen oder verschlimmern können.

Anhand von zwei konkreten Angeboten der BGW soll exemplarischen aufgezeigt werden, wie die Verhütung von arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren in der Praxis erfolgreich umgesetzt werden kann.

Abschließend sollen die rechtlichen Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zwischen den Trägern der unterschiedlichen Sozialversicherungszweige im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements aufgezeigt werden. Insbesondere die Leistungen der betriebliche Gesundheitsförderung durch die Krankenkassen und die Maßnahmen zur Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren durch die Unfallversicherungsträger stehen dabei in einem engen Ergänzungsverhältnis. Die Träger beider Zweige sind bei der Erfüllung ihrer jeweils zugewiesenen Präventionsaufträge insbesondere im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagement vom Gesetz zur wechselseitigen Kooperation aufgefordert.

Herr Prof. Dr. Stephan Brandenburg

Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)

Friday
09 Mär 2018
14:00 - 15:30

Maritim / Verkehr

Maritime Medizin und Verkehrsmedizin
Room: Hörsaal 6
Chairman 1: Britta Herbig | Chairman 2: Marcus Oldenburg
Achtung Blaulicht – Wie wirksam ist ein simulatorbasiertes Training für die Verkehrssicherheit im Rettungsdienst? (Maria Prohn, Britta Herbig)
Abstract:
Zielsetzung: Da Rettungsdienstmitarbeiter (RDMA) während Einsatzfahrten mit Sondersignalen besonderen Anforderungen ausgesetzt sind und ein deutlich erhöhtes Unfallrisiko haben, soll untersucht werden, ob sich ein speziell für Einsatzfahrer konzipiertes, simulatorbasiertes Training positiv auf Verkehrssicherheit auswirken kann. Es wurde eine ganzheitliche Evaluation mithilfe des Kirkpatrick-Models auf den Ebenen Reaktion, Lernen, Verhalten und Resultate durchgeführt.

Methoden: Das Studiendesign war ein Solomon-Versuchsplan mit bis zu vier Messzeitpunkten mit jeweils einer Interventionsgruppe, einer Warte-Kontrollgruppe und einer Versuchsgruppe zur Kontrolle von Testeffekten. Die Reaktionsebene wurde mittels einer Trainingsevaluation direkt nach dem Training sowie einige Zeit später erfasst. Die Lernebene umfasste mehrere Einstellungsskalen sowie die Ermittlung des Wissenszuwachses mittels eigens entwickelter und validierter Wissenstests. Die Verhaltensebene wurde in realen Einsatzfahrten mithilfe von Fahrprofilen und Videoaufzeichnungen sowie Fragebögen während der Schichten erfasst. In der Resultateebene wurden Schicht-EKGs sowie die erlebte Beanspruchung während der Einsatzfahrten mittels NASA-TLX und Karolinska Sleepiness Scale untersucht.

Ergebnisse: Insgesamt nahmen N=148 RDMA (33.8 ± 9.4 Jahre, 23% weiblich) vollständig an der Studie teil. Das Training wird im Schnitt mit „Gut“ (Note 1.8) bewertet. Trainingsteilnehmer haben im Vergleich zu Nicht-Teilnehmern einen signifikanten Wissenszuwachs (F=9.29, p=.003). Messwiederholungs-ANOVAs und Regressionsmodelle zeigen auch, dass die Risikowahrnehmung bei Normalfahrten als einzige Einstellungsvariable positiv durch das Training beeinflusst (F=9.24, p=.003) wird. Die aufwändige Datenaufbereitung und -analyse zur dritten und vierten Ebene wird mit Projektende Ende November 2017 abgeschlossen sein und ebenfalls berichtet werden.

Schlussfolgerung: Das Training wird insgesamt gut angenommen was als Voraussetzung für eine Änderung in den nächsten Ebenen gilt. Es führt zu einem leichten Wissenszuwachs und einer Erhöhung der Risikowahrnehmung normaler Fahrten. Zusammen mit den Ergebnissen der Verhaltens- und Resultateebene wird diskutiert, welche individuellen und organisationalen Erfolgsfaktoren vorliegen müssen, damit ein Training in diesem komplexen Aufgabenbereich von RDMA zu positiven Veränderungen führen kann.

Frau Maria Prohn

Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München

Zur Wirkung von Simulatorkrankheit auf die Reaktionszeit bei PKW-Fahrsimulationen (Axel Muttray, Rene Reinhard, Hans Rutrecht, Patricia Hengstenberg, Ender Tutulmaz, Britta Geißler, Heiko Hecht)
Abstract:
Zielsetzung
PKW-Fahrsimulatoren werden u.a. in der Rehabilitation und zum Training eingesetzt. Bei etlichen Fahrern tritt Simulatorkrankheit (VIMS) auf, die nicht zwangsläufig zum Abbruch der Fahrt führt. Die Wirkungen von VIMS auf die Bremsreaktionszeit wurden bisher nicht systematisch untersucht. Dieser Fragestellung sind wir nachgegangen.

Methoden
28 gesunde Probanden (18-29 Jahre; 14 männlich) fuhren in einem klimatisierten, fixed-base Foerst F10-P-Simulator. Das Studiendesign umfasste 2 Versuchstage. An Tag 1 wurde derselbe Kurs (mit Stadt, Landstraße und Autobahn) 2-mal gefahren, an Tag 2 ca. 1 Woche danach 4-mal. Pro Kurs gab es je 5 Reaktionstests (Vollbremsung) an nicht vorhersehbaren Stellen. Während der ca. 20-minütigen Fahrten wurde mittels Fast Motion Sickness Scale (FMS) (Score 0-20) 20-mal nach dem Ausmaß möglicher Simulatorkrankheit gefragt. Die Datenanalyse erfolgte mit gemischten Modellen und Akaikes Informationskriterium. Das Design wurde von der zuständigen Ethikkommission positiv bewertet.

Ergebnisse
Nur wenige FMS-Scores betrugen mehr als 10 (Maximum 14). Die Bremsreaktionszeiten wurden am besten durch ein gemischtes Modell vorhergesagt, das sowohl den FMS-Score als auch dessen Interaktionen mit der bereits im Simulator verbrachten Zeit beinhaltete. Die von diesem Modell vorhergesagten Reaktionszeiten stiegen abhängig vom Zeitpunkt um bis zu 50,16 ms pro zusätzlichem FMS-Punkt an. Vergleichbare Reaktionszeitanstiege zeigten sich in den späteren Kursen jedes Versuchstags (Anstieg pro zusätzlichem FMS-Punkt am ersten Tag im zweiten Kurs um 15,70 ms höher als im ersten Kurs; am zweiten Tag im letzten Kurs um 46,19 ms höher als im ersten Kurs). Die Anstiege fielen am zweiten Versuchstag weniger stark aus (Anstieg pro FMS im ersten Kurs am zweiten Tag um 25,01 ms niedriger als am ersten Tag; im zweiten Kurs am zweiten Tag um 25,21 ms niedriger als am ersten Tag).

Schlussfolgerungen
Diese Studie zeigt erstmals, dass auch schwächer ausgeprägte VIMS zu einer Beeinträchtigung des Reaktionsvermögens im Fahrsimulator führen kann. Unter den beschriebenen Versuchsbedingungen wurde eine Adaptation beobachtet (Reinhard et al. 2017, Transport Res F 48, 74), die die geringeren Anstiege der Reaktionszeiten am zweiten Versuchstag teilweise erklären könnte.

Danksagung
Die Studie wurde von der Johannes Gutenberg-Universität gefördert. Einige Daten wurden den med. Diss. von P.H. und E.T. entnommen.

Herr Prof. Dr. med. Axel Muttray

Prädiktoren der Simulatorflugleistung bei europäischen Piloten im Helikopterrettungsdienst (HEMS) (Hans Bauer, Britta Herbig)
Abstract:
Zielsetzung
Verglichen mit anderen Bereichen kommerzieller Luftfahrt ist die Unfallrate bei HEMS-Flügen erhöht. Viele Einflussfaktoren können am komplexen Prozess der Genese von Flugunfällen beteiligt sein. Ziel der Studie war es, aus Informationen zu Demografie, physiologischem Zustand, Arbeitsbedingungen, und Beanspruchungserleben relevante Prädiktoren der Simulatorflugleistung von HEMS-Piloten zu identifizieren.

Methoden
Bei 51 männlichen HEMS-Piloten aus 4 europäischen Ländern (Alter: 29-63 Jahre, M=51,7) wurden die Simulatorflugleistung bewertet und medizinische Untersuchungsbefunde sowie Fragebögen zu Arbeitsbedingungen und zum subjektiven Erleben während des Simulatorflugs erhoben. Anhand der Random Forest-Methode, welche gut geeignet ist für Problemstellungen mit großer Variablenzahl bei kleiner Stichprobengröße, wurden in einer querschnittlichen explorativen Analyse aus 54 potenziell relevanten Variablen die stärksten Prädiktoren für Flugleistung ermittelt.

Ergebnisse
Zwei Variablen mit überzufällig hoher „Variable Importance“ (VI) waren mit höherer Flugleistung assoziiert: Als belohnend sowie als vorhersagbar erlebte Arbeitsbedingungen (durchschnittliche VI-Rangwerte aus 2000 Durchläufen: 1,42 und 2,55). Eine höherer „Physiological Dysregulation“-Score basierend auf Messungen von 18 Biomarkern war überzufällig mit geringerer Flugleistung assoziiert (durchschnittlicher VI-Rangwert: 2,61).

Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse regen eine stärkere Berücksichtigung der Gestaltung von Arbeitsbedingungen in der Debatte um Flugsicherheit bei HEMS an; die Rolle arbeitsbelastungsbezogener Faktoren könnte auch in Flugunfalluntersuchungen stärkere Beachtung erfahren. Die Konzepte „physiologische Dysregulation“ bzw. „biologische Alterung“ sind insbesondere bei sicherheitskritischen Arbeitstätigkeiten (wie z.B. HEMS-Pilot) relevant, aber bislang wenig untersucht. Im Rahmen der fortlaufenden fliegerärztlichen Tauglichkeitsuntersuchungen der Piloten könnte die Realisierbarkeit und Nützlichkeit eines Screenings zu Präventions- oder Selektionszwecken basierend auf Maßen physiologischer Dysregulation getestet werden.

Herr Hans Bauer

Arbeitsbedingungen und Gesundheit der Beschäftigten in der Offshore-Windindustrie (Marcial Velasco Garrido, Janika Mette, Stefanie Mache, Volker Harth, Alexandra Marita Preisser)
Abstract:
Zielsetzung: Mit dem kontinuierlichen Ausbau der Offshore-Windindustrie in Deutschland nimmt die Anzahl an Beschäftigten in dieser Branche zu. Ziel unserer Studie war, die Arbeits- und Gesundheitssituation der Beschäftigten in der Offshore-Windindustrie zu analysieren.

Methoden: Es wurde eine webbasierte Fragebogenerhebung im Querschnitt durchgeführt. Zielgruppe waren Offshore-Mitarbeiter, die in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) Offshore-Windparks tätig sind. Die erhobenen Daten wurden mit deskriptiver Statistik dargestellt. Bivariate Zusammenhänge wurden mittels Kreuztabellen analysiert.

Ergebnisse: Es antworteten 384 Mitarbeiter der Offshore-Anlagen. 90% hatten die deutsche Staatsangehörigkeit, 93% waren Männer und 43% zwischen 20 und 34 Jahre alt. Die Mehrheit (60%) hatte mehr als drei Jahre Offshore-Erfahrung, 74% hatten frühere Erfahrungen mit auswärtigen Tätigkeiten. 41% waren Techniker, 34% waren Manager (27% Offshore-, 17% Onshore-Manager mit Offshore-Aufenthalten). Die am häufigsten angegebenen Belastungen waren Klettern (64%), Lärm (55%) und Erschütterungen bzw. Vibrationen (52%). Diese Belastungen waren häufiger in der Bauphase als in der Betriebsphase. In der Selbsteinschätzung des Gesundheitszustands gaben 32% einen sehr guten und 57% einen guten Gesundheitszustand an, keiner gab einen schlechten oder sehr schlechten Zustand an. „Müdigkeit“ wurde sehr häufig als Gesundheitsbeeinträchtigung angegeben. Die Schlafqualität Offshore wurde von 44% der Teilnehmer schlechter als im Vergleich zur Schlafqualität Onshore bezeichnet, 48% gaben keine Unterschiede an. Die Mitarbeiter, die sich zum Zeitpunkt der Beantwortung des Fragebogens im Offshore-Einsatz befanden (bzw. weniger als 30 Tage nach dem letzten Einsatz) gaben auffallend häufiger das Auftreten von Ein- und Durchschlafstörungen (RR 2,1; 95%-KI 1,20; 3,84 bzw. 1,76; 95%-KI 1,09; 2,85). Die Häufigkeit von Schlafstörungen stand im Zusammenhang mit der Unterbringung in einer Doppel-Schlafkabine (RR 1,63; 95%-KI 1,10; 2,41 bzw. 1,55; 95%-KI 1,10; 2,19). Hinweise auf einen Zusammenhang mit dem Schichtsystem (Wechsel- vs. Tagesschicht) fanden wir nicht.

Schlussfolgerungen: Die Belastungen sind in den verschiedenen Phasen der Offshore-Anlagen unterschiedlich. Die Offshore-Mitarbeiter zeichnen sich durch einen guten Gesundheitszustand aus. Allerdings sind Schlafprobleme während der Offshore-Einsätze auffallend häufig. Hier besteht Interventionsbedarf.

Herr Marcial Velasco Garrido M.P.H.

Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Bedeutung von maritimen Welfare-Einrichtungen für Schiffsbesatzungen (Marcus Oldenburg, Volker Harth, Hans-Joachim Jensen)
Abstract:
Einleitung
Maritime Welfare-Einrichtungen ermöglichen dem Besatzungsmitglied zumindest für eine kurze Zeit, unterschiedliche Kontakt-, Kommunikations- und Entspannungsmöglichkeiten während ihres mehrmonatigen Bordeinsatzes zu nutzen. In der vorliegenden, drittmittelfinanzierten Studie der BG Verkehr soll der Bedarf und das Nutzungsverhalten von maritimen Welfare-Einrichtungen ermittelt werden.

Methoden
316 Seeleute wurden während ihres Arbeitseinsatzes auf hoher See mittels Fragebogen über Einstellungen und Nutzungsverhalten gegenüber maritimen Welfare-Einrichtungen interviewt. Außerdem fanden Interviews in 8 Niederlassungen deutscher Seemannsmissionen statt. Darüber hinaus wurden während 22 Seereisen (16 kleine Containerschiffe in der ausschließlichen Küstenfahrt (Feederschiffe) und 6 Groß-Containerschiffe in der weltweiten Fahrt) die Hafenliegezeiten und die Anzahl der jeweils abzufertigen Terminals protokolliert.

Ergebnisse
Bei den im Feederdienst eingesetzten Schiffen dieser Studie betrug der Anteil der Hafenliegezeit an der Gesamt-Reisezeit 43,6%. Die befragten Seeleute hatten auf ihrem letzten Schiff durchschnittlich 13 Terminals in 30 Tagen abgefertigt (median 11 (Range 1 - 41 Terminals)). 279 Seeleute (88,3%) gaben an, dabei die Möglichkeit eines Landgangs zum Besuch maritimer Welfare-Einrichtungen grundsätzlich gehabt zu haben (signifikant häufiger unter Mannschaftsdienstgraden (p< 0,001)). Dieses traf auch häufiger für Besatzungen von Feederschiffen zu. Die wesentlichen Gründe für einen Landgang waren die Kontaktaufnahme mit der Familie oder Freunden, eine Abwechslung zum Schiffsalltag, das Nutzen von Einkaufsmöglichkeiten und soziale Kontakte zu anderen Seeleuten. Die häufigsten Gründe, einen Landgang nicht wahrzunehmen, waren die Kürze der Hafenliegezeit, der große Umfang der Arbeit an Bord sowie schlechte bzw. nicht bekannte Möglichkeiten, die Einrichtung zu erreichen.
Unter den verschiedenen maritimen Welfare-Einrichtungen wurde den Seemannsmissionen und Kirchen am häufigsten eine „sehr hohe Bedeutung“ beigemessen (von 40% der nicht-europäischen Seefahrer - vornehmlich aus Asien - und von ca. 10% der Europäer).

Diskussion
Die hohe Bedeutung der Seemannsmissionen und Kirchen für die asiatischen Besatzungsmitglieder spiegelt deren hohe Glaubensverankerung wider. Insgesamt sind verbesserte Informationen über Standort und Angebotsspektrum der Seemannsmissionen sowie eine bessere Erreichbarkeit der Einrichtungen anzustreben.

Herr PD Dr. Marcus Oldenburg

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM)

Telemedizinische Erprobung von Notfallsystemen an Bord der Alexander von Humboldt II (Axel Hahn, Raik Schäfer, Olaf Schedler)
Abstract:
Die maritime medizinische Versorgung auf Kauffahrteischiffen wird durch standardisiert ausgebildete und in Refresherkursen geschulte Kapitäne und Steuerleute sichergestellt. Nur in Ausnahmefällen und bei besonderen Betriebskonzepten (z.B. Alexander von Humboldt II-AvH II) sind Schiffsärzte/innen an Bord. Eine besondere Herausforderung stellen für Nichtmediziner kardiopulmonale Notfälle dar, auch wenn EKG fähige Defibrillatoren (Halb-AED) mit telemedizinischen Optionen zur Ausstattung gehören müssen. In einer 30-tägigen Erprobungsphase soll an Bord der AvH II der praktische Umgang mit einem EKG fähigen Halb-AED und mittels einer dynamischen Satellitendatenübertragung sowie das unmittelbare ärztliche Feedback durch die Crew getestet werden, womit die Schiffsicherheit erhöht werden soll und praktische Erfahrungen gewonnen werden können.
Methode: Für die Erprobung wurde die gesamte AvH II-Crew in die Verwendung und praktische Nutzung eines Halb-AED mit EKG- und Telemedizin Funktion (Fa. Zoll X-Serie mit Reanimationsunterstützung) und Satellitenmodem (Fa. GroundControl: MCD-4800) mittels einer 2-tägigen Schulung eingeführt. Zur Datenübertragung wird eine dauerhafte Satellitenverbindung in die Helios-Klink Bad Saarow hergestellt. 30 Tage lang sollen im aktiven Reiseverlauf Protokolle im Sinne von anonymisierten Fällen ca. 30 Fallübertragungen (1 Proband/Tag) erstellt werden, die unmittelbar per Satellit übertragen, klinikseitig telefonisch bestätigt, detailliert befundet und nur in Ausnahmefällen bei unmittelbarer medizinischer Indikation mit therapeutischen Anweisungen rückgekoppelt werden. Das Hauptaugenmerk der Telemedizinerprobung liegt in der Funktionalität und in der Sicherheit der telemedizinischen Datenübertragung, auch unter den ungünstigen physikalischen Bedingungen auf einem Großsegler.
Auswertung: Die Protokolle der übertragenen Daten und die Möglichkeiten telemedizinischer Beratungen werden anonymisiert dokumentiert und nummerncodiert im Sinne einer einfachen Häufigkeitsverteilung tabellenartig ausgewertet. Die wichtigsten Analysenbereiche sind die Funktion der Technik, die Zuverlässigkeit und Stabilität der dynamischen Datenübertragung sowie die Qualität der Feedback Reanimationen durch Seeleute. Kritisch sollen die Möglichkeiten und Grenzen des gesamten Verfahrens nach Ausstattungsrichtlinie und Verbesserungen im praktischen Funktionsablauf diskutiert und dargelegt werden.

Herr Dr. Dr. Axel Hahn

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)

Studium Elektrotechnik und Medizin, Facharzt Kinder/Jugendmedizin, Umweltmedizin, Humantoxikologe, Fachwissenschaftler Toxikologie und Umweltschutz, Promotionen Dr. med./ Dr. P.H., bis 2014 Leiter der Nationalen Erfassungsstelle der Dokumentations- und Bewertungsstelle für Vergiftungen im Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Geschäftsführer der Nationalen Kommission zur Bewertung von Vergiftungen, nun im Status eines Senior Fellows im BfR und Gastwissenschaftler (Charité Berlin/Universitätsmedizin Leipzig)

Thursday
08 Mär 2018
15:15 - 16:30

Infektionen

Beruflich bedingte Infektionen
Room: Hörsaal 2
Chairman 1: Sabine Wicker | Chairman 2: Friedrich Hofmann
Norovirus-Gastroenteritis – eine arbeitsmedizinisch bedeutsame Infektionskrankheit? (Friedrich Hofmann, Ulrich Stößel, Martina Michaelis, Edward Olawumi)
Abstract:
Hintergrund: Noroviren (NV) verursachen nach übereinstimmenden deutschen und amerikanischen Quellen etwa 20% der akuten Gastroenteritiden. NV-Ausbrüche in Kliniken, Gemeinschaftseinrichtungen und Küchen häufen sich saisonal in den Wintermonaten, mit einer deutlichen Häufung insbesondere bei unter 5- und über 80jährigen. Die Inzidenz in der Bevölkerung im Erwerbsalter (20-65jährige) betrug im Jahr 2016 60 Fälle pro 100.000 Einwohner. Dabei ist von einer deutlichen Untererfassung auszugehen, da seit 2011 nur noch als labordiagnostisch bestätigte Fälle meldepflichtig sind. Wie hoch das Erkrankungsrisiko für Gesundheits- und Küchenpersonal ist, ist nicht bekannt, da weder RKI-Daten noch die Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE/Destatis) Auskunft über den beruflichen Hintergrund der Erkrankten geben.
Ziel eines Teilprojekts der Methodenmixstudie "NoroEpi" ist es deshalb, anhand der Auswertung von Sekundärdaten der Gesetzlichen Krankenversicherung an einem repräsentativen Sample die Inzidenz ambulant und stationär abgerechneter Fälle in ausgewählten Berufsgruppen zu bestimmen.
Aus einem Datensatz der AOK Niedersachsen (2011-2015) wurden für Gesundheits- und Sozialberufe nach der Klassifikation der Berufe der Bundesanstalt für Arbeit (Code 813, 814, 821, 831) im Erwerbsalter 18-65 Jahre die ICD-Diagnosegruppe A08 ("Virusbedingte und sonstige näher bezeichnete Darminfektionen") mit ihren Untergruppen extrahiert und mit der Verteilung der Diagnosen bei allen Versicherten verglichen.
Ergebnisse: Erste berufsgruppenspezifische Auswertungen zeigen eine erhöhte NV-Inzidenz bei Angehörigen von Gesundheits- und Sozialberufen bei ambulant und eine niedrigere bei stationär abgerechneten Fällen. Es bleibt jetzt geplanten detaillierteren Auswertungen vorbehalten, die arbeitsmedizinische Bedeutung dieser Infektionskrankheit epidemiologisch genauer zu bestimmen.
Diskussion und Ausblick: Obwohl hier Sekundärdaten nur einer einzigen gesetzlichen Krankenversicherung in einem Flächenbundesland ausgewertet wurden (die dort etwa ein Drittel der Versicherten repräsentiert), wird das beruflich erhöhte Risiko in den genannten Berufen deutlich. Auswertungen mit einer größeren Datenbasis für abschließende Einschätzungenwerden derzeit eruiert.

Finanzierung und Danksagung: Die Studie wird von Takeda (www.takeda.com) finanziell unterstützt. Wir danken Prof. Dr. Siegfried Geyer, Med.Hochschule Hannover, für die Bereitstellung von Sekundärdatenergebnissen.

Herr Prof. Dr. Friedrich Hofmann

Freiburger Forschungsstelle Arbeits- und Sozialmedizin

Herr Friedrich Hofmann

Freiburger Forschungsstelle Arbeits- und Sozialmedizin (FFAS)

Herr Dr. Ulrich Stößel

Freiburger Forschungsstelle Arbeits- und Sozialmedizin GbR

Frau Dr. Martina Michaelis

Freiburger Forschungsstelle Arbeits- und Sozialmedizin (FFAS)

Herr Edward Olawumi

Freiburger Forschungsstelle Arbeits- und Sozialmedizin (FFAS)

Arbeitsbedingte Maserninfektionen (Sabine Wicker, Timm Tristan Berg)
Abstract:
Hintergrund: Deutschland hat wiederholt das Maserneliminationsziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht erreicht und wurde nun von der WHO in Europa als „high priority country“ eingestuft. Bis Mitte September 2017 wurden in Deutschland bereits über 900 Masernerkrankungen gemeldet. Damit ist die Fallzahl im Vergleich zu 325 Maserninfektionen im Jahr 2016 bereits im September 2017 fast dreimal so hoch.
Die Masern sind die impfpräventable Infektion mit der höchsten Basisreproduktionszahl (R0 = 15-18). Der Kontagiositätsindex liegt bei ca. 98%, der Manifestationsindex bei annähernd 100%. – d.h. annährend jeder ungeschützte Mensch erkrankt bei Kontakt mit Masern.
Auch Krankenhäuser bleiben hiervon nicht verschont. So sind in Italien allein in 2017 bisher fast 300 Beschäftige im Gesundheitswesen an Masern erkrankt. Der Anteil nosokomialer Masernfälle in Ländern in der Präeliminationsphase liegt im Bereich von 14-45%, in Italien aktuell bei 22,3%.

Methoden: Aufarbeitung selektiv recherchierter Literatur und Vorstellung eines aktuellen Masernausbruchs in einer hessischen Klinik.

Ergebnisse: Am 31.1.2017 wurde ein Patient mit bekannter Masernerkrankung durch ein auswärtiges Gesundheitsamt zur stationären Aufnahme in einem Krankenhaus im Lahn-Dill-Kreis angekündigt. Die Behandlung des Patienten erfolgte nach interner Maßgabe ausschließlich durch Mitarbeiter mit ausreichendem Impfschutz. Die Unterbringung erfolgte im Einzelzimmer mit Schleuse. Bei der Behandlung wurde Schutzkittel, Handschuhe und Mund-Nasenschutz getragen.
In der Folge erkrankten insgesamt 10 Mitarbeiter an Masern. Der Masernausbruch verursachte Kosten in Höhe von über 700.000,-€.

Schlussfolgerungen: Wirksame Maßnahmen zur Impfprävention von Mitarbeitern, sowie ein effektives Management im Umgang mit an Masern erkrankten Patienten im Krankenhaus sind unerlässlich, um nosokomiale Ausbrüche und arbeitsbedingte Infektionen zu verhindern und damit hohe Kosten für die Krankenhäuser zu vermeiden.
Medizinische Einrichtungen spielen im Management von Masernausbrüchen eine kritische Rolle. Nosokomiale Ausbruchsgeschehen könnten grundsätzlich vermieden werden, hierzu ist aber die Kenntnis über den bestehenden Immunstatus der Mitarbeiter im Gesundheitswesen erforderlich. Diese Information muss vor einem eventuellen Ausbruch vorliegen, die entscheidende Rolle kommt hierbei der Arbeitsmedizin zu.

Frau Prof. Dr. med. Sabine Wicker

Universitätsklinikum Frankfurt

Leiterin Betriebsärztlicher Dienst Universitätsklinikum Frankfurt, Fachärztin für Arbeitsmedizin, Habilitation Arbeitsmedizin, Forschungsschwerpunkt beruflich indizierte Impfungen, arbeitsbedingte Infektionen, Mitglied der STIKO seit 2011

Impfprävention-was können Betriebsärzte tun? (Ann-Kathrin Jakobs, Annika Claus, Britta Geißler, Peter Kegel, Clarissa Scheuer, Nelli Wehrwein, Dirk-Matthias Rose)
Abstract:
Titel: Impfprävention-was können Betriebsärzte tun?
Autoren:
AK Jakobs, A Claus, B Geißler, P Kegel, C Scheuer, N Wehrwein, DM Rose
Vermerk: Diese Dissertation enthält wesentliche Teile der med. Dissertation von Frau Scheuer, Clarissa.

Zielsetzung: Das Institut für Lehrergesundheit (IfL) betreut arbeitsmedizinisch alle Lehrkräfte (LK) an staatlichen Schulen in Rheinland-Pfalz (RLP). Im Rahmen von Gefährdungsbeurteilungen fiel eine teilweise lückenhafte Immunität gegenüber Kinderkrankheiten auf. Diese Studie sollte die Gründe hierfür eruieren und helfen, die betriebsärztliche Tätigkeit im Hinblick auf einen verbesserten Impfschutz von LK zu optimieren. Ein verbesserter Immunschutz von LK würde das eigene Erkrankungsrisiko senken, eine Übertragung auf Schüler vermeiden, bei einer Schwangerschaft unnötige Risiken für das ungeborene Kind und die werdende Mutter reduzieren und Beschäftigungsverbote vermeiden.

Methode: LK werden im Rahmen von Laufbahnänderungen amtsärztlich untersucht. Hierbei werden auch Titer Kontrollen durchgeführt, die bei Einverständnis der LK an das IFL weitergeleitet werden. An Lehrerinnen, von denen nachweislich negative Titer oder keine Titer für Masern, Mumps, Röteln oder Windpocken im Zeitraum Januar 2013-Juni 2016 vorlagen, wurde ein standardisierter Fragebogen versandt. Dieser enthielt u. a. Fragen zum Alter, Immunitäten, Anzahl erhaltener Impfungen und zur Einstellung gegenüber Schutzimpfungen.

Ergebnisse: 219 Lehrerinnen im Alter von 32 Jahren (Median 31 J.) nahmen teil (24%). 79% gaben an, gegen Masern und Mumps geimpft zu sein, 83% gegen Röteln und 18% gegen Windpocken.
Anzahl Impfungen gerundet in % 1x Impfung 2x Impfung 3x oder mehr Impfung Unbekannt, wie oft geimpft wurde
Masern 18 29 23 30
Mumps 19 31 20 30
Röteln 22 24 28 26
Windpocken 7 8 3 83

77% wurden zu Schutzimpfungen in den letzten 5 Jahren beraten, 87% fühlten sich ausreichend informiert. 85% hielten Schutzimpfungen für wichtig. Einige gaben an, dass sie sich regelmäßige Beratungen und Erinnerungen zu Schutzimpfungen wünschten. Einzelne berichteten, dass Ärzte ihnen von Impfungen abgeraten hätten.

Schlussfolgerungen: Betriebsärzte sollten regelmäßig zu Schutzimpfungen beraten. Dies könnte in Form von allgemeiner Beratung z. B. in Ausschüssen, bei Teilnahme an Gesundheitstagen oder unter Einbeziehung telemedizinischer Verfahren geschehen. Bei allen betriebsärztlichen Kontakten sollte auf das Angebot einer individuellen Impfberatung hingewiesen werden.

Frau Dr. Ann-Kathrin Jakobs

Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Nachsorge von Nadelstichverletzungen (Johanna Stranzinger, Werner Wunderle, Albert Nienhaus, Juliane Steinmann, Beate Kaiser)
Abstract:
Einleitung
Die Unfallversicherungsträger (UV) sind gesetzlich verpflichtet, die Folgeschäden einer Nadelstichverletzung (NSV) zu verhindern oder zu begrenzen. Eine Handlungsempfehlung für die Nachsorge wurde überarbeitet und zwischen verschiedenen Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung abgestimmt.

Methoden
Die aktuellen Leitlinien und Empfehlungen der Fachgesellschaften und STIKO wurden gesichtet und durch Expertenbefragung ergänzt. Für die Untersuchung der Indexperson und für die Infektionsrisken HBV, HCV und HIV wurden für den Regelfall sinnvolle Vorgehensweisen beschrieben.

Ergebnisse
Entsprechend den Empfehlungen der STIKO zur postexpositionellen Hepatitis B-Impfung ist keine Maßnahme notwendig, wenn eine erfolgreiche Impfung dokumentiert ist und die positive Titerkontrolle nicht älter als 10 Jahre ist.
Die Untersuchung des Verletzten mit HCV-RNA (PCR) in der sechsten Woche (Wo) nach NSV wird nicht nur bei Kontakten mit infektiösen Indexpersonen (IP) sondern abhängig von den Kontextfaktoren auch nach Kontakten mit unbekannten IP empfohlen. Eine HCV-Diagnostik mittels HCV-RNA (PCR) bietet um die sechste Wo nach NSV eine hohe diagnostische Sicherheit und ist zu diesem Zeitpunkt aus therapeutischer Sicht zeitgerecht, um ggfs. Konsequenzen zu ziehen (Stand 9/2017). Zum Drittschutz kann jedoch eine HCV-Diagnostik bereits zwischen der 2. und 4. Wo indiziert sein. Die Empfehlungen zur Frühtherapie der akuten Hepatitis C mit Direct acting agents (DAA) sind von den Fachgesellschaften wegen der fehlenden Zulassung und spontanen Remissionen sehr zurückhaltend. Bei unbekanntem bzw. bekannt positivem HCV-Status der IP sollte die Abschlusskontrolle (Anti-HCV) nach 6 Monaten erfolgen.
Nach zwei negativen HIV-Screeningtests der 4. Generation in der 6. und 12. Wo entfällt ein weiterer HIV-Test nach sechs Monaten.

Diskussion
Unsicherheiten bestehen noch bei der Frühtherapie der akuten HCV-Infektion. Eine Therapie mit Interferon erscheint obsolet, da nun mit den DAA eine erfolgreiche, nebenwirkungsarme Option zur Behandlung der chronischen Infektion zur Verfügung steht. Das Programm ist als Empfehlung für D-Ärzte zu verstehen, um Orientierung bei der Nachsorge und Sicherheit bei der Abrechnung von Leistungen zu geben. Im Einzelfall kann ein abweichendes Vorgehen sinnvoll sein.

Schlussfolgerung
Die HIV und HCV-Diagnostik kann bei erfolgreich gegen Hepatitis B geimpften Verletzten und bekannter HCV-neg. IP ggfs. bereits nach 12 Wochen beendet werden.

Frau Dr. Johanna Stranzinger

Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege

Schweiß- bzw. Metallrauch am Arbeitsplatz, Pneumonie und invasive Pneumokokkeninfektion (Andrea Wendt, Matthias Möhner, Sabine Wicker)
Abstract:
Schweiß- bzw. Metallrauchexposition am Arbeitsplatz kann Ursache für ein erhöhtes Risiko für Pneumonien sowie invasive Pneumokokkeninfektionen sein. Seit 2016 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) die Pneumokokkenimpfung bei beruflich Exponierten. Der Beitrag wird den Zusammenhang zwischen einer beruflichen Schweißrauchexposition und einem erhöhten Risiko für Pneumonien und invasive Pneumokokkeninfektionen darlegen. Der Fokus liegt dabei auf tierexperimentellen Untersuchungen zur Infektabwehr nach Schweißrauchexposition sowie epidemiologischen Studien zum Vergleich von beruflich Exponierten und nicht Exponierten. Im Ergebnis spricht die Evidenz für Prävention mittels Pneumokokkenimpfung bei beruflich mit Schweiß- bzw. Metallrauch exponierten Personen. Für die Ableitung einer möglichen Berufskrankheit liefert die wissenschaftliche Literatur jedoch unzureichende Informationen. Der Beitrag basiert auf einer bei der „ASU--Zeitschrift für medizinische Prävention“ eingereichten Publikation, die sich momentan im Peer-Review-Prozess befindet.

Frau Dr. Andrea Wendt

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Friday
09 Mär 2018
11:00 - 12:00

Umweltmedizin

Umweltmedizin 1
Room: Hörsaal 1
Chairman 1: Stefanie Heinze | Chairman 2: Kirsten Sucker
Mögliche gesundheitliche Risiken von Desktop 3D-Druckern mit ABS / PLA – eine Expositionsstudie (Ina Gümperlein, Rudolf Schierl, Elke Fischer, Rudolf Jörres)
Abstract:

Zielsetzung


Additive Fertigungsverfahren wie der 3D-Druck halten immer mehr Einzug in private Bereiche. Beim Einsatz verschiedener Kunststoffe wurden teilweise erhebliche Emissionen von Nanopartikeln und VOC-Emissionen gemessen. Da es bislang an Daten zu gesundheitlichen Auswirkungen fehlte, wurden bei dieser Expositionsstudie Probanden gegenüber einem Low-Emitter-Kunststoff (LE) und einem High-Emitter-Kunststoff (HE) exponiert.

Methoden


26 freiwillige, gesunde Personen (13m, 13w) wurden in einem Expositionsraum gegenüber Emissionen eines aktiven 3D-Druckers (Ultimaker2) exponiert. Während den einstündigen Expositionszeiten wurde das gleiche Produkt einmal aus Polylactide (PLA) als LE und Acrylnitril-Butadien-Styrol (ABS) als HE gedruckt, wobei für die Probanden kein Unterschied sichtbar war. Vor, direkt nach und 3-4 h nach der Exposition wurden folgende Parameter gemessen: Spirometrie, bronchiales NO, 8-iso PGF2α im Urin, sowie Zytokine im Nasensekret (IL-1β, IL6, IFNγ, TNFα). Außerdem wurde nach jeder Exposition ein umfangreicher Symptomfragebogen erhoben.

Ergebnisse


Keine Änderungen vor und nach den Expositionen ergaben sich für Werte der Spirometrie und dem Entzündungsmarker für oxidativen Stress (8-iso PGF2α) im Urin. Ein Anstieg der Zytokine im Nasensekret wurde für beide Expositionsszenarien (LE und HE) beobachtet, was einen Effekt durch erhöhte Emission von ultrafeinen Partikeln ausschließt. Bronchiales NO in der Ausatemluft stieg nach HE-Exposition mit ABS signifikant an. Im Fragebogen ergaben sich signifikante Unterschiede der höheren Geruchsbelästigung durch ABS im Vergleich zu PLA.

Schlussfolgerungen


Während nach der Exposition mit PLA keine Auswirkungen nachweisbar waren, ließen sich bei ABS geringe gesundheitliche Effekte messen. Da in dieser ersten humanen Expositionsstudie gesunde Probanden exponiert wurden, lassen sich die gewonnenen Ergebnisse nicht auf sensiblere Personen (Kinder, Asthmatiker, Schwangere) bzw. längere Expositionszeiten übertragen, weshalb weitere Untersuchungen sinnvoll erscheinen.

Frau Ina Gümperlein

Klinikum der Universität München

IPA/IFA-Projekt: Wirkung und Bewertung von Gerüchen an Innenraumarbeitsplätzen – Ergebnisse der Vorstudie (Kirsten Sucker, Simone Peters, Yvonne Giesen)
Abstract:
Zielsetzung
Messungen von Schadstoffen in der Raumluft und deren Bewertung anhand von toxikologisch begründeten Richtwerten (RW) des Ausschusses für Innenraumrichtwerte oder statistisch abgeleiteten Referenzwerten sind bei Beschwerden zu Gerüchen oft nicht zielführend. Daher haben zwei der Forschungsinstitute der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), das Institut für Arbeitsschutz (IFA) und das Institut für Prävention und Arbeitsmedizin (IPA), ein Gemeinschaftsprojekt zur Wirkung und Bewertung von Gerüchen an Innenraumarbeitsplätzen gestartet.

Methoden
Im Rahmen einer Vorstudie in Büros der DGUV im Jahr 2016 wurde ein Fragebogen zur Erhebung der Nutzerzufriedenheit mit der Luftqualität inkl. Fragen zur Geruchswahrnehmung und -belästigung entwickelt und evaluiert. Dazu wurden im Rahmen der Freiwilligenstudie insgesamt 119 Innenraummessungen durchgeführt und 122 Fragebögen ausgefüllt.

Ergebnisse
Von 848 Beschäftigten an fünf Standorten waren 209 an einer Teilnahme interessiert. Nach Plausibilitätsprüfung nahmen schließlich 48 Männer und 63 Frauen im Alter von 26 bis 65 Jahren teil. Die Innenraummessungen zeigten keine auffälligen Büroräume im Sinne einer RW II Überschreitung. In 19 Büros wurde der empfohlene CO2-Wert von 1800 mg/m3 unter Nutzungsbedingungen überschritten, was auf Lüftungsprobleme in diesen Räumen hinweist. Dazu passte das Beschwerdemuster. Als störender Innenraumfaktor wurde häufig „stickige, schlechte Luft“ genannt und als gesundheitliche Beschwerde „Müdigkeit“.

Schlussfolgerung
Eine mögliche Belastung durch Schadstoffe (z.B. unangenehme Gerüche und Schleimhautreizung an Augen und Nase) war im Rahmen der Vorstudie nicht erkennbar. Die Hauptstudie läuft bis Ende 2018 und soll in unbelasteten Büros der Mitgliedsbetriebe der UVT mit ca. 1000 Fragebögen inkl. Innenraummessungen durchgeführt werden. Die Ergebnisse des Projektes sollen den Report „Innenraumarbeitsplätze – Vorgehensempfehlung für die Ermittlungen zum Arbeitsumfeld“ ergänzen. Der im Rahmen des Projektes entwickelte Fragebogen und die Ergebnisse der Messungen können bei der Durchführung zukünftiger anlassbezogener Bewertungen von Büroarbeitsplätzen als wesentliche Hilfestellung bei der Beantwortung folgender Fragestellungen genutzt werden: Prüfung von Beschwerdemeldungen, Prüfung der Notwendigkeit und/oder der Wirksamkeit von Maßnahmen, z.B. vor und nach einer Renovierung (Sanierungskontrolle) und ggf. Bewertung von (neuen) Gebäuden (Zertifizierung).

Frau Dr. Kirsten Sucker

Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität-Bochum (IPA)

Wahrgenommene Kontrolle über das Raumklima und ihr Einfluss auf Behaglichkeit und Zufriedenheit (Runa T. Hellwig)
Abstract:
Forschung zu Energieeffizienz und thermischer Behaglichkeit erfolgte bisher meist aus Ingenieursperspektive. Normen definieren Anforderungen an thermische Behaglichkeit in Abhängigkeit von messbaren physikalischen Parametern, die gleichzeitig als Regelparameter für Raumautomation dienen. Untersuchungen zeigen, dass thermische Behaglichkeit und Zufriedenheit auch von extra-physikalischen Faktoren beeinflusst wird (Bischof et al 2007). Adaptive Behaglichkeitsmodelle und Gebäudeevaluationen betonen die Wichtigkeit hoher wahrgenommener Einflussnahmemöglichkeit. Allgemeingültige psychologische Konstrukte und Modelle aus der Umweltpsychologie stellen die Wichtigkeit individueller Kontrolle für den Menschen heraus. Ein neues konzeptionelles Modell individueller Einflussnahme in Innenräumen wurde auf Grundlage einer Literaturanalyse entwickelt (Hellwig, 2015). Ziel war die Verbindung von Konzepten, Modellen und Ergebnissen aus der allgemeinen Psychologie, der Umweltpsychologie und der Raumklimaforschung.

Das neue Modell sieht in individueller Einflussnahmemöglichkeit einen Schlüssel zur Zufriedenheit. Grundlage für das Modell sind neue Definitionen von Zufriedenheit und wahrgenommener Einflussnahmemöglichkeit. Dabei werden Konstrukte aus der allgemeinen Psychologie wie Kontrollüberzeugung und Selbstwirksamkeit auf die spezifischen Verhältnisse in Innenräumen übertragen. Diese Eigenschaften einer Person basieren dabei auf Erfahrung mit Innenräumen, Fertigkeiten und Wissen zur Ausübung von Raumklima-Kontrolle mit den vom Raum angebotenen Möglichkeiten, Erwartungen und momentanen Präferenzen der Person, mögliche Beschränkungen aus der sozialen oder gebauten Umwelt sowie zurückliegender Erfolg oder Misserfolg beim Ausüben von Kontrolle.

Das neue Modell zielt auf ein verbessertes Verständnis nicht-physikalischer Treiber Raumklimawahrnehmung. Es öffnet den Rahmen für zukünftige Möglichkeiten wirkungsvolle Maßnahmen zur Energieverbrauchsreduzierung in Gebäuden zu entwickeln und kann Ausgangspunkt für das Aufstellen von Ingenieur-Planungshilfen zu angemessener wirksamer Raumklimakontrolle sein.

Bischof, W.; Hellwig, R.T.; Brasche, S. (2007): Thermischer Komfort - die extra-physikalischen Aspekte. Bauphysik 29, 3, 208-212.
Hellwig, R.T. (2015): Perceived control in indoor environments: a conceptual approach. Building Research and Information, 43, 3, 302-315. DOI: 10.1080/09613218.2015.1004150

Frau Prof. Dr.-Ing. Runa T. Hellwig

Hochschule Augsburg: Fachgebiet Energie Effizienz Design und Bauklimatik, Augsburg

Untersuchungen der Genexpression in humanen peripheren Blutzellen nach 900 MHz EMF (Andreas Lamkowski, Matthias Kreitlow, Frank Sabath, Winfried Schuhn, Marcus Stiemer, Matthäus Majewski, Matthias Port, Michael Abend)
Abstract:
Die Exposition des Menschen mit elektromagnetischen Felder im Hochfrequenzbereich (HF-EMF) ist im Rahmen der globalen intensiven Nutzung von mobilen Kommunikationsmitteln allgegenwärtig. Bislang orientieren sich die Grenzwerte zur Vermeidung von gesundheitlichen Beeinträchtigungen der HF-EMF an der Wärmeenergiedeposition im Gewebe. In der Literatur werden jedoch vielfach auch nicht-thermische biologische Effekte dieser Felder diskutiert. Die präsentierte Studie verfolgt einen agnostischen Ansatz um mögliche belastbare Hypothesen für nicht-thermische Effekte von HF-EMF zu generieren. Es wurden dabei humane Blutzellen von 5 Spendern als ex-vivo in vitro Modell gegenüber einer 900 MHz kontinuierlichen Welle für 30, 60 und 90 Minuten bei einer mittleren SAR von 8,8 W/kg +/- 0,9 W/kg exponiert. Anschließend wurde die Genexpression durch Mikroarrays (8x60k v2) als Screeningmethode gemessen. Die Selektion von Kandidatentranskripten zur Validierung mittels qRT-PCR erfolgte basierend auf dem Kriterium fold change ≥ 2 oder ≤ 0,5 bei einem p-Wert von ≤ 0,05. Im Rahmen der Transkriptomanalyse wurde zudem die Regulation von Mikro-RNAs ausgewertet. Durch zwei gespiegelte Kontroll-Versuchsarme als Scheinexposition und mit externer Temperaturerhöhung konnten die Effekte der Zellkultur und Temperaturinduktion herausgerechnet werden. In diesem Vortrag werden die Ergebnisse der Mikro-RNA-Daten vorgestellt.

Herr Dr. med. Andreas Lamkowski

Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der LMU München Institut für Radiobiologie der Bundeswehr in München

Friday
09 Mär 2018
12:15 - 13:15

Umweltmedizin

Umweltmedizin 2
Room: Hörsaal 1
Chairman 1: Stephan Böse-O´Reilly | Chairman 2: Klaus Schmid
Vom Arbeitsplatz in das häusliche Umfeld: Verschleppung von Mausallergenen durch Mitarbeiter von Labormaushaltungen (Hannah Kube, Laura Wengenroth, Jessica Gerlich, Gisela Dietrich-Gümperlein, Rudolf Schierl, Dennis Nowak, Katja Radon)
Abstract:
Zielsetzung: Mitarbeiter von Labormaushaltungen sind am Arbeitsplatz Mausallergenen (MA) ausgesetzt. Diese Exposition kann zu berufsbedingten Allergien und Asthma führen. Eine Verschleppung der MA vom Arbeitsplatz ins häusliche Umfeld bedeutet für die exponierten Personen eine längere Expositionsdauer, wodurch sich das Risiko, allergische Symptome zu entwickeln, vermutlich erhöht. Die Umstände der Allergenverschleppung deutscher Tierhaltungen sind unzureichend untersucht. Zentrale Fragestellungen der Studie sind: 1. Findet eine Verschleppung von MA vom Tierhaus/-labor ins häusliche Umfeld statt? 2. Welche Faktoren begünstigen die Verschleppung?

Methoden: In einer Querschnittsstudie wurden Staubproben von Oberflächen in Wohn- und Schlafräumen von 107 Mitarbeitern aus Labormaushaltungen und 13 Kontrollen ohne Labormauskontakt genommen. Von 90 Mitarbeitern mit beruflichem Labormauskontakt wurde zusätzlich Staub am Arbeitsplatz beprobt und mittels Mus m 1 ELISA Kits analysiert. Bei allen Probanden wurden soziodemografische Daten, allergische Erkrankungen und Reinigungsverhalten erfragt. Bei beruflichem Labormauskontakt wurden zudem Tierhaltungsart, genaue Tätigkeiten und persönliche Schutzmaßnahmen aufgenommen.

Ergebnisse: Die Allergenbelastung im häuslichen Umfeld war bei Probanden mit Labormauskontakt (Median (ng mus m1)=11,3) höher als bei solchen ohne (Median=1,1; p=0,016). Die Arbeitsplatzbelastung war in den Spülküchen mit Abstand am höchsten (Median=145.000,0), gefolgt von Umkleiden (Median=10,2) und Büroräumen (Median=6,2). Die Belastung zu Hause war höher bei Personen, die am Arbeitsplatz Reinigungstätigkeiten ausführten (p=0,034); und bei Personen, die ihre Bettwäsche weniger als einmal pro Monat wechselten (p=0,024). Die Belastung zu Hause war unabhängig von der Dauer des Labormauskontakts (p=0,909) und dem Matratzenalter (p=0,649). Personen mit höherer Arbeitsplatzbelastung duschten nach der Arbeit häufiger als Personen mit niedrigerer Arbeitsplatzbelastung (p=0,001).

Schlussfolgerungen: Eine Verschleppung von MA vom Arbeitsplatz ins häusliche Umfeld findet statt. Personen, die am Arbeitsplatz einer hohen Allergenkonzentration ausgesetzt sind, scheinen ihr Verhalten anzupassen (Duschen am Arbeitsplatz). Dennoch sind Personen mit hoher Belastung durch Reinigungsarbeiten am Arbeitsplatz auch zu Hause höher belastet. Ein besonderes Augenmerk sollte daher auf die Verringerung der Allergenkonzentration bei Reinigungsarbeiten gelegt werden.

Frau Dr. Laura Wengenroth

Pilotstudie zur Erfassung von Sensibilisierungen bei Kindern – ein Projekt im Rahmen des Aufbaus von ePIN (elektronisches Polleninformationsnetzwerk) in Bayern (Alisa Weber, Susanne Kutzora, Tuan-Anh Vu, Lana Hendrowarsito, Jose Oteros, Joana Candeias, Jeroen Buters, Roland Schmid, Caroline Herr, Stefanie Heinze)
Abstract:

Zielsetzung


In Bayern wird derzeit das elektronische Polleninformationsnetzwerk „ePIN“ aufgebaut.
ePIN ist Teil der bayerischen Klimaanpassungsstrategie und wird im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege sowie des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz federführend durch das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit mit Unterstützung des Bayerischen Landesamtes für Umwelt umgesetzt. Im Zuge dieser Entwicklung erprobt die Studie SEAL (Sensibilisierungen und Allergien bei Kindern in Bayern) eine Methodik zur Erhebung von Sensibilisierungsprävalenzen bei Vorschulkindern. Es ist bisher nicht erforscht, ob und wie sich die Zunahme und Veränderungen der Pollen auf Sensibilisierungen auswirken.

Methoden


Seit kurzem sind neue Technologien verfügbar, die eine automatisierte Pollenerkennung möglich machen. Dadurch stehen Pollendaten in elektronischer Form und in kurzen zeitlichen Intervallen zur Verfügung. In Bayern wird es acht elektronische Pollenmonitore geben. Die Teilnahme an der SEAL-Studie wird Eltern in der Pilotregion Günzburg im Zuge der Teilnahme an der U9 angeboten. Stimmen die Eltern zu, wird eine Kapillarblutprobe aus der Fingerkuppe des Kindes genommen und diese auf Sensibilisierungen untersucht. Zusätzlich beantworten die Eltern einen Fragebogen zur Atemwegsgesundheit (ärztliche Diagnosen, Symptome, bereits durchgeführte Allergietests) und Einflussfaktoren (z.B. Geschlecht, sozioökonomische Faktoren).

Ergebnisse


Mit Hilfe von ePIN kann die Datengrundlage für die allergie- und gesundheitsbezogene Klimaforschung verbessert werden. Die Rekrutierung von Studienteilnehmern in der SEAL Studie hängt entscheidend von der Motivation der Arztpraxen zur Teilnahme an der Studie ab. Derzeit haben 264 Kinder eine Kapillarblutprobe abgegeben. Eine Sensibilisierung gegen mindestens ein Allergen liegt bei 38,3 % aller Kinder vor. Die häufigsten Allergene sind Pollen (26,1 %), Nahrungsmittel (14,8 %), Hausstaubmilben (13.6 %) und Tiere (15,5 %). In der Gruppe der Pollen sind vor allem Gräser (22,7 %) und Birke (12,5 %) relevant.

Schlussfolgerungen


Zur Analyse des Zusammenhangs zwischen Veränderung der Pollen und Sensibilisierungen ist ein Monitoring des Pollenflugs in Bayern sowie der Sensibilisierungsprävalenzen notwendig. Darüber hinaus soll ein Vergleich von Pollendaten und Sensibilisierungsprävalenzen in verschiedenen Regionen erfolgen.

Frau Alisa Weber

Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Longitudinalanalyse der Freizeitlärmexposition bei Jugendlichen mit speziellem Fokus auf tragbare Musikabspielgeräte: Die OHRKAN Kohortenstudie (Annegret Dreher, Veronika Weilnhammer, Doris Gerstner, Lana Hendrowarsito, Dorothee Twardella, Christina Reiter, Carmelo Perez-Alvarez, Thomas Steffens, Caroline Herr, Stefanie Heinze)
Abstract:
Zielsetzung
Ziel der Analyse ist, Erkenntnisse über das mit Lärmexposition verbundene Freizeitverhalten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu gewinnen sowie Veränderungen im Zeitverlauf aufzuzeigen. Weiterhin sollen besonders belastete Gruppen identifiziert werden.

Methoden
Die Analyse basiert auf Daten der OHRKAN Kohortenstudie. Die Exposition von Jugendlichen der neunten Klasse in Regensburg gegenüber Freizeitlärm wurde zum Rekrutierungszeitpunkt (OI) sowie in zwei Follow-Ups jeweils 2,5 Jahre später (OII und OIII) per Fragebogen erhoben. Die Exposition wurde für insgesamt 19 Freizeitaktivitäten anhand von Schalldruckpegeln aus der Literatur und der von den Studienteilnehmern angegebenen Expositionsdauer ermittelt. Riskante Freizeitlärmexposition wird definiert als das Überschreiten von 85dB(A) gemittelt über eine 40-Stunden-Woche.
Prävalenz und Dauer einer riskanten Exposition gegenüber Freizeitlärm wird über die drei Erhebungszeitpunkte dargestellt. Die Longitudinalanalyse mit Bestimmung möglicher soziodemografischer Determinanten (Alter, Geschlecht, Schulart, Anzahl Geschwister, Migrationshintergrund, Alleinerziehenden Haushalt) riskanter Freizeitlärmexposition erfolgt mittels generalisierter Schätzgleichungen (GEEs). Neben der Gesamtfreizeitlärmexposition wird insbesondere die Exposition durch tragbare Musikabspielgeräte (PLDs) betrachtet.

Ergebnisse
Auswertbare Daten zur Freizeitlärmexposition lagen zum Zeitpunkt OI von 2143, in OII von 1707 und in OIII von 1307 Schülern vor. Der Anteil mit einem Lärmpegel von mehr als 85dB(A) an lag zu OI bei 42%, zu OII bei 73% und zu OIII bei 64%. Die Bedeutung von Diskothekenbesuchen für die Freizeitlärmexposition nahm mit steigendem Alter der Jugendlichen zu, während andere Aktivitäten wie das Musikhören über PLDs oder das Ballspielen in Turnhallen an Bedeutung verloren. Als Determinanten für riskante Exposition gegenüber dem Freizeitlärm und im Speziellen durch PLDs konnten niedrigere Bildung, ein Alleinerziehenden-Haushalt und männliches Geschlecht zum Rekrutierungszeitpunkt ermittelt werden. Zusätzlich war eine hohe Lärmexposition durch PLDs mit einem Migrationshintergrund assoziiert.

Schlussfolgerungen
Die gewonnenen Ergebnisse dienen der Anpassung und Erweiterung von Präventionsprogrammen. So sollten diese den identifizierten Risikogruppen angepasst und demnach vor allem in Mittel- und Realschulen durchgeführt werden und verstärkt männliche Jugendliche und solche mit Migrationshintergrund ansprechen

Frau Annegret Dreher

Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL Bayern)

Kombinierte Exposition gegenüber mehreren Verkehrslärm-Quellen – ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile? (Andreas Seidler, Janice Hegewald, Anna Lene Seidler, Melanie Schubert, Hajo Zeeb)
Abstract:
Hintergrund: Viele Menschen sind an ihrem Wohnort mehreren Verkehrsquellen gleichzeitig gegenüber ausgesetzt. In einer großen sekundärdatenbasierten Fall-Kontroll-Studie wurde die kombinierte Wirkung der gleichzeitigen Exposition gegenüber verschiedenen Quellen von Verkehrslärm untersucht.

Methoden: Die Exposition gegenüber Fluglärm, Straßen- und Schienenverkehrslärm im Jahr 2005 wurde für die Versicherten von drei großen gesetzlichen Krankenkassen im Rhein-Main-Gebiet adressgenau abgeschätzt. Basierend auf Diagnose- und Verschreibungsdaten wurden 130.945 Fälle mit neu (zwischen 2006 und 2010) diagnostizierten Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD, einschließlich Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz und hypertensiver Herzerkrankung) mit 636.162 Kontrollpersonen verglichen. Weiterhin wurden 77.295 Fälle mit neu diagnostizierter Depression mit 578.246 Kontrollpersonen verglichen. Mit dem Akaike Information Criterion (AIC) wurde das energetische Summationsmodell mit dem „epidemiologischen Risikomultiplikationsmodell“ hinsichtlich der Abbildungsgüte von Kombinationseffekten mehrerer Verkehrslärmquellen verglichen.

Ergebnisse: Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionsrisiken bei kombinierter Einwirkung von Fluglärm, Straßen- und Schienenverkehrslärm lassen sich mit einem epidemiologischen Risikomultiplikationsmodell erheblich besser abbilden als mit der konventionellen energetischen Summation der einzelnen Schalldruckpegel. Bei der Anwendung eines Risikomultiplikationsmodells ergibt sich die höchste CVD-Risikoerhöhung von 22% bei gleichzeitiger Exposition gegenüber 71,2 dB Straßenverkehrslärm (24-h-Schallpegel), 80,7 dB Eisenbahnlärm und 47,0 dB Fluglärm. Die entsprechende CVD-Risikoerhöhung bei konventioneller energetischer Pegelsummation würde in diesem Beispiel demgegenüber lediglich 12,5% betragen.

Schlussfolgerungen: Herz-Kreislauf-Risiken wie auch Depressionsrisiken sind bei der kombinierten Exposition gegenüber verschiedenen Verkehrslärm-Quellen offenbar deutlich höher, als man es ausgehend von der konventionellen energetischen Summation von Schalldruckpegeln erwarten würde. Lärmschutzmaßnahmen sollten die Kombinationseffekte der gleichzeitigen Exposition gegenüber verschiedenen Verkehrsquellen berücksichtigen.

Danksagung: Die NORAH Fallstudie wurde von der Gemeinnützigen Umwelthaus GmbH, Kelsterbach, unterstützt. Zusätzliche Auswertungen zur Gesamtlärm-Wirkung werden aktuell vom Umweltbundesamt finanziert.

Herr Prof. Dr. Andreas Seidler

Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin (IPAS), Med. Fakultät der TU Dresden

Thursday
08 Mär 2018
13:45 - 15:15

Chron. Erkrankung

Arbeit mit chronischen Erkrankungen
Room: Hörsaal 8
Chairman 1: Andreas Bahemann | Chairman 2: Christoph Oberlinner
Chancen der beruflichen Wiedereingliederung bei chronischen Krankheiten in Europa – ein systematischer Literaturreview (Eva Esteban, Michaela Coenen, Elizabeth Ito, Carla Sabariego)
Abstract:
Einführung:

Chronische Krankheiten einschließlich psychischer Erkrankungen stellen für soziale Sicherungssysteme starke Belastungen dar. Darüber hinaus ist die Inzidenz dieser Krankheitsgruppen im Steigen begriffen. Eine zeitnahe berufliche Wiedereingliederung soll nicht nur die Sozialsysteme entlasten, sondern auch das individuelle Befinden der Betroffenen verbessern. Es besteht starker Handlungsbedarf zur Verbesserung der Teilhabe von Personen am Arbeitsmarkt. Daher haben einige europäische Staaten Gesetze und Anreize zur Förderung der beruflichen Wiedereingliederung geschaffen und diese teilweise evaluiert.

Ziel dieser Studie in Rahmen des EU-Projektes PATHWAYS war es, eine Übersicht über die Auswirkungen der Eingliederungsförderungen zu erstellen und Einflussfaktoren zu ermitteln.

Methoden:

Die Literaturrecherche wurde in den Datenbanken Medline, PsycINFO, CDR-HTA, CDR-DARE und der Cochrane Library für die Publikationsjahre 2011-2016 durchgeführt. Es wurden Arbeiten gesucht, die Eingliederungsstrategien empirisch untersuchen. Die Suche beschränkte sich auf chronische Krankheiten, einschließlich psychischer Erkrankungen, Krebsleiden, muskuloskelettale Krankheiten, neurologische, respiratorische, kardiovaskuläre und Stoffwechselstörungen. Wesentliche Ergebnis-Parameter waren Arbeitslosen-Status, Wiedereingliederungserfolg, (krankheitsbedingte) Abwesenheitszeiten, Fortführung bzw. Neuaufnahme eines Arbeitsverhältnisses. Eingeschlossene Studien wurden anhand publizierter Checklisten auf Qualitätskriterien geprüft. Nur Publikationen in englischer Sprache wurden einbezogen.

Ergebnisse:

Die Suche in den Datenbanken führte zu 11 947 Treffern. Davon wurden 101 als relevant erachtet. Es wurden 46 qualitative und 37 Studien mit quantitativen Ergebnissen von ausreichender Qualität eingeschlossen. Die Studien bezogen sich auf 13 europäische Länder. Während zwei Arbeiten untersuchten rechtliche Vorgaben, erzielten 81 Publikationen Programme und Dienstleistungen. Eine Verbesserung der arbeitsbezogenen Outcomes wurde berichtet für verschiedende Strategien, wie Individualle Vermittlung und Unterstutzung, arbeitsfokussierte und psychologische/ verhaltensterapeutische Strategien. Die qualitativen Studien wiesen auf eine Vielzahl von Einflußfaktoren hin.

Schlussfolgerung:

Für eine abschliessende Beurteilung ist die Datenlage nicht ausreichend. Für einige Konstellationen in einigen Ländern zeichnet sich ein Trend zur Wirksamkeit ab.

Frau Eva Esteban

Ludwig-Maximilians-Universität München

Internationaler Vergleich der Rehabilitation von Menschen im Erwerbsalter (Esther Rind, Anke Wagner, Kristina Hutterer, Margarete Steiner, Jasminka Godnic-Cvar, Monika A. Rieger, Brigitta Danuser, Susanne Völter-Mahlknecht)
Abstract:

Zielsetzung


Die Arbeitnehmerschaft in Europa wird älter. Dadurch steigt das Risiko ein Gesundheitsproblem zu entwickeln in den aktiven Berufsjahren deutlich an und Arbeitsrehabilitation wird immer wichtiger. Gegenwärtige Entwicklungen im Bereich der Rehabilitation sind von Kostendruck, Personalknappheit und steigenden Anforderungen geprägt. Gleichzeitig streben viele Länder die Verwirklichung des Grundsatzes „Reha vor Rente“ mit dem Ziel einer besseren Arbeitsmarktintegration gesundheitlich beeinträchtiger Menschen an. Ziel der Studie ist die Analyse von Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Rehabilitationsprozess für Menschen im Erwerbsalter zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Methoden


Auf der Grundlage von Expertenmeinungen und einer Literaturanalyse werden die Rehasysteme in ihren Abläufen und gesetzlichen Rahmenbedingungen charakterisiert. Die Ergebnisse dienen der Entwicklung eines Rasters, welches den Rehabilitationsprozess für Menschen im Erwerbsalter nach Indikatoren vergleicht. Eine indikatorbasierte Analyse ermöglicht die Messbarkeit relevanter Kriterien (z.B. Zugang, Leistungen, Arbeitgebereinbindung), anhand welcher länderspezifische Empfehlungen entwickelt werden.

Ergebnisse


Die Zuständigkeiten im Rehabilitationsprozess sind in den Ländern relativ ähnlich, allerdings unterscheidet sich der Ressourceneinsatz deutlich. Außerdem sind Rehabilitationsmaßnahmen in Deutschland eher gesetzesbasiert, in der Schweiz versicherungsorientiert, und Österreich nimmt eine Zwischenposition ein. Es besteht ein großer Verbesserungsbedarf bei der Zusammenarbeit an den Schnittstellen (z.B. zwischen Rehabilitationsträgern und Zuweisern). Unterschiede bestehen bei der Durchführung von Präventions- und Nachsorgeprogrammen.

Schlussfolgerungen


Da die Arbeits- und Sozialordnungen dieser Länder sich in ihrer Entwicklung gegenseitig beeinflusst haben, gibt es inhaltlich wie formell Übereinstimmungen. Dennoch unterscheiden sich die Rehabilitationsprozesse hinsichtlich der beteiligten Personen und ihrer Organisation. Es gibt große Unterschiede zwischen den drei Ländern betreffend Existenz und Rolle der Arbeitsmediziner sowie des Kündigungsschutzes im Krankheitsfall. Der Vergleich der drei Rehasysteme kann zur Weiterentwicklung der verschiedenen Systeme beitragen. Auf der Grundlage bisheriger Ergebnisse und der anstehenden Indikatorenanalyse können länderspezifische Empfehlungen für die Gestaltung des Rehabilitationsprozesses entwickelt werden.

Frau Esther Rind

Bedingungsfaktoren für den Umgang mit Asthma am Arbeitsplatz – Eine qualitative Studie (Katherina Heinrichs, Patricia Vu-Eickmann, Stefan Hummel, Jalal Gholami, Adrian Loerbroks)
Abstract:
Kurzfassung
Erfolgreiches Asthma-Selbstmanagement ist von bestimmten Bedingungsfaktoren abhängig. Diese wurden im Rahmen einer qualitativen Studie und mit speziellem Fokus auf den Arbeitsplatz untersucht. Von zentraler Bedeutung scheinen soziale Unterstützung und Handlungsspielraum zu sein.
Schlüsselwörter:
Chronische Erkrankung; Selbstmanagement.

Einleitung
Asthma bronchiale kann Betroffene in ihrem alltäglichen Leben erheblich einschränken, mit einem effektiven Selbstmanagement aber gut kontrolliert werden [1]. Die Umsetzbarkeit dieses Selbstmanagements im Alltag – insbesondere im beruflichen – hängt von Kontextfaktoren ab [2]. Die möglichen Determinanten erfolgreichen Asthma-Selbstmanagements am Arbeitsplatz wurden in dieser Studie untersucht.

Methoden
Es wurden qualitative Einzelinterviews mit berufstätigen Personen mit Asthma geführt, die über zwei Rehabilitationskliniken rekrutiert wurden. Neben dem Interviewleitfaden diente ein Kurzfragebogen der Erfassung zusätzlicher Daten. Die verschriftlichten Gespräche wurden mithilfe der Analysesoftware MAXQDA und entsprechend der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet [3].

Ergebnisse
Die Auswertung der 27 geführten Interviews ergab, dass vor allem psychosoziale Faktoren wie Unterstützung bzw. Konflikte am Arbeitsplatz und Handlungsspielräume das Selbstmanagement, z. B. die Auslöservermeidung oder den Umgang mit akuten Symptomen, beeinflussen.

Diskussion
Die Determinanten erfolgreichen Asthma-Selbstmanagements stellen sich sehr vielschichtig dar. Von zentraler Bedeutung scheinen Konzepte wie soziale Unterstützung und Handlungsspielraum zu sein, die Elemente gängiger psychologischer Stressverarbeitungsmodelle darstellen.

Schlussfolgerung
Unsere Erkenntnisse können den Ausgangspunkt für quantitative Erhebungen und die Überprüfung der beobachteten Zusammenhänge bilden mit dem möglichen langfristigen Ziel einer Interventionsentwicklung und -erprobung.

Referenzen
Kotses H, Creer T. Asthma self-management. In: Harver A, Kotses H, editors. Asthma, health and society. New York: Springer; 2010. p. 117-39.
Mammen J, Rhee H. Adolescent asthma self-management: a concept analysis and operational definition. Pediatric allergy, immunology, and pulmonology. 2012;25(4):180-9.
Mayring P. Qualitative Inhaltsanalyse. Weinheim: Beltz; 2010.

Frau Katherina Heinrichs

Institut für Arbeitsmedizin und Sozialmedizin, Centre for Health and Society, Medizinische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Verhaltensprävention bei Depression – Der Einfluss von Stigmatisierung auf die Umsetzung gelernter Strategien am Arbeitsplatz bei Rückkehr nach depressiver Episode (Petra Maria Gaum, Franziska Brey, Jessica Lang)
Abstract:
Zielsetzung: Eine depressive Episode stellt in Deutschland einen häufigen Grund für Produktionsausfall aufgrund von langer Arbeitsunfähigkeit dar. Nach einer depressiven Episode nehmen 85% der Betroffenen wieder am Erwerbsleben teil (Simon et al., 2000). Um dauerhaft arbeitsfähig zu bleiben, lernen Betroffene im Rahmen der Rehabilitation Strategien, um sich vor einem Rezidiv zu schützen. Betroffene berichten, dass sie die gelernten Strategien am Arbeitsplatz nicht umsetzen können (Martin et al., 2009). Die Angst vor Stigmatisierung könnte ein Grund hierfür sein. In Anlehnung an die Theorie des geplanten Verhaltens wird in dieser Arbeit untersucht, wie die Erwartung und Erfahrung von Stigmatisierung die Umsetzung der gelernten Strategien am Arbeitsplatz beeinflusst.
Methoden: Zur Datenerhebung wurde ein Online-Fragebogen über die Deutsche Depressionsliga, Selbsthilfegruppen und soziale Netzwerke verteilt. Es wurden 113 Teilnehmende ohne akute depressive Episode in die Analyse aufgenommen [m=52(27.8%); Alter: MW=42.3, SD=11.3]. Die gelernten Strategien wurden offen erfragt. Als relevante Variablen sind die Umsetzungsabsicht, die tatsächliche Umsetzung, die Erwartung und Erfahrung von Stigmatisierung und Depression mit zum Teil angepassten standardisierten Fragebögen erhoben worden. Zur Moderationsanalyse wurden hierarchische Regressionen gerechnet.
Ergebnisse: Die Umsetzungsabsicht ist positiv (β=.44, p<.001) und Stigmatisierung negativ (β=-.22, p=.02) mit der Umsetzung korreliert. Die Moderation ist signifikant. Stigmatisierung beeinflusst den Zusammenhang von Umsetzungsabsicht und der Umsetzung (β=.25, p<.01). Bei geringer Umsetzungsabsicht führt Stigmatisierung zu geringerer Umsetzung, während Stigmatisierung bei hoher Umsetzungsabsicht keinen Einfluss auf die Umsetzung hat. Dabei zeigt sich, dass die Erwartung von Stigmatisierung (β=.25, p<.01) einen größeren Einfluss hat als die Erfahrung von Stigmatisierung (β=.16, p=.09).
Schlussfolgerung: Die Erwartung von Stigmatisierung hat einen negativeren Einfluss auf die Umsetzung von gelernten Strategien als tatsächlich erlebte Stigmatisierung. Dabei ist zu beachten, dass nur Strategien untersucht wurden, die sich auf das Verhalten der Teilnehmenden beziehen (z.B. „nein“-Sagen). Damit Beschäftigte nach depressiver Episode bei Rückkehr in das Erwerbsleben die gelernten Strategien umsetzen, ist es wichtig das Thema Stigmatisierung anzusprechen und mit ihnen gemeinsam die Angst vor Stigmatisierung zu reduzieren.

Frau Dr. rer. medic. Petra Maria Gaum M.Sc.

RWTH Aachen University

Leistungsfähigkeit von Frauen (> 40 Jahre) mit bzw. ohne COPD bei arbeitstypischen Tätigkeiten (Stephanie Schneider–Lauteren, Ines L. Giesser, Sandra Laux, Ulrike Brückner, MPH, Joachim Schneider)
Abstract:

Zielsetzung


Arbeits- und sozialmedizinisch sind objektive Verfahren zur Abschätzung von Leistungseinschränkungen erforderlich. Bei Frauen über 40 Jahren mit bzw. ohne COPD soll die Leistungsfähigkeit mittels standardisierter Spiroergometrie und arbeitstypischen Tätigkeiten verglichen werden.

Methoden


Bei 32 Gesunden und 20 COPD-Patientinnen (GOLD-Stadien: 7x A, 11x B, 2x D) wurden in definierten Tätigkeiten beim Sitzen, Gehen, Heben, Bodenwischen und Treppensteigen mit Gewichten (Teilmobilitätsprüfung) die Leistungsfähigkeit, Sauerstoffaufnahme, Herzfrequenz, Ventilation und Atemfrequenz bestimmt. Die Ergebnisse wurden mit der standardisierten Spiroergometrie unter maximaler Belastung verglichen.

Ergebnisse


COPD-Patientinnen zeigten gegenüber gesunden Probandinnen bei der maximalen Belastung (89 vs. 117 W; p=0,002), Sauerstoffaufnahme (1289 vs. 1509 ml/min; p=0,025), Herzfrequenz (136 vs. 155/min; p<0,001) signifikant niedrigere Werte. Gleiches gilt für die Gehstrecke (567 vs. 622m; p=0,016), Heben schwerer Lasten (81 vs. 108 m; p=0,01) und Treppensteigen (176 vs. 255 Stufen; p=0,001). Das ventilierte Volumen war hingegen bei allen arbeitstypischen Tätigkeiten signifikant erhöht: Sitzen (15,9 vs. 19 l/min; p=0,015), Gehen (28 vs. 35 l/min; p=0,016), Heben (30 vs. 35 l/min; p=0,012), Bodenwischen (26 vs. 30 l/min; p=0,028).

Schlussfolgerungen


COPD Patientinnen sind bei der maximalen Spiroergometrie eingeschränkt aber auch bei arbeitstypischen Belastungen. Berufsspezifische Tätigkeiten lassen sich über einen standardisierten Parcour simulieren und somit im BEM zumutbare Arbeitsplätze abschätzen.

Frau Dr. Stephanie Schneider–Lauteren

Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der Justus-Liebig Universität Gießen am UKGM

Arbeitsfähigkeit bei Teilnehmern des berufsgenossenschaftlichen Heilverfahrens der Klinik Wartenberg mit chronischer Hepatitis (Claudia Westermann, Dana Wendeler, Albert Nienhaus)
Abstract:

Zielsetzung

Infektionen mit Hepatitis-B- und C-Viren (HBV und HCV) gehören zu den häufigsten Infektionskrankheiten weltweit. Sie verursachen potenziell schwere Krankheitsverläufe, die zu Berufsunfähigkeit und zum Tod führen können. Ziel dieser Studie ist es, zu untersuchen, wie sich Maßnahmen der Heilbehandlung auf die Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität von Beschäftigten im Gesundheitswesen mit chronischer Hepatitis B/C auswirken.

Methoden


Prospektive Evaluationsstudie mit 3 Erhebungszeitpunkten (vor, direkt und sechs Monate nach der Rehabilitation) ohne externe Kontrollgruppe. Beschäftigte Im Gesundheitswesen mit einer chronischer Hepatitis B/C, die zwischen April 2015 und Juni 2017 am berufsgenossenschaftlichen Heilverfahren der Klinik Wartenberg teilgenommen haben, wurden schriftlich befragt und klinisch untersucht. Anhand eines standardisierten Fragebogens wurden Angaben zur Arbeitsfähigkeit (WAI) erfasst. Es erfolgt eine Deskription der Population und ein Vorher-Nachher-Vergleich der Arbeitsfähigkeit.

Ergebnisse


Von April 2015 bis einschließlich Juni 2017 haben 156 Versicherte am Heilverfahren an der Befragung teilgenommen. Das entspricht einer Teilnahmequote von 66 % bei der Baseline-Befragung. Bislang haben 153 Teilnehmer die Befragung direkt nach Rehabilitation bzw. 120 sechs Monaten danach abgeschlossen. Vor Beginn des Heilverfahrens waren 75 % der Teilnehmer weiblich, das Durchschnittalter betrug 62 Jahre (52-78, SD 9,2). Hauptsächlich hatten die Teilnehmer eine chronische Hepatitis C (82,5 %), nur eine Person war HBV/HCV-Ko-infiziert. Die Mehrheit der Versicherten (94 %) hatte eine Minderung der Erwerbstätigkeit. Sechzig Prozent (60 %) hatten eine Fibrose, 33 % eine Zirrhose, zwölf Teilnehmer ein Leberzellkarzinom und neun hatten bereits eine Lebertransplantation. Der Anteil der Berufstätigen betrug 40 % (78). Die derzeitige Arbeitsfähigkeit gemessen mit dem WAI (Einzelitem) betrug im Mittel 6,93 (6,57-7,30). Direkt nach der Reha stieg der Wert auf 7,26 (6,81-7,71). Mehr als 90 % waren mit dem Verlauf der Reha zufrieden.

Schlussfolgerungen


Bei den Teilnehmern an dem berufsgenossenschaftlichen Heilverfahrens der Klinik Wartenberg handelt es sich überwiegend um Versicherte mit einer fortgeschrittenen Hepatitis und einer stark eingeschränkten Arbeitsfähigkeit. Nach der Reha kam es nur zu einer geringfügigen Steigerung der Arbeitsfähigkeit. Dennoch waren die Teilnehmer mit der Reha zufrieden.

Frau Claudia Westermann

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Thursday
08 Mär 2018
15:30 - 17:00

Ruhestand

Arbeit und Ruhestand
Room: Hörsaal 8
Chairman 1: Hans Martin Hasselhorn | Chairman 2: Andreas Müller
Wie krank ist die Erwerbsbevölkerung in Deutschland? - und kann man hierzulande „mit Krankheit arbeiten“? (Hans Martin Hasselhorn, Lars Eric Kroll, Hermann Burr)
Abstract:

Zielsetzung


Arbeitsschutz hat meist Erhalt und Sicherung der Gesundheit der Beschäftigten im Blick. Das „Arbeiten trotz Krankheit“ wird weniger thematisiert, obwohl dies die Lebensrealität vieler Menschen darstellt. Wie vieler Erwerbstätiger eigentlich genau? Und was bedeutet dies für ihre Arbeitsfähigkeit (AF)? Aktuelle Daten erlauben Antworten.

Methoden


Die Analysen basieren auf bevölkerungsrepräsentativen Daten der Befragung „Gesundheit in Deutschland aktuell 2014/15“ des Robert Koch-Instituts. Drei Krankheitsindikatoren wurden untersucht: „selbst berichtete allgemeine Gesundheit“ (SG, single item, „s. gut/gut“ vs. „mittelmäßig/s. schlecht“), Vorliegen einer „chronischen Krankheit“ (ChrK, „ja“ vs. „nein“), Anzahl AU-Tage in 12 Monaten (AU, „keine“ vs. „1+“). AF wurde mittels „WAI-Score“ erfasst (single item, 7-10 P = „hoch“, <7 P = „niedrig“). Gewichtete deskriptive Analysen mit SPSS 24.

Ergebnisse


22 % aller Befragten berichten eine schlechte SG (Tab. 1), die knappe Hälfte von diesen (10 % aller) hat dabei jedoch eine gute AF. 38 % berichten eine ChrK und mehr als die Hälfte (24 % aller) dabei eine gute AF. Mindestens eine AU berichten 62 %, meistens mit guter AF (44 % aller). Mit zunehmender Altersgruppe nehmen die Prävalenzen für schlechte SG und ChrK zu, für AU ab (!). Die Wahrscheinlichkeit guter AF bei ungünstiger Gesundheit nimmt mit zunehmender Altersgruppe ab.

Diskussion
Die Prävalenz der Morbiditätsindikatoren schwankt je nach Indikator, hier zw. 22 und 63 %. Dies stützt Theorie und Befunde von Wikman (2005), dass verschiedene Gesundheitsmaße verschiedene Aspekte von Morbidität erfassen. Es wird zudem deutlich, dass „Arbeit mit Krankheit“ eine häufige betriebliche Realität darstellt und dabei oft mit hoher AF verbunden ist – auch im höheren Alter.

Schlussfolgerungen


Bei Public Health Studien und Analysen sollte die Auswahl des Gesundheitsindikators begründet vorgenommen werden. Die Frage, wie die vielen Menschen mit Gesundheitsproblemen hierzulande arbeiten, verdient mehr betriebliche und wissenschaftliche Aufmerksamkeit.
Referenz
[1] Wikman et al. (2005) J Epidemiol Community Health 2005;59:450-454
Korrespondenz-Adresse
Hans Martin Hasselhorn, Bergische Universität Wuppertal, Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft
Gaußstraße 20, 42119 Wuppertal

Herr Prof. Hans Martin Hasselhorn

Bergische Universität Wuppertal, Fachgebiet Arbeitswissenschaft

Hans Martin Hasselhorn ist Facharzt für Arbeitsmedizin und seit September 2015 Inhaber des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Er hat in Freiburg und Göteborg Humanmedizin studiert, von 1992 bis 1997 am Universitätsklinikum Freiburg gearbeitet und ist von 1997 bis 1999 als Marie-Curie-EU-Stipendiat am Karolinska Institute in Stockholm in der Arbeitsstressforschung tätig gewesen. Von 1999 bis 2009 war er an der Bergischen Universität Wuppertal im Bereich Arbeitsmedizin tätig, danach leitete er den Forschungsfachbereich „Arbeit und Gesundheit“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist heute der Themenkomplex „Arbeit, Alter, Ge-sundheit und Erwerbsteilhabe“. Zu den von ihm initiierten Forschungsprojekten zählen die Europäischen NEXT-Studie (www.next-study.net) sowie die deutsche Alterskohortenstudie lidA („leben in der Arbeit“, www.lidA-studie.de). Von 2014 - 2015 koordinierte er das internationale Projekt “Understanding Employment Participation of Older Workers”, JPI UEP (http://www.jp-demographic.eu/about/fast-track-projects/understanding-employment).

Wie stabil ist die Arbeitsfähigkeit älterer Beschäftigter? - Längsschnitt-Ergebnisse aus der lidA-Studie (Melanie Ebener, Michael Stiller)
Abstract:

Zielsetzung


Die Arbeitsfähigkeit (AF) älterer Beschäftigter, erhoben mit dem Work Ability Index (WAI), ist seit langem Gegenstand epidemiologischer Forschung. An deutschen Stichproben zeigten Ebener et al. (2011), dass Dim. 2 des WAI (WAI2) als gutes proxy-Maß gelten kann. Für Deutschland liegen bislang keine repräsentativen Daten zur Verteilung und zum Verlauf von Arbeitsfähigkeit (gemessen mit WAI2) unter älteren Beschäftigten vor. Mit Befragungsdaten aus der lidA-Studie (www.lida-studie.de) an Personen ab 46 Jahren wird untersucht, wie sich AF verteilt und mit welcher Stabilität über drei Jahre zu rechnen ist.

Methoden


3.907 Personen der Geburtsjahre 1959 und 1965 waren 2011 (W1) und 2014 (W2) erwerbstätig und machten Angaben zur Arbeitsfähigkeit. Die Stichprobe ist in hohem Maß repräsentativ für SV-pflichtige Beschäftigte dieses Alters. Untersucht wurde a) Verteilung und Veränderung von WAI2 (kategorisiert in sehr hoch 9 – 10; hoch 7 – 8,5; mäßig 5 – 6,5; niedrig 2 – 4,5). Getrennt nach Alterskohorten wurden analysiert b) Mittelwertstabilität (Wilcoxon-Paarvergleichstest W1/W2), c) Rangstabilität (Rangkorrelation W1/W2), d) Verteilung der Differenzen W1 – W2 in der Gesamtstichprobe.

Ergebnisse


Ergebnisse zu a) zeigt Abb. 1. In beiden Wellen war hoch die häufigste Ausprägung. b) Im Mittel sank AF in beiden Kohorten von W1 zu W2 signifikant (M1965 von 8,1 auf 8,0; M1959 von 8,0 auf 7,8). C) Die Rangkorrelationen waren mittelhoch (rho1965 = .48, rho1959 = .51) und signifikant. D) Die Differenzen W1 - W2 lagen zwischen -6 und +7, wobei in beiden Kohorten rund 60 % der Fälle eine Differenz von max. +/- 1 Punkt aufwiesen.
Abb. 1: Verteilung und Veränderung der Arbeitsfähigkeit 2011 (t1) bis 2014 (t2), Fallzahlen in Kategorien

Schlussfolgerungen


Die Verteilung von WAI2 zeigt den vom WAI bekannten Deckeneffekt. AF nimmt über 3 Jahre hinweg im Mittel ab, in der älteren Kohorte im Umfang von 2,4 % des Wertebereichs deutlicher als in der jüngeren (dort 1,4 %). WAI2 zeigt über 3 Jahre mittlere Rangstabilität. Dies geht damit einher, dass Erwerbstätige mit niedriger oder mäßiger AF zu t1 gegenüber solchen mit hoher oder sehr hoher AF ein rund dreifaches Risiko haben, 3 Jahre später erneut niedrige oder mäßige AF zu haben. Hier zeichnen sich langfristig problematische Entwicklungen und ein stark erhöhter Präventionsbedarf ab. Ausblick: Der Längsschnitt beider Kohorten wird in W3 (2017) fortgeschrieben. Determinanten unterschiedlicher Stabilität von AF sollen künftig identifiziert werden.
Quelle:
Quelle Ebener, Hardt, Galatsch, Hasselhorn. (2011).

Frau Melanie Ebener

Bergische Universität Wuppertal, Fachgebiet Arbeitswissenschaft, Wuppertal

Bildung und Gedanken an vorzeitige Erwerbsaufgabe bei älteren Arbeitnehmern – Ergebnisse der prospektiven lidA-Kohortenstudie (Jean-Baptist du Prel, Daniela Borchart, Hans Martin Hasselhorn)
Abstract:

Zielsetzung


Arbeitnehmer unterscheiden sich in ihrem Bildungsstand, wodurch wiederum unterschiedliche Arbeitsbedingungen einhergehen können. Beides könnte bei älteren Arbeitnehmern Einfluss auf die Motivation zum Erwerbsverbleib haben. Das ist vor dem Hintergrund des demographischen Wandels mit alternden Belegschaften relevant. Untersuchungsziel ist, ob sich ältere Arbeitnehmer aus unterschiedlichen sozialen Gruppen in ihrer Motivation zum vorzeitigen Erwerbsausstieg sowie deren Determinanten unterscheiden.

Methoden


3961 deutsche, sozialversicherungspflichtige Beschäftigte der Geburtsjahrgänge 1959 und 1965 der prospektiven lidA (leben in der Arbeit, www.lida-studie.de) - Kohortenstudie, welche zu beiden Studienwellen (2011, 2014) erwerbstätig waren, wurden mittels multipler logistischer Regression bezüglich der Häufigkeit von Gedanken an vorzeitige Erwerbsaufgabe (GvE: „mindestens einige Male pro im Monat“ vs. seltener) analysiert. Der Sozialstatus wurde mittels Bildung und Berufsausbildung parametrisiert. Interaktionen zwischen Bildungsstatus und demographischen, arbeitsbezogenen und nicht-arbeitsbezogenen Variablen wurden untersucht. Bei signifikanten Interaktionen erfolgte eine stratifizierte Analyse.

Ergebnisse


Es zeigte sich ein signifikanter Unterschied in beiden Alterskohorten (1959, 1965) in der Assoziation von Bildung auf GvE (p=0,034): Ein niedriger Bildungsstand prädizierte bei der jüngeren Arbeitnehmerkohorte stärker GvE (OR1965=4,63; 95%-KI [2,76; 7,78]) als bei der älteren (OR1959=1,96; 95%-KI [1,32; 2,91]). Die meisten arbeitsbezogenen Determinanten und deren Veränderung über die Zeit waren signifikant mit GvE assoziiert. Es fanden sich keine signifikanten Interaktionen zwischen den arbeitsbezogenen und nicht-arbeitsbezogenen Variablen und Bildung in Bezug auf GvE.

Schlussfolgerungen


Belastende Arbeitsumstände waren mit GvE assoziiert. Der Zusammenhang von Bildung und Erwerbsverbleibintention wurde durch das Alter moderiert, nicht aber durch arbeitsbezogene Faktoren. Diese Erkenntnisse könnten hilfreich bei der Entwicklung betrieblicher Maßnahmen zur Förderung des Erwerbsverbleibs älterer Arbeitnehmer sein.

Herr Dr., MPH Jean-Baptist du Prel

Motivation zum Erwerbsverbleib bei älteren Arbeitnehmern mit und ohne Migrationshintergrund -Ergebnisse der lidA-Studie (Jean-Baptist du Prel, Nina Garthe, Christine Schrettenbrunner, Hans Martin Hasselhorn)
Abstract:

Zielsetzung


Immigration wird aktuell in Deutschland als eine Möglichkeit der Kompensation einer schrumpfenden und alternden Arbeitnehmerschaft diskutiert. Viele Arbeitnehmer mit und ohne Migrationshintergrund werden in den kommenden Jahren das gesetzliche Rentenalter erreichen. Vor diesem Hintergrund ist die Frage interessant, ob sich Beschäftigte mit Migrationshintergrund in der 1. und 2. Generation von Arbeitnehmern ohne Migrationshintergrund hinsichtlich ihrer Motivation zum Erwerbsverbleib unterscheiden und welche Faktoren ggfs. die Unterschiede erklären können.

Methoden


3961 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte der Geburtsjahrgänge 1959 und 1965 mit und ohne Migrationshintergrund, die in beiden Studienwellen in Arbeit waren, wurden in der prospektiven lidA(leben in der Arbeit, www.lida-studie.de)-Kohortenstudie hinsichtlich ihres gewünschten Erwerbsausstiegsalters befragt. Mittels multipler logistischer Regression wurde auf Unterschiede in der Erwerbsausstiegsintention (< 65 vs. ≥ 65 Jahre) bei Arbeitnehmern mit und ohne Migrationshintergrund getestet. Durch Produktbildung im multiplen Model wurde auf Interaktionen zwischen Migrationshintergrund und soziodemographischen, arbeitsbezogenen und nicht-arbeitsbezogene Faktoren getestet.

Ergebnisse


Die Beobachtung, dass Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund in der 1. Generation signifikant seltener vor dem Alter von 65 Jahren aus dem Erwerbsleben auszuscheiden wollten, konnte nach Stratifizierung für Bildung spezifiziert werden: Es zeigte sich, dass der Messeffekt nur auf Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund in der 1. Generation mit niedrigem Bildungsstand zurückzuführen war, welche deutlich seltener den Wunsch äußerten vor 65 aus dem Erwerbsleben auszuscheiden (OR=0,35 [95%-CI: 0,18-0,66]). In diesem Bildungsstratum fanden sich zudem signifikante Interaktionen von Migrationshintergrund zu arbeitsbezogenen Variablen (ERI, quantitative Anforderungen).

Schlussfolgerungen


Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund in der 1. Generation mit niedrigem Bildungsstand äußerten eher den Wunsch, bis mindestens 65 Jahre zu arbeiten, als ihre Kollegen gleichen Bildungsstandes ohne Migrationshintergrund. Dies ist mit Beobachtungen aus anderen Ländern vergleichbar. Der Unterschied in der Erwerbsverbleibmotivation interagierte mit arbeitsbedingten Faktoren. Diese Beobachtungen könnten für sozialpolitische Entscheidungsträger interessant sein.

Herr Dr., MPH Jean-Baptist du Prel

Wer will (nicht) und kann (nicht) „länger“ erwerbstätig sein? Charakterisierung von Gruppen älterer Erwerbstätiger mittels GEDA 2014/15-EHIS (Hans Martin Hasselhorn, Lars Eric Kroll, Hermann Burr)
Abstract:

Zielsetzung


Nur wenige Erwerbstätige der Baby-Boomer-Generation meinen, dass sie bis zum Regelrenteneintrittsalter höhere Erwerbsalter erwerbstätig sein können oder gar wollen. Was charakterisiert eigentlich die Erwerbsgruppen der Baby-Boomer, die meinen, nicht mehr die letzten Jahre vor der Rente erwerbstätig sein zu wollen oder können?

Methoden


GEDA 2014/2015-EHIS ist ein repräsentativer Gesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts. Daten von 3506 Erwerbstätigen im Alter von 50 und 59 Jahren verwendet. Antworten auf die offenen Fragen „Was meinen Sie, wie lange KÖNNEN Sie arbeiten?“ bzw. „… WOLLEN Sie arbeiten?“ wurden zw. 62 und 63 Jahren dichotomisiert und vier Gruppen gebildet: KÖNNEN und WOLLEN länger als bis zum 62. Lj (+K/+W, n=1836, Referenz), KÖNNEN, aber nicht WOLLEN (+K/-W, n=807), nicht KÖNNEN, aber WOLLEN (-K/+W, n=214) und nicht KÖNNEN und nicht WOLLEN (-K/-W, n=649). Die drei letztgenannten Gruppen wurden mittels LogReg.-Analysen mit der Referenzgruppe verglichen. Wg. Stichprobengewichten und -design wurde SPSS „Complex Samples“ verwendet.


Ergebnisse


Die Ergebnisse (Tab.) deuten an, dass die Gruppe +K/-W im Vgl. zur Referenzgruppe (+K/+W) weniger Personen mit niedrigem SES und hoher körperlicher Arbeitsexposition umfasst, dafür eher Zeitdruck auftritt und geringes Vertrauen auf Informationen v. Vorgesetzten. In beiden Gruppen -K/+W und -K/-W fanden sich mehr Frauen, mehr Personen mit schlechter Gesundheit, mehr Heben/Tragen, mehr Schichtdienst und ein geringes Vertrauen z. Vorgesetzen. In der Gruppe -K/+W wird im Vgl. zur Referenzgruppe häufiger unter Zeitdruck gearbeitet und in -K/-W waren Personen mit niedrigem SES sowie chronischer Krankheit eher vertreten als in der Referenzgruppe.

Diskussion
Gruppen unterschiedlicher Erwerbsperspektive lassen sich durchaus charakterisieren durch a) stabile Merkmale wie Geschlecht und sozialem Status, sowie veränderliche Merkmale wie b) Gesundheit und c) Arbeitsfaktoren. Einzige Gemeinsamkeit der drei Nicht-Referenzgruppen gegenüber denen, die länger arbeiten können und wollen, ist das oft geringere Vertrauen auf Informationen des Vorgesetzten.

Schlussfolgerungen


Die Befunde bestätigen, dass Erwerbsteilhabe im höheren Erwerbsalter „komplex“ ist und betonen hierbei das Verhältnis zum Vorgesetzten. Die subj. Erwerbsperspektive ist jedoch nicht gleichzusetzen mit realer Erwerbslänge. Die Arbeitswissenschaft muss die Erwerbsverläufe dieser Gruppen und deren Auswirkungen weiter verfolgen.

Herr Prof. Hans Martin Hasselhorn

Bergische Universität Wuppertal, Fachgebiet Arbeitswissenschaft

Hans Martin Hasselhorn ist Facharzt für Arbeitsmedizin und seit September 2015 Inhaber des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Er hat in Freiburg und Göteborg Humanmedizin studiert, von 1992 bis 1997 am Universitätsklinikum Freiburg gearbeitet und ist von 1997 bis 1999 als Marie-Curie-EU-Stipendiat am Karolinska Institute in Stockholm in der Arbeitsstressforschung tätig gewesen. Von 1999 bis 2009 war er an der Bergischen Universität Wuppertal im Bereich Arbeitsmedizin tätig, danach leitete er den Forschungsfachbereich „Arbeit und Gesundheit“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist heute der Themenkomplex „Arbeit, Alter, Ge-sundheit und Erwerbsteilhabe“. Zu den von ihm initiierten Forschungsprojekten zählen die Europäischen NEXT-Studie (www.next-study.net) sowie die deutsche Alterskohortenstudie lidA („leben in der Arbeit“, www.lidA-studie.de). Von 2014 - 2015 koordinierte er das internationale Projekt “Understanding Employment Participation of Older Workers”, JPI UEP (http://www.jp-demographic.eu/about/fast-track-projects/understanding-employment).

Does the patient need the pill? Zusammenhang der individuellen Handlungsstrategien SOK und Arbeitsfähigkeit bei älteren Beschäftigten mit und ohne gesundheitlicher Einschränkung (Daniela Borchart, Jean-Baptist du Prel, Andreas Müller, Jeannette Weber, Hans Martin Hasselhorn)
Abstract:
Zielsetzung: Da Alter ein bedeutender Risikofaktor für Gesundheitsbeschwerden und verringerte Arbeitsfähigkeit ist, sind ältere Beschäftigte eine besondere Zielgruppe für die betriebliche Präventionsarbeit. Fokus personenbezogener Interventionen ist die Förderung von Verhaltensstrategien, die Beschäftigten nutzen sollen, anfallende Aufgaben adäquat zu bewältigen und negative Auswirkungen abzuwehren. Untersuchungsziel war es, zu erforschen, ob und wann die Handlungsstrategien Selektion, Optimierung und Kompensation (SOK) mit der Arbeitsfähigkeit (AF) älterer Beschäftigter zusammenhängen. Annahme war, dass fähigkeitsfördernde Strategien (elektive Selektion, Optimierung) eher bei guter Gesundheit und Strategien, die Ressourcenverlusten entgegenwirken (verlustbasierte Selektion, Kompensation), eher bei schlechter Gesundheit relevant sind.

Methode: Daten von 6339 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der Geburtsjahrgänge 1959 und 1965, die 2011 an der lidA (leben in der Arbeit, www.lida-studie.de) -Kohortenstudie teilnahmen, wurden analysiert. Der Zusammenhang der SOK Strategien und AF (work ability index, Dimension 2) wurde stratifiziert nach dem selbstberichteten allgemeinen Gesundheitsstatus (SF-12; Gruppen: sehr schlecht - schlecht; moderat; gut - sehr gut) mittels linearer Regression untersucht.

Ergebnisse: In allen Gesundheitsgruppen zeigte sich ein signifikanter Effekt der Kompensation auf die AF, wobei der Effekt bei schlechter Gesundheit (ß=.09*; B=.23 [95%-KI:.04-.41]) stärker war, als bei moderater (ß=.06*; B=.12 [95%-KI:.02-.23]) und guter Gesundheit (ß=.08*; B=.18 [95%-KI:.10-.26]). Optimierung war erwartungskonform nur bei Beschäftigten mit moderater (ß=.07**; B=.13 [95%-KI:.04-.23]) und guter Gesundheit (ß=.08***; B=.18 [95%-KI:.10-.25]) signifikant mit AF assoziiert. Elektive und verlustbasierte Selektion hingen in keiner der Gruppen signifikant mit AF zusammen.

Schlussfolgerungen: Handlungsstrategien im Sinne von SOK scheinen für die Arbeitsfähigkeit von älteren Beschäftigten je nach dem Gesundheitszustand teils unterschiedlich relevant zu sein. Die ressourcenverlustorientierte Strategie der Kompensation zeigte über alle Gesundheitsgruppen hinweg einen signifikanten Effekt auf die AF, wohingegen erwartungskonform die gewinnbringende Strategie der Optimierung nur bei moderater und guter Gesundheit relevant erscheint. Diese Effekte sollten zukünftig genauer erforscht werden und könnten bei Interventionen Berücksichtigung finden.

Frau Daniela Borchart

Thursday
08 Mär 2018
10:30 - 12:00

Gefahrstoffe

Gefahrstoffe am Arbeitsplatz
Room: Hörsaal 5
Ambient- und Humanbiomonitoring zur Prävention und Diagnostik von Erkrankungen durch sensibilisierende Arbeitsstoffe-S2 Leitlinie (Lygia Therese Budnik, Xaver Baur, Axel Fischer, Thomas Göen, Gabriele Leng, Astrid Rita Regina Heutelbeck)
Abstract:
Dem Ambient- und Humanbiomonitoring kommt in der Belastungs- und Beanspruchungsanalyse von Beschäftigten mit tätigkeitsbezogenen Beschwerden beim Umgang mit sensibilisierenden Arbeitsstoffen eine wesentliche Rolle zu. Die diagnostischen Anforderungen von Berufsallergien weichen in vielen Punkten von jenen ubiquitärer Allergien ab und kommen somit in der fachübergreifenden Leitlinie zur Allergiediagnostik nur unzureichend zum Tragen. Erforderlich ist eine Festlegung der zu messenden gesundheitlich relevanten aerogenen Komponenten, des Ortes und der Art der Probenahme, der Probenahmedauer und des zu wählenden analytischen Verfahrens (unter Berücksichtigung dessen Nachweisgrenzen). Ansonsten besteht die Gefahr der Unterschätzung der Gefährdung. Beim Biomonitoring ist zwischen den Verfahren der Biologischen Effekt-monitoring (Bestimmung spezifischer IgE/IgG-Antikörper) und dem Belastungsmonitoring zu unterscheiden. Beim Effektmonitoring kommen in der Regel die gleichen Verfahren zum Einsatz wie bei den ubiquitären Allergenen, während das biologische Belastungsmonitoriring im allgemeinen nur für niedermolekulare Allergene verwendet werden kann. Die Auswahl des geeigneten Testverfahrens und der -Substanz erfolgt jeweils unter Berücksichtigung der Arbeitsanamnese, dem klinischen Beschwerdebild und der objektivierten Organbefunde. Desweiteren ist es notwendig, anhand geeigneter Negativkontrollen und valider Qualitätsstandards das Ergebnis des Biomonitorings der Beschäftigten zu plausibilisieren.

Ziele der interdisziplinäre Arbeitsgruppe sind die Definition von Standards der Bestimmung von antigenspezifischen IgE- und IgG- Antikörpern und Antigenkonzentrationen in Arbeitsplatzproben, die bestmögliche Befundinterpretation und die Erweiterung der pathophysiologischen Grundlagenkenntnisse in Bezug auf die Diagnostik von Risken zur Entwicklung von Berufskrankheiten der Nummern 4301, 4302, 1315, 4201, 5101.

Frau Prof. Dr. Lygia Therese Budnik

Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Akute, sensorische Reizeffekte während experimenteller Exposition gegenüber Ammoniak: Reagieren Personen mit Sensibilisierungen gegenüber Umweltallergenen („Heuschnupfen“) stärker? (Marlene Pacharra, Stefan Kleinbeck, Michael Schäper, Meinolf Blaszkewicz, Klaus Golka, Thomas Brüning, Christoph van Thriel)
Abstract:
Zielsetzung
Ein zentrales Ziel der präventiven Arbeitsmedizin ist die Vermeidung von akuten Gesundheitseffekten bei Exposition gegenüber Reizstoffen. Hier sind experimentelle Expositionen mit gesunden Freiwilligen der „Goldstandard“. Epidemiologische Studien zeigen jedoch einen Zusammenhang zwischen allergischer Rhinitis und einer erhöhten Empfindlichkeit für Reizstoffe und Gerüche. Ziel dieser experimentellen Studie war es daher zu prüfen, ob bereits eine saisonale allergische Rhinitis akute, sensorische Reizeffekte einer experimentellen Exposition gegenüber Ammoniak verstärkt und ArbeitnehmerInnen mit „Heuschnupfen“ durch aktuelle Grenzwerte ausreichend geschützt sind.
Methoden
19 Probanden mit saisonaler allergischer Rhinitis und 18 gesunde Kontrollprobanden wurden rekrutiert und außerhalb der Pollensaison gegenüber Ammoniak exponiert. Alle Probanden wurden in einem 28m3 Expositionslabor für jeweils 4h gegenüber zwei Konzentrationen von Ammoniak exponiert (cross-over Design): 2,5 ppm (Geruchsschwelle), 0-40 ppm (MAK: 20 ppm; Spitzenüberschreitungsfaktor: 2). Als physiologische Indikatoren sensorischer Irritationen wurde die Lidschlussfrequenz während der Exposition und das ausgeatmeten Stickstoffmonoxid (FeNO) vor und nach der Exposition herangezogen.
Ergebnisse
Bereits bei der Voruntersuchung war saisonale allergische Rhinitis assoziiert mit erhöhtem Immunglobulin E im Serum (40 vs. 170 kU/l) und erhöhtem FeNO (15,3 vs. 38,5 ppb). Der bestehende Unterschied im FeNO wurde nicht durch die Exposition gegenüber Ammoniak verstärkt. Die Analyse der Lidschlussfrequenz bestätigte, dass 0-40 ppm im Vergleich zu 2,5 ppm Ammoniak die Lidschlussfrequenz statistisch signifikant um ca. 16% erhöhte. Dieser schwache Effekt wurde jedoch nicht, im Sinne einer Effektverstärkung, durch den Allergiestatus der Probanden moduliert. Auch die anderen Indikatoren sensorischer Irritationen zeigten keine stärkeren Reaktionen in der Gruppe der Probanden mit Sensibilisierungen gegenüber Umweltallergenen.
Schlussfolgerungen
Saisonale allergische Rhinitis führte nicht zu einer erhöhten Empfindlichkeit für Reizeffekte während der experimentellen Exposition gegenüber von Ammoniak in Höhe des aktuellen Arbeitsplatzgrenzwertes. Ob dieses Ergebnis auf andere Reizstoffe verallgemeinert werden kann, muss in weiteren Studien für andere Reizstoffe/ andere Stoffklassen (z. B. organische Säuren) und mit ggf. anderen Konzentrationsverläufen (konstante Expositionen) untersucht werden.

Frau Dr. Marlene Pacharra

Sollten gesundheitsbasierte Grenzwerte für Stoffe mit lokaler Reizwirkung die inter-individuelle Variabilität berücksichtigen? (Kirsten Sucker, Frank Hoffmeyer, Birger Jettkant, Christian Monsé, Hans Berresheim, Nina Rosenkranz, Monika Raulf, Jürgen Bünger, Thomas Brüning)
Abstract:
Zielsetzung
Gesundheitsbasierte Arbeitsplatzgrenzwerte (AGW) für Stoffe mit lokaler Reizwirkung basieren überwiegend auf tierexperimentellen Inhalationsstudien und werden unter Verwendung von Extrapolationsfaktoren für die Übertragung vom Tier auf den Menschen festgelegt. Aktuell wird die Frage diskutiert, ob zusätzlich eine Extrapolation für Personen mit einer spezifischen Empfindlichkeit gegenüber lokalen Reizstoffen nötig ist. Erste Ergebnisse einer experimentellen Humanstudie mit Ethylacrylat und Atopikern werden vorgestellt.

Methoden
In einer 4-stündigen experimentellen Humanstudie mit Ethylacrylat (0.05 ppm, 5 ppm, 0-10 ppm) wurden 22 gesunde Freiwillige (11 Frauen) im Alter zwischen 19-34 Jahren untersucht. Das Vorliegen einer Atopie (n=7) wurde mit Hilfe eines positiven Prick-Testergebnisses oder sx1-Inhalationsscreenings (≥ 0,35 kU/L) festgestellt. Subjektiv wahrgenommene Geruchs- und Reizwirkungen wurden mehrfach mit einer visuellen Analogskala zu Beginn, während und am Ende der Exposition erfasst. Zur Objektivierung von Augenreizungen wurde die Lidschlussfrequenz (LF) während der Exposition zu Beginn (7-28 Min.) und Ende (187-208 Min.) erfasst.

Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigten auf subjektiver Ebene starke Geruchseffekte, wobei die Geruchsintensität in der variablen Versuchsbedingung den Expositionsschwankungen folgte und mit zunehmender Expositionsdauer abnahm. In der Geruchskontrollbedingung (0.05 ppm) bewerteten Atopiker den Geruch als intensiver im Vergleich zu Kontrollpersonen. Sensorische Reizeffekte traten vor allem an den Augen auf und verstärkten sich mit zunehmender Expositionsdauer. Am Ende der variablen Bedingung (0-10 ppm) war die LF signifikant erhöht. Unterschiede zwischen Atopikern und Kontrollpersonen waren nicht erkennbar. Eine deutliche Zunahme der LF war vor allem bei Personen mit einer vergleichsweise niedrigen Baseline-LF zu beobachten.

Schlussfolgerung
Bei der Ableitung von AGW für Reizstoffe wird die LF als kritischer Endpunkt verwendet. In der vorliegenden Studie zeigten Personen mit einer vergleichsweise niedrigen Baseline-LF eine signifikante Zunahme der LF im Gegensatz zu Personen mit einer höheren Baseline-LF. Subjektive Bewertungen z.B. von Geruchseffekten werden bislang nicht berücksichtigt. Zukünftige Studien sollten sich verstärkt mit der Identifikation von empfindlichen Subgruppen anhand von Modellsubstanzen beschäftigen und auch untersuchen, inwieweit subjektive Bewertungen berücksichtigt werden sollten.

Frau Dr. Kirsten Sucker

Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität-Bochum (IPA)

Formaldehyd-Exposition bei Saunaaufgüssen (Wolfgang Wegscheider, Birgit Heinrich, Andreas Albrecht, Bernhard Scheibner)
Abstract:
Zielsetzung
Saunaaufgüsse mit aromatisiertem Wasser werden in vielen Saunabetrieben angeboten. Dabei setzen Saunabeschäftigte kaltes Wasser mit Aroma zum Aufgusswasser an, das anschließend im aufgeheizten Saunaraum auf die heißen Steine des Saunaofens (ca. 200 bis 450°C) aufgegossen wird und verdampft. Die chemische Belastung der Beschäftigten bei diesen Tätigkeiten wurde ermittelt und nach TRGS 402 bewertet.
Methode
In Laboruntersuchungen wurden Emissionen und thermische Zersetzungsprodukte von Aromen bei 20 °C und bei 200-500 °C bestimmt.
Durch Arbeitsplatzmessungen wurde die Gefahrstoffexposition beim Ansetzen der Aufgusswässer in Vorbereitungsräumen und beim Aufguss auf die heißen Steine in sieben Saunaräumen ermittelt und bewertet.
Ergebnisse
Aromen emittierten bei Raumtemperatur geringfügige Mengen diverser Kohlenwasserstoffe. Ab 200°C entstanden mit der Temperatur exponentiell ansteigende Konzentrationen von Pyrolyse- und Oxidationsprodukten mit den Hauptvertretern Acetaldehyd, Aceton und Formaldehyd.
Die inhalative Exposition beim Ansetzen der Aufgusswässer in Vorbereitungsräumen war vernachlässigbar gering (<1/10 der Grenzwerte für Kohlenwasserstoffe und Aldehyde). Saunaräume wiesen jedoch bereits ohne Aufgüsse eine Formaldehydgrundbelastung von ca. 0,01 mg/m3 bei 40 °C auf, die mit steigender Raumtemperatur bis auf maximal 0,37 mg/m3 bei ca. 80°C anstieg (Arbeitsplatzgrenzwert: 0,37 mg/m3). Aufgüsse erzeugten zusätzlich Formaldehyd. Im Mittel lag die Formaldehydkonzentration während der Aufgüsse bei ca. 0,5 mg/m3. Überdosierungen und schnelle Aufgüsse sowie Ofenkonstruktionen, bei denen das Aufgusswasser sehr heiße Oberflächen erreichte, führten zu Formaldehydkonzentrationen bis zu 2 mg/m3.
Schlussfolgerungen
Die untersuchten Aromen zersetzten sich ab ca. 200 °C. Formaldehyd wurde als wesentlicher Gefahrstoff identifiziert. Die Formaldehydkonzentrationen unterschritten zulässige Grenzwerte, wenn Dosierempfehlungen der Hersteller und Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen zum Ausbringen der Aufgusswässer eingehalten wurden. Auf Grund der besonderen Arbeitsbedingungen im Saunaraum (hohe Raumtemperatur, körperliche Aktivität, Hautkontakt) ist allerdings fraglich, ob eine Standardbewertung nach TRGS 402 möglich ist oder ob angepasste Bewertungskriterien heranzuziehen sind. Eine ergänzende medizinische Einschätzung der Belastung erscheint daher angebracht.

Herr Dipl.-Ing. Wolfgang Wegscheider

Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)

Schwermetallbelastung bei der Bildschirmdemontage in Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) (Johannes Gerding, Johanna Stranzinger, Wolfgang Wegscheider, Frederik Lessmann, Albert Nienhaus, Udo Eickmann, Volker Harth, Claudia Peters)
Abstract:
Einleitung
Jedes Jahr fallen weltweit mehr als 40 Millionen Tonnen Elektronikschrott an [1]. Das Elektronikschrott-Recycling wird in Deutschland unter Anderem in Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) durchgeführt, beispielsweise in Form der Demontage schwermetallhaltiger Bildschirme. Bisher liegen keine Daten zur Schwermetallexposition der Mitarbeiter an diesen Arbeitsplätzen vor. Mit Luftmessungen und einem begleitenden Biomonitoring wurde daher die Schwermetallexposition der Beschäftigten in WfbM untersucht.
Methoden
In fünf WfbM in Deutschland wurde die Schwermetallkonzentration (u. A. von Beryllium, Cadmium, Cobalt und Quecksilber) in der Luft der Arbeitsbereiche für die Bildschirmdemontage und das Elektroschrottrecycling bestimmt. Die Messungen erfolgten mit aktiven personengetragenen und stationären Luftprobenahmesystemen und anschließender Analytik mittels ICP-MS (engl.: Inductively coupled plasma mass spectrometry) am Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA). Die Luftmessungen wurden durch ein Humanbiomonitoring (Urin) sowie eine Befragung der Teilnehmer begleitet. Die Analytik der Urinproben erfolgte mittels Atomabsorptionsspektrometrie am Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.
Ergebnisse
Erste Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Luftgrenzwerte für die Schwermetalle an Arbeitsplätzen zur Bildschirmdemontage in WfbM deutlich unterschritten wurden. Im Urin der Studienteilnehmer wurden nur vereinzelt Schwermetalle in geringer Konzentration unterhalb der Referenzwerte gemäß arbeitsmedizinischer Leitlinie „Biomonitoring“ nachgewiesen (DGAUM, 2013).
Schlussfolgerungen
Wenn branchenübliche Schutzmaßnahmen getroffen werden, ist die Schwermetalllexposition von Beschäftigten in Werkstätten für Menschen mit Behinderung bei der Bildschirmdemontage gering und vergleichbar mit ähnlichen Arbeitsplätzen in herkömmlichen Recyclingbetrieben [4]. Ob eine adäquate Arbeitshygiene von den Beschäftigten in WfbM umgesetzt wird, ist oft nur schwer zu beurteilen. Das Biomonitoring kann in diesem Zusammenhang einen wichtigen Beitrag zur arbeitsmedizinischen Vorsorge leisten.
Referenzen
[1] Baldé, CP et al (2015). The global e-waste monitor – 2014, United Nations University, Bonn.
[2] Julander A et al (2014). Formal recycling of e-waste leads to increased exposure to toxic metals: an occupational exposure study from Sweden. Environ Int; 73: 243-51.

Herr Dr. Johannes Gerding

Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)

Ist die Handgelenk-Finger-Geschwindigkeit bei Schweißern aufgrund einer Manganexposition verändert? Ergebnisse der WELDOX II Neuroimaging-Studie (Anne Lotz, Beate Pesch, Swaantje Casjens, Martin Lehnert, Benjamin Glaubitz, Clara Quetscher, Chien-Lin Yeh, Stefan Gabriel, Wolfgang Zschiesche, Tobias Weiß, Tobias Schmidt-Wilcke, Ulrike Dydak, Christoph van Thriel, Thomas Brüning)
Abstract:
Zielsetzung

Eine verlangsamte Handgelenk-Finger-Geschwindigkeit gemessen durch Tapping wurde bei beruflich Mangan (Mn)–Exponierten in verschiedenen Studien beobachtet. Tapping erfasst bestimmte zentralnervöse Bewegungsstörungen. Die Studie WELDOX II untersuchte bei aktiven und ehemaligen Schweißern die Handgelenk-Finger-Geschwindigkeit und setzte diese in Beziehung zur inneren und äußeren Mn-Exposition. Mn ist Bestandteil im Schweißrauch und kann neurotoxisch wirken.

Methoden

Von 2013-2015 wurden 37 aktive Schweißer (Rekrutierung über die Betriebe), 17 ehemalige Schweißer und 33 Kontrollprobanden (Rekrutierung über Zeitungsannoncen) für diese Auswertung untersucht. Ausgeschlossen wurden Probanden mit erhöhtem Desialotransferrin (≥ 2,6%). Zur Messung der Handgelenk-Finger-Geschwindigkeit wurde nacheinander mit der linken und rechten Hand ein Kontaktstift innerhalb von 32 s so oft wie möglich auf eine Platte geklopft und die Anzahl der Anschläge gezählt. Mn wurde im Blut analysiert. Zur Ermittlung von Mn-Ablagerungen im Gehirn wurde mit MRT die R1 Relaxationszeit in Regions of Interest im Globus Pallidus und in der Substantia Nigra bestimmt. Bei aktiven Schweißern wurde während einer Arbeitsschicht im Schweißrauch Mn in der A-Fraktion (MnA) gemessen. Der Zusammenhang zwischen Mn-Exposition und Tapping wurde mit logistischen und linearen Regressionsmodellen sowie mit gemischten Modellen adjustiert nach Alter, Rauchen und Bildungsstatus analysiert.

Ergebnisse

Aktive Schweißer hatten im Median 208 / 182 (rechte / linke Hand) Treffer beim Tapping. Ehemalige Schweißer hatten 182 / 164 und Kontrollprobanden 212 / 186 Treffer. Aktive Schweißer hatten im Median eine MnA von 27 µg/m³. Mn im Blut war im Median bei 7,8 µg/L bei aktiven Schweißern, 6,7 µg/L bei ehemaligen Schweißern und 6,6 µg/L bei Kontrollprobanden. Die adjustierten Modelle zeigten für ehemalige Schweißer eine signifikant verringerte Anschlagsfrequenz gegenüber Kontrollprobanden, jedoch nicht für aktive Schweißer. Kein Modell zeigte eine Assoziation zwischen Tapping und MnA, Mn im Blut oder R1 im Globus Pallidus oder in der Substantia Nigra.

Schlussfolgerungen

Im Unterschied zu anderen Studien zeigten sich diskrete subklinische Auffälligkeiten bei der Handgelenk-Finger-Geschwindigkeit ausschließlich bei ehemaligen Schweißern. Ein Effekt der aktuellen Mn-Belastung war nicht abzuleiten. Die möglichen Ursachen dieses Gruppenunterschiedes müssen weiter abgeklärt werden.

Frau Anne Lotz

Thursday
08 Mär 2018
10:30 - 12:00

Arbeit 4.0

Arbeit 4.0 und Gesundheit
Room: Hörsaal 2
Chairman 1: Andreas Seidler | Chairman 2: Mathias Diebig
Determinanten und Auswirkungen von Informationsüberflutung am Arbeitsplatz – ein systematischer Review (Andreas Seidler, Anne Steputat, Stephanie Drössler, Melanie Schubert, Nadine Günther, Ronny Staudte, Marlen Kofahl, Janice Hegewald)
Abstract:
Zielsetzung: Alvin Toffler verwendete zuerst den Begriff "Information Overload" in seinem 1970 erschienenen Buch "Future Shock". Fast 50 Jahre später, in Zeiten räumlich und zeitlich entgrenzter Arbeit, scheint dieses Konzept Realität zu werden. In einem systematischen Review werden die Determinanten der Informationsüberflutung und ihrer Konsequenzen für Gesundheit, Lebensqualität, Leistung und Qualität der Arbeit untersucht.

Methoden: Die Literatursuche erfolgte in EBSCOhost (Academic Search Complete + BusinessSource Complete + PsycARTICLES + PsycINFO + PSYNDEX), PubMed und Web of Science (bis März 2017) mit einem sensiblen Suchstring. Zwei Reviewer führten unabhängig voneinander Titel-Abstract-Screening, Volltextscreenung und Qualitätsbewertung der einbezogenen Beiträge durch, ein dritter Reviewer war für die Konsentierung bei Diskrepanzen verantwortlich. Die Suche ergab 2.535 Treffer. Die Daten von 33 Volltextartikeln (16 quantitative und 18 qualitative Studien) wurden extrahiert. Der vorliegende Beitrag beschränkt sich auf die quantitativen Studien. Alle quantitativen Studien waren von unzureichender methodischer Qualität: die meisten Studien wiesen ein Querschnittsdesign auf und berechneten lediglich univariate Korrelationskoeffizienten. Aufgrund der hohen Heterogenität der Studien konnte keine Metaanalyse durchgeführt werden.

Ergebnisse: Die Ergebnisse unseres systematischen Reviews weisen auf einen Zusammenhang zwischen hoher Informationsmenge am Arbeitsplatz und wahrgenommener Informationsüberflutung hin. Auf der Grundlage der eingeschlossenen Studien war Informationsflut positiv assoziiert mit der für die Email-Bearbeitung aufgewendeten Arbeitszeit und mit Work-to-Family-Konflikten sowie negativ assoziiert mit technischer Unterstützung, Trennung zwischen Arbeit und Familienleben und angemessenen E-Mail-Management-Techniken.

Schlussfolgerungen: Das auffälligste Ergebnis war ein deutlicher Mangel an methodisch fundierten Studien zu den Determinanten und Konsequenzen der wahrgenommenen Informationsüberflutung. Zukünftige Studien zu diesem wichtigen Thema sollten eine klar definierte „Studienbasis“ vorsehen, die zeitliche Abfolge berücksichtigen und die Informationsmenge quantifizieren.

Danksagung: Die Forschungsarbeit ist im Rahmen des von der BAuA finanziell geförderten und fachlich begleiteten Projektes "Informationsflut am Arbeitsplatz – Umgang mit großen Informationsmengen vermittelt durch elektronische Medien" entstanden.

Herr Prof. Dr. Andreas Seidler

Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin (IPAS), Med. Fakultät der TU Dresden

Praktische Umsetzung und Evaluation einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung für die Industrie 4.0 (Mathias Diebig, Andreas Müller, Peter Angerer)
Abstract:
Zielsetzung: Die Erfassung psychosozialer Belastung bei der Arbeit tritt immer stärker in den Vordergrund. Dies liegt einerseits an der rechtlichen Verpflichtung für Arbeitgeber die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GBU) durchzuführen. Andererseits liegt dies auch an der steigenden Bedeutung psychischer Erkrankungen für Zeiten der Abwesenheiten von der Arbeit. Die GBU verfolgt das Ziel, arbeitsbedingte psychische Belastungen zu bewerten, sowie Maßnahmen zur Optimierung solcher Belastungen zu entwickeln, umzusetzen und auf deren Wirksamkeit zu überprüfen. Gängige Verfahren der GBU sind allerdings noch nicht an das veränderte Arbeitsumfeld angepasst, welches im Zuge der fortschreitenden technischen Entwicklung unter dem Schlagwort Industrie 4.0 zusammengefasst wird. Dieser Anpassungsbedarf der GBU spiegelt sich im Durchführungsprozess als auch in den Inhalten im Kontext der sich verändernden Industriearbeit wider. Ziel dieser Fallstudie ist es, ein spezifisches Verfahren der GBU für die Rahmenbedingungen der Industrie 4.0 zu entwickeln und dieses Verfahren anhand einer Stichprobe in der Industrie zu evaluieren.

Methoden: Es wird eine GBU in zwei Bereichen (N = 35) eines Industriebetriebs durchgeführt, das gegenwärtig auf Industrie 4.0-Produktion umstellt. Hierzu werden mit Unterstützung eines neu entwickelten, digitalen Systems alle Schritte der GBU von der (1) Vorbereitung, (2) Ermittlung der psychischen Belastung der Arbeit, (3) Beurteilung dieser Belastung, (4) partizipativen Entwicklung und Umsetzung von Arbeitsschutzmaßnahmen, (5) deren Wirksamkeitskontrolle und (6) Dokumentation durchgeführt. Die Evaluation des gesamten Prozesses der GBU erfolgte auf drei unterschiedlichen Ebenen: 1) Evaluation des Gesamtprozesses, 2) Evaluation des Tätigkeitsanalyseverfahrens und 3) Evaluation der Workshops zur Ableitung von Arbeitsschutzmaßnahmen. Zentrale Evaluationskriterien sind Prozessmerkmale (u.a. Teilnahmequoten) der GBU wie auch Ergebnisse qualitativer Befragungen der Beteiligten.

Ergebnisse: Der Fokus dieser Fallstudie liegt auf der kritischen Bewertung der eingesetzten Methode auf den drei o.g. Ebenen. Die Untersuchung wird im Januar des kommenden Jahres abgeschlossen sein.

Schlussfolgerungen: Es werden neue Erkenntnisse über den Prozess und die Methodik einer GBU im Bereich Industrie 4.0 erwartet und eine Prozessvariante der GBU, die an die besonderen Bedarfe eines Industriebetriebs angepasst und evaluiert wurde, berichtet.

Herr Dr. Mathias Diebig

Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Centre for Health and Society, Medizinische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Belastungen durch Mensch-Maschine Interaktion – ein Thema für die moderne Gefährdungsbeurteilung Psychischer Belastungen (Ulrike Körner, Kathrin Müller-Thur, Thorsten Lunau, Nico Dragano, Axel Buchner)
Abstract:

Zielsetzung


Globalisierung und Digitalisierung verändern die heutige Arbeitswelt vor allem in der Industrie und stellen Arbeitnehmer/innen vor Herausforderungen wie neue Formen der Mensch-Maschine-Interaktion (MMI) und eine Zunahme an komplexen Überwachungs- und Problemlöseaufgaben. Während bereits diskutiert wird, wie sich diese Veränderungen auf das Erleben und die Gesundheit auswirken, fehlt es an empirischen Belegen, die Aufschluss darüber geben, in wie fern die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GB-Psyche) an die neuen Arbeitsbedingungen anzupassen ist.

Methoden


Es wurden mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus fünf Unternehmen leitfadenbasierte, problemzentrierte Interviews geführt, in denen Arbeitsbelastungen insbesondere im Bereich der MMI erfragt wurden. Die Interviews dauerten ca. 60 Minuten und wurden durch zwei geschulte Interviewerinnen durchgeführt. Die aufgezeichneten Gespräche wurden transkribiert und inhaltsanalytisch durch zwei unabhängige Gutachterinnen ausgewertet.

Ergebnisse


Technische Probleme sowie steigende Qualifikationsanforderungen wurden häufig als Belastungen erlebt. Es wurde berichtet, dass Probleme wie Systemabstürze und verlangsamte Reaktionen von Systemen meist nicht selbstständig gelöst werden können und daher zu Verzögerungen im Arbeitsablauf und in der Folge zu Zeitdruck führen. Darüber hinaus wurde die schlechte Bedienbarkeit von Systemen als belastend wahrgenommen, insbesondere die hohe Komplexität von Benutzerschnittstellen.

Schlussfolgerungen

Die Untersuchung liefert erste empirische Anhaltspunkte dazu, welche Belastungen durch MMI im Kontext der Industrie 4.0 auf die Beschäftigten zukommen und verdeutlichen die Wichtigkeit, Belastungen im Bereich der MMI weiter zu untersuchen und bei der GB-Psyche zu berücksichtigen.

Frau Dr. Ulrike Körner

Nutzerbezogene Aspekte beim Einsatz von digitalen Assistenztechnologien im Montagebereich – ein systematischer Review (Annemarie Minow, Irina Böckelmann)
Abstract:
Einleitung
Die heutigen komplexen und vielfältigen Produktionsprozesse stellen Unternehmen und ihre Mitarbeiter vor neue Herausforderungen. Eine Möglichkeit zur Werkerunterstützung bieten digitale Assistenzsysteme (AS). Die Entwicklung und der Einsatz dieser Technologien ist derzeitiger Gegenstand in Forschungs- und Entwicklungsprojekten und eröffnet in Zeiten der „Industrie 4.0“ ein Spektrum verschiedener Gestaltungsmöglichkeiten von Arbeit. Zudem kann der Einsatz digitaler AS zur Kompetenzentwicklung der Beschäftigten in modernen Industrieunternehmen beitragen. Nutzerbezogene Aspekte, wie physische und psychische Auswirkungen dieser Assistenzsysteme auf die Beschäftigten, werden jedoch, wie Swan et al. bereits 2005 feststellten, bislang kaum berücksichtigt.
Methoden
Im Rahmen einer systematischen Literaturrecherche in fünf fachspezifischen Datenbanken (PubMed, Scopus, Web of Science, PSYNDEX, Medline) wurde der aktuelle Wissensstand zu nutzerbezogenen Aspekten von 2005 bis 2017 erhoben.
Ergebnisse
Es zeigte sich, dass nur wenige Publikationen im Bereich Augmented Reality nutzerbezogene Aspekte berücksichtigen. Aus diesen ergeben sich jedoch erste Hinweise darauf, dass der Einsatz digitaler AS (z. B. Head-Mounted-Displays) in der Montage die subjektive Beanspruchung im Gegensatz zu herkömmlichen Unterstützungssystemen (z. B. Tablet-PCs) nicht erhöht. Zudem lassen sich reduzierte Leistungszeiten und eine Verringerung der kognitiven Arbeitsbelastung beim Einsatz neuartiger Assistenztechnologien erkennen.
Schlussfolgerung
Es bleibt zu beachten, dass die ausgewählten Datenbanken Veröffentlichungen aus technischen Fachgebieten kaum einbeziehen. Publikationen aus technologiezentrierten Entwicklungs- und Forschungsprojekten wie ARVIKA, ARTESAS oder AVILUS berücksichtigen jedoch nutzerbezogene Fragestellungen in ihren Untersuchungen. Auf Grundlage der aktuellen Studienlage wird empfohlen, nutzerbezogene Aspekte verstärkt bei der Entwicklung und beim Einsatz von digitalen Assistenztechnologien, wie im BMBF-geförderten Verbundvorhaben „3D-Montageassistent“ (FKZ: 03ZZ0441E), zu erfassen, um einen gesundheitsgerechten Umgang mit AS anzustreben.

Frau Annemarie Minow

Otto-von-Guericke Universität Magdeburg (Bereich Arbeitsmedizin der Medizinischen Fakultät)

Arbeiten mithilfe von Assistenzsystemen: Entlastung oder Belastung für Nutzer? (Sergei Schapkin, Irina Böckelmann)
Abstract:
Bei Dienstleistungen zur Instandhaltung von technischen Anlagen wird das Servicepersonal immer häufiger von mobilen digitalen Assistenzsystemen (AS) bedarfsgerecht unterstützt. Diese verändern die etablierte Arbeitsweise der Beschäftigten erheblich und können eine andere Beanspruchungssituation im Vergleich zu konventionellen Hilfsmitteln darstellen. Die AS können die gesamte psychophysiologische Architektur des Menschen herausfordern, da manche psychische Prozesse stark reduziert und andere verstärkt belastet werden. Während eine Checkliste bei der Wartung einer Windkraftanlage früher mit konventionellen Hilfsmitteln (Papier, Bleistift) ausgefüllt wurde, können zukünftig die anlagen- und prozessrelevanten Informationen mittels unterstützenden mobilen Endgeräten (z.B. Datenbrillen) abgelesen werden. Diese Doppelaufgabe – sich mit dem Arbeitsgegenstand zu beschäftigen und die wichtigen Informationen von den Datenbrillen abzulesen – kann zur erhöhten Beanspruchung führen.

Als Basis für arbeitsmedizinische Fragestellung bei der Arbeit mit AS dienen die Normen zur Gestaltung der Mensch-Maschine-Schnittstelle. Allgemeine Anforderungen dazu beinhaltet die „DGUV Information 215-41“. Die „Ergonomie der Mensch-System-Interaktion“ (DIN EN ISO 9241) enthält Empfehlungen und Anforderungen hinsichtlich der visuellen Darstellung von Informationen. Die „Ergonomischen Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung“ (DIN EN ISO 10075) beschreiben die Anforderungen zur Messung und Erfassung psychischer Arbeitsbelastung. Derzeit fehlen jedoch spezifische Vorschriften, die den Umgang mit AS regeln. Einige Gründe dafür sind: rasante Entwicklung von AS-Technologien, zunehmende Spezifizierung der AS und unzureichende wissenschaftliche humanzentrierte Untersuchungen zur Beanspruchung durch AS.

Im BMBF-geförderten Projekt „Gesundes mobiles Arbeiten mit digitalen Assistenzsystemen im technischen Service (ArdiAS)“ wird Beanspruchung mittels subjektiven (Fragebögen) und objektiven (kognitive Tests, physiologische Parameter) Verfahren analysiert. Einen Teil der Studie stellen unterschiedliche Aspekte des Sehvermögens (z.B. Nah-Fern-Akkommodation) und kognitiver Fähigkeiten (z.B. geteilte Aufmerksamkeit) dar. Physiologische Indikatoren zeigen Veränderungen der Informationsverarbeitung im Gehirn und der Kardioaktivität. Anhand dieser Untersuchungen im Labor und an den Modellarbeitsplätzen werden die arbeitsmedizinischen Handlungsempfehlungen für die Arbeit mit AS formuliert.

Herr Dr. Sergei Schapkin

Herr Sergei Schapkin

Bereich Arbeitsmedizin, Medizinische Fakultät, Otto-von-Guericke Universität Magdeburg

Frau Prof. Dr. med. Irina Böckelmann

Bereich Arbeitsmedizin, Medizinische Fakultät, Otto-von-Guericke Universität Magdeburg

Gesunde Arbeit in Pionierbranchen (GAP). Auswirkungen von Automatisierung und Digitalisierung auf Belastungen und Gesundheit von Beschäftigten in der Halbleiter- und IT-Branche (Stephanie Drössler, Anne Steputat, Daniel Kämpf, Andreas Seidler)
Abstract:
Zielsetzung: Unter dem Schlagwort Industrie 4.0 lassen sich Phänomene der Automatisierung, Digitalisierung und intelligente Vernetzung von Produktions- und Dienstleistungsprozessen verorten. Über gesundheitliche Folgen des technologischen Wandels ist bisher noch wenig bekannt. Es werden sowohl Chancen als auch Risiken für die Beschäftigten erwartet (z. B. Carstense, 2015). Das vom BMBF finanzierte Verbundprojekt „Gesunde Arbeit in Pionierbranchen (GAP)“ untersucht den Einfluss des technischen Wandels in Organisationen auf die psychische und physische Gesundheit sowie den Arbeits- und Gesundheitsschutz (AGS) und die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF).

Methoden: Es wurden halbstandardisierte, leitfadengestützte Experten­interviews in drei Unternehmen (Halbleiterbranche, IT-Dienstleister) durchgeführt, die mit Blick auf die eingesetzten Technologien als Vorreiter verstanden werden können. Befragt wurden jeweils vier bis sieben Beschäftigte aus verschiedenen Unternehmensbereichen. Der Interviewleitfaden wurde unter Einbezug des aktuellen Forschungsstandes entwickelt und fokussiert Veränderungen der letzten Jahre mit Blick auf Technologien, Belastungen und Gesundheit sowie Maßnahmen des AGS bzw. der BGF. Die Interviews wurden aufgezeichnet, transkribiert und mit MAXQDA einer thematischen Analyse (Brown & Clarke, 2006) unterzogen. Ergänzt um unternehmensbezogene Informationen sowie um Begehungsprotokolle, wurden explorative Unternehmens-Fallstudien erstellt.

Ergebnisse: Die technologischen Veränderungen gehen in allen befragten Unternehmen mit einer Veränderung der Arbeitsaufgaben einher. Körperlich schwere und monotone Arbeit (vor allem in der Produktion) sowie einfache ausführende Aufgaben werden weniger, während Überwachungs- und Entscheidungserfordernisse zunehmen sowie in einer Vielzahl von Bereichen kreatives und problemlösendes Denken an Bedeutung gewinnt. Die Unternehmen und Beschäftigten stehen vor der Herausforderung, im laufenden Tagesgeschäft Qualifizierungsmaßnahmen zu realisieren. Gleichzeitig kommt es zu einer Verdichtung von Arbeit. Produktionsarbeit wird zunehmend zu Bildschirmarbeit – entsprechend wandeln sich auch die körperlichen Beschwerden. Anpassungen des AGS in den Unternehmen werden diskutiert.

Schlussfolgerungen: Es besteht ein Bedarf an empirischen Untersuchungen in diesem Themenfeld sowie an Handlungsempfehlungen und Instrumenten für den AGS als Antwort auf die beobachteten Veränderungen von Arbeit und Gesundheit.

Frau Stephanie Drössler

Technische Universität Dresden, Medizinische Fakultät, Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin

Friday
09 Mär 2018
11:00 - 12:00

BGF

Betriebliche Gesundheitsförderung
Room: Hörsaal 8
Chairman 1: Gabriela Petereit-Haack | Chairman 2: Susanne Völter-Mahlknecht
Digitalisierte Fitnesstrends in der Betrieblichen Gesundheitsförderung - Beeinflussung des Bewegungsverhaltens durch Fitness-Tracker (Julia-Marie Sohn, Katrin Zieger-Buchta, Markus Wirtz, Anke van Mark, Markus Frei)
Abstract:
Einleitung
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 30 Minuten körperliche Aktivität am Tag, aber nur wenige Erwachsene erfüllen diese Empfehlung. Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung, die zu mehr Alltagsaktivitäten auch während der Arbeitszeit motivieren sollen, setzen genau hier an. Eine Möglichkeit dazu bieten Fitness-Tracker, die modellabhängig u. a. die tägliche Schrittzahl und den Kalorienverbrauch messen und sich per App individuell auswerten lassen. Ziel dieser Untersuchung war es, die Auswirkung von Fitness-Tracker auf das Bewegungsverhalten im betrieblichen Kontext zu untersuchen.
Methode
In einer Pilotstudie wurde mittels Analyse der Veränderungen im Prä-Post-Vergleich der Einfluss von Fitness-Trackern untersucht. Die Daten wurden mit einem Fragebogen erfasst; die Fitness-Tracker wurden über jeweils 2 Wochen ausgegeben. Die Rekrutierung der Teilnehmer erfolgte über die werksinterne Kommunikation, die Teilnahme war freiwillig. Für die Datenanalyse wurden deskriptive Rechnungsverfahren und interferenzstatistische Verfahren angewendet.
Ergebnisse
An der Untersuchung nahmen 33 Probanden teil (23 Männer, 10 Frauen, der Altersmeridian lag in der Alterskategorie 46-55Jahre); dabei stammten 51,5 % aus der Verwaltung, 12,1 % aus der Produktion und 36,4 % aus produktionsnahen Berteichen; 18,2 % der Teilnehmer gaben an, bereits bei der Arbeit intensiv körperlich tätig zu sein. Die Mehrheit hatte Spaß an körperlicher Aktivität und empfand diese auch als notwendig; 31 Teilnehmer nutzten erstmalig einen Fitness-Tracker. Durch den Gebrauch der Fitness-Tracker erhöhte sich die tägliche Schrittzahl auf mehr als das Doppelte (p < 0,0001), der Aktivitätslevel stieg signifikant an (p = 0,0046), die Motivation zu mehr Bewegung nahm zu. Einschränkungen bildete u. a. die Angabe, aus Datenschutzgründen oder auf Grund des hohen Preises nicht dauerhaft einen Fitness-Tracker benutzen zu wollen.
Diskussion und Schlussfolgerung
Die Ergebnisse dieser Pilotstudie zeigen, dass Fitness-Tracker zu mehr körperlicher Aktivität motivieren und auch ältere Mitarbeiter erreicht werden können. Für eine gute Akzeptanz ist die Transparenz über die Speicherung von Gesundheitsdaten zwingend erforderlich. Die BGF kann durch den Einsatz digitaler Fitnesstrends einen richtungsweisenden Impuls setzen. Notwendig sind weitere Untersuchungen über einen längeren Interventionszeitraum und speziell von gewerblichen Mitarbeitern und Zielgruppen mit einem weniger gesundem Lebensstil.

Frau Julia-Marie Sohn

Daimler AG, Mercedes-Benz Werk Rastatt

Bewegung am Bildschirmarbeitsplatz – wie mittels eines E-Learning Programms weltweit im Alltag zur Umsetzung angeleitet wird. (Mary-Louise Tilghman, Stefanie Wagner)
Abstract:

Zielsetzung


Das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) der GIZ verfolgt das Ziel, ihre Mitarbeiter*innen zu gemeinsamer Bewegung und zu einem achtsamen Umgang mit dem individuellen Stresserleben zu motivieren, sowie die psychische und physische Gesundheit zu stärken.Regelmäßige aktive Pausen und Ausgleichsbewegungen wirken sich sowohl mental als auch körperlich positiv auf die Gesundheit aus, insbesondere ältere Arbeitnehmer*innen profitieren davon.

Methoden


Zur Verbesserung der Bewegungskultur hat man die Einführung eines E-Learning Programms für „„Bewegte Pausen“ beschlossen, das als Lernprogramm vom Auswärtigen Amt und der Unfallversicherung Bund und Bahn entwickelt und der GIZ zur Nutzung überlassen wurde.
Um das Programm zu etablieren und seine Akzeptanz zu steigern, werden Kolleg*innen zu „Bewegungsmultiplikator*innen“ fortgebildet, die in ihren Teams zu gesundheitsgerechtem und stressreduzierendem Verhalten motivieren. Sie erlernen effektive und am Büroarbeitsplatz durchführbare Bewegungsübungen. Darüber hinaus motivieren sie Kollegen*innen zu mehr Bewegung am Arbeitsplatz und vermitteln ihnen die Übungen.

Ergebnisse


Seit Beginn des Projekts im März 2016 konnten 98 Bewegungsmultiplikator*innen an den Standorten in Deutschland gewonnen werden. Dies entspricht ca. 2,7% der Belegschaft.
Im Personalbereich ist im Jahr 2017 die Implementierung der bewegten Pausenkultur als ein Jahresziel des Bereichs im Handlungsfeld „Kompetenzen & Allianzen festgelegt worden.
Bis August 2017 sind bereits 4,6 % der Mitarbeiter/innen im Personalbereich als Bewegungsmultiplikatoren identifiziert und ausgebildet worden.
Es wurden im Schnitt 35 Nutzer mit 148 Zugriffen auf das E-Learning im Intranet im Zeitraum Mai 2016 bis August 2017 monatlich registriert.
Im BGM-Pilotprojekt in Tanzania werden ab November 2017 ebenfalls Multiplikator*innen durch eine bereits geschulte Mitarbeiterin, die dort ihren Auslandseinsatz absolviert, gesucht und geschult werden.

Schlussfolgerungen


Im Arbeitsalltag müssen die Mitarbeiter gezielt zu BGM Angeboten, die im Intranet weltweit abgerufen werden können, informiert werden und motiviert sie zu nutzen. Das Konzept, Multiplikatoren zu gewinnen, hat sich bewährt. Die Multiplikatoren transportieren das Thema und das Angebot.
Eine Evaluation des Erfolges und der Nachhaltigkeit dieser Angebote wird zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.

Frau Mary-Louise Tilghman

Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GIZ

Betriebliches Gesundheitsmanagement und die „Rush-hour“ des Lebens: Erreichen Präventionsmaßnahmen junge erwerbstätige Frauen und Mütter? (Julia Schorlemmer, Ria Maguhn, Babette Halbe-Haenschke, Axel Fischer)
Abstract:

Zielsetzung

Obwohl betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) ein wichtiges Instrument der Verhaltens- und Verhältnisprävention ist, können Studien zeigen, dass BGM nicht gut etabliert ist. Digitale Arbeitsbedingungen bringen besondere Belastungen, z.B. Flexibilitätsanforderungen und Chancen, z.B. neue Möglichkeiten für BGM. Zentrale Fragestellungen sind: Als wie verbreitet wird BGM wahrgenommen? Welche Arten von BGM-Maßnahmen werden als besonders wichtig erachtet?

Methoden


Online wurden N=565 Frauen (Alter: M= 28, SD=6,8) mit validierten und neuen Skalen zu Lebens- und Arbeitsbedingungen (z.B. Work-Life-Balance), zu BGM und Gesundheit (z.B. somatische Beschwerden, COPSOQ) befragt. 33% der Teilnehmerinnen arbeiten bis zu 30h in der Woche, 48% arbeiten 30-40h, 16% arbeiten mehr als 40h, 3 % sind in Elternzeit. 66% der Befragten hatten kein Kind, 34% hatten ein oder mehr Kinder. Anhand von Häufigkeits- und Zusammenhangsanalysen wurden die Daten ausgewertet.

Ergebnisse


Es zeigt sich, dass die erwerbstätigen jungen Frauen sich zu wenig über BGM-Maßnahmen informiert fühlen (67%) und die vorhandenen Maßnahmen als wenig zugänglich empfinden (24% geben an Zugang zu Maßnahmen zu haben). Frauen mit höheren somatischen Beschwerden durch digitales Arbeiten (z.B. Rückenschmerzen) schätzen häufig Maßnahmen zur „flexiblen Arbeitszeitgestaltung“ (65%) und „Gesundheitsprogramme“ (49%) als effektiv für die Reduktion von Arbeitsbelastungen ein. Signifikant häufiger wünschen sich die hohe (im Vergleich zu niedriger) Beanspruchung durch Work-Life bzw. Life-Work-Konflikte haben (χ2(1, N=399) =21.69, p=.048) Maßnahmen zu den Themen „Stressprävention“ (45%) und „Entspannung“ (48%). Die Einschätzung des Nutzens von digitalen BGM-Maßnahmen korreliert mit der Nutzung von Informations- & Kommunikationstechnik (IKT) im Privaten (r=.422, p <.05). Digitale BGM-Maßnahmen sind aus Sicht der Befragten nicht verbreitet, nur 10% der Frauen gaben Antworten dazu.

Schlussfolgerungen


Für eine Stichprobe mit besonderen Belastungen und Flexibilitätsanforderungen konnten Erkenntnisse für die Gestaltung von BGM gewonnen werden: 1. Es mangelt an der Kommunikation über Maßnahmen des BGM und deren Zugänglichkeit. 2. Flexible Arbeitszeiten und Maßnahmen zur Stressprävention sind besonders für Frauen mit hohen Beanspruchungen durch Vereinbarkeitsanforderungen wichtige BGM-Maßnahmen. 3. Je mehr IKT genutzt werden, um so gewinnbringender können digitale BGM-Maßnahmen umgesetzt werden.

Frau Dr. Julia Schorlemmer

Institut für Arbeitsmedizin Charité Universitätsmedizin

„PFLEGEprevent“ – Präventiv der Arbeitsbelastung von Pflegekräften begegnen. Entwicklung eines Präventionsprogrammes für Pflegekräfte (Veronika Ehegartner, Dieter Frisch, Michaela Kirschneck, Angela Schuh, Sandra Kus)
Abstract:

Zielsetzung


Der Berufsalltag von Pflegekräften geht mit ausgeprägten physischen und psychischen Belastungen einher. Dies zeigt sich in überdurchschnittlich hohen Krankenständen und häufigeren Frühinvaliditätsdiagnosen. Präventionsprogramme müssen sowohl die speziellen Bedürfnisse als auch die beruflichen Herausforderungen der Pflegenden berücksichtigen und die physischen und mentalen Ressourcen gleichermaßen stärken. Entscheidend für die Entwicklung eines berufsspezifischen Präventionsprogrammes ist es, im Vorfeld die Belastungen und als sinnvoll erachtete Maßnahmen aus Sicht der Pflegekräfte zu ermitteln.

Methoden


Neben weiteren Angaben werden die aktuelle Arbeitsbelastung – ermittelt über die deutsche Version des Work Ability Index (WAI) - und der subjektive Bedarf an präventiven Maßnahmen, aus einer nationalen Expertenbefragung hinsichtlich Häufigkeiten deskriptiv zusammengefasst.
Aus einer systematischen Literaturrecherche werden Aspekte zu spezifischen berufsbedingten Belastungen des Pflegepersonals inhaltlich zusammengefasst und ebenfalls bezüglich der Häufigkeiten deskriptiv dargestellt.
Das Präventionsprogramm wird auf Grundlage der Ergebnisse aus der Expertenbefragung und dem systematischen Literaturreview entwickelt und in einer Interventionsstudie im Wartegruppendesign mit rund 100 Pflegekräften durchgeführt und hinsichtlich seiner Wirksamkeit in Bezug auf Stressindikatoren, Arbeitsbelastung und allgemeiner Gesundheit evaluiert.

Ergebnisse


Es nahmen 1381 Pflegekräfte (mittleres Alter: 40.1 Jahre; weiblich: 81 %) an der nationalen Befragung teil. Es zeigte sich eine hohe Arbeitsbelastung der Pflegenden (WAI-Score: M = 37.2, SD = 7.1) und ein Präventionsbedarf zu den Themen Stress, Verhaltensänderung, Kommunikationstraining, Rückenschule, Entspannung und Bewegung. Die systematische Literaturrecherche ergab deckungsgleiche Themen bei bereits bestehender Programmen (n = 45).
Entsprechend den Ergebnissen wurde ein Präventionsprogramm für Pflegekräfte entwickelt, das ab Februar 2018 in einer Interventionsstudie durchgeführt und evaluiert wird.

Schlussfolgerungen


Die Ergebnisse der Expertenbefragung und die Evidenz aus der wissenschaftlichen Literatur liefern eine umfassende Daten- und Informationsgrundlage zur Entwicklung eines speziellen Präventionsprogrammes für Pflegekräfte. Die Interventionsstudie liefert Erkenntnisse zur Wirksamkeit des Programmes.

Förderung
Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege (StMGP)

Frau Veronika Ehegartner

Institut für Medizinische Informationsverarbeitung Biometrie und Epidemiologie (IBE), Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung, Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München

Thursday
08 Mär 2018
11:00 - 12:30

GB psych

Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen
Room: Hörsaal 8
Chairman 1: Sabine Darius | Chairman 2: Reingard Seibt
Gefährdungsbeurteilung zu psychischen Belastungen am Beispiel einer Behörde (Hedwig Spegel, Peter Stadler, Markus Schick, Christiane Müller, Caroline Herr)
Abstract:

Zielsetzung


Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), eine Fachbehörde mit ca. 1100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat sich als Kooperationspartner an einem Projekt mit der Landesunfallkasse Bayern beteiligt und mit Unterstützung der Arbeitsmedizinischen Dienste GmbH des TÜV Rheinlands eine Gefährdungsbeurteilung zu psychischen Belastungen durchgeführt und im Anschluss daran geeignete Maßnahmen abgeleitet.

Methoden


Die Erfassung psychischer Belastungen erfolgte mit Hilfe von moderierten Gruppeninterviews. Ergänzend zu einer bereits durchgeführten standardisierten Befragung aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollte eine Spezifizierung der Belastungsfaktoren erfolgen und Lösungsvorschläge gemeinsam mit den Betroffenen erarbeitet werden.
Nach der Vorstellung des Vorhabens in den Personalversammlungen wurden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über das Vorgehen und die Methode per E-Mail informiert und zu den geplanten Gruppeninterviews eingeladen.
Ein Steuerungsgremium in die unter anderem die Amtsleitung, die Schwerbehinderten- und die Personalvertretung, die Geschäftsstelle Arbeitsschutz und das Behördliches Gesundheitsmanagement eingebunden waren, begleitete den Prozess.
Insgesamt nahmen 118 Beschäftigte aus 13 Tätigkeitebereichen an 25 Workshops teil. Pro Tätigkeitsgruppe fanden jeweils 2 Workshops mit ca. 8 bis maximal 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der gleichen Hierarchieebene an den LGL-Standorten Erlangen, Oberschleißheim und München statt. Im 1. Workshop erfolgte jeweils die Abfrage der Belastungsfaktoren mit anschließender Priorisierung durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Im 2. Workshop, der jeweils nach ca. vier Wochen stattfand, wurden Lösungsvorschläge erarbeitet.
Im Anschluss daran wurde eine für die Tätigkeitsbereiche repräsentative Arbeitsgruppe gebildet, mit dem Ziel, die Ergebnisse zu bündeln und geeignete Maßnahmen zu erarbeiten.

Ergebnisse


Drei Handlungsfelder kristallisierten sich als verbesserungswürdig heraus: interne Kommunikation, Arbeitsorganisation und soziale Beziehungen/Führung. In zwei weiteren, jeweils eintägigen moderierten Workshops wurden konkrete Maßnahmen erarbeitet, den Führungskräften und allen Mitarbeiter*innen vorgestellt und deren Unterstützung eingeholt.

Schlussfolgerungen


Die nächsten Arbeitsschritte sind: Umsetzung der ausgewählten Maßnahmen und deren Evaluation nach angemessener Zeit.

Frau Dr. Hedwig Spegel

Psychische Gefährdungsanalyse - Das Vorgehen anhand eines Forschungsprojekts (Wolfgang Fischmann, Amanda Voss, Nadja Amler, Elisabeth Wischlitzki, Hans Drexler)
Abstract:
Einleitung:
Im § 5 des ArbSchG wurde 2013 die Gefährdung am Arbeitsplatz durch psychische Belastungen explizit verankert. Die verpflichtende Analyse dieser Belastungen umfasst ebenso die Identifikation, Umsetzung und Evaluation notwendiger Maßnahmen. Während die gesetzliche Vorschrift mittlerweile den Arbeitgebern bekannt ist, stellt der Durchführungsprozess ein große Herausforderung dar.

Methode:
Im Rahmen des vom BMBF geförderten Verbundprojekts "RegioKMUnet" werden in 12 klein­- und mittelständischen Unternehmen (KMU) u.a. psychische Gefährdungsanalysen sowie anschließende Maßnahmen mit Erfolgsevaluation durchgeführt. Mittels Papier­- oder Online­fragebögen wurden 1.986 Mitarbeiter befragt. Die Befragung beinhaltete quantitative und qualitative Fragen und umfasste die Bereiche physische Arbeitsplatzbedingungen, Arbeitsorganisation, physische, psychosoziale, psychische, quantitative und qualitative Belastungen, Führungsqualität, Kollegialität, EDV und Work-­Life­-Balance. Es wurde der Handlungsbedarf analysiert, wobei sowohl quantitative als auch die qualitative Ergebnisse berücksichtigt wurden. Die Handlungsbedarfe wurden anhand der Abweichung von vorhandenen branchenähnlichen Vergleichswerten ermittelt und in einer Skala von 0,5 (niedrig) bis 3 (dringlich) abgebildet.

Ergebnisse:
Die Themenbereiche Arbeitsorganisation und Führungsqualität hatten die dinglichsten Handlungsbedarfe (M:2,14/SD:0,99 und M:2,05/SD:0,96), gefolgt von Kollegialität (M:1,63/SD:1,04). Niedrigeren Handlungsbedarf konnte man bezüglich physischer Arbeitsplatzbedingungen (M:1,33/SD:0,63), physischer Belastungen (M:1,3/SD:0,92), psychischer Belastungen (M:1,28/SD:0,65) und psychosozialer Belastungen (M:1,4/SD:0,74) ermitteln. Wenig Handlungsbedarf hatten die Bereiche Work-Life-Balance (M:0,63/SD:0,27), quantitative und qualitative Arbeitsbelastung (M:0,55/SD:0,16) und EDV (M:0,6/SD:0,21). Entsprechende Maßnahmen wurden in den KMU eingeleitet, eine Erfolgsevaluation erfolgt noch.

Diskussion:
Die Standardabweichungen zeigen eine Heterogenität unter den KMU, wobei die Werte eines sehr guten als auch eines sehr schlechten KMU stark einwirken.

Schlussfolgerung:
Die Anwendung eines detaillierten Instruments (inkl. Freitextfragen) bei allen Mitarbeitern ist sinnvoll. Die Ergebnisse zeigen, dass es hohe Einflussbereiche unter den einzelnen Themenfeldern gibt. Dies ist auch bei der Ableitung und Umsetzung von Maßnahmen zu berücksichtigen.

Herr Wolfgang Fischmann

Interdisziplinäre Betrachtung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen (Manfred Albrod, Martina Molnar)
Abstract:
Zielsetzung
Seit 2013 ist die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung aufgrund der Novelle des ArbSchG vermehrt in die Aufmerksamkeit von Unternehmen gerückt. In einer Reihe von Publikationen, Schulungen und Vorträgen wurde dargelegt, was hier konkret zu tun ist. Aber in der Praxis zeigen sich weiterhin große Unsicherheiten im Umgang mit dem Thema.

Methoden
Der komplexe Ablauf der Gefährdungsbeurteilung wird an ausgewählten Aspekten des Prozesses diskutiert. Planung, Organisation, Kommunikation, Verfahrensauswahl und Maßnahmenumsetzung stellen wesentliche Kernelemente im Ablauf der Gefährdungsbeurteilung dar. Der Prozessablauf wird aus arbeitsmedizinischer und arbeitspsychologischer Perspektive reflektiert.

Ergebnisse
Es zeigt sich, dass einige Aspekte den effizienten Ablauf der Gefährungsbeurteilung psychischer Belastung beeinträchtigen können:
  • Eingeschränkte Motivation und Qualifikation
  • Unzureichende Planung und Kommunikation
  • Mangelnde methodische Erfahrung
  • Begrenzte Bereitschaft zur Maßnahmenumsetzung
Insbesondere für die Rolle der Arbeitsmedizin im Unternehmen bedeutet das,
  • die erforderlichen Fachkompetenzen zu stärken
  • als Experte mit anderen Funktionen zu kooperieren
Schlussfolgerung
Die Unternehmen, ihre Strukturen und Kulturen sind sehr unterschiedlich, ebenso die Akteure, die mit der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen befasst sind. Daher lässt sich kein “one fits all”-Ansatz für ihre Durchführung identifizieren. Vielmehr bedarf es spezifischer, bedarfsgerechter Lösungen, die vorzugsweise kooperativ entwickelt werden sollten. Wir glauben, dass folgende betriebliche Merkmale – insbesondere auch die aktive Rolle der Arbeitsmedizin im Unternehmen - positiven Einfluss auf die gelingende Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung haben:
  • Interdisziplinärer Austausch
  • Professionelles Management der Gefährdungsbeurteilung

Herr Dr. med. Manfred Albrod

Arbeitsmedizin Großhansdorf

Facharzt für Arbeitsmedizin, Facharzt für Allgemeinmedizin, Disability Manager (CDMP), Fachkraft für Arbeitssicherheit

Die Rolle der physischen Arbeitsumgebung in der psychischen Gefährdungsbeurteilung mit dem COPSOQ (Hans-Joachim Lincke, Alexandra Lindner, Matthias Nübling)
Abstract:
Zielsetzung
Die Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR) begreifen u.a. Lärm, Zugluft und schlechte Beleuchtung als zentrale Gefährdungen durch psychische Faktoren. Die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA) empfiehlt zur psychischen Gefährdungsbeurteilung u.a. die Analyse physischer Faktoren. Deshalb hat die Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften (FFAW) den Copenhagen psychosocial questionnaire (COPSOQ) entsprechend um eine Skala „Physische Anforderungen/Arbeitsumgebung“ ergänzt.

Methode
Schweres Heben/Tragen und die Arbeit mit Gefahrstoffen, unter Extremtemperaturen, Lärm, schlechter Luft und Beleuchtung wurden 2014 als Skala zusammengefasst (Antworten fünfstufige Likert-Skala, Punktwerte zwischen 0 - 100). Bei über 18.000 nach der Berufsklassifikation 2010 gewichteten Datensätzen, beträgt der Skalenmittelwert 40,4 Punkte (Std.abw. 24,1 Punkte). Die Skalenreliabilität ist mit Cronb. Alpha = 0,82 hoch.

Ergebnisse
Die Skala korreliert schwach mit psychischen Belastungen wie Entwicklungsmöglichkeiten, Rollenkonflikten, ungerechter Behandlung und Arbeitsplatz-Unsicherheit; mittel (r > 0,3) mit dem Spielraum bei Pausen/Urlaub. Auf der Beanspruchungsseite korreliert sie schwach mit der Arbeitszufriedenheit, dem allg. Gesundheitszustand, Burnout-Symptomen und Präsentismus. Im Regressionsmodell zum Gesundheitszustand (R2 = 0,19) steht sie an fünfter Stelle der Belastungsmerkmale; bei der Arbeitszufriedenheit (R2 = 0,63) geht sie an achter Stelle in das Modell ein.

Diskussion
Die Analyse zeigt die direkte Assoziation des Arbeitens unter Bedingungen von Lärm, Kälte usw. mit negativen gesundheitlichen Folgen. Daneben steht die physische Umgebung jedoch eher stellvertretend für ein Bündel von Arbeitsbedingungen, die – grob gesagt – für „blue collar work“ typisch sind (z.B. Schichtarbeit). Im betrieblichen Setting kann die Verwendung der Skala die Verschränkung der psychischen und physisch-technisch-medizinischen Gefährdungsbeurteilung begünstigen.

Herr Dr. Hans-Joachim Lincke

Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften FFAW GmbH

COPSOQ 3: Internationale Weiterentwicklung und deutsche Standardversion (Matthias Nübling, Martin Vomstein, Ariane Haug, Inga Nolle, Alexandra Lindner, Hans-Joachim Lincke)
Abstract:

Zielsetzung


Der COPSOQ-Fragebogen (Copenhagen Psychosocial Questionnaire, Versionen 1 und 2) wird seit über 10 Jahren in Deutschland und etwa 20 Ländern weltweit vor allem zur Gefährdungsbeurteilung der psychischen Faktoren am Arbeitsplatz eingesetzt. Die Weiterentwicklung zur Version 3 verfolgt drei Ziele: 1. die Sicherstellung der internationalen Vergleichbarkeit, 2. die Integration neuer arbeitsmedizinischer Themen und 3. die Überprüfung / Optimierung der psychometrischen Qualitäten.

Methoden


Die Weiterentwicklung des COPSOQ wird seit 2013 durch das COPSOQ-Netzwerk der weltweit mit dem COPSOQ arbeitenden wissenschaftlichen Institute verantwortet (www.copsoq-network.org). Zunächst wurden die aktiven Nutzer in einem Delphi-Prozess 2013/2014 zur Praktikabilität und psychometrischen Güte der bisher verwendeten Items und Skalen befragt und um die Benennung neuer wichtiger Themen gebeten. Daraus wurde Ende 2015 die beta-Version des COPSOQ 3 entwickelt. Sie beinhaltet 28 zwingend einzusetzende CORE-Items zu 17 Themen als Basis für internationale Vergleiche. Dem fügt jedes nationale Team COPSOQ-Items aus dem Gesamtpool der COPSOQ-Fragen oder Fragen aus anderen Instrumenten an, die im nationalen Kontext die besten Messqualitäten aufweisen oder besonders relevant erscheinen.

Ergebnisse


Aktuelle Deutsche Standard Version:
Die deutsche Standard-Version des COPSOQ 3 beinhaltet insgesamt 85 Items zu 26 Aspekten; die Ausfülldauer beträgt im Median wie bisher 18 Minuten. Neue Themen sind z.B. die räumliche und zeitliche Entgrenzung der Arbeit, physische Anforderungen und Arbeitsengagement. Diese Version wurde bereits (Stand Oktober 2017) über 20.000 Beschäftigten vorgelegt. Die psychometrische Prüfung erfolgt synchron zur internationalen Analyse.
Finaler COPSOQ 3: Ende 2017 wird das COPSOQ-Netzwerk auf der Basis einer Metaanalyse der aus voraussichtlich 10 Ländern vorliegenden Daten die finalen CORE-Items des COPSOQ 3 vorstellen. Bei zwei Themen gestaltet sich die internationale Harmonisierung aufgrund unterschiedlicher Arbeitsbedingungen schwierig: bei der Unsicherheit der Arbeitsbedingungen und dem Work-Privacy Conflict; hier stellt sich die Frage nach der Möglichkeit kontextunabhängiger, global einsetzbarer Items. In der jetzigen deutschen Version werden dann ggfs. noch 3-5 Items gestrichen.

Herr Dr. Matthias Nübling

FFAW: Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften FFAW GmbH

Wie wichtig ist Prävention bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen? Sichtweisen und Einstellungen von Beschäftigten (Martina Michaelis, Stephanie Burgess, Florian Junne, Eva Rothermund, Harald Gündel, Stephan Zipfel, Monika A. Rieger)
Abstract:
Hintergrund: Die betriebliche Prävention von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen (PPE) wird angesichts der zunehmenden Bedeutung in der Arbeitsunfähigkeitsstatistik immer wichtiger. In der PHOEBE-I-Studie wurden im Jahr 2014 betriebliche Akteure und niedergelassene Hausärzte/ Psychotherapeuten zur subjektiv eingeschätzten Bedeutung betrieblicher Prävention befragt. In der hier vorgestellten PHOEBE-II- Studie aus dem Jahr 2016 wurde die entsprechende Sichtweise von abhängig Beschäftigten ergänzt und um zwei Präventionsebenen erweitert.
Methoden: Die Befragung erfolgte bei Mitgliedern eines Online-Access-Panels bei den Jobtypen "Blue" (Industriearbeit), "Grey" (Handwerk, Dienstleistung) und "White Collar Worker" (Büroberufe) [5]. Die 17/11/5 selbst entwickelten Items zu A) betrieblicher, B) individueller und C) allgemeiner Prävention wurden explorativ faktorenanalytisch überprüft. Entsprechende Mittelwertscores als (Sub)Dimensionen von 1 (sehr unwichtig) bis 4 (sehr wichtig) werden deskriptiv und nach Jobtypen (bivariate lineare Regression) präsentiert.
Ergebnisse: Es wurden n=193/169/248 "Blue/Grey/White Collar Worker" ausgewertet (Rücklauf 75%). Faktorenanalytisch gefundene Subdimensionen sind A.1 Gestaltung von Arbeit und Qualifikation, A.2 Coaching und Training und A.3 Angebote zur Verhaltensprävention für Beschäftigte, B.1 Unterstützung… von Spezialisten, B.2 … mittels elektronischer Medien und B.3 … im Privatleben (aufgeklärte Varianz 61 bzw. 59%). Für C) wurde eine 1-Faktorlösung gefunden.
PPE-Prävention in den insgesamt 7 (Sub)Dimensionen wurden von der Gesamtstichprobe nahezu unterschiedslos als "wichtig" oder "sehr wichtig" eingestuft (Score-Mittelwerte 3.1-3.3, SD 0.5-0.6). Lediglich die Dimension B.2 stieß auf geringere Zustimmung (Mittelwert 2.5, SD 0.6). Wir fanden keine Antwortunterschiede zwischen Jobtypen.
Diskussion/Schlussfolgerungen: Beschäftigte unterschiedlichster Berufe halten betriebliche Prävention für wichtig, um die Entstehung von psychischen Erkrankungen zu vermeiden, genauso jedoch individuelle und gesellschaftliche Bemühungen. Das Antwortverhalten als methodisch zu bewertende "Regression zur Mitte" zu interpretieren, wird durch ein Globalitem zur Priorisierung von Prävention zwischen Arbeitswelt und Privatleben (58% "gleichermaßen") zwar gemildert, sollte dennoch kritisch hinterfragt werden, genau wie ein möglicher Selektionsbias durch die Merkmale von Access Panel- Kollektiven.

Frau Dr. Martina Michaelis

Freiburger Forschungsstelle Arbeits- und Sozialmedizin (FFAS)

Thursday
08 Mär 2018
14:00 - 15:00

Schichtarbeit

Schichtarbeit 1
Room: Hörsaal 6
Chairman 1: Thomas C. Erren | Chairman 2: J. Valérie Groß
Nachtarbeit und Brustkrebs: Eine internationale gepoolte Analyse populationsbasierter Fall-Kontroll-Studien (Emilie Cordina-Duverger, Florence Menegaux, Aboubakari Nambiema, Sylvia Rabstein, Volker Harth, Beate Pesch, Thomas Brüning, Lin Fritschi, Deborah Glass, Jane Heyworth, Thomas C. Erren, Kyriaki Papantoniou, Ana Espinosa, Manolis Kogevinas, Anne Grundy, John J. Spinelli, Kristan J. Aronson, Pascal Guénel)
Abstract:
Zielsetzung: Im Jahr 2007 klassifizierte die Internationale Krebsagentur (IARC) langjährige Schichtarbeit, die mit circadianer Disruption verbunden ist, als wahrscheinlich karzinogen für den Menschen. Unterschiedliche Definitionen, Erhebungs-Methoden und Expositions-Metriken der Nachtschichtarbeit in den verschiedenen Studien erschweren dabei eindeutige Schlussfolgerungen. Um auf Grundlage einer größeren Studienpopulationen genauere Aussagen zu potentiellen Risiken von Nachtarbeit treffen zu können, wurde ein Datensatz aus fünf großen populationsbasierten Fall-Kontroll-Studien zu Brustkrebs in Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland und Spanien generiert und ausgewertet.

Methoden: Der harmonisierte Datensatz umfasst 6105 Brustkrebsfälle und 6948 Bevölkerungskontrollen. Jeder Beruf, der mindestens drei Arbeitsstunden zwischen Mitternacht und 5:00 Uhr morgens beinhaltete, wurde als Nachtarbeit klassifiziert. Die Gesamtdauer von Nachtarbeit, die Häufigkeit (Nächte/Woche) und die Länge der Nachtschicht (Stunden) wurden als zentrale Expositionsmaße betrachtet. Odds Ratios mit 95% Konfidenzintervallen (KI) wurden mittels logistischer Regressionsmodelle bedingt nach Alter in 5-Jahres-Gruppen und adjustiert nach relevanten Confoundern berechnet.

Ergebnisse: Für prämenopausale Frauen, die jemals nachts gearbeitet haben, betrug das gepoolte Odds Ratio (OR) 1.23 [95% KI 1.03-1.47]. Das OR erhöhte sich auf 1.75 [95% KI 1.17-2.62] für prämenopausale Frauen mit mindestens drei Nachtschichten pro Woche und 1.33 [95% KI 1.05-1.70] für mehr als zehn Stunden dauernde Nachtschichten. Während sich mit steigender Anzahl von Jahren in Nachtarbeit allein keine Risikoerhöhung zeigte, wurde für Frauen, die ≥10 Jahre für mindestens drei Nächte pro Woche arbeiteten, ein erhöhtes OR von 2.58 [95% KI 1.05-6.36] beobachtet. Die Daten zeigten keine Assoziationen für postmenopausale Frauen. Es wurde keine statistisch signifikante Heterogenität zwischen den Studien beobachtet.

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse unterstützen die Hypothese, dass Nachtarbeit mit mindestens drei Nächten pro Woche das Brustkrebsrisiko bei prämenopausalen Frauen erhöht. Das Fehlen von Assoziationen bei postmenopausalen Frauen muss weiter exploriert werden.

Frau Sylvia Rabstein

Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Institut der Ruhr-Universität Bochum, Bürkle-de-la-Camp-Platz 1, 44789 Bochum

SCHICHTARBEIT UND PROSTATAKREBS - 10-JAHRES-FOLLOW-UP EINER BEVÖLKERUNGSBASIERTEN KOHORTE (Thomas Behrens, Sylvia Rabstein, Katharina Wichert, Raimund Erbel, Lewin Eisele, Nico Dragano, Marina Arendt, Karl-Heinz Jöckel*, Thomas Brüning)
Abstract:
Zielsetzung: Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass langjährige Schicht- und Nachtarbeit mit einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs assoziiert sein kann. Wir untersuchten den Zusammenhang mit der Prostatakrebsinzidenz in der bevölkerungsbasierten Heinz Nixdorf Recall (HNR) Kohorte aus dem Ruhrgebiet.

Methoden: Die Basisbefragung der HNR Studie fand im Zeitraum zwischen 2000-2003 statt. 2011-2014 wurde ein Follow-up Survey durchgeführt, in dem ausführliche Fragen zu einer Tätigkeit in Schicht- bzw. Nachtarbeit erhoben wurden. 1.757 Männer mit ausreichenden Angaben zu Schichtarbeit und anderen Co-Variablen, die zur Baseline nicht an Prostatakrebs erkrankt waren, wurden in die Analyse eingeschlossen. Wir berechneten das Prostatakrebsrisiko mit 95% Konfidenzintervallen (95% KI) mittels Cox Proportional Hazards Regression mit Alter zum Ereignis als Zeitskala, adjustiert für Rauchstatus (nie, früher, aktuell), eine positive Familienanamnese, Schulbildung (≤13, 14-17, ≥18 Jahre) und das Nettoäquivalenzeinkommen (niedrig, mittel, hoch). Außerberufliche Risikofaktoren wie körperliche Aktivität, Alkoholkonsum oder Vitamin D-Status zur Baseline stellten keine Confounder dar und wurden deshalb nicht im finalen Modell berücksichtigt. Darüber hinaus stratifizierten wir die Analysen nach Vitamin D-Status bzw. bevorzugtem Schlafmittelpunkt.

Ergebnisse: Bis zum Ende des Follow-up im September 2014 wurden 76 Männer mit einem inzidenten Prostatatumor diagnostiziert. Wir beobachteten mehr als doppelt erhöhte Prostatakrebsrisiken für Schicht- und Nachtarbeiter (Hazard ratio (HR)=2,29; 95% KI 1.43-3.67 und HR=2,27; 95% KI 1,42-3,64). Beschäftigte mit früher Schlafpräferenz zeigten besonders stark erhöhte Risikoschätzer. Eine mehr als zwanzigjährige Tätigkeit in Schicht- und Nachtarbeit war mit einer vierfach erhöhten HR assoziiert.

Schlussfolgerungen: In der populationsbasierten HNR Kohorte waren Schicht- und Nachtarbeit mit einem erhöhten Prostatakrebsrisiko assoziiert, das mit zunehmender Dauer der Tätigkeit weiter zunahm.

*TBr & KHJ teilen sich die Letztautorenschaft (contributed equally).

Herr Prof. Dr. med. Thomas Behrens

Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)

Analogie zwischen Forschung zum Rauchen und zu Cirkadianer Disruption? - Dosisermittlungen am Arbeitsplatz und im Freizeitbereich (Thomas C. Erren, Philip Lewis)
Abstract:
Hintergrund: 1950 trugen Meilensteinstudien von Wynder&Graham und Doll& Hill dazu bei, Rauchen als starken Risikofaktor für Lungenkrebs zu identifizieren. 2007 hat die Internationale Agentur für Krebsforschung [IARC] Schichtarbeit mit „Circadianer Disruption“ [CD] als „wahrscheinlich humankarzinogen“ eingestuft. Die epidemiologische Studienevidenz zu Schichtarbeit und Krebs seit 1996 erscheint nicht ausreichend belastbar.

Zielsetzung: Wir postulieren, dass Forschung zur Schichtarbeit chronobiologisch und methodisch nicht stringent ist und dass wir Lehren aus der Forschung zum Rauchen ziehen sollten. Unsere Hypothese ist, dass CD-Dosen am Arbeitsplatz und im Freizeitbereich kombiniert werden müssen. Ziel war es, CD am Arbeitsplatz und im Freizeitbereich in Metriken zu integrieren.

Methoden: Zur Illustrierung stellen wir der faktischen Quantifizierung und Klassifizierung des Rauchverhaltens von 1950 fiktionale Verteilungen entgegen: Eine Abfrage von Rauchgewohnheiten am Arbeitsplatz allein hätte zu Fehlklassifizierungen geführt und Erkenntnisgewinne erschwert. In Analogie zum Rauchen legt die Chronobiologie nahe, dass CD sowohl an Arbeitsplätzen als auch im Freizeitbereich durch das Arbeiten und Leben gegen die innere Uhr (Chronotyp) generiert wird. Es werden zwei Metriken entwickelt, um CD-Gesamtdosen abzuschätzen.

Ergebnisse: Überlappungen von Außenzeiten (Arbeit+Aktivität bzw. Schlaf) mit Innenzeiten (Chronotyp: Biologische Nacht bzw. biologischer Tag) können quantifiziert werden, um CD für Einzelpersonen am Arbeitsplatz + im Freizeitbereich zu bestimmen: Metrik 1=CDBN=Arbeit+Aktivität/Biologische Nacht; Metrik 2=CDBT=Schlaf/Biologischer Tag. Innenzeiten und Außenzeiten können über Fragebögen bzw. Industriedaten approximiert werden. CDBN und CDBD können hinsichtlich ihrer Risikobeziehungen zu Endpunkten verglichen werden.

Schlussfolgerungen: Biologisch plausibel weist die IARC-Klassifikation von Schichtarbeit mit CD auf ein ubiquitäres Kausalphänomen hin. CD-Dosen sollten daher sowohl am Arbeitsplatz als auch im Freizeitbereich bestimmt werden. Der Studienfokus auf Schichtarbeit mit CD allein ist reduktionistisch, da er chronobiologische Zusammenhänge unangemessen vereinfacht und CD im Freizeitbereich abschneidet [Erren&Lewis. J Occup Med Toxicol. 12:29:1-8; 2017]. Empirische Studien, die diese Analogie zwischen Forschung zum Rauchen und zu CD explorieren, können für die IARC wichtig sein, um CD ggf. als Hazard zu identifizieren..

Herr Univ.-Prof. Dr. med. Thomas C. Erren M.P.H.

Uniklinik Köln

Analyse der Melatonin-Suppression durch Nachtschicht in der IPA-Feldstudie zu Schichtarbeit (Sylvia Rabstein, Katarzyna Burek, Martin Lehnert, Alexandra Beine, Jörg Walther, Simone Putzke, Rui Wang-Sattler, Markus Rotter, Dirk Pallapies, Thomas Behrens, Thomas Brüning)
Abstract:
Zielsetzung: Aus Laborstudien ist bekannt, dass eine Exposition gegenüber Blaulicht die Melatonin-Ausschüttung verzögert. Die maximale Ausschüttung von Melatonin in der Nacht (Melatonin-Peak), die meist zwischen zwei und fünf Uhr morgens stattfindet, unterscheidet sich dabei stark zwischen Individuen. Hier wurde der Einfluss von Blaulicht-Expositionen in verschiedenen Zeitfenstern vor der Nachtschicht auf die nächtlichen Melatonin-Peaks unter Berücksichtigung verschiedener weiterer Faktoren im Rahmen einer Feldstudie untersucht. Ziel ist es, Subgruppen zu identifizieren, die von einer beeinträchtigten Melatonin-Ausschüttung durch Nachtschicht besonders betroffen sind.

Methoden: In der „IPA-Feldstudie zu Schichtarbeit“ wurden insgesamt 75 Mitarbeiterinnen des BG Klinikums Bergmannsheil in einem dreitägigen Nachtschichtdienst und einem zweitägigen Tagschichtdienst im Längsschnitt untersucht. Weitere 25 Frauen ohne Nachtdienste wurden im zweitägigen Tagdienst beobachtet. Blaues Licht wurde mit an der Schulter getragenen Messgeräten (LightWatcherTM) aufgezeichnet. Die individuellen Melatonin-Verläufe wurden anhand von sechs bis acht Speichelproben pro Tag untersucht, wobei die Höhe der individuellen Melatonin-Peaks anhand von Baseline-Cosinor-Schätzungen für jede Nacht geschätzt wurde. Der Einfluss von Tag- oder Nachtschicht, Blaulicht-Exposition, Alter, Chronotyp und weiteren Faktoren auf die logarithmierten Melatonin-Peaks wurde mittels gemischter linearer Modelle untersucht.

Ergebnisse: Für die Altersgruppe der über 50-jährigen zeigten sich höhere Melatonin-Peaks während der Tagschichten als während der Nachtschichten (p < 0.01). Ebenso zeigte sich für späte Chronotypen, dass die Melatonin-Peaks schon ab der zweiten Nachtschicht wieder stiegen. Nächtliches Blaulicht hatte nur einen geringen einen Einfluss auf die Melatoninpeaks.

Schlussfolgerungen: Das Alter hat einen entscheidenden Einfluss auf Höhe und Verlauf der Melatonin-Peaks bei hintereinanderliegenden Nachtschichten. Nächtliche Blaulicht-Expositionen zeigten in dieser Studie einen geringen Einfluss, da die Beleuchtungssysteme hier nur geringe biologisch wirksame Strahlung im Blaulichtbereich vermitteln.

Frau Sylvia Rabstein

Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Institut der Ruhr-Universität Bochum, Bürkle-de-la-Camp-Platz 1, 44789 Bochum

Thursday
08 Mär 2018
15:15 - 16:30

Schichtarbeit

Schichtarbeit 2
Room: Hörsaal 6
Chairman 1: Ute Latza | Chairman 2: Sylvia Rabstein
Kardiovaskuläre und verhaltensbasierte Erholungseffekte bei Schicht- und Tagarbeitern im Hotel- und Gastgewerbe (Lisa Stieler, Bettina Hunger, Matthias Rudolf, Regina Stoll, Reingard Seibt)
Abstract:

Zielsetzung


Ein ausgewogenes Erholungsverhalten ist essentiell für die Gesundheit der Arbeitnehmer. Schichtarbeit kann mit verzögertem Erholungsverhalten (EV) assoziiert sein. Das betrifft nicht nur kardiovaskuläre Rückstellprozesse, sondern auch verhaltensbasierte Erholungsmaße wie Schlaf und Work-Life-Balance. Ziel dieser Studie war es, Auswirkungen von Wechselschichtsystemen des Hotel- und Gastgewerbes (HuG) auf kardiovaskuläre und verhaltensbasierte Erholungsmaße bei Schicht- und Tagarbeitern unter Kontrolle von Alter, Geschlecht und Blutdruckstatus an einem Arbeits- und einem arbeitsfreien Tag zu ermitteln.

Methoden


Die Stichprobe bestand aus 64 Wechselschicht- (Ø Alter: 32±9 Jahre) und 96 Tagarbeitern (Ø Alter: 37±10 Jahre) des Gastronomiebereichs. Zur Analyse der kardiovaskulären Beanspruchung und Erholung diente eine 24h-Messung von Blutdruck (BD) und Herzfrequenz (Hf) an einem Arbeits- (AT) und einem arbeitsfreien Tag (FT) mit den Zeitphasen Arbeit, Freizeit und Schlaf. Die verhaltensbasierten Faktoren Schlafqualität (PSQI), Work-Life-Balance (WPC), Erholungsunfähigkeit (FABA) und Gesundheitsverhalten (sportliche Aktivität, Tabak- und Alkoholkonsum) wurden mit Fragebögen, der Blutdruckstatus mittels BD-Selbstmessung erhoben (39% Hypertoniker). Der Vergleich von AT und FT erfolgte mit Messwiederholungs-, die Prüfung der Schichtgruppen­unterschiede mit Varianz- und Regressionsanalysen.

Ergebnisse


Für Schicht- und Tagarbeiter bestand am AT und FT für Freizeit und Schlaf keine signifikant unterschiedliche kardiovaskuläre Beanspruchung. Die Gesamtbeanspruchung über 24 h war am AT (BD: 132/79 mmHg) jedoch signifikant höher als am FT (BT: 127/75 mmHg; p=.002-.020). Schichtarbeiter berichteten für Work-Life-Balance, Erholungsunfähigkeit und sportliche Aktivität signifikant ungünstigere Ausprägungen (p=.001-.017). Als Prädiktoren der Schichtarbeit ergaben sich Alter, Erholungsfähigkeit und sportliche Aktivität (Varianzaufklärung 23%).

Schlussfolgerungen


Schichtarbeit wirkt sich bei den HuG-Mitarbeitern auf verhaltensbasierte Erholungsmaße aus. Entscheidend zur Bewertung der physiologischen Erholung ist die Schlafphase, während die Freizeitphase aufgrund der Diversität aktiver und passiver Aktivitäten ungeeignet ist. Ob Freizeitaktivitäten erholungsförderlich wirken, hängt auch von der Fähigkeit „Abschalten-zu-können“ ab. Ein optimal gestalteter Beanspruchungs-Erholungs-Zyklus ist notwendig, um eine umfassende Erholung zu ermöglichen.

Frau Lisa Stieler

Universitätsmedizin Rostock

Erste Beobachtungen im Rahmen einer Schichtplanumstellung im Polizeidienst (J. Valérie Groß, Inga Schwert, Martin Hellmich, Andreas Pinger, Ursula Wild, René Renner, Thomas C. Erren)
Abstract:
Hintergrund
Nacht- und Schichtarbeit ist im Polizeidienst unvermeidbar und führt zu zusätzlichen Belastungen dieser durch die eigentlichen Tätigkeiten bereits häufig stark beanspruchten Berufsgruppe. Die Gestaltung des Schichtplans kann ein Ansatz sein, auf die Belastungen und Beanspruchungen durch Schichtarbeit präventiv einzuwirken.

Zielsetzung
Untersuchen einer durch die Beschäftigten selbst-initiierten und selbst-gestalteten Schichtplanumstellung einer rückwärtsrotierenden Schichtabfolge auf ein schneller, vorwärtsrotierendes System mit Anteilen selbst-gewählter Schichtarten; Erfassen der primären Endpunkte Zufriedenheit mit dem Schichtsystem und Müdigkeit vor und nach spezifischen Nachtschichten unter Berücksichtigung des individuellen Chronotypen.

Methode
Die Datenerhebung erfolgte durch Fragebögen mit einer Beobachtungsdauer von 1 Monat vor bis 12 Monate nach der Schichtplanumstellung. Zur Darstellung der Zufriedenheit wurden Likert-Skalen eingesetzt. Die Einstufung des Parameters Müdigkeit vor und nach spezifischen Nachtschichten erfolgte anhand der Stanford Sleepiness Scale und einer Visuellen Analogskala. Zur Untersuchung der Chronotypen wurden drei verschiedene Methoden (MCTQshift, der „Perfekte Tag“ und eine Selbst-Kategorisierung) miteinander verglichen.

Ergebnisse
79 Polizisten (75% aller Beschäftigten, die von der Schichtplanumstellung betroffen waren) nahmen an der Beobachtungsstudie teil. Die Zufriedenheit mit dem Schichtplansystem verbesserte sich im neuen Schichtsystem deutlich („sehr zufrieden im neuen Schichtsystem“: 58,2% vs. „sehr zufrieden im alten Schichtsystem“: 4,23%); die schnellen Vorwärtsrotationen sowie die Selbstbestimmung der Schichtauswahl wurden als positiv beschrieben. Der Vergleich des MCTQshift, des Perfekten Tages und der Selbst-Kategorisierung zeigte nicht kongruente Ergebnisse bezüglich der Einstufung der Chronotypen; es ergaben sich Hinweise auf relevante Selektions- und Missklassifikationsfehler etablierter Herangehensweisen. Die Ergebnisse zur Müdigkeit vor und nach spezifischen Nachtschichten stehen noch aus.

Schlussfolgerung
Bezüglich des Faktors „Zufriedenheit“ zeigt sich eine deutlich positive Annahme des „neuen“, schnell vorwärtsrotierenden Schichtsystems. Um mögliche Fehlklassifizierungen und Selektionsfehler zu vermeiden, sollte bei der Klassifizierung der Chronotypen die Methodik der Datenerhebung stärker berücksichtigt und kritisch diskutiert werden.

Frau Dr. J. Valérie Groß

Uniklinik Köln

Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität der Hamburger Polizei 12 Monate nach Implementierung eines neuen Schichtsystems. (Marcial Velasco Garrido, Claudia Terschüren, Robert Herold, Alexandra Marita Preisser, Stefanie Mache, Volker Harth, Cordula Bittner)
Abstract:

Zielsetzung


Mit dem Ziel, die negativen Aspekte des alten Schichtsystems (insbesondere die geringe Anzahl an freien Tagen und das Fehlen von freien Wochenenden) zu überwinden, erprobte die Hamburger Polizei zwischen Juni 2015 und Mai 2016 ein neues Wechselschicht-System. In einem demokratischen Abstimmungsprozess entschieden sich 6 von 24 Polizeikommissariate (PK) das neue System über 12 Monate zu pilotieren. Ziel unserer Arbeit war die Pilotierung anhand der Arbeitsfähigkeit und der Lebensqualität zu evaluieren.

Methoden


Die Arbeitsfähigkeit (AF) wurde mittels Work Ability Index (WAI), die globale Lebensqualität (LQ) mit dem WHOQOL-Instrument erhoben. Die erste Erhebung erfolgte vor Beginn der Pilotierung (T0), die 2. nach 12 Monaten (T1). Es wurden die Teilnehmer berücksichtigt, die an beiden Erhebungen teilgenommen hatten. Mittels t-Test bzw. Chi-Quadrat-Test sowie multivariater Regressionsanalyse wurden die Unterschiede zwischen pilotierenden und nicht-pilotierenden PK im Sinne eines kontrollierten Vorher-Nachher-Vergleichs verglichen.

Ergebnisse


Die Arbeitsfähigkeit (AF) wurde mittels Work Ability Index (WAI), die globale Lebensqualität (LQ) mit dem WHOQOL-Instrument erhoben. Die erste Erhebung erfolgte vor Beginn der Pilotierung (T0), die 2. nach 12 Monaten (T1). Es wurden die Teilnehmer berücksichtigt, die an beiden Erhebungen teilgenommen hatten. Mittels t-Test bzw. Chi-Quadrat-Test sowie multivariater Regressionsanalyse wurden die Unterschiede zwischen pilotierenden und nicht-pilotierenden PK im Sinne eines kontrollierten Vorher-Nachher-Vergleichs verglichen.

Schlussfolgerungen


In den PK mit dem neuen Schichtsystem konnten nach 12 Monate eine leicht höhere Arbeitsfähigkeit und eine bessere Lebensqualität erhoben werden. Weitere follow-ups sind notwendig, um längerfristige Effekte evaluieren zu können.

Herr Marcial Velasco Garrido M.P.H.

Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Kognitive Leistungsfähigkeit bei Schichtarbeiterinnen in der Krankenversorgung (Katarzyna Burek, Sylvia Rabstein, Dirk Pallapies, Martin Lehnert, Alexandra Beine, Jörg Walther, Thomas Behrens, Thomas Brüning)
Abstract:

Zielsetzung

Nachtarbeit führt zu einem unregelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus und einer Störung des circadianen Systems. Dies kann zur Beeinträchtigung der Gesundheit und kognitiven Leistungsfähigkeit führen. Ein valides Instrument zur Erfassung der kognitiven Leistungsfähigkeit ist der Psychomotor-Vigilanz-Test (PVT), welcher hierzu Reaktionsmuster auf visuelle Reize erfasst.

Methoden

75 weibliche Beschäftigte des BG Klinikums Bergmannsheil in Bochum (Median 35 Jahre, Min-Max 25-57) haben jeweils am Ende von zwei aufeinanderfolgenden Tagschichten sowie drei aufeinanderfolgenden Nachtschichten einen 3-minütigen PVT absolviert. Trainings-PVT fand zu Beginn der Studie an arbeitsfreien Tagen statt. Die Performance im PVT wurde als Mittelwert der Reaktionsgeschwindigkeit (1/s) und Anteil der Auslassungsfehler (Reaktionszeit ≥355ms) berechnet. Der Chronotyp wurde als Uhrzeit des Schlafmittelpunkts an freien Tagen geschätzt. Der Einfluss von Schichttyp, Studientag, Alter, Chronotyp und Vorliegen eines obstruktiven Schlaf-Apnoe-Syndroms (OSAS; klinisch erhoben) auf die Performance im PVT wurde mittels linearen gemischten Modelle untersucht.

Ergebnisse

Die Reaktionsgeschwindigkeit und Anteil der Auslassungsfehler im PVT unterschieden sich an beiden Tagschichten nicht voneinander und waren mit den Messwerten des Trainingstages vergleichbar. Nach der ersten und zweiten Nachtschicht war die Reaktionsgeschwindigkeit signifikant langsamer (1. Nacht: β=-0,14, p<0,0001; 2. Nacht: β=-0,10, p=0,0013) und der Anteil der Auslassungsfehler signifikant höher (1. Nacht: exp(β)=1,34, p=0,0088; 2. Nacht: exp(β)=1,38, p=0,0043) im Vergleich zum Trainingstag. Nach der dritten Nachtschicht war die PVT-Performance mit dem Trainingstag vergleichbar (Reaktionsgeschwindigkeit: β=-0,07, p=0,0565; Anteil der Auslassungsfehler: exp(β)=1,14, p=0,2706). Ältere Probandinnen und Probandinnen mit einem späteren Chronotyp reagierten im PVT langsamer (Alter pro 10 Jahre: β=-0,16, p<0,0001; Chronotyp pro 1h: β=-0,06, p=0,0116) und machten mehr Auslassungsfehler (Alter pro 10 Jahre: exp(β)=1,54, p<0,0001; Chronotyp pro 1h: exp(β)=1,37, p<0,0001). Probandinnen mit OSAS machten signifikant mehr Auslassungsfehler (exp(β)=1,61, p=0,0002).

Schlussfolgerungen

Über die drei Nachtschichten hinweg näherten sich die Reaktionsgeschwindigkeit und Anteil der Auslassungsfehler den Messwerten des Trainingstages. Höheres Alter, späterer Chronotyp und OSAS verschlechtern die PVT-Performance ebenfalls.

Frau Sylvia Rabstein

Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung Institut der Ruhr-Universität Bochum, Bürkle-de-la-Camp-Platz 1, 44789 Bochum

Pilotstudie zum Projekt Schichtarbeit, Schlafstörungen und kognitive Beeinträchtigungen im Alter (SASKIA Pilot) (Tobias Weinmann, Céline Vetter, Susanne Karch, Dennis Nowak, Katja Radon)
Abstract:

Zielsetzung: Die Arbeit in Schichtsystemen wird mit verschiedenen gesundheitlichen Endpunkten in Verbindung gebracht, unter anderem mit kognitiven Beeinträchtigungen im höheren Lebensalter. Dieser Zusammenhang wurde bisher jedoch unzureichend erforscht, besonders unter fehlender Berücksichtigung des Chronotyps. Ziel unserer Pilotstudie war daher die Testung der Machbarkeit einer groß angelegten epidemiologischen Studie zur Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Schichtarbeit und kognitiven Beeinträchtigungen im höheren Lebensalter.

Methoden: 425 aktuelle und ehemalige Mitarbeiter_Innen des Klinikums der Universität München im Alter von über 55 Jahren wurden zufällig ausgesucht und schriftlich zur Teilnahme an der Pilotstudie eingeladen. Die Teilnahme beinhaltete das Ausfüllen eines Fragebogens zu Chronotyp, Schlafverhalten, Berufsgeschichte inklusive Schichtarbeit, medizinischer Anamnese und soziodemographischen Variablen sowie das Absolvieren einer aus validierten kognitiven Tests bestehenden Testbatterie. Die Machbarkeit der geplanten Studie wurde anhand der Teilnahmebereitschaft sowie der Vollständigkeit des Fragebogens und der kognitiven Tests beurteilt.

Ergebnisse: 75 Personen (18%) füllten den Fragebogen aus, wovon lediglich 47 (11% der Gesamtstichprobe) an der kognitiven Testung teilnahmen. Im Fragebogen lag der Anteil fehlender Werte bei lediglich drei Variablen bei über zehn Prozent. Alle kognitiven Tests konnten vollständig durchgeführt werden. Bei 17 Teilnehmer_Innen (36%) zeigten sich bei mindestens einem der kognitiven Tests Hinweise auf leichte Schwierigkeiten, bei zwei Proband_Innen (4%) ergaben sich deutlichere Anzeichen für eine Beeinträchtigung. Die Häufigkeit der Hinweise auf leichte bzw. deutliche kognitive Einschränkungen unterschied sich bei sehr geringer statistischer Power nicht zwischen Personen mit Schichtarbeit (40%) und ohne Schichtarbeit (40%; p=0,97).

Schlussfolgerungen: Aufgrund der geringen Teilnahmebereitschaft muss das Design für die Hauptstudie optimiert werden. Fragebogen und die kognitive Testbatterie haben sich als geeignet erwiesen. Für die weitere Planung des Vorhabens muss daher insbesondere eine besser geeignete Stichprobe und Rekrutierungsmethode gefunden werden, beispielsweise über ein kooperierendes Unternehmen, in dem die Durchführung der kognitiven Tests in die betriebsmedizinische Betreuung eingebaut werden kann.

Herr Dr. Tobias Weinmann

Klinikum der Universität München (LMU)

Thursday
08 Mär 2018
10:30 - 11:30

Gesundheitswesen

Arbeit im Gesundheitswesen 1
Room: Hörsaal 6
Chairman 1: Albert Nienhaus | Chairman 2: Matthias Weigl
Differenzielle Effekte von Arbeitsunterbrechungen auf Arbeitsstress: Eine Mixed-Methods-Erhebung bei Ärzten und Pflegekräften in der Notaufnahme (Matthias Weigl, Joana Beck, Anna Schneider)
Abstract:
Hintergrund: Der Umgang von Beschäftigten mit einer Vielzahl von Ablenkungen und Unterbrechungen ist eine bedeutsame Herausforderung in der dynamischen Arbeitsumgebung von Notaufnahmen.

Ziel: Diese Studie zielte darauf ab, eine Taxonomie von Arbeitsunterbrechungen zu entwickeln, die den Inhalt und den Zweck von Unterbrechungen berücksichtigt. Weiteres Ziel war, Zusammenhänge von Arbeitsunterbrechungen und Stresserleben zu identifizieren.

Methodik: Kombinierte Daten aus Experten-Beobachtungen und Selbstevaluationen des beobachteten Notaufnahmepersonals wurden herangezogen. Die Studie fand in der interdisziplinären Notaufnahme eines Maximal-Versorgers statt (85,000 Fälle/a). Eine multidisziplinäre Stichprobe von Ärzten und Pflegekräften wurde rekrutiert. An 20 zufällig ausgewählten Tagen wurden 77 90-minütige Arbeitsbeobachtungen von Unterbrechungen und Selbstevaluationen von Arbeitsstress kombiniert. Stressberichte des Personals basierten auf standardisierten Skalen (STAI-6). Statistische Auswertungen wurden für tägliche Patientenzahlen, ESI-Status und Personalstand kontrolliert.

Ergebnisse: Unterbrechungen wurden am häufigsten verursacht durch Kollegen einer anderen Berufsgruppe (27,1%, mittlere Unterbrechungen pro Stunde: 2,04), von Kollegen derselben Berufsgruppe (24,1%, 1,81) sowie per Telefon/Beeper (21%; 1,57). In Bezug auf den Inhalt der Unterbrechungsereignisse traten häufig Unterbrechungen auf, die sich auf einen parallelen Fall (30,3%, 2,07) bezogen, als auch auf den aktuellen Fall (19,1%, 1,28) oder auf Koordinationstätigkeiten (18,2%, 1,24). Regressionsanalysen zeigten, dass Unterbrechungen mit Inhalten zu parallelen Fällen die Stressberichte des Personals signifikant erhöhten (β = 0,24, p = 0,03).

Diskussion: Unterbrechungsinhalte, die sich auf parallele Patientenfälle beziehen, gingen mit einem erhöhten Stress bei Ärzten und Pflegekräften in der Notaufnahme einher. Unser Ansatz zur Unterscheidung zwischen Quellen und Inhalten von Unterbrechungsereignissen trägt zu einem besseren Verständnis der potenziellen Vorteile und Risiken von Arbeitsunterbrechungen in dynamischen, klinischen Arbeitsumgebungen bei. Trotz einiger Limitationen leistet unsere Studie einen Beitrag, zukünftig Arbeitsunterbrechungen in solchen Umgebungen differenziert in ihren Auswirkungen für Mitarbeitergesundheit und Patientensicherheit zu bewerten.

Herr PD Dr. Matthias Weigl

Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München

Eine Fragebogenstudie unter Medizinischen Fachangestellten (MFAs) zu den psychosozialen Arbeitsbelastungen und deren Zusammenhang mit Gesundheitsparametern (Patricia Vu-Eickmann, Jian Li, Andreas Müller, Peter Angerer, Adrian Loerbroks)
Abstract:

Zielsetzung

In zahlreichen epidemiologischen Studien zu Gesundheitsberufen wurden Assoziationen zwischen hohen Arbeitsbelastungen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen dokumentiert. Für Medizinische Fachangestellte (MFAs), die größte Berufsgruppe der ambulanten Versorgung, liegen nur wenige derartige Erkenntnisse vor. Die vorliegende Fragebogenstudie soll daher mögliche Zusammenhänge zwischen Arbeitsbelastungen und Gesundheitsparametern aufzeigen.

Methoden

Es wurde eine Fragebogenstudie unter 887 berufstätigen MFAs aus verschiedenen Fachrichtungen und Tätigkeitsfeldern (u.a. Arztpraxis, Krankenhaus) durchgeführt (09/16 bis 04/17). Zur Messung der Arbeitsbelastungen wurde der etablierte ERI-Fragebogen verwendet (17 Items mit den Konstrukten Verausgabung, Belohnung und deren Quotient [„ERI-Ratio“]). Die Gesundheitsparameter umfassen die Selbsteinschätzung des allgemeinen Gesundheitszustandes (1 Item), Depressivität (PHQ2) und Ängstlichkeit (GAD2). Es wurden multivariate logistische Regressionsanalysen durchgeführt und für Alter, Geschlecht, Leitungsposition, Rauchstatus und Body Mass Index adjustiert.

Ergebnisse

Arbeitsstress gemäß dem ERI-Modell (d.h. ERI-Quotient >1.0) lag bei 73.8% der Teilnehmer/innen vor und ging mit einer schlechteren selbstberichteten Gesundheit, Depressivität und Ängstlichkeit einher (Odds Ratios [ORs] > 3.5). Ähnliche Zusammenhänge wurden bei ausgeprägten Verausgabungen (d.h. oberstes Terzil) beobachtet (ORs > 2.5) und entsprechend inverse Assoziationen für hohe Belohnungen (d.h. oberstes Terzil; ORs < 0.6).

Schlussfolgerungen

Entsprechend des ERI-Arbeitsstressmodell können hohe Anforderungen geringen Belohnungen sowie deren Kombination mit einer Gefährdung der Gesundheit von MFAs einhergehen. Folglich könnte sich bspw. eine Akzentuierung der Belohnung (z.B. in Form von Anerkennung oder einer höheren Entlohnung) positiv auf den Gesundheitszustand von MFAs auswirken.

Frau Patricia Vu-Eickmann

Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Herr Adrian Loerbroks

Universität Düsseldorf

Wie viel Energie braucht die Arbeit in der Gesundheitsbranche? Energieverbrauch bei berufsspezifischen Tätigkeiten weiblicher Beschäftigter im Krankenhaus (Ulrike Brückner, MPH, Ines L. Giesser, Sandra Laux, Stephanie Schneider–Lauteren, Joachim Schneider)
Abstract:

Zielsetzung


Um den Energieverbrauch in der täglichen Arbeit weiblicher Beschäftigter im Gesundheitswesen zu bestimmen, wurden typischer Berufsgruppen in einem Feldtest mit spezifischen Tätigkeiten untersucht.

Methoden


Es nahmen 34 Mitarbeiterinnen eines Universitätsklinikums aus 3 Berufsgruppen (4 Ärztinnen, 18 medizinische Assistentinnen, Pflegekräfte und Physiotherapeutinnen, 12 Reinigungskräfte) im Alter von 23-61 Jahren (Median=49) teil. Bei den berufsspezifischen Tätigkeiten wie der körperlichen Untersuchung und PC Arbeit (N=15), physiotherapeutisches Arbeiten (N=22), pflegerische Tätigkeiten (N=18) und Reinigungsarbeiten (N=34) wurde mittels indirekter Kalorimetrie [VO2, RER] der durchschnittliche Energieverbrauch (energy expenditure EE) in kcal/min bestimmt.

Ergebnisse


Reinigungs- und Sterikräfte verbrauchten im Median mehr Kalorien (4,4985 kcal/min) als Physiotherapeutinnen (3,278 kcal/min), Pflegekräfte (3,515 kcal/min) und Ärztinnen (2,6385 kcal/min). Bei den Arbeiten am PC, im Labor und der ärztliche Untersuchung wurde ein EE [Range] von 2,549 [2,279-2,552] kcal/min ermittelt. Pflegerische Arbeiten 3,183 [2,804-3,4185], physiotherapeutische Maßnahmen 3,642 [3,479-3,677] und einfache Reinigungs- und Hebearbeiten 3,534[2,68-3,959] kcal/min zählten zu den leichten Tätigkeiten. Das Heben von Kisten bis 20kg 4,123 [4,055-4,312] und feuchtes Wischen des Bodens 4,585 [4,34-4,6845] kcal/min war eine moderat anstrengend Tätigkeit. Die mehrheitlich von Reinigungs- und Sterikräften durchgeführt Arbeiten wie rasches Staubsaugen, Reinigen der Nasszelle unter Zwangshaltungen und Hubwagen ziehen/schieben sind mit 6,2 [4,913-8,243] kcal/min schwere körperliche Tätigkeiten.

Schlussfolgerungen


Die Messung des Energieverbrauches bei weiblichen Mitarbeitern im Krankenhaus identifiziert Tätigkeiten von leichter, mittlerer und schwerer (Muskel)-Arbeit. Das Anforderungsprofil beinhaltet mehrheitlich leichte und moderate Tätigkeiten, zeigt aber insbesondere beim Reinigungs- und Steri-Personal schwere körperliche Arbeiten.

Frau Dr.med. Ulrike Brückner, MPH

Institut und Poloklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der Justus-Liebig Universität Gießen am UKGM

Wie anstrengend ist die Arbeit in der Gesundheitsbranche für Frauen? (Ines L. Giesser, Sandra Laux, Ulrike Brückner, MPH, Stephanie Schneider–Lauteren, Joachim Schneider)
Abstract:

Zielsetzung



Ermittlung der körperlichen Beanspruchung bei weiblichen Krankenhausbeschäftigten

Methoden



35 Frauen (Median 46 Jahre) aus 3 Berufsgruppen eines Universitätsklinikums wurden bei berufstypischen Tätigkeiten untersucht: 17 Frauen aus der Patientenbetreuung: 3 Ärztinnen, 11 Physiotherapeutinnen (KG), 3 Krankenschwestern; 18 Frauen aus der Versorgung: 9 Reinigung, 3 Zentralsterilisation (ZS), 1 Werkstatt, 3 Apotheke, 2 Labor.
Das Maximal- und Ausdauer-Leistungsvermögen wurde durch standardisierte Spiroergometrie ermittelt. Mit mobiler Spiroergometrie wurden bei typischen Tätigkeiten am Arbeitsplatz die Sauerstoff-Aufnahme, Herzrate, Atemfrequenz und Ventilation gemessen und mit der individuellen Leistungsfähigkeit verglichen. Die subjektive Belastung wurde über die BORG-Skala erfragt.

Ergebnisse



Die in der Spiroergometrie ermittelte Soll-Leistung lag bei 132 W. Diese wurde von den Mitarbeiterinnen der Werkstatt und Apotheke erreicht. Ärztinnen, KG und MTA lagen darüber (158 W); Reinigungskräfte, Krankenschwestern und Beschäftigte der ZS darunter (105 W). Am Arbeitsplatz sind Reinigungskräfte und Beschäftigte der ZS durchschnittlich mit 67% des max. Leistungsvermögens belastet. Spitzenbelastungen treten beim Reinigen der Treppe (97%) und dem Transport von OP-Kisten (83%) auf. Krankenschwestern und Apothekenhelferinnen erreichen 43% ihrer Belastbarkeit mit Spitzenwerten beim Kistenheben (60%), bzw. Bettenschieben (56%). MTAs und Ärztinnen erbringen im Mittel 35% ihrer max. Leistung, mit der höchsten Belastung beim Treppensteigen (47%). In der Werkstatt sind 78% der Leistung gefordert, mit Höchstwerten bei der Arbeit am Hubwagen (118%). Nach der BORG-Skala (Wert) sind die Arbeiten in der ZS extrem schwer (10), in der Werkstatt sehr schwer (7), in der Pflege-, Labor und Reinigung schwer (5 bzw. 6). Ärztinnen schätzten die körperliche Beanspruchung als sehr schwach (1) ein.

Schlussfolgerungen



Berufe aus der Grundversorgung haben eine hohe Beanspruchung mit temporären Tätigkeiten an der max. Leistungsgrenze. Bei einigen Tätigkeiten fühlen sich Reinigungskräfte bis an die körperliche Grenze beansprucht, Mitarbeiter der Apotheke und der ZS sogar darüber hinaus.

Frau Ines L. Giesser

Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der Justus-Liebig Universität Gießen am UKGM

Thursday
08 Mär 2018
11:45 - 13:00

Gesundheitswesen

Arbeit im Gesundheitswesen 2
Room: Hörsaal 6
Chairman 1: Joachim Schneider | Chairman 2: Annegret Schöller
Studie zu Gewalt- und Aggressionsübergriffen in Pflege- und Betreuungsberufen (Anja Schablon, Susanne Steinke, Dana Wendeler, Albert Nienhaus)
Abstract:
Ziel: Aggressive Übergriffe im Gesundheitswesen und der Wohlfahrtspflege durch Patienten oder Klienten gegenüber Beschäftigten gehören für viele zum beruflichen Alltag. Ziel des Surveys war die Häufigkeit und Art der Gewalt sowie den Umgang mit aggressiven Verhaltensweisen und Übergriffen gegenüber Pflege- und Betreuungspersonal in der Behindertenhilfe, stationärer und ambulanter Altenpflege sowie Krankenhäusern zu untersuchen.

Methode: Die Querschnittsstudie wurde 2017 durchgeführt. Aus BGW-versicherten Betrieben wurde aus vier Bundesländern eine 10%-Zufallsstichprobe gezogen. Insgesamt nahmen 81 Betriebe mit 4.852 Beschäftigten an der Befragung teil. Befragt wurden Mitarbeiter mit Kontakt zu Patienten und Klienten. Der Erhebungsbogen umfasste soziodemografische Angaben, Fragen zur Häufigkeit von körperlicher und verbaler Gewalt, Art und Ziel der Gewalt, Konsequenzen, den Umgang mit Gewaltübergriffen und Angeboten in den Einrichtungen sowie dem Belastungsempfinden und dem Gesundheitszustand der Mitarbeiter.

Ergebnisse: 1.984 Beschäftigte nahmen an der Studie teil. Der Rücklauf lag bei 40,9%. Die Ergebnisse zeigten, dass 95% der Beschäftigten in den vergangenen 12 Monaten verbale und 70% körperliche Gewalt erlebt haben. Gewaltübergriffe kamen am häufigsten in Krankenhäusern und in Wohnbereichen der Behindertenhilfe vor. Es handelte sich überwiegend um Beschimpfungen, Kneifen und Kratzen, Schläge oder Bedrohungen. Die Betroffenen reagierten mit Ärger, Hilflosigkeit oder Enttäuschung. Als Konsequenz sind sie vorsichtiger, angespannter oder haben weniger Spaß an der Interaktion mit den Patienten bzw. Klienten. Ein Deeskalationstraining wirkte sich schützend auf die Häufigkeit von erlebter körperlicher und verbaler Gewalt aus (OR 0,6) und (OR 0,5). Einflussfaktoren für körperliche Gewalt sind die Arbeit in Assistenzberufen (OR 1,6) und sozialen Berufen (OR 2,0). Rund ein Drittel der Beschäftigten fühlte sich durch die Vorfälle hoch belastet. Eine gute Vorbereitung durch die Einrichtung w